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Der heimliche Kampf

Michael Corvin: Der heimliche Kampf - Kapitel 14
Quellenangabe
authorMichael Corvin
titleDer heimliche Kampf
publisherWegweiser-Verlag G. m. b. H.
yearo.J.
firstpub1930
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20181125
projectid1bf3eac0
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13

»Jury! Jury!«

Wer schrie da nur so entsetzlich und hoffnungslos? Esther öffnete die Augen – noch lag der Ton des Rufes in der Luft und hallte in ihren Ohren nach. Und da erkannte sie, daß sie selbst geschrien hatte; es war ihre eigene Stimme, die Jury gerufen hatte, ihre eigene Sehnsucht und Verlassenheit schwang und klagte in der Luft.

Sie richtete sich mit dem Gefühl völliger Zerschlagenheit auf. Das Zimmer war klein und schien sich sanft zu wiegen – wo war sie denn und was war geschehen? Sie strich sich mit der Hand über die Augen und bemerkte, daß ihr Gesicht ganz naß war von Tränen. Sie war in Kleidern, einem Reisekostüm, das sie gar nicht kannte –

Draußen oder unter ihr war ein regelmäßiger surrender Rhythmus, eine Maschine, die wie ein riesiger Kater zu schnurren schien. Ab und zu rasselte ein anderer Ton, und auf einmal dröhnte ein langsam anschwellendes Brüllen in ihr Ohr, das Heulen eines Urstieres, ein Mammut schrie, ein Gigant, der diesen Raum auf seinen Schultern durch das All schwankte und einem unbekannten Ziel entgegentrug –

Und dann war alles wieder klar und nahe. Das schlagende Wetter in Cold Gate, die wahnsinnige Flucht, Southampton, die »Baltic« – und die namenlose Sehnsucht nach Jury …

Esther Raleigh war aufgestanden und sah sich in der Kabine um. Sie hatte ja keine Ahnung, was sie nun tun sollte, wohin sie fuhr, wie alles werden sollte. Sie bemerkte eine kleine Tür, öffnete sie und stand vor einem Bad. Von draußen fiel, durch die geschlossenen Vorhänge der Kabinenfenster, mattes Licht in den Raum, es war wohl früher Morgen? Sie sah automatisch zur Uhr an ihrem Handgelenk und schauderte.

Dort trug sie den Grund ihrer Flucht: sie zweifelte nicht daran, daß die Polizei auf irgendeine mysteriöse Weise davon Kenntnis bekommen hatte. Es war kurz nach sechs, sie entkleidete sich, nachdem sie festgestellt hatte, wo in einem Wandschrank Wäsche und dergleichen lag, und nahm ein Bad, um sich einigermaßen zu erfrischen. Erst jetzt hatte sie Gelegenheit, zu bemerken, wie sie sich bei der Katastrophe in der Grube zerschunden hatte. An den Gelenken und auf dem Rücken hatte ein dünner Schorf die wunden Stellen überzogen.

Als sie sich wieder angezogen hatte, begann sie eine genaue Untersuchung der Kabine vorzunehmen. Sie fand nur einen kleinen Handkoffer, der ihr gehörte; ein größerer Kabinenkoffer, ein Suitcase und die kleine Ledertasche, die sie sich erinnerte, in Southampton beim Umkleiden erhalten zu haben, waren ihr übriges Gepäck, in dem sich alles Notwendige befand. In ihrer alten Handtasche, dem einzigen Gegenstand, den sie bei ihrer Flucht aus Cardiff gerettet hatte, fand sie ihre eigenen Papiere, ihr Notizbuch und ein paar Kleinigkeiten; in der neuen Handtasche lag neben einem Scheckheft und einem größeren Barbetrag ein Brief, der an sie adressiert war.

Esther öffnete das Schreiben und las:

»Miß Esther Raleigh!

Man hat Sie bei der britischen Kriminalpolizei im Verdacht, unter der Leitung des Emissärs Zagainoff für Moskau zu arbeiten. Ich erfuhr rechtzeitig von dem Haftbefehl und ließ Sie aus Cardiff abholen. Benutzen Sie bis Cherbourg den Paß auf den Namen Haynes, er ist echt und gut. In Cherbourg halten Sie sich nicht auf, sondern fahren weiter nach Brüssel. Im Zuge können Sie den Haynespaß vernichten und sind wieder Fräulein Raleigh.

In Brüssel steigen Sie im Hotel de Genève ab, wohin Sie weitere Nachrichten bekommen werden. Melden Sie nach Berlin, daß sie in einigen Tagen dorthin kommen werden und neues wichtiges Material persönlich brächten. Herr Zagainoff weiß, daß Sie in Brüssel sind, Nachricht von ihm liegt eventuell unter dem Namen Elena Smirnoff oder der Chiffre P. 351 postlagernd aus dem Hauptpostamt Brüssel.

In Ihrer Uhr liegt neue Packung. Fragen Sie nach, ob an Bord Radiotelegramm für Miß Haynes angekommen.«

Das Schreiben hatte keine Unterschrift, aber Esther erwartete auch nicht, eine zu finden. Daß es Selfride war, der sie vor der Verhaftung gerettet hatte, war ihr bekannt; der Text dieses Briefes erklärte die Lage genau.

Und er hatte geschrieben, daß Jury ihren Aufenthaltsort kenne! Ein Glücksgefühl, das sie erröten ließ, überflutete Esther jäh. Natürlich würde er ihr schreiben – oder war es nicht besser, wenn sie ihm sofort mitteilte, wo sie sei?

Aber da fiel ihr der Grund wieder ein, der die Polizei veranlaßt hatte, sie zu verfolgen; eine Nachricht von ihr an Zagainoff würde diesen Verdacht noch zur Gewißheit werden lassen und ihn möglicherweise in Gefahr bringen. Es war wohl besser, trotz der verzehrenden Sehnsucht nach seiner Gegenwart zu warten, bis er sich meldete.

Sie verbrannte den Brief, nachdem sie sich seinen Inhalt genau eingeprägt hatte, und verließ ihre Kabine, um zum Bordfunker zu gehen. Sie erkundigte sich bei einem Matrosen, wo sich die Funkbude befände, und kletterte in der Morgenkühle, in der noch kaum ein Passagier zu sehen war, zum Bootsdeck empor, wo der Funker hauste. Bevor sie den kleinen Raum betrat, hörte sie ein Gespräch drinnen und blieb einen Augenblick lang stehen, als der Name »Esther Raleigh« fiel.

Sie hatte Mühe, nicht zu zittern und unbefangen zu bleiben, als sie vernahm, wie der Funker jemandem, wohl einem Deckoffizier, erzählte, es sei ein Polizeifunk, ein Rundruf dagewesen, nach einer Miß Raleigh zu forschen, die Angaben seien wie immer scheinbar genau, aber im Ernst könne man nach solchen Steckbriefen einen Menschen selbst dann kaum erkennen, wenn er vor einem stehe.

Esther lächelte krampfhaft und trat nach kurzem Anklopfen ein. Der Funker fragte sie höflich und arglos nach ihren Wünschen. Ein Telegramm an Miß Haynes? Jawohl, sei seit einer Stunde da, als nicht dringend bezeichnet, daher sei sie nicht geweckt worden. Nachdem sie sich mit ihrem Paß legitimiert hatte, erhielt sie das Blatt und verließ den Raum.

Sie ging erst ein Stück auf dem unter dem Bootsdeck gelegenen Promenadendeck hin und her, ehe sie die Depesche las. Sie enthielt wenige Worte:

»Gratuliere zu ausgezeichnetem Erfolg. Onkel Sam freut sich sehr und wird sich bald melden. Bobby.«

Als sie die Unterschrift las und dabei an Selfrides Äußerung denken mußte, lachte Esther laut auf. Sie hatte ihm diesen Humor gar nicht zugetraut. Und der Inhalt des Telegramms?

Es war ein Erfolg. Die Aufnahmen schienen demnach geglückt zu sein und waren für United Service anscheinend sehr wichtig. Onkel Sam – nun, es war nicht schwer zu erraten, wer damit gemeint war. Sie zerknüllte das Formular und warf es von der Reling ins Meer, wo es auf dem grauen Wasser tanzte und rasch hinter dem Dampfer verschwand. Esther ging in das Restaurant und ließ sich – sie war nicht mehr ganz allein, die ersten Gäste erschienen und nahmen einen Morgenimbiß – etwas zu essen geben, da sie einen unbändigen Hunger verspürte. Sie hörte, daß man im Laufe des vormittags Cherbourg anlaufen werde, da man sich in Le Havre ein wenig verspätet habe, obwohl dort keine Passagiere an Bord genommen worden seien.

Le Havre? Sie wunderte sich, daß Selfride nicht diesen Hafen für sie bestimmt habe, der doch näher nach Brüssel zu lag als Cherbourg; aber es war ja anzunehmen, daß er dafür seine Gründe gehabt hatte. Sie wollte versuchen, sich – wenigstens einige Tage lang – den Kopf nicht zu sehr über die sonderbaren Zufälle zu zerbrechen, denen sie ausgesetzt war.

Der Morgen war, eine Seltenheit in dieser Jahreszeit, ganz klar geworden, an einem mattblauen Himmel strahlte die Wintersonne und warf glitzernde Reflexe in den Raum. Sie wurde fast fröhlich, als sich ein Sonnenstrahl in ihre Kaffeetasse verirrte und auf der braunen Oberfläche hin und her sprang.

Nach dem Frühstück ging sie wieder auf das Deck, nachdem sie sich noch einen Schal aus der Kabine geholt hatte, und betrachtete das Meer. Die Nordsee lag in mächtiger Weite vor ihren Augen, ein paar Rauchfahnen und winzige Schiffchen trieben irgendwo dahin, später zog einmal ein Flieger vom Festland her hoch über ihnen seine Bahn nach England.

Die Zeit verging ihr schnell und sie bedauerte es fast, daß sie in Cherbourg aussteigen mußte. Eine halbe Stunde vorher packte sie mit Hilfe einer Stewardeß ihre Sachen und schritt kurz darauf über den Kai des französischen Hafens, nachdem sie ohne Schwierigkeiten durch die Paßkontrolle gekommen war.

Über Paris, wo sie sich, ihrem Auftrag folgend, leider nicht aufhalten durfte, und St. Quentin fuhr sie dann nach ihrem Bestimmungsort, in dem sie nachts, ziemlich müde, anlangte. Das Hotel de Genève erwies sich als ein sehr gutes, solides Haus ohne großen Luxus. Sie nahm ein schönes Zimmer im zweiten Stock und legte sich, nachdem ihre Sachen verstaut waren, mit dem Bewußtsein nieder, vor einem neuen Abschnitt ihres Lebens und einem Wiedersehen mit Jury zu stehen. Sie hatte nach den Aufregungen der letzten Zeit Ruhe nötig und war erstaunt, eine Turmuhr bei ihrem Erwachen zehnmal schlagen zu hören.

Bevor sie etwas anderes unternahm, fragte sie beim Portier an, ob Post für sie angelangt sei, und ging nach der verneinenden Antwort zur Hauptpost, wo ebenfalls noch kein Brief für Elena Smirnoff oder P. 351 vorlag.

Es blieb also nichts anderes übrig, als sich in Geduld zu fassen und abzuwarten, was der Tag bringen würde. Mit Berlin konnte sie sich erst in Verbindung setzen, wenn Selfride ihr irgend etwas Wichtiges hatte zukommen lassen, das ihr Kommen oder ihre Flucht rechtfertigte. Sie machte also eine Spazierfahrt durch Brüssel und ahnte nicht, daß ihr zwei Schutzengel auf Fahrrädern folgten, die auf Herrn Dawidowitsch' Anordnung darüber wachten, daß kein Unberufener ihr zu nahe kommen konnte.

Jury aber erhielt an diesem Tage ein Telegramm von seiner Tante Ida aus Brüssel, daß die kleine Ljuba wohl und munter sei und sogar schon allein zur Post gehen könne. Es war ein etwas albernes Telegramm, das typisch tantenhaft mit der dringenden Bitte schloß, Tante Ida doch in Paris zu erwarten, wohin sie in einigen Tagen fahren werde.

Zagainoff lachte und atmete auf, als er die Nachricht gelesen hatte. Er setzte sich sofort hin, um einen Brief an Esther zu schreiben: denn Dawidowitsch' Telegramm hatte ihm gesagt, daß sie selbst von der Chiffre unterrichtet sei und anscheinend unbeobachtet zur Hauptpost gehen könne. Trotzdem hielt er an seinem Plan fest, nach Brüssel zu fahren. Der Pariser Nachsatz des Telegramms war nur für Unberufene bestimmt, die nun in Paris auf allerlei Ereignisse und Menschen warten konnten, die nicht erscheinen würden.

 

Als Hardley, eine Stunde nach der verabredeten Zeit, sich noch nicht bei Selfride gemeldet hatte, ließ dieser im Savoy anrufen, wo mitgeteilt wurde, Herr Hardley sei überraschenderweise verhaftet worden und habe nur noch hinterlassen können, daß man sein Zimmer freihalten möchte. Wenn der Herr nähere Auskunft wünsche, sei es vielleicht am zweckmäßigsten, sich an die Polizeidirektion zu wenden, die ja über die Gründe der Verhaftung unterrichtet sein müsse.

Als Selfride diesen Bericht erhalten hatte, war seine einzige Handlung, ein Notizbuch aus der Tasche zu ziehen und eine bestimmte Zahlenkombination auszustreichen, die da verzeichnet war. Es war ihm klar, daß Hardley nach der Durchführung von Esthers Flucht irgendeine Dummheit gemacht haben müsse, die ihn der Polizei in die Hände geliefert hatte. Er sah im Augenblick keine Möglichkeit, etwas für Hardley zu tun; übrigens war es kein allzu großes Unglück, wenn er kurze Zeit ausfiel.

Hardley indessen war Inspektor Symes und seinen Assistenten sehr ruhig gefolgt, da er eingesehen hatte, daß Widerstand in diesem Augenblick nur eine unbequeme Form des Selbstmordes sein würde. Er wurde in das Polizeipräsidium gebracht, wo man ihm nochmals eröffnete, daß er verhaftet sei. Hierauf bat Herr Hardley sehr höflich um Angabe der Gründe für seine Verhaftung. Auf die Mitteilung des Verhörenden, er sei als politisch verdächtig sistiert worden, lächelte er nur leicht und sah Symes an, der den Kopf hin und her wiegte und halblaut bemerkte, daß die Bekanntgabe der wahren Gründe für seine Verteidigung noch rechtzeitig erfolgen würde. Daraufhin ersuchte Hardley die Herren, ihn sofort dem Untersuchungsrichter vorzuführen, er erhebe als politischer Häftling und als Bürger der Vereinigten Staaten Anspruch auf augenblickliche Vernehmung. Der Kommissar knurrte etwas Unverständliches, während Inspektor Symes halblaut, aber nicht undeutlich zu ihm hingewendet etwas murmelte, daß man mit einigem schlechten Willen als »Esel« verstehen konnte.

Niemand wußte besser als Symes, aus welch schwachen Füßen die Anklage unter den obwaltenden Umständen stand, und daß die einzige Chance der Polizei eine gewisse Zeitdauer der Festhaltung Hardleys war. Der Verhaftete lächelte dem Inspektor beim Hinausgehen munter zu, und Symes konnte nichts anderes tun, als ebenfalls zu grinsen.

Vor dem Untersuchungsrichter, dem der Verhaftete zwei Stunden später gegenüberstand, nahm die Angelegenheit den von Hardley erhofften und von Symes befürchteten Verlauf. Der Amerikaner bat zunächst um Bekanntgabe der Gründe, die zu seiner Verhaftung geführt hätten. Symes erstattete einen kurzen Bericht, in dem er sich bemühte, das Belastende der Indizien und der Umstände, unter denen er Hardley festgenommen habe, hervorzuheben. Der Untersuchungsrichter fragte nach Hardleys Tätigkeit in London.

»Ich bin Kaufmann aus Boston, wie Sie leicht feststellen können. Außerdem habe ich den Auftrag, für den ›Boston Examiner‹ eine Artikelserie zu schreiben, die sich mit dem öffentlichen Leben in London befaßt. Ich freue mich, daß mir Herr Inspektor Symes dazu verholfen hat, diese Serie interessant zu gestalten.«

»Geben Sie zu, sich gewaltsamen Eintritt in die Räume von Miß Esther Raleigh im Savoy-Hotel verschafft zu haben?«

»Ich bedauere unendlich, das nicht tun zu können. Ich wollte Miß Raleigh, die mir bekannte Korrespondentin der ›Welt‹, in ihrem Zimmer aufsuchen, fand die Tür unverschlossen und trat ein. Zu meinem Erstaunen war Miß Raleigh nicht im Zimmer, dagegen trat mir, als ich die Räume verlassen wollte, Herr Symes mit einer Pistole entgegen. Ich muß gestehen, daß ich zuerst erstaunt und dann etwas zornig wurde und Herrn Symes bewies, daß auch ein gespannter Revolver keinen absoluten Schutz biete. Mein Davonlaufen mag vielleicht unüberlegt gewesen sein, aber es war nicht ganz unverständlich.«

»Was haben Sie dazu zu bemerken, Inspektor Symes?«

»Schwindel von Anfang bis zu Ende. Ich war mit der Durchsuchung der Zimmer von Miß Raleigh dienstlich beauftragt und befand mich im zweiten Raum, als ich im Nebenzimmer Geräusche hörte. Ich sah durch die Türspalte und erblickte diesen Herrn, der sich auf dem Schreibtisch der Dame zu schaffen machte. Es ist kein Zweifel –«

»Einen Augenblick, bitte. War die Tür vom Korridor verschlossen oder nicht?«

»Ich habe möglicherweise vergessen, sie nach meinem Eintreten wieder abzuschließen.«

»Und wie wollen Sie Ihr Verhalten am Schreibtisch erklären?«

»Auch ich hörte nach einem Augenblick vergeblichen Wartens im ersten Zimmer aus dem Nebenraum ein Geräusch und trat zum Schreibtisch, auf dem einige Broschüren und illustrierte Zeitschriften lagen, um darin bis zu dem zu erwartenden Eintritt Miß Raleighs zu blättern. Stattdessen kam, als die Tür ging und ich mich umdrehte, Herr Inspektor Symes heraus und legte seine Dienstpistole auf mich an.«

»Lagen Broschüren auf dem Schreibtisch?«

»Jawohl.«

Inspektor Symes konnte seine Wut nicht mehr verbergen, was Hardley mit inniger Freude erfüllte. Er hatte nicht gehofft, so schnell und so sicher die ohnehin bestehenden Zweifel des Richters zu zerstreuen. Es war nicht anzunehmen, daß der Inspektor nun ein politisches Plädoyer gegen ihn eröffnen werde. Der Richter überlegte einige Augenblicke lang, während deren seine Blicke von Hardley zu Symes und zurück wanderten.

»Sie haben einen festen Wohnsitz hier?«

»Ich wohne im Savoy-Hotel, hier ist mein Paß – ich bin der amerikanischen Botschaft bekannt, und man wird Ihnen über meine Persönlichkeit dort jederzeit Auskunft geben können. Ich verstehe –« er drehte sich zu Symes, der ihn ansah wie ein Briefmarkensammler ein seltenes Exemplar mustert, das er noch nicht besitzt – »daß der Herr Inspektor sich einen Augenblick lang durch mein Erscheinen, das ihn vielleicht überrascht hat, täuschen ließ: aber ich bin erstaunt, wie schnell die britische Polizei zu Verhaftungen schreitet, bevor sie sich über die Person des Verdächtigten genau unterrichtet hat. Ich glaube, daß man in Boston –«

»Ich glaube, daß es besser ist, Herr Hardley, nicht zu viel nach Boston zu schreiben. Ich werde Sie jetzt aus Mangel an Beweisen gehen lassen. Ich möchte Sie aber nicht darüber im unklaren lassen, daß ich Sie für einen Mann mit auffallend viel Glück halte, und ich nehme an, daß dies auch Inspektor Symes' Meinung über Sie sein wird.«

»Ich kann also gehen, wenn es Ihnen recht ist?«

»Bitte sehr. Wenn Sie aus diesem Zimmer kommen, den langen Gang rechts herunter, dann die Mitteltreppe hinab, und im Erdgeschoß fragen Sie am besten nochmals nach dem Ausgang.«

Hardley verließ den Raum mit einer höflichen Verbeugung zum Richter und zu Inspektor Symes, der nach seinem Fortgehen an den Tisch des Richters dicht herantrat:

»Er ist ein Beamter von United Service, einer der gefährlichsten Burschen, die uns und andere hier in London bespitzeln. Natürlich lasse ich ihn nicht aus den Augen und hoffe, das nächste Mal etwas gravierenderes Material mitzubringen, das seine Freilassung nach so kurzer Zeit unmöglich machen wird.«

Symes rannte aus dem Zimmer und auf einem kürzeren Weg zum Ausgang, wo er in der Pförtnerloge versteckt Herrn Hardley vorbeispazieren ließ, der sich ein Taxi ins Savoy nahm.

Hardley zweifelte nicht eine Sekunde daran, daß er von nun an unter einer geheimen Polizeiaufsicht stehen würde, die schärfer und unerbittlicher als jede offizielle Kontrolle wäre. Er durfte nicht daran denken, sich auf eine der bisher geübten Methoden mit Selfride in Verbindung zu setzen. Es war ausgeschlossen, vom Hotel aus zu telefonieren, da sicherlich Symes in der Zentrale seine Gespräche überwachen würde. Es gab nur einen Weg, er mußte zur Botschaft fahren und dort mit dem Presse-Attaché sprechen, der alles weitere veranlassen konnte.

Nach einem kurzen Aufenthalt im Savoy verließ er das Hotel, um zu seiner Botschaft zu fahren. Attaché Wilkins empfing den ihm fremden Landsmann höflich. Er war etwas erstaunt, als Herr Hardley ihn bat, eine Verbindung mit der Westindian Rubber Company herzustellen, tat es aber umgehend. Dann übergab er seinem Besucher den Hörer, der sich mit seinem Namen meldete und den Chef zu sprechen wünschte. Wilkins konnte nicht hören, was man Hardley antwortete, er sah nur, daß dieser heftig nickte und sehr schnell abhängte. Dann wandte er sich an den Attaché, dankte ihm und verließ in einiger Aufregung die Botschaft.

Er hatte Selfride nicht erreicht, aber es war ihm mitgeteilt worden, er solle, unter Anwendung aller nur denkbaren Vorsichts- und Irreführungsmaßnahmen, in ein kleines italienisches Lokal in Soho kommen, wo ihn Selfride erwarten würde.

Es war mittlerweile Abend geworden, und dieser Umstand erleichterte Hardleys Vorhaben um ein beträchtliches. Er wußte, daß vor dem Eingang der Botschaft sicher einer von Symes' Leuten auf ihn wartete, und wandte sich im Erdgeschoß zu einer kleinen Nebentreppe, die in die Wirtschaftsräume hinabführte. Obwohl Hardley offiziell nur ein- oder zweimal in diesem Gebäude gewesen war, kannte er den Grundriß genau und wollte versuchen, durch das Souterrain hindurch eine kleine Tür zu erreichen, die auf einen Nebenhof führte und selten benutzt wurde. Der offizielle Nebenausgang war, wenn Symes kein Esel war, zweifellos ebenfalls bewacht. Es gelang Hardley ohne Schwierigkeiten, bis zu der Tür zu kommen, durch die er die Botschaft hastig verließ. Auf dem Wege hatte er irgendwo eine Mütze gefunden, die wohl einem der Küchenangestellten gehörte, und die er gegen seinen Hut vertauschte.

Er kam, wie er hoffte, ungesehen aus dem Nebenhaus, gebrauchte aber die Vorsicht, auf verschiedenen Autobussen umzusteigen und sich in einem ziemlich großen Bogen dem verabredeten Treffpunkt zu nähern.

Auf dem Wege kamen ihm allerlei Gedanken, die nicht dazu angetan waren, ihn munter zu stimmen. Er kannte Selfrides Bedenkenlosigkeit, und er wußte, daß es bei seinem Beruf nicht auf die gute Absicht ankam, sondern auf den Erfolg. Sein Wert für United Service lag darin, daß er ein unbescholtener, unauffälliger und durchaus harmloser Mann war. In dem Augenblicke, in dem die Polizei auf ihn aufmerksam wurde, war er kein Mitarbeiter mehr, sondern eine Last. Seine Karriere in London und in England überhaupt war mit einem Schlage zerstört, das stand fest.

Was würde Selfride jetzt tun? Er mußte verschwinden; Mister Hardley, der unter Polizeikontrolle stand, hatte hier nichts mehr zu suchen und bedeutete nur eine Gefahr für die Weiterarbeit von United Service. Hardley fürchtete nicht, daß Selfride ihn ganz fallen lassen würde, er hatte schon zu lange mit ihm gearbeitet, und dabei hatte Hardley Kenntnis von einer ganzen Menge von Dingen bekommen, deren Bekanntwerden für United Service sehr peinlich sein würde. Immerhin, Selfride war viel, Selfride war alles zuzutrauen, vielleicht war es besser, umzukehren, selbst zu Symes zu gehen und sich auszuliefern. Vielleicht war Scotland Yard barmherziger und weniger gefährlich als Selfride. Vielleicht – aber er konnte nicht mehr zurück.

Er sah sich um, er war schon mitten in Soho, diesem düsteren und unheimlichen Viertel mit seinen verschlungenen und höhlengleichen Häusern. Um zu dem italienischen Lokal zu kommen, das man ihm genannt hatte, mußte er noch etwa hundert Meter durch einen ganz unbeleuchteten Durchgang gehen. Er sah sich um, kein Mensch war hinter ihm. Es fröstelte Hardley, als er in die schmale Passage einbog und im Laufschritt vorwärts eilte. Plötzlich stolperte er über irgendetwas, fiel nieder und spürte noch im Fallen einen rasenden Schmerz im Rücken, ehe er die Besinnung verlor.

 

Inspektor Symes hatte zwar nur die beiden, ihm bekannten Ausgänge der amerikanischen Botschaft bewachen lassen; aber er selbst patrouillierte inzwischen in etwas größerem Abstande von dem Hause hin und her, um gegebenenfalls schnell bei der Hand sein zu können. Er hatte Hardley, den er in seiner neuen Kopfbedeckung nicht sofort erkannte, aus dem Nebenhaus kommen sehen, und der Mann war ihm erst ausgefallen, als er sich mehrmals hastig umsah und auf einmal zu laufen begann. Jetzt erkannte der Inspektor auch den Mantel und nahm die Verfolgung Hardleys aus.

Es war keine Kleinigkeit für den Beamten, die Spur des Amerikaners nicht zu verlieren. Er mußte unter allen Umständen einen gewissen Abstand wahren, da der Flüchtende selbstverständlich mißtrauisch war und bestimmt von Zeit zu Zeit Umschau halten würde. Es blieb dem Inspektor nichts anderes übrig, als in einer Droschke Hardley zu folgen, wobei er schon einiges Glück haben mußte, ihn bei dem Abstoppen aller Fahrzeuge an den Straßenkreuzungen nicht zu verlieren. Als die Richtung von Hardleys Flucht nach Soho immer deutlicher wurde, rieb sich Symes die Hände und faßte erst nach seiner Kennmarke und dann nach seiner Pistole, bevor er sich in einer schmerzlichen Erinnerung das Kinn rieb. Er verließ sein Taxi im gleichen Augenblick, in dem Hardley ausstieg und schnurstracks in die schlecht beleuchteten Nebenstraßen hineinlief.

Der Inspektor bemühte sich, nicht mehr als hundert Meter hinter dem Amerikaner zu bleiben, um mit Sicherheit feststellen zu können, in welcher Tür sein Wild wohl verschwinden würde. Er hatte seinen Abstand beibehalten, ohne bemerkt zu werden, als Hardley in den schmalen Durchgang einbog. Hier hinein folgte er vorsichtiger; es war ihm bekannt, daß dieser Durchgang schon wiederholt als Falle für Ahnungslose gedient hatte.

Als er den Flüchtling fand, war Hardley bereits tot. In seinem Rücken steckte, wie der Polizist beim Schein seiner Taschenlampe sah, ein Messer, ein ganz gewöhnliches Exemplar, wie sie zu Millionen in Birmingham hergestellt werden. Er zog seine Alarmpfeife und gab Signal, um eine der Streifpatrouillen herbeizurufen. Währenddessen versuchte er, den Boden nach Spuren zu untersuchen. Die Gasse war mit Kopfsteinen gepflastert, zwischen denen trübe Pfützen standen. Alles war naß, es war kaum zu hoffen, hier viel zu finden; und es war ganz aussichtslos, wenn es sich, wie der Inspektor vermutete, nicht um einen gewöhnlichen Mord, sondern um etwas ganz anderes handelte.

Jetzt antwortete ein anderes Signal vom Ende der Gasse, und gleich darauf erschienen zwei uniformierte Polizisten im Laufschritt, denen gegenüber Symes sich auswies. Er ordnete an, den Toten an dieser Stelle liegen zu lassen, bis er die Mordkommission benachrichtigt hätte und eine genaue Untersuchung des Tatorts und des Tatbestandes stattgefunden haben würde. Er selbst lief durch eine der Nebenstraßen zum nächsten Polizeitelefon, von wo aus er in der Direktion anrief und die Stelle angab, wo man Hardley aufgefunden habe. Dann eilte er zurück und machte sich, unterstützt von den beiden Polizisten, daran, die ersten Feststellungen zu treffen.

Der Stich hatte die Lunge durchbohrt und das Herz getroffen. Hardley hatte nicht einmal Zelt gehabt, einen Schrei auszustoßen. Es war Symes unerklärlich, wie man in der Dunkelheit mit derartiger Sicherheit zustoßen konnte. Diese Treffsicherheit konnte vielleicht zum Ausgangspunkt der Ermittlungen nach dem Täter dienen. Daß man irgendwelche Fingerabdrücke finden würde, glaubte er nicht. Es war sehr naheliegend, daß der Täter sich bei der herrschenden Kälte Handschuhe angezogen hatte. Aber selbst wenn Abdrücke vorhanden wären, so zweifelte Symes nicht daran, daß Duplikate von ihnen weder in Scotland Yard noch sonstwo bei der Polizei vorhanden wären.

Er war noch mitten in seinen Überlegungen, als eine Polizeihupe ertönte und gleich darauf der ganze Durchgang im blendenden Licht eines Scheinwerfers lag; die Mordkommission war eingetroffen. Wenige Augenblicke später waren die Beamten zur Stelle. Der an einer Verlängerungsschnur herangebrachte Scheinwerfer beleuchtete die Szene taghell, und die fotografischen Aufnahmen konnten vor sich gehen. Symes erklärte der Kommission kurz den Tatbestand, ohne seine letzten Vermutungen zu äußern. Die Untersuchung des Toten ergab, daß man ihm offenbar nichts geraubt hatte; Papiere, Brieftasche, Schlüssel, loses Geld und einige Ringe waren vorhanden. Ein Notizbuch nahm Symes an sich, um es später zu untersuchen.

Der Inspektor betrachtete noch einmal aufmerksam das Gesicht des Toten, verabschiedete sich dann von den Mitgliedern der Kommission, welche die Leiche mit sich nahmen, und fuhr dann selbst ins Savoy-Hotel. Hier hatte er eine kurze Unterredung mit dem Direktor, bevor er in dessen Beisein in Hardleys Zimmer ging.

Er untersuchte den Raum, ohne vorläufig verschlossene Behältnisse zu öffnen, obwohl er die bei Hardley gefundenen Schlüssel mit dem Notizbuch eingesteckt hatte. Symes erwartete nicht, viel zu finden. Der Raum war sauber, Herr Hardley war anscheinend ein sehr korrekter oder ein sehr vorsichtiger Herr. Die auf dem Schreibtisch liegende Mappe enthielt eine Anzahl glatter weißer Bogen und Umschläge, außerdem lagen ein paar Löschblätter da, die jedoch keine Spur von Tintenabdrücken zeigten. Im Papierkorb befanden sich Zeitungen und ausgeschnittene Artikel, die in kleine Stücke zerrissen waren.

Der Inspektor schüttete den ganzen Inhalt auf den Boden und sortierte ihn mit größter Sorgfalt … Es zeigte sich, daß auch die Reste von mehreren Briefumschlägen dabei waren, die Symes an sich nahm. Dann erklärte er, daß das Zimmer polizeilich verschlossen sei, und ließ sich vom Direktor die Schlüssel aushändigen. Er werde morgen wiederkommen, um sich den Raum nochmals bei Tageslicht genau anzusehen. Die aufgeregte Frage des Direktors, ob denn dieser neue Fall nach dem Verschwinden von Miß Raleigh nicht ein das Hotel schädigendes Aufsehen erregen würde, beantwortete Symes kurz dahin, daß sich seiner Überzeugung nach höchstwahrscheinlich kein Mensch melden würde, um nach Mister Hardley zu fragen. Sollte sich aber jemand melden, so solle der Portier unter allen Umständen versuchen, die Adresse des Fragers festzustellen oder ihn später nochmals herbitten, da Herr Hardley gerade ausgegangen sei. Der Direktor versprach, alles zu tun, was in seiner Macht stehe, und Symes verließ ihn mit der Mitteilung, daß sich morgen wahrscheinlich ein junger Mann bei ihm melden würde, den er bitte, als Boy für die erste Etage einzustellen.

In seiner Wohnung setzte der Inspektor mit der liebevollen Geduld, mit der man Puzzle-Spiele kombiniert, die gefundenen Umschlagfetzen zusammen. Es waren merkwürdigerweise unadressierte Kuverts, von denen ausnahmslos eine Ecke schräg abgerissen war. Plötzlich stieß er einen leisen Pfiff aus: bei dem letzten der Umschläge war offenbar etwas zu wenig abgerissen worden, so daß auf dem Hauptteil noch einige Buchstaben stehengeblieben waren. Er las:

» ber Co.«

Das war nicht viel, aber es konnte immerhin Aufschlüsse geben, wenn es ihm gelang, den ganzen Briefkopf zu ermitteln. Er legte alle unbedruckten Schnitzel in einen Umschlag und steckte den Rest des Textes in seine Brieftasche. Vielleicht ergab die morgige Untersuchung des Zimmers noch neue Anhaltspunkte, mit wem der getötete Hardley in Verbindung gestanden hatte. Symes hätte sich ohrfeigen mögen, daß er, der als vielleicht einziger seiner Kollegen einen bestimmten Verdacht gegen Hardley gehabt hatte, nicht schon seit langem seinen Verkehr genau überwacht hatte. So wußte er lediglich, daß sein Mann wiederholt mit kleinen Agenten verschiedener Staaten in Beziehungen gewesen war, um Informationen zu erhalten. Seine Bitte, diese Fäden weiterzuverfolgen, waren in der Direktion abschlägig beschieden worden: es lagen wichtigere Dinge vor.

 

Zur gleichen Zeit verhandelte Selfride, der in einer unauffälligen Innensteuer-Limousine vorgefahren war, in einem verhältnismäßig solid aussehenden Haus in Soho mit zwei Italienern. Das Zimmer – offenbar der Wohnraum der beiden – lag im Erdgeschoß und war so überheizt, daß ein Fenster geöffnet war, in dessen nächster Nähe Selfride saß. Er rauchte, wie stets, eine Brasil und streifte die Asche auf die Straße hinaus ab, wo sie in die langsam weiterfließende Nässe fiel.

Die Unterhaltung war von seiten der Italiener angeregt, während Selfride kurz angebunden antwortete und düster vor sich hin paffte. Er hatte nur gefragt, ob alles in Ordnung sei, und auf die bejahenden Versicherungen nach einem Bilde verlangt, das er erhielt und einsteckte. Dann händigte er den beiden, die sich begierig vorbeugten, eine gefüllte Brieftasche aus, die voll von Lirescheinen war und von den Empfängern hastig geprüft wurde. Die beiden waren erregt und unruhig, so daß Selfrides Worte einen sichtlichen Eindruck machten.

»Ihr müßt sofort verschwinden, verstanden? Das Geld habt ihr, gut! Hier –« – er zog zwei Fahrscheinhefte aus der Tasche – »damit fahrt ihr auf dem Dampfer Venezia nach Genua. Vergeßt die ganze Geschichte und bleibt ehrliche Leute – ihr könnt es jetzt ja leicht! – Ihr müßt weg sein, ehe man darauf kommt, hier große Razzien zu machen, und womöglich die Häfen sperrt. Nehmt meinen Wagen draußen und fahrt nach Harwich, wo ihr den Dampfer bequem erreichen könnt, wenn ihr euch beeilt. Zurückgelassen habt ihr hier doch nichts?«

Die beiden verneinten und wiesen auf zwei Koffer und ein Bündel, die im Zimmer lagen.

»Gut. Den Wagen stellt in Harwich auf meinen Namen – ach so, ihr wißt ihn ja noch nicht – also William Snider, in der Werkstätte von Sunbeam ab, ich hole ihn dann später. – Können wir gehen?«

Alle drei erhoben sich und traten auf die dunkle Straße. Die Italiener bestiegen den Wagen, nachdem sie ihr Gepäck hineingeworfen hatten. Selfride machte sie nochmals darauf aufmerksam, daß sie nicht bummeln sollten und wies auf die Uhr am Armaturenbrett.

Die Bravos grinsten nur: » Si, si, Signor Snider!« und gaben Gas. Selfride sah ihnen einen Augenblick lang nach, ehe er sich umdrehte und langsam in der entgegengesetzten Richtung davonschritt. Natürlich würden die Burschen nie daran denken, den Wagen für ihn unterzustellen: er war sicher, daß sie schon jetzt entschlossen waren, ihn in Harwich zu verschleudern – aber er war ebenso sicher, daß der mit der Uhr verbundene Kontakt schon früher sein Werk tun und den beiden alles weitere Nachdenken ersparen würde.

 

Bevor Inspektor Symes am nächsten Morgen ins Savoy-Hotel ging, fuhr er ins Amt, um zu hören, was es dort Neues gäbe. Er überflog die während der Nacht eingelaufenen Nachrichten: Festnahme von Dieben, ein paar Überfälle im Osten und den Docks, eine Falschmünzerbande – zwei Menschen erfroren – und da – er stockte einen Augenblick:

»Autoexplosion bei Chelmsford. Älterer Wagen auf Chaussee London-Chelmsford durch Explosion zerstört. Zwei Insassen unkenntlich verstümmelt. Reste nach Chelmsford gebracht und zur Untersuchung sichergestellt. Gefunden bei Toten italienische Pässe Paolo Alfieri und Bertalozzo Campo. Wagennummer 34692, Stadtbezirk London.«

Symes telefonierte mit der zuständigen Stelle und bat, ihn auf dem laufenden zu halten. Dann begab er sich in das Hotel. Der neue, am Morgen eingestellte Boy begrüßte ihn und führte ihn zum Zimmer Hardleys:

»Nichts, Herr Inspektor. Niemand hat gefragt.«

Der Beamte nickte nur und ließ den Boy vor dem Zimmer warten, während er eintrat. Beim ersten Blick erkannte er, daß etwas verändert war. Er trat zum Schreibtisch – eine Gardine wehte im Luftzug – das Fenster war nicht ganz geschlossen. Symes ging, witternd wie ein Spürhund, vorwärts. Das Fenster mußte im Laufe der Nacht geöffnet worden sein, jemand war eingestiegen und hatte später den Unterteil nicht vollkommen wieder herabschieben können.

Er öffnete das Fenster und beugte sich hinaus. Es mußte ein geschickter Kerl gewesen sein, der hier heraufgekommen war – wenn er nicht eine Leiter zur Verfügung gehabt hatte! Er rief den Boy und bat ihn, in den Hof, zu dem das Fenster führte, hinabzugehen und den Boden unter Hardleys Fenster – er würde sich bemerkbar machen – genau zu untersuchen.

Dann ging er zum Schreibtisch zurück – die Fächer waren offen! Obwohl er nun genau wußte, daß sich nichts Belastendes finden würde, untersuchte er den Inhalt, der aus Büchern, unbeschriebenem Papier und einigen Schachteln mit Zigaretten bestand.

Im Kleiderschrank des Toten bot sich ihm ein wüstes Bild. Alles war durcheinandergeworfen, man hatte anscheinend jede Tasche genau durchsucht, denn bei einer größeren Anzahl war das Futter nach außen umgestülpt. Symes stand noch ärgerlich im Zimmer, als er von draußen einen leisen, bekannten Pfiff hörte. Er ging zum Fenster und winkte dem Boy, zu warten, bis er selbst käme. Dann verließ er das Zimmer und eilte in den Hof.

Weder auf den Steinen des Hofes noch an der aus hartem Sandstein bestehenden Mauer waren Spuren zu entdecken. Es blieb nichts anderes übrig, als durch den Boy das Personal ausfragen zu lassen, wer heute nacht auf dem Hofe gesehen worden sei.

Er fuhr ins Präsidium zurück, wo er in der Sache Chelmsford nur erfuhr, daß einer der beiden Autoinsassen seinen Papieren nach Artist gewesen sei. Daraufhin bat Symes um die Erlaubnis, nach Chelmsford fahren zu dürfen. Eine Stunde später saß er im Zuge.

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