Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Michael Corvin >

Der heimliche Kampf

Michael Corvin: Der heimliche Kampf - Kapitel 18
Quellenangabe
authorMichael Corvin
titleDer heimliche Kampf
publisherWegweiser-Verlag G. m. b. H.
yearo.J.
firstpub1930
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20181125
projectid1bf3eac0
Schließen

Navigation:

17

Am nächsten Morgen mußte Esther in Dongens Vorzimmer fünf Minuten warten, bis der Ministerialrat sie zu sich bat. Er war höflich wie immer, nur etwas erstaunt über ihren frühen Besuch. Esther setzte sich und ging sofort zum Angriff über:

»Sie lassen mich beobachten, Herr Ministerialrat.«

»Es ist eine Art von stillem Schutz für Sie. Wir befürchten, daß Tsun Rayi und seine Freunde Ihnen nicht wohlgesonnen sind.«

»Was hat das mit meiner Post zu tun?«

Ihr Gegenüber sah sie unverändert freundlich an:

»Herr Burg hat aus der Schule geplaudert, eigentlich nicht sehr korrekt von ihm.«

»Was soll gegen mich vorliegen, das Ihnen ein Recht zu diesem Vorgehen gibt?«

Esther spürte, wie ihre Nerven dieser lächelnden Höflichkeit gegenüber zu versagen drohten. Sie war schon zu weit gegangen – aber es gab jetzt kein Zurück mehr!

Der Ministerialrat sah sie ruhig an:

»Es tut mir leid, daß Sie sich so erregen. Sie verkennen unsere leider notwendige Praxis einer – hm – gegenseitigen Überwachung.«

»Ich weiß, daß man mich irgendwelcher Beziehungen zu den Russen verdächtigt. Aber das ist Unsinn. Ich bin mit Jury Zagainoff, einem offiziellen Unterhändler der Sowjets, persönlich befreundet, das ist alles.«

Dongen lächelte höflich und nicht überzeugt:

»Um so weniger Grund haben Sie, eine eventuelle Kontrolle zu fürchten?«

»Sagen Sie mir den Weg, mich von einem falschen Verdacht zu reinigen.«

»Aber ich bitte Sie, es ist doch nicht der geringste Grund für eine Änderung unserer Beziehungen da? Wollen Sie denn mit uns brechen?«

Es klang so ganz nebenbei und bedeutungslos, was Dongen zuletzt gesagt hatte, aber Esther hörte den wahren Sinn und die Drohung hinter den leisen Worten. Sie stand auf:

»Also, es gibt nichts Neues. Sie wissen ja, wo Sie mich erreichen können, Herr Ministerialrat.«

Esther Raleigh ging hinaus, zuvorkommend von Dongen begleitet. Draußen hatte sie Mühe, langsam die Treppe hinabzugelangen: und als sie unten in einem Wagen saß, der sie in die Redaktion bringen sollte, schüttelte sie eine Minute lang ein wilder und unbezähmbarer Weinkrampf.

Im Verlag stieß sie fast mit Dr. Mersheim zusammen, der ihr im Hauptgang entgegenkam. Aber als er sie erblickt und erkannt hatte, bog er schnell in das nächstgelegene Zimmer ein, ohne von ihr Notiz zu nehmen. Sie lachte bitter und klopfte bei Burg an. Fräulein Cohn rief »herein« und meldete Esther bei Burg, ohne ihr in die Augen sehen zu können.

Dann saß sie wieder bei Burg, dessen Gesicht ihr verfallen und jäh gealtert vorkam. Er hatte gerötete Augen und seine Hände waren unruhig.

»Sie haben nicht bemerkt, daß gestern abend jemand hinter mir her war, Esther? Nun, ich merkte es auch erst nach einer Weile. Es ist ein hübsches Gefühl. Aber ich kann jetzt manches verstehen, was ich seit dreißig Jahren nicht begreifen konnte. – Haben Sie mit Dongen gesprochen? Hat es einen Zweck gehabt?«

Esther verneinte und erzählte ihm von der Unterhaltung.

Burg nickte nur.

»Es ist jetzt ziemlich gleichgültig, was Sie tun. Versuchen Sie –« – er stockte, das Weiterreden schien ihm Mühe zu machen – »– versuchen Sie, Selfride irgendwie zu erreichen. Wissen Sie, wo er ist?«

Esther sah ihn an – sie konnte ihm nicht sagen, daß Selfride in Berlin sei. Sie wollte es sofort versuchen, sich mit Selfride in Verbindung zu setzen. Bevor sie ging, zog Burg einen kuvertierten Brief aus der Tasche:

»Das – wenn Sie Selfride persönlich sehen sollten, geben Sie ihm diesen Brief, Esther. Wenn es nicht geht – na – das bleibt sich gleich! Auf Wiedersehen, mein Kind. Leben Sie – recht wohl!«

Er nahm ihren Kopf ganz zart in seine großen zitternden Hände, wischte mit einem Finger sanft eine Träne von Esthers Wange und küßte sie. Sie biß sich die Lippen blutig, um nicht wie ein Schulmädchen laut aufzuweinen, als sie das Zimmer verließ und rückwärtsblickend sah, daß Burg sich an seinen Tisch gesetzt hatte und das Haupt auf die gekreuzten Arme niedersinken ließ.

 

Der Dampfer, auf dem Jury Zagainoff nach New York fuhr, die »Zealand«, hatte in der Höhe von Kap St. Mathieu Maschinendefekt und mußte mit halber Kraft Brest anlaufen. Die Passagiere, denen mitgeteilt wurde, daß die Reparatur etwa drei bis vier Tage dauern werde, zogen es zumeist vor, auf dem Schiff zu bleiben, da die Verbindung von Brest nach den Staaten sehr ungünstig ist und fast nur von kleineren Schiffen unterhalten wird.

Auch Jury wartete und wollte die Zeit benutzen, um ausführlich an Esther zu schreiben und vielleicht ein Telefongespräch zu verabreden. Da ließ ihn, am Abend des ersten Tages im Hafen, der Kapitän zu sich bitten und wies ihm ein Radiotelegramm vor, wonach seine Einreise nach den Vereinigten Staaten unmöglich sei. Die großbritannische Polizei hatte ihn als Agenten der Russen und als Propagandisten gemeldet, und die Amerikaner hatten daraufhin ihre Behörden in Ellis Island bereits angewiesen, Jury Zagainoff nicht ins Land zu lassen, sondern ihn mit dem nächsten Dampfer oder der »Zealand« wieder zurück nach Europa zu schicken. Ein Telegramm dieses Inhalts war auch an die »Zealand«, die man auf hoher See vermutete, abgegangen.

Daraufhin ging Jury sofort an Land und setzte sich mit der Sowjetvertretung in Paris in Verbindung. Man hatte dort natürlich keine Ahnung, empfahl ihm aber, entweder nach Paris oder nach Berlin zu fahren und weitere Weisungen aus Moskau zu verlangen. Er ließ sein Gepäck ausladen und beschloß, im tiefsten Herzen mit der Wendung der Dinge nicht ganz unzufrieden, nach Berlin zu reisen.

Die Gegenüberstellung von Georg Herdemerten und Tsun Rayi verlief dramatischer, als Dr. Dongen und der Untersuchungsrichter Mehnert voraussehen konnten. Man hatte erwartet, daß der Japaner seine stoische asiatische Ruhe bewahren würde; statt dessen verfärbte er sich, als Herdemerten offen und rückhaltlos erzählte, wie Tsun ihn dirigiert hatte. Die völlige Klärung der Angelegenheit schien schon erreicht zu sein, als Tsun Rayi sich nochmals an Georg wandte und ihn fragte, wie es denn möglich gewesen sei, daß er ihn noch am Abend habe warnen können, die Angelegenheit fliege auf.

Der Richter fragte, wann das gewesen sei, der Japaner gab an, daß er daraufhin zur Post gegangen sei, um zu telegrafieren. Er habe Georg versprochen, noch in der Nacht zu ihm zu kommen und ihm die Protokolle zu bringen – hier stockte Tsun.

Dongen, der dem Verhör beiwohnte, griff ein. Er lockte mit ein paar geschickten Fragen aus Georg unschwer die Wahrheit heraus, wer ihn zu der Warnung an den Japaner veranlaßt habe und weshalb sie erfolgt sei. Herdemerten, der nicht mehr zurück konnte, glaubte, daß sein Heil in einem offenen Geständnis aller Einzelheiten liege, und erzählte den Verlauf des kritischen Abends vom Zusammentreffen mit Tsun Rayi und Frau Jeffers an bis zu seiner Verhaftung. Er ahnte nicht, daß seine Worte, die der Gerichtsstenograf eifrig aufnahm, Esthers Schicksal besiegelten. Ministerialrat Dongen lächelte nur, als ihm die Zusammenhänge klar wurden.

Die Verhafteten wurden in das Untersuchungsgefängnis zurückgeführt. Dr. Dongen ersuchte den Richter, sogleich das Nötige zu veranlassen, damit ein Haftbefehl gegen Esther Raleigh, Redakteurin der »Welt«, zur Zeit wohnhaft im Hotel Heßler, Berlin, ausgestellt wurde. Er selbst fuhr in die Redaktion und verlangte, Herrn Burg zu sprechen.

Siegfried Burg betrachtete eine Minute lang die Visitenkarte, die Fräulein Cohn ihm hereinreichte, ehe er sie bat, den Ministerialrat zu ihm zu führen. Dann hielt er sie noch einen Augenblick zurück.

»Sollten Sie Esther Raleigh in den nächsten Stunden sehen, dann laden Sie sie ein, ein wenig zu Ihnen, in Ihre Wohnung, zu kommen. Sie wird schon verstehen, was ich meine – und Sie – ich denke, Sie verstehen mich auch!«

Die kleine Sekretärin hatte ihn mit dem Blick eines für seinen Herrn sterbenden Hundes angesehen und ließ Dr. Dongen eintreten. Der Ministerialrat war, wie immer, höflich und alles andere als inquisitorisch. Er setzte sich bequem und betrachtete das Zimmer Burgs, der ihm gegenüber wartend in seinem alten Lehnstuhl saß.

»Sie haben Esther Raleigh gewarnt. Aus persönlichen Gründen, wie ich annehme –?«

»Aus persönlichen und aus sachlichen Gründen.«

Der Besucher hob die Augenbrauen und nickte leicht:

»Das erschwert den Fall, Herr Burg.«

»O nein, es vereinfacht ihn.«

»Ich begreife nicht recht, weshalb? Sie waren darüber unterrichtet, weswegen wir es für richtig hielten, Fräulein Raleigh überwachen zu lassen –«

»Gewiß. Ich war im Bilde. Ich bin durchaus auf dem laufenden, Herr Dr. Dongen. Ich habe die Agentin Esther Raleigh gewarnt. Ich habe ihr erzählt, wie schnell man in Ihrem Beruf, Herr Doktor …« Jedes Wort des Alten traf den Ministerialrat wie ein Peitschenhieb – » ,… wie schnell man dort geneigt ist, Mitarbeiter fallen zu lassen – das war übrigens nichts Neues für Esther Raleigh. Ihre Vermutungen, sie arbeite für Rußland, sind Unsinn – ich möchte fast glauben, daß auch Sie das wissen. Der Weg dieser jungen Frau ist zu ungewöhnlich gewesen, zu schnell, nicht wahr? Allzuviel Erfolge – Sie fürchteten die Hybris, Herr Ministerialrat? – Nun, Esther Raleigh ist sich über ihr Schicksal ziemlich klar. Ich weiß nicht, ob sie Ihnen entkommen wird. Aber wenn es ihr glücken sollte – sie wird keine angenehme Gegnerin sein, mein Lieber!«

Burg lachte. Er kniff die Augen zusammen und grinste mit breitem Munde den still dasitzenden Dongen an, bevor er fortfuhr:

»Haben Sie bereits den Haftbefehl gegen mich in der Tasche? Stehen die Polizisten schon draußen? Ich bin ein alter Mann, mein Bester, bitte besorgen Sie einen Wagen für mich!«

Dongen wehrte ab, wieder ganz Herr seiner selbst:

»Verehrter Herr Burg, ich bin nicht gekommen, um solche – solche Lächerlichkeiten zu begehen. Ich wollte Sie nur bitten, vorsichtiger zu sein. Ich, wir schätzen Sie sehr hoch. Sie wissen es ja –«

Burg sah ihn an und zog den rechten Mundwinkel in die Höhe, was seinem Gesicht etwas Launisches und Erschreckendes gab:

»Ich war ein guter Materiallieferant, wie? Danke bestens, danke wirklich für Ihr Vertrauen und diese gute Zensur.«

»Es ist mir unverständlich, weshalb Sie sich in diesem einen Fall so engagieren?«

»Komisch, was? Herr Burg engagiert sich? Herr Burg wagt es, eine Meinung nicht nur zu haben, sondern sie auch zu äußern. Herr Burg mischt sich in Dinge ein. Herr Burg warnt – Ja, glauben Sie denn, Mann, daß ich ein Narr bin? Esther Raleigh ist für diesen dreckigen Beruf zu schade: und anstatt das anzuerkennen, was Sie mit Ihren eigenen Augen sehen, benutzen Sie diesen englischen Schwindel, um die Frau zu ruinieren!«

»Sie arbeitet eng mit den Amerikanern zusammen, das wissen Sie!«

»Und weshalb stört Sie das, in Drei Teufels Namen? Hatten Sie bisher Nachteile davon? – Wen bietet Ihnen denn Herr Addison an, wenn Sie die Raleigh fallen lassen, he?«

»Darüber kann ich mich nicht äußern, ich –«

»Auch nicht nötig, wirklich nicht nötig, Herr Dongen. Sie sind ein sehr tüchtiger Beamter, ein erstklassiger Beamter, ein Beamter, ein Beamter, ein Beamter!! Haben Sie mich verstanden? Und jetzt machen Sie, daß Sie hier 'raus kommen! Ich hab' genug von Ihnen. Grüßen Sie mir Mersheim und schicken Sie mir bald Ihre Leute. Ich warte drauf, hören Sie? Ich kann Ihnen nur versichern, daß die Sache mit meiner Verhaftung nicht zu Ende sein wird, darauf können Sie sich verlassen!«

Dongen war aufgestanden und hatte während der letzten Worte Burgs bereits den Raum verlassen. Er ging aufrecht, und niemand konnte ihm anmerken, daß er das Gefühl hatte, sein ganzes Gesicht sei von Peitschenhieben zerrissen. Er dachte an Symes und seine Erzählung von Hardleys Tod, als er die Treppe hinabschritt und seinen Wagen bestieg.

Burg telefonierte inzwischen oben vergeblich ins Hotel Heßler – Fräulein Raleigh sei nicht im Hause. Er warf den Hörer auf die Gabel, stampfte zum Fenster und sah mit einem undefinierbaren Lächeln auf den Hof, über den Wagen mit Papier fuhren. Da klingelte sein Apparat, er meldete sich, und die Zentrale teilte ihm mit, daß ein Herr ihn sprechen wolle, der seinen Namen nicht genannt habe. Burg ließ sich verbinden – am anderen Ende der Leitung war Hal Selfride. Er rief dem Bruder nur zu:

»Ich bin im Kaiserhof. Komm sofort! Ich erwarte dich!«

Mit zitternden Händen machte Siegfried Burg sich zum Gehen fertig. Er kramte auf seinem Tisch herum, als suche er etwas und wisse nicht, was. Dann setzte er sich noch einen Augenblick nieder, strich über das Holz des alten Schreibtisches, über die Sesselgriffe mit dem herausquellenden Roßhaar, zupfte hier und dort an Papieren, schloß und öffnete die Schubladen und stand schließlich mit einem Ruck auf.

Im Vorzimmer herrschte er Fräulein Cohn, die geduckt vor ihrer Maschine saß, kurz an:

»Weiß nicht, wann ich zurückkomme, wichtige Post geht an Mersheim, verstanden?«

Die Tür knallte ins Schloß, Burg eilte über den tausendmal begangenen Korridor, warf einen Blick in die Setzerei und stolperte dann hinab. Er rief die nächste Droschke an und fuhr fünf Minuten später im Lift des Hotels Kaiserhof zum Zimmer seines Bruders Hal Selfride.

 

Esther Raleigh war nur wenige Minuten vorher von Selfride fortgegangen. Sie bestieg ein Auto vor dem Hotel, fast zur gleichen Zeit, in der Burgs Wagen von der anderen Seite herangerollt war. Dem Chauffeur hatte sie irgendeine Straße im Norden als ihr Ziel genannt – denn Esther hatte kein Ziel mehr.

Die Unterhaltung mit Selfride – sie versuchte, sich an Einzelheiten zu erinnern, wie sie gekommen war und ihn ruhig und unrührbar wie stets vorgefunden, wie er sie angehört hatte, ihre Berichte von Dongen, von der Verfolgung, von der Angst – Und zu alledem hatte er nur ein einziges Wort gefunden:

»Schade –«

»Aber was soll ich jetzt tun? Was kann ich unternehmen? Hierbleiben ist doch unmöglich! Ich weiß ja nicht, was noch passieren kann! Wenn man erst beginnt, einen Menschen zu hetzen – ich weiß, daß dann weder der Gehetzte noch der Jäger Ruhe hat, bis es so weit ist und –«

»Schade – verdammt schade!«

»Ja, ja, es ist schade, es ist verdammt schade! Aber das hilft mir nicht weiter, Selfride! Ich habe jetzt niemanden mehr, keinen Menschen, der mir – hier, hier ist die Uhr, sie gehört Ihnen ja, ich brauch' sie nicht mehr, bitte, bitte, nehmen Sie sie an sich!«

Esther erinnerte sich, wie sie die Armbanduhr rasch losgenestelt hatte, und sie fühlte das Grauen wieder, das sie überkommen hatte, als Selfride, ohne ein Wort, die Uhrenkamera ihr abnahm und in eine seiner Taschen steckte. Sie sah starr gegen die schmutzig braungestreifte Decke der Autodroschke, um die Tränen niederzuhalten, die ihre Augen füllten. So gab man sie auf!

Dann hatte Selfride zu reden begonnen. Sehr ruhig und gar nicht feindlich:

»Ich kann Ihnen nicht helfen, Raleigh. Wenn es nur ein Land, nur ein Staat wäre, in dem man auf Sie achtet: das ginge an. Aber gleich zwei, England und Deutschland jetzt auch – es tut mir verflucht leid, ich mag Sie gern, ich konnte Sie brauchen, ich verliere Sie ungern. – Aber Sie begreifen, daß ich nicht daran denken kann, in meiner Person United Service zu exponieren. Ist denn schon ein Haftbefehl gegen Sie ausgestellt?«

Sie hatte verneint, sie wisse es nicht; aber das sei ziemlich gleichgültig und lediglich eine Formalität. Er nickte. Esther drang erneut in ihn, worauf Selfride lakonisch nur bemerkte:

»Flucht.«

»Aber wohin?«

Selfride hatte nichts geantwortet – da dachte sie mit einem Male an Siegfried Burgs Brief und gab ihn wortlos dem anderen. Der fuhr nicht auf, als er das Schreiben geöffnet hatte. Er wurde nur etwas blasser, murmelte Unverständliches vor sich hin und ging ein paarmal im Zimmer auf und ab, ehe er wieder vor Esther stehenblieb:

»Kommen Sie – kommen Sie in einer Stunde wieder her. Im Augenblick kann ich Ihnen noch nichts sagen.«

Die Droschke hielt, und sie stieg aus. Vor ihr lag der Humboldthain, ein kleiner Park, der jetzt, in der kalten Jahreszeit, trostlos aussah. Sie bezahlte, der Wagen rollte fort und Esther ging langsam, wohin ihre Füße sie trugen.

Es war umsonst, Widerstand zu leisten. Jury – sie drängte das Würgen in ihrer Kehle, das ihr den Atem zu rauben drohte, mit letzter Kraft zurück – Jury war weit weg, sie würde ihn niemals wiedersehen. Was wollte Selfride denn tun? Bestenfalls gab er ihr die Mittel, zu fliehen; nicht die finanziellen, die sie ja hatte, sondern die technischen, die Möglichkeit …

Sie sah sich, während sie die nassen Spazierwege des Parks dahinschritt, schon durch das Bourtanger Moor, durch die Sümpfe fliehen, über denen sie vor wenigen Tagen Ray Jeffers verfolgt hatte. Dort oder irgendwo anders würde sie wie ein scheues Tier über die Grenze kriechen müssen.

Esther schüttelte den Kopf. Sie wollte nicht. Wenn es mit Jury nicht ging – ohne ihn weiter in diese Arbeit hinein, wieder in diesen heimlichen Kampf, der, wie sie nun erkannt hatte, für ewig zur Hoffnungslosigkeit und Erfolglosigkeit verurteilt war, das konnte sie nicht mehr.

Sie dachte an den Tod und das Sterben, wie man an Ruhe, an ein lockendes Ausruhen denkt. Während des Gehens begann sie den Inhalt ihrer Tasche zu untersuchen – da stieß sie auf einen ihr unbekannten Schlüssel. Sie überlegte eine Sekunde – es war der Schlüssel zu Fräulein Cohns Wohnung. Dort lag das Asyl, dort war die Zuflucht, dort würde sie zu dem Ziel kommen, an das sie seit einigen Minuten wie an einen Märchenwunsch dachte. Sie schritt rasch zur Straße und fuhr in die Wohnung ihrer Freundin.

Nach seiner Ankunft in Berlin war Jury Zagainoffs erster Gedanke, wie er Esther überraschen konnte. Er wußte ja nicht, wo sie wohnte, und konnte sie daher nur über die Redaktion erreichen. Aber er wollte sie wirklich überraschen – da fiel ihm Burg ein, von dem Esther ja genug erzählt hatte! Jury ließ sich in der Redaktion bei Burg melden. Er wurde in das offizielle Empfangszimmer geführt und mußte eine kurze Zeit warten, bis eine kleine, bucklige Person eintrat, in der er nach den Beschreibungen Esthers sogleich Fräulein Cohn erkannte.

Er stellte sich vor. Fräulein Cohn teilte ihm mit, Herr Burg sei vor ganz kurzer Zeit aus dem Hause gegangen, ob sie etwas bestellen solle. Er lachte und sagte ihr geheimnisvoll, er wolle gar nicht zu Herrn Burg, er freue sich, sie kennengelernt zu haben; denn er sei der Freund von Esther Raleigh.

Fräulein Cohn sah ihn an – und dieser Blick ließ ihn still werden.

»Was ist denn geschehen? Sie sehen mich an, als sei ein Unglück passiert?«

»Ich glaube, Fräulein Raleigh ist in großer Gefahr.«

»Hier? Das begreife ich nicht!«

»Ich weiß nur, daß sie von der Polizei beobachtet wird. Herr Burg ist schrecklich aufgeregt – sie ist weggegangen, ach Gott, ich weiß ja nicht, was noch alles werden kann!?«

Er versuchte sie zu beruhigen und erfuhr alles, was Fräulein Cohn selbst wußte. Endlich sagte sie ihm, er solle sie in ihrer Wohnung erwarten – sie gab ihm ihren eigenen Schlüssel –, sowie Herr Burg zurückkomme, wolle sie ihn von seinem Hiersein benachrichtigen. Sie selbst käme in längstens drei Stunden nach Haus. Vielleicht sei auch Esther inzwischen –

Die kleine Sekretärin war ganz außer sich, und Jury sah ein, daß es das beste sein würde, in der Wohnung dort wenigstens eine Zeitlang zu warten. Er verabredete noch, wohin er den Schlüssel legen wolle, falls er nicht solange warten könne, und eilte auf die Straße.

 

Esther saß in dem kleinen Wohnzimmer der Sekretärin. Sie war ganz schlaff und unaussprechlich müde. Hier war es warm und still – wie gut ihr die Ruhe nach den letzten Stunden, Wochen, Monaten, tat! Sie betrachtete mit einem ihr selbst rätselhaften Interesse von ihrem Sitz aus die Möbel, die kleinen Bilder, die Gläser in einem Wandschränkchen – all diese Zeugen eines kleinen und bedürfnislosen Lebens.

Dann dachte sie wieder an sich und schüttelte langsam den Kopf. Das war ein Übergang, ein kurzer Übergang. Sie war ja auf dem Wege, auf dem man nicht umkehren kann. Hatte nicht Jury so gesagt? Jury –

Sie lag halb in dem Sessel, der Fräulein Cohns Stolz war, und sah sehnsüchtig zur Zimmertür. Es war so schön hier – wie herrlich müßte es sein, wenn nun die Tür aufginge und in ihrem Rahmen Jury stände. Esther sah immer noch auf die Tür, deren Umrisse vor ihren Augen verschwammen, denn sie hatte, ohne eine Miene zu verziehen, zu weinen begonnen. Es erleichterte sie, ohne daß sie bemerkte, wie ihre Tränen rannen.

Sie überhörte ein leises Geräusch an der Wohnungstür, sie überhörte leichte Tritte, die sich dem Zimmer näherten.

Plötzlich öffnete sich die Tür – und während Esther sich nicht rührte, trat Jury Zagainoff ins Zimmer. Er sah sie, deren Augen ihn wie einen Schatten verfolgten, im ersten Augenblick nicht, bis ein leises Seufzen ihn zusammenfahren ließ.

In der nächsten Sekunde war er bei ihr, hielt ihren Kopf in seinen Händen und küßte ihren Mund, der eiskalt und naß von salzigen Tränen war. Er küßte Esther, die zuerst an eine Einbildung geglaubt hatte – war Jury nicht auf der Fahrt nach New York? – langsam wach. Sie hob zitternd die Arme, noch in der Furcht, die Gestalt möchte sich beim Versuch, sie zu umfassen, in nichts auflösen, und legte sie um seinen Hals. Und er blieb bei ihr – er blieb da, und sie spürte immer deutlicher seine zärtlichen Küss, seine streichelnden Hände. Sie sah in seine Augen, sie umarmte ihn, sie preßte ihn an sich, sie zitterte und wurde geschüttelt von Schmerz und Liebe.

Er war da! Er war gekommen, als sie sich sein Kommen gewünscht hatte! Er war eingetreten, wie in den Märchen die Geliebten eintreten – o Gott, sie hatte ihn bei sich – Jury, Jury!!

Esther löste ihren Mund von dem seinen und lächelte ihn an:

»Jury – du bist kein Traum, sag mir, Jury, daß du wirklich kein Traum bist!«

Statt einer Antwort hob er sie aus ihrem Sessel empor und trug sie in der Stube hin und her, wobei er ein kleines russisches Lied sang, das er fortwährend unterbrach, um sie zu küssen. Sie schmiegte sich an ihn, fühlte seinen Körper, hielt sich voll Angst und Seligkeit fest an ihm und glaubte immer noch, es sei alles ein Wunder. Aber warum sollten nicht auch Wunder Wirklichkeit sein?

Dann ließ er sie sanft auf einen Diwan niedergleiten und setzte sich neben sie, um ihr zu erzählen, wie er hergekommen sei. Sie hörte zu – wie glücklich konnte es machen, einer leisen Stimme zuzuhören! Nun hatte er geendet, und sie berichtete ihm mit stockender Stimme von dem Vorgefallenen. Zuletzt erzählte sie von der Aussprache mit Selfride und von Burgs Brief.

Jury hörte alles sehr ruhig an, liebkoste sie und überlegte dabei kurz, wie er vorgehen wolle. Endlich kam er zu einem Entschluß:

»Wir fahren jetzt zusammen in die Stadt, Esther.«

»Wohin, Jury, du weißt doch –«

»Wir fahren in den Kaiserhof zu Selfride.«

»Um Gottes willen –«

»Er erwartete dich doch –«

»Aber – Jury – ich bitte dich – ich kann nicht noch einmal.«

»Du wirst kein Wort zu sprechen brauchen – das besorge ich. Ich habe ein paar Zauberworte für Herrn Selfride, die allerlei bewirken werden.«

Er half Esther, die ihn nicht aus den Augen ließ, als fürchte sie, er könne verschwinden, wie er gekommen war; und sie fuhren – keine halbe Stunde, nachdem Esther Raleigh in die Wohnung gekommen war – wieder der Stadt zu.

Auf der Fahrt sah Esther, die sich im Wagen eng an Jury lehnte und nicht abließ, seine Hände und sein Gesicht zu streicheln, immer wieder voller Angst aus dem Fenster, ob nicht Verfolger hinter ihr seien. Sie konnte nicht ahnen, daß aus unerforschlich bürokratischen Gründen in ihrer Beaufsichtigung eine Pause eingetreten war. Dongen hatte seine Leute zurückbeordert, und der Haftbefehl des Untersuchungsrichters brauchte bis zum Einsetzen der Nachforschungen erfahrungsgemäß mindestens einige Stunden.

Da hielten sie vor dem Kaiserhof, Jury half Esther beim Aussteigen und führte sie in Begleitung eines Pagen zum Fahrstuhl. Auf einen Wink Jurys bedeutete sie dem Hotelangestellten, daß sie das Zimmer Selfrides kenne und keine Führung dorthin brauche. Der Page zog sich zurück, und die beiden schritten bis zur Tür von Selfrides Zimmer. Esther klammerte sich fest an Jury an, während er leise anklopfte.

Niemand meldete sich. Er öffnete die äußere Tür und klopfte nochmals an die innere, wieder kam keine Antwort. Da zog Jury den Außenteil der Doppeltür hinter ihnen zu – sie standen in dem dunklen Zwischenraum –, dann klinkte er die Innentüre auf und trat mit Esther ins Zimmer.

Das erste, was sie sahen, war ein Mann, der in einem Sessel saß und ihnen den Rücken kehrte. Es schien Selfride zu sein. Aber weshalb drehte er sich nicht um? Er mußte ihr Kommen doch gehört haben! Von einer unklaren Ahnung erfaßt, ließ Esther Jury los und eilte nach vorn. Als sie vor dem Reglosen stand, stieß sie einen Schrei aus und fiel dem herbeieilenden Jury in die Arme. Erst auf den Schrei hin öffnete sich die Tür zum Nebenraum mit einem Ruck – und Selfride erschien auf der Schwelle. Er starrte Jury und die halb ohnmächtige Esther mit einem fassungslosen Blick an, bevor er stammelte:

»Mein Bruder – mein – er ist tot – Mein Gott – wie, wer?«

Erst jetzt fiel ihm auf, wer im Zimmer war, er fuhr zusammen und musterte Jury, der ihn ruhig ansah, genauer. Zagainoff hatte Esther zu einem Stuhl geführt und trat nun auf Selfride zu, der langsam zurückwich:

»Sie kennen mich gut, Hal Selfride. Wir brauchen einander nicht vorzustellen. Sie kennen mich fast so gut, wie Sie Esther Raleigh kennen.«

»Wie kommen Sie jetzt – hierher? Wissen Sie, was geschehen ist?«

»Ich weiß, was Esther weiß, das genügt – für mich und für Sie, Selfride. Was ist mit Ihrem Bruder?«

»Er – ich – wir hatten eine Auseinandersetzung – nach dreißig Jahren – er war es ja, durch den ich damals – fort mußte – Aber das interessiert Sie ja gar nicht, es war –«

Er trat plötzlich auf Esther zu, die ihn mit schreckerfüllten Augen ansah.

»Es ging um Sie, Esther Raleigh! Ihretwegen war er hier – Ihretwegen zum erstenmal nach einem Menschenalter! Oh – er hatte gut reden, sehr gut reden, zuerst! Bis ich ihn erinnerte! Bis ich ihm noch einmal sagte, was ich damals geschrien hatte. Damals hatte er nicht gehört – damals ließ er mich laufen, ich war der Verlorene, der Ehrlose, der kleine Betrüger, der seinen Beruf, seinen stolzen Beruf besudelt hatte – Ja, meine liebe Esther Raleigh, ich habe so angefangen wie Sie, genau so – und ich bin auf denselben Weg wie Sie gekommen, auch genau so! Mein Bruder gab mir den ersten Auftrag – und als ich – als ich ein wenig zu weit ging – war es aus! Haha! Sehen Sie mich nicht so an! Ich werde mich revanchieren! Sie brauchen nicht näher zu treten, Zagainoff! Keine Bange, Kinder!«

Er trat zu Burg, der zusammengesunken im Sessel lag, und der Ton seiner Stimme wurde ruhig und menschlich:

»Er hat mich gebeten – ach, es war ja so ein Unsinn – Er hatte Sie sehr lieb, Esther! – Sie können nicht ermessen, was es für ihn bedeutete, hierherzukommen. Zuerst das Gebrüll; er schrie mich an und machte mich mit seinen Vorwürfen Ihretwegen rasend, bis ich ihm all das ins Gesicht schrie, was ich dreißig Jahre mit mir herumgetragen habe – dann besannen wir uns beide. – Er war mit einemmal matt geworden, beinahe schläfrig; aber er ließ nicht locker. Er – er beschwor mich – er wußte, was er mir sagen mußte, um mich klein zu kriegen. Es gibt ein paar Dinge – ich habe ihm versprochen, Ihnen zu helfen. Und als es so weit war, stand er noch einmal auf, kam auf mich zu und gab mir die Hand – Nicht mehr, ganz einfach, was? Ein Zwillingsbruder gibt dem anderen die Hand. Aber es waren dreißig Jahre vergangen seit dem letztenmal, wo er es getan hatte. – Dann fiel er um, und ich schleppte ihn in den Stuhl, weil ich glaubte, es sei eine Ohnmacht.«

Selfride war wie verwandelt. Esther hörte nicht seine Stimme, der da sprach, war Burg, ihr alter, ihr bester Freund Siegfried Burg – aber der lag ja da im Sessel und war tot. Hal Selfride ging auf und ab. Seine Augen hatten ein anderes Licht bekommen, seine harten Hände schienen schmaler und nervöser geworden zu sein. Er trat zu Esther und strich über ihren gebeugten Kopf – und es war Burg, der sie liebkoste. Er ging zu Zagainoff und stand vor ihm – ein Mann vor einem anderen.

Dann begannen die beiden zu reden, während Esther wankend aufstand und zu dem toten Burg schlich. Jury und Selfride berieten über die Flucht; sie wußte es, obwohl sie kein Wort verstand. Sie kniete vor Burg, seine Rechte hing schlaff herab, sein Gesicht war ganz friedlich und still geworden. Die wulstigen Massen dieses Antlitzes waren vom Tod gebändigt und zurückgedrängt worden – der dort vor ihr lag, war kein häßlicher Mann mehr, sondern ein mächtiges Bild. Sie sah ihn an und vermeinte zu sehen, wie das Gesicht langsam seine Züge veränderte, fremder wurde, der alten Form entwich. Sie vermeinte zu erkennen, wie die Seele sich entfernte, erst langsam, dann immer schneller aus dem unbrauchbaren Körper fliehend – sie erhob sich nach einem letzten Blick und trat zu den beiden, die noch in leiser Unterhaltung dastanden.

Jury erklärte Esther, daß man sofort an Flucht denken müsse. Auch für Selfride habe sich die Lage in der letzten Stunde entscheidend geändert. Es sei zwar kein Zweifel, daß Burg eines natürlichen Todes gestorben sei – aber trotzdem würde das Finden der Leiche in diesem Zimmer für Selfride sehr ungünstige Folgen haben. Es gab noch einige Leute, die ihn von früher her kannten – das genügte, um ihn gewissen Amtsstellen aufs höchste verdächtig zu machen. Außerdem gäbe es, wenn die Untersuchung weitergeführt werde, genug andere Punkte, die eine schleunige Abreise wünschenswert erscheinen ließen, wenn Ray Jeffers aussagte – und das würde sie im Laufe des Prozesses bestimmt tun –: Selfride mußte ebenso schnell fort wie Esther.

Er verfügte ja hier immerhin über eine Organisation, die ihm ohne weiteres zu Gebote stand, United Service reagierte auch auf feine Zeichen, vom Hotel aus telefonierte er an eine bestimmte Stelle, das Berliner Sekretariat von U. S. f. P. I., und bestellte einen Wagen sofort zum Kaiserhof und ein Sonderflugzeug mit Brennstoff für tausend Kilometer an den bekannten Ort.

Dann legte er mit Jurys Hilfe seinen Bruder auf das Bett im Nebenzimmer und blieb, nachdem die beiden hinausgegangen waren, noch einige Minuten allein bei dem Toten.

Das Telefon schrillte, Selfride kam aus dem Schlafzimmer, um den Hörer abzuheben. Es wurde ihm vom Portier gemeldet, sein Wagen halte unten. Er nahm kein Gepäck mit außer einer kleinen Handtasche und verließ mit den beiden anderen sein Zimmer, das er sorgfältig abschloß. Unten gab er den Schlüssel wie stets ab und sagte beiläufig, er werde in drei bis vier Stunden zurück sein. Dann saßen sie im Auto, das ein durch Mütze und Schutzbrille unkenntlicher Mann lenkte, und fuhren in westlicher Richtung aus der Stadt. Sie kamen außerhalb des Weichbildes von Berlin auf höchste Geschwindigkeit, der Wagen flog in Richtung Staaken nach Nordwesten.

Hinter dem Flugplatz Staaken, wo sie die Fliegerschule bei Übungen sahen, ging es in einer Kurve nach Südwest, bis sie auf einem Feld hielten, in dessen Mitte, innerhalb eines freundlichen Rasenplatzes, eine Villa stand. Sie gingen auf das Haus zu, während das Auto wieder zurückfuhr. Man hatte sie wohl kommen sehen, jedenfalls eilten zwei Leute ihnen entgegen. Beide hatten Fliegeranzüge an. Sie grüßten kurz, Selfride sprach englisch mit ihnen und fragte, ob alles bereit sei, was sie bejahten.

An der Rückseite des Hauses, dem Walde zu, war ein scheunentorähnliches Portal, das nun von den beiden geöffnet wurde. Drin stand eine Flugmaschine, die Flügel waren seitlich zurückgeklappt. Die beiden rollten das Flugzeug heraus, es glitt auf einem Wagenrahmen, der in Schienen lief. Auf dem Feld wurde die Maschine gesenkt, der eine der beiden Flieger ließ den Wagen zurückfahren, der andere hob mit Selfrides und Jurys Hilfe die Flügel nach vorn an den Rumpf und befestigte die Sicherungsbolzen. Dann stiegen die drei Passagiere und der Führer ein. Der zweite Mann kam aus dem Haus gelaufen, warf auf ein kurzes Kommando die Schraube an – Esther hörte das ohrenbetäubende surrende Heulen wie eine alte liebe Musik.

Die Maschine kam ins Gleiten, der Ton des Motorengeheuls wurde immer heller – jetzt kamen sie vom Boden los – der Wald jagte heran, sank, versank unter ihnen – sie stiegen, reißend hochgetragen –.

Jury faßte die Hände der neben ihm sitzenden Esther und sah sie mit einem langen Blick an. Selfride beugte sich vor und schrie den beiden durch den Lärm zu:

»Unseren Vogel holt uns keiner! Wir kommen auf fast dreihundert Stundenkilometer, in zwei und einer halben Stunde sind wir über Schweizer Gebiet und in Sicherheit!«

Esther lächelte zurück und sah wieder aus Jury. Unter ihnen zog die abendliche Landschaft rasch hinweg, hier oben traf die Sonne noch schräg auf die Metallflächen der Maschine und vergoldete die Flügel. Die Erde lag unendlich tief unter Esther und Jury, sie war verschwunden, verschwunden wie die Vergangenheit, an die sie nicht mehr denken wollten.

Nur Selfride saß wach und wieder mit seinem alten Gesichtsausdruck auf seinem Platz. Er hatte eines der in der Kabine befindlichen Kursbücher zur Hand genommen und studierte die Bahn- und Schiffahrtsverbindungen von der Schweiz nach den Vereinigten Staaten. Genua oder –? Er überlegte und kombinierte die nächsten Möglichkeiten und Entwicklungen.

Als Fräulein Cohn in ihre Wohnung kam – sie fand den Schlüssel, den sie Jury gegeben hatte, am verabredeten Platz –, sah sie den zweiten Schlüssel auf dem Tisch. Esther und der Fremde hatten sich also getroffen und waren fortgegangen. Die kleine Sekretärin setzte sich still in ihren Sessel und sah vor sich hin. Sie wußte, daß sie Esther nie wieder sehen würde – sie war in ihr Leben getreten und wieder davongegangen. Und sie hatte kein Wort, keinen Gruß, kein kleines Zeichen für sie hinterlassen – ach ja, sie war ja nicht mehr allein, sie hatte ja nun einen Mann, der ihr nahestand, näher als sonst irgendein Wesen.

Das arme bucklige Fräulein legte ihre dünnen Hände übereinander und hatte ein schmerzliches Lächeln in den Mundwinkeln, verzichten – du lieber Gott, sie tat ja ihr ganzes Leben lang nichts anderes als das! Nun hatte sie nur noch ihre Arbeit und ihren Chef Burg. –

Die Dämmerung hatte das Zimmer schon halb unsichtbar gemacht, als ihr Telefon klingelte. Sie schrak zusammen und eilte hin. Es wurde ihr von der Redaktion mitgeteilt, man habe im Hotel Kaiserhof in einem Zimmer, das einem Herrn Selfride gehöre, soeben die Leiche des Herrn Siegfried Burg gefunden. Sie solle sofort hinkommen, um den Toten, dessen langjährige Mitarbeiterin sie sei, zu agnoszieren – es sei eine reine Formensache.

Mit zitternden Fingern legte Fräulein Cohn den Hörer auf. Sie weinte nicht, obwohl diese Nachricht nun auch den letzten Rückhalt zerstört hatte, den sie noch zu haben glaubte. Burg war tot. Sie zog sich mechanisch an, ging die Stiege hinab und fuhr in das Hotel, um den Mann zum letztenmal zu sehen und mit Namen zu nennen, dessen Arbeit sie länger als ein Jahrzehnt geteilt hatte.

 

Esther Raleighs nun bekanntgewordene Flucht, Burgs Tod und das Verschwinden des Amerikaners Selfride standen, wie Inspektor Symes leicht erkennen konnte, in innigem Zusammenhang, aber immer noch fehlte ihm der Schlüssel zu dieser Affäre. Er fuhr mit dem Bewußtsein nach London zurück, ein paar Buchstaben eines unbekannten Alphabets einer fremden Sprache entdeckt zu haben, ein nicht sehr angenehmes Gefühl. Dongen hatte – zu spät, wie sich herausstellte – die Beobachtung Esthers wieder angeordnet. Es konnte lediglich festgestellt werden, daß sie mit dem Amerikaner Selfride und einem Unbekannten das Hotel verlassen hatte. Niemand hatte sich die Nummer des Autos gemerkt – wer hätte auch daran denken sollen?

Dongen vermutete zwar sogleich, daß die Flucht mit einem Flugzeug erfolgt sei – aber in einer ihm selbst unbegreiflichen Stimmung verzögerte er die Mitteilung dieses Verdachtes an die Polizei um ein paar Stunden. Wollte er der Agentin Zeit lassen, zu verschwinden? Er sprach niemals später von ihr – es war eine kurze, erfolgreiche Episode gewesen, ein glücklicher Vorstoß in dem heimlichen Kampf, den er aus deutscher Seite führte.

Da keine offiziellen Kommuniqués herausgegeben wurden und alle Beteiligten sich hüteten, über die Angelegenheit etwas zu äußern, vergaß man in der Redaktion sehr bald, was vorgefallen war. Burgs Tod hatte eine große Lücke gerissen, die man zuerst nur notdürftig mit einem anderen ausfüllen konnte. Aber keine Sorge, der neue Mann würde sich schnell einspielen, der Apparat war ja da und intakt – Mersheim hatte keinen Grund, mit der Entwicklung übermäßig unzufrieden zu sein, und konnte weiterhin seine geschliffenen, klugen und abwägenden Artikel schreiben.

 

Esther und Jury wurden durch einen Ruf Selfrides darauf aufmerksam gemacht, daß sie im Begriff waren, die deutsche Grenze zu überfliegen. Sie sahen den Bodensee und den Faden des Rheins im Landschaftsteppich schimmern, die Maschine fuhr nach Zürich, in dessen Nähe man niedergehen sollte.

Das Flugzeug kreiste in einem gewaltigen Bogen über dem Züricher See und schoß dann im Gleitflug nieder, um auf einem weiten Rasenplatz aufzusetzen. Die Passagiere stiegen aus, Selfride gab dem Piloten noch einige Anweisungen, warf dann selbst den Propeller an – und ein paar Minuten danach surrte der glitzernde Vogel bereits in großer Höhe davon. Nun wandte Selfride sich an das Paar, das nebeneinander auf der Wiese stand und um sich blickte:

»Sie sind hier in Sicherheit, Esther Raleigh. Dies ist das Asyl Europas, hier haben Sie nichts zu befürchten. Und wenn Sie einmal fort wollen, irgendwohin – hier ist eine Adresse, über die Sie mich erreichen werden, solange ich lebe. Ach – United Service gibt Sie frei, ganz frei – wir danken Ihnen. Ich muß jetzt weiter, ich kann nicht hierbleiben, ich bin nicht mehr jung genug dazu, um am Ausruhen Freude zu haben. Leben Sie wohl, Esther, denken Sie zuweilen an meinen Bruder – Leben Sie wohl.«

Er reichte Esther die Hand, die sie nahm und heftig drückte. Sie hatte alles Gefühl für Zeit und Raum verloren; hier stand sie auf einer mondhellen Wiese im Vorfrühling, ein freier Mensch, Jury ihr zur Seite – sie gab Selfride die Hand und atmete mit Entzücken die reine Luft ein. Selfride wandte sich an Jury:

»Das erstemal, daß wir ein Stück Weges gemeinsam hatten, Zagainoff, wie?«

»Wahrscheinlich auch das letztemal –«

»Sicher, aber in Zukunft –«

»Sie wissen, Selfride, daß ich nicht vergessen werde, wer Esther gerettet hat – Rußland –«

»Wenn es so weit ist, Zagainoff, werde ich rechtzeitig verschwinden – nach Rußland komme ich sicher nicht. Wir haben nie darüber geredet – ich stand Ihnen, Ihrer Partei einmal sehr nahe – aber ich habe dieses verunglückte Teilexperiment von Anfang an verurteilt, das konnte man mir nicht verzeihen. Es wird bald so weit sein, daß Europa von neuem in Flammen steht; und diesmal wird es anders werden wie 1914 – aber ich will nicht prophezeien. Leben Sie wohl, Jury. Ich werde ebensowenig wie Sie verschiedenes vergessen – auch wenn Sie in den Staaten sein sollten –«

Jury lächelte ihn an. Sie standen einander gegenüber, zwei offene Feinde, die sich ohne Visier, ohne Maske die Hände schüttelten.

Dann wandte sich Selfride langsam ab, hob seinen Hut noch einmal, daß die große Kugelglatze seines mächtigen Schädels aufschimmerte, und schritt langsam von der Wiese zur Straße. Jury faßte Esthers Arm und drehte sich der Stadt zu. Sie gingen beide auf der sanft abfallenden Wiese vorwärts, weit vor ihnen lagen die Dächer Zürichs und dahinter der weite See im Scheine des Mondes.

Esther hielt plötzlich inne, um Jury zu küssen. Sie standen eine ganze Weile eng umschlungen, bis sie ihn leise fragte:

»Und du, Jury?«

»Ich fahre übermorgen, Esther – oder soll ich alles von mir werfen?«

Sie schüttelte tapfer den Kopf, während sie ihren Kummer unter einem Lächeln verbarg:

»Und wann kommst du wieder, Jury, mein –?«

»Ich bin meist in Europa. Wir werden uns oft sehen, sicher wenigstens einmal in jedem Monat.«

»Zwölfmal im Jahr –«

Esther drängte sich fester an ihn. Sie schritten rasch aus. Heute sollte Esther noch in Zürich bleiben, bis sie irgendwo in der Südschweiz, im Tessin, ein kleines Häuschen kaufen und darin leben würde. In der Stadt, die sie freundlich mit alten Häusern und engen Straßen empfing, dachte Esther plötzlich an Fräulein Cohn. Wie allein mußte sie sich fühlen. Sie ging mit Jury zur Post, um ein Telegramm an die Sekretärin des toten Burg aufzugeben: sie solle umgehend zu ihr kommen. Esther würde sich freuen, mit ihr zusammen in einem kleinen Schweizer Häuschen ganz still zu leben, als gäbe es kein Europa, keine Politik, keinen Kampf und kein Leid. Sie war in dem Gedanken, dem kleinen Fräulein noch ein paar glückliche Jahre bereiten zu können, froh wie ein Kind und wollte in Zürich bleiben, bis die Antwort aus Berlin eingetroffen sein würde.

Als sie an Jurys Arm aus dem Postgebäude trat, war alles Vergangene von ihr abgefallen, und sie ging mit festem Schritt in die nächtliche Stadt. Die Zukunft war nicht leuchtend, aber sie schien ruhig zu sein. Sie würde Jury selten sehen, aber er würde in Gedanken stets bei ihr sein. Niemals mehr würde Esther Raleigh allein sein. –

Sie wußte nicht, wie Fräulein Cohn sich zu dem Telegramm verhalten würde. Der Postbote hatte lange vergeblich an deren Tür geklingelt und den zusammengefalteten Zettel schließlich in den Briefeinwurf geschoben.

Die bucklige Sekretärin hatte am Morgen wie immer ihren Dienst aufgenommen. Sie war dem neuen Mann gegenüber genau so bescheiden, zurückhaltend und beinahe schüchtern, wie sie es Burg gegenüber gewesen war. Es fiel kaum einem der Redakteure auf und sicher keinem der Besucher, daß sie noch stiller war als gewöhnlich.

Erst am Abend fand sie Esthers Depesche aus Zürich. Sie las die wenigen herzlichen Worte noch auf dem Flur ihrer winzigen Wohnung. Dann ging sie langsam ins Zimmer, ohne Licht zu machen, und setzte sich in ihren Sessel. Auf dem Nähtischchen vor ihr lag der Schlüssel, den sie Esther geschickt hatte, daneben schimmerte hell das Telegrammformular. Das alte Fräulein sah sich langsam im Raum um – das war ihr Heim, dies alles hatte sie selbst sich geschaffen – allein, stets allein. Und nun schrieb Esther, die schöne, blendende Esther, ihr, sie solle nach der Schweiz kommen. –

Nein, es ging nicht. Go gut es gemeint war, es war nicht möglich. Sie mochte nicht absagen, sie würde schweigen, sie würde vergangen sein, wie Esther Raleighs ganze Vergangenheit vergessen sein mußte, damit Gegenwart und Zukunft möglich würde. Fräulein Cohn ließ den Kopf auf ihre arme verwachsene Brust sinken und hockte in der Dunkelheit wie ein zerzauster, einsamer Vogel auf einem Dachfirst. Esther würde warten – Esther würde vergessen – und sie würde weiter Sekretärin in der »Welt« sein. Dies war ihr Schicksal, und sie hatte keine Kraft, es ändern zu wollen.

 

Bevor noch das deutsch-englische Chemiebündnis Wirklichkeit wurde, protestierte Frankreich gegen den Versuch geheimer Abmachungen auf diesem Gebiet, die Vereinigten Staaten legten ihr Veto gegen Vereinbarungen ein, die sie als eine Gefahr empfanden, und in einer der angesehensten Zeitungen der Union wurden auszugsweise gewisse Vorschlagstexte publiziert, die den Rücktritt und das Verschwinden Larkers von der politischen Bühne zur Folge hatten.

Nur sehr selten blieb Hal Selfride, der Chef es der United Service, in seinem Büro in New York, das er jetzt kaum mehr verließ, vor einer großen Karte der Erdstaaten stehen und sah gedankenvoll auf einen kleinen Fleck in Europa, die Schweizer Republik.

Ende

 

Dieses Werk ist als erster Band der zwölften (Allgemeinen) Jahresreihe für die Mitglieder des Volksverbandes der Bücherfreunde hergestellt worden und wird nur an diese abgegeben. Der Einband ist entworfen von Rafaello Busoni. Der Druck ist in Ehmcke-Schwabacher durch die Spamersche Buchdruckerei in Leipzig erfolgt. Gebunden wurde das Buch in echtes Ziegenleder von der Buchbinderei-Abteilung des Volksverbandes der Bücherfreunde, Wegweiser-Verlag G. m. b. H.

 << Kapitel 17 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.