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Der heimliche Kampf

Michael Corvin: Der heimliche Kampf - Kapitel 13
Quellenangabe
authorMichael Corvin
titleDer heimliche Kampf
publisherWegweiser-Verlag G. m. b. H.
yearo.J.
firstpub1930
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20181125
projectid1bf3eac0
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12

Esther hörte von draußen her ein gleichmäßiges, unaufhörliches Geräusch, das nur hin und wieder anschwoll. Erst konnte sie sich nicht erklären, was das bedeutete: dann, als sie am Nachmittag mit schmerzenden und wie zerschlagenen Gliedern aufstand und zum Fenster trat, erkannte sie im Licht des sinkenden Tages den Grund:

Der Hof und die Gegend um den Schacht herum mußte voller Menschen stehen, sogar auf dem freien Raum zwischen dem Verwaltungsgebäude und der Mauer standen größere Gruppen. Es waren meist Frauen, die Frauen der Bergleute, die noch unten waren und über deren Schicksal man noch nichts wußte. Das Geräusch waren die unruhigen kurzen Schritte und das Flüstern der Masse, die nicht laut zu sprechen wagte. Nur ab und zu weinte irgendwo eine Stimme laut auf, und andere folgten ihr für wenige Augenblicke, bis es wieder ruhiger wurde und nur das gleichmäßige, angstvolle und angsterregende Gemurmel blieb.

Plötzlich hörte Esther, daß sich ihrem Zimmer Schritte näherten, und eilte ins Bett zurück. Die Schritte zweier Menschen hielten vor dem Raum an, und eine Frauenstimme – Esther erkannte sie als die Stimme des Mädchens – erklärte dem Mann, daß die Dame noch schlafe.

»Gut, dann werde ich hier vor der Tür warten. Sie darf unter keinen Umständen fort, ehe ich sie – hm – gesehen habe.«

Die männliche Stimme, die eben gesprochen hatte, wurde leiser, aber Esther Raleigh hörte, als stände sie daneben.

»Haben Sie nichts verdächtiges bemerkt? Sie ist mit Russen, Bolschewisten – jawohl –«

Das Weitere wurde noch leiser und undeutlich, bis der Mann wieder lauter um einen Stuhl bat, er wolle sich vor die Tür setzen und auf die Dame warten.

Trotz ihres rasenden Herzklopfens lag Esther noch eine Minute lang regungslos im Bett und überlegte. Man hielt sie für eine Helferin der Russen, wohl für eine Agentin Jurys; und so falsch und irrsinnig diese Vermutung auch war, so gefährlich war sie. Wenn man sie untersuchte – und sie zweifelte nicht daran, daß die englische Kriminalpolizei es verstand, verdächtige Individuen zu untersuchen – würde man die Uhr mit den Fotogrammen finden.

Sie schauderte, und die Kälte, die über ihren Körper rieselte, machte sie ganz wach und entschlossen. Es gab nur eins: sie mußte dem Mann vor der Tür entgehen.

Lautlos erhob sie sich und begann, ihre Kleider anzuziehen. Die Schultern und die Knie- und Ellbogengelenke taten höllisch weh, aber sie achtete nicht darauf. Jede Sekunde fürchtete sie, daß die Klinke niedergedrückt werden würde und der Beamte hereinkäme. Sie schlich sich zur Tür und schob den Riegel vor – das sicherte ihr auf alle Fälle einige Augenblicke.

Dann glitt sie zum Fenster und sah hinunter. Der Platz hatte sich geleert, alles war jetzt beim Schacht zusammengeströmt, wo man, dem anwachsenden Schreien nach zu schließen, soeben Verletzte oder Tote herausgebracht hatte. Sie schob den unteren Teil des Fensters hoch – es waren vier oder fünf Meter bis zum Boden; aber die Mauer war als Rustika gebaut und von tiefen Rillen durchzogen, in denen man wohl Halt finden konnte.

Sie sah noch einmal zurück, das Zimmer lag im Dämmerlicht. Rasch ordnete sie das Bett so, daß man bei flüchtigem Hinsehen denken konnte, ein Mensch läge unter der Decke. Dann kletterte sie rasch und gewandt aus dem Fenster. Sie faßte draußen Fuß, zog, noch ans Fensterbrett geklammert, den Schiebeteil des Fensters wieder herab und gelangte, halb hängend, halb fallend, glücklich unten an, ohne bemerkt worden zu sein.

Aus dem Tor konnte sie keinesfalls, man würde sie sicher erkennen und anhalten – also über die Mauer. Sie lief rasch die Aufschüttung empor, zog sich über die Zinne und ließ sich außen hinabgleiten. Irgend etwas zerriß, ohne daß sie darauf achtete. Sie hörte, gerade als sie herabsprang, in der Nähe ein Motorrad anfahren und sich entfernen.

Sie ging zuerst langsam durch ein paar leere Straßen, bis sie sich weit genug von der Grube entfernt glaubte, um laufen zu können. Ihr Ziel war » The Crown«: aber es war sehr fraglich, ob der Wagen, von dem Selfride geschrieben hatte, noch dort sein würde.

Es fing an zu regnen, das war günstig, denn nun fiel ihr Laufen nicht weiter auf, und jeder Mensch auf der Straße hatte mit sich allein zu tun. Sie kam zum Parkplatz der Autos neben dem Hotel – da standen mehrere Wagen – wie sollte sie den richtigen finden?

Aber da kam ein Mann herangeschlendert, der im Vorbeigehen nur fragte:

»Name?«

Esther flüsterte zitternd ihren Namen, worauf der Mann mit dem Daumen aus einen offenen, rennmäßig gebauten Wagen zeigte:

»Da rein – aber rasch, wir haben wenig Zeit!«

Esther drehte sich um und lief auf den Wagen zu.

Im gleichen Augenblick kam ein zweiter Mann, den sie bisher nicht bemerkt hatte, zwischen den anderen Wagen hervor und rief:

»Halt, Esther Raleigh, im Namen –«

Sie stand noch wie erstarrt, als unvermittelt der Rufer zur Seite flog und sich überschlug. Im nächsten Moment war der erste Frager wieder da, packte sie an der Hand und riß sie zu dem Rennwagen. Sie saß noch nicht richtig, als der Mann, der schnell wie ein Gedanke zu handeln schien, schon Gas gab und der Rennwagen davonraste. Zurückblickend sah Esther den Hingestürzten gerade auf das Hotel zu taumeln. Sie stammelte ihrem Begleiter, der sich trotz der wilden Fahrt eine Sturzkappe über den Kopf zog und auf eine zweite für sie hinwies, atemlos zu:

»Er telefoniert, um Gottes willen, wir können nicht weit kommen –«

Aber der Mann neben ihr grunzte nur und fuhr in einem wahrhaft höllischen Bogen von der Chaussee aus querfeldein zu einer vieldrahtigen Telegrafenleitung, die von der Stadt her kam. Der Wagen hielt mit einem scharfen Ruck neben einem der Masten, der Mann sprang heraus, verband eine lose herabhängende Leitung mit einem anderen Draht, den er aus einem kleinen umgeschnallten Kasten zog, wiederholte das Manöver mit zwei anderen Leitungsenden und nahm aus dem Kasten einen kleinen Hörer, den er ans Ohr hielt.

Es war keine Minute zu früh. Esther hörte ein leises Klingeln aus dem Kästchen und sah, wie ihr Begleiter schmunzelte. Im nächsten Augenblick meldete er sich als Zentrale, machte einen knarrenden Ton und winkte Esther, der er den Hörer hinreichte:

»Sie verbinden jetzt mit Zentrale Scotland Yard, Abteilung P.«

Esther nahm den Hörer und hörte eine heisere Stimme, die um sofortige Verbindung mit Abteilung P. Scotland Yard bat:

»Staatsgespräch, dringend!«

Sie sagte stereotyp, wie sie es tausendmal von Telefonbeamtinnen gehört hatte: »Ich verbinde«, und reichte den Hörer ihrem Führer, der nun offenbar eine Meldung entgegennahm und versprach, sofort alle Streifen und Posten zu benachrichtigen. Die Straßen würden umgehend gesperrt werden. Ob die Nummer des Wagens bekannt sei?

Der andere antwortete, Esthers Begleiter zeigte sich sehr befriedigt und schloß das Gespräch. Er trennte die Drähte, zog aus dem Notsitz ein paar Steigeisen und kletterte auf den Mast, um die von ihm vorher getrennte Verbindung wiederherzustellen. Esther Raleigh wartete indessen, frierend und ratlos, unten und versuchte vergebens zu erraten, woher der Mann von ihrer Flucht erfahren haben konnte, um rechtzeitig diese Unterbrechung der Polizeileitung vornehmen zu können.

Inzwischen kam der Fahrer wieder herab, warf die Steigeisen zurück und wechselte nun das Nummernschild des Wagens aus. All das nahm keine drei Minuten in Anspruch, und sie donnerten wieder auf der Chaussee nach London dahin.

 

Inspektor Symes, der Mann, den Esthers Retter zu Boden geworfen hatte, ging indes ruhig aus dem Hotel, von wo er telefoniert hatte; er beeilte sich nicht sonderlich. Der Wagen war gemeldet und konnte keinesfalls entwischen. Er bestieg sein eigenes Auto und fuhr zum Verwaltungsgebäude, von dem er den Wächter abholte, der immer noch brav vor Esthers leerem Zimmer saß und an nichts Böses dachte, bis ihm Symes mit höflichen Worten klarmachte, was für ein Esel er gewesen sei. Beide erkundigten sich noch, ob der Herzog und seine Begleiter in der Zwischenzeit erreicht worden seien, und fuhren, nachdem man sie beruhigt hatte, daß es sehr bald so weit sein müsse, in normalem Tempo den Weg nach London zurück, den sie gekommen waren.

 

Erst nach einer ganzen Weile war Esther Raleigh imstande, ihrem Führer einige Fragen zu stellen.

»Sie kommen von –?«

»Jawohl, ich habe auf Sie gewartet. Ich erfuhr von einem – Bekannten, daß Sie gerettet seien und in Ihrem Zimmer lägen. Dann hörte ich, daß unser Freund Symes – das ist der Mann, der Sie verhaften wollte – da sei und einen Sergeanten 'rauf geschickt habe – das genügte. Mein Bekannter stand auf Posten, um zu sehen, was geschehen würde, und ich hielt mich bereit. Dann kam er überraschend und erzählte, Sie seien unterwegs nach » The Crown«, er war mit seinem Motorrad sofort zu mir gerast und fuhr jetzt zu unserem Mast, wo er die Leitung, die wir schon vorher ausgemacht hatten, trennte. – Er verschwand schleunigst wieder – er hat noch mehr zu tun, und wir brauchen ihn hier in der Stadt dringend – und ich, nun, ich erwartete Sie. – Natürlich war Symes, der ein paar Stunden vorher gekommen war, der Wagen schon aufgefallen, und er legte sich auf die Lauer. Alles Weitere wissen Sie ja.«

»Und jetzt fahren wir nach London?«

»Wir fahren direkt nach Southampton, wo Sie an Bord der ›Baltic‹ gehen werden, eine Kabine ist bereits belegt.«

Esther starrte den Mann neben ihr an – aber sie konnte nur die Sturzkappe und ein paar erschreckend tote Brillenaugen sehen. Also so war eine Flucht, bei der es ums Leben ging. Sie hatte keine Ahnung, wer ihr Führer war, den Selfride da geschickt hatte, aber sie entsetzte sich vor der Energie des Vorgehens von » United Service«.

Wohin sollte sie nun? Southampton – das sagte gar nichts. Ging der Dampfer nach Frankreich, nach Deutschland, Holland – oder nach Amerika? Sie hatte das Gefühl, daß sie von dem Manne an ihrer Seite keine weiteren Auskünfte erhalten würde. Er hatte den Auftrag, sie an Bord der »Baltic« zu bringen und damit fertig. Alles Weitere würde sich finden.

Der Rennwagen brauste mit gleichmäßiger, aber toller Geschwindigkeit über die Chaussee. Es wurde dunkel, es wurde Nacht – sie fuhren um Städte, deren Lichter einen häßlich rosigen Schein gegen den Nachthimmel warfen, im Bogen herum. Der Fahrer schien den Weg genau zu kennen, er zögerte an keiner Kreuzung eine Sekunde.

Die Reaktion der ungeheuren Aufregung der letzten Stunden legte sich auf Esther wie ein Mantel aus Blei. Sie hockte in einer Art Halbschlaf in ihrem Sitz und spürte den eisigen Wind kaum, der die freien Stellen ihres Gesichtes zerschnitt. Endlich mäßigte sich der Lauf des Autos, sie kamen zum ersten Male seit ihrer Abfahrt in eine Stadt. Der Wagen hielt vor einem etwas abgelegenen Hause, der Fahrer half der ganz steif gefrorenen Esther heraus. Draußen stand eine Frau, die Miß Raleigh respektvoll begrüßte und ins Haus führte.

Als Esther sich in der Haustür umsah – konnte sie noch den Rennwagen an einer fernen Ecke verschwinden sehen. Widerstandslos ließ sie sich in eine gemütliche Stube leiten, wo die behäbige Frau ihr erst ein Glas Glühwein oder dergleichen reichte und dann begann, sie geschickt und behutsam umzukleiden.

Eine halbe Stunde später war Esther Raleigh von einem etwas sportgirlmäßig aussehenden jungen Mädchen in eine elegante, gepuderte und geschminkte junge Dame verwandelt, die sich selbst erstaunt betrachtete. Die Frau eilte hinaus und kam mit einem kleinen Handköfferchen zurück, das sie Esther gab.

In dem Vanity-Case lagen außer einem modischen Handtäschchen ihre Kofferschlüssel, ein Portefeuille mit Banknoten und ein Paß. Sie öffnete das Heft verwundert und las neben ihrer Fotografie den Namen Jessie Haynes. Die Frau bat sie, unter die Fotografie denselben Namen zu schreiben, ein Füllfederhalter befände sich in dem Täschchen.

Halb abwesend unterschrieb Esther und hörte erst genauer hin, als die Frau ihr sagte, daß ihr Wagen sofort vorfahren würde, um sie an Bord der »Baltic« zu bringen; die Kabine von Miß Haynes sei bereits gestern in Ordnung gebracht worden, ihr Gepäck stehe schon auf dem Schiff, ihre Sachen würde sie in dem Schrank und den Schubladen der Kabine finden.

Esther kam alles wie ein dunkler, schwerer Traum vor. Es hupte draußen, sie trat aus dem Haus und setzte sich in einen geschlossenen beigefarbenen Wagen, der sie zum Hafen brachte. Sie stieg aus, schritt über die schwingende Landungsbrücke in den Steamer, passierte die Polizeikontrolle, der sie den Paß zeigte, nannte dem Steward ihren Namen und fiel einige Minuten später todmüde auf ihr Bett in der luxuriösen Kabine. Ihr letzter Gedanke war: woher weiß Selfride, daß ich die Dokumente fotografiert habe?

Dann blieb sie in ihren Kleidern liegen und merkte nichts davon, daß der Dampfer nach Mitternacht vom Pier losmachte, von Schleppern aus dem Innenhafen gezogen wurde und nun mit eigener Kraft die See gewann.

 

Als Jury Zagainoff durch die Zeitungen von dem Grubenunglück erfuhr, war sein erster Gedanke, sich sofort telefonisch mit Cold Gate in Verbindung zu setzen, um Genaueres zu hören. Die Angst um Esther, die kaum Gewonnene und nun vielleicht schon wieder Verlorene, machte es ihm unmöglich, unbeeinflußt und sachlich seine Verhandlungen weiterzuführen. Er vertagte einige Konferenzen und irrte einen halben Tag lang in London umher, um seiner Aufregung Herr zu werden.

Es war ausgeschlossen, den Anruf zu versuchen. Er wußte genug von den Praktiken der Überwachungsstellen, um nicht anzunehmen, daß seine Schritte weiterhin kontrolliert werden würden. Und er wußte, daß jede Unbesonnenheit von seiner Seite nur Esther gefährden müsse – und zwar ganz zwecklos. Ein Telefonat mit der Londoner Vertretung der »Welt« war ergebnislos; Dr. Linden, den er unter irgendeinem Namen um Auskunft bat, erklärte nur, noch nichts gehört zu haben.

Erst am folgenden Tage brachten die Blätter Näheres. Es seien etwa 30 Bergleute verunglückt, bisher habe man 14 Tote geborgen. Die Untersuchungskommission mit dem Herzog und Direktor Larker habe sich in einen Nebenstollen retten können und erwarte dort die Hilfsmannschaften, mit denen man bereits Klopfzeichenverbindung habe.

Das war alles, und es war nicht viel. Immerhin glaubte Jury darauf entnehmen zu können, daß keine unmittelbare Gefahr für Esther bestehe. Er erwartete unruhig, aber hoffnungsvoll, in der nächsten Ausgabe der Zeitungen zu lesen, daß sie gerettet sei – statt dessen fiel ihm am zweiten Tag eine kurze, scheinbar belanglose Notiz auf:

» Industriespionage?

Wie unser Korrespondent aus Cardiff meldet, ist eine Dame, die eine der dortigen Gruben als Gast des Besitzers besuchte, unter eigentümlichen Umständen verschwunden. Da die Angelegenheit von Scotland Yards bearbeitet wird und in den bewährten Händen von Inspektor Symes liegt, darf man hoffen, bald Einzelheiten zu erfahren, aus denen hervorgeht, ob es sich hier etwa um einen Fall von Werkspionage zugunsten einer ausländischen Macht handelt.«

Jury legte das Blatt nieder und nagte an seiner Unterlippe. Daß mit der geheimnisvollen Dame Esther gemeint sei, daran konnte er keinen Augenblick zweifeln. Der Korrespondent hatte wohl nur ungenaue Informationen erhalten – es roch ein wenig nach Mitteilungen aus dritter Hand – aber im großen und ganzen stimmten seine Vermutungen sicherlich. Also war Esther doch in Gefahr? Und vielleicht in einer weit größeren, als sie ahnen konnte?

Zagainoff überlegte fieberhaft, was er tun könne. Er mußte Esther wiedersehen, und zwar so bald wie möglich – aber wie sollte er sie finden, wenn sie wirklich, gehetzt von der Polizei, irgendwo auf der Flucht war?

Als er, auf dem Wege in sein Zimmer, halb zufällig an ihren Räumen im Hotel vorbeikam, sah er einen Unbekannten, der auf dem Flur hin und her ging und ihn beim Vorbeikommen zu beobachten schien.

Also war es schon so weit, daß man den ganzen Apparat mobil gemacht hatte? Jury Zagainoff pfiff leise und erbittert eine kleine russische Kampfmelodie vor sich hin – ein Liedchen, das er als herumstrolchender Junge mit seinen Kameraden oft bei Raubüberfällen auf einsame Dörfer gegrölt hatte.

In seinem Zimmer erwartete ihn die zweite Überraschung. Er fand, sauber gefalzt, so, wie sie aus der Rotationsmaschine gekommen war, dieselbe Zeitung, in der er die Notiz über Werkspionage gelesen hatte. Etwas erstaunt und ärgerlich warf er das Blatt zur Seite – seit wann lieferte die Hoteldirektion Zeitungen in die Zimmer? – als ein Zettel herausflatterte und zu Boden fiel. Jury bückte sich hastig. Es war ein kleines Oktavblatt aus einem Notizbuch, auf dem einige mit Schreibmaschine geschriebene Zeilen standen. Anrede und Unterschrift suchte er vergebens, bevor er las:

»Miß Raleigh befindet sich aus dem Wege nach Cherbourg, von wo sie nach Brüssel weiterreisen wird. Schreiben Sie ihr nach Brüssel, hauptpostlagernd unter dem Namen Ihrer Agentin, die zur Zeit in Mexiko Stadt, angesetzt gegen die Manöver der S. J., arbeitet.«

Das erste, was Jury nach dem Lesen dieses Briefes tat, war, sich sehr ruhig hinzusetzen und mit aller Sorgfalt eine Zigarre anzuzünden. Er rauchte, einen Punkt der Tapete fixierend, ein paar Züge, ehe er schnell die notwendigen Folgerungen zog.

Der Brief war nicht von Esther selbst geschrieben, das war klar. Er mußte heute nachmittag mit der Zeitung ins Zimmer geschmuggelt worden sein, und der Überbringer hatte ihn an dieser offenen Stelle versteckt, weil er mit Recht annahm, daß etwaige andere »Kontrolleure« in der neuesten Zeitung keine geheimen Nachrichten vermuten würden.

Der Überbringer oder Absender konnte also kein Freund der englischen Überwachungsstellen sein – es sei denn, daß ihm diese selbst eine Falle stellen wollte.

Dagegen sprach jedoch Verschiedenes.

Wenn man ihn aufgefordert hätte, nach einer englischen Stadt zu schreiben, wäre er keinen Augenblick im Zweifel darüber gewesen, daß man ihn fangen wolle. Aber Brüssel? Um von dort Material zu erhalten, waren diplomatische Schritte notwendig, die man vermeiden würde, solange es irgend anging. Außerdem tendierte Brüssel mehr zu Paris, und dort war man in der letzten Zeit nicht übermäßig begeistert von britischen Wünschen.

Entscheidend aber und den Absender des Briefes völlig erklärend war der letzte Passus; der Name, unter dem er an Esther schreiben sollte, konnte nur einer Stelle bekannt sein – und dies war United Service.

Jury lachte und klopfte die Asche seiner Zigarre heftig ab. Herr Selfride war so höflich, ihm Esthers Adresse zu geben. United Service for Press Information – ausgezeichnet! Man wußte also dort von seinen Beziehungen zu Miß Raleigh und billigte sie offenbar – sehr schmeichelhaft. Jury hatte Mühe, nicht auf amerikanische Art auszuspeien.

Und Esther, die arme Esther, war nun diesem Selfride und seiner Organisation vollkommen verfallen. Man hatte sie gerettet, sicherlich unter Anwendung all der rücksichtslosen Finessen, die man in diesen Kreisen gern anwandte; unter Benutzung der Tricks, die es dem Geretteten unmöglich machten, je wieder frei zu kommen – er kannte diese Methoden.

Sie wurde also nach Brüssel geschickt, um dort zu »arbeiten«, und er war unfähig, ihr zu helfen. Es war durchaus zweifelhaft, ob Esther Raleigh je den Brief in die Hände bekommen würde, den er nach Brüssel unter der angegebenen Adresse sandte. Sicher war nur, daß der Brüsseler Agent Selfrides ihn jederzeit abholen und benutzen konnte, falls er sich eben benutzen ließ.

Jury stand auf und begann, ruhelos mit großen Schritten im Zimmer auf und ab zu gehen. Noch nie hatte er sich so gefangen, so ohnmächtig gefühlt. Er verfluchte seine Aufgabe, er verfluchte Europa, und es hätte nicht viel gefehlt, daß er auch die Tatsache seiner Bekanntschaft mit Esther verflucht hätte.

Aber nach einigen Minuten ratloser Wut entschloß er sich, nach Erledigung seiner Arbeiten in London, die zwei, höchstens drei Tage in Anspruch nahmen, nicht direkt in die Staaten zu fahren, sondern einen Umweg über Brüssel zu machen. Und vorher – er hatte nun Grund genug, sich mit den Helfern des Herrn Selfride zu beschäftigen – wollte er die russische Vertretung der G. P. U. in Brüssel um eine kleine Nachforschung bitten.

Eine Viertelstunde später funkte London ein durchaus harmloses, anscheinend nicht im mindesten chiffriertes Telegramm nach Brüssel, wo es einem blonden, bärtigen Herrn Dawidowitsch ausgehändigt wurde. Zagainoff verbrannte den Brief, den er gefunden hatte, und schritt, munter pfeifend, die große Treppe zur Halle hinab, nachdem er das telefonisch aufgegebene Telegramm im Text auf seinem Schreibtisch hatte liegen lassen, wo es jedermann getrost finden mochte.

 

Hardley, der auf Selfrides Anordnung alles für Esthers Flucht Notwendige vorbereitet und die Durchführung überwacht hatte, beging nach der Rückkehr von Southampton einen unverzeihlichen Fehler.

Obwohl er wußte, daß es Addison selbst war, der die Festnahme Esther Raleighs angeordnet hatte, glaubte er, in ihren Hotelzimmern noch alles beseitigen zu müssen, was irgendwie verdächtig sein konnte. Es machte ihm, da er ja ebenfalls im Savoy wohnte, keine Schwierigkeiten, in Esthers Zimmer zu kommen. Er durchsuchte alles gründlich – und als er sich zum Gehen wandte, trat ihm ein Mann entgegen, der nachlässig mit einer Pistole spielte und sich dabei vorstellte:

»Inspektor Symes von Scotland Yard.«

Hardley nickte und sah erst die Pistole und dann Herrn Symes an.

»Herr Hardley, wenn ich mich nicht irre? – Kaufmann aus Boston, wie?«

Herr Hardley gab es unumwunden zu, obwohl Symes' Lächeln bei den letzten Worten gefährlich freundlich geworden war.

»Wir wollen kein Theater spielen, Hardley. Ich muß Sie zwar warnen, nichts auszusagen, was Sie später belasten kann, aber – wir sind doch im Bilde –«

»Ich wohl noch nicht ganz, Herr Inspektor Symes, es wäre sehr liebenswürdig von Ihnen, mich ein wenig aufzuklären!«

»Was haben Sie denn hier im Zimmer der deutschen – ich betone der deutschen! – Korrespondentin gesucht, Herr Hardley?«

»Ich erwartete, sie selbst anzutreffen –«

»So – und dazu öffneten Sie die Tür mit einem Nachschlüsse?;«

»Die Tür war offen, Herr Symes –«

»Offen? Sollte ich vergessen haben –?«

Und während Symes einen Augenblick lang unsicher war, ob er die Tür nicht wirklich versehentlich offen gelassen habe, dankte Hardley seinem Gott und Selfride, der ihm eingeschärft hatte, nach dem Öffnen einer Tür den Dietrich oder Nachschlüssel stets an einen dritten Ort außerhalb des Raumes zu legen. Der Nachschlüssel befand sich im Augenblick auf der Kante einer Wandleiste im Korridor.

Der Inspektor fragte ganz beiläufig:

»Seit wann hat man in Boston Interesse für russische Agenten?«

»Wie bitte?«

»Wollen Sie leugnen, genau gewußt zu haben, was diese Miß Raleigh hier trieb?«

Symes sah Hardley drohend an.

In diesem Augenblick entdeckte der Amerikaner etwas, das ihm den Atem zu rauben drohte: er sah, von einer Falte der Diwandecke halb bedeckt, ein winziges Röllchen schwarzes Papier am Boden liegen – ein Filmpack der Uhrenkamera!

Ehe Symes von seiner Waffe Gebrauch machen konnte, war Hardley über ihm und schmetterte dem Inspektor die Faust gegen das Kinn. Symes sackte augenblicks zusammen, Hardley entriß ihm die Pistole, nahm die kleine Rolle an sich und versuchte zu fliehen. Er riß das Fenster auf und schwang sich hinaus. Die Straße lag auf der anderen Seite des Hauses, hier waren Gärten und ein paar Höfe. Hardley faßte Fuß und lief schnell durch eine Art kurzen Tunnels.

Als er herauskam, sah er, sich gegenüber im Ausgang eines geräumigen Hofes, mehrere uniformierte Polizeibeamte, die ihn im gleichen Moment erblickten. Er zögerte eine Sekunde, ehe er sich drehte und zurückjagte. Das Röllchen – er prüfte es im Laufen – es war unversehrt, also hatte Miß Raleigh nur eine unbelichtete Rolle verloren!

Hinter ihm erklangen Rufe, stehenzubleiben – er warf den Revolver fort, der ihm nur schaden konnte. Da vorn –

Und da tauchte Symes mit zwei Mann auf – es gab kein Entkommen!

Ehe einer der Polizisten es bemerkt hatte, schob Hardley die kleine Rolle in den Mund und verschluckte sie. Dann ging er seinen Verfolgern ruhig entgegen:

»Ich wollte Ihnen nur beweisen, Herr Inspektor Symes, wie schnell wir Bostoner sein können –«

»Und ich habe Ihnen bewiesen, daß wir Londoner noch schneller sind. Kommen Sie mit, Mann, und machen Sie sich und uns keine Unbequemlichkeiten mehr – das Rinn tut mir immer noch weh.«

Inmitten der zivil gekleideten Kriminalpolizisten spazierte Mister Hardley nun ruhig um den Häuserblock herum, da der Wagen Symes' auf der entgegengesetzten Seite hielt. Das einzige Überflüssige, was Hardley noch tat, war, daß er am Eingang des Hotels dem Türhüter zurief:

»Man hat mich verhaftet, ein Mißverständnis! – Sagen Sie dem Portier, er solle mir mein Zimmer frei halten!«

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