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Der heimliche Kampf

Michael Corvin: Der heimliche Kampf - Kapitel 12
Quellenangabe
authorMichael Corvin
titleDer heimliche Kampf
publisherWegweiser-Verlag G. m. b. H.
yearo.J.
firstpub1930
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20181125
projectid1bf3eac0
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11

Sonderbarerweise gelang es der Familie Jeffers, die erste Sperrlinie, die in die Zollabfertigung und Paßkontrolle in Emmerich auf der Bahnstrecke Rotterdam-Berlin gelegt war, zu passieren. Sie wurden erst erkannt, nachdem sie sich getrennt hatten und Harry in Köln, Dick in Halle und die schöne Ray in Berlin Wohnung genommen hatten. Das Verhalten der drei war im übrigen so unauffällig und harmlos wie nur möglich. Dick siedelte nach einem Tage ebenfalls nach Berlin um, um hier »von Halle kommend« seine Arbeit aufzunehmen. Er hatte eine Reihe von Empfehlungen an verschiedene maßgebende Persönlichkeiten aus Industrie und Finanz, und es gelang ihm sehr schnell, seine Fäden dorthin auszuwerfen, wo er sie haben wollte. Ray verhielt sich vorläufig ebenso wie Harry in Köln abwartend.

Die Abteilung IA der Berliner Polizei, die politische Abteilung, die außer den Fällen im Landespolizeibezirk Berlin noch eine Reihe besonderer Aufträge im gesamten preußischen Gebiet bearbeitet, überwachte die drei nach Maßgabe ihrer Anweisungen, ohne vorerst in den Tagesprotokollen von anderem als von ihrer bloßen Existenz berichten zu können.

 

Als Esther mit Larker von der Morgeninspektion der Grube in das Verwaltungsgebäude zurückkehrte, fand sie in der Halle bereits die anderen versammelt. In einer Ecke des Raumes war der Frühstückstisch gedeckt, man hatte sichtlich nur auf das Kommen der beiden gewartet, um zu beginnen. Herzog Eric sah ihnen mit einem Blick entgegen, der Esther für Larker nicht sehr verheißungsvoll zu sein schien. Aber dieser lächelte munter und unbesorgt zurück und erzählte die Geschichte des Frühaufstehens mit einer so leichten Sicherheit, daß sie selbstverständlich und begreiflich erschien und Herzog Eric seinen Verdacht, daß es sich um ein Komplott handele, wohl aufgeben mußte.

Es schlug von der großen Uhr, die am Giebel des Hauptgebäudes angebracht war, blechern neun Uhr, als man sich erhob und zum Schacht schritt. In dem Vorraum, der im Maschinenhaus lag, erhielt jeder der Besucher ebenso wie Larker und der Herzog eine Grubenlampe. Es waren alte Sicherheitslampen mit Petroleumbrennern, um die ein engmaschiges Drahtnetz gespannt war, um ein Durchschlagen der Flamme zu verhindern. Die Lampen wurden entzündet, und die kleine Gesellschaft wanderte, sonderbar genug, wie es Esther vorkam, die wenigen Schritte durch den Morgen mit blaßbrennenden Lampen bis zum Förderturm. Die schwarze Holztür öffnete sich, drinnen verbreiteten ein paar Kohlenfadenlampen ein dunstiges rötliches Licht, und von irgendwoher schien ein kalter Wind zu laufen. Ein Mann trat ihnen entgegen, wechselte mit dem Herzog einige Worte und drückte auf einen Klingelknopf, während er ihnen gleichzeitig ein Zeichen gab, zu warten. Im nächsten Augenblick begann der Windzug sich zu verstärken, ein rasselndes und schrillendes Geräusch wuchs aus dem Hintergrund des Raumes, aus dem Boden, aus irgendeiner unheimlichen Tiefe herauf und schien endlos lange zu dauern.

Nach zwei Minuten war der Förderkorb oben angelangt. Der bretterne Hintergrund des Raumes, der, wie sich jetzt zeigte, von einer Schiebetür eingenommen wurde, öffnete sich, und Esther sah nun zum erstenmal den Fahrstuhl eines Bergwerkes vor sich. Die Einrichtung sah nicht sehr vertrauenerweckend aus. Es war einfach ein großer ungefüger Holzkasten, ein offenes Gitterwerk mit einem Bohlenfußboden, das an zwei Seiten in Schienen glitt und allein von dem mehrfingerdicken Drahtseil gehalten wurde. Der schmutzige Kasten war bis auf zwei Mann, die schwerfällig herauskamen, leer. Die sechs Personen betraten den Fahrkorb, und der Herzog wandte sich lächelnd an Esther, indem er eine flache lederumhüllte Flasche aus der Tasche zog und sie in eine ihrer Rocktaschen steckte:

»Wenn es Ihnen ungemütlich werden sollte – die Niederfahrt geht ein bißchen plötzlich –, dann nehmen Sie ruhig einen Schluck davon. Es ist reiner Kognak, der gegen solche Fallgefühle immer am besten hilft.«

Dann schloß sich die Tür. Larker gab ein Zeichen, und im nächsten Augenblick setzte sich der Korb in Bewegung.

Was Esther später auch erlebte, niemals konnte sie diesen ersten Eindruck beim Besuch der Grube vergessen. Herzog Eric hatte nicht zuviel gesagt, dies schien ihr, dem Menschen, der nur die Oberwelt kannte, ein Fahren in eine unbekannte Hölle zu sein. In den ersten Augenblicken sah sie noch die rohbehauenen Wände des Schachtes emporgleiten, dann nahm das Gefühl des Fallens überhand, Übelkeit schien ihr den Magen bis zum Halse hinaufzustoßen, sie verlor den Boden unter den Füßen und preßte die Nägel ihrer Finger hart in die Handflächen, um sich nicht widerstandslos auf den Boden fallen zu lassen. Sie hatte das Gefühl, als seien schon Viertelstunden dieser schrecklichen Fahrt vergangen, während es noch keine Minute gedauert hatte. Allmählich kam, ohne daß die Übelkeit wich, ein Gefühl der Gewöhnung über sie. Sie fing wieder an, die Umgebung zu mustern. Das Licht der Grubenlampen war zu matt, um mehr als vorüberschießende Streifen, glitzernde Flecken und Bänder in den Steinwänden zu zeigen. Dann kam plötzlich ein Loch, schwarz und schauerlich, aus dem Rollen und unkenntliche Geräusche drangen; sie bildete sich auch ein, ein paar winzige Lichtpunkte gesehen zu haben, und nickte nur, als Herzog Eric in das klirrende Rasseln der Niederfahrt hineinschrie:

»Sohle zwei!«

Also hatte sie das Vorbeikommen an der ersten Sohle gar nicht bemerkt. Sie erinnerte sich, daß man mit diesem Namen die großen Hauptstollen bezeichnete, von denen das Netz der Kommunikationswege abzweigte, Durchschläge, Bremsbahnen, und wie die technischen Ausdrücke einer solchen unterirdischen Stadt lauteten. Sie passierten die Sohlen drei bis sechs, ehe sich die Bewegung des Fahrkorbes verlangsamte. Dann, mit einem fast schmerzhaften Ruck, hielt der primitive Fahrstuhl, und der Herzog machte eine Handbewegung, in eine unregelmäßig gezackte Höhle hinein, deren Eingang vor ihnen lag. Sie traten hinaus, draußen standen ein paar Menschen, ein Pferd wieherte, und dieser ungewohnte Ton hier, neunhundert Meter unter der Erde, ließ Esther schreckhaft zusammenfahren, jemand trat auf sie zu, es war einer der Steiger, der schon vorher von dem Inspektionsbesuch des Herzogs unterrichtet worden war und sie nun führen sollte. Esther tastete nach ihrer Kognakflasche, mußte in sich hineinlächeln und gewann so wenigstens einen Teil ihres Selbstbewußtseins zurück. Während die Bergleute sich an dem Korb zu schaffen machten und von einem schmalen Gleis, das den Stollen entlang lief, Loren auf die Plattform schoben, setzte sich die kleine Kolonne in der Richtung auf die Dunkelheit zu in Bewegung.

Die sieben Grubenlampen warfen, bei den Schritten ihrer Träger hin und her schwankend, ein mattes Licht auf den Weg voraus. Rings um die Schreitenden tanzten unförmige Schatten, von den Schritten hörte man nichts, da ein gleichmäßiger Staub den Boden zentimeterhoch zu bedecken schien. Larker erklärte Miß Raleigh flüsternd – es schien, als könne man in dieser Dunkelheit nur leise und vorsichtig sprechen, um nicht irgendwelche unbekannten Gewalten zu wecken und zu erzürnen –, dieser Gesteinsstaub sei eine Sicherung gegen Schlagwetter, man habe die Erfahrung gemacht, daß er die gefährlichen Grubengase in hohem Maße binde. Esther nickte und betrachtete die Wände, die sie umgaben und die immer näher aneinanderzurücken schienen. Es war, soweit sie feststellen konnte, eine Art Schiefer mit vielen kleinen glitzernden Einsprengungen, die das Licht der Lampen zurückwarfen und manchmal wie tausend böse kleine Augen aufglänzten. Sie passierten ein paar Seitenstollen, niedrige, kaum mannshohe Löcher voller Nacht, und schritten vorläufig weiter auf dem Hauptwege. Ganz plötzlich bekam Esther eine unbändige Lust, in diesem geheimnisvollen Labyrinth allein umherzustreifen: aber sie wußte sehr wohl, wie gefährlich für den Fremden jeder Schritt vom Wege werden konnte.

Der Führer brachte die Gesellschaft zu einem der Hauptflöze, das sich in fast anderthalb Meter Dicke durch den Berg erstreckte und dessen Ende bis jetzt noch nicht abzusehen war. Sie verließen nun doch den Hauptweg und bogen in einen Stollen ein, dessen Decke sich zeitweilig so senkte, daß man nur etwas gebückt vorwärts gehen konnte. An einigen Stellen veranlaßte der Führer die Besucher, schneller zu gehen. Larker erklärte, daß hier in der Decke oder den Wänden sogenannte Sargdeckel steckten. Das seien schwere, meist kurze Steinsäulen, die keinen festen Zusammenhang mit ihrer Umgebung hätten und gelegentlich unter dem furchtbaren Druck des Berges aus ihrer Lage heraus in die Hohlräume der Stollen gedrängt würden. Wen ein solcher herausschießender Klotz treffe, der brauche keinen Sargdeckel mehr, daher stamme der Name. Übrigens waren setzt an den Seiten und der Decke die Steinwände nur selten zu sehen. Der Stollen war ausgezimmert und verschalt, Holzstämme und Bretter stützten ihn. Das Holz roch dumpf und modrig, an vielen Stellen schien es Esther durchgefault zu sein und bröckelte, wenn man sich fest dagegenlehnte.

Die drei Deutschen gingen, ab und zu die Köpfe schüttelnd, weiter mit dem Herzog an der Spitze, Esther folgte mit Larker in einigen Schritten Abstand. Sie wunderte sich über die Lautlosigkeit und darüber, daß man keinem Menschen hier begegne. Larker lachte nur und meinte, während der Schicht sei das ganz natürlich; die mehr als zwölfhundert Mann, die jetzt in diesem Ameisenbau steckten, hätten ihre festen Stellen, die sie während der Arbeitszeit nie verließen. Das einzige, was man treffen könnte, sei ab und zu ein Zug von Hunden, den kleinen Kohlenkarren, die meist von einem der blinden Grubenpferde gezogen würden. Wenn es sie interessiere, wolle er ihr gern einen der Pferdeställe zeigen. Er wisse ja hier unten Bescheid und könne sehr gut den Führer machen.

Sie waren während dieses Gespräches ein wenig zurückgeblieben, und als wieder einer der Nebenstollen auftauchte, deutete Larker darauf hin und fragte sie geradezu, ob sie nicht diesen Weg nehmen wollten, der zu einem Stall führe. Sie könnten in einer Viertelstunde bequem zurück sein und würden die anderen noch früh genug erreichen. Wahrscheinlich würde der Herzog mit den Besuchern sowieso langweilige fachtechnische Gespräche führen. Esther zögerte einen Augenblick, aber das Neue und Ungewohnte dieser Umgebung reizte sie, zudem dürfte Larker hier unten wirklich ungefährlich sein – sie sagte also zu und folgte ihm auf dem neuen Wege. Auch dieser Stollen war mit einer Zimmerung versehen, von Zeit zu Zeit wurde die Holzverschalung aber durch nacktes Gestein unterbrochen. An einer Stelle machte Larker sie auf eine Reihe fingerdicker schwarzer Striche aufmerksam, die sich an der Wand parallel hinzogen. Das seien dünne Flöze, die man als nichtabbauwürdig stehen lasse. Esther betrachtete einen Augenblick lang diese Spuren, die erste Kohle, die sie im Berge sah, wo sie gewachsen war.

In diesem Augenblick erschütterte ein ferner Schuß die Luft, ein Stoß, der ihnen den Atem zu rauben drohte und sie fast zurückwarf. Ihm folgte ein dumpf donnernder Ton, der geradenwegs aus dem Massiv des Berges zu kommen schien. Sie sah erschrocken ihren Begleiter an; aber Larker beruhigte sie, das sei nur ein Sprengschuß, eine harmlose und nicht weiter erschreckende Angelegenheit, wenn sich nicht gerade Grubengas angesammelt hätte. Das Geräusch wiederholte sich, und trotzdem Esther es beinahe erwartet hatte, taumelte sie etwas zurück und berührte Herrn Larkers Schulter, der sie plötzlich zu umarmen versuchte.

Sie wollte ihn empört fortstoßen, aber Larker ließ nicht nach, die Gelegenheit hatte ihn ganz aus dem Gleichgewicht gebracht, die Einsamkeit hier unten, die Nähe der Frau und das Gefühl seiner Überlegenheit und Unentbehrlichkeit machten ihn toll und ließen ihn jede Vorsicht vergessen. Er hatte Esther brutal an den Armen gepackt und versuchte mit aller Gewalt, sie auf den Mund zu küssen. Esther wehrte sich, so gut es ging; schließlich, als sie keinen Ausweg mehr sah, riß sie den rechten Arm so hoch wie möglich empor, um mit der Faust Larkers Zudringlichkeit abzuwehren. Sie dachte nicht mehr daran, daß sie die Lampe in der Hand hielt; der schwere Lampenkörper schwang herum und traf Larker mit einem harten Schlag gegen den Kopf.

Er ließ sie los und fiel um, während Esther, nun völlig besinnungslos, ohne Lampe in die Dunkelheit rannte, die nur noch ein kurzes Stück vor ihr erhellt war. Sie blieb stehen, als der Stollen eine Biegung machte, und wollte nun, an allen Gliedern vor Erregung zitternd, dorthin zurückgehen, von wo noch ein matter Lichtschein bis zu ihr fiel. Sie ging langsam, da tauchte vor ihr hinter der Biegung das gerade Stück letzten Weges auf, und dort war auch das Licht. Sie kam näher, es war ihre Lampe, die am Boden lag. Von Herrn Larker war keine Spur zu sehen. Esther lachte ärgerlich und erschrak gleichzeitig vor dem Ton ihres Lachens, der im Stollen sonderbar hohl und wesenlos zu sein schien. Nun, es würde wohl nicht allzu schwer sein, den Weg zum Hauptstollen zurückzufinden! Sie hob die Lampe auf und ging langsam mit dem Gefühl einer großen Müdigkeit, die ihr erst jetzt zum Bewußtsein kam, vorwärts. Sie hatte noch keine hundert Schritte gemacht, als die Katastrophe hereinbrach.

Es klang zuerst genau so wie die normalen Sprengschüsse. Der Druck des Luftstoßes, der Donner des Schusses. Dann aber kam ein neuer Ton! Der Berg fing an zu dröhnen und zu heulen, aus dem Luftstoß wurde ein Orkan, der ihr entgegenfegte und sie umzureißen drohte, und in dieses Gellen hinein, das ihr Gehör fast taub und unempfindlich machte, schlug ein krachender Donner, der die Pfosten, an die sie sich lehnte, erzittern ließ und überall kleine Steinbrocken loslöste, die wie Hagel auf den Boden herabprasselten.

Dann war es mit einem Male totenstill. Die Stille war so groß, daß Esther ihren Puls klopfen hörte, und der Takt schien ihr laut wie der Pendelschlag einer Riesenuhr zu sein. Sie sah auf ihre Hände und bemerkte dabei erst, wie sie zitterte. Noch erfaßte sie das Vorkommnis nicht in all seinen Möglichkeiten. Ein schlagendes Wetter – was war das? Sie hatte keine Ahnung, wie man sich in solchen Fällen verhalten mußte; sie wußte nicht, was überhaupt geschehen war. Sicher war nur eins, noch lebte sie, und sie würde bis zum letzten Augenblick versuchen, wieder zur Oberfläche der Erde zurückzukommen. Sie lief hastig und mit wankenden Knien weiter in der Richtung auf den Hauptstollen. Beim Laufen schlug etwas regelmäßig gegen ihre rechte Hüfte, sie erinnerte sich, die Kognakflasche. Immer weiterlaufend, zog sie das Gefäß aus der Tasche und trank ein paar Schlucke. Der Alkohol wirkte nur beruhigend und stimulierend, ohne einen berauschenden Einfluß zu haben. Sie konnte ruhiger denken und mäßigte ihre Eile, die ja sinnlos war.

Nach ihrer Berechnung mußte sie schon am Hauptstollen angelangt sein, aber da – sie war plötzlich gezwungen, stehenzubleiben, denn vor ihr hörte der Stollen auf. Gesteinstrümmer, Blöcke und Schutt, helle und dunkle Brocken sperrten in einer kompakten Mauer den Stollen vollständig ab. Sie war gefangen. –

Aber es war ja unmöglich, das durfte nicht sein! Sie drehte sich um und zwang sich mit aller Gewalt, klar zu denken und sich nicht von Panik überwältigen zu lassen. Es gab keine andere Möglichkeit, sie mußte in das Unbekannte hineingehen; wenn der Rückweg abgeschnitten war, gab es nur eins, vorwärts.

Esther Raleigh begann ihre Wanderung im untersten Stollen, neunhundert Meter unter der Erde, allein und ohne eine Ahnung der sie umgebenden Gefahren. Sie war so vorsichtig, die Flamme der Lampe ganz klein zu stellen, und schritt mit einer verzweifelten Beharrlichkeit geradeaus, wie sie meinte. Zwei-, dreimal kreuzte sie kleine Nebengänge, die niedriger waren als ihr Stollen. Dann kam ein neuer Abzweig, oder war es die Fortsetzung ihres Stollens? Und war das vermeintlich weiterführende Stück ihres bisherigen Weges ein Nebengang? Sie zögerte einen Augenblick, ehe sie sich entschloß, nach links zu gehen, da der Weg dort ein wenig anzusteigen schien.

Nach einer halben Stunde merkte sie, daß sich das Aussehen des Weges vollkommen geändert hatte. War das Zimmerungsmaterial schon in dem großen Hauptstollen brüchig gewesen, so war es hier völlig zerfallen. Allenthalben lagen verfaulte Bretter auf dem Boden, hier und dort engten Haufen von Gesteinsbrocken den Weg so ein, daß sie sich tief niederbücken mußte, um überhaupt vorwärts zu kommen. Dazu vermehrte sich die Feuchtigkeit, an vielen Stellen des Bodens hatten sich Pfützen gebildet, und der Eindruck dieses Stollens war in seiner Verlassenheit und Öde entsetzlich deprimierend. Aber umkehren konnte Esther nicht. Umkehren bedeutete in diesem Augenblick nicht nur das körperliche, sondern auch etwas Geistiges. Sie wußte, wenn sie sich jetzt wendete, um zurückzukriechen, dann würde sie sich nach hundert Schritten einfach fallen lassen und einschlafen oder irrsinnig werden. Sie leuchtete weiter und tastete sich durch das Gewirr der bald phosphoreszierend aufleuchtenden, bald schlammig zerfallenden Sparren und Knüppel vorwärts.

Ihr Aushalten schien belohnt zu werden. Sie fand einen kaum meterhohen Durchgang, der steil in die Hohe führte. Auf Händen und knien kroch sie empor, die Lampe mit jedem Schritt vor sich hinhebend und niederstellend. Sie bildete sich ein, schon Hunderte von Metern aufwärts zurückgelegt zu haben, während sie in Wahrheit nach etwa fünfzig Metern auf einen neuen Stollen stieß. Hier gab es keinen Orientierungssinn, keinen Stern, nach dem man sich richten konnte, und kein Wegzeichen. Sie leuchtete den neuen Stollen nach links und nach rechts ab und ging dann aufs Geratewohl rechts weiter.

Wenn Esther Raleigh später von diesem Erlebnis sprach, so behauptete sie immer, daß dieser Weg, dieses Irren durch eine leere Nacht ihr wie eine Bestimmung vorgekommen wäre.

Denn erst nach sechsundzwanzig Stunden sollte Esther den Ausweg finden. Aber vorher – sie erinnerte sich nach ihrer Rettung nicht mehr genau daran, wann es gewesen sei; und wo es war, hätte sie ja nie feststellen können – hatte sie ein Erlebnis, das sie fast in die Dunkelheit und in die Tiefe zurückscheuchte. Sie hatte sehr bald bemerkt, daß sie sich in dem ältesten Teil des Bergwerkes befand, in einem Teile, der längst abgebaut und seit mehreren Menschenaltern unbenutzt war; es waren die nichtgefüllten Stollen und Durchschläge, von denen Herzog Eric gesprochen hatte.

Sie hatte das Glück gehabt, immer wieder aufwärts führende Querschläge und Bremsbahnen zu finden, und hatte sich so schon bis aus einige hundert Meter unter Tag herauf gearbeitet. Da stieß sie, nach einer der Klettereien, durch eine Art schmalen Kamin auf einen neuen Stollen, der zu ihrer Rechten stumpf endete und nach links hin durch zwei merkwürdige Blöcke halb versperrt war. Sie stieß die Blöcke an und wäre im nächsten Augenblick beinahe in panischem Entsetzen wieder den Kamin in die Tiefe hinabgeflohen: denn das, was sie für Steine gehalten hatte, kippte um, und zwei grauenhaft verzerrte Gesichter starrten ihr entgegen. Sie war bei ihrer ersten unbeherrschten Fluchtbewegung so heftig gegen eine Steinkante gestoßen, daß sie sich die Schulter aufgerissen hatte. Das brachte sie zur Besinnung. Sie leuchtete den beiden Toten mit ihrer Lampe ins Gesicht und erkannte, daß die beiden ganz mumifiziert und eingetrocknet waren. In all ihrem Entsetzen fiel ihr ein Wort ein: »Falun«, hieß es nicht »Falun«? Sie hatte doch als Kind irgendeine Geschichte von einem Erzbergwerk gelesen, in dem ein junger Bergmann den Tod fand und viele Jahrzehnte hindurch unaufgefunden an irgendeiner Stelle hockte.

Auch diese beiden Leute mochten wer weiß wie lange schon tot sein und in dieser verlassenen Gegend des Höhlennetzes sitzen. Sie stieg, immer noch an allen Gliedern zitternd, über die Mumien hinweg und mußte noch eine lange Zeit umherirren, immer mit der schrecklichen Angst, auf ähnliche Reste früherer Katastrophen zu stoßen.

Sie war dicht daran, ihre Versuche aufzugeben; die Grubenlampe war am Ausgehen – und gerade diese Tatsache rettete sie. Es war wieder an einem Kreuzweg. Sie hatte die nutzlose Lampe auf den Boden gestellt und starrte in dem ersterbenden roten Licht in die zwei dunklen Schlünde zu ihren Seiten. Da schien es ihr, als sähe sie zur Linken unendlich zart, wie gedämpft durch dichte Schleier, eine blasse Dämmerung. Sie stolperte nun, nur wie ein Tier dem schwachen Scheine folgend, über den unebenen Grund voran. Ihre schon vorher an den Knien, den Ellbogen und Schultern zerrissene Kleidung wurde immer wieder durch Steinsplitter neu zerfetzt – aber das Licht wuchs!

Dann stand sie am Grunde einer Röhre, die geradeswegs in den Himmel führte. Ihr Schicksal hatte sie einen der aufgegebenen alten Schächte finden lassen, und durch die Tränen, die ihr nun unaufhaltsam über das Gesicht liefen und ihren Blick trübten, erkannte Esther in unendlicher Ferne einen Stern. Der Schacht hatte noch keinen Aufzug, sondern eine, wie es schien, endlose Zahl von Leitern führte nach oben, Obwohl zu befürchten war, daß viele der Stufen vermorscht und unbrauchbar sein würden, wagte Esther den Aufstieg. Zwei-, dreimal brachen mehrere Sprossen unter ihr weg, aber es gelang ihr immer, sich festzuklammern, und nach einer Ewigkeit zog sie sich mit dem letzten Rest ihrer Kräfte über den Rand des Schachtes, der zum Schutz nur mit einem hinfälligen Bretterzaun umgeben war. Die Gegend, in der sie sich befand, war ihr völlig unbekannt, sie versuchte noch, einige Schritte zu gehen; aber da sah sie ein paar Leute über eine Wiese hergelaufen kommen und verlor im gleichen Augenblick ihren Willen. Sie sank bewußtlos zusammen und erwachte erst wieder im Verwaltungsgebäude, wo man sie in dem ihr zugewiesenen Zimmer ins Bett gebracht hatte.

Von Herzog Eric, Larker und den drei deutschen Herren war noch niemand zurückgekehrt: doch hatte man durch Klopfzeichen bereits ermittelt, daß sie alle am Leben geblieben und nur noch von den Rettungsmannschaften abgeschnitten seien.

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