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Der heimliche Kampf

Michael Corvin: Der heimliche Kampf - Kapitel 2
Quellenangabe
authorMichael Corvin
titleDer heimliche Kampf
publisherWegweiser-Verlag G. m. b. H.
yearo.J.
firstpub1930
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20181125
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Die Telefondame des Rehmhardt-Verlages drückte die Summertaste zum Zimmer sieben herab, der Chefredakteur Dr. Mersheim verlangte Fräulein Raleigh dringend. Gleichzeitig kamen Blinkzeichen aus anderen Räumen des Hauses, und zwei der Außenleitungen schnurrten zudringlich auf. In der Telefonzentrale gab es vom frühesten Morgen bis gegen ein Uhr nachts keine Pause. Die »Welt« und das »Neue Blatt«, die großen Tageszeitungen des alten Rehmhardt, wurden unablässig mit einem Hagel von Gesprächen überschüttet. Redaktion, Annoncenbüro, Verlag, Werbedienst – tausend Telefonate innerhalb des Gebäudes; die sechs Mädchen, die einander im Fernsprechdienst ablösten, hatten keine Minute Ruhe. Der Einbau der neuen automatischen Selbstverbindungsschränke würde die Arbeit sehr erleichtern, aber einstweilen war davon noch keine Rede, man liebte bei Rehmhardt, dessen Hang zum Patriarchalischen bekannt war, keine allzu hastigen Neuerungen.

Während das »Neue Blatt« einen mehr lokalen Anstrich hatte – seine Auflagenziffer war der Stolz des Verlages –, stellte die »Welt« das maßgebende liberale Organ der Hauptstadt und damit des Landes dar. Es hatte sich in den Jahren der Manchesterzeit Verdienste um den Freihandel und die Auslandsverbindungen erworben und späterhin, in und nach dem Kriege, eine fortschrittlich bürgerliche Politik verfolgt, die es oft in scharfen Gegensatz zu den Meinungen und Wünschen der Regierung gebracht hatte. Der Chefredakteur Dr. Mersheim war seit mehr als einem Menschenalter im Verlag tätig und leitete die »Welt« nun schon zwanzig Jahre lang.

Die Personalfrage, die in einer Tageszeitung stets von größter Wichtigkeit ist, unterstand dem alten Burg, einem Menschen von fast genialer Beurteilungsfähigkeit. Es genügte ihm, mit einem Bewerber eine Viertelstunde lang zu reden, um sich – unbeschadet der guten oder schlechten vorhandenen Zeugnisse und Referenzen – vollkommen klar über ihn zu sein und Engagements abzulehnen oder zu unterschreiben. Zu ihm war vor etwa vier Wochen eine junge Dame gekommen, die sich als Esther Raleigh, Studentin der Philosophie, vorstellte. Sie hatte starkes Interesse für Politik und Wirtschaftsfragen, ohne eingehende Kenntnisse auf beiden Gebieten zu besitzen; aber die kurze Unterhaltung endete damit, daß Burg ihr sagte, sie könne am nächsten Tage anfangen, ihr Zimmer sei das gerade vakante Nr. 7; ihre Aufgabe sei es vorläufig, sich den Betrieb anzusehen, draußen herumzuspazieren, möglichst alle Zeitungen zu lesen und ihm Vorschläge für einzelne Recherchen zu machen. Fräulein Raleigh war strahlend einverstanden, und erst jetzt sah der alte Burg sie auf ihr allgemeines Aussehen hin an. Sie war schlank, hochgewachsen und mit klaren, braunen Augen unter einem Schopf fast schwarzer Haare. Ihr Alter, einundzwanzig Jahre, ließ erwarten, daß sie in wenigen Jahren eine auffallend schöne Frau sein würde. Burg hatte gelächelt, als sie hinausschritt, mit dem Versuch, würdig zu bleiben, und dabei in allen Gelenken vor Lebensfreude und Jugend vibrierend. Er war seiner Sache sicher.

Esther Raleigh stürzte sich mit der ganzen Vehemenz eines großen Kindes, das ein neues, wunderbar erregendes Spielzeug bekommen hat, in den Strom der Ereignisse. Alles war unbekannt, farbig und geheimnisvoll. Sie lernte den vielfältigen Betrieb eines Verlages genau kennen, wie sie meinte. Sie sah alles mit aufnahmebereiten Augen und Sinnen, die Redaktion, Setzerei, Gießerei und die rasselnden Ungeheuer der Rotationsmaschinen. Sie lernte begreifen, was Autotypien sind, Offsetdruck, Satzspiegel, Zwiebelfische und tausend Dinge, von denen sie keine Ahnung gehabt hatte. Ihre Kollegen und Kolleginnen waren freundlich, wenn auch erstaunt über ihre Freude an den altgewohnten Vorgängen, erklärten einiges, lachten über andere Fragen und behandelten sie bei alledem ein wenig als Eindringling.

Das galt vor allem für die politische Redaktion, der sie ja, wenn auch vorerst nur lose, angehörte. Die anderen im Hause beschäftigten Damen waren im Feuilleton, in den Frauenbeilagen, Kinderzeitungen und anderen unpolitischen Sparten des Unternehmens tätig. Sie als einzige sollte sich auf einem anderen Revier als fähig erweisen. Ihre engeren Kollegen bemühten sich anfangs, ihr zu zeigen, wie hoffnungslos es für eine Frau sei, Politik überhaupt zu verstehen; dann, als sie nach wenigen Tagen erkannte, daß es da gar keine Schwierigkeiten gab, meinten die anderen, das Theoretische, ja, darüber ließe sich vielleicht reden, aber in praxi –?

Zwei Wochen nach ihrem Antritt in den Verlag konnte sie stolz den ersten wirklichen Erfolg buchen. Es war ihr gelungen, eine wichtige Information zu erhalten und gleichzeitig ein Interview mit einem gerade in Berlin weilenden führenden englischen Politiker zu bekommen. Der alte Burg strahlte ebenso wie sie und triumphierte; seine Menschenkenntnis!

Von diesem Augenblick an war Esthers Stellung im Blatt gefestigt. Man begegnete ihr mit einem stillen, etwas neidischen Respekt, und sie fühlte ihre Kraft mit diesem Erfolg wachsen. Kühner und vor allem sicherer als vorher wagte sie sich selbständig vor, setzte sich mit Politikern, Referenten in den verschiedenen Ministerien, Persönlichkeiten der Industrie und Wirtschaft in Verbindung und lernte es, hier Zudringlichkeiten abzuwehren, dort Ablehnungen lächelnd einzustecken – und wiederzukommen. Sie merkte schon sehr bald, daß sie keinen leichten Beruf gewählt hatte. Man war mißtrauisch gegen politisierende Frauen, immer noch, trotz des Frauenstimmrechts und anderer neu eroberter Rechte. Besonders schwierig aber war es, sich als Rechercheur einer Zeitung durchzusetzen, wenn man eine junge Dame war.

Solche Experimente anzustellen gehörte nicht zu den Gewohnheiten der Redaktionen, aber Burg hatte Dr. Mersheim überzeugt oder ihm doch zumindest die Zusicherung abgerungen, den Versuch mit Fräulein Raleigh zu machen. Der Chefredakteur hatte bis jetzt, im Laufe von vier Wochen, seine neue Redakteurin erst zwei- oder dreimal kurz zu Gesicht bekommen. Er sah schneller als Burg auf die körperlichen Vorzüge einer Frau, und Esther war ihm angenehm aufgefallen. Die erste wirkliche Besprechung war nach dem Interview erfolgt, er mußte zugeben, daß sie anscheinend wirkliches Interesse und Begabung für ihre Tätigkeit mitbrachte. Heute früh war er von einem Freunde, Ministerialrat des Auswärtigen Amtes, angerufen und um einen Besuch gebeten worden. Er hatte mit dem anderen in einem kleinen Lokal in der Neuen Wilhelmstraße gefrühstückt und war soeben in die Redaktion gekommen, wo er sofort nach Fräulein Raleigh verlangte.

Seit etwa einer Stunde saß Esther, mit Telefonieren und Zeitunglesen beschäftigt, in ihrem Zimmer. Auf einem Notizblock hatte sie sich kurze Nennworte für Recherchen aufgeschrieben und hier und da beim Nachdenken Männchen gezeichnet, eine Leidenschaft, die noch aus Schulzeiten stammte. Sie war gerade dabei, eine sie interessierende Nachricht in der Vossischen Zeitung mit einer Zeichnung zu bedenken, als ihr Telefon surrte. Am anderen Ende der Leitung war Dr. Mersheim, der sie bat, gleich in sein Zimmer zu kommen. Esther sprang auf, lies die wenigen Schritte über den Gang – das Zimmer des Chefredakteurs befand sich im gleichen Stockwerk – und klopfte an. Auf Mersheims Ruf öffnete sie die Tür und stand in dem großen, kahlen Raum, in dem der Beherrscher des Blattes hauste.

Er saß hinter dem Schreibtisch, an dem er nie arbeitete. Denn zur Niederschrift seiner Leitartikel war ein altes Stehpult an der Wand da, dicht am Fenster, ein ganz schmuckloses Möbelstück, dessen geneigte Schreibplatte mit grünem Löschpapier bezogen war. Der Schreibtisch war ein reines Repräsentationsstück: hinter seiner Wucht und in dem hohen, geschnitzten Lederstuhl sitzend, wirkte Dr. Mersheim noch kleiner und zierlicher, als er in Wirklichkeit war. Er bat Fräulein Raleigh, ihm gegenüber in einem Sessel von betont bequemen Formen Platz zu nehmen, so daß ihr Gesicht voll im Licht lag, das ein trüber Februartag durch die Scheiben sandte.

Mersheim putzte lange und sorgfältig seine Brille, ehe er begann: »Liebes Fräulein Raleigh« – Esther horchte aus. Ihr Chef war nicht durch seine Liebenswürdigkeit, sondern durch eine etwas schneidige Kürze bekannt: was bedeutete diese sanfte Anrede? Indessen fuhr Mersheim, so, als wolle er ihr Zeit lassen, ihre Überlegungen anzustellen, nach einer Pause fort: »Es handelt sich um einen – nicht unwichtigen Auftrag, den ich Ihnen erteilen möchte. Wie mir Herr Burg sagte, beherrschen Sie ja das Englische ebenso wie Ihre Muttersprache, das ist nicht unwichtig, bei diesem – Unternehmen. Ich habe Nachrichten bekommen, die darauf schließen lassen, daß man von gewisser Seite in England versucht, über eine starke deutsche Wirtschaftsgruppe hier Einfluß zu bekommen.«

Esther hörte mit glänzenden Augen zu. Sie hatte noch keine Ahnung, was sie tun sollte, aber sie fühlte, daß es etwas anderes war als ihre bisherige Arbeit. Leute hier auszufragen, einmal ein Interview, pah, das war Alltagsgewäsch, bei dem es bestenfalls einmal amüsante Indiskretionen gab. Aber hier –? Vor ihren Augen stieg die Vision auf, daß sie, Esther Raleigh, in die ganz große Politik eindrang und Mittelpunkt wurde.

Mersheims Stimme riß sie aus ihren Träumereien. »Sie haben ja während Ihres Hierseins schon Gelegenheit gehabt, die deutschen wirtschaftspolitischen Verhältnisse näher kennenzulernen. Nun, die Engländer wollen mit einem Chemischen Trust hier gewisse ihrer Pläne durchsetzen, die ich für höchst gefährlich halte und gegen deren Verwirklichung ich mit aller Kraft eintreten werde. Drüben ist es die Gruppe der Montanindustriellen; die Bergherren einer technisch zurückgebliebenen Industrie wollen mit einem Sprung vorwärtskommen und durch rationelle Ausnutzung ihrer Nebenprodukte in England eine mit der unseren fest gekoppelte – vorläufig fest verbundene! – Industrie schaffen, mit der sie sich gegen die amerikanischen Vorstöße wehren können, die deutschen unwirksam machen und sich gleichzeitig auf die kommende Kampagne vorbereiten. Verstehen Sie das?«

Esther nickte. Sie glaubte zu verstehen, was Mersheim meinte. Die Engländer wollten mit einem geschickten Schachzug die Vorteile wahrnehmen, die ihnen ein deutsch-englisches Industriebündnis im vorliegenden Falle bot. War man erst so weit, dann konnte leicht eine Konstellation geschaffen werden, die Umstellungen – auch politische – notwendig machte. Und die Folge? Sie hörte weiter auf Mersheim.

»Ich will Ihnen noch einen Tip geben. Ich habe den Eindruck, daß dies alles auf ein bestimmtes Ziel gerichtet ist. Die englische Regierung scheint das Vorhaben ihrer Industriellen nicht ungern zu sehen, wie sie ja überhaupt seit dem Kriege recht zielbewußt daran arbeitet, sich hier – Operationsbasen zu schaffen. Aber das ist eine besondere Sache. Mich interessiert folgendes, und dazu sollen Sie nach London fahren: Wie weit sind die Dinge innerhalb der englischen Kohlenindustrie gediehen, das heißt, bestehen schon feste Vereinbarungen zwischen den einzelnen Kohlenbaronen über ihr Vorgehen? Zweitens: Ist eine Unterstützung der englischen Regierung nachzuweisen, und geht sie eventuell auf dem Wege durch das Parlament? Und schließlich: Verfolgen Sie genau die englische Presse, Sie werden bei unserem Vertreter drüben, Dr. Linden, erfahren, welche Persönlichkeiten die einzelnen Blätter in der Hand haben. Überhaupt wird Ihnen Linden sehr behilflich sein können.

Das Wichtigste ist, daß Sie nicht als politische Redakteurin nach London gehen. Sie werden von uns geschickt, um Gesellschaftsberichte zu geben. Ich lasse Ihnen genügend finanzielle Freiheit, gut aufzutreten. Ihr englischer Name wird auch gewisse Vorteile haben, die Sie verwerten müssen.« Dr. Mersheim erhob sich, und Esther folgte seinem Beispiel. »Es ist keine unwichtige Aufgabe, die ich Ihnen stelle, Fräulein Raleigh. Nicht nur wir, nicht ich allein habe ein Interesse daran, die erwähnten Beziehungen aufzudecken. Sie arbeiten nicht bloß für eine Zeitung – ich hoffe, Sie begreifen mich ohne weitere Angaben. – Noch eines. Fahren Sie morgen mittag mit dem Flugzeug, Sie können in Amsterdam übernachten und übermorgen früh weiterfliegen. Ihre Berichte gehen vorläufig als Briefe, Flugpost, direkt an mich; geben Sie mir, sobald Sie dort sind, Ihre Londoner Adresse. Herr Burg weiß schon Bescheid. Verabschieden Sie sich noch von ihm, er hat Sie für diese Aufgabe vorgeschlagen.«

Esther dankte nochmals, Mersheim reichte ihr die Hand – dann war sie wieder auf dem Gang und mußte mit vor Stolz klopfendem Herzen zuerst zu Burg, den sie insgeheim als ihren Vertrauten in diesem Hause ansah. Sie dachte an ihre Mutter und den Bruder; mußten sie nicht glücklich sein über das Zutrauen, das man zu ihr hatte, indem man ihr eine solche Aufgabe übertrug? Ihr Gesicht verdüsterte sich ein wenig, sie wußte nur zu genau, wie beide über sie und ihren neuen Beruf dachten. Als sie nach ihres Vaters Tod vor einem Jahr mit vielen Bitten erreicht hatte, wenigstens noch ein Jahr lang die Universität besuchen zu dürfen, bevor sie auf irgendeine Weise ihren Unterhalt selbst verdiente, hatte sie es nur durchgesetzt, weil sie der Mutter eingeredet hatte, daß dadurch ihre Chancen stiegen. Der Bruder, zwei Jahre älter als sie, ganz Kind der Mutter, so wie Esther ihres Vaters Blut in sich fühlte, war nie sehr liebreich gewesen. Als sie vor vier Wochen ihren Plan, zu Rehmhardt zu gehen, verkündete, hatte man zu Hause nur Hohn für ihre Verstiegenheit. Sie gehöre in ein Büro, als Sekretärin könne sie auf einen zwar bescheidenen, aber verhältnismäßig sicheren Verdienst rechnen.

Dann war der erste Erfolg da, und Mutter und Bruder gaben klein bei. Sie wußte genau, daß Hans eifersüchtig war. Seine Schwester war und blieb für ihn das kleine Mädchen, das es den Jungen vergeblich an Kraft gleichzutun versuchte. Ihm hatte die Mutter eine Beendigung des Studiums – er wollte Jurist werden – zugebilligt; nun kam er sich wie entthront vor, als seine Schwester plötzlich auf Gebieten Bescheid wußte, die seiner Ansicht nach den Männern vorbehalten sein mußten. Sobald Esther diese stille Feindschaft klar erkannt hatte, wurde sie zurückhaltender in all ihren Äußerungen.

Sie sprach nicht von ihren Plänen und Hoffnungen; jetzt, von der bevorstehenden Reise wollte sie zu Hause auch nur das Allernotwendigste, die reine Tatsache mitteilen. Dabei fiel ihr ein, daß Mersheim betont hatte, sie gehe offiziell nicht als politische Berichterstatterin hin; dasselbe würde sie daheim auch sagen.

Sie war vor der Tür zu Burgs Vorzimmer angelangt und trat ein. Die Sekretärin des Alten, eine kleine, scheue, aber unendlich pflichtgetreue und zuverlässige Person, war das einzige Wesen im Hause, das Esther, ohne daß diese es wußte, eine wirkliche Freundschaft entgegenbrachte. Fräulein Cohn, die arme kleine Jüdin, deren Häßlichkeit alle guten Heiratsabsichten der von der Familie aufgebotenen Vermittler zuschanden werden ließ, liebte die große schlanke Esther mit einer stillen Glut. Sie sah in ihr ein Ideal, und Esther wiederum war die Einsamkeit der Sekretärin nicht entgangen; sie hatte sehr bald gespürt, daß das kleine, etwas bucklige Mädchen viel klüger war als die meisten ihrer selbstbewußten Kollegen, und hatte sich angewöhnt, mit ihr zusammen im Casino zu essen und sich über alle möglichen wichtigen und gleichgültigen Fragen zu unterhalten. Sie begrüßte Fräulein Cohn herzlich und fragte nach Burg.

Die Sekretärin erklärte ihr, er sei noch einen Augenblick besetzt, aber sie könne warten. Esther ließ sich neben Fräulein Cohn nieder und lachte sie an. »Ich fahre weg, morgen mittag geht es los. Der Chef hat mich vorhin hereingerufen; und nun raten Sie, wohin es geht?« Die andere lächelte nur: »Ich weiß es. Herr Burg hat in meiner Gegenwart mit Herrn Mersheim gesprochen. Es scheint etwas sehr Wichtiges zu sein: denn der Chef war aufgeregt. Burg hat ihn beruhigt. Er hält sehr viel von Ihnen, Fräulein Esther!« Sie wollte noch etwas hinzusetzen, als die Tür zum Allerheiligsten, wie Burg seine »Höhle« nannte, aufsprang und er einen Herrn herausließ, der eilig den Raum verließ. Siegfried Burg winkte Esther zu. Eine unförmige Masse, den ganzen Türrahmen ausfüllend, stand er breitbeinig da. Über der Wölbung eines enormen Bauches wulstete sich ein mehrfach gefaltetes Kinn empor, eine riesige Wamme, die aber notwendig schien, um den großen runden Schädel zu stützen. Sein Gesicht war ebenso klotzig und massiv wie der ganze Körper. Eine knollige, klumpige Nase saß über dem Spalt des genießerisch dicklippigen Mundes, die Augen verschwanden fast unter dem Fett der Wangen. Aber was waren es für Augen! Klein, ruhelos, hastig – und dann wieder scharf, zupackend und klar wie Kristall! Der Blick des alten Burg drang wie das Skalpell des Chirurgen bis ins Innerste des Untersuchten. Und über dem verfetteten Gesicht und dem unbeholfenen Körper thronte die Stirn. Eine breite hohe, bucklige Stirn, mit den Hügeln der Musikbegabung und den Buchten an den Schläfen, die philosophische Neigungen vermuten ließen. Das kahle Kranion überdachte wuchtig das ganze Gebilde.

Er lachte Esther an, mit einem dröhnenden Lachen, das durch reichliche Fettschichten gemildert und abgeklärt wurde. »Da kommt unsere Weltreisende!« Esther trat näher, er legte, gar nicht väterlich und doch mit einer großen Behutsamkeit und Überlegenheit, einen Arm um ihre Schultern und zog sie in sein kleines Zimmer. Der Raum war von dem des Chefredakteurs ebenso verschieden wie sein Bewohner von Mersheim. Auch dieses Zimmer war unwohnlich: aber Burgs Lehnstuhl stand nicht nur als Verzierung da. Er war von den zweieinhalb Zentnern seines Besitzers tief ausgesessen, die lederbezogenen Seitengriffe waren abgewetzt und stellenweise sogar durchlöchert, so daß die Roßhaarfüllung herausquoll; aber Burg hätte sich von dem Stuhl, in den er, wie er sagte, hineinpaßte wie der Einsiedlerkrebs in seine Schneckenschale, nie gutwillig getrennt. Auf dem Schreibtisch, der überall Tintenspritzer zeigte, lag ein Haufen von Manuskripten und Papieren; nur Burg und allenfalls Fräulein Cohn wußten, was sich da herumtrieb, er kannte die Lage jedes Fetzens in dieser Unordnung.

Für die Besucher war ein einfacher Rohrstuhl da, nicht wie beim Chefredakteur der Klubfauteuil, der dem Gast zeigen sollte, wie gut er es im Gegensatz zu den geschäftigen Leuten hier habe. Bei Burg blieb niemand länger als nötig, obgleich er höflicher als Mersheim war. Das einzige Fenster seines Zimmers ging auf den Hof, über den dauernd Wagen mit Papierrollen und allen möglichen Materialien fuhren. Seine Aussicht war ein Schornstein, dessen Rauchfahne Schatten über den Hof und das kleine Zimmer gleiten ließ.

Er sank schwerfällig in seinen Stuhl und bot Esther den Besuchsstuhl. Dann sah er sie, die ihn erwartungsvoll anblickte, ein Weilchen schweigend an. »Sie freuen sich sehr auf Ihre Reise?« Sie bejahte freudig. »Herr Dr. Mersheim« – Burg vergaß nie, von dem Chefredakteur sehr korrekt zu sprechen – »hat Ihnen gesagt, worum es sich handelt? – Nun, stellen Sie sich das nicht leicht vor, nicht leicht und – nicht ganz ungefährlich.« Esther sah ihn fragend an. »Weswegen? Was kann mir dabei geschehen? Ein Mißerfolg.« – »Ein Mißerfolg kann die sofortige Ausweisung aus England zur Folge haben; man liebt dort wie überall Leute, die verborgene Dinge aufdecken wollen, nicht besonders.« Er zog ein Taschentuch und schneuzte sich geräuschvoll und umständlich. »Es könnte sein, daß Sie mal nicht weiter wissen, dann schreiben Sie an mich direkt, in meine Wohnung, die Adresse haben Sie ja. Und wenn es gar nicht anders geht, telefonieren Sie 'rüber; aber das wird hoffentlich nicht nötig werden! Ich habe Ihnen hier für alle Fälle eine Adresse aufgeschrieben; an den wenden Sie sich, wenn es Ihnen richtig zu sein scheint. – Und nun, liebes Kind, Sie können sich von morgen an Sporen verdienen, die anders glänzen als die mit kleinen Recherchen zu bekommenden! Leben Sie wohl!« Er gab ihr die Hand, eine fleischige, dicke Pranke mit sonderbar nervösen und feinempfindlichen Fingerspitzen. Sie drückte seine Rechte fest und ging hinaus. Draußen verabschiedete sie sich von Fräulein Cohn und ging, eine Anweisung auf die fürstliche Summe von dreihundert Pfund gleich sechstausend Mark schwenkend, zur Hauptkasse.

In ihr Zimmer zurückgekehrt – sie wollte ihre Sachen ordnen und einiges fortschließen – wurde sie nochmals von Burgs Sekretärin angerufen: sie sollte einige Empfehlungsschreiben und einen Brief vom Auswärtigen Amt mitnehmen. Ein Botenjunge brachte ihr die Papiere, und damit war sie eigentlich fertig. Sie umfaßte noch einmal die schmucklose Einrichtung »ihres« Zimmers mit einem Blick. Dann zog sie sich an, sah in den kleinen Spiegel, der als einziger Gegenstand im Raum auf die ständige Anwesenheit einer Frau deutete, und schritt leicht hinaus. Nach einer kurzen Verabschiedung von ihren engeren Kollegen verließ sie das Haus. Es war ein viertel vor ein Uhr mittags, und morgen um diese Zeit würde sie schon in der Junkersmaschine sitzen und auf Berlin hinunterspucken können. Sie lachte glücklich vor sich hin und eilte durch die kalten, trüben Straßen des Zeitungsviertels.

Zu Hause brachte man Esthers Begeisterung wenig Verständnis entgegen. Die Mutter, eine geborene Freiin von Rittberg, haßte seit dem Kriege alles Englische einschließlich ihres Frauennamens heftig und urteilslos. Sie fürchtete, daß Esther nun, bei einem Aufenthalt in London, ihrem Einfluß, so gering dieser auch sein mochte, ganz entschwinden würde. Der Bruder Hans dagegen hatte nur ein aufreizendes Grinsen für sie übrig, als sie berichtete, sie fahre morgen nach London, um Gesellschaftsberichte für die »Welt« zu machen. Also sei sie doch wohl als »untauglich« aus der Politik ausgeschieden? Esther kochte auf, und es fehlte ihr nur an Atem, um sofort dem Bruder Bescheid zu sagen, daß das Gegenteil seiner hämischen Vermutung wahr sei. Aber in der letzten Sekunde beherrschte sie sich mit äußerster Anstrengung – dies war der Beginn einer Nervenprüfung, sie wollte nicht gleich beim erstenmal unterliegen! Esther nahm sich in diesem Augenblick vor, ihre Mission durchzuführen, ohne sich mit einem Wimperzucken zu verraten. Was lag an der Meinung der Leute?

Alles lag daran, antwortete sie sich selbst. Alles, das hieß: Sicherheit, Unbefangenheit der anderen und der eigene Erfolg. Und sie lächelte ihren Bruder an: »Bist du neidisch, weil man mich so schnell herüberschickt und an meine Begabung glaubt?« Die Mutter versuchte sie mit dem Hinweis darauf zu beruhigen, daß es doch für sie eine Genugtuung sein müsse, ihre Tochter nicht in der Politik, sondern innerhalb der Gesellschaft zu sehen. Sie nahm keinen Anstand, das Honorar von sechstausend Mark zu erwähnen, das nur zur Einrichtung drüben und dem Unterhalt der ersten Wochen dienen sollte, und hatte den Triumph, daraufhin beide zum Schweigen zu bringen.

Nun gab es bis zum nächsten Tage viel zu tun. Glücklicherweise war sie mit Kleidung gut versehen, so daß sie nur wenige Ankäufe nötig hatte. Ein großes Abendkleid wollte sie sich sofort nach ihrer Ankunft in London machen lassen. Aber Koffer mußten beschafft werden! Esther schwärmte für Ledergegenstände, die sie als reinen Luxus empfand und deren Kauf sich bisher immer verboten hatte. Nun fuhr sie zu den maßgebenden Firmen und wählte außer einem großen Schrankkoffer zwei elegante schwere Suitcases und eine kleine Tasche mit Toiletteartikeln und allen für die Reise notwendigen Kleinigkeiten.

Der Schrankkoffer mußte noch am selben Tage gefüllt und als Expreßgut abgeschickt werden, das andere Gepäck kam im Flugzeug mit. Sie besorgte sich die Fahrscheine selbst, wurde von der Lufthansa für den nächsten Tag um halb ein Uhr in die Mauerstraße bestellt, von wo das Auto sie zum Flughafen hinausbringen sollte, und kehrte, beladen mit allen möglichen Dingen, die sie dann doch noch geglaubt hatte, kaufen zu müssen, in ihre Wohnung zurück. Mutter und Bruder waren ausgegangen, und Esther war so erfüllt von der Vorfreude und Spannung des Kommenden, daß sie nicht allein bleiben konnte. Sie wollte diesen letzten Abend in Berlin angenehm verbringen und rief bei Georg Herdemerten an.

Während sie auf die Verbindung wartete, lachte sie leise vor sich hin. Was würde der gute Georg mit dem ungewöhnlichen Namen zu ihrer Reise sagen? Lieber Gott, sie erinnerte sich, wie er schon im Gymnasium, das sie zusammen besucht hatten, den Ursprung seines Namens mit Stolz und Pathos verkündet hatte. Er sei der Nachkomme einer alten Familie aus der Gegend der Lüneburger Heide. Keine vornehme Familie, o nein, einfache Schäfer, bei denen der Sohn stets den Namen des Vaters trug, alle also den ihres ersten bekannten Ahnen, des Herdenmartin, daraus habe sich im Sprachgebrauch Herdemerten gebildet. Er sah dann ringsum und erwartete eine Anerkennung seiner sprachlichen Aufklärung: aber nur Esther hatte daraufhin ein Gespräch über Namen und Abstammung und Rassentheorien begonnen. Nun studierte Georg Medizin, um, wie Esther es nannte, Menschenschlächter zu werden. Er selbst bezeichnete es als sein Ziel, Chirurg zu werden.

Sie trafen sich alle fünf, sechs Tage, plauderten miteinander und machten Pläne für ihre Zukunft. Georg liebte Esther mit einer zurückhaltenden Knabenliebe, die sie kaum bemerkte. Aber seine ruhige, stille Art, das Vermeiden aller überflüssigen Courtoisie und zweideutigen Höflichkeit, die sie bei anderen jungen Männern sooft empfinden mußte, machte ihr Herdemerten lieb und wertvoll. Außerdem hatte sie starkes Interesse an medizinischen Dingen: sie konnten über psychoanalytische Fragen, in denen beide eigentlich Laien waren, in heftige Diskussionen kommen; kurz, Georg gehörte zu ihrem Leben. Sie fühlte einen kleinen, schmerzlichen Stich, wenn sie an die bevorstehende Trennung dachte.

Da rief am anderen Ende der Leitung eine helle, fröhliche Stimme »Hallo!« Es war Georg. Esther meldete sich – sie wolle heute abend mit ihm ausgehen, von der anderen Seite ertönte ein Gejammer, ob sie denn vergessen habe, daß der Erste vor der Tür stehe – sein Wechsel –. Aber sie lehnte alle Einwände ab, sagte, daß heute sie Geld habe und ihn verführen wolle – bis er sich fügte und nach ihren besonderen Wünschen fragte. Sie bestimmte als Treffpunkt ein Café im Westen, dann wollten sie ins Theater gehen, später in einem kleinen Weinlokal essen und schließlich im Esplanade landen, wo eine besonders gute Tanzkapelle spiele. In der noch verbleibenden Zeit packte Esther alles, was sie brauchte, in die neuen Koffer, die inzwischen angekommen waren. Dann prüfte sie ihre Papiere, es war alles in Ordnung, Paß und Presseausweise, der Brief des Auswärtigen Amtes, die von Burg gegebene Londoner Adresse eines Freundes – nur das Visum für England mußte morgen beschafft werden; aber das würde mit Hilfe der Presseabteilung der Reichsregierung schnell gehen.

Ganz zuletzt fand sie beim Kramen in ihren Sachen noch eine kleine Selbstladepistole, die ihrem Vater gehört hatte. Einen Augenblick lang liebäugelte sie mit dem Gedanken, die Waffe mitzunehmen, als allein reisende Frau war sie vielen unangenehmen Möglichkeiten ausgesetzt –. Aber dann legte sie die Pistole fort; auch ohne die Zollrevision fürchten zu müssen, hielt sie es für unpraktisch, die Waffe bei sich zu haben. Was sie brauchte, war Geistesgegenwart in jeder Situation; die wog schwerer als ein Revolver und war eine bessere Hilfe. Sie sah auf die Uhr, es war Zeit geworden, sich umzuziehen und zu gehen. Draußen war es schon ganz finster, die Laternen warfen schwankende Lichtscheiben auf den Asphalt. Sie hinterließ einen Zettel mit der Nachricht, daß sie spät nach Hause kommen werde, und schloß die Wohnung mit dem sonderbaren Gefühl ab, dies für längere Zeit zum letztenmal getan zu haben.

Der Autobus war, wie gewöhnlich, voll, sie mußte die Strecke bis zum Treffpunkt stehen und schritt dann über den Kurfürstendamm und durch das schimmernde Glasportal in die Halle des Cafés. Die laue Luft verschlug ihr zuerst fast den Atem, Musikfetzen schwirrten durch den Raum, Worte, Dunst, Lichtreflexe. Sie sah sich um; da winkte schon jemand von einem Tisch, der zurückgezogen in einer Nische stand, und kam eilig herbei, Georg. Sie folgte ihm zum Tisch und ließ sich, immer noch ein wenig benommen, nieder.

Gleich nach ihrer Bestellung fing Herdemerten an zu bohren, was geschehen sei. Sie wußte, daß es nicht bloße Neugier war, sondern daß sich hinter seinen jungenhaft drängenden Fragen starke und aufrichtige Anteilnahme verbarg. Sie sah ihn an und sagte etwas traurig in den Raum hinein: »Georg, ich reise morgen fort – ich muß ganz schnell weg.« Sie schwieg. Er wurde aufgeregt: »Esther, hast du –? Aber das ist ja ganz unmöglich! Was ist denn geschehen? Plötzlich weg? Ist das Geld etwa –?« »Ach nein«, sie beruhigte den Freund, »es ist ganz harmlos, ich werde von der ›Welt‹ nach London geschickt, um Berichte von dort zu geben.« »So –« Er atmete erleichtert aus, wurde froh, sah sie bewundernd an und senkte dann mit einemmal den Kopf. »Was ist dir denn, Georg«, fragte Esther, »freust du dich gar nicht für mich? Denk dir, ich bin erst vier Wochen beim Blatt, und schon diese Reise –« Er schüttelte betrübt den Kopf. »Verzeih, Esther, es kommt so plötzlich. Ich hab' hier so wenig Menschen, mit denen ich mich aussprechen kann – und jetzt fährst du von einem Tag auf den anderen fort. Wie lange wirst du denn in London bleiben?«

Sie antwortete, daß das ungewiß sei – und fühlte wieder das leise Nagen, den unbestimmten Schmerz. Sicher nicht lange, er würde sich wohl recht bald wieder mit ihr über Freud herumstreiten können; ob er denn immer noch den Ring der Inneren Sekretion für entscheidender halte – –? Aber ein Blick in die Augen Georgs ließ sie schweigen. Sie wurde ein bißchen erbittert darüber, daß sie nun diesen Jungen über ihre Abreise trösten mußte, statt daß er sie beneidete und stolz auf sie war. Dann schämte sie sich ihrer eigenen Gedanken und fing an, herumzualbern wie vor fünf, sechs Jahren auf dem Pennal. Georg konnte nicht widerstehen, sie lachten sich gegenseitig aus, die trübe Stimmung war überwunden, und es wurde eifrig beraten, wohin man gehen sollte.

Die Wahl fiel auf einen amerikanischen Detektivschmarren, einen glänzend gemachten Kitsch mit Schauer und Spannung und voll von einer herrlich verlogenen Moral, über die beide sich schon in den neuen amerikanischen Filmen stets amüsierten. Sie brachen auf, nahmen Logenplätze, die zu dicht an der Bühne lagen und ihnen jede Illusion raubten, und fanden sich später im Esplanade. Es mußte Sekt sein – das hatte Esther bestimmt; sie sah mit glänzenden Augen in das Gewühl der Tanzenden und fing an, sich wieder in Träumereien zu verlieren, bis sich ein Herr verbeugte und sie zum Tanz aufforderte. Sie fuhr auf, sah zur Seite – Georg war fort? – Aber nein, er war ja der Tänzer vor ihr – und einen Moment später glitt sie zwischen anderen Paaren im wiegenden Rhythmus des Tango über das Parkett.

Als sie um zwei Uhr nachts nach Haus kam, schlief natürlich alles. Sie hatte sich noch einmal herzlich von Georg verabschiedet, ihm ihre Adresse versprochen und lange Berichte verheißen. Nun ging sie geräuschlos in ihr Zimmer, ein kleines Jungmädchenzimmer, das gar nicht zu ihr paßte, und legte sich, müde und in Gedanken schon fliegend, in das kühle Bett.

Am nächsten Morgen erledigte sie den Rest ihrer Reisevorbereitungen.

Die Visumbestätigung dauerte nur eine halbe Stunde, sie benutzte den Vormittag, der im Gegensatz zu den letzten Wochen sonnig und freundlich war, zu einem längeren Spaziergang in der Stadt, bis eine Uhr ihr anzeigte, daß es langsam Zeit wurde, ans Fahren zu denken, von der Mutter hatte sie sich am Morgen schon verabschiedet, es gab eine Rührszene, die Esther haßte, die aber für die Mutter ebenso wie die Fahrkarten zu einer Reise gehörte. Hans war schon fort, als sie gegen neun Uhr aufgestanden war, und ließ sie durch die Mutter grüßen. Als sie um zehn Uhr das Haus verlassen hatte, war sie ungebunden und atmete auf.

Vor dem Hause der Lufthansa wartete bereits der Omnibus, der sie zum Flugplatz bringen sollte; mit ihr waren ein englisches Ehepaar und ein einzelner schweigsamer Herr eingestiegen. Esther hatte auf Georgs Rat nur gefrühstückt, um ihren Magen für die Luftfahrt, die erste ihres Lebens, nicht zu sehr zu belasten. Während die anderen – offenbar nicht seltene Gäste der Lufthansa – im Restaurant auf dem Flughafen noch einen Imbiß zu sich nahmen, betrachtete sie das Flugzeug, das sie zunächst nach Amsterdam führen sollte. Der große Apparat mit seiner blanken, gerippten Duraluminhaut erregte ihr Entzücken, sie hatte noch nie eine Flugmaschine aus der Nähe gesehen.

Dann nahm man Platz, es war wie in einem bequemen Autobus oder D-Zugwagen, die Propeller wurden angeworfen, es gab einen Höllenlärm, draußen wurde gewinkt, sie winkte auch, zitternd vor Erwartung, das Flugzeug rollte an, fuhr immer schneller, wie ein Auto auf irrsinnig hohen Rädern über den Platz, nun – es begann zu gleiten, der Boden rutschte weg, war auf einmal einen, drei, fünf Meter tief! Die Maschine stieg schneller, einen Augenblick hatte Esther ein sonderbares Gefühl im Magen, das wieder verging – nach fünf Minuten waren sie hoch über Berlin und nahmen Kurs nach Nordwesten – Richtung Amsterdam.

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