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Der heimliche Kampf

Michael Corvin: Der heimliche Kampf - Kapitel 3
Quellenangabe
authorMichael Corvin
titleDer heimliche Kampf
publisherWegweiser-Verlag G. m. b. H.
yearo.J.
firstpub1930
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20181125
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Während Esther Raleigh die Landschaft in der kalten Februarsonne gleich einem sich aufrollenden, sauber gefelderten Teppich unter sich sah und dem gedämpften Geheul der Maschine lauschte, telefonierte Dr. Mersheim mit Ministerialrat Dongen. Er benachrichtigte ihn von der Abfahrt der Korrespondentin, in deren Geschicklichkeit er alles Vertrauen setze. Dongen teilte ihm mit, daß er bereits nach London geschrieben habe und man drüben im Bilde sein werde, wenn Fräulein Raleigh sich auf der Botschaft vorstelle. Er verabredete noch, sich mit dem Chefredakteur am Abend im Klub zu treffen, damit schien die nicht sehr wesentliche Unterhaltung beendet zu sein.

Als Burg gegen zehn Uhr abends in die Redaktion kam, meinte er nur ganz beiläufig zu Fräulein Cohn, daß ihre Freundin nun schon in Amsterdam herumbummle. Sie sah ihn ernst und nicht sehr belustigt an, er blinzelte einen Augenblick verlegen und ging rasch in sein Zimmer. Er wußte, daß seine Sekretärin unbedingt zuverlässig war, und daß sie es auch in dieser Angelegenheit, deren Gewicht sie als einzige außer Mersheim und ihm im Haus ahnte oder kannte, sein würde. Aber darüber hinaus war wohl nur ihm ganz klar, wohin der Weg führen konnte, zu dessen erstem Schritt er Esther gestern verholfen hatte. Es mußte nicht dazu kommen, der Journalist, der Reporter hat nun einmal eine Tätigkeit, die ihn zwingt, neugierig zu sein und aus der Indiskretion einen Beruf zu machen – aber er, Siegfried Burg, kannte die Verlockungen genau, die am Wege lauerten. Er war nicht sentimental und machte sich kaum Illusionen über die Möglichkeiten der Menschen oder das, was sie Glück nannten. Er hatte es auch verlernt, das Schicksal überlisten zu wollen. Das Verhängnis kümmerte sich verdammt wenig um kluge Spekulationen: wenn es Esther Raleigh bestimmt war, gute Gesellschaftsberichte zu verfassen – so war die weitere Entwicklung weder sein Verdienst noch seine Schuld.

Die Rotationsmaschinen begannen zu rasseln, daß der Boden bebte und mitschwang wie das Deck eines Dampfers; es waren nur Romanbeilagen oder Inserate, was da unten um diese Zeit gedruckt wurde. Aber der Rhythmus der Maschine war derselbe, ob Feuilleton oder große Politik, er durchzitterte das ganze Haus und machte alle Menschen in ihm vibrieren. Burg durchflog die eingelaufenen Briefe und Telegramme, rief nach der Sekretärin, brüllte zwischendurch ins Telefon, gab herbeigeklingelten Redakteuren Anweisungen, begann, wie jeden Tag, zu schwitzen und in Rotglut zu kommen. Und während Mersheim mit Dongen konferierte und kleine, wichtige Informationen für den nächsten Leitartikel erhielt, stöhnte und fauchte Burg und gab das Tempo in der Redaktion an, um das nächste Morgenblatt neu, sensationell, wichtig zu machen.

Die Ferndrucker tackten ununterbrochen, endlose Papierschlangen krochen aus den schmalen Schlitzen an den Seiten: WTB. meldet … Es roch nach Leim, Scheren klirrten in den Zimmern, Schreibmaschinen klapperten, schwarz auf weiß, schwarz auf weiß, Buchstaben, Zeilen, Sätze – es reihte sich aneinander, wurde gesetzt und gegossen – wie alle anderen hatte auch Burg jetzt keine Zeit, an das kleine Rad zu denken, das unbemerkt im Betrieb fehlte, das kleine Rad Esther Raleigh, das unbekannten Zielen entgegenrollte.

Vorläufig freilich war sie nach einem Spaziergang in der fremden, kanaldurchzogenen Stadt in einem Café gelandet und hörte den Tönen der rauhen, holprig schnellen Sprache zu. Immer, wenn sie glaubte, den Sinn eines Wortes begriffen zu haben, fielen zahllose unverständliche Kehllaute darüber her. Dagegen vermochte sie, wenn auch mit einiger Mühe, den Inhalt einer Zeitung zu enträtseln. Esther war in ein Hotel gegangen, das man ihr auf dem Flugplatz empfohlen hatte. In ihrem Zimmer war es blendend sauber, voll kindlicher Freude packte sie ihr Necessaire aus und brachte es in dem anschließenden Bad unter. Sie blieb bis gegen elf Uhr abends in dem Café und hörte der Musik zu, die aus einem Nebenraum drang. Dann ging sie nach Hause, wenn man ein Hotel, in dem man eine Nacht bleibt, ein Zuhause nennen kann. Sie konnte es sich nicht versagen, beim Baden in den großen Spiegel zu sehen, der gegenüber der eingelassenen Wanne angebracht war, und ihre Kritik schien zur Zufriedenheit auszufallen: als sie aus der Wanne herauskam, führte sie einen kleinen Indianertanz auf, ehe sie daran dachte, daß sie eine erwachsene junge Dame sei, die man in wichtiger Mission nach London geschickt hatte.

Sie dachte an die Redaktion und an ihren alten Freund Burg, der sicher wieder in seiner »Höhle« tobte, und an Fräulein Cohn, die bei allzu lauten Ausbrüchen des Alten nur aufstand und die halboffene Tür zuzog, woraufhin Burg sofort still wurde und sich ein wenig schämte. Sie trat ganz dicht an den Spiegel und sah sich forschend in die Augen und auf die schmale weiße Stirn – was steckte alles dahinter? Sie streckte sich, wieder übermütig geworden, die Zunge heraus und sprang in das Zimmer hinüber und dann mit einem Satz in das große weiße Metallbett, daß die Spiralfedern sangen! Knacks, sie drehte das Licht aus und lag im Dunkeln mit weit offenen Augen. Die Vorhänge an den beiden Fenstern ließen einen matten Lampenschimmer von draußen herein, ganz leise surrten unten Autos – sie schlief leicht und rasch ein.

Am nächsten Morgen weckte sie das leichte Klopfen des Hausmädchens, es war schon neun Uhr und die höchste Zeit, sich fertigzumachen. Als sie nach der Toilette die Vorhänge zurückzog, lag die Straße vor ihr in eine weiße Decke gehüllt da. Mitten in der Nacht hatte das Wetter sich geändert, dichter Schnee bedeckte den Boden. Dazu schien eine helle kalte Sonne, das wundervollste Reisewetter! Leise vor sich hinsingend, beendete Esther die letzten Vorbereitungen, schloß ihre Koffer, packte zärtlich das funkelnde Necessaire ein und klingelte dem Hausdiener. Die Rechnung war beglichen, der kleine Wagen fuhr mit einer Hupe, die wie Vogelzwitschern klang, durch die Straßen; nun kam freies Feld – Schuppen, der Flugplatz.

Dort war schon alles in Bewegung. Die Startbahn wurde gefegt, und ein schmaler Weg für die Fluggäste führte durch das Vorfeld zum Flugzeug. Eben öffnete sich einer der Hangars, und der große Vogel rollte langsam an seinen Platz. Es gab noch einen kleinen Aufenthalt, man ließ die Motoren kurz Probe laufen, es heulte scharf und immer gellender, dann drosselte der Pilot den Motor, und ebenso schnell senkte sich der Ton, bis man ein flirrendes Rad und später die kreisenden Flügel der Schraube deutlich sah.

Nun durften die Passagiere einsteigen, eine höfliche Kontrolle fand statt; Esther ließ sich in den altvertrauten Sitz sinken, als kenne sie kein anderes Beförderungsmittel mehr. Das Startsignal wurde gegeben, die Propeller begannen wieder zu singen. Einige Minuten danach fuhren sie mit mehr als doppelter Schnellzugsgeschwindigkeit nach der englischen Hauptstadt.

Vor Esthers Augen entfaltete sich ein sonderbares Bild, als sie zum Kanal kamen. Der Kontinent lag in tiefem Schnee, eingepackt wie in Watte, so daß alle Konturen unscharf wurden und von hier oben die Erde uninteressant und ganz gleichförmig aussah. Dann kam das Meer, teils dunkel, andere Stellen wiederum spiegelnd und glitzernd. Ganz in der Ferne rückte die englische Küste näher, dort schien kein Schnee zu liegen, aber seine Schleier behinderten die Sicht. Als sie über dem Lande schwebten, zogen diese Schwaden, zugleich an Dichte zunehmend, über die Landschaft, die sich aus dieser Perspektive wenig von den deutschen und holländischen Bildern unterschied.

Es schien Esther, daß die Maschine schneller flöge, und in der Tat versuchte der Pilot, mit größtmöglicher Geschwindigkeit den Flugplatz Croyden zu erreichen, da die Nebelbildung immer stärker wurde. Als sie sich herabsenkten, waren bereits die außerordentlich starken Leuchtfeuer entzündet, obgleich es Vormittag war, und beim Aussteigen schlug Esther eine feuchte, unangenehme Luft entgegen. Das also war England – nun, es präsentierte sich nicht eben bestrickend; aber das lag schließlich an höheren Gewalten. Sie beschloß, in dem Geburtsland ihres Vaters ganz vorurteilslos zu bleiben, und bestieg das Auto, das sie nach der Stadt bringen sollte.

Auch hier waren die Formalitäten kurz und bequem erledigt, die Chaussee glitt unwirklich in dem immer dichteren Nebel vorbei. Als Esther vor dem Gebäude der Imperial Airway abgesetzt wurde und, nach einer vorläufigen Abgabe ihrer Koffer, allein auf die Straße trat, hatte sie das Gefühl, ein Traum begänne. Der Pförtner warnte sie vergebens vor der Realität dieses Traumes, der ein echter Londoner Erbsensuppennebel zu werden drohe – aber sie war entschlossen, sofort in die Riesenstadt hineinzutauchen, sie vertraute ihrer Schwimmfähigkeit.

Es war eine phantastische Szenerie, die sich vor ihren Blicken aufbaute. Der Dunst verschleierte jetzt die Straßen derart, daß nach zwei, drei Metern alles Gegenständliche sich in zerfließende Schatten auflöste und spukhaft wurde. Unaufhörlich tuteten und schnarrten die Signale der Autos, an allen Ecken brannten große Kandelaber, Pech- und Magnesiumfackeln waren zitternde rote und weiße Kreise in dem gelblichen Nebel. Alles war feucht, von einer häßlichen, klebrigen Feuchtigkeit, die an Verwesung denken ließ. Die Menschen, die auf den Straßen sein mußten – und andere sah man jetzt sicher nicht! –, tasteten sich weiter, die Pferde gingen vorsichtig auf dem glitschigen Boden, das Tempo des Lebens war mit einem Schlage in der Siebenmillionenstadt auf vier Kilometer in der Stunde gesunken.

Esther schritt mit einem Gefühl vorwärts, als erwarte sie an jeder nächsten, vernebelten Ecke das Einhorn auftauchen zu sehen. Statt dessen bemerkte sie sehr bald, daß es seine Gefahren hatte, bei Nebel aufs Geratewohl in London spazierenzugehen. Einmal fand sie sich, mit einem heftigen Schlag gegen den Magen, an einem Geländer, das sie davor bewahrt hatte, flott in die Themse zu treten. Sie sah, herabblickend, nur eine ölig graue Mauer, unten war Nebel, durch den man das trübe Wasser ahnte.

Sie erkannte, daß sie versuchen müsse, sich so rasch wie möglich zu unterrichten, wo sie sich eigentlich befand, und steuerte vorsichtig rückwärts. Nach einer Viertelstunde hatte sie glücklich einen Bobby, einen riesenhaften Verkehrsschutzmann gefunden, der über die exzentrische junge Dame erstaunt war, ihr aber bereitwillig Auskunft gab, wie sie am besten ins Savoy-Hotel gelangen könne. Er schlug ihr vor, ein Taxi zu nehmen, das sie zwar langsam, aber immerhin sicherer als ihre eigenen Beine hinbringen würde. Er pfiff einem Wagen, sie hatte Glück, dort war eine leere Droschke; sie dankte dem Schutzmann und gab dem Chauffeur die Adresse des Hotels. Die Fahrt war unendlich langsam, sie krochen förmlich weiter, immer hupend und umtönt von dem Geschrei und Gebell der anderen Wagen. Nach einer halben Stunde waren die wenigen hundert Meter glücklich zurückgelegt, und Esther stand in der Halle des eleganten und etwas aufdringlich pompösen Hotels.

Man sah am Stil des Hauses, daß man hier auf Amerikaner rechnete. Sie wurde erst etwas geringschätzig empfangen, als sie aber ihre Wünsche äußerte, ihre Gepäckscheine abgab und ein Zimmer mit besonderem Bad in bester Lage verlangte, stieg die Höflichkeit der Hotelbediensteten bedeutend. Sie fühlte sich nicht sehr wohl in dieser Atmosphäre, die verdächtig snobbistisch roch; aber sie erinnerte sich an die strikte Anordnung des alten Burg, im Savoy, dem bekanntesten Hotel, abzusteigen; es fördere ihre Aussichten auf Erfolg, außerdem müsse sie als Abgesandte der »Welt« im teuersten Hause wohnen.

Sie fügte sich also, wählte ihr Zimmer mit Bedacht, da es ja einige Zeit ihre Wohnung werden sollte, und fand im ersten Stock, in einem Seitenflügel, der ruhiger war als der Hauptteil mit den großen Appartements, ein schönes, ein wenig zu üppig eingerichtetes Zimmer. Es war zwar schon etwas spät zum Luncheon: aber sie verspürte einen kräftigen Hunger nach Flug und Nebelwanderung. Ihre Koffer kamen, der große Schrankkoffer sei allerdings erst gegen Abend zu erwarten, wie ihr mitgeteilt wurde. Sie ging in die Halle und in das Restaurant, um nach englischer Sitte reichhaltig zu frühstücken.

Erst nach dem Essen rief sie bei Dr. Linden an, der schon von Burg aus Berlin beim gestrigen Abendtelefonat von der bevorstehenden Ankunft seiner Kollegin gehört hatte und sofort seine Aufwartung im Hotel machen wollte. Sie bestellte ihn auf vier Uhr, dann könne man gleich gemeinsam die Hauptmahlzeit einnehmen, und dabei würde er ihr zwanglos ein bißchen von den Dingen hier erzählen. Er willigte ein, seine Stimme klang ihr nicht unsympathisch; es wäre schon angenehm, wenn der Mann, mit dem sie hier, zumindest geschäftlich, am meisten zu tun haben würde, eine freundliche Überraschung wäre.

Als sie von der Telefonzelle – sie hatte unten im Saal gesprochen – zurückkam und sich noch einen Augenblick an ihren Tisch setzte, fühlte sie beim Durchschreiten des Raumes einen Blick auf sich ruhen. Erst als sie saß, betrachtete sie die Menschen an den anderen Tischen genauer, und als sie dabei einen jungen Mann mit auffallend blondem Haar ansah, nickte ihr der Fremde kaum merklich zu. Sofort blickte sie, fremd und etwas hochmütig, durch ihn hindurch. Er hatte einen Tisch allein, wie sie, sein Aussehen, etwas zu elegant und gepflegt, deutete im Verein mit dem Schnitt seines Gesichts darauf, daß er Amerikaner sei. Er schien im Hotel zu wohnen, denn als er den Kellner rief, sagte er ihm nur ein Wort, wohl die Nummer seines Zimmers, und erhob sich. Sie sah schnell nach einer anderen Richtung, da sie mit Recht annahm, er werde in diesem Moment zu ihr hinsehen.

Der Fremde ging zur Halle, und plötzlich verspürte Esther den unbezwinglichen Drang, ihm nachzugehen, um festzustellen, wer dieser Mann sei. Sie stand auf, informierte den Kellner und schlenkerte langsam in die Halle. Der Unbekannte sprach mit dem Portier, dem er, als Esther eintrat, gerade ein Papier gab, und verschwand dann im Lift. Als sie vorbeikam, grüßte der Pförtner und meldete ihr, daß Post für sie da sei. Esther war erstaunt, der Portier gab ihr ein schmales Kuvert, in dem, wie sie rasch feststellte, eine Visitenkarte lag. Auf ihrem Zimmer las sie die Karte: Mister James S. Hardley aus New York bat um die Erlaubnis, sich ihr vorstellen zu dürfen.

Esther war einen Augenblick lang unsicher. Wer war Herr Hardley? Er hatte ihren Namen aus der Hotelliste erfahren, er kannte also auch ihren Beruf und ihre Auftraggeber. Was konnte er wollen? Zuerst war sie geneigt, über sich selbst zu lachen; lieber Gott, war es so auffallend, daß ein junger Mann eine junge Dame kennenzulernen suchte, die nicht allzu häßlich war? Und der Weg? Es blieb ihm ja kaum ein anderer übrig als der, den er hier einschlug. Dann aber wurde sie stutzig, und zweierlei fiel ihr auf.

Dieser Herr Hardley mußte sich bereits vor dem Essen nach ihr erkundigt haben; da er von dem Kellner, der sie ja nicht kannte, keine Auskunft erwarten konnte. Als sie in den Speisesaal getreten war, erinnerte sie sich, ihn schon an seinem Tisch sitzen gesehen zu haben, er konnte also auch nicht unmittelbar vor dem Betreten des Saales den Portier ausgefragt haben. Sie dachte einen Moment nach. Aus der Hotelliste und ihrer Eintragung war unschwer Name und Beruf zu erfahren, auch die Zimmernummer konnte man leicht feststellen. Blieb noch das Äußere. Hier waren sowohl der Portier als auch die Bediensteten des Flures, in dem sie wohnte, fähig, Auskünfte zu geben.

Als sie so weit mit ihrer Überlegung gekommen war, glaubte sie folgern zu können, daß Herrn Hardleys Aufmerksamkeit bestimmt weniger ihrer Person als ihrem Beruf gelte. Esther schloß einige Sekunden die Augen, um sich über ihre Entschlüsse klar zu werden. Es schien ihr, daß mit diesem Augenblick die Geschichte ihres Hierseins begann, ein Gesicht zu bekommen. Es lag ja nicht in ihrem Plan, unbekannt und einsam zu bleiben, sie mußte im Gegenteil mit Bestimmtheit auftreten, um sich durchzusetzen und neben der offiziellen Aufgabe, die sie nach London geführt hatte, ihre geheime Mission zu einem erfolgreichen Ende zu führen.

Sie würde Mr. Hardley selbstverständlich empfangen, um seine Wünsche anzuhören. War er ein Feind – wie er dazu kommen sollte, es zu sein, war allerdings rätselhaft –, so mußte sie erst recht Wert darauf legen, ihn von Angesicht zu Angesicht zu kennen; auch wenn sie nicht über Burgs Menschenkenntnis verfügte. Die Karte, die sie immer noch in der Hand hielt, bot keine Anhaltspunkte. Es war ein dünnes, matt elfenbeinfarbenes, lithographiertes Blatt ohne jeden persönlichen Geschmack. Auf der Rückseite hatte Mister Hardley noch angefragt, ob ihr als Zeit fünf Uhr passe, er würde im Teesalon einen Tisch reservieren lassen.

Esther legte die Karte in ihre Tasche und fing dann an, ihre Koffer auszupacken. Es nahm einige Zeit in Anspruch, alle Gegenstände richtig unterzubringen, und als sie nach getaner Arbeit daran ging, sich für das Diner umzuziehen, sah sie auf ihrer Uhr, daß es bereits kurz vor halb vier war.

Pünktlich um vier surrte ihr Telefon, der Portier fragte an, ob ihr der Besuch des Herrn Dr. Linden angenehm sei. Sie bat, den Herrn zu ihr zu führen, und zwei Minuten später klopfte der Londoner Vertreter der »Welt« an ihre Tür. Dr. Linden war ein großer, schlanker Mann, der etwa fünfunddreißig oder vierzig Jahre alt sein mochte. Das glatt zurückgestrichene Haar ließ eine hohe, aber nicht allzu bedeutend erscheinende Stirn frei, die Augen waren hinter spiegelnden Brillengläsern versteckt. Während er sich verbeugte und ins Zimmer trat, bemerkte sie einen angenehmen, aber etwas weichen Mund und hatte dann, als sie ihn noch für einige Minuten zum Sitzen einlud, Gelegenheit, seine Hände zu betrachten. Es waren sonderbare Hände, und zwar deshalb, weil sie in keiner Beziehung zu dem hageren Mann mit dem Intellektuellengesicht zu passen schienen. Die Hände waren grobknochig, mit langen, aber starken Fingern, auf jedem Glied saß eine kleine Insel brauner Haare. Die Kuppen der Finger zeigten eine abgeplattete Form, die noch von den spatenförmigen Nägeln unterstrichen wurde. Esther Raleigh fand diese Hände abscheulich, der Mann, der ihr da gegenübersaß, war eine unharmonische Mischung: sah er nicht aus wie ein Bauernsohn, der ins Geistige hinein verkümmert war?

Linden schien den zwiespältigen Andruck, den er machte, nicht zu empfinden. Er war lebhaft, hatte Esther mit ehrlich erstaunten und begeisterten Augen gemustert und bemühte sich im Augenblick, ihr mit fünf Worten einen Begriff von England zu geben. Sie lächelte ihn nur an: wie lange er schon hier sei? Als er erzählte, man habe ihn vor zwei Jahren hergeschickt, fragte sie, ob er denn das Land schon so genau kenne. Er nahm ihre kleine Bosheit nicht tragisch, sie lachten und gingen hinunter, obwohl Esther erklärte, nach dem Lunch vor zwei Stunden werde es ihr einigermaßen schwerfallen, jetzt richtig zu essen.

Als sie an einem kleinen Tisch Platz genommen hatten, sah Esther, die mit dem Rücken zum Hauptraum saß, in einem Spiegel ihr gegenüber Mister Hardley. Er hatte sie noch nicht bemerkt. Neben ihm lag ein Mann halb auf seinem Stuhl, der sie im ersten Augenblick an Burg erinnerte. Eine unförmige Masse, schade, daß sie so, im verzerrenden Spiegel, das Gesicht nicht erkennen konnte!

Sie blickte, ohne daß es Dr. Linden auffiel, während des Essens noch mehrfach zu Hardleys Tisch hin. Das Gespräch drüben war offenbar angeregter als das ihre mit Dr. Linden. Der dicke Mann hatte sich ein paarmal in seiner ganzen Massigkeit aufgerichtet und schien Hardley irgendwie zu bedrängen. Hardley wiederum wehrte ab und sah sich wiederholt um, als fürchte er Lauscher. Als er kurz darauf beim Umherblicken Esther gesehen und erkannt hatte, wurde das Gespräch mit dem umfangreichen Fremden gemäßigter – was Esther ziemlich mißtrauisch machte.

Dr. Linden hatte ihr indessen vorgeschlagen, am nächsten Vormittag, wenn der Nebel sich verzogen haben würde, in sein Büro zu kommen, das ihr selbstverständlich stets zur Verfügung stände. Besonders wenn sie nach Berlin telefonieren wolle, sei es angenehmer und billiger, da er ein Pressetelefon habe. Morgen könne man dann auch über die gesellschaftlichen Ereignisse der nächsten Zeit sprechen, die Fräulein Raleigh ja sicher besuchen wolle. Er selbst sei gut eingeführt, wenn auch seine Beziehungen im wesentlichen politischer und journalistischer Art seien.

Esther sah nach ihrer Uhr, was Dr. Linden als Aufbruchszeichen auffaßte. Er verabschiedete sich, während sie noch sitzen blieb, um dann zur verabredeten Zeit, an der noch eine Viertelstunde fehlte, in den Teeraum zu gehen. Sie sah Dr. Linden nach, wie er, etwas linkisch und befangen, durch den Saal zur Halle schritt; dann wechselte sie ihren Platz, so daß sie nun gerade und ohne Schwierigkeit den Tisch Hardleys überschauen konnte.

Man schien dort am Ende des Gesprächs angelangt zu sein. Der dicke Mann hatte sich zurückgelehnt und eine Zigarre entzündet. Er blies den Rauch andächtig in Ringen empor, Esther auch hierdurch an ihren alten Freund Burg gemahnend. Hardley, dessen Gesicht sie nur im Profil sah, rauchte eine Zigarette, die er zu oft am Aschenbecher abstreifte. Er stieß den Rauch hastig aus und spielte dazwischen mit der Zunge im Munde, wie jemand, der einen Ärger zerkauen und hinunterschlucken möchte. Der andere sah gleichgültig vor sich hin, nur hin und wieder glaubte Esther einen schnellen, scharfen Blick aus den kleinen Augen zu entdecken, die seitwärts huschten und Hardley musterten.

Plötzlich sah der dicke Mann zu ihr hinüber, so jäh und forschend, daß sie ihr Erschrecken kaum verbergen konnte, während sie ihn so unbefangen wie möglich ansah. Das waren andere Augen als die Siegfried Burgs! Der alte Burg konnte noch so sehr über seinen Mangel an Sentimentalität spotten, seine Augen waren zu menschlich, um ihm restlos recht zu geben. Aber der da drüben hatte Augen von einer unheimlichen Eisigkeit. Sein Blick war ganz kalt und hart, die kleinen Schlitze waren wie die Mündungen gefährlicher Waffen.

Er hatte nach einem sekundenlangen Starren wieder seinem Rauch nachgesehen, als beschäftige ihn das Problem des Ringeblasens unendlich viel mehr als der Anblick einer fremden jungen Dame; aber Esther ließ sich nicht täuschen. Sie hatte keine Ahnung, wer der Mann war und was er für Interessen hatte – aber sie war auf ihrer Hut. Das Blut begann schneller in ihr zu kreisen, ihr Herz fing an, einen Takt zu klopfen, den sie später noch tausendmal hören und fühlen sollte, der ihr aber heute neu, ungewohnt und aufregend war. Das Spiel hatte begonnen, das Spiel mit einem unbekannten Gegner, dem sie ganz allein, die einundzwanzigjährige Esther Raleigh in der fremden Stadt, welche die Heimatstadt ihres Vaters gewesen war, gewachsen sein sollte.

Der dicke Mann erhob sich stöhnend und verließ in Begleitung Hardleys den Speisesaal. Esther wartete noch fünf lange Minuten. Dann stand sie auf und ging in den Teesalon, um Herrn Hardleys Wünsche und Fragen anzuhören.

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