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Der heimliche Kampf

Michael Corvin: Der heimliche Kampf - Kapitel 15
Quellenangabe
authorMichael Corvin
titleDer heimliche Kampf
publisherWegweiser-Verlag G. m. b. H.
yearo.J.
firstpub1930
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20181125
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14

Als Esther ins Hotel zurückkam, teilte ihr der Portier mit, daß ein Herr nach ihr gefragt habe, der sie jetzt in dem kleinen Café des Hauses erwarte. Im ersten Augenblick fürchtete Esther schon, daß es die britische Polizei oder sonst irgend jemand sei, den sie zu fürchten habe; aber es hätte keinen Zweck, sich jetzt verstecken zu wollen, wenn man ihren Aufenthaltsort schon ermittelt hatte. Sie raffte also ihren Mut zusammen und ging mit möglichst sicheren Schritten in das kleine, altmodisch eingerichtete Café.

Der erste Mensch, den sie sah, war Jury Zagainoff. Sie traute ihren Augen nicht, wie konnte Jury hierherkommen, und wie konnte er sie finden? Er hatte sie auch gesehen, stand auf und eilte ihr entgegen, um die bestürzte Freundin zu seinem Tisch zu führen und ihr von seinen Erlebnissen zu erzählen. Aber in den ersten Minuten war Esther gar nicht imstande, zuzuhören oder zu verstehen, was er sagte. Sie konnte ihn immer nur ansehen und ließ ihre Hände regungslos im Schoß liegen, während Jury sie unablässig streichelte und so hastig erzählte, als fürchte er, irgend etwas zu versäumen. Erst nach kurzer Zeit begann sie, aufmerksam zu werden, und erfuhr nun von Hardleys Verhaftung, von der Jury gerade noch gehört hatte, bevor er abgereist war. Sie hörte weiter, daß über ihr Verschwinden im Savoy einige Unklarheit herrsche, und daß man glaube, die Polizei bemühe sich um die Aufklärung, indem sie einen Unglücksfall oder dergleichen annähme.

»Und du selbst? Wie bist du selbst hierhergekommen? Mir hat Selfride nur mitgeteilt, daß ich auf der Post vielleicht Nachrichten von dir vorfinden würde. Wie kamst du auf meine Adresse hier?«

»Nicht durch Selfride, Esther. Er gab mir in seiner zarten und taktvollen Art nur darüber Nachricht, daß ich dich in Brüssel unter einer bestimmten Chiffre postlagernd erreichen könne. Da ich annehmen mußte – bei Herrn Selfride läßt sich sehr schwer etwas anderes annehmen –, daß er mir eine Falle stellen wolle, um vielleicht kompromittierende Briefe abzufangen, ging ich selbständig vor. Ich telegrafierte einem Freunde hier, das Postamt überwachen zu lassen und zu ermitteln, wer Briefe unter der genannten Chiffre verlangt. So erfuhr ich, daß du dich frei bewegen kannst, und bin eine Stunde nach Erhalt dieser Nachricht hierhergekommen.«

»Aber konntest du so ohne weiteres aus London fort?«

Jury sah zu Boden und schwieg einen Augenblick lang.

»Ich bin unterwegs. ja, Esther, ich bin unterwegs nach New York und muß von dort aus nach Mexiko fahren. Hierherzukommen war nicht leicht; aber ich konnte nicht fort, ehe ich dich nicht wenigstens noch einmal gesehen und gesprochen hatte. Wir haben ja beide keine Ahnung, was aus uns wird; keine Ahnung, wo wir in der nächsten Zeit hingeworfen und herumkommandiert werden.«

Und als er Esthers plötzlich tieftrauriges Gesicht sah:

»Aber die Erde ist ja klein, Esther. Leute wie wir sind auf ihr zu Hause wie andere in ihrer Stadt oder ihrem Dorf. Es werden ja nur Wochen sein, vielleicht zwei oder drei Monate, bis ich wieder nach Europa zurückkomme und wir uns treffen.«

»Und wo werde ich in zwei oder drei Monaten sein? Wo werde ich in einigen Wochen hinkommen?«

Esther starrte mit einem trüben Blick durch das Café, ihre Augen blieben an den Glasbuchstaben der Fenster haften, die von innen, in Spiegelschrift gesehen, einen dunklen und fremdartigen Eindruck machten. Jury faßte wieder nach ihren Händen und drückte sie sanft:

»Ich fürchte, ich habe dich zu sehr erschreckt, damals, als ich dir eine graue Zukunft schilderte. Es scheint, daß ich unrecht hatte. Selfride muß großen Wert auf dich legen, daß er so für dich eintrat, versuche doch, nach Deutschland zurückzukommen und dich dort von ihm zu lösen. Noch weißt du nicht so viel über die Arbeit von United Service, um ihm gefährlich zu erscheinen, wenn du weitere Mitarbeit verweigerst.«

Esther sah ihn an, sie glaubte an seine Überzeugtheit, aber sie zweifelte an der Durchführbarkeit dieses Vorschlages. Es war nicht so leicht, sich freizumachen, wie Jury dies anzunehmen schien. Gewiß, sie kannte noch keine Geheimnisse von Selfride; aber er kannte vieles von ihm. Aber zu diesen Grübeleien blieb ja immer noch Zeit. Jetzt war Jury hier, und sie wollte alles vergessen, um die wenigen Stunden mit ihm ungequält und frei zu verleben. Er erklärte, bis zum nächsten Morgen Zeit zu haben; sein Gepäck sei bereits im Hotel, denn er wohne wie in London natürlich im gleichen Hause mit Esther.

Erst jetzt, nach dieser ersten Aussprache, fühlte sich Esther Raleigh freier. Sie freute sich wie ein Kind auf den Abend in der fremden Stadt, diesen Abend, den sie mit Jury zusammen ohne jedes Bedenken verleben wollte.

Es war kurz vor acht Uhr, am Morgen des nächsten Tages. Das Wetter war strahlend schön, Sonnenreflexe blitzten, von sich öffnenden Scheiben hin und her geworfen, über den Hof des Hôtel de Genève und warfen funkelnde Lichter in Esthers Zimmer, dessen Vorhänge noch geschlossen waren. Sie selbst lag noch in tiefem Schlaf, neben Jury, der schon seit einer Stunde wach war, sich vorsichtig aufgerichtet hatte und die Schlafende betrachtete. Sie hatte an dem vergangenen Abend und in der Nacht nicht mehr Zeit gefunden, ihn zu fragen, wann er fort müsse, und er hatte es vermieden, ihr den genauen Zeitpunkt zu sagen.

Nun begann draußen eine Uhr zu schlagen, andere fielen ein, die ganze sonnige Luft schwang im Läuten der Uhrglocken. Ohne Esther zu wecken, erhob Zagainoff sich vollends, ging zu dem kleinen Schreibtisch im Zimmer und kritzelte ein paar Worte auf ein Blatt, ehe er lautlos den Raum verließ. Er traf glücklicherweise niemand auf dem Korridor des soliden Hotels und kam unangefochten in sein Zimmer, wo er sich rasch anzog und einen zweiten ausführlichen Brief an Esther schrieb, den er später vor dem Verlassen des Hauses dem Portier mit der Bitte gab, ihn Miß Raleigh zu übermitteln. Eine halbe Stunde danach war Jury Zagainoff bereits auf dem Wege nach Hoek van Holland, um dort den Dampfer nach New York zu erreichen.

Esther erwachte von einem Sonnenblitz, der über ihr Gesicht flog und sie einen Augenblick lang blendete, als sie noch schlaftrunken sich umdrehte. Sie flüsterte Jurys Namen und öffnete die Augen, als sie keine Antwort vernahm.

Da sah sie, daß der Platz neben ihr leer war. Sie war mit einem Sprung aus dem Bett und schon auf halbem Wege zur Tür, als sie plötzlich mit herabhängenden Armen stehenblieb und wie ein Mensch, der aus einem beglückenden Traum erwacht, schwer aufseufzte. Sie sah sich mit einem müden Blick im Zimmer um und entdeckte ohne sonderliche Überraschung das Blatt auf dem Schreibtisch. Sie trat heran und las die wenigen Worte, die Jury zurückgelassen hatte. Sie las und merkte es nicht, wie ihre Tränen auf das Blatt tropften und die Schrift zerfließen machten.

Sie verstand ihn, ja, gewiß, sie verstand ihn. Er wollte ihr einen langen und schmerzlichen Abschied ersparen. Er war gegangen, leise und still wie ein Traum, und er würde nicht wiederkommen, so wie man einen schönen Traum nicht wieder träumt. Das Weinen beruhigte sie, sie zog die Fenstervorhänge zurück und sah in den leuchtenden Himmel. Nun war er also fort, schon weit fort. Sie wußte nicht, von wo er abfuhr, und kannte von seinem Ziel nur zwei Begriffe, riesige Städte, in denen der einzelne verlorener und einsamer war als ein Mensch in der Wüste.

Sie wusch sich, zog sich mechanisch an und betrachtete sich im Spiegel. Sie strich ihr Haar zurück, sah sich selbst in die Augen, große, dunkle Augen, deren Weiß bläulich schimmerte, und blickte dann auf ihren Mund, der noch rot war von Tränen, deren Salz er geschmeckt hatte, und von der Erinnerung an die vergangene Nacht. Und auf einmal entdeckte sie, ganz zart, wie eine Spur, die ein welkes Gras im Sande zeichnet, zwei feine, kurze Linien an ihren Mundwinkeln, zwei winzige Falten, die wie mit einer Radiernadel eingeritzt erschienen. Sie sah darauf hin, ihr Blick wanderte wieder zum Munde, zu dem sanften Inkarnat ihrer Wangen, zu den Augen und den darüber klar gezeichneten schwarzen Bogen der Brauen. Er wanderte über die Stirn, die noch glatt und ohne Falten war, und zu ihrem schwarzen Haar, welches das Licht in breiten Flecken reflektierte. Sie sah dies alles und betrachtete es, wie man ein fremdes Bild betrachtet, prüfend und mit der Verpflichtung zur Skepsis: Ist es echt? Wie lange hielt es stand, und wie lange wird es noch standhalten?

Dann lächelte sie sich zu, und es war ein anderes Lächeln als alle früheren. Es war das Lächeln einer Frau, die von Illusionen lebt, ohne sich selbst noch welche zu machen. Es war ein Lächeln, hinter dessen Müdigkeit und Gelassenheit sich eine tiefe Enttäuschung und eine unaussprechliche Gefährlichkeit verbarg; Selfride hätte dieses Lächeln mit einer Mischung von Zuversicht und Respekt aufgenommen.

Sie strich sich mit der Hand über das Gesicht, als wolle sie alles, was da eben zu ihr gesprochen hatte, fortwischen und unsichtbar machen. Und nun war dieses Antlitz wieder die ruhige, ein wenig spöttisch und leise lächelnde Maske der Miß Esther Raleigh, Sonderberichterstatterin der »Welt« und Agentin von » United Service«.

Als sie hinunterkam, übergab ihr der Portier Post. Es war ein im Hotel selbst abgegebener Brief, Jurys Schreiben, in dem er noch einmal Abschied nahm, seine amerikanischen Adressen angab und ihr, falls sie in Brüssel irgendeine Hilfe brauche, seinen Freund Dawidowitsch in der russischen Vertretung empfahl. Außerdem war ein Telegramm angekommen, das von Selfride stammte und in dem sie aufgefordert wurde, sich neue Nachrichten von der Hauptpost zu holen.

Sie ließ sich Zeit, frühstückte und schlenderte dann zum Postamt, wo sich unter der vereinbarten Chiffre ein Brief vorfand. Es wurde ihr mitgeteilt, daß sie sich für denselben Abend zur Reise nach Berlin fertigmachen solle. Im den Mittagsstunden werde ein Kurier aus London eintreffen, der ihr neue Mitteilungen und Material übergeben würde. In drei Tagen sollte sie vormittags elf Uhr im ersten Stock der Konditorei Kranzler in Berlin auf neue Mitteilungen warten.

Esther las dieses Schreiben und mußte sich gestehen, daß Herr Selfride sie nicht anders behandelte, als man eine Schachfigur behandeln würde. Es waren trockene militärische Befehle, Anordnungen, die keinen Widerspruch duldeten, weil sie einfach keinen erwarteten. Sie vernichtete dieses Schreiben wie alle derartigen Mitteilungen, gab im Hotel die notwendigen Anweisungen und besorgte sich selbst ihre Fahrkarte, um die Zeit zu verbringen. Nach dem Mittagessen, das sie in einem kleinen Restaurant unfern des großen Marktes eingenommen hatte, ging sie wieder ins Hotel und sagte dem Portier, sie halte sich im Lesezimmer auf und sei dort für etwaige Besucher zu sprechen.

Der angekündigte Bote kam gegen drei Uhr und übergab ihr ein umfangreiches Paket, ohne sich über den Inhalt, der ihm selbst unbekannt zu sein schien, auszulassen. Sie wollte den Mann zuerst nach Selfride fragen, besann sich aber dann und erkundigte sich nur, ob Herr Hardley noch in London sei. Die Antwort des Mannes, Mister Hardley sei in Soho ermordet worden, war so verblüffend, daß Esther zurückfragte, ob denn die Nachricht von seiner Verhaftung, von der sie gehört habe, nicht zutreffe. Der Bote zuckte die Schultern, wollte von nichts wissen und verabschiedete sich von der immer noch erschütterten Esther.

Also Hardley war tot. Sonderbar. Und vorher hatte man ihn verhaftet, wie stimmte das zusammen? Sie wollte mit aller Gewalt vermeiden, an eine Kombination zu glauben, die sich ihr immer wieder aufdrängte und die wie eine schreckhafte Vision vor ihrem Geiste stand. Hatte Selfride Hardley beseitigen lassen? Je mehr sie versuchte, andere Gründe, harmlose oder jedenfalls erklärliche, dafür zu finden, daß Hardley unter so rätselhaften Umständen plötzlich gestorben war, um so mehr verstärkte sich in ihr das Gefühl, dies sei ein Werk von United Service, um einen gefährlichen, vielleicht unbrauchbar gewordenen Mitwisser unschädlich zu machen.

Sie ging zum letztenmal auf ihr Zimmer, das größere Gepäck war bereits abgeholt, und öffnete hier das soeben empfangene Paket. Es enthielt zu ihrem Erstaunen eine Anzahl weißer Blätter und ein kleines Fotografiealbum, wie man es zum Einordnen von Amateuraufnahmen benutzt. Sie fand eine Anzahl von englischen und belgischen Landschaftsbildern und Straßenaufnahmen, alle sehr hübsch und alle außerordentlich belanglos. Erst zuletzt fiel ihr das Begleitschreiben in die Hände, das zwischen den weißen Bogen gelegen hatte. Es klärte sie in Selfrides trockener Art darüber auf, daß dieses unbeschriebene Büttenpapier Aufzeichnungen enthalte, die bei einer bestimmten Behandlung – das leichtfaßliche Rezept war angegeben – sichtbar würden, und daß sich unter den hübschen Amateurfotografien Planaufnahmen polnischer Fortifikationen und strategischer Eisenbahnen befänden, die sichtbar werden würden, wenn man die Fotos einer warmen Säurelösung aussetze. Die Vorsichtsmaßregel, dieses Material – die Aufzeichnungen enthielten den polnischen Mobilisierungsplan mit genauesten Angaben über Stärke, Verteilung und Zeit sowie die gleichzeitig vorbereiteten Sabotageakte in Deutschland – ihr in so geheimnisvoller Form zu übergeben, sei sehr einfach zu begründen. Sie müsse bei dem Übergang von Belgien nach Deutschland eine genaue Zollkontrolle gewärtigen, die nun, bei der erfolgten Tarnung des Materials, vollkommen ungefährlich sein würde.

Esther packte die Sendung, deren ungeheure Wichtigkeit ihr bewußt war, mit betonter Sorglosigkeit zwischen ihre anderen Sachen und erwartete, nach einer nochmaligen längeren Spazierfahrt in die nähere Umgebung der Stadt, auf dem Bahnhof die Zeit ihrer Abfahrt.

Die Kontrolle des Nachtschnellzuges in Herbesthal wurde von belgischer ebenso wie von deutscher Seite schnell und ohne besondere Schikanen für die Reisenden erledigt, und gegen Mittag stieg Esther Raleigh in Berlin am Bahnhof Zoologischer Garten aus dem Zuge.

Auf der Straße atmete sie tief auf und sah sich um. Sie war wieder in Berlin. Wie kurz war sie fort gewesen, und welche Ewigkeiten lagen zwischen ihrem letzten Hiersein und jetzt! Ein ganz anderer Mensch als damals stand an der Hardenbergstraße und sah in den altbekannten Verkehr des Berliner Westens hinein. Sie überlegte, was sie nun zuerst am besten tun solle, und faßte den Entschluß, nicht in die Wohnung zu ihrer Mutter nach Steglitz zu fahren, sondern sich hier, irgendwo in der Nähe, ein Hotelzimmer zu nehmen, da sie ja nicht wissen konnte, wie lange sie in Berlin bleiben würde, und ob es vorteilhaft wäre, wenn ihre Familie etwas von ihrem Hiersein erführe.

Sie ging ins Hotel Hehler und bekam dort eines der kleinen kabinenähnlichen Zimmer, da die größeren Räume besetzt waren. Sie ließ ihr Gepäck abholen und leerte den kleinen Handkoffer bis auf die Dokumentensammlung aus, bevor sie sich einen Wagen nahm, um in die Redaktion zu fahren.

Sie kam, ohne einen Kollegen zu treffen, bis in den Gang, an dem ihr altes Zimmer lag, als sie einen leisen Aufschrei hörte und vor sich Fräulein Cohn sah, die sie wie ein Gespenst anstarrte, bevor sie ihr ohne weiteres um den Hals fiel. Esther war im ersten Augenblick unfähig, ein Wort zu sagen, sie streichelte nur das Haar ihrer kleinen buckligen Freundin, der die hellen Tränen über das Gesicht liefen. Dann gingen sie zusammen in Burgs Vorzimmer, der selbst, wie stets, sich in seiner Höhle verschanzt hatte. Aber diesmal war Fräulein Cohn, die sonst vor Befangenheit Zitternde, wie verwandelt. Ohne Rücksicht darauf, ob sie den alten Burg in einer wichtigen Meditation oder der noch wichtigeren Verdauungsruhe störte, riß sie die Tür zu seinem Zimmer auf und schrie ihren brummig herumfahrenden Chef an:

»Esther Raleigh! Esther Raleigh ist da, Herr Burg!«

Im nächsten Augenblick hatte sich die Masse des alten Burg aus dem Lehnstuhl hochgewälzt, rollte wie ein Schiff im Sturm auf die Tür zu, drückte Fräulein Cohn wie eine kleine Schaluppe zur Seite und hätte Esther Raleigh fast überrannt, die mit lachenden Augen mitten im Zimmer stand.

Siegfried Burg sagte kein Wort, tätschelte nur Esthers Wangen, faßte sie sanft an und schob sie wie ein kleines Kind vor sich her in sein Zimmer. Hier wies er gebieterisch auf den Besucherstuhl, und Esther Raleigh gehorchte, wie sie noch vor wenigen Wochen als kleine Volontärin gehorcht hatte. Burg knallte die Tür hinter sich zu, setzte sich, wobei er den Stuhl unbarmherzig hin und her schleuderte, und zog sein Taschentuch, um sich zuerst mit der Vehemenz eines Vulkans die Nase zu putzen. Er konnte mit dem Schnauben und dem Behandeln dieses unseligen Gesichtserkers kaum fertig werden, und Esther wußte, daß die Feuchtigkeit, die ihm dabei in die Augen kam, nicht nur auf die brutale Behandlung seiner Nase zurückzuführen war. Als er endlich anfing zu sprechen, war seine Stimme heiser, und er mußte sich ununterbrochen räuspern:

»Also wieder zurück – hm, sehr schnell gegangen, mein Kind. Was nicht in Ordnung, wie? Kann mir alles denken, alles. Sind sie schon hinterher? Verdammte Bande!«

Esther fiel ihm ins Wort.

»Nein, nein, hier nicht, kein Mensch ist hier hinter mir her! Aber ein Weilchen sah es ziemlich eklig aus, Herr Burg! Haben Sie schon irgend etwas gehört?«

»Nicht viel, aber mir genügt es. Die Nachricht von dem schlagenden Wetter in Cold Gate ist durch die ganze Presse gegangen. Übrigens – wenn es Sie interessiert – der Herzog, Larker und unsere drei Direktoren sind heute früh gerettet worden. Von Ihnen nimmt man an – – wissen Sie, daß man Sie als russische Agentin verdächtigt hat?«

Esther sah ihn an, ohne zu antworten.

»Das ist natürlich irgendein Unsinn, die englische Polizei hat auch inzwischen diese Nachricht schon dementiert und offiziell mitgeteilt, daß man glaubt, Sie seien infolge des ausgestandenen Schreckens in einem Anfall geistiger Umnachtung einfach davongelaufen. Man suche Sie setzt überall.«

Esther nickte und meinte trocken:

»Das stimmt. Ich habe mich dieser liebevollen Suche nach mir gerade noch entziehen können. Ist es sehr schlimm, daß ich meinen Posten dort verlassen habe und plötzlich wieder hier auftauche?«

»Unsinn, Kind, reden Sie nicht solchen Blödsinn! Sie haben doch meinen Brief gelesen, wir haben es doch nicht nötig, die Dinge anders zu nennen, als sie heißen! Die Dienste, die Sie –« er machte eine kurze Pause – »uns hier geleistet haben, sind groß genug, um eine selbständige Handlung von Ihrer Seite zu rechtfertigen. Außerdem – Herrgott, ich bin froh, daß Sie wieder hier sind! Ich werde Mersheim sagen, daß ich Sie hier dringend brauche! Unabkömmlich, verstehen Sie, völlig unabkömmlich!«

Esther betrachtete ihn, halb wider ihren Willen, gerührt. Burg redete weiter, explodierte allerlei Beschwörungen und erhitzte sich bis zur Weißglut. Aber da, in einem Moment, in dem gerade die ewige Rauchfahne das Zimmer etwas verdunkelte, sah er Esther schärfer an, blickte in ihre Augen, die nicht mehr die Augen eines jungen, enthusiastischen Mädchens waren, und erschrak.

Er wurde mit einem Schlage still, so, daß Esther Raleigh in dem jähen Schweigen, das den kleinen Raum erfüllte, die ganze Reihe der letzten Töne wie Fledermäuse hilflos umherzuschwirren schienen, bevor sie dahinstarben und man nur Burgs rasselnden Atem vernahm. Er sah sie an und sank langsam von seiner Höhe herab, wurde ein alter Mann, der im Lehnstuhl saß und sich an den Seitengriffen festhielt, um nicht zu Boden zu gleiten. Seine kleinen, lebendigen Augen wurden stumpf und irrten von Esthers ruhigem Antlitz ab, er schluckte trocken auf:

»Sie können nicht mehr, Esther? – Wie? – Es gibt hier nichts mehr, was Sie reizen könnte? – Sie haben Blut geleckt und müssen nun weiter Menschen fressen?«

Er legte seine schweren Pranken auf den Tisch vor sich hin wie fremde Gegenstände und zerpflückte gedankenlos das grüne Löschblatt. Esther hätte weinen mögen, und es schien ihr eine fremde Stimme zu sein, die langsam sagte:

»Es ist zu spät, Herr Burg. Ich habe zuviel gesehen, um jetzt wieder die Augen schließen zu können. Die kleine, eifrige Studentin Esther Raleigh, das junge Mädchen mit den Idealen, ist lange tot, ich war viel weiter aus der Redaktion fort als nur in London. – Was sollte ich hier tun? Recherchen, Interviews? Oder verlangen Sie Leitartikel und Glossen von mir? Heute noch? – Nein, Herr Burg, es ist zu spät, glauben Sie mir, ich kann nicht umkehren. Ich habe Blut geleckt, gewiß, aber es war mein eigenes Blut. Und ich werde nicht selbst Menschen fressen, sondern rennen und rennen müssen, bis ich selber gefressen werde. – Sie wollten das nicht, ich weiß es –«

Burg sah zur Erde, während er weiter mechanisch aus dem Tisch herumspielte. Er nickte nur langsam und schwer, indes Esther fortfuhr:

»Herr Dr. Mersheim war sofort im Bilde: ich kam erst später dahinter, erst, als es zu spät war. Trotzdem muß ich ihm und Ihnen danken, Burg, denn so lernte ich einen Menschen kennen, den ich –«

Sie brach ab und starrte hinaus, der häßliche Hof verklärte sich, sie sah Jury vor sich und vermeinte seine Stimme zu hören. Dann drehte sie sich mit einem kurzen Ruck wieder um. Es war genug. Sentimental konnte man später werden, wenn es ein Trost war, sich mit Gefühlen zu verwunden. Jetzt war sie nicht dazu hier. Schlimm genug, daß Burg sich hatte überwältigen lassen. Sie lachte auf, so daß Burg hochfuhr und sie ansah, als erwache er aus einer anderen Welt.

»Wir wollen doch vernünftig reden, Herr Burg. Sie wissen, was ich tue. Es war nicht immer ganz einfach, ich hatte Glück, und es scheint, daß der Chef von United Service mich schätzt. Ich habe hier –« sie zeigte auf den kleinen Handkoffer, der neben ihr am Boden stand, »einige Dinge, für die sich Herr Mersheim ebenso wie das Auswärtige Amt und das Wehrministerium interessieren werden. Es ist der polnische Mobilisierungsplan und Fortifikationsaufrisse!«

Burg sah sie an. Es war zu spät. Esther Raleigh war auf dem Wege – und es gab keinen Menschen mehr, der sie von dort zurückholen konnte. Er hörte weiter, was sie ihm, nun mit einem leichten Triumph in der Stimme, erzählte:

»Ich kann mir denken, daß Sie etwas erstaunt sind. Man kann seinem Schicksal nicht entgehen, nicht wahr?«

Er schüttelte den Kopf.

»Nun, ich hoffe, Herrn Dr. Mersheim klarzumachen, daß ich ihn in Zukunft seltener mißverstehen werde als bisher – einmal!«

Es lag ein versteckter, kaum merkbarer, gefährlicher Unterton in dem, was sie sagte und wie sie es sagte. Burg horchte auf.

»War Ihnen der Name Hardley bekannt, Herr Burg?«

»Ja, ich lernte ihn vor mehreren Jahren kennen – er ist, wie ich weiß, bei United Service.«

»Er ist tot, man hat ihn ermordet.«

»Man hat ihn –?«

»Ja, unter sehr merkwürdigen Begleitumständen. Ich nehme fast an, daß man ihn – Aber das ist ja uninteressant für Sie. Wenn Sie Selfride kennen würden –«

Sie hielt erschrocken und verblüfft inne; denn bei der Erwähnung des Namens Selfride veränderte sich Burgs Gesicht auf fürchterliche Weise. Sein Kopf wurde rot, die Augen traten ihm fast aus den Höhlen, der dicklippige Mund war zu einem messerscharfen Schnitt zusammengepreßt, während seine Hände wieder die Sessellehnen umkrampften und ganz weiß wurden vor Anstrengung, nicht loszulassen.

Esther sah ihn entsetzt an. Burg holte keuchend Atem, bevor er sie mit mühsam gehaltener Stimme fragte:

»Selfride – wer ist – Selfride – jetzt?«

»Ich weiß, daß ich es Ihnen sagen kann, Burg, es ist – der Chef.«

»Beschreiben Sie – ihn – mir!«

Esther versuchte mit wenigen Worten Selfrides Äußere zu schildern, dabei fiel ihr wieder die Ähnlichkeit mit dem vor ihr Sitzenden auf, der gespannt und röchelnd zuhörte.

Plötzlich unterbrach Burg sie mit einer wilden Handbewegung und sprang so heftig auf, daß der Sessel krachend umstürzte:

»Vertrauen gegen Vertrauen, Esther Raleigh! Ich werde keinem Menschen von Selfride erzählen, verlassen Sie sich daraus! Selfride, haha! Wissen Sie, wie er hieß, bevor er nach den Staaten ging?«

Esther sah den Rasenden an, der ganz verwandelt war und sich wie ein böser Dämon emporreckte. Es fiel ihr wie Schuppen von den Augen, sie flüsterte nur:

»Ihr – Bruder –?«

Burg ließ die erhobenen Arme sinken und begann brüllend zu lachen. Er wieherte, das Lachen kollerte ihm wie zackige Steine aus dem aufgerissenen Mund, und dazwischen gluckerte er:

»Ja, ja, ja!! Mein Gott, er ist es! Er – er war es! – OH – helfen Sie mir in den Stuhl, Esther, ich kann nicht mehr!«

Sie sprang auf, stellte den Sessel wieder auf die Beine und führte Burg hin, der dicht am Zusammenbrechen zu sein schien. Er fiel ganz zusammen, sein Lachen war in eine Art Schluchzen übergegangen, das nun auch verstummte. Es blieb eine ganze Zeit still. Esther stand regungslos am Fenster und sah hinaus, um Burg Zeit zu lassen, sich zu beruhigen. Endlich sagte Burg mit matter Stimme:

»Komm her, Kind. Sei mir nicht böse, wenn ich mich gehen ließ. Ja, er ist mein Bruder, Hal Selfride, nicht wahr? Ich hatte keine Ahnung, was er tut, wer er wirklich ist. Glaube mir« – er sprach wieder laut und eindringlich – »ich hatte keine Ahnung. Niemand wird etwas von unserem Gespräch erfahren, niemand hier. Aber du sollst – du sollst mir nicht so – elend kaputt gehen – wie andere. Ich will es nicht – und werde es verhindern!«

Er erhob sich wieder, nur seine geröteten Augen zeugten von seiner Aufregung nach der Szene von vorhin. Er sah Esther mit einem Blick an, in dem alles lag, was er nie aussprechen würde und was sie zu seiner Schuldnerin machte, solange er lebte.

Dann meinte er, nun wieder völlig beherrscht und äußerlich ruhig:

»Gehen Sie jetzt zu Mersheim, Esther. Sagen Sie ihm ruhig die Wahrheit, aber sagen Sie ihm nicht zuviel! Das Material – man wird es als Meisterwerk bezeichnen – hoffentlich enttäuschen Sie die Leute nie! – Sie werden ja wenigstens einige Tage hierbleiben. Ich würde mich freuen, Sie morgen zum Mittagessen bei mir zu sehen; wir können hier von der Redaktion nach dem Mittagsumbruch zusammen hinfahren. Was essen Sie denn besonders gern?«

Sie lachte und hatte Mühe, mit lustiger Stimme ihr Lieblingsgericht zu nennen, das Burg sich sofort notierte. Dann schritt sie den alten Korridor entlang und ließ sich im Vorzimmer bei Dr. Mersheim melden. Er empfing sie sofort, ging ihr entgegen, schien gar nicht erstaunt zu sein, sie plötzlich in Berlin zu sehen, und ließ sie mit betonter Höflichkeit in sein Zimmer eintreten.

Drin wies er ihr den tiefen Sessel an und nahm selbst hinter dem Schreibtisch Platz. Sie musterte ihren Chefredakteur einen Augenblick, ehe sie, frisch und unbefangen, von ihren Londoner Erlebnissen zu berichten begann. Sie dankte Mersheim zunächst für die Erlaubnis, mit United Service, dem großen Nachrichtenbüro, arbeiten zu dürfen, und entnahm dann ihrem Koffer lächelnd die weißen Blätter und die Fotografienmappe. Auf Mersheims verständnislosen Blick hin erklärte sie, wie man den Inhalt dieser harmlosen Sendung sichtbar machen könne, und sie hatte die Freude, zu sehen, wie ihr Gegenüber erschrak und die Hände von dem gefährlichen Material zurückzog.

Er hüstelte und setzte zum Reden an, stockte nochmals und fragte sie, ob sie nicht mit ihm ins Auswärtige Amt fahren wolle. Er könnte sie dort mit Herrn Ministerialrat Dongen bekannt machen, der sicher Interesse für diese Sachen – er deutete auf die ausgebreiteten Bogen – haben würde. Er allein möchte ungern –

Esther erklärte sich lächelnd bereit, mitzukommen. Sie packte die Dokumente wieder zusammen und verließ mit Dr. Mersheim das Haus, um in die Wilhelmstraße zu fahren.

 

Die Unterhaltung mit Dongen war kurz und von einer Sachlichkeit, die Esther erfreute. Dieser Ministerialrat wich sehr von dem Typ des Beamten ab, wie sie sich ihn bis dahin stets vorgestellt hatte und dessen Bild ihr durch einige frühere Recherchen bestätigt worden war. Dongen war höflich, still und leise, mit einer unaufdringlichen Überlegenheit im Ton. Sein Benehmen wirkte auf Unbefangene beruhigend – Esther erkannte sofort, daß man sich keinen geeigneteren Mann hatte aussuchen können, um sich gefährlicher Neugier zu erwehren.

Er schaltete schon nach wenigen Worten Mersheim völlig aus, obwohl der Chefredakteur dies nicht bemerkte. Dongen sparte sich die Einleitungen. Er nahm das neue Material entgegen, ohne zu verhehlen, für wie wichtig er es halte, und gab es sofort in das Dechiffrierbüro, nachdem Esther ihm die notwendige chemische Behandlung der Blätter mitgeteilt hatte. Er berichtete, daß die Familie Patterson-Jeffers überwacht würde, Ray Jeffers zeige übrigens neuerdings Interesse für Japan, sie habe da einen gewissen Tsun aufgetan, mit dem sie häufig zusammen sei.

Esther hörte aufmerksam und unverwandt zu. Soso, ein Japaner; der Name war ihr unbekannt. Dabei erinnerte sie sich dunkel an Georgs Brief und das, was er von einem asiatischen Freund gesagt hatte.

Inzwischen plauderte Dongen in seiner leichten, oberflächlich erscheinenden Art weiter:

»Ich denke, Sie werden sich jetzt hier ein paar Wochen ausruhen, Fräulein Raleigh. Herr Dr. Mersheim gibt Ihnen sicher gern einen Monat Urlaub, damit Sie sich erholen können. Sie haben ja in London wirklich tüchtig gearbeitet. Wenn Sie irgendwelche Wünsche haben, Wünsche irgendwelcher besonderen Art – ich stehe Ihnen natürlich immer zur Verfügung. Am besten rufen Sie mich nicht hier im Amt an – man ist oft nicht im Zimmer, und es ist auch meist keine sehr große Ruhe hier. Sie verstehen! Meine private Nummer ist Westend 11386, ich bin stets am Spätnachmittag zu erreichen. – Sollten Sie übrigens zufällig Frau Jeffers und den Japaner sehen oder etwas von den beiden hören – Sie wissen, daß mich alles interessiert!«

Esther lachte. So fing der »Urlaub« an. Eine Pause im Frontdienst sollte mit Exerzieren im Hinterland ausgenützt werden! Sie dankte Herrn Dongen und ging mit Mersheim, der nicht recht wußte, ob er auf seine Mitarbeiterin stolz sein oder lieber langsam von ihr abrücken sollte. Er fragte sie, ob sie die nächste Zeit in Berlin bleiben wolle. Esther bejahte es, wenigstens für einige Tage.

Dabei fiel ihr Selfrides Auftrag und Kranzler ein. Sie trennte sich von ihrem Chef und fuhr ins Hotel. Einen Augenblick lang schwankte sie, ob sie nicht doch bei ihrer Mutter wohnen solle – aber sie entschied sich: das war vorbei. Sie beauftragte den Portier, ihr das erste freiwerdende große Zimmer zu geben: da ihr die Lage des Hotels zusagte und es andererseits nicht auffällig genug war, um falsche Schlüsse bezüglich ihrer Person zuzulassen.

Sie verbrachte den Rest des Tages und den Abend damit, ihre Sachen zu ordnen, las mit Rührung nochmals die Briefe, die sie in London nur flüchtig hatte überfliegen können, und ging dann aus, um sich wieder in Berlin, ihrem Berlin, umzusehen. Es hatte sich nichts geändert, nichts, außer ihr selbst.

Sie spazierte an den Läden der Tauentzienstraße vorüber, an deren Auslagen sie früher mit leisem Neid vorbeigesehen hatte. Jetzt konnte sie, wo immer sie Lust hatte, eintreten und das kaufen, was ihr gefiel – aber jetzt gefiel es ihr viel weniger als damals. Sie wurde ein paarmal belästigt und angesprochen – einstmals ein Erlebnis, wenn auch ein peinliches, heut eine Belanglosigkeit, die kein Wort und kaum eine Gebärde notwendig machte.

Dann saß sie in dem Café an der Gedächtniskirche, um sie brodelten Stimmen, es klang, wie wenn Blasen vom Grunde eines Sees aufsteigen und rhythmisch zerplatzen und war wohl auch nicht viel anders; aber sie fühlte sich heimisch hier. Der verrauchte Raum war etwas Vertrautes, die bekritzelten Marmortische hatten eine besondere Art, sich vor den Gast hinzustellen und auf ihren eisernen Füßen zu wackeln, daß die Kaffeetassen Fußbäder nehmen mußten.

Sie blieb und starrte vor sich hin, wurde wieder munter und blinzelte vergnügt durch den Qualm, den sie selber mit Hilfe vieler Zigaretten vergrößern half, und merkte mit einem Male ganz erstaunt, wie spät es schon war. Sie brach auf, ging die wenigen Schritte hinüber in ihr Hotel und lag bald in dem ersten ruhigen Schlaf seit Tagen. Vor dem Einschlafen dachte sie noch flüchtig an ihre Mutter und an Georg Herdemerten – morgen würde sie sicher – – schon ging ihr Atem ruhig und gleichmäßig, während die Jagd der Autos um die Kirche herum noch stundenlang andauerte.

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