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Der heimliche Kampf

Michael Corvin: Der heimliche Kampf - Kapitel 10
Quellenangabe
authorMichael Corvin
titleDer heimliche Kampf
publisherWegweiser-Verlag G. m. b. H.
yearo.J.
firstpub1930
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20181125
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9

Es war für Georg einigermaßen überraschend, mit welcher Selbstverständlichkeit Tsun Kayi von dem Augenblick seiner Zusage an sein Leben in die Hand nahm. Der Japaner veranlaßte ihn, sich Professor Berger, dem Leiter des Gasversuchs-Laboratoriums, das der chemische Trust neuerdings beträchtlich erweitert hatte, vorzustellen. Der Professor, der offenbar bereits von seinem Besuch vorher unterrichtet worden war, empfing ihn sehr liebenswürdig und fragte ihn, ob seine Studien ihm auch eine praktische Arbeit erlauben würden. Georg bejahte etwas erstaunt. Kayi hatte ihm lediglich gesagt, daß es vorteilhaft wäre, etwa eine Halbtagsarbeit im Laboratorium zu bekommen. Er hatte angedeutet, daß es ihm durch eine Reihe deutscher Beziehungen sicher möglich sein würde, Georg unterzubringen, und daß er ihm einen solchen Beginn nur sehr empfehlen könne. Soviel ihm bekannt sei, beschäftige man sich bei den Gasversuchen gegenwärtig in erster Linie damit, die Wirkungen verschiedener Gase auf lebende Organismen zu erproben. Als Grund hierfür werde die Notwendigkeit angegeben, genügende Arbeitssicherungen in solchen Betrieben zu schaffen, in denen mit Gasgefahr gerechnet werden müsse. Hierzu seien in erster Linie Bergwerke, die metallverarbeitende und die chemische Industrie zu rechnen.

Georg begriff diese Ausführungen nur halb. Er mußte zwar ohne weiteres zugeben, daß die Arbeiten im Gaslabor dieses größten europäischen Trusts zweifellos sehr interessant sein konnten; gleichzeitig aber fragte er sich etwas erstaunt, ob man deshalb Bakteriologie studieren müsse. Tsun Kayi, dem er seine Unsicherheit nicht verhehlte, beruhigte ihn mit dem stets gleichen undurchdringlichen Lächeln:

»Sie irren sich, Georg. Gerade Bakteriologen fehlen den Leuten dort. Und wenn sie ihnen auch heute vielleicht noch nicht bewußt fehlen, so können Sie sicher sein, daß dies morgen in höchstem Maß der Fall sein wird. Im übrigen möchte ich nicht versäumen, Ihnen einen vielleicht wertvollen Tip zu geben. Die Versuche Professor Bergers begannen natürlich mit einem ganz kleinen Programm. Es handelte sich nur darum, die Wirkung der Gase auf den menschlichen Organismus festzustellen und paralysierende Stoffe herzustellen. Aber dieses Programm hat sich bereits seit langem als viel zu klein erwiesen. Es ist ja allmählich kein Geheimnis mehr –« er entblößte bei breiterem Lachen zwei Reihen starker, harter Zähne, »– daß man sich in allen Staaten auf die Möglichkeit künftiger Konflikte vorbereitet. Natürlich kann Deutschland hierin keine Ausnahme machen. Sie verstehen, daß nun das Gaslaboratorium eine besondere und weit größere Bedeutung bekommen mußte, als ursprünglich geplant war. Die Herstellung von Kampfgasen kommt ja hier keinesfalls in Betracht – aber die Bekämpfung derartiger Gase ist ein sehr ernstes Problem der vielleicht schon nahen Zukunft. Erinnern Sie sich noch der Einrichtung der ersten Giftgasfabrik in Rußland, die ja sowohl einen Teil ihrer Instrumente wie die Mehrzahl ihrer Chemiker und auch – einen Teil des nötigen Kapitals Mitteleuropa verdankte?«

Georg nickte und sah den Japaner gedankenvoll an. Er zweifelte auch jetzt noch keinen Augenblick an dem ehrlichen Wunsche Tsun Kayis, ihm behilflich zu sein. Aber er erinnerte sich in diesem Augenblick an Esthers Brief, den er noch bei sich trug. Merkwürdig, es schien ihm auf einmal, als enthalte dieser Brief, diese wenigen, hastigen Zeilen, viel mehr, als sich aus den bloßen Worten entnehmen ließ. Hatte Esther ihn warnen wollen? Aber weshalb und wovor? So, wie die Dinge lagen, konnte er keine Gefahr irgendeiner Art für sich darin entdecken. Gewiß, eines stand fest: die Arbeit, die er auf Tsun Kayis Wunsch angenommen hatte, würde ihn seinem ursprünglichen Beruf wahrscheinlich entfremden. Aber war das ein Nachteil? Es lohnte sich nicht, über die Schwere der Zeit zu jammern, es gab nur eine Notwendigkeit, und die hieß, sich ihren Erfordernissen anzupassen. Das medizinische Studium bot wenig Aussichten, das akademische Proletariat war im steten Wachsen, und schon heute ließ sich mit einigem Pessimismus der Zeitpunkt errechnen, an dem der qualifizierte Arbeiter wesentlich mehr Verdienst beanspruchen konnte als der Akademiker irgendeiner Disziplin in den ersten fünf Jahren nach seinem Staatsexamen.

Also etwas anderes. Die Bakteriologie war ihm als Ausweg erschienen. Man konnte mit einigem Glück in einem der städtischen oder staatlichen Gesundheitsämter eine mittelgut bezahlte Lebensstellung bekommen. Ein Ziel? Du lieber Gott, man mußte jetzt schon froh sein, als Ziel eine gewisse Sicherheit des Broterwerbs vor sich zu haben.

Und dann war Tsun Kayis besonderer Vorschlag gekommen, und mit einem Schlage eröffneten sich neue, vorher nicht geahnte Möglichkeiten. Unklar waren natürlich vorderhand die Einzelheiten des Weges, auf den er sich nun begeben hatte. Es war zwar nicht zu leugnen, daß sich ihm in Deutschland selbst große Arbeitsmöglichkeiten bieten konnten, wenn der chemische Trust seine Gasversuche in der vorhin von Tsun Kayi geschilderten Weise ausbaute. Aber es war nicht allzu schwer, ein wenig weiter zu denken. Georg wußte genau, daß der Japaner seine Äußerungen nicht lediglich aus einem unbestimmten Mitteilungsbedürfnis heraus zu machen pflegte, er hatte bisher stets beobachtet, daß der kleine stille Mann sich seine Worte sehr genau überlegte, bevor er sie aussprach. Der Hinweis auf die Giftgasfabriken in Trozk, deren Geschichte ja kurz nach den Inflationsjahren in Deutschland einiges Aufsehen erregt hatte, war wie ein noch fernes, kaum sichtbares Licht in der Dämmerung der Zukunft aufgeblitzt. Georg wußte genau, wie sehr man im gesamten Ausland die deutsche wissenschaftliche Arbeit schätzte. Er kannte auch die Widerstände, die sich in zahlreichen Fällen trotzdem Deutschen entgegenstellten, wenn sie sich um Verwendung in anderen Ländern bemühten.

Aber dies war in der Tat ein Zukunftsgebiet. Der Gaskrieg –? Georg schauderte, und dieses Kältegefühl brachte ihn aus seinen Gedanken wieder zu sich.

Der Japaner saß vor ihm, angelegentlich mit seiner Zigarette beschäftigt, und schien Georgs Nachdenklichkeit nicht im mindesten zu beachten.

Georg Herdemerten gab sich einen Ruck und lächelte sein Gegenüber an:

»Sie haben recht, Tsun, es ist für mich natürlich von größtem Wert, zu wissen, daß ich jederzeit mit Ihnen in Verbindung bleibe und daher nicht Gefahr laufe, über dieser sicher sehr interessanten Arbeit meine Studien zu vernachlässigen. Und Sie selbst –?«

Der Japaner besah aufmerksam die Aufschrift seiner Zigarette. Dann hob er den Blick, sah träumerisch an Georg vorbei und meinte:

»Ich selbst? Nun, ich werde vorläufig nichts anderes tun als bisher. Sehen Sie, ich stecke viel tiefer in der Arbeit, als Sie es jemals taten, Georg. Noch ein Jahr, die Zeit bis zum Abschluß meiner deutschen Studien ist nicht sehr lang, und sie erlaubt mir nicht, mich allzusehr mit irgendwelchen Nebendingen zu beschäftigen. Ich werde wohl meinen rein bakteriologischen Studien treu bleiben müssen. Aber natürlich interessiert mich Ihre Arbeit bei Berger außerordentlich, und ich hoffe, daß wir uns recht häufig über die Fortschritte, die Sie dort machen, unterhalten werden. Selbstverständlich nur, soweit –« Tsun Kayi sah plötzlich scharf in Georgs Augen, der den Blick unbefangen erwiderte, »soweit Sie nicht daran gebunden sind, über Ihre Tätigkeit im Laboratorium zu schweigen. Ich bin sicher, daß Sie ohne große Mühe zur gleichen Zeit wie ich das Staatsexamen machen können, und wie ich Ihnen schon sagte, genügen meine Beziehungen in Japan, um Ihnen dort eine Anstellung zu sichern, die Sie für eine spätere, hochbezahlte Tätigkeit in Deutschland qualifiziert.«

Georg Herdemerten erwartete nun, noch einige Äußerungen des Japaners zu diesem Thema zu hören, aber Tsun Kayi verstand es, das Gespräch ohne große Mühe auf belanglose Dinge zu bringen, und trennte sich von Georg, der am nächsten Tage seine neue Tätigkeit beginnen sollte. Nach dem Fortgehen seines Studiengenossen nahm sich Georg endlich die Zeit, Esther Raleighs Brief aus London zu beantworten. Er schrieb ihr von allem, was sich inzwischen ereignet hatte, und während des Schreibens, während sich seine Gedanken, Hoffnungen und Pläne nun schwarz auf dem weißen Papier aufzeichneten und Form gewannen, fühlte er in sich die Sicherheit und das Vertrauen steigen, daß er seinen Weg machen würde, den Weg, dessen Ziel noch unklar vor ihm lag, der aber von dem sanften Licht aus dem Osten einigermaßen erhellt zu werden schien. Er bat Esther, ihm nun, nachdem sie Genaueres wisse, recht bald zu antworten und ihm mitzuteilen, ob es ihm gelungen sei, ihre unbestimmten Besorgnisse zu zerstreuen. Georg brachte den Brief selbst zur Post und hatte ein erleichtertes und beruhigtes Gefühl, nun nicht mehr allein zu sein. Esther würde, schon als unbeteiligter Mensch, manches klarer überschauen können als er, und er durfte der Ehrlichkeit ihres Urteils volles Vertrauen schenken.

 

Als Fräulein Cohn, die an den Brief Burgs nur wenige konventionelle Grüße an Esther geschrieben hatte, nach Hause gekommen war, löste sich ihre Angst und Unruhe zuerst in einem haltlosen Weinen. Burgs Erregung, seine Worte an sie und vor allem der Brief, den er ihr an Esther diktiert hatte, genügten, um sie alles für die Zukunft ihrer Freundin fürchten zu lassen. Was hatte Burg der jungen Korrespondentin geschrieben? Er hatte sie nochmals vor dem Information Service gewarnt, hatte ihr mitgeteilt, welche Rolle Herr Hardley in einer Reihe ihm bekannter Fälle gespielt habe, und ihr wiederholt eingeschärft, bei allen Unternehmungen, mochten sie sein welcherart sie wollten, vor dem Vorgehen an die Sicherung des Rückzuges zu denken. Was er ihr nicht geschrieben hatte und nicht hatte schreiben können, war seine wirkliche Besorgnis gewesen. Der Ton seiner Stimme, das ruhelose Hinundherwandern des schweren Mannes, seine kaum beherrschbare Aufregung, all das konnte Esther aus dem Brief nicht so entnehmen, wie sie, Fräulein Cohn, es erlebt hatte. Und die kleine bucklige Sekretärin, die außer ein paar belanglosen eigenen Briefen in ihrem ganzen Leben nur nach dem Diktat anderer Menschen geschrieben, nur die Regungen, Wünsche und Hoffnungen Fremder zu Papier gebracht hatte, setzte sich in ihrem kleinen Zimmer hin, um einen langen und erschütternden Brief an Esther Raleigh zu verfassen. Sie kämpfte mit dem Anfang, wie schwer waren die ersten Worte, wie sollte man beginnen?

Sie würgte und stammelte, kaute verzweifelt am Federhalter, dessen Handhabung ihr so ungewohnt und seit Jahren ganz fremd geworden war, und begann dann ungelenk und mit zitternden Buchstaben zu schreiben. Der Brief wurde lang, viel länger, als sie zuerst gedacht hatte. Sie verschwieg nichts, nicht das, was sie in der Redaktion gesehen und gehört hatte, und nichts von dem, was sie nur ahnte oder fühlte. Sie beschwor Esther, ihr Leben nicht zu gefährden, obwohl sie nicht wußte, wie sie sich davor bewahren könne. Sie stellte sich ihr zur Verfügung: das kleine arme Fräulein Cohn bot Esther Raleigh eine Freistatt an, ein Asyl, in dem sie sicher sein würde, eine Zuflucht, die ihr immer, immer offen stehen sollte. Sie beschloß – und führte es nachher auch aus –, Esther im Brief den Schlüssel zu ihrer Wohnung mitzuschicken, und fuhr dann in ihrem Schreiben fort. Sie schilderte, als sei er Esther noch fremd, Siegfried Burg. Sie versicherte, daß Esther Raleigh sich auf Burg ebenso verlassen könne wie auf sie: aber sie verschwieg ihr nicht, daß sie Burg selbst in Gefahr glaube; seine Stellung in der Redaktion und im Verlage sei ein unaufhörlicher und selbst diesen Koloß entnervender Kampf.

Als Fräulein Cohn unterschrieben und den Schlüssel eingelegt hatte, verschloß sie rasch den Brief, ohne ihn noch einmal durchzulesen: so als habe sie Angst vor dem, was sie selbst gesagt hatte. Es dämmerte bereits, als sie sich mit geröteten Augen erhob, um in ihr Schlafzimmer zu gehen und noch einige Stunden bis zum Beginn ihrer Tätigkeit zu ruhen.

 

Ministerialrat von Dongen hatte die Bilder, die Dr. Mersheim ihm übergeben hatte, sofort weitergeleitet, um die Vervielfältigung vornehmen zu lassen. Die Kontrolle der auf den Rückseiten der Fotografien beigefügten Daten hatte ergeben, daß der deutsche Konterspionagedienst, über den Selfride so abfällig gesprochen hatte, doch besser funktionierte, als der heimliche Chef des United Service angenommen hatte. Die Familie Patterson war bekannt. Man erinnerte sich ihrer an Hand einiger Unterlagen noch recht gut von der Zeit ihrer Tätigkeit während des Krieges, wo sie in der Schweiz und vorübergehend in Belgien gearbeitet hatte. Auch in der ersten Zeit nach dem Kriege war Frau Ray mehrfach in Deutschland gewesen, wo sie unter dem Schutz der Alliierten sich nicht allein im besetzten Rheinland aufhielt, sondern auch mehrere Reisen nach Mitteldeutschland gemacht hatte.

Die Vervielfältigungen der Fotos, die nach etwa sechs Stunden fertig waren, wurden von Dongen sogleich an die Kriminalposten der Grenzstellen und auf Grund der beigefügten Mitteilungen, die Mersheim aus Esthers Brief entnommen hatte, an die Werkspionagezentrale des chemischen Trusts gesandt.

 

Bereits der erste Tag seines Londoner Aufenthaltes hatte Jury Zagainoff gezeigt, daß die Wiederanknüpfung der unterbrochenen diplomatischen Beziehungen zwischen der Sowjetunion und Großbritannien wesentlich schwieriger sein würde, als man in Moskau anzunehmen geneigt war. Nicht als ob man den Stalin-Kurs für verderblicher als die Bestrebungen der Opposition in Rußland hielte, im Gegenteil. Man war sich vollkommen darüber klar, daß das bolschewistische Experiment als solches mißglückt war. Rußland konnte nicht ohne die anderen leben; freilich hatten auch die anderen genügend Anlaß, sich um Rußland zu bemühen. Letzten Endes waren ja gerade dieser Tatsache die bisherigen Erfolge der Sowjetpolitik zu danken. Nur dadurch, daß man die Großmächte gegeneinander ausspielte, hatte man ein gewisses Gleichgewicht herstellen und bis heute erhalten können. Die amerikanischen Interessen, die trotz der Fehlschläge des Herrn Harriman und anderer amerikanischer Unternehmer unaufhörlich gewachsen waren, boten Moskau die Möglichkeit, die englische Verstimmung mit einiger Ruhe zu ertragen. Aber Jury war sich, ebenso wie die Leute um Stalin, darüber klar, daß die Ergebnisse der chinesischen Kämpfe die bisher schwerste Schlappe und Gefährdung des russischen Prestiges darstellten. Das unpsychologische Vorgehen in Asien hatte England, das zunächst von den revolutionären Vorgängen in Kanton und Nanking aufs höchste beunruhigt worden war und es zu erheblichen Konzessionen geneigt zu machen schien, nun wieder eine weit stärkere und fast unangreifbare Stellung gegeben.

Schon die ersten Unterhaltungen, die der russische Emissär mit führenden Persönlichkeiten der Labour Party und der Independents hatte, zeigten ihm sehr deutlich, daß die englische Arbeiterschaft nicht mehr gewillt war, zweifelhafte Experimente zu unterstützen. In den nächsten Tagen hatte er die verschiedenen Persönlichkeiten gesprochen, deren Handelsinteressen nach Rußland tendierten, und mit denen die Verbindung niemals ganz unterbrochen gewesen war. Sie alle beschwerten sich über den Mangel an Vertragstreue und eine gewisse Illoyalität in geschäftlichen Dingen, die weder mit privatkapitalistischen noch mit sozialistischen Grundsätzen etwas zu tun habe, sondern ganz einfach eine unerträgliche Unkorrektheit darstelle. Trotz seiner großen Verhandlungsgeschicklichkeit hatte Jury Zagainoff alle Mühe, diese Leute davon zu überzeugen, daß die geschäftlichen Aussichten heute größer als je seien, und daß der russische Kurs zwar auch in Zukunft nicht auf die bolschewistische »Front« verzichten könne, wobei jedoch die »Etappe« und das »Hinterland« stärker als früher mit Westeuropa arbeiten würden.

So kam es, daß Zagainoff vor dem Fest der Herzogin Joan keine Zeit mehr fand, Esther zu sprechen. Erst am Morgen nach dem Ball in Herford Palace war es ihm gelungen, sich für kurze Zeit frei zu machen, und er ließ mit einigen Blumen, die er in ihr Zimmer schickte, Miß Raleigh fragen, ob sie ihm erlauben wolle, mit ihr zu frühstücken. Esther, die nach einem dumpfen, wenig erfrischenden Schlaf erwacht war, freute sich, ihn wiederzusehen und bei einem leichten Gespräch manches abschütteln zu können, was sie im Augenblick störte, und bestellte ihn in den kleinen Lunchraum.

Kurz bevor sie hinunterging, klingelte das Telefon – Herr Larker rief an. Er erkundigte sich nach ihrem Befinden und fragte sie, ob er sie vor der gemeinsamen Fahrt mit Herzog Eric noch einmal sprechen dürfe. Er glaube, es werde vorteilhaft sein, wenn er sie ein wenig über die bergbauliche Technik und die Methoden dieser Industrie in England aufkläre, bevor sie sozusagen praktischen Unterricht darin nähme. Esther wollte ein wenig befremdet ablehnen, als ihr einfiel, wie undiplomatisch solches Verhalten sei. Sie teilte also Herrn Larker mit, daß sie zur Zeit des Nachmittagstees eine halbe Stunde für ihn übrighaben würde und bat ihn, zu ihr ins Hotel zu kommen. Dann ging sie zum Lift, um in den Frühstücksraum zu fahren, und begegnete dabei einem Hotelpagen, der einen Korb auffallend schöner Rosen trug. Der Boy blieb zu ihrem Erstaunen vor ihr stehen und überreichte ihr ein kleines Kuvert, das er zu den Blumen erhalten hatte. Esther, kopfschüttelnd, ließ ihn den Korb auf ihr Zimmer tragen und las während des Hinabfahrens belustigt die in dem Umschlag liegende Karte Erics, Herzog von Rochester, durch, der ihr schrieb, wie sehr er sich freue, ihr einen Teil seiner Unternehmungen zeigen zu können. Mit einem aus spöttischer Belustigung und heimlicher Angst gemischten Gefühl steckte Esther die Karte in ihr Täschchen und begrüßte Zagainoff, der sie schon in der Halle erwartete.

Sie nahmen Platz und bestellten ziemlich zerstreut, beide mit dem Gefühl, daß sie sich Wichtiges zu sagen hätten, und gleichzeitig mit der Ahnung, wie schwierig dies sein würde. Zagainoff begann. Er erzählte von allem Möglichen, was sich in den letzten Tagen ereignet hatte, plauderte wirr durcheinander und betrachtete dabei unausgesetzt Esther. Der Kellner servierte, das gab eine willkommene Ablenkung; man aß und versuchte dabei, seiner Befangenheit Herr zu werden. Jury hatte trotz des belanglosen Gespräches sehr schnell herausgefunden, daß Esthers Stimmung keineswegs so ruhig und gelassen war, wie sie wohl vortäuschen wollte. Esther wiederum schien es, als verberge sich hinter dem Eifer ihres Gegenübers, unwichtige Dinge zu erzählen, die Absicht und gleichzeitig die Angst, zu den wichtigen zu kommen. Sie überlegte noch einen Augenblick lang, ehe sie, ziemlich unvermittelt, in das gleichgültige Gespräch hinein Zagainoff fragte:

»Kennen Sie Herrn Larker näher?«

»Larker?«

Zagainoff wurde mit einem Schlage ernst und sachlich. Er hatte irgend etwas dieser Art erwartet, aber der Name Larker überraschte ihn dennoch.

»Sie haben ihn beim Fest der Herzogin Joan kennengelernt?«

Esther nickte. Zagainoff betrachtete prüfend die Schneide seines Tischmessers.

»Larker – hm! Sie wissen, woher er kommt? Er war einmal die Hoffnung der Arbeiterschaft. Jung, ehrgeizig, außerordentlich fleißig. Man hat die Gefahr sehr schnell erkannt – bei den anderen. Die Montanindustriellen – Larker war ja Bergarbeiter – sahen, daß hier ein Mann heranwuchs, dessen wahre Gefährlichkeit freilich in keiner der eben erwähnten Eigenschaften bestand, sondern in ihnen verborgen lag, verbunden mit einer grenzenlosen Eitelkeit. – Nun, man versteht es auf dieser Seite, Menschen zu behandeln. Man kaufte ihn nicht etwa, Gott behüte, diese plumpen Methoden überläßt man den Amerikanern.«

Zagainoff sah Esther nicht an, während er sprach. Er bemerkte nicht, wie sie bei diesen Worten erblaßt war und sich tiefer über ihren Teller neigte. Er fuhr nach einer kleinen Pause mit bitterem Lächeln fort:

»Also sie kauften ihn nicht. Aber sie gewannen ihn auf eine viel einfachere und völlig gefahrlose Weise. Sie erkannten seine Tüchtigkeit an. Sie bestätigten ihn in seiner Führerrolle bei den Arbeitern. Dort hatte man zuerst, nicht unbekannt mit dieser Art von Existenzen, über den jungen, eifrigen ›Revolutionär‹ gelächelt. Dann sah man, daß bei ein paar kleineren Auseinandersetzungen mit den Unternehmern Larker sich als ein geschickter Unterhändler erwies. Nur kurz darauf kam Larkers großer Schlag. Er übernahm in einem der großen Kohlenstreiks die Führung. Er übernahm sie zu einem Zeitpunkt, in dem man schon dicht vor dem Abbruch stand, einem Augenblick, in dem die Hoffnungslosigkeit den Kampfeswillen zu vernichten drohte. Er warf sich in die Bresche, die durch das Zurücktreten und Resignieren der alten bewährten Leiter der Organisation entstanden war. Ja, es war Larker, der plötzlich, eingehüllt in die Gloriole des Mutes der Verzweiflung, auftauchte. Es war der schöne Larker, der Mann, der an den Gesellschaftsabenden der Bergarbeitervereinigungen keinen Tanz ausließ und nie einen Korb bekam. Jetzt war sein Augenblick gekommen, der Moment, den es zu nützen galt.

Man horchte auf, als er da erschien, strahlend und siegessicher wie ein junger Gott inmitten der zermürbten und ausgemergelten Massen; man horchte auf, zuckte die Schultern und ließ ihn gewähren. Es war allen klar, daß der Streik verloren war. Die Kassen waren geleert, Unterstützung von nirgendwoher zu erwarten. Er bat um vierundzwanzig Stunden? Gut, man würde noch vierundzwanzig Stunden warten, so sinnlos es auch war.

Nach vierundzwanzig Stunden hatte die Arbeiterschaft gewonnen. Larker hatte ihre Forderungen durchgesetzt. Verstehen Sie, was das bedeutet?«

Zagainoff war eifrig geworden. Sein ruhiger Ton von vorhin hatte sich in ein eifriges und heftiges Flüstern verwandelt. Esther sah ihn an, und ihre Blicke begegneten einander. Zagainoff umklammerte das Messer, das er noch in der Hand hielt, obwohl er es längst nicht mehr brauchte.

»Das war noch nicht dagewesen. Einen verlorenen Streik so zu gewinnen, im letzten Moment, nein, nach dem letzten Moment. Denn jedermann wußte, daß die Lage der Arbeiterschaft den Bergherren nicht unbekannt geblieben war, es gab genug Spitzel, die sie über die Füllung der Kasse auf dem laufenden hielten. Und trotzdem war es Larker, diesem Teufelskerl, mit seinem strahlenden Siegerlächeln und einem unerhörten Mundwerk geglückt, die Erkenntnis der Industriellen über den Haufen zu rennen. Man hatte gesiegt, und dieses Gefühl setzte sich Larker gegenüber in das Bewußtsein einer Schuld um. Der junge Mann, über den man gelächelt hatte, dieser Springinsfeld und glatte Tänzer hatte all die alten Leute ausgestochen. Er hatte mit diesem Husarenstück von Angriff ohne Reserven, ohne einen Mann und einen Pfennig Reserven, die feindliche Front durchbrochen und aufgerollt. War er nicht ein Held?«

Jury schwieg einen Augenblick, betrachtete seine Faust und das Messer, das er immer noch umklammert hielt, und legte es mit einem verächtlichen Lächeln nieder. Dann sah er vor sich hin, seine Stimme wurde wieder ruhiger und leidenschaftslos, und er fuhr, während Esther ihn schweigend ansah, fort:

»Jawohl, er war der Löwe des Tages. Man überschüttete die alten Führer mit Vorwürfen, man sägte sie ab, man krempelte die ganze Organisation um und brachte sie dadurch an den Rand des Abgrundes. Aber – man hatte ja gesiegt und konnte sich das leisten, nicht wahr? Es waren vor allem die Frauen, die nun die radikalsten Forderungen für Larker und gegen die alten Grundsätze der Organisation aufstellten.

Und das Beste von allem war, daß Larker, dieser eitle Esel, wirklich glaubte, der Sieg sei seiner Geschicklichkeit zu danken. Er durchschaute nicht einen Augenblick lang den genialen Schachzug der Unternehmer, ihn auf diese Weise matt zu setzen. Er durchschaute ihn so lange nicht, bis es für ihn – und die Bergarbeiter zu spät war.

Sie erinnern sich noch der großen Streikbewegung vor zwei Jahren? Larker stand an der Spitze. Eine besondere Gefahr für die Arbeiter schien nicht zu drohen. Die Forderungen waren nicht übermäßig hoch, die Gegenseite schien zu Konzessionen geneigt. Aber diesmal ging es nicht so gut aus wie beim ersten Mal. Larker steigerte sich, berauscht von seinem Machtgefühl und überzeugt von seiner Genialität, in eine unbeugsame Haltung hinein, ohne zu ahnen, daß man auf der anderen Seite nur dies gewünscht hatte. Es kam zum Streik, der übrigens nicht lange dauerte. Denn dann gab es eine Unterhaltung zwischen den Führern der Unternehmer und Mister Larker, eine Unterhaltung, die Herrn Larker sehr unsanft die Schuppen von den Augen fallen ließ.

Denn jetzt genierte man sich nicht mehr, ihm die Wahrheit zu sagen. Es war übrigens Herzog Eric, dem die ehrenvolle Aufgabe zufiel, Herrn Larker aufzuklären. Er tat es höflich, aber vernichtend. Man stellte dem Arbeiterführer die Alternative, entweder sofort den Streik abzublasen und eine Art Urfehde zu schwören, oder aber man würde den Bergarbeitern und der Partei sehr deutlich klarmachen, wie glänzend Herr Larker auf den Leim gegangen sei, und daß die Arbeiterschaft ihm und seiner Wirksamkeit die Gefährdung ihrer Organisation durch die Ausschaltung der meisten bewährten Führer zu danken habe. An diese mehr persönlichen Darlegungen schloß sich noch eine kurze sachliche Unterhaltung, in deren Verlauf Herr Larker erkennen mußte, wie lächerlich schwach die Stellung der Arbeiterschaft gegenüber derjenigen der Unternehmer war. Das Ergebnis der Verhandlung war der Abbruch des Streikes und als Konzession für das Nachgeben der Bergarbeiter die Übernahme Mister Larkers in den Aufsichtsrat der Grubengesellschaften des Herzogs von Rochester.

Das ist Herr Larker, nach dem Sie gefragt haben. Daß er vor seiner Kapitulation einmal kurze Zelt Unterstaatssekretär des Arbeiterkabinetts gewesen ist und bei dieser Gelegenheit ausgerechnet die Marine betreut hat, ist wohl ziemlich belanglos.«

Jury lachte und sah Esther mit traurigen Augen an. Sie nickte wortlos. Zagainoff trank hastig eine Tasse Tee und sah sie fragend an. Sie erklärte ihm, daß sie morgen mit Larker und Herzog Eric die Grube Cold Gate besuchen werde; Larker habe sie zudem gebeten, noch heute mit ihr über die Einrichtungen des Bergwerks und Einzelheiten des Betriebes sprechen zu dürfen, und sie habe ihn zum Nachmittagstee hierher bestellt. Zagainoff machte ein Gesicht, als habe er etwas Bitteres im Munde, und bat sie dann, bei dem Besuch der Grube nicht nur auf die rückständigen Einrichtungen, sondern auch auf das Aussehen der Arbeiter und ihrer Familien zu achten. Übrigens würde auch dabei nicht sehr viel herauskommen, frei zu reden könne keiner der Leute wagen, außerdem habe auch niemand Anlaß, gerade ihr gegenüber offen zu sein.

Esther sah Zagainoff bittend an, der Ton, in dem er diese Warnungen gesagt hatte, hatte sie überrascht. Seine gewöhnliche Gelassenheit war verschwunden, er betrachtete sie mit fast feindseligen Blicken. Beide schwiegen einige Minuten lang. Esther fühlte, daß irgend etwas geschehen müsse, sie fühlte, daß nun, nachdem Zagainoff offen gesprochen hatte, die Reihe an ihr sei, Farbe zu bekennen. Aber wie wollte sie es anfangen, und was durfte sie ihm sagen? Da fiel ihr der Vorgang ein, der sich unmittelbar nach ihrem Bekanntwerden abgespielt hatte. Sie wandte sich an Zagainoff, ob er noch etwas von der Dame gehört habe, die er in seinem Zimmer überrascht habe.

»Frau Jeffers?«

Jury lachte kurz auf.

»Ich habe von ihr nichts weiter gehört. Ich nehme an, daß sie Sir Ronald Addison gleich nach ihrem Besuch bei mir Bericht erstattet hat. Im Hotel jedenfalls ist sie mir nicht mehr begegnet.«

»Sir Addison? Sie meinen den Chef von Scotland Yard?«

Zagainoff nickte.

»Er ist mir von Herzog Eric gestern vorgestellt worden. Kein sehr sympathischer Herr. Man hat den Eindruck, daß er alle und jeden beobachten lassen möchte. Mißtrauen als Beruf muß etwas Fürchterliches sein.«

»Sicherlich. Er ist zwar keineswegs allen Leuten gegenüber mißtrauisch, aber ebensowenig wie ich ihm Vertrauen einflößen werde, dürfte das vielleicht bei Ihnen der Fall sein.«

»Weshalb sollte er mir gegenüber einen Verdacht –?«

»Ich fürchte, er wird nicht recht an die bloße Gesellschaftsberichterstatterin glauben. Und wenn er hört, daß Sie ins Revier fahren – und daß er es hört, daran werden Sie wohl nicht zweifeln –, dann wird seine Vermutung, Sie hätten andere Aufgaben hier, nur gestützt werden. Oder sind Sie anderer Ansicht?«

Esther schüttelte den Kopf. Es war ihr plötzlich himmelangst geworden. So sicher sie auch war, daß der Russe keine Ahnung von ihren verschiedenen Beziehungen hatte, so sehr schien ihr jedes seiner Worte dahin zu zielen. Sie musterte ihn wohl eine Minute lang, während deren er ihren Blick ruhig erwiderte, ehe sie leichthin meinte:

»Sind Sie derselben Ansicht wie Addison?«

Jury bot ihr eine Zigarette an, gab ihr Feuer und antwortete mit einer Frage:

»Hatten Sie so wenig Vertrauen zu mir oder –«

»Wir sind beide hier fremd. Aber heißt Fremdsein immer feindlich sein?«

»Nicht bei jedem, und vielleicht nicht immer. Bei uns allerdings meistens. Sie wissen ja, wozu ich hier bin, und Sie wissen auch, daß es dabei meine Aufgabe ist, mir meine Gesprächspartner genau anzusehen. Als wir uns trafen, ereignete sich ein kleines Abenteuer, nicht ungewohnt für mich und nicht weiter aufregend. Als wir uns über diese Angelegenheit unterhielten, merkte ich, daß Sie zwar mit dieser Frau Jeffers nichts zu tun hatten; aber ich merkte auch, daß Sie von ihr und ihrem Beruf wußten. – Ich habe Ihnen trotzdem von mir erzählt. Ich habe trotzdem nicht einen Augenblick gezögert, Sie über Larker zu unterrichten, und ich werde auch in Zukunft versuchen, alles zu tun, was in meiner Macht steht, um Ihnen Ihre Aufgabe zu erleichtern. Auch dann, wenn ich diese Aufgabe nicht kenne.«

Er vermied es, Esther anzusehen, während diese nur noch einen Augenblick schwankte, ehe sie ihm die Hand über den Tisch entgegenstreckte, die er nahm und mit festem Druck hielt. Beider Blicke trafen sich nun, und Esther Raleigh atmete tief, ehe sie begann:

»Ich weiß, Jury Zagainoff, daß ich offen zu Ihnen reden kann und reden muß. Addison hat recht, ich bin nicht hier, um im Februar Gesellschaftsberichte für die »Welt« zu schreiben. Die englischen Montanindustriellen wollen ihre Betriebe modernisieren und eine große chemische Industrie aufbauen.«

Zagainoff nickte schweigend.

»Sie wollen mit den Deutschen zusammenarbeiten, um eine große und kompakte Front zu errichten. Deutschland ist in Europa ja gerade auf diesem Gebiet führend, und die Konkurrenz Amerikas stellt für England eine fürchterliche Gefahr dar. Es geht um die Vorbereitung einer Auseinandersetzung zwischen Europa und den Vereinigten Staaten.«

Zagainoff schüttelte lächelnd den Kopf und bat Esther fortzufahren. Sie tat es etwas erstaunt.

»Also meine Berichte beziehen sich auch auf diese Dinge. Ich bin zwar Journalistin, aber ich glaube zu wissen, daß sich nicht nur private Stellen in Deutschland für meine Tätigkeit hier interessieren.«

Sie schwieg und sah Zagainoff erstaunt an, der sich mit der Hand über das Gesicht strich, als wolle er einen Schleier oder ein Spinngewebe fortwischen.

»Glauben Sie wirklich, daß sich diese Front nur gegen Amerika richtet?«

»Sie denken an Rußland?«

»Ich denke nicht daran, ich weiß es sehr genau. Kennen Sie den United Service for Press Information?«

Esther wurde totenblaß, so bleich, daß Jury aufsprang, weil er glaubte, sie müsse im nächsten Augenblick ohnmächtig werden. Aber sie faßte sich schnell, sah ihm mit einem verzweifelten Lächeln in die Augen und sagte nur leise:

»Ich arbeite auch mit Selfride.«

Eine lange Pause entstand. Zagainoff hatte sich wieder gesetzt und zündete sich eine neue Zigarette an. Esther betrachtete ihn mit einem halben, von aufsteigenden Tränen verdunkelten Blick. Was würde er nun von ihr denken? Nach dieser Eröffnung gab es wohl keine unbefangene Unterhaltung mehr, alles Gemeinsame wurde durch dieses Bekenntnis zerrissen. Da waren zwei Welten. Sie lebte in der einen, welche die andere belauerte, bedrohte und vernichten wollte, sobald es die Umstände erlaubten. Zagainoff vertrat die andere, die im Kampf um ihre Existenz zu allem bereit sein mußte und ohne Rücksicht zu allem bereit war. Esther sah angstvoll ihr Gegenüber an. Da saß der Mann, räumlich keinen Meter weit von ihr entfernt, und nun durch ein paar Worte in unendliche Ferne gerückt. Da saß er, rauchte gedankenvoll und betrachtete angelegentlich die glitzernden Glastropfen der Lampen und die Verzierungen dieses mondänen Raumes. Sie wagte nicht, das Schweigen zu unterbrechen. Es war Zagainoff, der mit einem raschen Entschluß die eben angerauchte Zigarette ausdrückte und sich ihr zuwandte:

»Sind Sie feste Agentin des United Service?«

»Nein. Selfride hat sich nur durch Hardley an mich gewandt, damit wir unsere Informationen austauschen. Er war es, der mich über Frau Jeffers unterrichtete. Dafür will er alles das von mir hören, was ich für meine Berichte nicht verwenden kann.«

»Der übliche Anfang. Eine Methode, die Unbefangenen gegenüber selten versagt. Hat er Ihnen bereits Material über irgend jemand gegeben?«

»Jawohl. Er hat mir Fotos der Familie Patterson-Jeffers übergeben, Fotos und Unterlagen, aus denen hervorgeht, wer sie sind und was sie wollen.«

»Hm – sehr interessant. Scheint also doch zu stimmen, daß die Amerikaner energischer als in den letzten Jahren gegen die britische Spionage vorgehen wollen. Sehr geschickt, die Agenten in einem dritten Lande ans Messer zu liefern. Sonst haben Sie noch keine Aufträge von Selfride bekommen?«

»Nein.«

»Wollen Sie sich auch gegen Rußland verwenden lassen?«

Esther schüttelte den Kopf und sah Zagainoff mit einem flehenden Blick an. Er lächelte, es war ein ganz zartes und fernes Lächeln, das nur in den Augen schimmerte, ohne einen Zug des Gesichtes zu verändern, es war nur das Echo eines Lächelns, aber es tröstete Esther unbegreiflicherweise doch und machte sie gefaßter. Jury fuhr fort:

»Wenn man es nicht heute oder morgen tut, früher oder später wird man selbstverständlich versuchen, Sie auch gegen Rußland anzusetzen. Sie sind sich doch darüber klar, daß Ihre deutsche Tätigkeit immer mehr und mehr nur zum Deckmantel der Arbeit für den United Service werden wird? – Nun gut. Die Amerikaner werden Sie hier in England als Strohmann benutzen, sie werden Sie in Frankreich verwenden, sie werden Ihnen stets – darüber können Sie beruhigt sein – genügend Material geben, um Sie für Ihre deutschen Auftraggeber unentbehrlich zu machen. Aber Selfride wird keine Sekunde zögern, Sie fallen zu lassen, wenn –«

Zagainoff hielt inne und zuckte die Schultern. Esther saß reglos da. Was würde nun folgen? Sie hörte wie aus großer Ferne seine ruhige Stimme:

»Haben Sie genug Vertrauen zu mir, um noch mehr zu wagen? Ich will nichts von dem wissen, was jetzt geschieht. Aber wenn es sich um Dinge handelt, die Rußland betreffen, wollen Sie mir dann –?«

Esther antwortete nicht. Sie fühlte sich grenzenlos allein und verlassen, das Gefühl, von einem Netz umgeben zu sein, war wieder da, und diesmal wußte sie, es war nicht nur ein Gefühl. Sie war gebunden, rettungslos gefesselt und unfähig, jemals noch frei über sich selbst bestimmen zu können. Es war ja ganz gleichgültig, wie sie sich nun entschied. Ob sie Zagainoff zusagte oder seinen Vorschlag ablehnte, zurück konnte sie nicht mehr auf ihrem Wege. Wenn man sie nach Rußland schickte, so würde sie, bei einer Ablehnung der russischen Vorschläge, verloren sein. Wenn sie auch für die Russen noch arbeitete, so würde früher oder später der Augenblick kommen, an dem Selfride oder Mersheim oder sonst jemand ihr Spiel durchschaute, und sie würde verloren sein. Sie war in jedem Fall verloren.

Esther hob den Blick, Jury sah sie still an, so, als habe sie ihre Gedanken laut ausgesprochen. Er nickte wie zur Bekräftigung:

»Wissen Sie, wie man sich Agenten gegenüber zu verhalten pflegt? Man benutzt sie. Sie sind wertvoll, solange sie unter Einsatz ihres Lebens unentdeckt arbeiten. Man läßt sie fallen, sobald sie sich zu weit vorwagen und – man vernichtet sie, sobald sie einem selbst gefährlich werden. Das ist die große Gefahr. Man kann sich beim Vorgehen hüten, man kann seinen Rückzug decken, man kann dem Gegner in jeder Phase des Kampfes gewachsen und ebenbürtig sein. – Aber man ist hilflos, wenn man von der eigenen Partei, von den Freunden, von den Auftraggebern plötzlich meuchlings ermordet wird. Wissen Sie, wie man in solchen Fällen vorgeht?«

Esther schüttelte den Kopf und versuchte, ein trockenes Schluchzen zu verhindern, das sie zu erwürgen drohte.

»Es ist sehr einfach. Der Agent erhält irgendeinen Auftrag, und gleichzeitig verrät man ihn der Konterspionagezentrale des betreffenden Staates, in den man ihn schickt. Auf diese Weise wird jeder Skandal im eigenen Lande vermieden, und die Beseitigung eines unbequemen Mitwissers erfolgt ebenso prompt wie zuverlässig. Dies ist der übliche Weg des Agenten. So sehen die Bedingungen des heimlichen Kampfes aus, der unablässig geführt wird und dessen Front schneller ersetzt werden muß, als es in jedem offenen Kriege notwendig ist. Sie sind in die erste Linie gekommen. Haben Sie an ein Asyl gedacht, in das Sie im äußersten Notfall fliehen können?«

Esther Raleigh wollte den Kopf schütteln und sich erheben. Es schien ihr, als sei der Stuhl aus Blei, und ihre Glieder waren merkwürdig unbehilflich. Sie versuchte die Lehne des Stuhles fest zu umkrampfen, um sich wieder in die Gewalt zu bekommen, aber es mißlang ihr. Ihre Hände waren grifflos und wie taub, sie hörte ein immer näher kommendes Rauschen, und dann begannen langsam die Lichter des Saales sich zu vergrößern und dabei nebelhaft zu werden. Sie merkte nicht mehr, wie sie zusammensank, wie Zagainoff auf sie zusprang, sie aufhob und auf ihr Zimmer brachte.

Er hatte sie auf einen Diwan gelegt, nachdem er sich überzeugt hatte, daß es sich um eine ungefährliche Ohnmacht handelte. Dann hinterließ er ihr eine kurze Nachricht, kuvertierte das Blatt und übergab es dem Stubenmädchen, das Miß Raleighs Erwachen abwarten sollte. Er selbst ging auf sein Zimmer, von wo er sich nach einigen Minuten zur nächsten der angesetzten Besprechungen begab.

Esther erwachte, ihr Blick fiel auf das abgewandt sitzende Zimmermädchen und streifte einen Augenblick lang verständnislos die Gegenstände um sie, bis ihr alles vorhergehende einfiel und sie sich mit einem hoffnungslosen Seufzer aufrichtete. Das Mädchen, aufmerksam geworden, kam zu ihr, erkundigte sich nach ihren Wünschen und ging dann hinaus, nachdem es Esther den Brief übergeben hatte, den Herr Zagainoff zurückgelassen hatte. Sie riß den Umschlag mit bebenden Fingern auf und überflog die Zeilen, die auf dem Bogen standen:

Liebe Esther Raleigh! Ich mußte fort und bin erst gegen Abend wieder im Hotel. Lassen Sie sich nicht von einem Schicksal überwältigen, das wir immer nur glauben zu übersehen. Die Dinge pflegen meist anders zu kommen, als wir erwarten oder befürchten. Und wie sie auch kommen mögen, Sie wissen, daß Sie nicht allein sind und einen Menschen haben, auf den Sie in jeder Lage rechnen können. Ich werde mich melden, sobald ich wieder im Hotel bin. Bitte hinterlassen Sie mir beim Portier, wann und wo ich Sie erreichen kann.

Jury Zagainoff.

Esther faltete den Brief wieder zusammen und legte sich auf den Diwan zurück. Sie betrachtete mit einem müden Lächeln die Decke und verfolgte gedankenlos die schmalen weißen Zierleisten, die sich da oben verschlangen und allerlei überflüssige Schnörkel bildeten. Einen Augenblick lang dachte sie mit einer unbestimmten Wehmut an Berlin, an Georg und den alten Burg; dann sah sie Jurys Augen vor sich und mußte unvermittelt lachen. Sie sah nach der Uhr, es war noch Zeit, bis sie in der Indian Rubber Company anrufen mußte. Die Reaktion nach den Aufregungen der letzten Stunde trat ein. Sie telefonierte in die Zentrale mit der Bitte, sie um drei Uhr zu wecken, und lag wenige Minuten später bereits in tiefem Schlaf.

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