Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Alma Johanna Koenig >

Der heilige Palast

Alma Johanna Koenig: Der heilige Palast - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorAlma Johanna Koenig
titleDer heilige Palast
publisherRikola Verlag
year1922
firstpub1922
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130731
projectidcdae0290
Schließen

Navigation:

Erster Teil

1

Ein junger Löwenbändiger barbarischer Abkunft, Grypho mit Namen, hatte im Zirkus des Konstantin den Herakles gemimt.

Er war in seiner strotzenden, muskelüberspielten Nacktheit, nur mit einer Keule bewehrt, dem »nemeischen« Löwen entgegengetreten. Als er nach einem Kampf, der unvergeßliche Bilder menschlicher und tierischer Kraft geboten hatte, des Löwen mächtige Kiefer mit den Fäusten auseinanderriß, schien die Arena wie jüngst beim Erdbeben – unter dem Beifall zu schwanken. Während Scharen von herbeiwimmelnden Eroten Herakles beistanden, die Haut des riesigen Kadavers abzuziehen, raste die Menge auf den sonnseitigen Plätzen und wie Fahnen wehten die Tücher der Frauen in der Luft.

Hohes, atemloses Gekreisch überschrillte das taktfeste Stampfen der Männer. Grypho-Herakles stand ruhend, auf die gesenkte Keule gestützt, das blutige, noch mit Fleischteilen verwachsene Löwenfell mit den Pranken über der hohen Brust verknotet. Über sein Haar gestülpt, das just die Farbe des Felles hatte, drohte der gelbbezahnte Rachen. Während der Jubel über ihn hinbrauste wie Gewittersturz, sah er zu den Schattenzelten hinauf, wo gleich Heiligenbildern goldfunkelnd, reglos und verschleiert die Herrinnen saßen, enggedrängt hinter den immer leeren Thronstühlen kaiserlicher Macht. Und als er selbst hier ein leises Wellenschlagen der Erregung zu verspüren meinte, ward es ihm schwer, in der Rolle zu verharren. Er zog scharf den Atem durch die vollen Lippen und ihn verlockte kaum zu bezähmende Lust, das Fell, den so hart erkämpften Siegespreis, fortzuwerfen und den Unnahbaren lachend nochmals seine Nacktheit zur Schau zu stellen, mit allen Schönheiten prahlend, die die schlottergliedrigen, goldumwindelten Eheherren da droben wohl nicht aufzuweisen hatten.

Erst als die Neger mit den Wasserschläuchen kamen, um den Kiesboden für das Wagenrennen zu besprengen, verließ Grypho die Arena.

Geblendet trat er von der sonnenhellen Bühne in den dämmerigen Gang. Er hatte noch den Jubel dröhnend im Ohr. Er war nicht müde, nein, er hätte den Löwen von neuem bestehen mögen, um von neuem den Beifall auf sich niederprasseln zu fühlen.

Aber ihn dürstete und er fluchte, weil die Neger mit Becher und Reibtüchern nicht zur Stelle waren.

Das rohe Fell scheuerte ihn wund, er riß es ab und warf es achtlos, zugleich mit der Keule, zu Boden.

Nackt, heiß und zornig, ging er den Gang hinab, um die Sklaven zu züchtigen, die wohl bei den Tierwärterfrauen verweilten. Als er, den grünen, fleckigen Wollvorhang teilend, nach der Türklinke faßte, fühlte er, wie sie von außen niedergedrückt ward und trat zur Seite, um die Erwarteten mit Schlägen zu empfangen. Die Tür tat sich auf und Grypho erstarrte. Im Rahmen stand, hoch, schlank, in dem brettsteifen, weiten Goldkleid, eine jener Herrinnen, wie sie sonst fern und verschleiert, hinter den immer leeren Sitzen kaiserlicher Macht thronten. Doch die einschüchternde Hoheit war durch einen Unfall zerstört. Einer der Zirkussklaven mußte beim Besprengen der Arena den Wasserstrahl unrichtig gelenkt haben. Die kaum durchsichtigen Schleier troffen, zurückgeschlagen, von Nässe. Das in viele künstlich gleichmäßige Locken gedrehte Haar war zu Strähnen aufgerollt, ja selbst von dem panzerstarren Gewebe des Kleides rieselten kleine Bäche. Unverhofft nah sah Grypho das bleiche Gesicht der Verirrten. Ihre dunklen Blicke begegneten erschrocken und verwirrt dem nackten Mann, der vorhin in sicherheitbietender Entfernung, zu ihrer Erheiterung, mit dem Tode gespielt hatte. Die Augenbrauen hochmütig emporgezogen, raffte sie das Gewand an sich, um an ihm vorbeizugleiten.

Und das Sklavengefühl trieb ihn, zur Seite zu treten, der Herrin den schmalen Weg freizugeben. Sein gesenkter Blick fiel auf den bis ans Knie reichenden Ärmelsaum, der, triefendnaß, zurückgeschlagen war, und er sah eine Hand, zartfingrig zwar, schmal, beringt, aber doch eine Hand, doch Fleisch, wie er von Fleisch war, und sie zitterte, wie er zitterte.

Er tat einen Schritt vor, öffnete die Lippen zur Anrede, aber er keuchte nur.

Unter seinem Blick vergingen die Augen in dem zarten Gesicht, das langsam rot ward, als gösse man Wein in eine Schale von milchigem Glas. Grypho riß die Tür hinter ihr ins Schloß.

Sie lehnte dagegen, als fiele sie.

In seiner triumphierenden Manneslust sah er immer nur das große, perlenbesetzte Doppelkreuz von Amethysten auf ihrer schwer atmenden Brust sich heben, das Zeichen derer, die von Kindheit an dem Kloster der heiligen Sofia verlobt worden waren.

2

Die Gesellschaft von Mimikern und Tänzern, der Grypho beizählte, verließ Byzanz und nahm ihre Schaustellungen jenseits des Bosporus in den Städten Kleinasiens wieder auf. Grypho war Theseus vor dem Minotaur, war Hermes vor Argus, Jason vor dem Drachen, immer wieder seines Leibes weiße Nacktheit neben die dunkle Gewalt eines Tieres stellend, aber am liebsten war er Herakles, von einem Jubel umrast, der alle anderen Tierkämpfer in Neid vergehen machte.

Er hatte sich daran gewöhnt, vor den Schattentribünen, auf denen das Gold und Weiß kostbarer Verhüllungen funkelte, zu verweilen, und zu den reglos Verharrenden schmachtende Blicke emporzusenden.

Die übelgesinnten Kameraden merkten es bald und höhnten so bitter, daß Grypho von dem Vorhang und der Tür, von tropfenden Gewändern und dem Amethystkreuz zu erzählen begann.

Je mehr sie lachten, desto öfter erzählte er die Fabel.

Grypho in barbarischem Griechisch sein Abenteuer berichten zu hören, ward die nie ausgenossene Wonne aller Seilspringer, Tierkämpfer, Ringer und der sonstigen Tavernenbesucher.

Einmal ward dem Überseligen geheimnisvolle Liebesbotschaft, doch als er zum Stelldichein kam, war's die letzte Dirne, die ihn statt der ersehnten Herrin empfing und einer unter den Lauschern, die sich vor Gelächter nicht zu fassen wußten, büßte dem rasenden Genarrten blutig für alle.

Grypho begann sich an den Wein und an das Schwatzen zu gewöhnen. Heimlich suchte er ältere Löwen für seine Nummern aus oder schwächliche Tiere und doch wollte er in jeder Stadt nur den Herakles mimen.

Als die Truppe nach mehr ab Jahresfrist nach Byzanz zurückkehrte, war es Sommer und die Vornehmen weilten auf ihren Landhäusern. Grypho sah Tag um Tag die leeren Sitzreihen im Schatten gähnen, während das auf der Sonnenseite schmorende Volk ihn mit Anruf und Gelächter antrieb, wenn der altersschwache Löwe sich friedselig vor seiner Keule verkroch. Eines Abends nach den Schaustellungen ließ der Spielleiter ihn hart an und drohte, ihn fortzujagen, wenn er künftig nicht starke Tiere wählen würde.

Grypho verließ den Zirkus niedergeschlagen, um in der Schenke gewohnten Trost zu suchen. Er wäre, im Dunkel stolpernd, fast auf der Schwelle des Ausganges zu Falle gekommen.

Als der Torwart mit der Fackel herbeikam, sahen sie, daß ein Kind vor der Türe lag, mehrere Monate alt, ein Mädchen. Über dem Hemdchen von feinstem Linnen trug es an langer Kette ein perlbesetztes Doppelkreuz aus Amethyst. Der ganze Zirkus strömte herbei, um Kind und Kreuz und auch Grypho zu bestaunen, der in Heraklespose daneben stand. Er trank wie noch nie in dieser Nacht.

Am nächsten Tage zerfleischte ihn ein junger Berberlöwe.

Der Bärenwärter Akazius nahm das Kind an sich, um es mit seinem zwei Jahre alten Söhnchen aufzuziehen. Seine Frau liebte die schöne Kleine sehr und nannte sie Theodora.

3

Theodora wuchs zwischen Käfigen mit brüllenden und wildriechenden Tieren auf. Sie kroch zwischen Vater Akazius' Beinen hindurch in den Bärenzwinger und ließ sich den Honig von den winzigen, immer schmutzigen Händen lecken. Sie riß den schläfrig blinzelnden numidischen Löwen an der schwarzen Mähne, sie nahm der Tigerin von Hind die miauenden Jungen von den Zitzen, um mit ihnen zu spielen, sie schlief mit ihrem Bruder Burbo mittags unter des Elefanten schattenspendendem Leib wie unter einem von vier Riesensäulen getragenen Baldachin.

Nur in der Brunstzeit, wenn die gefangenen Tiere die heißen Nächte hindurch in den Käfigen hin und her trabten, daß allein die grünen Augen im dichten Dunkel zu wandern schienen, wenn das Gebrüll in ansteckender Verzweiflung ausbrach, dann saß Theodora zitternd auf der Matte wach, die sie mit Burbo teilte, und malte sich das Bersten der Käfigwände und das Hereinbrechen rasender Bestien aus, bis sie es nicht länger ertrug und Burbo aus dem Schlaf aufpuffte. Der Knabe greinte träge und es bedurfte vielen Flüsterns, bis er, von gleichem Schrecken erfaßt, das Dunkel mit Aug und Ohr zu durchforschen suchte. Gerade über ihren Häuptern erhob sich ein hohes Kreuz mit dem lebensgroßen, plump geschnitzten Leibe des Erlösers, und wenn ihr Entsetzen über Tiger und »Tigergeister« aufs höchste gestiegen war, so knieten sie enggedrängt auf ihrer Matte und sagten flüsternd alle Gebete her, die sie kannten. Aber auch dies vermochte den Schrecken nicht zu bannen, den man schon mit heißem Tieratem im Nacken, mit schleimigen Knochenfingern an den nackten Fersen zu fühlen meinte, und Burbo faßte in höchster Not den Entschluß, in dem warmen, großen Bett der Eltern Schutz zu suchen, obwohl darauf schlimme Strafe gesetzt war. Dann kicherte das Kind Theodora plötzlich und flüsterte, im Dunkel Rübchen schabend: »Narr! – Sie sind doch draußen, hinter doppelten Gitterstäben!«

Wenn Burbo zürnen wollte, schmiegte sie sich an ihn; und sie schliefen engverschlungen ein, jedes von ihnen mit Liebkosungen für des andern kleinen Körper, dessen vertraute Blöße der eigenen so neugierweckend verschieden war.

4

Als der Bärenwärter Akazius eines plötzlichen Todes verstarb, verweigerten die zahmen Tiere, vornehmlich die bei Aufzügen verwendeten Elefanten jede Nahrung. Aber es war nicht der fluchende Unterwärter Lollius, sondern Theodora, die die kostbaren Tiere mit Schmeichelei und Leckerbissen gefügig machte. Der Unterwärter stand dabei, eine Weinflasche in der Linken, die Peitsche in der rechten Hand und schrie, er würde schon mit der Unordnung aufräumen, nun, da er der Herr sei!

Und er ward auch der Herr, nicht nur in den Ställen der gereizten und widerhaarigen Bestien, sondern auch in des alten Akazius' Heim, wo die Mutter ihn still seufzend aufnahm, weil dies ihr und dem ganzen Zirkus hergebracht und selbstverständlich schien. Alle hatten unter des Trunkenen wechselnden Launen zu leiden, nur Theodora war sein Liebling und sie schmeichelte ihm manche Kupfermünze für Süßigkeiten ab. Burbo, der immer blaß und hungrig umherschlich, knirschte: »Ja, hassest du ihn denn nicht auch?«

Aber Theodora, mit einer schnellen Drehung auf den Fußspitzen, die ihre Locken fliegen machte, sagte: »Soll ich mich prügeln lassen wie du?« Sie zeigte die Zunge, wenn Lollius den Rücken kehrte, sie ahmte seine plumpe Trunkenheit so schonungslos nach, daß Burbo vor Lachen sich ausschütten wollte, aber sie ließ sich ruhig von Lollius küssen, mit dem feststehenden Preissatz, daß ein Kuß auf die Wange drei Kupfermünzen koste. Die Annahme, daß eine Maus an ihrem Körper, unter dem Hemdchen krabbelnd, versteckt sei und von ihm gefangen werden solle, trug eine halbe Silberdrachme.

5

Es gelangte zur Kenntnis des Spielleiters, daß Lollius, dessen Unachtsamkeit schon zu Zeiten des Akazius den Tod eines kostbaren Elefanten verschuldet hatte, den Wurf einer Löwin heimlich verkauft habe, um den Erlös zu vertrinken. Der Spielleiter gehörte der Partei der »Blauen« an, und als er vernahm, der Unterwärter sei einer von den »Grünen«, gab er ihm den Abschied, um die Stelle mit einem Manne seiner Farbe zu besetzen. Als Theodora vom Straßenspiel nach Hause kam, fand sie die Mutter jammernd zu Füßen des Kruzifixes, wie immer, wenn Lollius seinem Unmut Luft gemacht hatte. »Hat er dich wieder geschlagen?« fragte Theodora und ballte die Faust. Sie richtete die Ächzende auf, um sie zur Bank zu führen. Als sie die böse Neuigkeit vernahm, runzelte sie die Stirne. »Aber wir? Wir sind doch ›Blaue‹! Sind's immer gewesen! Was geht er uns an? Jagen wir ihn fort, das besoffene Schwein! Ich und Burbo, wir besorgen allein die Tiere!« Die Mutter weinte und weinte. »Alles umsonst!« schluchzte sie, mit ihren armen, welken, hochadrigen Händen immer wieder die zerrissene Schürze überm Knie glattstreichend. »Wenn man ihn davonjagt, jagt man uns mit, und wir können betteln gehen. Es darf keine Frau ohne Mann das Amt haben.«

Theodora sprach kein Wort mehr und kniff die Augen zusammen. Sie aß nicht zur Nacht und erwachte, wenn man sie anredete, aus tiefem Grübeln. Die Mutter rief die Kinder zum Schlafgebet, und Theodora kniete noch lange vor dem grellen Christusbild, da Burbo schon längst schlief.

Dafür stand sie erst am hellen Mittag auf und begann sogleich ihren Körper im großen Zuber zu baden, wie sie es von den Tänzerinnen gesehen hatte. Sie lachte und sang und war klingend gestrafft wie eine Sehne.

Seit diesem Herbst pflegte Theodora im bunten Gewand eines Sklaven mit aufgefibelten Ärmeln die Bühne zu betreten, um den Darstellerinnen die Sitze nachzutragen oder ihnen die kleinen Handreichungen zu tun, deren sie während der Schaustellungen bedurften. Heute aber begann sie sich, ohne irgendeinen Einwurf zu beachten, in der Mutter behütetes, blaues Seidentuch zu hüllen, wand Bänder um ihr Haupt und um Hand- und Fußgelenke, wie man Opfertiere zu schmücken pflegte.

Als die Zeit der Schaustellungen herankam, kauerte Theodora schon auf ihrem gewohnten Platz hinter der Steinbalustrade der Arena. Es war just eine Phrygerin nach Byzanz gekommen, die den oft gesehenen Schleiertanz mit solcher Kühnheit, solch schrankenloser Darbietung ihres schönen Körpers vollführte, daß die ganze Stadt an ihr entbrannte.

Da sie nun zu tanzen begann, schob sich Theodoras schwarzlockiger Kopf spähend so weit vor, daß Burbo sie immer aufs neue zurückdrängen mußte. »Theodora!« jammerte er. »Du willst etwas, und mich werden sie dafür prügeln!«

Ihre Blicke hingen an der Tänzerin, die einen hohen Pfauenschrei ausstieß und, während die Musik wie in atemloser Erwartung innehielt, den siebenten Schleier über dem gelblich getönten Körper zerriß ...

So wie der Beifall einsetzte, verließ Theodora ihren Platz. Sie huschte, hinter die Balustrade geduckt, zu dem alten Harfenspieler hin, der schon sein Instrument verwahrte, um den Tubabläsern Platz zu machen, welchen es oblag, die nun auftretenden Ringkämpfer anzufeuern. Theodora hielt ihr Gesichtchen zu dem Alten auf, dessen Liebling sie war, und bat mit ihrer süßesten Stimme: »Spiel mir das noch einmal!« Der Alte lachte: »Ja, mein Herz, morgen früh will ich es ganz allein für dich spielen!«

»Nein! Gleich!« beharrte das Kind. »Ich will jetzt tanzen.«

Der Harfenspieler tätschelte ihr begütigend die Wangen und hob sein Instrument auf den Rücken, um fortzugehen.

Theodora sah ihn aus zusammengekniffenen Lidern an und sagte: »Ich lasse mich nie mehr von dir auf den Knien schaukeln, du!« –

Gleich darauf sahen sie sie draußen in der riesigen Arena stehen, mitten im Licht, klein, zart, in ihrem billigen Tand. Sie hielt den Kopf mit dem tausendlockigen Haar eigensinnig zurückgeworfen und um ihre Lippen zuckte ein unsicheres Lächeln.

Ihre Hände waren unter dem Kinn zusammengeschlossen, als hielten sie den dunkelblauen, den ersten der sieben Schleier, fest. Sie neigte sich grüßend so tief, daß ihr schwarzes Haar die kleinen Kiesel im Sande bewegte, dann tanzte sie den Schleiertanz der Phrygerin.

Die Frauen waren es, die sie zuerst bemerkten.

»Das Kind! Das süße Kind!« – Ein Murmeln lief von Bank zu Bank. – Man winkte. Man lachte! »Musik! Wo ist die Musik? Laßt sie weiter tanzen!« Dem Volk zu Willen setzten Harfe und Flöten wieder ein.

Da ging ein Schein der Glückseligkeit über des Kindes Antlitz. – Sicher, als sei sie es von je gewohnt, der Mittelpunkt so vieler Tausende zu sein, wiederholte sie Schritt um Schritt und Schleier um Schleier den Tanz der Hetäre. Beim Innehalten der Musik zerriß sie achtlos der Mutter gehütetes Tuch und bot den weißen Kinderkörper, mit dem Lächeln der Tänzerin, sonderbar rührend auf ihren Lippen.

All dies Unvermutete jedoch hätte nicht den Sturm des Beifalls erklärt und nicht die Tränen der Phrygerin, die das Kind an sich riß.

Aber es lag in den nachgeahmten Gebärden eine selbstsichere Süße, eine körperliche Vollendung, eine unbewußt überlegene Ironie, daß selbst auf den bevorzugten Plätzen ungewohnter Beifall laut ward.

Plötzlich kniete sie nieder. Sie hob ihre Arme gegen die Sitzreihen auf, und man begriff, daß sie sprechen wollte. Ihre schrille Kinderstimme durchdrang den Raum, und was Fernersitzende nicht vernahmen, ward von Reihe zu Reihe weiter vermittelt, bis der ganze, menschenwogende Zirkus dieses Kindes Anklage gegen den Spielleiter vernahm, der seinen Vater des Amtes enthob, weil er der grünen Partei angehörte. Tumult setzte ein.

Die Venetier, die Grünen, drohten mit Strafe und Gewalt, weil sie es nicht dulden wollten, daß einem Manne ihrer Partei sein Brot genommen werde.

Die Prasinier, die Blauen, standen auf, das Kind zu schützen, das ihre Farbe trug.

Man zerrte den Spielleiter in die Arena, und der geängstigte Mann beteuerte mit allen heiligen Schwüren, daß Lollius sein Amt behalten solle, der mit der tränenreichen Geste des beglückten Vaters das Kind vor dem jubelnden Volke küßte.

Droben in den Schattenzelten der hohen Geistlichkeit sagte der Bischof Vigilius zu seinem dienstwilligen Begleiter: »Dieser Käfer da wird einmal die größte Dirne von Byzanz.«

Der Diakon sah fragend in sein Gesicht.

Der Bischof betrachtete seine schmalen Fingernägel, die bemalt waren wie die einer Frau.

Der Diakon verneigte sich. – – –

An diesem Abend kam Theodora nicht nach Hause. Die Mutter weinte und betete, Lollius tat gleichgültig, und Burbo rannte umsonst suchend durch alle Straßen der Stadt.

Am dritten Tage kam sie wieder, sehr blaß und schläfrig, mit Übelkeiten, wie nach vielem Wein. »Bist du endlich da?« schmunzelte Lollius. Theodora öffnete geheimnisvoll und mit listigem Lächeln ihre kleine Hand und ließ zwei Goldmünzen zu Boden fallen, die Lollius pfeifend aufhob, während die Mutter erschrocken, mit plötzlichem Aufschluchzen ihr Antlitz verbarg. Aber als der Unterwärter gegangen war, begann Theodora hastig mit allen zehn Fingern in dem dunklen Haarwust zu wühlen, in dem noch eine dritte Münze versteckt war, bis sie sie hervorholte. »Woher hast du das viele Geld, wo warst du?« fragte Burbo mit einer plötzlichen Kälte im Herzen, die er selbst nicht ganz begriff.

Theodora warf sich laut gähnend auf die Matte: »Ach, welch ein rauhes und hartes Bett ist dies hier!« seufzte sie.

6

Von ihrem zwölften Lebensjahre an nahm sie an den mimischen Schaustellungen teil. Der Spielleiter erfuhr so viel Gunstbezeigungen, als dies Kind zu verschenken hatte, und er erlaubte ihr gern, sich als Eros oder Hermes darzustellen. Sie trug den Kranz oder den Flügelhelm auf dem wildlockig kurzen, mit ägyptischen Essenzen goldig gefärbten Haar und ihr knabenzarter Körper war nackt bis auf ein goldenes, durchscheinendes Gewand. Unter den Zuschauern war mancher, den dieses Eros Pfeil traf, der von solchem Hermes Seelenentführer sich gern in das Schattenreich dunkler Lüste geleiten lassen wollte.

Burbo sah Theodora in der leeren Holzkammer, die ihnen nun eingeräumt war, Stunden und Stunden vor dem Spiegel, den sie selbst erstanden hatte.

Wenn sie nicht zufrieden war, hatte er ihren Zorn zu büßen.

Gelang die Pose und er lobte, was ihm das Schönste und Vollendetste auf der Welt schien, so lachte sie ihm ins Gesicht. Manchmal tönte trunkenes Kichern hinter den Eifrigen und des Wärters Lollius gedunsen rotes Gesicht schob sich durch die lautlos aufgetane Tür, grinsend, mit weit witternden Nüstern, und einem vorgestreckten farblosen Spitzbart, der wie losgelöst unter den zitternden Lippen wippte. Theodora, die ihn im Spiegel sah, stampfte auf, ohne sich umzuwenden, oder in ihren Übungen stören zu lassen. »Wirst du wohl machen, daß du fortkommst?« Und die Tür schloß sich während seines verlegenen Gemeckers. Wenn Theodora müde war, warf sie sich auf die schlechte Matratze, die, mit einem alten Tigerfell bedeckt, ihr Lager darstellte und rief Burbo, der all die Zeit mit Flaschen, Puderquasten aus Schwanenflaum, Tüchern, Schleiern, Kopfbinden, Kränzen, hinter ihr hin und her gesprungen war. Sie streckte sich ganz aus, in ihrer zarten, noch unbeschatteten Nacktheit, und des Knaben heiße Hände kneteten Essenzen in ihre Haut. »Du bist schön, Theodora, du bist sehr schön!« murmelte er, und weil er im Augenblick ihr einziger Sklave war und ihr einziger Zuschauer, übte sie an ihm die frühen, noch unerfüllbaren Verheißungen, die ihr geläufig waren.

Wenn sie gesalbt war, und Burbo dehnte diese Frist seiner Glückseligkeit, kämmte er ihr Haar, das andre Hände lösen sollten. Dann trat Theodora von neuem vor den Spiegel hin und sah sich nah und genau an.

Sie höhlte ihre Hände unter ihrer Kinderbrust, die noch kein Profil zeigte, und schlug ihre Lenden mit den Handflächen. »Wann endlich, wann?« fragte sie, fast mit Haß.

Aber wenn sie des Morgens in die Kammer glitt, in der Burbo schon lange zitternd wach lag, dann gestattete sie ihm nicht einmal, ihr den zerdrückten Feststaat ablegen zu helfen. »Keine Hände mehr!« sagte Theodora. »Keine Hände ...«

7

Als Theodora an solch einem Morgen einstmals bleich und frierend in ihre Kammer schlüpfen wollte, hörte sie erwürgtes Stöhnen und Jammern. Lollius war es gewohnt, den Takt seiner Trinklieder auf der Mutter armem, gekrümmtem Rücken zu schlagen, ohne daß sie viel Aufhebens gemacht hätte. Nun aber gellten die Schreie so wild, daß Theodora mit beiden Fäusten an die Tür trommelte. »Mach auf oder ich rufe den ganzen Zirkus zusammen!« rief sie.

Der Riegel ward unerwartet schnell zurückgerissen, und Lollius, zerrauften Haares, das zerkratzte Gesicht blutüberrieselt, wollte an ihr vorbeiwischen. »Halt ihn, halt ihn auf! Er hat dein Kreuz!« gurgelte die Mutter halberdrosselt am Boden. Theodora begriff nichts als das Wort »dein«, das ein an ihr verübtes Unrecht anklagte. Und schon taumelte der Trunkenbold stöhnend vor einem blitzschnellen Stoß zurück.

»Nimm es ihm, nimm's ihm weg!« heulte die Mutter, und Theodora riß triumphierend ein perlbesetztes, amethystenes Doppelkreuz aus des Wärters Hand, in die sie mit aller Kraft gebissen hatte. »Das gehört mir? warum habe ich es nie früher gesehen, wenn es mein ist?« fragte sie, dem Wütenden entglitten, aus sicherer Entfernung.

»Er hat mich gewürgt, aber ich hab's ihm nicht gelassen, so lange ich noch einen Funken von Kraft in mir hatte! Das Kreuz ist ein Zeichen und man wird dich einmal daran erkennen und du wirst eine Herrin sein und in goldenen Schuhen gehen ...«

Und dann erzählte die Mutter die langverheimlichte Geschichte von Theodoras Auffindung, keuchend, hustend, die Hand am armen Halse, den Blick auf Theodoras wetterleuchtendem Gesicht. –

»Du wirst eine Herrin sein und in goldenen Schuhen gehen und die nicht vergessen, die dich geliebt hat, als du nackt warst ...«

Theodora sah auf den Schmuck, der in ihrer gehöhlten Hand schimmerte. Ihre Augen waren fast ganz geschlossen, es zuckte um den schönbogigen Mund. »Und das hat er versaufen wollen!« sagte sie. Der Wärter, der bis nun an seiner zerbissenen Tatze gesogen hatte, jammerte: »Ich hab es doch nur nehmen wollen, um deine Mutter heimlich auszukundschaften. Ich wollte dir wahrhaftig nur Gutes tun, väterlich Gutes ... und du ...« – »Schweig!« herrschte Theodora. »Du hast nichts mehr zu reden in dem Hause, aus dem ich dich jagen werde, wenn es mir beliebt. – Wehe dir, wenn du es noch einmal wagst, ihren Waschlohn zu nehmen oder Burbo zu peitschen, – ich lasse dich von den Elefanten zertrampeln.

Und du wirst auch den Lohn meiner Nächte nicht mehr vertrinken, und mich nicht länger den Greisen verschachern, daß sie mich wie einen Knaben lieben! Du wirst mich nicht mehr niedere Speisen essen lassen und dich selbst für Huren mästen! Denn heute ist mein Körper gereift und ich werde gehen, wohin ich mag!«

Die Frau rutschte zu Theodoras Füßen hin und weinte.

»Wirst du gehen, mein Alles? willst du zu der anderen Mutter gehen? ...« Theodora schloß die feine Kette um ihren Hals und sah auf die Schluchzende herab.

»Steh auf! Ich werde in goldenen Schuhen schreiten, aber in meinen, die ich mir verdient habe!«

8

Theodora ward als Gesellschafterin der Spiele aufgenommen. Sie fehlte bei keiner der mimischen Darstellungen alter Göttermythen, die das Volk immer aufs neue forderte. Theodora liebte ihre Vollendung und stellte ihren Körper so unbedenklich zur Schau, wie ein Gärtner seine Rosen. Sie trat aus dem Ring der abgeglittenen schwarzen Hülle heraus, die Hände unter dem immer wirren Gekräusel kurzer Locken im Nacken verschlungen, die atmenden Brüste tausend Wünschen entgegenwölbend, die lächelnden Lippen tausend Kußdürstenden bietend, und sie bedauerte es des Tages, daß das Gesetz des Zirkus ihr verbot, auch den goldenen Hüftgürtel fortzuwerfen, wie sie bei Nacht die Natur anklagte, dem Weibe nur drei Altäre gegeben zu haben, um Eros Opfer darzubringen. Sie stand lange im vollen Sonnenlicht, nackt und hingeschenkt, wie eine der selig Schamlosen des Olympos. In ihren halbgeschlossenen Augen lag ein kalter Traum. Sie war nicht groß, noch sehr zart und die Weiße der kaum erst entwickelten Glieder mahnte an Kirschblüten. Ihre Hände wurden gerühmt. Man sah ihnen die Wonnen an, die sie zu spenden vermochten. Etwas von der lautlosen Sicherheit, der behutsamen Kraft schöner, großer Katzen, die ihrer Kindheit Gefährten gewesen waren, lag in ihrer Gebärde. Theodora löste, während der Beifall hereinbrach, vom Triumph gestrafft, die Arme, kreuzte sie über den freien, runden, süßen Brüsten und sagte, sich tief verneigend, mit bis zum letzten Platz vernehmbarer Stimme: »Leda und der Schwan!«

Im gleichen Augenblick sahen alle den einsamen Waldweiher, alle die Tausenden auf den himmelansteigenden Bänken sahen ihn, nur weil ein kleines, nacktes Zirkusmädchen ihren zögernd vorgestreckten Fuß auf den Sand wie in kühl anspülendes Wasser gesetzt und ihn schauernd zurückgezogen hatte. Sie neigte sich, schöpfte feige erst Wasser auf Brust und Knie, holte Atem und warf sich mit einem kleinen Kreischen vorwärts, daß jeder vermeinte, sie bis zu des Haares Goldglanz untertauchen zu sehen. Aufsteigend versprühte sie Wasser und prustete, während sie die triefenden Locken ausdrückte. Sie ließ sich von den Wellen tragen, von ihnen geschaukelt wie ein weißer Blütenzweig. Des Schwanes Erscheinen und sein Nähergleiten entzückten sie. Sie beschlich das königliche Tier, das Tausende zu sehen meinten, mit fröhlicher List. Der nur zu willige Schwan floh nicht und wie jubelte sie, da er hinhalsend seinen Kopf in ihre gehöhlte Rechte schmiegte. Sie streichelte seine gekuppelten Schwingen, furchtsam erst, dann, von der flaumigen Glätte verlockt, wühlte sie ihren Mund, ihre Hände, ihre Brüste in das Gefieder ein. –

Langsam auf schaukelnden Wogen rückwärts sinkend, mit sich erschließenden Gliedern vor dem göttlichen Bedränger, hob sie zur letzten Abwehr die schwachen Hände, während die Innenseite ihrer Schenkel schon von rauschenden Flügelschlägen gepeitscht ward ...

Die zugleich erschreckte und lechzende Hingabe in Ledas hergewandtem Gesicht verflog. Das zugleich schmerzliche und erkennende Lächeln jungfräulicher Lust erlosch. –

Die Zirkusdirne Theodora sprang steil und lachend empor und warf Kußhändchen in die Menge, die auf allen Plätzen besinnungslos raste.

9

Nach Schluß der Vorstellung gab sie sich ihrem zweiten Berufe hin und sie verkaufte ihren Leib so unbedenklich, wie sie ihn den Blicken preisgegeben hatte. An einem Feste, das der tyrische Kaufmann Hekebolos mit Gefahr seines jungen Lebens just am Begräbnistage des greisen Kaisers Justinus abzuhalten beliebte, speiste Theodora als einzige Frau mit ihm und neun Freunden, die er geladen hatte. Der Morgen graute und Theodora hielt lachend ihr Obergewand zusammengedreht, in dem wie in einem Beutel das Gold klimperte. Sie waren alle in die Vorhalle hinausgetreten, wo die Leibsklaven, müde und frierend, in halben Schlummer versunken waren, jeder seines Gebieters harrend. Da sprach Hekebolos: »Ich habe heute einzig dich zu unserer Gefährtin erkoren, o Theodora, ob auch die Freunde meiner spotteten und meinten, du könnest ihrer Jugend nicht genügen. Du hast mich nicht zu Schanden werden lassen und sie alle seh ich gesättigter von deines Leibes Silber, als dich von ihres Beutels Gold. O Tausendschöne, sieh dir diese Sklaven hier an. – Sie haben gedurstet, während wir zechten, gefroren während uns Eros' Fackel versengte. Und ich frage euch, Freunde, ob ihr gleich mir eure Gaben an Theodora verdoppeln wollt, wenn sie willens wäre, auch diese hier noch zu beseligen!« Unter Gelächter stimmten sie bei, bis auf einen, der für so reich wie geizig galt. Und sein Sklave, den er mit Püffen in den Regen hinaustrieb, war der einzige der leer ausging, da Theodora neunzehn Männern ihre Lust gegeben hatte. Aber mitten in Taumel und Tumult flüsterte sie nah an Hekebolos schönem Gesicht: »Das Fest dieser Nacht wird von all diesen Neunzehn ausgeprahlt werden und Justinian wird dich zu Ehren seines Oheims töten. Verschwinde nach Tyrus. Kommst du im Sommer wieder, so bist du vergessen und bei der Krönung überzahlt man deinen tyrischen Purpur hundertfach.« Hekebolos küßte sie und sah sie lange an. »Ich danke dir, Theodora. – Was wird aus dir werden, die du so klug bist im Geiste, so schön von Antlitz und so unbesiegbar in der Liebe?«

10

Burbo hatte sein zwanzigstes Jahr überschritten und war einer der Elefantenwärter des Zirkus. Bei den Festaufzügen saß er, den Kopf von einem gelben Turban bedeckt, der groß war wie ein Wagenrad, auf dem Nacken jenes schwarzen Elefanten, unter dessen Leib die Kinder einst geschlafen hatten.

Auf sein gelles »Rèeh! Arrèh!« hob der Elefant, mit all den dreiundzwanzig anderen zugleich, den straußfederbebüschelten Schädel und grüßte mit durchdringendem Trompeten Semiramis oder Roxane oder Kleopatra, die Theodora mimte. Nach solch einer Darstellung, da sie Königin von Saba gewesen war, hielt ein Patrizier, Prokopius von Cäsarea mit Namen, und neuernannter Geheimschreiber des jungen Kaisers Justinian, von seinem Platze aus eine Rede, in der er dagegen auftrat, daß »Buhldirnen, deren verworfene Nacktheit edle Männer tagtäglich mit in Kauf nehmen müßten, wenn sie die Rennen besuchen wollten, unter dem würdigen Namen biblischer Frauen öffentliche Triumphzüge ihrer Laster veranstalteten!«

Der Spielleiter, der um sein Amt zu kommen fürchtete, ließ Theodora acht Tage lang nicht auftreten, bis ihre Anhänger in einem wilden Aufruhr ihr Erscheinen durchsetzten.

Burbo wollte alle seine Streitkräfte unter den Zirkusbuben sammeln, um einen Rachezug gegen Prokop zu eröffnen, mit Skorpionen auf Sänftenpolstern, Brennesseln zwischen Vorhängen und aus dem Hinterhalt geblasenen Pfeilen. Doch Theodora lachte: »Die Rache ist kein Hirsebrei, daß man sie heiß genießen müßte.«

Aber sie strich ihm doch einmal über sein zorniges Gesicht und Burbo war sehr glücklich. –

Sie lebten noch immer unzertrennlich wie als Kinder. Burbo war es, der sie abends in die Häuser der Vornehmen geleitete und neben der herunterbrennenden Fackel wartete, um sie heimzubringen. Burbo war es, der vornehmen Frauen Worte wie Kotfladen nachschleuderte, wenn sie, Theodora an öffentlichen Plätzen begegnend, ihre weiten Gewänder zusammenrafften, um nicht deren Saum durch eine Berührung mit ihr zu beschmutzen. Burbo war es, der von seinem kargen Lohn Früchte und Blumen für sie erstand, die sie auf ihrem Lager fand, wenn sie heimkehrte.

Eines Nachts, da sie eben im Begriffe war einzuschlafen, stand er vor ihr, zitternd und nackt und Mann. »Was fällt Dir ein?« sagte Theodora böse. »Meinst Du, ich werde meinen Körper umsonst abnützen?«

Er ließ sie augenblicklich und verschwand mit seinem lautlosen Tierschritt im Dunkel. Am nächsten Abend schlich er um sie herum und riß, sowie sie allein waren, scheu einen prallen kleinen Geldbeutel aus dem Busen. Sie band ihn auf, – Gold. Er atmete schwer und abgewandt, während sie zählte und ihn endlich mit einem kleinen, erstaunten Pfiff ansah. »Mord?«, fragte sie langsam. Er zuckte erschreckt auf. Erschreckt und entrüstet. »Diebstahl also!« lächelte sie. Er folgte mit dem Blick ihrer Hand, die den Beutel in ihre Kleiderfalten versenkte. »Ist es genug?« wagte er nur zu stammeln, obgleich die Summe zwiefach den Preis ihrer Nächte überstieg.

»Wessen Beutel?« lächelte sie. Er schwieg.

»Wessen Gold, frage ich?«

»Prokopius von Cäsarea!«

»Hahaha! Das hast du gut gemacht, Burbo! Oh! Köstlich, köstlich!«

»Heute Nacht?« drängte er.

»Vielleicht!« und sie war fort.

Aber als der Berauschte des Nachts ihr Lager suchte, war es leer und so auch die folgenden Nächte, während sie ihm immer wieder mit Worten nichts und mit Blicken alles versprochen hatte. Aber am fünften Abend ward Theodora sehr zornig und sehr blaß. Sie hatte Burbo in den Schuppen verschwinden sehen, in dem die Triumphwagen und Kriegsgefährte ineinandergefahren ruhten, deren man zu Umzügen bedurfte. Sie wartete, gleich einer Pantherkatze lauernd, und als nach langer Zeit eine Frau vorsichtig umherspähend aus der Tür schlich, kostete es sie Mühe, sie vorüberzulassen. Sie hatte Eustokkia erkannt, eine Sängerin niederen Ranges, aber von reifem, festem Fleisch und üppiger Brust. In dieser Nacht erwachte Burbo plötzlich. Das Bambusgestell des Lagers bog sich knackend, von doppeltem Gewicht beschwert. Und schon fühlte er das Drängen weicher Brüste über seinem Antlitz, das Wühlen weicher Hände in seinem Haar, das Glühen weicher Lippen auf seiner Schulter. Nicht einen Augenblick dachte er, daß es Eustokkia sein könne. Er stammelte, er bebte, er riß Theodora an sich und ihm drohten die Sinne zu vergehen, da ihr Fleisch sich an ihn schmiegte.

»Da hast du meinen Mund, da hast du meine Brüste, meine Hände, meinen ganzen Leib! Wirst du nochmals zu Eustokkia schleichen, nun, da du weißt, wie Theodora liebt?«

»Nein! Nein!« stammelte er, mit rasendem Griff ihr Fleisch unter sich zwingend. Aber Theodora wehrte ihm unter Küssen.

»Wirst du mein sein und deine Kraft nicht an andere Frauen verschwenden, so daß sie sagen können, du habest Theodora um ihretwillen verraten? Wirst du nun mein sein? Mein, nur mein?«

»Ja!« – keuchte der Knabe.

»Wirst du Eustokkia beschämen, vor allem Volk im Zirkus? Wirst du die Maschine durchsägen an der sie als Najade hängt, daß sie herabfällt und die Beine bricht, die Breithüftige, die Verdammte?«

»Ja! – Ja! – Ja!«

»Schwöre!«

»Ich schwöre – – –! Du tötest mich, Theodora!«

»Schwöre bei Gott Vater, Gott Sohn und dem heiligen Geist!«

»Bei Gott Vater, Gott Sohn und dem heiligen Geist! Wo bist Du?«

Er griff ins Leere.

Sie stand im Dunkel geduckt, mit geblähten Nüstern, wartend. Nach einem Augenblick hörte sie ein Schluchzen. Machtlos, hoffnungslos weinte er. Da kam sie und streichelte kniend sein Haar.

»Weine nicht mein, mein, mein Burbo!« flüsterte sie.

»Du wirst noch lernen, daß es süßer ist, mein Sklave zu sein als der Herrscher anderer Frauen.«

11

Der junge Kaiser, der seit dem Tode seines Oheims in möglichster Zurückgezogenheit gelebt und die Regierungsgeschäfte fast gänzlich den greisen Beiräten des Verstorbenen überlassen hatte, ließ sich endlich erbitten, den Tag seiner Krönung festzusetzen. Die Stimmung der ganzen Stadt schien in einem Augenblicke umgeschlagen. Hatte noch gestern kein Patrizier es gewagt, Feste zu geben oder anders als in tiefster Trauer sich öffentlich zu zeigen, so hasteten nun Tänzerinnen und bebänderte Spielleute über die Gasse, und des jungen Hekebolos neu eingeführter Purpur wandelte sich in goldenen Ertrag. Burbo hatte die Kunde vom Wiederauftauchen des jungen Tyrers gebracht und Theodora, obgleich sie kein Wort der Erwiderung für diese Nachricht gehabt hatte, schmückte sich mit aller Aufmerksamkeit und schickte Burbo nach Rosen aus.

Sie drückte just den frischen Kranz ins Haar, als der Unterwärter sein Silengesicht durch den Türspalt schob und meldete, die Sklaven des Hekebolos seien mit einer Sänfte hier, sie abzuholen. Theodora sagte »Ich komme!« ohne eine Miene zu verziehen und beugte ihr Knie vor dem Kruzifix, wie immer, ehe sie ging. In der Türe stand die Mutter, frühalt, verkümmert und weinte. »Du kommst nicht wieder!« flüsterte sie scheu.

Theodora küßte sie zum ersten Male seit ihren Kindertagen, aber nur flüchtig, um den Kranz nicht zu verschieben. Sie warf keinen Blick mehr nach dem dumpfen Gelaß zurück, das die Heimat ihrer Kinderzeit gewesen war.

Am Gang drängten sich Neugierige und Theodora begegnete ihren Blicken mit einem Lächeln, kalt und klar wie Sonne an einem Herbstmorgen.

Sie hatte schon den rechten Fuß auf das rotbemalte Trittbrett der Sänfte gesetzt, da wandte sie sich jäh, als entsinne sie sich eines Dings, das sie mitzunehmen vergessen habe.

Und sie rief »Burbo!« –

Er sprang aus seinem Winkel hervor und mit einem Satz in die Sänfte hinein wie ein Hund, der sich auf den Pfiff seines Herrn von der Kette gerissen hat. Sie sah zu des Kauernden Gesicht hinab, das grau wie Asche war, und in dem die weitaufgerissenen Augen zitterten wie Gallerte.

Sie legte achtlos eine Hand auf seinen bürstenartig geschorenen Schädel, während die Sänfte im gleichmäßigen Tritt der Neger zu schaukeln begann.

12

Die Rosenzeit war gekommen und das kleine Haus des Hekebolos lag in einem Meer von Blüten, einem Meer von Wohlgeruch.

Theodora liebte Rosen und Hekebolos ließ Stecklinge aus Schiras kommen und aus Alexandrien, rote, gelbe, weiße und solche von der blassen Farbe der Morgenröte, bis endlich ein alter Handelsgärtner ein Reis in ihrem Garten pflanzte, dessen Blüten wie Tropfen schwarzen gestockten Herzbluts waren.

Und der Alte erzählte, dies sei die einzig echte Rose der Welt, aufgewachsen aus dem Herzblut von Dschulnar, der Gattin Ismals, und Ghanim Ibn Ajubs, des Verstörten, des Sklaven der Liebe, die der Fürst auf dem Bette ihrer Lust lebendig hatte begraben lassen.

»Haben sie einander geliebt wie wir?« fragte Hekebolos des Nachts, als er Theodoras nie ausgenossene Nacktheit mit den dunklen Rosen überstreute.

»Ich liebe dich, o Dschulnar, liebst du mich, den durch dich Verstörten, den Sklaven der Liebe?«

Theodora lächelte, den Blick auf das feuchte Fruchtrot seines Mundes geheftet, und er sang:

»Süße Liebe, Hafen und Weltmeer des Schiffers,
süße Liebe, Wunde und Balsam des Fechters,
süße Liebe, die du uns sterblich Arme
den Göttern gleich machst ...«

»Welch schöne Melodie!« sagte Theodora. »Von wem stammt das Lied?«

»Die Worte schrieb mein Freund Agathon, den du kennst, er nahm an meinem Feste teil, und hat wie wir alle dich genossen. Seine Sklavin, eine schöne Inselgriechin, sang sie nach alter Weise.«

»Hast du sie geküßt?« fragte Theodora.

»Ja!«

»Ich möchte alle Frauen töten, die du besessen hast!«

»Hätte ich dich umarmen sollen?«

»Ja!«

»Nur dich und oft? Oft? Unersättlich? O du!«

Er riß sie in seine Arme, trug sie über die Stufen in den Garten hinab und während er sie trug, sang er mit warmer, schallender, junger Stimme ...

»Süße Liebe, die du uns sterblich Arme
den Göttern gleich machst ...«

Er sah mehr aus wie ein Sieger als ein Kaufherr. Er war schön, von einer wilden, braunblassen Schönheit und seine Lippen waren rot wie Kaktusblüten. Er bettete sie auf das Gras und häufte Rosen über sie, die er von allen Büschen und Beeten brach.

»Du begräbst mich lebendig auf dem Bette unserer Lust!« lächelte Theodora.

13

Der alte Baflis mit dem langen weißen Bart und der hohen Tyrermütze kam und sagte, es sei in der Stadt just Gelegenheit, einen vortrefflichen Kauf mit persischen Schleierhändlern abzuschließen, aber er habe es nicht gewagt, ohne seines Herrn Zustimmung über solch große Summen zu verfügen. »Geh nicht fort!« bat Theodora.

»Tu was dich gut dünkt!« sagte Hekebolos dem Alten, unwillig abwinkend.

Und als hinter den Verneigungen des Dieners die Vorhänge sich endlich schlossen, küßte er Theodora, wie nach jahrelanger Entbehrung.

Die Rosen verblühten, aber neue Knospen brachen auf und Tag und Nacht borgten ihr Licht von Eros' Fackel.

Eines Tages ward Hekebolos in die Stadt beschieden und als er zurückkehrte, war sein Antlitz blaß und sein Lächeln spröde.

»Nun bin ich durch deine Schuld um all mein Vermögen gekommen. Dreißigtausend Goldstücke sind dahin um deinetwillen. O, wär ich doch gegangen, als Baflis mich rief!

Aber ich hatte ja den Verstand verloren!«

Theodora stand da und ihre Hände sanken langsam herab.

»Hast du ihn nun wiedergefunden?« fragte sie scharf. Sie sah ihn an, der nicht mehr ein Halbgott war und stürmisch und schön, sondern Hekebolos, ein mit Stoffen handelnder Kaufherr aus Tyrus.

Sie nahm langsam, langsam den Kranz vom Haupt und ging in ihr Gemach.

Burbo, der wie immer vor ihrer Schwelle schlief, horchte abwechselnd auf den ruhelosen Schritt, der von des Mannes Zimmer herüberklang, und auf das unterdrückte Geräusch hinter der Tür, die er bewachte.

Wäre dies nicht Theodoras Schwelle gewesen, er hätte geschworen, ein Weib da drinnen schluchzen zu hören.

Er roch Rauch und den üblen Geruch zusammengebrauter Tränke.

Ein Glas fiel zu Boden und zerbrach, dann ward es sehr still.

Als er nicht mehr an sich halten konnte, pochte Burbo an die Tür.

Sie ward so plötzlich aufgetan, als stünde Theodora dicht dahinter.

Ihr Antlitz war totenblaß, aber vollkommen ruhig und ihre Augen zeigten keine Spur von Tränen. Burbo sah sogleich, daß sie das Kleid trug, in dem sie zu Hekebolos gekommen war. Und auch das Amethystkreuz hing um ihren Hals, das solange den Perlen des Kaufherrn Platz gemacht hatte.

»Komm!« sagte sie.

Er zögerte. »Aber wo hast du deine Kleider, deinen Schmuck! Du willst ihm doch nicht die Geschenke lassen?« stammelte er.

»Nichts!« sagte sie mit Kopfschütteln.

Er ballte die Fäuste.

»Dann liebst du ihn, Theodora! Du liebst ihn! Ich habs ja immer gewußt!«

Und er brach ins Knie.

Sie stieß ihn mit dem Fuß fort.

»Meinst du, auch du könntest mich foltern?«

»Soll ich ihn töten?« knirschte er, zerbrochen, da er das Schwanken ihrer Stimme hörte.

»Nein!« sagte sie, »es ist gut so. Wer weiß, wozu es gut ist.« Und sie schlug dreimal das Kreuz über sich, während sie mit dem rechten Fuß über die Schwelle des Hauses trat, auch diesmal ohne zurückzublicken.

14

Die üblen Tränke wirkten. In einem Straßengraben gab Theodora einem Kinde den Tod, ehe sie ihm das Leben gegeben. Burbos Schreie riefen einen Bauern herbei und in seiner Hütte, zwischen Ferkeln, Kindern, Kücken und jungen Hunden lag Theodora zwei Tage, ehe sie weiter wankte. – Burbo bettelte und stahl und sie schlugen sich durch bis nach Alessandria. –

Bei Tag schleppte Burbo Seidenballen, die vom Reich der Mitte kamen, und Säcke köstlicher Spezereien aus dem Lande Hind, von den weitsegelnden Schiffen ans Land. Tiefgebückt und keuchend seine mageren Glieder unter ihr Gewicht stemmend, ertrug er den Hohn herkulischer Neger, denen ihre Lasten ein Spiel schienen. War just kein fremdes Schiff angelangt, so lag er auf den glühendheißen Quadern des Landungsstegs, einen Zipfel seines zerfetzten Hemdes über das schweißbeperlte Gesicht gelegt und schlief mitten im Gewimmel, offenen Mundes, den tiefen Schlaf des Erschöpften.

Abends strich er durch das Gewinkel übelriechender Hafengassen, mit haßerfüllten Augen die Vorübergehenden musternd, und es war, als schluckte er erst eine bittere Giftpille hinab, ehe er aus dem Häuserschatten auftauchend den Matrosen oder Handelsschiffer aufforderte, ihm zu einem Mädchen zu folgen.

Dann trottete er wortlos und finster dem Willigen voraus, durch Gassen und Winkel, an vielen Häusern vorbei, aus denen Gröhlen und Musik kam, von Zeit zu Zeit sich umsehend wie ein Jagdhund, der seinen Herrn auf einer Fährte führt.

Dann war die Sackgasse da und das niedere Fenster, aus dem Theodora lehnte, leise singend, mit nackten Brüsten, einen Schimmer von Mondlicht auf dem schmalgewordenen Gesicht.

Oder das Fenster war hell, hinter zugezogenen Vorhangfetzen, und Burbo wartete, den Kopf geduckt, die Hände in seinen Ledergurt geschoben, während der neu zugebrachte Freudenanwärter hinter ihm seine kotigen Witze riß.

Abend für Abend und Morgen für Morgen flehte er sie an:

»Kehren wir zurück, kehren wir zurück in unsre Heimat!«

Abend für Abend und Morgen für Morgen antwortete Theodora blaß mit harten Augen.

»Lieber sterben!«

Und Burbo ging von neuem aus, um betrunkene Matrosen herbeizuschleppen und Handelsschiffer, die nachher die bedungene Summe auf die Hälfte herabzufeilschen bemüht waren.

15

Wenn Burbo mit seiner Bürde unter »Hopplah!« und »Aufgeschaut!« mitten durchs Hafengewimmel steuerte, hörte er wohl, wie scheu vorüberhuschende braungerockte Priester unflätig als Ketzer gescholten wurden, oder er sah kostbar gewandete Männer und Frauen, deren schweres Reisegut er sich stöhnend auflud, mit Tränen die Schiffe besteigen, der »tausendkreuzigen Stadt« fluchend, die sie ob ihres Glaubens ächtete. Dann entsann er sich dessen, wie er bei seiner Ankunft, von dem Obersten der Hafenträger strenge nach seinem orthodoxen Glauben befragt, sich zu den Artikeln des kalzedonischen Konzils hatte bekennen müssen. Doch es lag ihm wenig an jenem »gotteins« oder »gottähnlich«, um dessentwillen Länder verödeten, Kirchen in Blut schwammen, Klöster in Flammen aufbrannten. Und er freute sich des reichlichen Lohns der Landflüchtenden, der die Zehrung des Abends sicherstellte.

Eines dämmernden Morgens trat Theodora fröstelnd und matt nach verkaufter Nacht auf die Straße, um das rote Lämpchen über ihrer Türe zu löschen und endlich, endlich schlafen zu gehen. Sie sah auch Faustas und Hilarias Leuchten am Hause gegenüber schon verlöscht, nur die alte Mazedonia, Kupplerin, Wahrsagerin und Schenkwirtin, hatte noch Gäste. Theodora löste den festgepflockten Türflügel. Da vernahm sie wildes Gelächter und Geschrei. Sie wandte sich und sah einen Flüchtenden das Gäßchen heraufeilen, vier Stadtknechte hinter ihm, die aus vollem Hals johlten, weil sie das Wild so klug in die Sackgasse gehetzt hatten.

Theodora lebte lange genug in Alessandria, um zu erkennen, daß der Verfolgte das Kleid eines Monophysitenpriesters trug. Er lehnte an der Mauer und erwartete keuchend seine Bedränger.

Theodora hatte noch Zeit gefunden, den Torflügel hinter sich zuzuziehen. Nun sah sie durch einen Ausschnitt sehr wohl den sich zum Tode Bereitenden und die Lanzen der Stadtknechte. Der erste war an den Mönch herangekommen, aber gewillt, ein erheiterndes Katz- und Maus-Spiel zu spielen, riß er die Lanzenspitze im letzten Augenblick von seiner Brust zurück und versetzte dem Priester einen Schlag mit dem Schaft, der sogleich das Blut hervorquellen machte.

Der Mönch richtete sich taumelnd vom Boden auf, breitete die Arme aus und rief: »Wie du willst, Vater, und nicht wie ich will!«

Und Theodora sah sein häßliches, blutüberronnenes Gesicht, wie eine Ampel durchschienen vom Lichte der Verzückung.

Der Monophysitenpriester riß die braune Kutte mit beiden Händen über der Brust auseinander und bat: »Stoße zu, mein Bruder, mein lieber Bruder, aber ehe du zustößest, schlage mir noch die andere Wange, die ich dir hinhalte – ich bitte dich!«

Und da die Knechte in einer kurzen Betretenheit zurückweichend ihn anstarrten – brüllte er, noch immer die Kutte mit beiden Fäusten auseinanderreißend: »Was gafft ihr, ihr Hunde, ihr Aasgeier, ihr Ausgestoßenen, ihr, die ihr Jesum zum zweiten Male kreuzigt?! Wie lange soll ich euch meine Brust noch zur Zielscheibe machen! Stoßt zu, Hurensöhne! Glaubt ihr, ich würde euch bitten, von einer Tat abzustehen, die euch in die Hölle bringt und mich in den Himmel?«

Die Knechte erfaßten ihn, ihre Beschämung zu rächen. Sie hieben und stießen und traten zu und er ward gewürgt und mit den Lanzen geschlagen. Er aber hatte die Augen geschlossen und betete abgebrochen, stoßweise, aber mit voller, klarer, schwingender Stimme: »Herr, du, mein Erlöser! mit mir deine Gnade! – Laß mich nicht schwach werden im Fleisch, da meine Seele danach jauchzt, in deine Seligkeit einzugehen! Laß mich nicht übermannt werden vom Zorn, daß ich nicht aufstehe und sie alle erschlage. –

Laß mich dein Lamm sein und der Teppich deiner Füße. – Selig sind die Sanftmütigen ... und ihrer ist das Himmelreich!« –

Im nächsten Augenblick sanken die Stadtknechte ins Knie, schlotternd vor Entsetzen ...

Ein weißer, blaßer Engel, in langwallendem Hemd und goldenem Haar beugte sich über den Blutenden und entführte ihn an sachter Hand lautlos, durch graue Mauern hin.

16

Theodora bettete den Mönch auf die hölzerne Pritsche ihres Gewerbes, an die in Lendenhöhe ein zerschlissener Roßhaarpolster genagelt war und zwei Ledergurten. Sie wusch, Schweigen winkend, sein abgründig häßliches Antlitz, seinen spröden Bart vom Blute rein und gab ihm zu trinken.

Sie schliefen beide sogleich ein, der verfolgte Gottesstreiter auf dem käuflichen Bett und die Hafendirne auf dem Lehmboden.

Burbos Hereinpoltern weckte den Erschöpften nicht. Der Bursche starrte feindselig auf den Gast und fluchte bei dem Bericht Theodoras.

Er fürchtete die Verfolgung, den unerwünschten Kostgänger. Aber gewohnt, sich ihr zu fügen, zuckte er die Achseln und warf sich in einer Ecke auf den Boden nieder, um noch zwei, drei Stunden des Schlafes zu erhaschen, ehe sein Lockvogelamt begann.

Theodora glitt hin und wieder und nahm die kümmerlichen Fische aus Burbos Sack, die Zwiebeln und die halbgefüllte Ölflasche, das Brot und die Datteln, um das Mahl zu richten.

Als sie alles auf das Tischchen gestellt hatte, wusch sie sich und begann vor dem blinden Spiegel ihr Haar für die Nacht zu ordnen.

Plötzlich umfingen zwei behutsame Hände ihre Wangen und wandten ihr Antlitz.

Der Mönch forschte, über sie gebeugt, in ihren Zügen, als sähe er durch deren Schönheit hindurch. Nie noch hatte Theodora solch einem Blick standgehalten. Der braune Zeigefinger strich, wie über Zeilen geheimer Schrift, über die Linien des ausgeprägten Kinns, der Wangen, der Stirne.

»Da ist nicht alles vom Besten!« murmelte er. »Aber wir wollen sehen! Gottes Sturm bläst auch Samen auf steinigen Boden.«

Nach dem Mahle, das er zu Burbos Grimm hinnahm ohne Dankeswort, als müsse es so sein, begann Theodora eine ungewohnte Unruhe zu fühlen.

Ein Handelsschiffer, der diese Nacht mit ihr vereinbart hatte, mußte zu naher Stunde an ihre Türe pochen, und sie, die bis nun nur Priestern gleich Vigilius begegnet war, fand es gleich schwer, ihren Wandel vor dem Monophysiten zu verbergen, wie beschämend, ihn zu offenbaren.

Plötzlich sah der Mönch sie an und sprach mit seiner schönen Stimme, die so weich im Guten und so posaunenstark im Bösen klang: »Schämst du dich? Schäme dich nicht, meine Tochter! Hat nicht Jesus Magdalenen die Hand aufs Haar gelegt? O ihr Armen, die ihr nichts zu verkaufen habt, als euer geheimstes Selbst, wie werdet ihr gestraft!«

Der Mönch schritt zur Schwelle. Aber er zögerte und wandte sich: »Ich danke dir nicht! Möge Er dein Schuldner sein, der sprach: »Was ihr dem geringsten meiner Diener tatet, habt ihr mir getan!« Und er ging.

17

Aber er kam wieder. Und er lehrte die Dirne Theodora in Stunden, die sie ihrem Schlafbedürfnis abrang, die Sätze des Glaubens, um dessentwillen er wie ein wildes Tier verfolgt ward.

Wenn er so sprach, ballten sich seine braunen Fäuste, daß die Knöchel weiß unter der Haut hervortraten. Der Schaum stand um seinen breitlippigen Rednermund und Theodora sah, während er die himmlischen Freuden schilderte, seine Augen hinter halbgeschlossenen Lidern vergehen, wie während der irdischen Seligkeit jener Männer, die sonst ihre Lust zu ihr trugen.

Von Kindheit an vielfach aneinandergereihte Gebete gewohnt, war ihr jener Gekreuzigte, an den sie gerichtet waren, kaum mehr als ein abergläubisch hingenommenes Symbol dunkel gefürchteter Kräfte gewesen, ein Fetisch, den durch nie versäumte Weihrauch- und Gebetopfer zu beruhigen man nicht unterlassen durfte.

Dies aber, diesen Kampf auf Leben und Tod, Haß, Streit, Sieg, ein mit Triumph erduldetes Martyrium, den Stolz: den Menschen Jesus göttlich zu verehren und den Gott Jesus im Menschen zu lieben, – gegenüber dem Dreigötzentum der Orthodoxie, – – dies alles begriff Theodora. Sie glühte.

Und Anthimius erzählte von Julian von Halikarnassos, Johann von Tella, Petros von Apamea, von fünfzig anderen Bischöfen, die um dieses Glaubens willen getötet, entsetzt, verbannt worden waren.

Er erzählte von Thimotheus, dem Patriarchen, »dem Fels Christi, dem unbestechlichen Hüter der wahren Lehre,« der die Vertriebenen aufnahm zu einer Gemeinde der Lauterkeit und des reinen Gottesdienstes.

Er sprach ihr von den Unzähligen, die in der lybischen Wüste hausten, die darum »Wüste der Heiligen« genannt ward, – die in Höhlen des Gebirges lebten, Männer, die patrizischen Rang bekleidet, Frauen, die ein Heer von Sklaven launisch beschäftigt hatten. Der sehrselige Thomas war wie der Sohn eines Königs auferzogen worden. Er war die Freude der Frauen und der Stolz der Freunde. In goldene Gewänder gekleidet, lebte er der Lust, von vierundzwanzig Gerichten bei jeder Mahlzeit naschend und dreimal des Tages badend in edelstem Weine, davon ein Becher einen Kranken hätte heilen mögen.

Aber da der Kaiser Justinian die Hand aufhob wider die, so rechten Glaubens waren, floh Thomas und ließ all seinen Reichtum hinter sich. Er fristete sein Leben dadurch, daß seine schönen Hände Körbe aus Palmfasern flochten. Und endlich zog er in die Wüste und lebte der Einsamkeit, und da es Gott gefiel, ihn zu sich zu nehmen, war seine Haut braun und rissig wie Erde, sein Bart war wie des Igels Stacheln und seine eigene Mutter erkannte den Sterbenden nicht. Aber Thomas sagte: »Was liegt am Leibe, da meine Seele, die so viel Sünden beschmutzten, um diesen Preis dem ewigen Feuer entging.« Und Engel trugen sein ewig Teil mit Singen gen Himmel. – Der Mönch schwieg und seine zitternden Fäuste lösten sich langsam. Er sah Theodora wie erwachend an. Sie saß zu seinen Füßen und knüpfte und löste die Fransen ihres Gürtels, ohne aufzusehen. Der Mönch blickte sie lange an, schüttelte den Kopf und erhob sich. Es war, als ginge er für immer. Aber er kehrte wieder – Tag um Tag. Wenn er in die Hafengasse einbog zur Zeit der ersten Abendstunden, dann räkelten sich die Dirnen noch verschlafen und ungeputzt, halbnackt auf den Türschwellen und riefen hinter ihm her.

Wenn sie ihn lockten, so ging Anthimius noch etwas schneller, den Kopf gesenkt, die Hände in Brusthöhe um ein kleines Kreuz gefaltet.

Einmal, als Mazedonia, die Theodora um der Verhöhnung ihrer Zauberkünste willen haßte, schrie: »Die Orthodoxen kommen zumindest des Nachts und heimlich gekrochen, aber der Ketzermönch läuft am hellen Tage der Hurerei nach« – – da wandte sich Anthimius jäh. Er sah sie lange an und sagte »Armes Weib! Der Herr erleuchte dich und segne dich!«

Er legte seine Hand sacht auf die Schulter der Alten, die jählings zu schluchzen begann.

Und wieder saß Anthimius auf der hölzernen Pritsche und erzählte von denen, die den Dornenpfad der Seligkeit gewählt hatten. Auch die sehrselige Cäsarea war edlen Geblüts und hoher Herkunft. Und doch ging sie in Fetzen gehüllt und verschwor alle Fleischesspeise. Sie lebte nur von Gemüse, dem sie Essig vermengte, und von ein wenig schwarzem Brot.

Als der Gebirgsschnee Manneshöhe erreichte, ging sie noch stundenweit zu den Kranken und Kreißenden und man erkannte den Weg ihrer zarten Füße an den Blutspuren im gefrorenen Schnee.

Aber es gab auch andere Frauen, deren Tugend der ihren glich. Die sehrselige Susanna verschleierte ihr schönes Gesicht, um keines Mannes Lust zu wecken und hüllte sich völlig in ein Gewand aus Fledermausfeilen. Sie kämpfte unzählige siegreiche Schlachten gegen Dämonen, die ihr in der Wüste erschienen, sie zurück zu verlocken zur Wonne des Fleisches und zur abgeschworenen Umarmung. Es war ihr gelungen, viele zu bekehren und sie gründete ein Kloster, in dem Büßerinnen ihre Ruhe fanden. Aber sie selbst lebte als die letzte, elendeste Magd darin, der Welt ein Zeichen der Keuschheit und Demut.

Dies alles erzählte der Mönch, aber er fügte niemals ein Wort hinzu, das als Bekehrung hätte gedeutet werden können.

Er zeigte den Weg, er bot die Hand, er ging voraus, aber er drängte nie. Theodora ward sehr still in seiner Gegenwart und fast scheu.

Aber manchmal wieder schien es, als suche sie ihn zu verhöhnen, zu verführen und er überraschte sie einmal nackt auf ihrem Lager. Er nahm seinen Mantel, bedeckte sie still und wartete, bis es ihr gefiel zu erwachen. Theodora gähnte endlich und tat erstaunt die Augen auf. Sie gab das vollendete Bild der Erwachenden, wie sie einst als Leda die Badende, als Daphne die Flüchtende gewesen war. Anthimius sah ihr lange und traurig ins Gesicht. Und plötzlich stürzte sie vor ihm auf die Knie und küßte seine Hände unter strömenden Tränen. »Ich bin schlecht!« sagte sie. »Hilf mir!« Der Mönch blickte mit dankbaren Augen zum Himmel auf.

Im nächsten Augenblick flog mit Gepolter die Tür zurück und ein riesiger Seefahrer brach ein. »Holla Theodora! Wo bist du? Weißt du noch alle deine Witzchen? Bei den Dämonen, Mädchen, ich hab's kaum erwarten können, bei dir zu sein! Hörst du das goldene Lied da in meinem Beutel? Wein her!«

Theodora war aufgesprungen. Sie wischte mit beiden hastigen Händen die Tränen aus den Augen, klatschte und lachte: »Semeos! Ja, ist denn dein Schiff schon zurückgekehrt? Was gibt es Neues zu Byzanz?« Und sie überließ sich seinen trunkenen Liebkosungen.

Plötzlich wandte sie sich und schrie auf.

Der Mönch war gegangen.

Er blieb verschwunden, obgleich sie Burbo durch alle Straßen hetzte und selbst fast von Häschern ergriffen worden wäre, als sie nach ihm forschte. Einmal erbot ein kleiner Knabe sich, sie zu ihm zu führen, doch als sie in den Keller hinabstieg, war es wohl ein Monophysitenpriester, der den heimlichen Gottesdienst hielt, aber er trug fremde Züge. – Trotzdem besuchte Theodora die Versammlungen oft, in der Hoffnung, von dem einzigen Mann Nachricht zu erhalten, den sie geachtet hatte und von dem verworfen zu sein sie nicht ertrug. Als sie einst von solchem Gang heimkehrte, rief die Feindin Mazedonia sie mit heimlichen Gesten zu sich. In der immer düsteren Kammer stand ein Tisch, auf dem die Alte wirre Kreidezeichen zog, indem sie Theodora gestand, sie habe die Unterirdischen nach dem Schicksal des Mönches befragt und immer wieder hätten sich eine Dornenkrone und ein blutendes Herz gezeigt. Spät erst, als der Monophysitenpriester Silvius Theodora schon längst in die Gemeinschaft der Gläubigen aufgenommen hatte, erfuhr sie, daß Anthimius in die lybische Wüste gezogen sei, um als Sehrseliger in Gott zu leben. Theodora schwieg. Aber sie versperrte für eine Nacht ihre Tür. Am Morgen pochte es heftig und lange. Als sie unwillig öffnete, stand Macedonia draußen, geheimnisvoll und wichtigtuerisch Schweigen deutend. – Theodora ließ die Alte ein, die ihr gute Prophezeiung verhieß, für ein ganz kleines Becherlein Süßen.

Theodora holte schweigend Kanne und Becher herbei. – Ein Auge genießerisch eingekniffen, kostete die Alte den Wein und erzählte, sie habe Theodora dreimal in dieser Nacht im Traume gesehen. »Und meine Träume sind Wahrträume, du weißt es, sie treffen immer ein!« sagte sie.

Theodora lachte achselzuckend und die Alte ward böse.

»Ich habe dich dreimal auf einem Throne gesehen, der aus goldgebildeten Totenschädeln erhöht war! Ich sah dich als Herrscherin, Theodora!«

»Welches Volkes?« fragte diese rasch. Sie lachte nicht mehr.

»Der Dämonen!« kicherte die Alte boshaft. »Vieler, vieler schwarzer Dämonen! Gefällt dir das nicht? Ja, man muß es nehmen, wie es kommt! – Es ist ein Trost, daß die Totenschädel zumindest von Gold waren!«

»Wenn es um einen Thron ginge, scheute ich auch Dämonen nicht!« sagte Theodora, ihr Lachen wiederfindend.

18

Eines Nachts, da Burbo auf Fang lauerte, sah er zwei Männer in Reisemänteln vor sich hergehen, denen er sogleich anmerkte, daß nur Zufall sie in solche Gegend geführt haben konnte.

»Nun schwanken wir schon eine Stunde lang in diesem verfluchten Labyrinth von Gassen hin und her!« sagte der Größere, so ärgerlich als gute Sitten es nur gestatten wollten. »Ich sagte dir ja sogleich, wir sollten uns hinter den Sklaven halten, aber nein, du mußtest den Weg abschneiden.« Der Kleinere lachte höflich und spöttisch. »Gräme dich nicht, Prokop, es ist noch Zeit genug bis zu Sonnenaufgang und Schiffsabfahrt, und es schadet bei deiner sitzenden Lebensart gar nicht, ein wenig Bewegung zu machen!« – »Ich wette, wir versäumen das Schiff und mich trifft Ungnade, alles nur wegen deines Eigensinnes!«

»Wenn meine Gebieter es wünschen, so werde ich sie den nächsten Weg zum Hafen führen!« sagte ein Mann hinter den beiden Fremden. Sie wandten sich, Prokopius hatte die Hand am Dolch. Der Mann, der sie angesprochen hatte, sah abgerissen und wenig vertrauenerweckend aus. Sie wechselten Blicke.

»Ich bin ein Lastträger vom Hafen und kenne den Weg,« sagte Burbo, bemüht, das Zittern seiner Stimme zu unterdrücken.

»Gut, geh voran!« sagte Prokop.

Und sie schritten eine Weile schweigend dahin, bis der andere Fremde auf Lateinisch flüsterte: »Ich sehe noch immer nichts vom Hafen und der Kerl hat eine beunruhigende Fratze!«

Fast im gleichen Moment tat Burbo einen Sprung um die Häuserecke in das Gäßchen hinein, das dunkel vor ihnen lag.

Gelobt sei Jesus Christus, das Fenster war dunkel und da stand sie auch weiß in seinem Rahmen und sang das Lied, das ihm bei Tag und Nacht in den Ohren klang.

»Süße Liebe, Hafen und Weltmeer des Schiffers – – –«

Schrill trillerte Burbos Pfiff ...

»Wem gibst du da Zeichen, Bursche?« rief Prokop und faßte seinen Arm. Aber der andere Fremde, der Agathon war, der Patrizier, Krösus und Dichter, sprang vorwärts.

»Meine Ode an die Liebe! Beim Himmel, woher kennst du meine Ode, Mädchen aus der Hafengasse?« Und er lachte ein geschmeicheltes kleines Dichterlachen. »Du bist Agathon!« sagte Theodora, die noch einen Augenblick vorher nicht zu sagen gewußt hätte, wie der Dichter des Liedes sich nenne.

»Du bist Agathon, und ich habe auf dich gewartet!«

»Wenn du im Begriffe bist, das Ideal deiner Seele in einem Hafenbordell zu finden, dann muß ich mich leider von dir trennen, Agathon!«, sagte Prokop. »Ich gedenke nicht Schiff, Koffer und Sklaven deshalb im Stich zu lassen.« – »Gleich, gleich! Geh nur voraus! – Wie gelangt man in dein verzaubertes Haus, Mädchen, das Oden des Agathon singt?«

»Mich erwartet die Einziehung meiner Güter, wenn ich nicht zur rechten Frist zu Byzanz bin – –!« schäumte Prokop.

»Ich sagte dir ja schon, du mögest zu allen Dämonen gehen!«

Die Tür öffnete sich. – Theodora stand da, das Lämpchen mit der warmdurchleuchteten Hand schützend. Es schien Burbo, als habe er niemals ihre Augen so strahlen gesehen.

Und Agathon rief, während des empörten Gefährten Schritte sich hallend entfernten. »Du bist ja schön, Mädchen, weißt du auch, daß du schön bist?« »Ich weiß es!« lächelte Theodora ...

»Ist es nicht seltsam?« sagte sie fünf Tage später zu Burbo, als sie unter dem gelbseidenen Sonnenzelt auf Deck des Alessandriaseglers lag, von Sklavinnen umgeben, von Musikanten erheitert, mit durchwirkten Gewändern geschmückt. – »Ist es nicht seltsam, daß es just das Liebeslied des Hekebolos war? Just das Lied des Hekebolos – –?« Und, wohlig in die Kissen zurückgelehnt, während sie Beere um Beere von der korinthischen Traube pflückte, die ein Negerknäbchen in einem goldenen Becken abspülte, – – – summte sie.

»Süße Liebe, – Wunde und Balsam des Fechters – – –«

19

Das Wohnhaus des Agathon lag fast in der Mitte zwischen dem »heiligen Palast« und dem Bauplatz, auf dem die Kirche der Sancta Sofia aufgeführt wurde.

Es war von einem alten Garten und einer alten, windschiefen und bröckligen Mauer umgeben und machte einen fast ärmlichen und traurigen Eindruck. Aber als der Türsklave den Vorhang zurückschlug, zauberte die Fülle von Reichtum und Schönheit der inneren Gemächer ein Lächeln auf Theodoras Gesicht.

»Warum lässest du dies graue Haus nicht niederreißen und baust es außen von Marmor auf wie innen?«

Agathon lächelte. »Vielleicht nur, um diese süße Überraschung auf so schönen Zügen wie den deinen sich spiegeln zu sehen. Sicherlich aber gelingt es Justinian, jede unnütze äußere Hoffahrt in unseren Herzen zu ersticken, da er auf Palastbau so hohe Steuern legt, und dem Zurschautragen von Reichtümern geheime Anklagen und Güterkonfiskationen folgen!«

»Aber es hieß doch, als ich nach Alessandria ging, der junge Kaiser wäre mehr Mönch als Regent und kaum zu bewegen gewesen, die Herrschaft anzutreten?«

»Ja, ja, die Schlange tat, weiß der Himmel, noch verschämt, da die Frösche sie statt des braven Holzklotzes zum König wählten!« murmelte der Hellene stirnrunzelnd.

Aber als besänne er sich, brach er ab, um ein Figürchen vom Zitrustisch zu nehmen, eine Tanagräerin, kaum spannhoch, mit spitzem Strohhut und Fächer, und begann, sie zwischen liebevollen Fingerspitzen drehend, Theodora ihre Schönheit zu preisen.

Wochen verlebte sie so, schauend und erfassend, zwischen Kostbarkeiten einer sterbenden Welt. Sie, deren Haut unter billigen Essenzen, deren Haar unter ätzenden Farbwassern gelitten hatte, verbrachte nun halbe Tage in der milchig erhellten Kühle der Thermen. Sie, die vor Mondesfrist aus dem Fenster einer fischduftenden Hafengasse gelehnt, mit Zungenschlag vorüberschwankende Trunkene anlockend, und im Sprachengemisch des Hafendialekts um ihren Lohn gezetert hatte, sie hörte nun von einer schönheitstrunkenen Stimme Verse vortragen und wenn es auch vielleicht zu oft die Verse des Agathon waren, so waren es auch oft genug die des Homeros.

Abend für Abend lud Agathon Gäste, die entweder reiche junge Müßiggänger waren, oder Rhetoren, Philosophen und Dichter. Es kamen Frauen mit ihnen, geschmückt und festlich. Wenn auch manchmal aus dem großen Kreis derer, die den Versen lauschten oder dem Gesang der Sklavinnen von den Inseln, ein Paar Hand in Hand sich stahl, um erst nach einer Frist mit feuchten Augen in süßer Müdigkeit zurückzukehren, so war darin nichts, was sich mit jener Hafengasse vergleichen ließ.

Theodora, die niemals noch für Gespräche mit Frauen Zeit gefunden hatte, nahm die fast schüchternen Annäherungsversuche einer jungen Fremden freundlich auf.

Es war dies Antonina, die Geliebte Belisars, eines Unterfeldherrn, der sich in den Perserkriegen zu wiederholten Malen ausgezeichnet hatte.

Obgleich einst öffentliche Dirne von Beruf, schien Antonina den Riesen leidenschaftlich zu lieben, und sie beweinte oftmals, daß das Gesetz des früheren Kaisers Justinus den Patriziern bei Verlust ihres Ranges und ihrer Güter die eheliche Verbindung mit öffentlichen Hetären untersagte.

»Gibt es solch ein Gesetz, das die armen, hilflosen Patrizier so weise vor uns Fallenstellerinnen schützt?« fragte Theodora. »Das wußt ich ja gar nicht! Also: wenn ein liebend Geliebter ein Weib ehelicht, das vorher anderer Männer Lust war, dann leidet dieselbe patrizische Ehre Schaden, die ihren vollen Glanz bewahrt, wenn eine der edlen Jungfrauen den Gatten am Tage nach der Hochzeit zum Hahnrei macht! – Daß sie nicht aufhören, den Tanz ums goldene Kalb der Jungfräulichkeit zu tanzen! – Und du, arme Antonina, hast deine süßen Jahre damit verbracht, auf all seinen Kriegszügen in Belisars Zelt zu frieren und zu hungern!« – Theodora schloß sich eng an Antonina an, und sie verbrachte Stunden in Gesellschaft Belisars, der ihr von seinen Kriegszügen und von dem jungen Kaiser erzählte. Er wußte tausend Geschichten über ihn, seine Klugheit, seine Beherrschtheit, seine Unberechenbarkeit. Von Theodora über den Beginn von des Kaisers ungewöhnlicher Neigung für ihn befragt, berichtete Belisar schmunzelnd, er habe den Basileus, als keiner der Feldherren sonst ihm entgegenzutreten wagte, von der Undurchführbarkeit eines von ihm entworfenen Feldzugsplanes überzeugt. Nachher habe er denn doch ein wenig um seinen Hals gebangt, aber der junge Kaiser habe nur erwidert: »Dann versuch es besser zu machen!« und ihn nach Persien entsandt.

Theodora murmelte nachdenklich: »Gut. Sehr gut. Er kann also nur in jahrelangem stummen Dienst bezwungen werden oder im Pantheransprung!«

Antonina erriet nie, ob Theodora Belisars Geschichten gern höre, wie jener es gar nicht bezweifelte, oder nur aus Höflichkeit über sich ergehen ließ. Nach und nach bestrickten sie Theodoras steter Frohmut, ihre Liebenswürdigkeit und ihr Entgegenkommen immer mehr, und ihre behutsamen Ratschläge wurden Antonina unentbehrlich.

Zu jener Zeit legte Theodora, von Antonina, wie in allen Stücken auch hierin nachgeahmt, ab, was noch in ihrer Erscheinung an ihre Vergangenheit gemahnte. Sie vergoldete ihre Fingernägel nicht mehr und ließ ihr reiches Haar die natürliche Dunkelheit wieder annehmen. Ihr ungeschminktes Gesicht stach bleich von den wie aus rosiger Paste geformten, bedeutungslosen Gesichtern der anderen Frauen ab. Sie stand nun im zwanzigsten Jahr ihres Lebens und war schön wie nie, angespannt, voll Kraft und Willen für das Kommende.

20

Agathon schenkte Theodora ein kleines Häuschen, von dessen Dachterrasse man weit übers Meer hinaus sah. Sie bezog es mit Burbo, mit einem riesigen Neger als Türhüter, vier Sklavinnen und einem weißen Äffchen.

Als sie eintrat, lächelte sie, denn die schöne kleine Tanagräerin stand neben einer Schatulle auf einem Onyxtischchen. Sie beschwerte ein Schreiben. »Sei glücklich, du, deren Schönheit nicht mir allein bestimmt ist. Möge der Türhüter dieses Hauses nur den einlassen, der mit Küssen zu zahlen weiß!«

Theodora ging durch den Speiseraum von pompejanischem Rot, dessen Mosaikfußboden, Speisereste eines reichen Mahles, angebissene weggeworfene Früchte und verstreute Blumen darstellend, jenem eines römischen Landhauses nachgebildet war. Sie ging durch den Wandelgang, zwischen dessen ionischen Säulen das Grün des Gartens herschimmerte, durch das Schlafgemach, das an allen vier Wänden Purpurteppiche umschlossen, während die Decke kühnen Blick in einen von Eros beherrschten Olympos trunkener Götter gewährte, die all die süßen Abenteuer erlebten, denen das weite rosaseidene Lager bestimmt schien.

An der Wand hinter dem Bette war der Purpur auseinandergeschlagen und Theodora spähte durch die offene Tür in den Baderaum, der mit Reliefs altgriechischer Arbeit geschmückt war und dessen Becken, eine perlmutterne Muschel, rosenbekränzt, ihrer als einer neuen Aphrodite harrte.

Theodora ging nochmals in den Garten hinaus, der voller Blüten war und betrachtete die übermannshohe, von Eisenspitzen gekrönte Mauer, die das Haus gegen ein kaum begangenes Seitengäßchen hin abschloß. Sie nickte zufrieden.

Die Schatulle war reich gefüllt und Theodora lebte vollkommen zurückgezogen.

Sie ging niemals aus und verbrachte halbe Tage über Büchern in ihrem kleinen Hausgärtchen, in dem die Feuerlilien wie Fackeln brannten. Hatte sie die Schriften nachdenklich-ermattet fortgelegt, dann konnte sie lange verharren, den unbewegten Blick auf den himmelanstrebenden Springstrahl geheftet, mit den sorgsamer als je gepflegten Händen das weiße, immerfrierende Seidenäffchen streichelnd, das in ihrem Schoß zusammengekauert schlief.

Sie nahm die Gewohnheit wieder auf, allabendlich vor dem Spiegel ihren Körper in Tanzposen zu üben, mit Burbo als einzigem Sklaven und Zuschauer wie einst.

Sie äußerte oftmals jähe Wünsche, deren Erfüllung Burbo durch ganz Byzanz nachjagen mußte, nach fremden Früchten, nach Stoffen, nach Schriften, seltenen Blumen, ungefaßten Halbedelsteinen. Wenn er sie warnte, des Goldes acht zu haben, so lachte sie nur. »Es fließt nach – – –!« und er schwieg, da ihm, den dies Alleinsein mit ihr beseligte, vor der unabweisbaren Zukunft graute.

Eines Tages, als er ganz wie in alter Zeit, ihr Haar kämmte, das sie lange auf der sonnigen Dachterrasse getrocknet hatte, sagte Theodora: »Burbo, ich will das Kreuz, das über unserem Bette hing.« Er verstand sogleich, daß sie jenen plumpgeschnitzten gekreuzigten Christus meinte, der ihrer beider Kindergebete vernommen hatte. Er nickte nur und sagte: »Ich nehme Ukri mit!«

Ukri war der riesige Negertürhüter, den Agathon Theodora geschenkt hatte. Es währte nur kurze Frist, bis Burbo wiederkehrte, blaß, zitternd, stammelnd vor verhaltenem Schluchzen. »Mutter stirbt!« brachte er hervor. Er weinte, den Kopf an ihr Knie gedrückt und Theodora entsann sich dieses frühalten Gesichts, dessen sie so lange nicht mehr gedacht hatte.

»Sie hätte dich so gern gesehen!« stammelte er.

Sie stand auf und befahl Wein und Speisen in einen Korb zu tun und eine Sänfte zu holen.

»Hast du Jesum gebracht?« fragte sie, aber Burbo weinte und weinte nur.

Theodora erfuhr nun, daß er schon lange, jeden Abend, wenn sie schlief, zum Zirkus gelaufen war, aber es niemals gewagt habe, sie von dem Wunsch der Sterbenden zu verständigen. »Du bist so fremd zu mir jetzt!« murmelte er.

»Es ist doch nichts Ansteckendes?« fragte Theodora zögernd. Nein. Es war nur das arme Herz, das nicht mehr weiter dulden wollte. Und Burbo küßte dankbar Theodoras Füße, als sie in der Sänfte saß.

Sie kamen an und das Zirkusvolk drängte sich auf den Gängen, die verschleierte Herrin zu sehen.

Theodora hob die Gewänder und trat in das nie gelüftete Gemach. Ein matter Schrei und kraftloses Weinen kamen von einem Lumpenbündel in der Ecke.

Theodora zog, ein wenig vorgebeugt, drei Kreuze in der Luft und sagte: »Es wird schon besser werden, Mutter!«

Sie hörte die veränderte Stimme stöhnen: »Ich sterbe. Ich sterbe!« Und nach einer Weile: »Wenn ich dich nur gesehen habe! Sagt' ich dir's nicht immer ... goldene Schuhe ...«

Das Flüstern ging in Stöhnen über und Theodora sah Burbos Rücken schüttern, wie er kniend schluchzte.

Sie schlug den silbergrauen Schleier ganz zurück und sah sich in dem kahlen Raum um.

Erinnerungen kamen, die sie abwies, gleich aufdringlichen Bettlern.

Hier war die Tür zur Holzkammer, die ihr Reich gewesen war. Hier hatten die Kinder auf der Matte geschlafen, auf derselben, die noch zerfetzt im Winkel lag.

Und hier, schon von den Mauerklammern losgelöst, lehnte riesig das Kreuz und Theodora knickte einen Augenblick ins Knie vor dem blutbemalten, schmerzverzerrten Gesicht. Sie wußte nun, warum sie sich danach gesehnt hatte, da es ihr jählings dem des Mönches Anthimius ähnlich schien. An der Wand zeichnete sich, wie ein weißer Schatten, die Kreuzform ab, wo das Bildnis des Erlösers befestigt gewesen war und aufgescheuchte Mauerasseln liefen über diesen einzig makellos hellen Fleck der schmutzigen Fläche.

Theodora winkte Ukri, der grinsend in der Tür stand, das Kruzifix aufzunehmen.

Und sie hob die Flaschen und Schüsseln aus dem Korb und stellte sie neben der Kranken auf den Boden. Eine schmierige, behaarte Pranke griff Theodora ins Gesicht und des Wärters Lollius tierisch versoffene Fratze grinste sie an.

»Und mir? Mir auch was!«

Theodora stieß ihn angeekelt zurück und wandte sich zum Gehen. »Bist du hergekommen, mit deinen Hurenkleidern zu prahlen, du, und glaubst du könntest uns so unseren Herrn Jesum forttragen? Mein Glaube ist mein einziger Stab im Elend! Ich lasse mir meinen Glauben nicht nehmen!« gröhlte er. Und er warf sich auf Ukri, der eben seine mächtigen Schultern unter die Kreuzeslast stemmte. Hätte der Neger die Hände frei gehabt, so wäre es dem Trunkenbold übel bekommen. Aber Ukri scheute sich davor, den weißen Gott seiner Herrin fallen zu lassen und Lollius erwürgte ihn fast, ehe Burbo und die Zirkuswärter ihn bändigten. Theodora wandte sich auf der Schwelle um und warf Lollius eine Handvoll kleiner Münzen in den Schoß.

Sie schritt schnell hinter Ukri her, den Gang hinab, das Stöhnen der Sterbenden im Ohr und das Gröhlen des tobenden Trunkenen, der, von vier Männern zurückgehalten, ihr nachschrie: »Nicht einmal dreißig Silberlinge gibt die Metze für Jesum Christum! Nicht einmal dreißig Silberlinge!«

21

Der sonderbare Aufzug eines riesigen nackten Negers, der mit einem mannsgroßen Heiland am Kreuz dahertrottete, einer Mietsänfte und eines gebückten braunen Burschen mit vom Weinen verschwollenem Gesicht erweckte die Neugier manches Vorübergehenden in der menschenwimmelnden Straße. Aber da sie in eine enge Nebengasse einbogen, ward Ukris heilige Last zu einem Hindernis, an dem eine vornehme Sänfte nicht vorüber konnte. Die violetten Sänftenvorhänge öffneten sich und ein schönes, rosiges Greisengesicht lauschte dem beginnenden Wortgefecht zwischen dem beschuldigten Ukri und den violett gewandeten Läufern.

Aber sogleich hoben sich die weißen Augenbrauen vor Staunen und der Blick ward groß, als er auf Theodoras entschleiertem Antlitz haftete. Und der Patriarch Vigilius fragte, zur Mietsänfte gebeugt: »Ja, bist du das wirklich, kleine Theodora?«

»Hab ich's nicht gewußt?« sagte Theodora am gleichen Abend, strahlend vor guter Laune, als sie, eine köstliche Schnur honigfarbenen Bernsteins um den Nacken, neben dem Lager ihres hohen Gastes kniete, »hab ich's nicht gewußt, mein heiliger Vater, daß dies Kruzifix mir Glück bringen würde?« – An jedem letzten Abend der Woche hielt nun die Sänfte des Patriarchen vor dem Türchen in der hohen Gartenmauer und Vigilius entstieg ihr im vollen Ornat seiner Würden, wie er eben den Kaiser für die morgige Kommunion vorbereitet hatte. In Begleitung des heiligen Mannes befand sich stets sein Diakon, ein Jüngling, fast noch Knabe, von erlesener Schönheit. Das schmale bleiche Oval des Angesichts, von schulterlangen Locken umdunkelt, der sehnsüchtig-schmerzliche, immer stumme Mund, das hyazinthenblaue Auge, all dies mahnte an Antinous, der eines Kaisers Gott und Beute zugleich gewesen war. Der Knabe, von dem man nicht wußte, ob er scheu oder leidend bedrückt sei, schlug in Theodoras Gegenwart niemals die langen Wimpern auf, und verschwand stets sogleich nach dem Mahle, wenn sein Herr heiterer Laune ward. Nahm der Patriarch Abschied, so stand auch der Knabe wieder hinter ihm, den schweren Mantel mit beiden erhobenen Händen bereit haltend, während der Pontifex der knienden Theodora seinen Segen spendete.

Die Nächte dieses Sommers waren von erdrückender Schwüle, ja selbst im Garten schien es, als vergifte die übergroße Süße der Duftwellen jede klare Brise, die meerher kam.

Theodora stieg nackt die Treppe zur Dachterrasse empor und wies dem hohen Freunde die berauschende Fernsicht über das lichterglitzernde Byzanz hin, bis zum schwarzwogenden Meer. Und während Vigilius im Dunkel sich auf die Kissen streckte, entzündete Theodora die hochaufspringende Flammensäule eines Pechbeckens, und begann, einen schwarzen Schleier hinter sich wirbelnd, den Tanz, der dem Greis schmerzlich die Lust entbehrlich machte, die nun an der Unfähigkeit seiner Jahre scheiterte, wie einst an der der ihren.

22

Das Vorgemach, in dem die zahllosen Audienzsucher zu warten pflegten, die Kaiser Justinian ohne Ansehen der Person vor sein Antlitz treten ließ, war ein riesiger, fensterloser Saal, in dem Tag wie Nacht die Leuchten brannten.

Die Längsseite des Gelasses war mit einem Mosaikbild geschmückt, einer Darstellung des Riesen Christophorus, der das Christusknäblein durch die Fluten trägt.

Nah dem Estrich erhoben sich vier Wogen aus Lapislazuli, in deren tiefem Blau drei rosige, dickbäuchige Fische schwammen. Daraus wuchsen die Beine Christophori empor, braun und dick wie Baumstämme, züchtig umzackt vom Lammfell, und auch der Knotenstock, mit dem der Heilige sich durch die Flut tastete. Hob der Blick sich höher, so ward er der mächtigen Brust gewahr, auf die sein schwarzer Bart herabzottelte, der vom Antlitz nur Augen und Nase freiließ.

Die aufgereckte Rechte hielt das Perlmutterhändchen des blassen Kindes, dessen Glorie sich hoch im Schatten der Wölbung, mit dem Gold des Himmelshintergrundes verschmolz.

Die Tür, die zum Arbeitsgemach des Kaisers führte, war geschlossen.

Der prunkvoll gewaffnete Anführer der Leibwache stand auf seinen Speer gestützt davor. Haar und Bart verrieten den Gallier. Ein anderer, ebenfalls junger, vornehm gewandeter Mann, aber sichtbar römischer Herkunft, lehnte an dem riesigen, von Schriften überdeckten Marmortisch, der das einzige Möbel in dem weiten Gemach war.

»Die Baumeister scheinen die Letzten für heute gewesen zu sein. Der alte Isidoros sah auch nicht sonderlich erfreut aus, als er herauskam. Ich sah den Bauplan, den er so schön reinlich gerollt hineintrug, ganz mit Purpurtinte beklext, so viel war ›hineingebessert‹ worden.«

Cajus Rufus Ventidius hatte geflüstert, aber der Gallier gähnte um so vernehmlicher.

»Ich spüre meine Beine nicht mehr, meiner Treu!« murmelte er in den Bart. »Und morgen um vier Uhr heißt es zum Kirchengang bereit stehen.«

»Meinst du, daß ich schlafen kann? Wenn er von der Kirche zurückkehrt, muß ich schon die Liste all der Horden vorlegen, die sich da vor Sonnenaufgang ansammeln, einem mit ihren Beschwerden in den Ohren zu liegen.«

»Lerne es, alles mit solcher Miene hinzunehmen, wie er!« brummte der Gallier. »Mich wundert's nicht, daß Hortigern gestern gerannt kam und schrie, er habe ihn ohne Kopf gesehen!«

Der Römer lachte. »Sagte er das? Ja, es ist manchmal, als lösche er sein Gesicht aus und zünde es erst langsam wieder an!«

Der Gallier nahm den Speer in die Linke und schnallte gebückt den Riemen am emporgehobenen Fuße lockerer.

»Hat er denn schon zu Nacht gespeist?« fragte er böse. Der Römer tat die dunklen Augen auf. Er war in der augenblicklichen Stille fast eingenickt.

»Was fällt dir ein? Lutatius sagte vorhin, der Koch hätte eben den siebenten Braten auf den Spieß getan. Ich verstehe es nicht, daß er es aushält. Ein Mann kann Schlaf entbehren bei vieler Nahrung oder Nahrung bei vielem Schlaf. Aber er ißt nicht und schläft nicht und schafft Nacht wie Tag!«

»Du vergissest, er verschwendet sich nicht an Frauen wie wir, Ventidius, und er ist vierundzwanzig Jahre alt.«

»Vierundzwanzig!« seufzte der Römer elegisch. »Wo ist die Zeit! – O du süßer Frühling.«

Im gleichen Augenblick hörte man, wie drinnen eine schwere Bronzetür mühsam aufgeschoben ward, und schon stand auch der Gallier reglos wie ein Bildwerk, und der Römer ordnete tief gebückt seine Akten.

»Niemand mehr?« fragte Prokopius von Cäsarea in den Saal hinein, ohne jemand anzusehen. Der Gallier schwieg. Der Römer, gleichsam aus vertiefter Arbeit aufschreckend, kehrte sich um, verneigte sich und sagte: »Niemand!«

Prokopius wandte sich; mit der schweren Schiebetür sich mühend, meldete er, auch draußen im Vorsaal verständlich: »Es wartet niemand mehr, Allgnädigster.«

Und wie ein kalter Luftzug wehte eine junge Stimme heraus ...: »Ich diktiere weiter.«

23

In dem riesigen Saal, dessen Wände bis über Mannshöhe mit Schriftfächern überdeckt waren, brannten nur zwei Leuchten im großen Dämmern. Das rote Ampelchen vor dem Christusbild und die Lampe auf dem mächtigen Zitrustisch, den Berge von Papieren belasteten. Prokopius, der Geheimschreiber, saß blaß und übermüdet auf dem lehnenlosen Holzschemel, und schrieb und schrieb, was der junge Kaiser diktierte, während er die Weite des Saales zwischen den beiden Lichtern durchmessend auf und ab wandelte.

Wann immer der Kaiser auf seinem Weg an dem Molosserhund vorbeikam, der, groß wie ein Kalb, auf seiner Matte lag, sah das Tier, ohne seinen schönen Kopf von dem Polster zu heben, mit einem wachen, braunen Auge zu seinem Herrn auf und wedelte leise.

Der Kaiser ging hin und her und seine Worte fielen kalt und gleichmäßig langsam, wie Eistropfen auf die Schädeldecke eines Verurteilten fallen.

»Des ferneren tun wir unserem geliebten Freund Belisar zu wissen, daß ...«

»Wissen, daß ...« wiederholte Prokop.

»ein etwaiges weiteres Mißgeschick in der Kriegführung, wie es in den Händen des großen Himmelsherrn zu liegen vermöchte ...«

»Liegen vermöchte ...« echote Prokops Stimme.

»jedenfalls seine sofortige Abberufung vom persischen Kriegsschauplatz zur Folge haben dürfte, weshalb wir angesichts seiner bekannten – nein – schreibe: seiner glänzenden und rühmlichst bewährten Fähigkeiten ... hast du es?«

»Sogleich, Allmächtiger! – Fähigkeiten ...«

»mit Sicherheit erwarten, baldigst die Kunde neuer Heldentaten zu vernehmen. Auch verfügen wir aufs bestimmteste, daß die in früheren siegreichen Gefechten erbeuteten Schätze ...«

»erbeuteten Schätze ...« klang es vom Schreibtisch, wo Prokop eben mit der Linken die Feder zu führen begann, da die Rechte im Schreibkrampf schmerzte.

»in Bälde und zu ihrer Gänze auf sicherem Wege nach Byzanz geschafft werden mögen, wobei es uns vorbehalten bleibt, die Verdienste unserer Feldherren, wie unserer treuen Krieger, nach den Gesetzen unserer Großmut zu belohnen. Wir sehen weiteren Berichten mit gewohnter Gnade und unverändertem Wohlwollen entgegen!«

Justinian verließ den schmalen Streifen purpurnen Teppichgewebes, auf dem er bis nun hin und her geglitten war, ohne je den Marmorboden rechts oder links mit seinen lautlosen Brokatschuhen zu betreten.

Er kam zum Schreibtisch, zog erst im letzten Augenblick seine schmale, blasse, unberingte Hand aus dem weiten Überärmel und erfaßte die für ihn bereitliegende Schwanenfeder, die Prokop, sich erhebend, darreichte.

Der Kaiser unterzeichnete stehend den sich einrollenden, großen Papyros, mit dem linken Daumenballen beschwerend, mit seinem großen, abwärtsführenden Namenszug.

»Johannes von Kappadokien!« sagte er, den Schreibtisch verlassend und die frierende Hand von neuem im Ärmel bergend.

Prokop beugte sich über das neue Pergament, die Augen aufreißend, die vor Schlaf brannten.

»Die Eingangformel geschrieben?« fragte Justinian über die Schulter zurück vom andern Ende des roten Teppichläufers her. Bei der Wand angelangt, kehrte er scharf um und kam nun wieder heran, während Prokopius ablas.

»Justinianus der Erste, Basileus von Byzanz, Herrscher des oströmischen Reiches und Herr von Italien, an Johannes von Kappadokien!« Prokops Stimme war heiser vor Durst.

»Weiter! Gruß und Gnade wie gewöhnlich!«

Justinian war vom Teppich fortgetreten, zur Längswand des Saales hin. Er zog langsam die Hand hervor und klappte ein kleines Mosaikbild der heiligen Sofia an der Wand zurück, wie den Deckel einer Schreibtafel. Und er legte sein schmales, fahles Gesicht an die Luke, die im Vorsaal draußen von einem Gegitter verdeckt war, das täuschend den Lammfellschurz des Christophorus darstellte.

Prokopius wartete, die Feder in der Hand, den Blick bald auf Justinians violettseidenen Rücken, bald auf das kleine Tischchen heftend, auf dem in silbernen Körben eine Auswahl süßer Kuchen und edler Früchte, unberührt, zur Erfrischung des Kaisers bereitstand. Justinian stand regungslos und Prokop richtete sich lautlos auf, nahm, immer mit Blicken an ihm hängend, rasch die obersten zwei Kuchen aus dem Korb, die er im weiten, blauen Ärmel verschwinden ließ, und setzte sich hastig nieder.

Der Molosser knurrte und erhob sich von seiner Matte, um zweimal still, aber mit gefletschtem Gebiß, um den Schreibtisch zu kreisen, ehe er, sich schüttelnd, daß sein Halsband klirrte, zu seinem Lager zurückkehrte.

In Prokops Augen glimmte der Haß gegen den Tyrannen, der ihn wie einen Straßenjungen zu stehlen zwang. Er beugte sich tief und aß ein Stückchen des im Ärmel zerbrochenen Kuchens gierig und scheu.

»Wer ist Theodora?« fragte Justinian plötzlich hinter ihm und legte die immer kalte Hand auf Prokops Schulter.

»Ich weiß es nicht, Allgnädiger!« antwortete er, langsam die Hand leer aus dem Ärmel ziehend.

»Ich dachte, es sei eine Heilige, so oft rufen die beiden da draußen ihren Namen an.«

»Gnade Gott den armen Burschen«, dachte der Geheimschreiber, »er hat gelächelt!«

»Es ist wahrlich belehrend für einen Fürsten, zu hören, was das Herz seiner Untertanen bewegt!« und der Kaiser hielt von neuem sein schmales Gesicht an die Luke.

Prokop aß hastig Stückchen um Stückchen des Kuchens, während er, über den angefangenen Brief an Johannes von Kappadokien geneigt, dasaß.

Plötzlich wandte sich Justinian und winkte ihm. Er lächelte noch immer mit diesem farblosen, großen, schmallippigen Mund über einem langen, degenerierten Kinn. Prokop kam, den dritten Kuchen im Ärmel, und duckte sich gehorsam zur Luke, da er größer als der Kaiser war.

»Agathon?« fragte des Galliers Stimme draußen schläfrig, obgleich man ihm ansah, daß das Gespräch ihn feßle. »Solch ein kleiner Grieche, mit vorstehenden Zähnen, der immer die Hände in der Luft wäscht vor Freundlichkeit, wenn er mit einem spricht. Haben wir ihn nicht bei Anicetus getroffen?«

»Ja, ja! Ganz richtig. Bei Anicetus las er Verse vor. Er liest immer Verse vor! Er schwätzt, aber er ist ein guter Bursche.«

»Und der, sagst du, sei so reich?«

»O, er ist nicht so töricht, wie Bassus es war, mit sechsundzwanzig Sklaven auszugehen und seine Gewänder mit Edelsteinen zu besticken. Er hat mit angesehen, wie die Prahlerei jenem bekam und verzichtet darauf, zwölffache Steuern zu zahlen!«

»Und dieser Kerl, dieses weiße Kaninchen hat sie besessen?«

»Besessen! – Ganz Byzanz hat sie besessen!

Ich sage dir doch, daß er kam, als sie sich den Hafennegern zu Alessandria verkaufte.«

Der Gallier schwieg nachdenklich.

Justinian wandte sich und hauchte in Prokops Ohr: »Zeichne für morgen auf: Agathon von Athenä, wegen Steuerhinterziehung. Und erinnere mich, wenn ich von der Kirche zurückkehre.«

»Ist sie schöner als Klythia?« begann der Gallier von neuem.

»Klythia!« Ventidius lachte verächtlich. »Ich sage dir: Amalasuntha, die schöne Gotenkönigin, ist ein formloser Steinklotz neben ihr! Wenn ich nur daran denke, daß ich Tor, der ich jetzt umsonst hier Plagen erdulde, zu der Zeit in Rom saß, als Theodora vor allem Volk im Zirkus sich durch Gänse Gerstenkörner von dem süßen Ort ablesen ließ, von dem ich sie lieber mit meinen Lippen geholt hätte ...!«

»Daß eine Dirne bei einem reichen Griechen beginnt und bei Negern endet, ist ein altes Lied! – Aber die Umkehrung ist mir neu!« sagte Clotar. »Wann also gehen wir zu ihr?«

»Hoho, mein Teuerster, wähnst du, man erhandelt Liebe bei Theodora nur so, wie Datteln beim Araberjungen?«

»Pfui, Pfui! Hast du mir etwa umsonst den Mund wässern machen, mit Brüstchen und Hüftchen und Schulterchen und was weiß ich? ...« brummte Clotar.

Der Römer lachte. »Ich kenne ihren würdigen Majordom. Ich bin ihr Freund von alters her, seit jenem gerühmten Fest des Hekebolos, da sie neunzehn Männer lendenlahm liebte. O, ich sage dir, sie ist ein Weib, wert, daß man zeitlebens den Weihwedel einzig in ihr Weihwasserkesselchen tauchte!«

»Nun, nun, ich hab noch an allen Kirchentüren bisher die gleichen Weihwasserkessel gesehen!«

»Weil du eben noch nicht an die Kirche Sancta Theodora gepocht hast, mein Sehrwürdiger! Ich wollte, ich wär' ein Jüngferchen, wie Justinian, und könnte mein ganzes Vermögen in ihren Kirchenstock legen.«

»Wenn du ihr Freund bist, warum sollten wir nicht noch heute Nacht zu ihr gehen?«

»Narr, weil es dir widerfahren kann, aus dem Haus gepeitscht zu werden! – Es kann dir widerfahren, daß du todmüde von ihren Lüsten, von Lüsten, die dir das Mark in den Knochen zu lauem Wasser werden lassen, einschlafen willst, und sie dich hinauswirft, um sich deinen Sklaven zu holen. – Oder – das ist einmal Laccus geschehen! Du erwartest sie in schönster Verfassung in ihrem Bett und sie schickt dich fort, weil einer ankommt, der schöner ist oder besser bezahlt als du! Und dann wird vom Bett und von der Tür her geboten und gesteigert, und Theodora sitzt gesalbt und nackt im Sessel und lacht ...«

»Und Männer von Rang lassen so mit sich spielen?«

»Ja, mein Freund. Genau wie du mit dir spielen lassen wirst, wenn du erst einmal dieses Fleisch gekostet hast.

Und wenn ein König – und wenn Justinian selber zu ihr käme, wäre er ihr Schemel, ihre Puppe, ihr letzter Sklave ...«

»Still! Bist du wahnsinnig? Schweig! – Wenn man dich hörte! ... Ich wußte nicht, daß du sie liebst, Ventidius.«

»Ich liebe sie nicht. Ich fürchte sie. Auf all die Frauen, die wir abnützen und verwerfen, kommt in seltenen Zeiten eine, der wir Gebrauchsgegenstände sind, Gegenstände der Lust, des Ehrgeizes, des Behagens, und die uns grenzenlos verachtet. Ich habe den Blick gesehen, mit dem Theodora ...«

Justinian schloß die Luke geräuschlos und trat mitten ins Zimmer. Sein Antlitz war gesenkt und unerkennbar beschattet. »Ich habe zwei Wünsche zu äußern!« sagte er.

»Zum ersten ersuche ich dich, den Obersten meiner Leibwache herbeizurufen ...« und da Prokop sich zur Tür wandte, die Hand hebend: »... ich habe gesagt: zwei Wünsche! Zum zweiten befiehl dem Majordom, die Aufwärter zu bestrafen. Ich lasse mich nicht bestehlen. Es ist schon das dritte Mal, daß Kuchen auf dem Wege von der Küche hieher abhanden kommen. Es sind sechs Stück hier und ich befahl neun.«

Prokop neigte sich stumm, schamglühend und verwirrt, und schob die Bronzetür zurück. Er rief in die Stille des Vorgemachs hinaus. »Clotar, der Oberste der Leibwache, zu seiner Allmächtigkeit!«

24

Der Kaiser stand noch immer in der Mitte des Saales, wo es am dunkelsten war. Der Molosser hatte sich an seinen Herrn herangeschlichen und beleckte Justinians herabhängende Rechte.

Clotar wartete lange. Es war kein freundliches Gefühl, so dazustehen, hell beschienen und dem Blick dessen dargeboten, der in undurchdringlichem Dämmern verharrte.

»Du hast befohlen, Allmächtigkeit?«

Keine Antwort.

Und Clotar stand, die Fersen aneinandergeschlossen, die Brust vorgewölbt, die Hand hoch am Lanzenschaft, und harrte.

Endlich sagte Justinian, einen Schritt vortretend: »Die Schatulle!« und Prokop verließ so schnell seine Papiere, wie Clotar rasselnd aus seiner Unbeweglichkeit auffuhr. Der Gallier brachte das Ebenholzkästchen, nach dem Justinians Kinn gewiesen hatte.

Die schmalen Hände des Kaisers wirkten fast grünlich auf dem glänzenden Schwarz. Sie waren seine einzige Schönheit.

Justinian zog eine Perlenschnur unter dem nur wenig geöffneten Deckel hervor. Sie schlug, über seinen Arm gehängt, mit leisem Ton am Boden auf. Jede Perle hatte Haselnußgröße.

»Du wünschest es ja so sehr, die Bekanntschaft der Dirne Theodora zu machen, Clotar!« sagte der Basileus. »Und einem Kaiser sind die Wünsche seiner Untertanen heilig. Ich erwähle also dich zu meinem Boten. Geh zu ihr, überbring dies und sage der Buhlerin, ich erwarte, sie noch in dieser Stunde vor mein Antlitz treten zu sehen.«

Clotar verneigte sich und ging, einen fassungslosen Blick mit Prokopius tauschend, der zu Stein erstarrt an der Tür stand.

25

In der Stille der Nacht dröhnten Schwertschläge ans Tor und eine ungeduldige Stimme heischte Einlaß.

»Welch ein Lärm?« fragte Theodora stirnrunzelnd.

»Eifersüchtige, die diese Insel der Seligen stürmen, um zu schwelgen wie ich!« lächelte Vigilius, der sich behaglich auf den rosaseidenen Kissen dehnte. »Hier sucht mich niemand auf!« erwiderte Theodora. Im gleichen Augenblick wurden die Purpurteppiche zurückgerissen und der junge Diakon stürzte in das Gemach, mit fliegenden Locken, geröteten Wangen, gelösten Lippen.

»Flieh! Flieh, Theodora! Soldaten! Sie werden dich hinwegführen, dich töten!«

»Was redest du?« fragte Theodora. Sie saß aufrecht und seine nicht mehr gesenkten Blicke sahen sie nackt.

Im gleichen Augenblick flogen auch an der Wand hinter dem Bette die Falten zurück und Burbo zeigte sich in der Tür, die ins Bad führte, aber peinvoll verlegen vor dieser Masse nackten greisen Fleisches, die den heiligen Mann vorstellte. Nun war er es, der kaum die Augen aufzuschlagen sich getraute.

»Theodora!« stammelte er. »Man verlangt Einlaß bei dir in des Kaisers Namen!«

»In des Kaisers Namen?« wiederholte Theodora und ward totenblaß.

»Das wäre wahrhaftig hübsch, wenn einer mich hier so fände!« sagte Vigilius und stieg mühsam vom Lager herab. »Wo sind denn meine Strümpfe, Liberius?«

Der Knabe Diakon kniete und zog sie mit fliegenden Händen über die vom Wasser geschwollenen Knöchel.

Es klopfte an die Tür des Schlafgemaches und eine drohende Stimme befahl: »Öffnet, im Namen Kaiser Justinians!«

»Clotar selbst!« hauchte Vigilius, nach dem Baderaum flüchtend. »Was, beim Kreuz, will der hier?«

Liberius, der betäubt und bebend sich in eine Ecke drückte, sah Theodoras Antlitz wetterleuchten.

Das Klopfen wiederholte sich. »Aufmachen, oder ich schlage die Tür ein!«

Burbo, schon wieder draußen im Vorsaal, bewegte den Türgriff und flehte: »Öffne doch! So öffne doch, Theodora!«

»Ich mag nicht, du Tölpel!« zischte sie. Und dann, hart, laut: »Was will man von mir?«

»Bote des Kaisers!« schrie Clotar.

»Und was wünscht der Kaiser?«

»Öffne, daß ich meines Auftrages mich entledige!«

Sie besann sich einen kurzen Augenblick. Dann tat sie zwei rasche Schritte zu Liberius hin, riß des Knaben Haupt an ihre Brust und rief:

»Ich bin auf meinem Lager und unbekleidet, denn es ist ein Mann bei mir, o Würdiger, sage, was du mir zu sagen hast!«

»Justinian, der Herr der Welt, römischer Kaiser und Herrscher von Byzanz, entbietet dir eine Gabe und befiehlt dich vor sein Angesicht. Bekleide dich eilig, denn der Allgnädige wartet.«

Und zugleich schrie Burbo draußen auf:

»Theodora! O! O! Perlen! Du hast noch niemals solche Perlen gesehen!«

»Justinian mag sie behalten!« rief Theodora zurück, an der Tür stehend, mit vorgeducktem Haupt und blitzenden Augen. Ihre Stimme war schrill wie in der Hafengasse, wenn sie mit den Handelsschiffern feilschte.

»Er mag sich eine andere damit kaufen! Melde ihm, Theodora hätte Besseres zu tun!«

Und den glühenden Knaben an sich reißend, lachte sie laut.

»Liebe mich, liebe mich!« Ihr Kuß hielt an, bis die Flüche und erzenen Schritte verhallten.

»Hast du dich geängstigt?« fragte Theodora plötzlich zärtlich und gelassen. Sie nahm mit beiden Händen langsam die auf die Brust fallenden Schläfenlocken des Knaben auf und streichelte mit ihnen seine zarten Wangen.

Dann wandte sie sich lächelnd und öffnete die verborgene Tür.

»Er ist fort, heiliger Vater!«

Vigilius erschien, unbehaglich sich in Burbos Mantel hüllend und man sah nun erst, wie die Wirkung dieses klugen, glatten Greisengesichtes sonst durch den kalten Prunk erhöht ward.

»Nun? Nun? Du siehst mich von Neubegierde gefoltert, meine Tochter?«

Theodora lächelte.

»Leerer Lärm! Der Bote des Kaisers hatte mein Haus für jenes des Senators Cajus gegenüber gehalten.«

»Welch ein Maultier! Burbo sagt mir, meine Sänftenträger seien verschwunden, als der Tölpel anfing ans Haus zu donnern, und es regnet wie aus Kannen.

Ich saß da drinnen und habe wahrhaftig mehr geflucht, als einem Diener der Kirche zukommt!«

Er trat zu Theodora. »So mißgönnt man einem alten Manne sein bißchen Ruhe und Wohlbehagen! Ich gehe nun und Burbo mag die erste Sänfte anhalten, die uns begegnet! Ich denke, dieser Räubermantel macht mich unkenntlich genug! Also, am nächsten Sabbath, meine Tochter. Meinen Segen über dich.« Und vollkommen veränderten Tones, mächtig und hochaufgerichtet, sprach er über die Kniende sein:

»Benedictus in nomine Domini«

»Komm, Liberius,« sagte er in einem Atem, noch ehe sie mit dem Kreuzeszeichen fertig war, »dieser Kaiser, der nie schläft, empfängt die Kommunion morgen um vier Uhr! Komm!«

Der Knabe verharrte tief erglüht, ohne Kraft, sich zu regen.

»Ach so ...!« Vigilius sah mit einem schnellen Blick hin und her, zwischen seinem und Theodoras Antlitz.

Und er hob zum zweiten Male in der Gebärde des Segens seine noch immer schönen, vollen Frauenhände.

»Kindlein, liebet euch – untereinander!«

26

Justinian ging noch immer auf dem Streifen kostbaren Purpurgewebes hin und wieder, lautlos in seinen brokatnen Schuhen, in gerader Haltung, mit gesenkten Lidern und frierend verborgenen Händen. Prokop saß, nicht entlassen, aber nun zumindest nicht mehr gestört, an seinem Tisch, die Hand über den Augen, als läse er vertieft in seinen Schriften. Er schlief.

Die Bronzetür ins Vorgemach stand offen. Vierundzwanzig Gewaffnete hatten die Nachtwache bezogen und Ventidius war nicht mehr anwesend. Justinian hielt plötzlich inne.

Sein untrügliches Ohr hatte das Klirren der Speere vernommen, die ferne vor Clotar gesenkt wurden.

Ein Schritt kam durch den Vorsaal näher, sehr langsam, zögernd, und es war nur eines Mannes Schritt.

Clotar senkte tiefgeneigt sein Schwert.

»Nun?« fragte die kalte Stimme aus dem Dunkel, da er schwieg.

Es währte lange, ehe Clotar sein Schwert in der Scheide geborgen hatte.

Aber jählings raffte er sich soldatisch zusammen und sagte: »Sie wollte nicht kommen, Allgnädigster.«

»So. – Die Perlen?«

»Hier. Sie hat sie gar nicht angesehen!«

»Und warum?«

»Sie ..., es war ein Mann bei ihr.«

»Hast du je solch keusche Einfalt gesehen, Prokopius?« lächelte der blasse Kaiser und Clotar gerann das Herzblut. »Fiel es dir nicht ein, den Mann gehen zu machen oder zumindest ... zu warten?«

Der Gallier geriet in großen Zorn. »Hättest du mich nicht zum Dirnenboten gemacht!« dachte er. Und im Bewußtsein, daß alles für ihn verloren sei, stieß er hervor.

»Sie rief durch die Tür, ich möge dem Kaiser melden, er solle mit seinen Perlen eine andere kaufen, sie hätte Besseres zu tun.«

Clotar stand steif und gerade, wie auf der Wacht und sah dem Kaiser nach, der plötzlich, sich wendend, wieder seinen Gang über den Teppich aufgenommen hatte, hin und her, hin und her.

»Prokopius!« rief Justinian und blieb stehen. Der Geheimschreiber, der von neuem eingenickt war, fuhr vom Schemel auf.

»Wir wollen einen klügeren Boten senden!« sagte Justinian und Clotar atmete auf. Der Kaiser runzelte die Stirn, dies war besser.

»Du wirst zu dieser Dirne gehen, Prokop, und sie selbst sprechen. Du wirst ihr ein Landgut innerhalb der ›Langen Mauer‹ verheißen, wie reich sie es immer nur wählen mag. Merke dir ihre Worte, ich werde dich darnach fragen. Und nun eilest du, denn es ist spät in der Nacht.«

Prokop stand, höher als der Kaiser, den Kopf kurzsichtig vorgeneigt, und sah ihn an, mit einem Blick, in dem hilfloser Haß, geduckter Zorn, Untertanenangst und Patrizierstolz sich mengten.

»Zur – Dirne Theodora schickst du mich?« fragte er. Justinian streckte das lange Kinn vor. Und den Blick neben Prokop auf den Schreibtisch geheftet, denn er liebte es nicht, wenn man ihm nah ins Gesicht sah, wiederholte er klar und betont. »Zur Dirne Theodora!«

Einen Augenblick lang gingen die Schatten von Haß, Gewalt, Mord über Prokops Gesicht, das so jäh bleich wurde, wie es errötet war. Dann fiel er nieder, leistete die vorgeschriebene Verehrung und verließ gebückten Hauptes, rückwärts schreitend, das Gemach.

Eine lange Stille entstand, während der Clotar, noch immer mit vorgewölbter Brust und aneinandergeschlossenen Fersen dastand und kaum zu atmen wagte, denn Justinian ließ das Ende seines schmalen Gürtels durch die Finger gleiten, und sah schräg gehaltenen Kopfes Prokopius aus den Augenwinkeln nach, leise nickend und mit geschlossenen, herabgezogenen Mundwinkeln lächelnd. Dann, sich wendend, bemerkte er Clotar und verabschiedete ihn mit einer kurzen, flachen Handbewegung, die ihn in der Luft gleichsam ausstrich. Aber als der Gallier, rückwärtsschreitend, schon im Türrahmen stand, rief Justinian ihm nach. »Sage deinem Freund Ventidius, für ihn sei es ein Glück, daß Theodora ihn nicht sogleich Lügen gestraft habe ...«

»Warum, o Erleuchteter?« stammelte Clotar, der nicht begriff.

Aber Justinian, auf und ab schreitend, antwortete nicht mehr.

27

»Du hast den Auftrag ausgeführt?«

»Du sagst es, Erlauchter.«

»In welchem Schlafgemach wartet sie?«

»Sie ist nicht mitgekommen.«

Justinian wandte sich, und Prokop erhaschte ein Zucken auf dem beschatteten Gesicht. Aber die Stimme war kalt wie stets.

»Ich sagte dir, ich würde dich um ihre Worte fragen.«

Prokop richtete sich auf, da der Augenblick kam, den er sich den ganzen Weg entlang ausgemalt hatte.

»Ich will sie dir berichten, Allgnädiger, ganz so lieblich wie ich sie von ihrem Munde habe! – ›Meint der kaiserliche Knabe, mich mit solcher Lockspeise zu ködern?‹ sagte sie und, auf meine Ehre als Patrizier, Mann und Christ, die Schlumpe hob den Rock und schlug sich auf den Bauch oder sonst irgendwohin in die Nähe. Und sie sagte: ›Sieh her, Prokopius von Palästina, hier drin sind so viele Landgüter als ich nur will, und so viele Perlenschnüre! Und sage deinem Kaiser, wenn es ihn nach Theodora gelüste, dann möge er zu ihr kommen und nicht seine Esel nach ihr aussenden!‹ Und damit schlug sie die Tür vor meiner Nase zu!«

In der eintretenden Stille klang Prokop die eigene Stimme im Ohr nach. Justinian hatte sich gewandt, er stand vor dem edelsteinernen Mosaikbild des Erlösers, unter dem roten Lämpchen und blickte, Prokop den Rücken kehrend, zu dem sanften Antlitz auf.

Prokop sah an der Bewegung des rechten Ärmels, daß der Kaiser ein Kreuz schlug. Dann wandte jener sich um und ließ den Schlägel auf den goldenen Läutschild fallen.

»Meinen Mantel! Die Sänfte! Wachen!« befahl der Kaiser den Sklaven, die sich aufs Antlitz warfen.

»Basileus!« rief Prokop. Es war fast ein Schrei.

Justinian fuhr mit dem Kopf durch den kreisrunden Ausschnitt des goldenen Mantelstückes, dessen schwere Säume Einhorne unter Palmen in Perlen und Smaragdstickereien zeigten.

»Entlassen!« nickte er zu Prokop hinüber und schritt, unbewegten Gesichtes, die Arme unter dem schwerfallenden Goldstoff auf der Brust gekreuzt, durch die Wachen hin, die, auf ein Knie gesenkt, ihre Schwerter zogen, um, so wie er vorübergegangen war, aufgeschnellt, klirrenden Schrittes hinter ihm herzugehen.

28

Burbo lag auf dem Antlitz, schlotternd vor Angst. Und Justinian, das Kinn vorgeschoben, sah mit nachlässigem Blick auf seinen gezogenen Dolch nieder.

»Du wirst aufschließen, ohne einen Laut von dir zu geben!« befahl er.

Wenn er flüsterte, klang seine Stimme besonders kalt und klar.

Burbo schleppte sich zur Tür, die ins Schlafgemach führte.

»O du gesegneter Herr Christus mit allen heiligen Aposteln, tu ein Wunder! Laß ihn Liberius nicht finden ... nur nicht finden!« betete Burbo, während die Tür sich unter seinen Händen langsam auftat.

Justinian stand vor den Purpurfalten der Wandbekleidung, die den Türrahmen noch verschlossen und winkte Burbo hinweg. Eine Handbewegung ließ die Gepanzerten verharren.

Der Kaiser atmete tief auf, bevor er die Vorhänge teilte. Sein erster Blick traf des Erlösers gemarterten Leib, der an einem mächtigen Kruzifix hing, das umwunden war von kaum noch gewelkten Blumen. Und zu des Weltenlammes Füßen, weiß, schmal, in einem weithin verrieselnden Gewand lag ein Weib, ein Mädchen, das Antlitz in hinschmelzender Linie der Demut auf gefaltete Hände gesenkt, wirrdunkle Locken um Haupt und Schultern ...

Justinian streckte, ohne es zu wissen, vortretend die Hand nach ihr aus, und sie schaute auf, noch benommenen Blickes und wie in Verzückung ...

Plötzlich beide Hände aus weiten weißen Ärmeln an die Wangen hebend, zeigte sie Erkennen, Schreck, Ehrfurcht. – Süßeste zage Freude wechselte mit Röte und Blässe auf dem zu ihm erhobenen Gesicht, bis sie, mit nach vorne zitternder Last der Locken über seinen sanft erhaschten Mantel geneigt, ohne ihn zu küssen, ihre schöne Wange sanft an den kalten, edelsteinbeschwerten Saum schmiegte. Die Erinnerung an Prokops beschworenen Bericht sprang den Kaiser an, und er dachte so laut »Lüge! Lüge!« daß ihm war, als habe er es geschrien und wußte doch zugleich nicht, wen von beiden er der Lüge zieh ...

»Wer bist du?« fragte er kalt und verwirrt in einem.

Sie sah zu ihm auf, ohne die Wange zu heben. Und sie sagte langsam, mit ihrer klaren Stimme: »Theodora, Herr, die Dirne vom Zirkus Konstantinus.«

Über sein Antlitz lief unbeherrschbares Zucken.

Er riß seinen Mantel aus ihren Händen und fragte: »Die jeder Matrose um drei Kupfermünzen kaufen kann?«

Sie hielt ihn mit ihrem Blick fest, ihre Hand strich mit einer verlorenen Geste das Haar aus der Stirn.

»Die jeder um drei Kupfermünzen kaufen kann!« wiederholte sie wie im Traum. »Warum also hast du verweigert, des Kaisers Lustgefäß zu sein?« zischte seine Stimme wie eine Peitsche nieder, über diese schwachen Schultern, diese blumenweißen Brüste, dieses lügende, trügende Gesicht.

Sie stand auf, so unbeschwert und schön, wie Gras nach Regen wieder aufsteht. Und plötzlich war sie kein Mädchen mehr, sondern eine Fürstin, und Stolz war wie ein Schimmer über ihrem berauschenden Antlitz.

»Diese drei Münzen sind alles, was er zu geben hat, Justinian!«

»Verlangst – du – – – immer alles ...?«

Und zurückgeworfenen Hauptes blitzte sie ihn an.

»Immer! Justinian.«

Die Stille brach herein, wie ein herabpolternder Erdsturz. Man hörte nur Burbos keuchende Atemzüge.

Plötzlich trat Justinian zu ihr, die da frei und aufrecht stand, und ihm selbst war die Stimme fremd, mit der er fragte:

»Was hätte ich dir also bieten müssen, Theodora?«

Theodora schlug die Lider nieder und verharrte einen kurzen Augenblick gesenkten Hauptes. Dann hob sie langsam den Kopf zugleich mit dem Blick, und ohne Justinian anzusehen, mit einem weichen Lächeln, halb, als spräche sie im Scherz, sagte sie, sehr deutlich: »Deine Krone, Basileus von Byzanz!«

Schweigen. Sie sahen einander an wie Ringer. Justinians Hände ballten sich um den knirschenden Goldstoff seines Mantels und öffneten sich wieder.

Und langsam, langsam hoben sie sich zu seinem Haupt und faßten nach dem schweren, juwelengeschmückten Reif.

»Da!« sagte er heiser.

Theodora lächelte und, den großen Blick auf ihn geheftet, setzte sie sich das Diadem aufs viele Haar.

Im nächsten Augenblick ward Justinian aschenfarben wie ein Toter und hob entsetzt die Hand. Vor seinen Augen hatte sich jählings die Wand geöffnet und unter dem Bilde des Erlösers stand eine Erscheinung im vollen Licht.

Ein bleicher Knabe, noch vom fast mädchenhaften Hauch erster Süße umweht, zwiegeschlechtlich und ungeschlechtlich zugleich scheinend, wie ein Engel. Er trug das starrende Kleid des Patriarchats, und die doppelt getürmte Tiara krönte seine dunklen Locken. Die Hände hielt er über dem Kreuz gefaltet, während er lautlos näherglitt. »Kniet nieder auf Gottes Geheiß!« sagte der Knabe mit heller Stimme. – »Wer bist du?« flüsterte Justinian. – »O, Basileus«, antwortete der Knabe. »Sagt dir nicht ihr Name schon, daß Gott sie dir gesandt hat? Knie nieder, die zu empfangen, die dir erwählt ist!« – Er fügte mit kalter Hand ihre beiden Rechten zusammen. Der Kaiser ließ es geschehen. Als der Knabe die vereinten Hände mit seiner Stola umwickelte, sank Justinian ins Knie.

»Im Namen des Himmels, dessen Bote ich bin, und kraft meiner Macht, zu binden und zu lösen ...« begann halblaut die bebende junge Stimme.

Da rief Theodora laut. »Halt ein! Justinian, entsinnest du dich nicht, daß ein Gesetz des Kaisers Justinus Patriziern die Ehe mit öffentlichen Dirnen verboten hat?«

Er hob die Linke, da seine Rechte durch die Stola gebunden war. »Hatte er die Macht, Gesetze zu schaffen, so habe ich die Macht, sie zu verwerfen! Morgen verkünde ich im Senat, daß in meinem Reiche jedem Patrizier seines Herzens Wahl freisteht! Tu dein Amt, Bote des heiligen Geistes!«

»Halt ein!« unterbrach Theodora von neuem. »Vergissest du, Justinian, daß schon morgen Verleumdung und Schmähung über mich hereinbrechen werden und man dir die Namen aller Männer zutragen wird, die mich genossen, und die Summen, um die sie mich gekauft haben? Lieber wollte ich in diesem Augenblick sterben, als jemals zu sehen, daß du dich meiner schämst, die ich zu stolz bin, um auch als Justinians Ehegemahl die Zirkusdirne zu sein, statt der Herrscherin von Byzanz!«

»O du!« sagte Justinian und seine stumpfbraunen Augen hatten nie gesehenen Glanz. Und dann schrie er, Justinian schrie ...

»Sie sollen nicht über dich schwätzen! Ich will ihnen Maulkörbe umhängen, so wahr ich Kaiser bin! Bist du zufrieden, Theodora, wenn morgen auf allen Foren als Gesetz ausgerufen wird, daß, wer der Kaiserin Namen zu kränken wagt, gleich einem Mörder gehenkt wird, während sein Gut dem Staat anheimfällt? Ist dir dies genug? Du? O, sie sollen dir dienen, wie nie noch einer Königin!«

»Es ist mir genug!« sagte Theodora. Und sie lächelte.

»Zu Ende – rasch, rasch!« herrschte Justinian.

»Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes!« sagte der Knabe und er glitt, den Segen spendend, rückwärts aus dem Gemach. Justinian hob Theodora empor. Die Wachen knieten und senkten die entblößten Schwerter. Hinter ihnen, irgendwo im Dunkel, schluchzte Burbo. Der Kaiser blieb unentschlossen stehen und sagte sehr leise, niedergeschlagenen Blickes und mit einem fast unbeholfenen Lächeln, das zum ersten Male sehen ließ, wie jung er war. »Wollen wir nun nicht allein sein ...?«

Aber Theodora, die einen Augenblick reglos und geschlossenen Auges verharrt war, antwortete klar und langsam, während sie die Lider aufschlug.

»Ich glaube, die Kaiserin von Byzanz hätte das Recht, von ihren Frauen geschmückt und in den heiligen Palast geleitet zu werden, mein Gemahl!«

29

Als die in Eile aus den Betten herbeigeholten Hofdamen der verstorbenen Kaiserin Eufemia, vor Neugier und Empörung zitternd, ihre Sänften vor der Gartenpforte halten ließen, war das kleine Haus bis in den letzten Winkel erhellt, und die Schwelle fußhoch mit Rosen und Weizenkörnern überschüttet.

Der Vorsaal wimmelte, obgleich es zwei Stunden über Mitternacht war, von Würdenträgern des Reiches, die in kleinen Gruppen standen, flüsternd und raunend, die einen mit Flüchen, die anderen mit Bocksgelächter.

Im Speisesaal mit den pompejanischen Wänden waren zwei Thronsessel aufgestellt. Mit schmalem Lächeln seiner blassen Lippen sah Justinian auf all die Rücken hinab, die sich vor Theodora krümmten. Er hatte, als der Erste ihm die Proskynese erweisen wollte, nur mit dem Zeigefinger auf den Mosaikboden zu ihren Füßen gedeutet und gesagt: »Unsere gottgesandte, verehrungswürdige Kaiserin Theodora, Tribonianus!«

Als die Äbtissin Anastasia im Vorsaal erschien, entstand Gedränge unter den Frauen, die ihre Hände küssen wollten.

Die heilige Mutter stand aufrecht, hager, schwarz und streng, und die vielen Falten in ihrem gelben Gesicht zuckten um die Lippen, die sich immer bewegten, als beteten sie.

»Ich grüße keine Dirne vom Zirkus«, sagte sie sehr laut. »Mag er es wagen, mein Gewand zu kränken!« Und sie blieb herausfordernd stehen, auf ihren weißen Stab gestützt, zwei junge, blasse Nonnen hinter sich.

Justinian erhob sich drinnen und führte Theodora an seiner Rechten hinaus, von der Musik einiger rasch herbeigeholten Flötenspieler begleitet.

Vier Knaben edelsten Geblüts trugen hinter Theodora die Mantelschleppe.

Sie ging, als habe sie nie anderes getragen als diesen Krönungsmantel Eufemias, über dessen silbernen Grund smaragdene Greifen flogen.

Ihr Haupt war von einer Krone bedeckt, sie trug Justinians Perlen zu dem eigenen Amethystkreuz und ihre Ringe waren Länder wert.

»Ein Dämon!« murmelte die Äbtissinmutter und fingerte schneller an ihrem Rosenkranz.

Ein paar junge Männer flüsterten: »Wie ist sie schön!« und einer nach dem andern legten sie ihre nackten Klingen wie zum Opfer auf ihren rosenbestreuten Weg.

Theodora schritt über Schwerter und über Rosen. Die Äbtissinmutter hatte sich vorgeneigt, um sie deutlicher zu sehen, jetzt drängte sie, außer sich, vor und stürzte an ihrem Stab, mehr als sie ging, auf die Kaiserin zu, den Blick starr auf ihre Brust geheftet.

»Das Kreuz!« murmelte sie, als wäre ihre Zunge gelähmt. »Das Kreuz! Das Kreuz!« Und sie brach mit einem Stöhnen ins Knie.

»Mutter Anastasia kniet vor ihr ...« »Die Heilige kniet!« raunten verstörte Stimmen.

Theodora sah verständnislos und befremdet in das zum Weinen verzerrte alte Gesicht. Plötzlich hob sie die Brauen, sie begriff und lächelte.

Sie neigte sich und reichte, noch immer lächelnd, der Heiligen das perlbesetzte Doppelkreuz aus Amethysten zum Kuß, das ihr einst als Kennzeichen mitgegeben worden war, ehe man das Kind auf der Schwelle des Zirkus Konstantinus ausgesetzt hatte.

30

Als der Zug den heiligen Palast erreichte, graute der helle Sommermorgen, und Justinian brach sogleich mit seinem Gefolge auf, um in einer der Palastkirchen die vorbestimmte heilige Kommunion zu empfangen.

Man erwartete, daß der Kaiser nach seiner Rückkehr in den Theodora eingeräumten Gemächern verschwinden werde, da jedermann das Wort des Narses belächelte: »Der einzige Mann in Byzanz, der Theodora noch nicht besessen habe, sei ihr Ehemann.« Aber sogleich nach dem Kirchgang begab sich Justinian in den Senat, wo er im Beisein seines Rechtsgelehrten Tribonianus das Gesetz erließ, das »jenen unglücklichen Frauen, die ihre Person auf den Theatern oder an Orten der Lust entehrt hatten, eine glorreiche Reue offen hielt, indem ihnen eine gesetzliche Eheschließung mit den erlauchtesten Römern einzugehen nicht verwehrt sei!«

Vom Senat, wo alle jene Würdenträger, die nicht schon des Nachts in Theodoras Haus Gelegenheit gefunden hatten, ihr zu huldigen, Segenswünsche auf seine junge Ehe herabriefen, kehrte Justinian in den Palast zurück. Er nahm, wie immer, in seinem Arbeitsgemach Briefe und Bittschriften aus Prokops Hand entgegen, ruhig und klar Zwischenfragen in die Berichte streuend, mit einer Fremdheit, die alles gemeinsame Geschehen der letzten Nacht auslöschte.

Er empfing Bittsteller um Bittsteller und Würdenträger um Würdenträger und erledigte die Regierungsgeschäfte kühl, genau und ganz an die Sache hingegeben wie immer. Aber als ihm Prokop ein Todesurteil vorlegte, zögerte er einen Augenblick, legte die Feder fort und sagte, sich abwendend: »Morgen!«

Als der Vorsaal sich endlich geleert hatte, diktierte er weiter wie gewöhnlich. Es war, als könne er kein Ende finden.

»Sonst noch etwas?« fragte er.

Prokop, der den ganzen Tag hindurch dem Blick des Kaisers ausgewichen war, antwortete mit seiner grauen, mürrischen Stimme vom Schreibtisch her. »Nichts mehr, Erleuchteter.«

Justinian zögerte einen Augenblick, dann sagte er, über die Schulter hin, Prokop den Rücken zukehrend: »Entlassen!«

Justinian ließ den Schlägel niederfallen und die Fackelträger kamen, ihn ins Schlafgemach zu geleiten.

Der Kaiser besaß sieben weit auseinanderliegende Schlafgemächer, die alle täglich für seine Nachtruhe bereitet wurden, da man nie wußte, in welchem der Basileus heute würde schlafen wollen. Denn Justinian fürchtete Meuchelmord. »Das gelbe Gemach!« befahl er. Es lag am weitesten entfernt von Theodoras Gemächern.

Sie entledigten ihn seines schweren Ornats, geleiteten ihn ins Bad und verließen ihn, als sie ihn für die Nacht in gelbe Seide gehüllt hatten.

Wachen bezogen klirrend ihren Posten, draußen vor der Tür. Dann ward es still. Der junge Kaiser atmete tief auf wie ein Erlöster und lächelte mit durstig-offenen Lippen.

Er öffnete behutsam eine kleine Tür, die in einen langen Gang führte. Und das Antlitz zurückgeworfen ging er geschlossenen Auges rasch und immer rascher dahin, die schmalen Hände vorgestreckt wie ein Blinder ...

31

Zu Füßen der Basilissa häuften sich Ballen über Ballen und die Frauen ihres schnell ernannten Hofes knieten mit kleinen, hohen Schreien wohlerzogenen Entzückens zwischen dem starren Gefunkel der entrollten Stoffe, die wie silberne und goldene Wasserfälle von den Thronstufen herabrauschten. Das Krönungskleid war schon gewählt, aber so viele Purpurballen die Händler auch von keuchenden Negern herbeischleppen ließen, immer wieder schüttelte die Kaiserin ihr Haupt. Endlich sagte sie: »Wir wollen an dem Tage, da die Krone der heiligen Helena unsere Stirne schmückt, in allem Glanze erscheinen. Als unser Herr und Gemahl gekrönt ward« – und alle diese Mädchen und Frauen aus edelstem Geblüt neigten ihre Stirnen zum Teppich vor seinem Namen – »da ward tyrischer Purpur zu seinem Mantel genommen.«

Der Kaufherr beteuerte gekränkt: »Dies hier ist echter tyrischer Purpur!« Er hob das gefällig gefaltete Stoffende mit seiner dicken, beringten Hand empor. »Wolle deine Gottähnlichkeit nur die Farbe beachten, das Gewebe, den wunderbaren Glanz! Bei der Krönung des Basileus, den der Himmel segnen möge! gab es in ganz Byzanz nicht einen Ballen gleich diesem! – Damals war ein gewisser Hekebolos der Einzige, der Purpur besaß, mindere Ware! – mäßige Ware! – Und die Großmut des Allgnädigen hat sie weit überzahlt!«

»Wie, sagst du, hieß jener Kaufherr?« fragte Theodora.

»Hekebolos, Gottähnliche, – aber er weilt nicht zu Byzanz – er ist nach Alessandria gefahren.«

»Man sende Boten nach dem Kaufherrn Hekebolos!« unterbrach ihn die Kaiserin abwinkend.

Hekebolos stieg eben ans Land, als die Boten ihn erreichten, und er hatte keine Kenntnis davon, daß Byzanz seit drei Tagen eine Herrin besaß.

Er verfügte nur noch über einen einzigen Ballen des fürstlichen Gewebes, den ein Neger sogleich auf die Schulter lud, während die beiden anderen Sklaven Hekebolos, ohne seiner bestürzten Fragen zu achten, mit sich zerrten.

Er ward in den heiligen Palast geführt und fing mit staunendem Blick die Reichtümer der vielen Gemächer auf, durch die seine Begleiter so sehr eilten, daß er kaum zu folgen vermochte.

»Wirf dich nieder, hier ist die Kaiserin!« murmelte der eine und riß Hekebolos mit sich zur Erde.

Er hatte nur den Schimmer von Kostbarkeit erfaßt dort oben im Dämmern des überdachten Thrones.

Der Neger Ukri entrollte seinen Ballen und die Frauen, die das Stoffende in der Kaiserin Hand legten, fanden, dies sei der dunkelste und glanzloseste Purpur von allen, die hier gezeigt worden waren.

»Ich sehe nichts, Licht!« befahl eine Stimme, die Hekebolos aus seiner Proskynese auffahren machte.

Fast im gleichen Augenblick traten von drei Türen her Scharen von Fackelträgerinnen ein, die an allen Wänden entlang eine reglose Kette bildeten.

Nun sah Hekebolos die Kaiserin, aber sie hielt das Gesicht prüfend so tief auf den Purpur gesenkt, daß es unmöglich war, die Züge zu unterscheiden. Ein Baldachin von weinrotem Samt erhob sich über dem mächtigen Thronsessel. Von dem satten Hintergrund seiner Falten hob sich die Pracht der Gewänder ab, die weit über den Sessel sich bauschten und bis über die erste Stufe fielen. Ihre oben gerundete Tiara, die das Haar völlig verbarg, trug in der Mitte einen Blütenkelch aus sieben riesigen Edelsteinen aller Farben. Perlen von Haselnußgröße liefen dreimal um den Stirnteil der Tiara und hingen in leise klirrenden Traubenbüscheln bis auf die Schultern herab. Den nur auf der rechten Seite geöffneten Mantel hielt eine Spange, die ein eigroßer, flacher Rubin schmückte.

»Nein,« dachte Hekebolos geblendet. »Es war nur die Stimme, die Ähnlichkeit hatte!« und er verlachte sich selbst. »Es ist schlechte Ware, Gottähnliche!« murmelte er »und dein Knecht weiß, daß sie deiner nicht würdig ist.«

Plötzlich hob die Thronende den Kopf und wandte ihr Antlitz Hekebolos zu, während sie den Purpur aus den ringsteifen Händen gleiten ließ.

»Dies ist, was ich gewollt hatte!« sagte Theodora nachlässig, mit einem vollen, kalten Blick über das verzerrte Antlitz hin.

»Unser Schatzmeister soll dir dreißigtausend Goldstücke auszahlen, Händler!«

32

»Antonina, Gemahlin des Feldherrn Belisar!« meldete der Ansager. Theodora erhob sich vor allen Augen, glitt weit und rauschend der Eintretenden entgegen, die zärtlich umfangen war, ehe die Überraschte ins Knie zu sinken vermochte.

»Wir freuen uns, dir endlich zu deiner Vermählung Glück wünschen zu können, liebste Freundin!« sagte die Kaiserin mit ihrer allen vernehmbaren Stimme.

»Die Reise ward beschleunigt so sehr es ging, um uns deiner Allmächtigkeit zu Füßen zu legen, aber die Straßen sind vom Regen aufgeweicht!« stammelte Antonina. Die Kaiserin legte den Arm um ihre Hüfte und führte sie in ein kleines Nebengemach. Dort ließ sich Theodora auf eine Thronbank nieder und zog die Gattin Belisars neben sich.

Während des ganzen Gespräches verharrten die Frauen des Hofes regungslos, da ihnen keine Erlaubnis geworden war, sich zu setzen. Einen schnellen, schrägen Blick in den Saal zurückwerfend, raunte die Kaiserin, unmerklich lächelnd: »Wie sie zornig sind! O, wie sie zornig sind!« In Antoninas schönen Augen standen Tränen. Sie beugte sich zur Lehne herab, auf der Theodoras Hand ruhte und küßte sie mit ihren vollen, nelkenroten Lippen. »O Gottgesegnete! – Wenn uns einer dies vor sieben Monden in Agathons Haus gesagt hätte!«

»Dann würde ich es ihm geglaubt haben!« antwortete Theodora.

Sie spähte nochmals unter gesenkten Lidern nach der Tür und fuhr lauteren Tones fort.

»Mein Herr und Gemahl Justinian« – die Gattin Belisars legte die Linke auf die Brust und neigte das Haupt – »hat gestern einen Tribun verurteilt, der öffentlich von seiner Kaiserin sprach, ohne die zukommenden Titel zu gebrauchen. Aber für dich, Antonina, bin ich immer die Gleiche: deine Freundin Theodora ...« Sie entzog sanft ihre Hand Antoninens Küssen und bot ihr mit einer ihrer schönen Bewegungen die Wange dar. Antonina, die so leicht gerührt war wie ein Kind, weinte an ihrer Schulter. Und Theodora hob ihr Kinn empor und sagte lächelnd: »Du bist noch schöner geworden, Liebe, in eurem Persien! Wie die Pfirsichfarbe dir die braune Samthaut hebt! Der Weise hat recht, der sagte, es gäbe nur drei Frauen, die von Samt, die von Seide und die von Nesselhadern. Sage, hat Justinian Belisar schon gesehen?«

»Zu dieser Stunde empfängt ihn der Allgnädige ...! O Theodora, ich weiß, er verdankt den Feldherrnstab vor allem deiner Güte ...«

»Beiisars Verdienst erwirkt ihm Würden, nicht fremde Gnade«, sagte Theodora mit jener Stimme, die halblaut war und doch einem ganzen Zirkus vernehmlich. Und dann, ganz leise: »Ist Theodosius mitgekommen?«

Antoninas Gesicht ward überflutet von jähem Rot: »Ja, Gottgesegnete.« Theodora lächelte.

»Ich denke gerade darüber nach, daß ich eines verläßlichen Anführers meiner Leibwache bedarf, wenn ich auf mein Landhaus ziehe. Ich will mir Theodosius von Belisar für die wenigen Wochen ausbitten ...«

Ein paar Augenblicke beobachtete Theodora die Wolken auf Antoninas Stirne. Dann fügte sie nachlässig bei: »Wird er mir zürnen, wenn ich ihn der Frau und des Freundes zugleich beraube, während er beim Kaiser weilen muß?«

Sie lächelte nachsichtig, da Glück und Überraschung sich auf Antoninas Gesicht malten.

Die jüngste Hofdame, sehr zart und mädchenhaft, verneigte sich, daß ihr Kleid im weiten Umkreis den Teppich deckte. »Deine Allmächtigkeit hat befohlen, von dem Senatsbesuch des erhabenen Kaisers unterrichtet zu werden.«

»Es ist gut,« nickte Theodora und das silberne Wölkchen entglitt.

»Welch süßes Gesicht!« sagte Antonina.

»Das ist Praxedis, die Braut des Prokopius und sein Geisel.«

»Wie das – Geisel?!«

»Es ist sonst nicht üblich, Mädchen ins Gefolge aufzunehmen. Aber er haßt mich zu sehr!«

»O Theodora, wie du das alles hinnimmst ... als wärest du im Purpur geboren! Wenn du wüßtest, wie ich dich bewundere, wie ich dir danke!«

»Du tust, als hätte ich mich einzig entschlossen, Kaiserin zu werden, um dich mit deinem Belisar zu vereinen! – Sage mir einmal, Antonina, und wenn ich mich an eurer Dankbarkeit bezahlt machen wollte? Ach wie töricht du aussehen kannst. – Ich meine, wenn es dazu käme, für oder gegen mich zu stehen? – Könnte ich auf Belisar zählen?«

Ohne sich zu besinnen, sagte Antonina: »Bis zum letzten Schwertstreich.« Theodora nickte. »Das ist gut, denn es könnte bis dahin kommen.« Ihr Mund ward hart. Sie strich gedankenlos über Antoninas Haar.

Antoninas Augen füllten sich von neuem mit Tränen. »Wie könnten wir dir's vergessen, daß du auf dem Gipfel deines Glücks daran dachtest, uns von der Aufhebung des Gesetzes Nachricht zu geben!«

»Hoffentlich war es der Gipfel noch nicht!« sagte Theodora schnell und zog ein Kreuz.

Sie schwieg eine Weile und besah ihre Hände. Dann sagte sie: »Du kennst alle Unterfeldherren Justinians?«

»Ja, fast alle!«

»Hör mich an. Du wirst Kallystus insgeheim verraten, ich hätte mich bei Justinian eingesetzt, um auch ihm den Feldherrnrang zu sichern.«

»Ist dies wahr? Diesem Tölpel? Theodora!«

»Kind, ich verlange von dir ja nicht, daß du es glaubst, ich verlange nur, daß du es ihm mitteilst! Dann wirst du dem jungen Mundus sagen, ich kennte keinen besseren Reiter im Heer als ihn!«

»Ist dies alles?« lachte Antonina.

»Für ihn ist es alles! Dann wirst du von Soldaten, die mit meinem Gold zu bestechen dir leicht fallen wird – denn du weißt, Justinian denkt nie daran, den Sold zu zahlen und denkt er daran, so erhalten sie ihn ja doch nicht – also du wirst erfragen, was das Heer von Hypathios und Pompejus, den Neffen des Kaisers Anastasius, hält!«

»Das kann ich dir sogleich verraten!« lachte Antonina. »Pompejus nennen sie den ›Regenbogen‹ wegen seiner Kleidung und lachen hinter ihm drein, wenn er durchs Lager geht!«

»›Regenbogen‹ ist gut. ›Regenbogen‹ ist sehr gut!« lächelte Theodora.

»Obgleich er gar kein so übler Junge ist –!« schloß Antonina und zwischen weißen, breiten Zähnen blinkte lüstern die vorgeschobene Zunge.

»Und Hypathios?«

»Hypathios nennen sie nur den ›Anwärter‹!«

»Den Anwärter? Wohl des Thrones?« fragte Theodora rasch.

Antonina ward verlegen. »Ach, ich weiß nicht, – sie nennen ihn eben so.«

Plötzlich geduckten Kopfes, die Hände um die hin und her gewiegten Knie geschlungen, fragte Theodora: »Wie nennen sie Justinian?«

»Da sagen sie nur ›Er‹ – oder – – « Antonina lachte verwirrt.

»Nun?«

»Aber du bist sicherlich nicht böse?«

»Nun?«

»Und du sagst es ihm auch nicht? Sicher nicht?«

»Nein. Nun?«

»Manche nennen ihn den Dämon.«

»Sonderbar!« sagte Theodora, nachdenklich, erstaunten Blicks. »Mir ward einst in einer fremden Stadt verheißen, ich würde Beherrscherin des Volkes der Dämonen! – Und mich? Wie nennen sie mich?« brach sie ab.

Antonina schlug unsicher die schönen Augen auf. »Von dir sprechen sie nur in den Ausdrücken von Justinians Edikt: ›Unsere gottgesandte, unantastbare Kaiserin‹ und sie schlagen einander auf die Schulter und lachen.«

Theodora öffnete atemholend ein wenig die Lippen über geschlossenen Zähnen. »Ich glaube, diese Heiterkeit dürfte ihnen selbst bald unangebracht scheinen!« sagte sie vollkommen ruhig. Eine Pause entstand. – Die Haushofmeisterin Eudoxia verneigte sich in der Tür. »Es wäre an der Zeit, wenn die Basilissa geruhen wollte, sich zum Empfang der avarischen Gesandten zu schmücken!« – »Ich komme!« nickte Theodora. Sie stand auf, womit sie Antonina sogleich sich erheben machte. Als die Kaiserin in den Saal zurück trat, löste sich die Starrheit der Gruppen in tiefen Verneigungen. »Ich freue mich deiner Gegenwart und erhoffe uns beiden erquicklichen Aufenthalt im Grünen. Ich habe ein Landhaus des Kaufherrn Hekebolos gekauft. Der Garten ist einzig schön, nun, da die Rosenblüte beginnt! – Ja, ich komme schon, Chrysomallo! Wir entbieten deinem Gemahl unsern Gruß und unsere kaiserliche Gnade, und entlassen dich für heute, Antonina!«

33

Zwischen Pol und Gegenpol des öffentlichen Lebens von Byzanz, zwischen der Kirche Sancta Sofia und dem Zirkus Konstantinus, lag der »heilige Palast« – eine Stadt er selbst, von sanftem Hügelbogen erhöht und mit dessen Senkung mählich hinabsteigend zum sonnigen Meer. Er umschloß Thermen und Klöster, Hippodrome und Kasernen, Wohnungen des Gefolges und Marställe, Schatzhäuser und Kirchen, alle voneinander getrennt und miteinander verbunden durch statuenbelebte Säulengänge, bedeckte Höfe, Treppen und gekrönt von Dachterrassen, die berauschenden Ausblick bis zur blaudämmernden asiatischen Küste hin boten. Diese fürstliche Siedelung von zehntausend Bewohnern umschloß ein uralter Zitronenhain, über dessen Wipfeln nur die vergoldeten Kuppeln und Kirchenkreuze ragten.

Und nur vom Meere her vernahmen nächtliche Fischer manchmal verwehtes Gelächter oder Chorgesang der Mönche.

Der weite Platz des Augusteions war von unabsehbar flutender Menschenmenge erfüllt, so daß die Läufer den Sänften der Würdenträger kaum den Zugang zum »heiligen Palaste« erzwingen konnten. Ab und zu sank die Menge ins Knie, wenn von neuem eine Prozession, breit aus einer der vielen Kirchen von Byzanz wallend, mit Brokatglanz und Glockengeklingel, mit Monstranzenschimmer und Weihrauchqualm, vor dem riesigen, bronzeflügligen Palasttor stillhielt, um nach des Bischofs lautem Gebet unter Gesang wieder in die Kirche zurückzukehren.

Auf den beiden Seiten der zum Tor hinansteigenden Porphyrtreppen standen, ein lebendes Geländer, die Wachen, goldgepanzert, behelmt und beschildet. Unter dem Torbogen empfingen, auf dem Treppenabsatz gereiht, vierundzwanzig junge Kämmerer in Hofornat, darunter Ventidius, die Besucher und geleiteten sie, mit den eifersüchtig erwarteten Zeremonien ihres Ranges, durch die Weite des Vestibulums hin.

Inmitten der in dämmriger Höhe goldig überkuppelten Rotunde, zu deren vielfarbig schillernden Wänden Phrygien, Lakonien, Ägypten und der karische Berg Jassys ihren Marmor dargebracht hatten, saß Prokop.

Sein und seiner zwei Schreiber winzige Tischchen standen wie verloren auf der glitzernden Mosaikfläche des Estrichs der Halle, die weit wie ein Schlachtfeld war und kalt wie eine Gruft.

Der Besucher verneigte sich tief mit unter der Stola auf der Brust gekreuzten Händen und flüsterte seinen Namen und seinen Rang zugleich mit der untertänigen Frage nach dem Befinden des Basileus.

Und während der Würdenträger darauf acht hatte, ob sein Name auch richtig in den ellenlangen Listen verzeichnet werde, empfing er Prokops immergleiche Antwort von der Hoffnung auf Gottes Allmacht. Worauf der Besucher sich bekreuzigend nach nochmaliger Verneigung hinwegschritt, vom fettbepolsterten Majordomus geleitet, dem nächsten Patrizier Platz zu machen.

Man wußte, daß die Kaiserin allabends die Listen las.

Hinter der Rotunde lag der Saal der Wache und durch das vergoldete Lanzengitter sah man Clotar mit den auserwählten Leibtruppen, riesenhaften Herulern und Dakiern, den Zugang zu des Kaisers Gemächern hüten.

Hinter Gängen und Galerien, hinter Reihen von Sälen lag das Krankenzimmer Justinians. Der viereckige Raum war fensterlos und nach Bauart ägyptischer Heiligtümer der Kern vieler eingeschachtelt umlaufender Räume.

Eine einzige Leuchte auf hohem Gestell erhellte das schwere Dämmern.

In der Mitte des Gemaches stand das Bett, dessen blaue Vorhänge an drei Seiten zurückgezogen waren. Zu Füßen kauerte auf einem niedern Schemel Theodora und ihr Schatten zeichnete sich groß und geduckt an die Wand. Sie hielt die Fingerspitzen der aufgestützen Linken zwischen den Lippen und blickte, reglos vorgeneigt, in das fiebernde Gesicht. Es sah unheimlich fremd aus, blutleer, abgemagert, ohne das Belebende der feindlich-klugen Augen frühalt, mit dem langen, spitzen Kinn und dem offenen, stöhnenden Mund.

Theodora hatte Justinian so wenig wie seine Höflinge jemals schlafen sehen. In den ersten Wochen seines Genusses, der fast Raserei war, hatte Justinian nicht eine der bei ihr verbrachten Stunden dem Schlaf geopfert.

Später einmal, vom jähen Schlummerbedürfnis der Übermüdung erfaßt, hatte er sich von ihr beobachtet gefühlt und war sogleich aufgestanden, um in seine Gemächer zurückzukehren. »Ich hasse Schlaf und Schlafende« hatte er gesagt. Der Molosser, der an der Schwelle lag, knurrte leise. Theodora wandte dem eintretenden Arzt langsam das Antlitz zu.

Nähertretend verbeugte sich der Alte. Theodora fand, daß die Proskynese vor ihr in diesen Tagen immer nachlässiger ausgeübt werde. Er behorchte des Kaisers rasselnden Atem.

Theodoras Augen fragten.

Die Purpurdecke langsam zurechtlegend, sagte Jefraim flüsternd: »Die Basilissa sollte sich ein wenig in dem Garten ergehen! – Es ist nicht gut für ein junges Herz, die leiden zu sehen, an denen es hängt. Ich wüßte eine Frau, die hier bleiben könnte, wenn die Basilissa der Ruhe pflegt.«

»Nein!« sagte Theodora.

»Oder, wenn die Basilissa sich vielleicht daran stößt, daß es eine Jüdin ist: die Schwestern vom Kloster der Samariterinnen pflegen Kranke ...«

»Ich bleibe hier!« sagte Theodora. »Und lasse es dir gesagt sein, Jude. Beim großen Gott, ich lasse dir die Haut lebendig vom Gerippe ziehen, wenn der Kaiser stirbt!«

Der Jude sah sie mit einem langen Blick an.

»Wenn heut Nacht noch Schweiß eintritt, wird der Kaiser leben!« sagte er.

Und er glitt rückwärts schreitend auf seinen gelben Schuhen hinaus.

Theodora saß lange und fühlte noch immer des Juden sprechenden Blick auf sich geheftet. Und dieser Blick, zwischen Hohn und Mitleid, hatte gesagt: »Wenn er stirbt, wirst du wohl nie mehr die Macht haben, irgendeinem Menschen auf der Welt Übles zu tun.«

Theodoras Hände ballten sich zu Fäusten.

Sie forschte von neuem in diesem Gesicht und erschrak, wie ertappt, da jemand ins Zimmer glitt.

Burbo kam in seinem braunen, regennassen Mantel bis ans Bett, mit großen Augen, voller Angst.

»Gelobt sei Jesus!« atmete er auf. »Du sahst ihn so an, daß ich dachte, er sei schon ...«

Theodora winkte ihm ab und zog ihn in das Nebengemach, dessen Tür sie offen ließ. – Der Molosser stand, die erhobenen Pfoten auf den Bettrand gestützt, und winselte leise. »Also?« fragte Theodora hart, als sie sich müde in einen Sessel sinken ließ.

Er sah sie an und seine Augen waren wie die des Hundes da drinnen.

»Du bist so blaß!« sagte er leise. »Du hast vier Tage und Nächte nicht geschlafen!«

»Bist du durch ganz Byzanz getrabt, um mich mit dieser Neuigkeit zu überraschen?«

Burbo senkte langsam den Kopf.

»Ja ... also ..., man glaubt daran, daß er noch vor morgen sterben wird.«

»Wer ... glaubt?«

»Das Volk, die Vornehmen, die Priester – alle!«

»Der Nachfolger wurde genannt?«

Burbo beeilte sich zu antworten. Den Tonfall kannte er. »Ja. Alle nennen ihn.«

»Hypathios, der Neffe des Kaisers Anastasius?«

Burbo würgte. »Hypathios. Ja.«

Theodora stand auf. Sie hielt sich so gerade, daß sie in ihren schwarzen Gewändern viel größer schien, als sie war.

»Die Grünen jubeln also? Handwerker, Bürger? Ackerbauer ...?«

»Sie versprechen sich, daß unter der Herrschaft eines ihrer Farbe zugetanen Kaisers der Unfug der ›Blauröcke‹, die nächtlichen Überfälle, all dies Rauben und Morden aufhören würde. Sie sagen, Hypathios habe nie, gleich anderen Patriziern, dergleichen verübt!«

»Justinian auch nicht!« lächelte Theodora schnell ein grimmiges Lächeln. »Hypathios nimmt es dem Bürger in Form von Abgaben, statt mit dem Dolch an Straßenecken, wie die anderen.«

Burbo zuckte die Achseln. »Daran denken sie doch nicht.« »Nein. Sie denken immer nur wie das Zugtier, geradeaus, zwischen Scheuklappen. Sprachen sie von den Steuern?« – »Ja. Sie murrten, die Stadt sei für sie schön genug und sie bedürften keiner Prachtgebäude, wenn sie kein Brot und Wasser hätten.«

»So. – Und die Soldaten?«

»Sie vergöttern Hypathios, der sie oft angeführt hat.«

»Das hat ›er‹ nie getan«, nickte Theodora.

»Und dann haben sie seit vier Monaten keinen Sold gesehen. Mehr noch, Justinian hat den alten Legionären das gewohnte Geschenk von fünf Goldstücken verweigert, mit dem sie sonst nach jedesmaliger Frist von fünf Dienstjahren beteilt worden sind. Sie sagen, er sei zugleich geiziger als Vespasian und verschwenderischer als Heliogabalus ...«

Nach einer Pause fragte die Basilissa.

»Und was spricht das Volk darüber, daß ich seit neun Tagen sein Bett nicht verlassen habe?«

»Sie meinen: du habest wohl gute Gründe, dich nirgends sonst sicher zu fühlen.«

Theodora biß sich auf die Lippen und mit einem schrägen Blick nach der Tür sagte sie heftig: »Er hat nicht zu sterben!«

Sie ging einigemal auf und nieder, fast wie sonst Justinian. Plötzlich, eine Gedankenreihe abschließend, sagte sie: »Rufe Ventidius!«

Burbo ging.

Theodora schritt durch zwei, drei, verdunkelte Gemächer, bis sie in das Ankleidezimmer des Kaisers kam. Sie blieb vor dem von einem bronzenen Atlas getragenen Silberspiegel stehen. Sich scharf betrachtend, hob sie jäh die Hände und fuhr verwirrend in ihr in einen Lockenkranz gezwungenes Haar.

Dann löste sie die oberste Hafte des Kleides, daß ein schmaler Streif der Haut sichtbar ward und das bleiche Gesicht so nah an die Spiegelscheibe haltend, daß sie vom Hauch beschlagen ward, veränderte sie den Ausdruck der Entschlossenheit in jenen sanfter Trauer. Sie senkte zwei Finger in den Weihwasserkessel, der an der Tür, die sie rückkehrend durchschritt, wie an jeder anderen in Justinians Gemächern, hing, und nachdem sie rasch das Kreuz gezogen hatte, befeuchtete sie Augenwimpern und Wangen.

»Cajus Ventidius Rufus, der Kämmerer!« meldete Burbo halblaut. Der Römer sah durch zwei offene Türen hin eine Kniende am Bett des Kranken sich aufrichten und ein blasses, schmal gewordenes Antlitz blickte groß aus feuchten Augen. Langsam kam Theodora heran und als Ventidius zu Boden sank, zog sie den Kleidsaum zurück und bot ihm ihren Fuß zum Kuß.

Ventidius Lippen berührten ihn, mit der Erinnerung an andere Küsse.

»Ich habe dich entbieten lassen, weil mich verlangte, einen Freund zu sprechen ...«, sagte die Basilissa langsam.

»Du hast keinen ergebeneren Diener!« murmelte Ventidius.

»O, ich habe der Freunde so wenig, wie der Diener viele!« sagte die Kaiserin, und berauscht sah Ventidius des zurückgeneigten Halses elfenbeinernes Fleisch.

»Fordere, gebiete!« sagte er.

»O Ventidius, ich habe seit jeher deine Redlichkeit geschätzt!« sagte die Kaiserin und mit einem einzigen Blick ließ sie Vergangenes wieder auferstehen.

Er hob, noch immer kniend, die Hände zu ihr auf, aber sie winkte ihm sogleich, sich zu erheben. Und wie von einer Kühnheit verletzt, die er trachten müsse gut zu machen, sagte sie veränderten Tones: »Kennst du den Aufenthalt der edlen Brüder Hypathios und Pompejus?«

Verwirrt und reuig, antwortete Ventidius: »Dies ist kein Geheimnis, Basilissa. – Die beiden wohnen alltäglich den öffentlichen Bittprozessionen für des erlauchten Kaisers Genesung bei.«

Theodora unterbrach ihn mit rascher Handbewegung. Sie lauschte. Drinnen bog sich der Arzt Jefraim über den Ächzenden.

Von der Tür zurückkehrend, sagte sie hart und hochmütig: »Wir würden es zu werten wissen, wenn ein Mann den Mut besäße, die Wahrheit zu sprechen, statt uns mit Höflingslügen zu bewirten ...« Und als zersprenge der Schmerz die Maske starrer Beherrschung, fragte sie mit bebender Stimme: »Ist es wahr, daß sie schon Hypathios als Nachfolger meines Gatten nennen?« – Sie wehrte ihn ab und forderte: »Antworte, ich will die Wahrheit wissen.«

»Der Kaiser ist sehr krank!« sagte er zögernd. »Die grüne Partei liebt Hypathios. und es wäre zu fürchten ...«

»Wenn aber Belisar seine Truppen herbeizöge?« fragte Theodora rasch. Er schüttelte den Kopf. »Das Vandalenreich ist weit! Und auch die Truppen sind nicht immer verläßlich ...« er stockte.

»Weil sie den Sold nicht ausbezahlt bekommen und Johannes von Kappadokien Kleie in ihr Mehl mischt! Ich weiß ...«

Theodora wandte sich und schritt zum Fenster.

»Zürnt meine Kaiserin?« murmelte Ventidius.

Theodora sank abgewandt ins Knie.

Ventidius sah draußen im sinkenden Dämmern den Patriarchen Vigilius den Leib Christi gegen den Palast heben, hoch über die tausendköpfige Menge hin.

»Aus diesem Fenster schwenkt man das schwarze Tuch, wenn ein Kaiser stirbt?« fragte Theodora sich erhebend.

»Nein, Erlauchte, der Sitte nach ist es das dritte Fenster des roten Saales!«

Theodora lächelte plötzlich. »Ich zürne dir nicht, mein Freund!« gab sie erst jetzt zur Antwort. »Ich danke dir, und bitte dich, mir deine Treue zu bewahren!« – Ventidius stürzte ins Knie.

»Hör mich an, Basilissa, ich ertrage dies Schweigen nicht länger. Sämtliche Söhne edler Geschlechter haben gestern unter Hypathios Vorsitz eine geheime Versammlung abgehalten und für den Fall von Justinians Ableben deinen Tod aufs Schwert beschworen. Es gab nur drei, die den Schwur verweigerten.

Kallystus, der Unterfeldherr, Mundus, Anführer der Reiterei, und dein Knecht Ventidius.«

»Und wie viele Männer leisteten den Schwur?« fragte Theodora, auf die Tischplatte gestützt, hochgereckt und blaß.

»Neunundzwanzig.«

»War Prokopius darunter?«

»Basilissa!!« zögerte der Römer.

»Also ja. Hm. Und auch Narses?«

»Ja.«

»Das ist böse!« sagte Theodora und verließ den Tisch.

Ventidius rutschte ihr auf den Knien nach.

»Mein Herzblut für dich!« murmelte er.

Theodora sagte: »Der Kaiser wird nicht sterben, Ventidius.«

Es klang wie ein Befehl. Sie sah über das Zimmer hin, als sei es erfüllt von Feinden. »Er wird gesunden! Und dann ...!« sie ballte die Faust, aber jählings kam ihr Lächeln wieder und floß über von Verheißungen ... »dann, Ventidius!« Sie rührte an sein Haar und war entglitten, ehe er sich gefaßt hatte.

34

Es war spät in der Nacht und der Arzt wich seit Stunden nicht vom Bette des Kaisers.

Wie früher der Molosser, so kauerte nun Burbo zu Theodoras Füßen, die in ihren Mantel gehüllt, frierend, schlummerlos und reglos verharrte. Plötzlich ging ein Schauder durch ihre Glieder. – »Entsinnst du dich des Negers, der Fulvias Zutreiber war?« fragte sie sehr leise. »In der Hafengasse? Der starb genau so, genau so!«

»Was soll aus uns werden?« jammerte Burbo, das Antlitz an ihr Knie gepreßt. Theodora zuckte die Schultern. »Was kann aus einer lebenden Kaiserin werden? Eine tote Kaiserin höchstenfalls.«

Das Röcheln und Gurgeln ward lauter und der Kranke begann den steifgehaltenen Arm bald auf den Kopfpolster, bald auf die Decke zu werfen – unaufhörlich hinauf und hinunter.

»Wie lange kann er noch leben?« fragte Theodora, wie hingezogen zum Bett tretend.

Der Arzt sah sie nicht an. »Zugleich mit dem Kranken erst stirbt die Hoffnung!« murmelte er.

Der Molosser richtete sich knurrend auf und der Türvorhang ward zurückgeschlagen.

Es gab keine Wache im heiligen Palast, die der Mutter Anastasia den Eintritt zu verwehren gewagt hätte.

Sie schleppte sich an ihrem Stabe heran, mit müden Füßen.

Theodora sah, wie alt dies Gesicht geworden war, seit sie es vor der weizenbestreuten Schwelle ihres Hauses zum erstenmal erblickt hatte.

Ohne rechts und links zu sehen, schob sich die Äbtissin bis zum Krankenbette hin, immer den Rosenkranz durch die Finger gleiten lassend und die eingeschluckten Lippen bewegend, als bete sie. Sie hörte Justinians Ächzen und sah Theodora an, lange und schmerzlich mit dem Kopfe nickend.

Dann kehrte sie ihre von vielen Nachtwachen geröteten Augen gen Himmel und ihr erstes Wort war – »Vergib uns unsere Schuld! Vergib uns unsere Schuld ...«

Keiner wagte einen Atemzug.

Plötzlich begann die Heilige von neuem zu reden, diesmal klar und getragen. »Es ist beschlossen im Herrn, daß Justinian nicht stirbt, so Einer Kraft und Willen hat und kämpft mit den Dämonen, im Angesicht des Herrn, der am Kreuze verblich. Aber der solches tut, muß nackt sein über des Sterbenden Nacktheit und muß neununddreißig Gebete sprechen, ohne ein Glied zu rühren und muß ihm vom eigenen Mund den Trank des Lebens zu trinken geben.«

»Ich habe die Kraft und den Willen!« sagte Theodora.

»Der Dämonen Schar ist groß und es mag sein, daß sie das andere Leben fordern, an des Kaisers statt. Es ist Qual zu überstehen und Furcht und Grauen.«

»Ich will es tun«, wiederholte Theodora, leise schaudernd. Die Äbtissin nickte. Sie schien nun nicht mehr alt, nicht mehr gebrechlich.

»Im Namen der großen Wissenschaft muß ich mich verwahren –«, begann der Arzt.

»Dagegen, daß ein anderer ihn heilt als du? Geh, Jude!« befahl Theodora.

Ein Kreuz ward zu Häupten des Lagers aufgerichtet und der Betthimmel entfernt. Da alle gegangen waren, begann sich Theodora zu entkleiden, während die Äbtissin von einem zum andern der im Kreise um das Lager gestellten Kohlenbecken glitt, und unter halblautem Gesang ein Pulver in die Flamme streute. Der Kaiserin Antlitz war maskenstarr und weiß, da sie das letzte Gewand von sich warf. Die Heilige gebot, auch das Haar zu lösen. Sie übergoß Theodora mit geweihtem Wasser und mit dem Öl, das heilig ist, seit Magdalena damit des Erlösers Füße salbte. »Vergib uns unsere Schuld!« murmelte Mutter Anastasia zwischen Gebeten und mit brüchiger Stimme angestimmten Gesängen. »Vergib uns unsere Schuld.«

Theodoras Hand- und Fußgelenke wurden mit Kirchenbändern umwunden, in die die fünf heiligen Buchstaben gewirkt waren. Dann legte sie sich, wie in Nächten der Lust, nackt auf Justinians Nacktheit. Ihr war, als verbrenne sie an seiner Fieberglut.

Der Weihrauch begann zu qualmen und stieg in sich kräuselnden Wolken rings um sie auf, atemraubend, mit einem schweren, widrig übersüß werdenden Geruch.

Sie lag und preßte ihre Handfläche gegen seine Handfläche, ihre Knie gegen seine Knie, ihre Brust gegen seine keuchende, rasselnde Brust und ein kreisender roter Schwindel, eine würgende Angst kamen über sie.

Sie hörte furchtbare Gebete über sich hinbrausen wie eintönigen Wasserfall, streitende, ringende, herrische Sprüche, Sprüche voller Fluch gegen Dämonen, deren kaltes Heranschleichen sie im Rücken fühlte. Eine eisige Hand ergriff sie im Nacken und sie schrie, sinnlos vor Entsetzen, auf – und es währte lange ehe sie begriff und an allen Gliedern zitternd, vom Nebel tödlich duftenden Weihrauchs umringt, von Flammen umlodert, von Dämonen umheult, die neununddreißig Gebete nachstammelte, und nach jedem Gebet mit einem Gefühl, als gäbe sie ihr eigenes Herzblut hin, Schluck um Schluck des kochend heißen, schwarzen Lebenstrankes ihm von den eigenen Lippen zu trinken gab. Theodora fühlte ihr Herz im Halse schlagen, Schweiß brach aus allen Poren und verkittete ihren Körper mit dem unter ihr, es dröhnte in ihren Schläfen, nach Atem ringend, sah sie das schmerzverzerrte Antlitz des Erlösers wie aus Nebeln tauchend über sich – und sie schrie gellend zu ihm auf, weil das Entsetzen der Hölle über ihr war ...

»Theodora!« hauchte eine sehr müde Stimme an ihrer Wange. Justinians Augen sahen sie klar an, mit einem Blick unendlicher Liebe. Dann fielen die Lider zu ...

»Tot!« dachte Theodora.

»Decken! Um Gottes Barmherzigkeit! alles was an warmen Decken zur Hand ist! Schnell! Schnell!« schrie Jefraim. »Gott, der Gerechte, tragt doch die Kaiserin fort! Der Allergnädigste Herr geruht, den Schlaf der Gesundheit zu schlafen!«

Burbo riß den leblos nackten Körper an sich und bettete ihn, während eine Last von Pelzen und Samtgeweben auf den Kranken gehäuft ward.

Mutter Anastasia sah zu dem Erlöser auf, dessen Antlitz so fahl war wie das schweißbeperlte des Geretteten.

»Vergib mir meine Schuld!« murmelte mit zitternden Lippen die Heilige.

»Vergib mir meine Schuld!«

35

Prokopius hatte im Beisein des allgnädigsten Kaiserpaares Praxedis zum Altare geführt.

Theodora selbst vertrat die Stelle der Brautmutter und küßte das süße, blasse Gesicht unter dem Myrtengewinde vor aller Augen. Die Basilissa ließ es sich auch nicht nehmen, die Braut in des Ehemanns Haus zu geleiten, denn Justinian, der kaum genesen, doch Prokop durch seine Anwesenheit ehrte, hatte gescherzt: »Leider mußt du jetzt noch dem Kaiser geben, was des Kaisers ist, ehe du deinem Weibe geben kannst, was des Weibes ist! Die Geschäfte haben sich während unserer Krankheit zu sehr gehäuft!«

Justinians Blick suchte Theodora, wie immer, wenn er des Wunders seiner Errettung gedachte.

Prokop verneigte sich stumm und sah sein Glück, seine Lust, seine ganze Liebe, Praxedis, geleitet von der, die er haßte, verschwinden, ohne sie selbst über die Schwelle seines Hauses heben zu dürfen.

Hinter Briefschaften, Gesetzesrollen und Edikten knirschend, immer bereit, die Feder fortzuwerfen und zu ihr zu stürmen, mußte er jenes Tages gedenken, da Justinian, als er das Weib seiner Begier noch nicht geküßt hatte, seiner Arbeit genau so beherrscht oblag, wie er nun es von ihm forderte.

Und Prokop beugte sich stumm über seine Papyros und schrieb.

Gegen die zehnte Nachtstunde hielt Justinian plötzlich inne, und die schmale Hand über den Schreibtisch zum Kusse hinüberreichend, lächelte er: »Allzulange dürfen wir die kleine Neugierige doch nicht warten lassen.«

Prokop stand mit sehr rotem Antlitz auf und während er noch die Antwort erwog: es sei denn doch ein Unterschied, ob eine Dirne vom Zirkus oder eine kleine, kaum erblühte Unschuld im Thalamos warte, legte Justinian schweigend einen fürstlichen Brautschmuck von Türkisen und Perlen vor ihn, über den Stoß von erledigten Briefrollen.

36

Es schien Prokopius, als seien die Neger noch nie so langsam getrabt, und als sollten sie niemals die Villenvorstadt erreichen. Er sah immer nur dies kleine, rosig-weiße Gesicht vor sich und die zarten, abwärtsfallenden Schultern unter der Last reicher und züchtiger Gewänder.

Diese lichte Seele, diese angebetete Unschuld in der Kaiserin Nähe wissen zu müssen, war sein Schmerz gewesen.

Er hob die Hände im Dunkel der Sänfte, als wolle er ihre Mädchenwangen umschließen und unbändiges Glück durchflutete sein Herz. Jetzt kam die Zeit, die ihn für eine verwaiste Kindheit, für die freudlose, ehrgeizige Jugend eines verarmten Patriziers entschädigen würde, für Entbehrungen des Feldlagers, ertragen im harten Dienste Belisars, für hündisch wedelnde Demütigungen und Tortur, die mit seiner Berufung an des jungen Kaisers Hof begonnen hatten, für einen wilden, giftigen, verheimlichten und darum selbstentwürdigenden Haß ... Praxedis! O Praxedis! Du Taube, du undurchbohrte Perle, du alles, was rein ist ...! Prokopius sprang aus der Sänfte, noch ehe die Träger sie niedergesetzt hatten.

Er wäre auf der Schwelle fast gefallen, die nach Hochzeitsbrauch mit den Fruchtbarkeit bringenden Getreidekörnern bestreut war. Das Vestibulum war hell erleuchtet und alle Säulen bekränzt, wie er es befohlen hatte. Aber es war leer.

Ebenso der lange Gang, durch den er lief, nach den Sklaven rufend, ohne sich aufzuhalten ... Das Triklinium strahlend erleuchtet, der Estrich mit frischem Grün bestreut, der Tisch mit den Erbbechern geschmückt – aber kein Sklave, keine Musikanten, keine Praxedis. Er dachte: »Das kommt alles daher, weil ich auf der Schwelle ausgeglitten bin ...« aber er riß an klirrenden Ringen Vorhänge um Vorhänge zurück und spähte in alle Zimmer ...

Plötzlich fiel ihm ein: Praxedis habe die Sklaven entfernt, weil sie sich des ersten Alleinseins mit ihm vor Zeugen schäme, und er sah sie deutlich im letzten Gemach sitzen, nicht auf dem Brautbett, o nein, weit ab, auf einem Sessel, und noch in allem Staat des Tages, um ihn nicht wähnen zu machen, daß sie von dieser Nacht mehr als von Mädchennächten erwarte.

»Praxedis, Federwölkchen, Blütenblatt! – Geliebte!« stammelte er und drückte die Klinke der Tür nieder, die zum Schlafgemach führte.

Die Tür war verschlossen.

»Praxedis, Süße! Ich bin es ja! Ich, dein Gatte! – Schließe auf! Ich flehe dich an, schließe auf! Praxedis, ich knie vor deiner Tür, mach auf! Ich sehne mich nach dir, Praxedis, aber wenn du dich fürchtest, so will ich wieder gehen, bis dein Seelchen ruhiger wird! Ich will so gut zu dir sein, mein Alles! Ich will Federwölkchen so in Händen halten ...«

Und plötzlich sprang Prokop auf, sah wirren Blicks um sich, riß eine bronzene Statuette, die in der Ecke stand vom Postament und donnerte damit gegen die Tür. Das perlmutterbelegte Holz krachte, splitterte und stürzte ein. Der strahlend erleuchtete, rosenerfüllte Thalamos war leer.

Im Augenblick, da Prokop stöhnend zurücktaumelte, legte sich eine seidene Binde um seine Augen. Die Hoffnung hauchte aus ihm: »Bist du es?« und er wollte das Tuch abreißen ... Da fühlte er die Hände nach rückwärts gerissen und umschnürt. Er öffnete den Mund zum Schrei und ein Knebel ward hineingestoßen, der ihn fast erstickte.

Eine Männerstimme sagte: »Auch die Füße!« Und schon schlang sich das Seil um seine Knöchel. Er ward aufgehoben wie ein Sack und davongetragen, über die Schwelle hinaus, die mit Hochzeitsweizen bestreut war.

37

Prokopius lag wie ein Ballen am Boden einer Sänfte, deren Träger trabten und trabten.

Die Gedanken surrten wie ein Schwarm aufgescheuchter Hummeln durch seinen Kopf. »Wer ist es, der mich entführt? der mich heute von meinem Glück reißt? Justinian? – Nein! Sein Morden ist der Rückensprung des Geparden, aber nicht der Stich des Skorpions! Wer hat Anteil daran, daß mir dies geschähe? Wo ist Praxedis? War sie nicht doch in dem leuchtenden, leeren Haus, oder hat sie der gleiche Feind entführt wie mich? Liebt sie vielleicht einen anderen als mich trockenen grauen Schreiber? Oder ist dies alles nur ein schlechter Hochzeitsscherz? Was wartet meiner, eine Brautnacht oder die kalte Nacht des Todes?« Die Sänfte hielt. Er versuchte sich seitlings hinauszurollen, ward aber sogleich zurückgerissen.

Die Männerstimme von vorhin sagte: »Faß an!« und er ward gefaßt und getragen, erst lange über knirschende Kieswege, dann über Stufen, auf- und abwärts, durch viele Türen hin, die ein Voranschreitender mit klirrendem Schlüsselbund aufschloß.

Endlich hielten seine Träger und er sank in die Seide sanfter Kissen ein.

»Dem Erlöser Dank, es ist ein Brautbett und das ganze nur ein Spaß ...« dachte er aufatmend, denn er roch den Duft kostbarer Essenzen der Kissen und den Rauch von Amber. Zugleich ward das Tuch von seinen Augen entfernt. Er sah die weißen Zähne und Augäpfel eines kyklopischen Negers, der grinsend über ihn geneigt, seine Fesseln prüfte. Ein kleiner Mann, der das Mantelende mit der Linken vor das Gesicht hielt, drängte den Wehrlosen dicht zur Wand und häufte Decken um Decken über ihn.

»So«, lachte der Verhüllte hinter dem Mantel. »Du dürftest im Verlauf der Nacht mit deinem Theaterplatz, ebenso wie mit dem Schauspiel zufrieden sein! – Angenehme Ruhe, Prokopius von Cäsarea.« Der Mann kicherte, der Neger grinste. Eine Tür fiel zu und alles war still.

»Es ist also wirklich ein Hochzeitsspaß! Ich soll versteckt bleiben, bis Praxedis mich findet und erlöst! Welch wahnwitzige Torheit«, dachte Prokopius. Er versuchte mit aller Kraft die Fesseln zu sprengen. Aber er war nicht stark und hielt stöhnend inne, als der Riemen ins Fleisch schnitt. Auch jeder Versuch, sich vom Knebel zu befreien, schlug fehl. Und als er schreien wollte, ward kaum ein gurgelndes Röcheln hörbar. Ermattet ließ Prokop ab und spähte um sich.

Das Lager war im Geviert gleich, so breit wie lang, und der Gefesselte, der unter seinen Hüllen zu ersticken meinte, nahm nur einen verschwindend schmalen Teil des Pfühles ein.

Zwischen den Fransen der Purpurdecken hindurch sah Prokop in ein kostbar ausgestattetes Zimmer und über die weite Fläche des Doppellagers hin. Der Gedanke, daß er Praxedis sich entkleiden und die Kissen dicht neben ihm besteigen sehen würde, machte sein Blut sieden. »Aber wie soll ich mich ihr nur bemerkbar machen?« dachte er, »damit sie mich gleich findet?«

Plötzlich hob er den Kopf.

Ja, das waren Flöten. Sicherlich! Sie kamen näher und näher. Und jetzt unterschied er auch den Hymenäus, dessen Jubelklang kein christlicher Choral zu verdrängen vermochte.

Stimmen schwirrten, Schritte klangen, Gewänder rauschten heran. Voller tönten die Flöten.

Die Türen flogen auf. Prokops Herzschlag dröhnte.

Praxedis trat ein, im vollen Brautschmuck. Sie verharrte an der Tür, tief geneigt vor einer Eintretenden, die langsam und hergewendet, den dichten Schleier zurückschlug. Es war Theodora. Sowie Prokop das Antlitz der Kaiserin erkannt hatte, brach die Gewißheit des Unheils über ihn herein.

Nichts auf Erden konnte ihm größeres Entsetzen erregen als der geheime Zusammenhang zwischen ihr, die er haßte, und den Rätseln dieser Nacht.

Und da war Praxedis, Praxedis ...

Theodora stand inmitten des Gemaches und ließ sich von der Haushofmeisterin Eudoxia Tiara und Geschmeide abnehmen. Sie hielt, ihre Ellenbogen an den Leib schließend, die Hände mit emporgekehrten Handflächen zur Seite, und Eudoxia zog, hinter ihr stehend, Ringe um Ringe von den Fingern, um sie mit den anderen Juwelen in ein goldenes Schatzkästlein zu verschließen, das das Modell der Sofienkirche darstellte.

Die zweite im Rang der Frauen nahm Stola und Mantel. Dann setzte sich Theodora, und während ihr die unzähligen Nadeln aus den steifen Locken genommen wurden, die gleich Flötenrohren einer Syrinx um ihr Antlitz hingen, kniete Praxedis nieder, um die Purpurschuhe aufzuschnüren, deren hohe Absätze mit Rubinen ausgelegt waren.

»Heute befehlen wir niemand von unserem Gefolge ins Vorgemach!« lächelte die Kaiserin. »Da ja unsere kleine Praxedis bei uns weilt, mögen meine Frauen sich Ruhe gönnen!« Und mit anderem, herrischem Ton, wohl den Sklavinnen geltend, fragte die Basilissa:

»Ist die Schlafbank für die Gemahlin des edlen Prokop bereitet?«

»Du sagst es, Allgnädige!« murmelte eine Stimme. Theodora stand auf. Sie hatte noch keinen einzigen Blick zum Lager hergeworfen. Eudoxia streifte das wie einen Ring über der Kaiserin Haupt gehaltene Nachtkleid über ihre Schultern, während Praxedis gebückt das gelöste, entgleitende Unterkleid unter dessen Saum hervorzog.

Im nächsten Augenblick sah der Gefesselte alle Anwesenden gleichsam versinken. Die Kaiserin sprach leise und klar ihr Abendgebet. Sich erhebend bekreuzte sich Theodora dreimal vor dem Kruzifix. »Laß die Leuchten, Base Eudoxia! Praxedis wird sie verlöschen. Ihr seid entlassen!«

Die Verneigungen der Rückwärtsschreitenden wiederholten sich zu dreien Malen.

Dann klappte eine Tür.

Prokops Herz schlug. Und jetzt?

Plötzlich fühlte er ein leises Zittern des Bettgestelles, und er sah, so nahe neben sich, daß sein Arm sie hätte erreichen mögen, die Kaiserin Theodora liegen.

»Komm zu mir, du kleine Braut! Ach, wie steht sie traurig da! Komm doch zu mir.« Praxedis kam und kniete.

»Bist du dem Kaiser sehr böse, daß er just heute deines Gatten Dienste fordert? Leg die schwere Brautkrone ab, sie muß dich drücken! Warte, hier hängt noch eine welke Myrte im Haar. Nun, nun, nicht weinen! Schlafen wir schnell, damit der Morgen früher da ist, – und mit ihm dein Liebster. Ach, reich mir, bitte, doch noch das Buch vom Betpult ... Nein, nicht dieses, jenes mit dem Elfenbeindeckel ...«

»Das hier, die Sprüche Salomonis?« fragte eine verweinte Stimme.

»Ja, mein Engel. So. Gute Nacht.«

Die Kaiserin neigte sich vor und hauchte dem Mädchen einen Kuß aufs Haar.

In der Stille, die vom knisternden Rieseln abgetaner Gewänder und vom Umschlagen schwerer Pergamentblätter erfüllt war, marterte Prokops Hirn sich mit der Frage, zu welchem Teufelsende Theodora dies, sein nächtliches Festgehaltensein bei Justinian, erfunden habe ...?

»Ich bin zu müde ...« Die Kaiserin gähnte laut.

»Nimm das fort!«

Prokop sah Praxedis, als sie das schwere Buch aufnahm. Die knielangen, schweren, schwarzen Zöpfe hingen ihr, nach vorn geschlagen, über die Brust.

Das enge Unterkleid von blasser Seide zeigte in rundem Ausschnitt Hals und Schultern, und da sie sich neigte, stand es, von einer Goldborte gesteift, ein wenig ab.

Ein wütender Schmerz durchrann Prokop, als er daran dachte, daß er fast zweier ganzer Jahre Frist hindurch davon geträumt hatte, in der Hochzeitsnacht Hülle um Hülle von ihr sinken zu machen, wie die Kelchblätter von einer jungen Rose, bis er ihre zarten, leicht abfallenden Schultern küssen würde ...

»Ich danke dir! Nein, bitte, laß brennen. Gute Nacht!«

Praxedis entglitt, während Theodora sich tief und wohlig in die Kissen schmiegte. Eine lange, lange Weile war nichts zu hören, als das Knistern der Flamme. Prokop versuchte Lärm zu erregen, indem er sich hin und wieder wälzte. Im gleichen Augenblick hustete die Kaiserin. Er versuchte zu stöhnen, aber er brachte hinter Knebel und Decken nur ein tierisches Gurgeln hervor.

»Der Molosser hat sich wieder eingeschlichen! Ach laß! Er liegt ganz still unter dem Bett. Er tut nichts! Schlaf nur, Herz. Vielleicht kommen süßere Träume als du denkst!« sagte Theodora. Bei diesem Wort ward es Prokop ganz frei und leicht zu Mute. Es war klar, daß Theodora Qual und Hohn vor sein Glück gestellt hatte, wie sie es liebte. Aber wenn es ihr genug erschiene, würde sie Praxedis mit ihm auf diesem Lager vereinen. Es galt nur zu warten.

Da klang es wieder. »Du wirst doch nicht wirklich die ganze Nacht in Kleidern bleiben wollen?« Praxedis flüsterte unverständlich. »Wie sagst du? Dies enge Kleid des Nachts schadet der Gesundheit. Leg nur das Nachtgewand an. Ach Gott, wie sie sich schämt! Wir sind doch beide Frauen, Praxedis! Ja, wenn Prokop dich so sähe! Was für hübsche Arme sie hat! Schlaf nicht mit geflochtenen Zöpfen, man flicht Dämonen mit ein, geht die Sage. Komm her, ich helfe dir!« »Aber es verwirrt sich so leicht ...« sagte Praxedis zögernd.

Der Gebundene sah eine fremde Frau, eine fremde Schönheit nah vor sich, sah weiche Mädchenarme aus rückfallenden Ärmeln sich heben, sah zarte Brüste unter dünnem Stoff atmen, sah unbändige, großwellige Haarmengen sich ergießen, alles unbekannt, alles erträumt, alles, wie durch Diebstahl am eigenen Gut, entweiht. Dies Gesichtchen war nun in der Umrahmung vielen Haares und ohne die kalte Würde von Schmuck und Tracht so hinschmelzend wehrlos, daß ihn jäh eine versengende, verzehrende, verzweifelte Mannessehnsucht nach ihr ergriff.

»Schönes Haar!« lobte die Kaiserin und ihre Hände tauchten wie weiße Sturmvögel in die schwarze Flut. »Das ist, was ich am meisten bei Frauen liebe. Vielleicht weil mein eigenes Haar kurz ist! Wie gut du duftest! Für die Hochzeitsnacht gesalbt! Nicht weinen, Kleines, nicht weinen! Komm, leg deinen Kopf her, so! Du weißt, daß ich dich lieb habe, weißt du das, süße, kleine, rehäugige Praxedis? Welch schöne Schultern das Kind hat! Du hättest zum Kaiser gehen sollen, und dir Prokop für die Freuden dieser Nacht von ihm erbitten! Männer haben Verständnis für solche Dinge!«

Praxedis fuhr aus Theodoras Armen empor. »Niemals!« rief sie bestimmt und laut unter ihren Tränen.

»Pst! Still! Die da draußen müssen nicht wissen, daß wir noch plaudern! Ach, wie du frierst! Du zitterst ja vor Kälte! Geh schlafen! – Oder ..., weißt du was? Ich kann dich auf dieser schmalen Bettstatt nicht länger deine schönen Glieder verrenken sehen. Hol dir deine Decke herüber. Dies Bett wäre breit genug für uns, selbst wenn drei da lägen!«

Im gleichen Augenblick begriff Prokop und zerrte an seinen Banden, um aufzuspringen und das Weib mit dem goldenen Leuchter zu erschlagen.

Aber er war nichts als ein umschnürter Ballen ohnmächtigen Fleisches, und sein Herz bereitete sich zitternd kommender Tortur.

»So, nun liegst du doch diese Nacht nicht allein. Aber du hast dir wohl anderes geträumt. Sag, du Süße, Stumme, die nichts kann als weinen. Hast du viel geträumt von dieser Nacht?«

Prokop sah über alle Blütenbäume seines Paradieses haarige Raupen kriechen.

»Nun? Weißt du nicht, daß man antworten muß, wenn die Basilissa fragt? Fast wie im Beichtstuhl. Nun, Federwölkchen? (woher hat sie nur auch dies? Dieser Dämon!) wie hast du es dir ausgemalt?«

»Ich weiß nicht!« stammelte Praxedis.

»Hast du gedacht, daß er unhörbar kommen würde, so leise wie das Glück, und alle Hüllen von dir schmeicheln, bis er dich nackt schaut, dich, die er nur verhüllt kennt, wie eine Heilige? Hast du gedacht, daß er die schwarze Schwere deiner Locken sich übers Antlitz werfen wird, wie ein Bahrtuch, darunter zu sterben vor Sehnsucht und wieder aufzuerstehen? Hast du gedacht, daß er, so! mit den Fingerspitzen nur, die Seide von deinen Brüsten abstreifen wird, und die tief atmenden, so, mit sanften Händen einfangen wird wie weiße, scheue Tierlein und sie küssen, so! so! so! Und das schwellende Fleisch vor dem Armansatz und den Nacken über die schauernd emporgezuckte Schulter hin, und mit seinen Händen von deinem hingeschmolzenen Leib Besitz ergreifen wird und mit seinen durstigen Lippen Besitz von den deinen? Hast du dies geträumt – und dies – und dies? Du bist schön und mich verlangt nach dir, Praxedis!«

Er sah die stillen Mädchenaugen verglast vor Lust, den schmalen Mund feucht von verwerflichen Küssen, die verschlossenen Glieder des letzten Geheimnisses beraubt, das sie seinem Manntum noch zu schenken hatten.

Es gab keine Praxedis mehr.

Endlich schliefen die beiden. Er wachte. Gegen Morgen schob die Wand sich lautlos auf und zwei Arme trugen ihn hinweg.

38

Prokop ward aus der Sänfte gehoben und erkannte seinen Garten. Der Neger legte ihn mitten auf den Kiesweg nieder und Burbo, der es nun nicht mehr der Mühe wert fand, sich zu verhüllen, bückte sich über seine Fesseln.

»Ich habe dir eine Botschaft zu bestellen, – Sehrwürdiger!« lachte er höhnisch. Er begann unbetont herzuplappern, als sage er ein auswendig gelerntes Gedicht auf. »Alles dieses, läßt dir Theodora, die Herrin von Byzanz, sagen, geschah um der Rache willen, die süß ist, und um der Taten willen, die töricht waren. Zum ersten: Die Sittenpredigt eines Narren, der sich ungefragt in die Angelegenheiten der kleinen Mimikerin Theodora vom Zirkus Konstantinus mengte. Zum zweiten: Das ungebührliche Verhalten eines Narren, als er zu der einsamen Siedlerin Theodora kam, sie zum Kaiser zu laden! Zum dritten: Der Schwur eines Narren, die Kaiserin Theodora zu ermorden, sowie sie Witwe würde.

Wir haben unsere Rechnung auf unsere Weise ausgeglichen. Hüte dich des ferneren uns zu deiner Gläubigerin zu machen, Prokopius von Cäsarea. So!« sagte er. »Ich habe die Riemen halb durchschnitten, du dürftest so viel Zeit brauchen, sie gänzlich zu sprengen, wie wir, uns davonzumachen!«

Als Prokop endlich befreit, schwankend, die Hände und Füße abgestorben, ins Haus trat, das noch immer leer und weihrauchduftend war wie eine Kirche, sah er die erbrochene Tür des Thalamos entfernt. Und er sah Praxedis schlafend und still auf den breiten Polstern.

Er schlug sie, bis er in heulendem Weinen zusammenbrach. Als er sich am nächsten Tag zu Justinians Dienst meldete, sah ihn der Basileus groß an und wandte sich ab.

Prokopius hatte ein neues Gesicht.

Das hämische, heimtückische, bittere Antlitz eines bösen, alten Mannes.

39

Als der Feldherr Belisar die Stufen des Hippodroms hinabschritt, um in seine Sänfte zu steigen, in diese schmucklose, auf vielen Kriegszügen beschädigte Sänfte, die jedes Kind zu Byzanz kannte, hielt just des Narses Läufer vor dem Zirkus und der vergoldete Tragstuhl des kaiserlichen Schatzmeisters ward zu Boden gesetzt. Belisar stand still und sah schmunzelnd zu, wie des Narses gebrechlicher Körper unter vielen Zeremonien herausgehoben ward.

»Segne der Herr Jesus Christus die Tage deiner Herrlichkeit!« rief der Feldherr und verneigte sich.

»Möge Maria, die Gottesgebärerin, die deinen erhellen!« erwiderte Narses. »Sieh, o sieh! Der Vandalenbezwinger! Ein wenig Lorbeer pflücken zu Byzanz, – wie?«

»Dessen hab ich zu Afrika schon genug gepflückt, mein Teuerer!« schmunzelte Belisar.

Er stand, die Hand am Bart, groß, stark, breitbrüstig auf der Treppe und sah auf den Schatzmeister hinab, der nur Kopf schien, ein mächtiger, gebuckelter Schädel mit durchdringenden, zwinkernden Augen, einer schiefhöckerigen Satyrnase und einem wunderschönen, traurigen Jünglingsmund, der sich hinter seinem Bocksfeixen gleichsam versteckte.

»Sieh nur, sieh! keine schlechte Antwort. Aber läufst du denn schon aus dem Zirkus? Oder habe ich mich so sehr verspätet?«

»Ich muß nach Hause, weißt du! Antonina hat wieder ihre Kopfschmerzen, ich kann das arme Kind nicht so lange allein lassen!« Er winkte dem lächelnden Narses einen Abschiedsgruß.

Die Sänfte besteigend, um die sich versammelt hatte, was nur an schmutzstarrender, melonenessender Zirkusjugend zur Stelle war, rief Belisar zurück: »Da drinnen im Zirkus gehts heute lebhaft zu.«

Narses wandte sich. Er hob sein enges Gewand so hoch, daß man sah, wie die kostbaren, hohen Stiefel um die dünnen Beinchen herum abstanden.

»Gibt es etwas Neues?« fragte er.

»Nur das Alte. Wenn die Blauen siegen, dann pfeifen die Grünen. Und siegt ihre liebe Farbe, dann heulen sie wie wilde Bestien!«

»Das sind wir doch gewöhnt. Leider!« sagte Narses.

»Ja, aber wie heute war es noch nie! Als vorhin, beim zwanzigsten Rennen der äußerste Wagenlenker stürzte, gröhlte einer: ›Nieder mit allen Blauen!‹ Ich bat den Basileus, den Mann nur ein wenig mein Schwert kosten lassen zu dürfen. Aber der Erlauchte läßt Silber unter sie streuen und sie murren, während sie sich drum raufen!«

»Ja, sie sind unzufrieden!« grinste Narses. »Unter Kaiser Justinus, dem der Herr die ewige Seligkeit spenden möge ...«

»Amen!« – warf Belisar ein –

»unter dem waren es noch Goldstücke!«

»Wäre ich Justinian, ich verteilte Hiebe statt der Münzen! Leb wohl, o Narses!«

»Küsse Antonina den Saum des Ärmels für mich und die weißen Fingerspitzen darunter. Und wenn du den Rat eines Wohlgewogenen beachten willst: Tritt nicht ins Schlafgemach deiner Frau, ohne vorher anzuklopfen, wenn sie es vorzieht, Kopfschmerzen zu haben!«

Das Lachen Belisars hallte und er winkte zurück, bis die Träger um die Ecke bogen.

40

Als Narses die von Wachen abgesperrte Treppe zur kaiserlichen Tribüne hinaufstieg, hörte er die Rufe, die in einem einzigen dumpfen Dröhnen laut wurden.

»Sie scheinen sich heute drin zu vergnügen, unsere Herzchen!« sagte Narses zu Clotar, der an der Tür stand.

Der Gallier war mohnrot vor Grimm. »Die Löwen loslassen! Das einzige Mittel wäre: Die Löwen loslassen!« und er hob unwirsch den bronzenen Türhebel vor Narses. Als die Tür sich öffnete, scholl durchdringendes Trompetengeschmetter heraus.

Eine einzige, helle, weitreichende Stimme, überscholl den langsam verebbenden Lärm.

»So geht es schon zum drittenmal. Der Kaiser schickt den Herold mit Zuckerplätzchen hinaus, und sie antworten mit Gebrüll!« Der Gallier grüßte unwirsch, da Narses die Schwelle überschritt. Niemand achtete des Eintretenden.

An der teppichüberhangenen Brüstung saß Justinian. Narses sah sein blasses Profil mit gesenkten Lidern und unverrückbarem Lächeln.

Auf etwas niedrigerem Sitz thronte Theodora, steif, aufrecht, in ihren juwelenstarrenden Gewändern. Unter dem Schleier blitzten ihre Augen. Das weite, gelbe Kiesrund der Arena glitzerte in der bleichen Januarsonne. Mitten darin stand in seinem schreienden Rot der kaiserliche Herold und sprach. Von drei Seiten umbrandete ihn eine feindliche, lauernde Menge.

»Unsere Göttlichkeit gebietet dir, o getreues Volk von Byzanz, unsere und unserer von Gott gesandten Gemahlin Gegenwart nicht ferner durch unwürdiges Betragen zu entweihen.

Wir, Kaiser Justinianus, haben diese Wettspiele veranstaltet, um unsere, durch ein himmlisches Wunder bewirkte Genesung mit unseren getreuen und geliebten Untertanen zu feiern, ganz gleich, welche Farbe sie tragen!

Wir geben hiemit Befehl zum zweiundzwanzigsten Rennen!«

Der Knabe verneigte sich erst gegen den Kaiser, dann gegen die Zuschauer und verschwand. Unter Tubaschall donnerten die Wagen in die Arena.

»Ich habe das Gefühl, als zöge ein Gewitter herauf!« sprach Narses vorgeneigt dem Prinzen Hypathios ins Ohr. »Es ist eine schöne Sache um das liebe Volk! Sieht Deine Herrlichkeit, den Kerl da drüben ... Eins, zwei – die vierte Bank, links! Er feilscht eben mit dem Apfelsinenverkäufer. Meinen Glückwunsch dem, der mit diesen Fäusten Bekanntschaft schließt.«

Hypathios wandte sein sonnverbranntes Antlitz. »Ich wollte, ich hätte solcher Fäuste ein paar Tausend in Persien.« – Ventidius kam herzu, erregt und hastig. Er mußte fast schreien, um das Getöse zu übertönen.

»Man sollte die Kaiserin fortbringen!« sagte er unruhig.

»Warum denn?« grinste Narses. »Sie ist die Luft hier gewöhnt!«

»Die Blauen! Wieder die Blauen!« sagte Johannes von Kappadokien, der halberhoben über der Brüstung lehnte.

»Das kann bös werden!« meinte Narses. »Aber vielleicht macht Cajus doch noch das Rennen, er hält scharf mit!«

»Du wünschest den Sieg der Grünen? Ei! Narses!« kopfschüttelte Pompejus.

»O – O! Jetzt!«

Plötzlich brach ein Getöse aus, so gellend, daß Narses die Hände an die Ohren legte.

»Die Blauen! Wieder die Blauen! Das ist Schwindel! Pfui! Wir Grünen sind nichts mehr. Dreck sind wir! – Hunger! – Brot! – Wasser! – Hunger ...«

Der Kaiser wandte langsam sein unbewegtes Gesicht und tauschte einen Blick mit Theodora.

»Wie das schreit! Und dieser Duft!« sagte Narses und verbarg hinter dem aufgerafften Mantelende ein krampfhaftes Zittern seiner Lippen.

Der Sieger verneigte sich in der Arena und empfing vom Spielleiter den kaiserlichen Preis. Es flogen Apfelsinenschalen nach ihm und man zischte. Justinian wandte den Kopf und befahl: »Beifall!« Er schlug selbst mit der rechten auf die linke Handfläche, als schlüge er mitten in eines der schreienden Gesichter. In den taktmäßigen Beifall der Patrizier scholl Zischen, als ströme ein wildes Tier seinen Geifer aus.

In einem das Auge ermüdenden Flimmern schwenkten farbige Tücher auf- und abwärts. Pfiffe durchsägten die Luft, Hände streckten sich empor. Bis zu den obersten Reihen, wo sie nicht größer als Puppen schienen, standen Männer auf den Bänken und schrien.

»Wir wollen keine Spiele, wo nur die Reichen siegen! Gerechtigkeit! Justinian! Wir wollen Brot! – Keine Kriege! – Ruhe! Ruhe da! – Allgnädiger, erbarm dich unser! Wir sind arm, verfolgt sind wir, wir hungern! Wir können nicht über die Gasse gehen, ohne beraubt und gemordet zu werden!«

»Sie haben ja recht!« sagte Hypathios laut, hinter Justinians Stuhl.

Clotar drängte sich vor und senkte das Schwert vor dem Basileus. Justinian nickte und der Oberste der Leibwache verschwand. Einen Augenblick später durchdonnerte Clotars Stimme das Hypodrom wie ein Heerhorn. »Seid ihr hergekommen, um das Rennen zu sehen oder den Kaiser zu beleidigen? Wollt ihr wohl Ruhe halten, ihr Ketzer, ihr Samaritaner, ihr Manichäer? Oder wir wollen euch Zucht lehren vor des Basileus und der Basilissa göttlicher Gegenwart!«

Ein Granatapfel flog zu seinen Füßen nieder und bespritzte ihn von oben bis unten, wie mit Blut. »Ein böses Omen!« murmelte Theodora und führte ihr Amethystkreuz unter dem Schleier an den Mund. Oben auf einer der nächsten Bänke stand jener Riese, der Narses' Aufmerksamkeit erregt hatte. Er schwang einen ungeheueren Schmiedehammer und schrie: »Ich pfeife auf seine Gegenwart! Ich pfeife auf seine Zirkushure! Da drunten haben wir sie alle nackt gesehen! Byzantiner, glaubt mir: Nicht die Blauen sind schuldig! Die Tyrannen sind schuldig! – Callopodius! Johannes von Kappadokien!«

Er ward von Soldaten gefaßt, die ihn von der Bank zu zerren bemüht waren. Aber er schüttelte sie ab, wie ein Bär die Rüden und sie wichen vor dem Hammer zurück. »Nieder mit Callopodius! Nieder mit Johannes von Kappadokien!« brüllte er, umdrängt von einem Haufen von Männern, gegen deren Drohen die Wache nicht die Schwerter zu gebrauchen wagte. Schreie brachen los, ein Gellen, als öffne sich der Hölle Abgrund. Fäuste drohten, Münder klafften schwarz in tausend Gesichtern.

»Nieder mit Callopodius! Nieder mit Johannes! Fluch unseren Henkern! – Fluch dir, Metzger von Byzanz! Bluttrinker! Steuererpresser! Fluch deinem Vater Sablatios, der dich gezeugt hat! – Hunger! Hunger! – Gerechtigkeit! Es gibt keine Gerechtigkeit bei Justinian! Wehe, wehe – ihr erdrückt mich! – Mutter, Mutter – sie töten mich! –

Nieder Justinian, nieder die Metze Theodora!«

Justinian erhob sich langsam, beide Hände auf die Balustrade stützend. Er war totenbleich. Mit halbgeschlossenen Augen sah er um sich und die himmelansteigenden Bänke hinan. Er feuchtete die Lippen, holte Atem und rief, hoch, klar, tragend, über die Menge hinweg.

»Byzantiner! Verachtet ihr denn euer Leben?«

»Nieder Justinian! Nieder Theodora! Reißt ihr die Kleider ab! Sie soll tanzen! Nackt soll sie tanzen! Nieder Theodora!«

Clotar schrie: »Ein Hundsfott, der das hören kann!«

Ein Wald von Schwertern stand auf um Kaiser und Kaiserin.

»Es lebe Theodora!« schrie Ventidius und schwang sich über die Brüstung hinab, in die gekeilte Menge einhauend.

Einer nach dem andern taten die jungen Patrizier den gleichen Sprung. Schreie des Entsetzens stiegen auf zugleich mit dem Röcheln Verwundeter. Über splitternde Balustraden und umstürzende Bänke, über Sterbende, Niedergetretene, Greise, Kinder hinweg, begannen Flucht und Verfolgung nach den engen Ausgängen hin, wo das Morden begann.

»Du gedenkst dich doch nicht noch hier zu verweilen, mein geliebter Vetter?« fragte Justinian lächelnd, nah vor Hypathios braunem Soldatenantlitz. »Ich wünsche – bis morgen sich der Aufruhr legt – dich im Palast gesichert zu wissen! Meine eigene Wache wird den Schutzdienst versehen!«

Hypathios sah von Justinians Gesicht fort nach den Wachen ringsum. Er begriff.

»Hören ist dem Soldaten Gehorsam!« sagte er und ging, die Gastfreundschaft anzunehmen, die Gefangenschaft war.

41

Die Toten und Schwerverwundeten waren in eine nahe Taverne geschafft worden, in der Zirkusdiener und Tierwärter heimisch waren.

Die zuerst angelangten der armen Körper hatte man auf die rasch zusammengerückten Tische gelegt, deren hanfene, beschmutzte Tücher sich langsam rot färbten.

Dann aber wurden es der Leichname zu viele. Man warf sie auf den nie gewaschenen, bespuckten Bretterboden und die stichelhaarigen, wolfsgleichen Straßenhunde schlapperten, scheu geduckt und immer wieder vertrieben, das in Lachen sich sammelnde Blut auf. Die bösen Nachrichten waren von den aus dem Zirkus Flüchtenden sogleich in allen Teilen der Stadt verbreitet worden. Die Straßen waren erfüllt von Gruppen Klagender und Anklagender, Neugieriger und Schwätzer.

Die Gasse selbst, in der jene Taverne lag, war so von Menschen erfüllt, daß keine Sänfte sich hindurch zu zwängen vermochte.

Und Mal um Mal ging Gemurmel durch die Menge, wenn eine verstörte Frau, die schreienden Kinder an der Hand, oder ein schluchzendes Mädchen in dies schreckliche Haus trat, über dessen Zugang Kies und rot sich feuchtende Hobelspäne geschüttet waren wie über den Boden einer Arena.

Im verwahrlosten Gärtchen der Schenke saßen um einen schönen, alten Marmorsarkophag, den man mittelst darüber gelegter Bretter zum Schenktisch gemacht hatte, drei Männer vor dem Süßen der Rachel.

Ab und zu stand einer der schweigsamen Zecher auf, ein alter Mann mit grünem Schurzfell und langem Apostelbart, und ging vorsichtig, als gelte es, einen Schlafenden nicht zu stören, zum Hause, um durch die Fensterluke zu spähen. Er hielt linkisch die langen Arme von sich ab und kam auf den Zehenspitzen zurück über den knirschenden Kies.

»Noch immer?« fragte dann der junge Zimmermann, mit dem Tuch um die Stirne, und die Antwort des Alten war ein Nicken.

Noch immer kniete drinnen der Nachbar Schneider vor der Leiche seines einzigen Kindes, des elfjährigen Knaben, den sie zertrampelt hatten.

Der Schmied Barcas legte die Kyklopenfaust auf den Tisch. »Aber gegeben haben wir's ihnen!«

»Alles zu wenig für die, die drin liegen!« sagte die schwarze Rachel, die kam, um nachzusehen, ob die Becher leer seien. Sie war alt und häßlich, von schlaffem Fett umzittert, mit Brüsten, die schwappten wie fast geleerte Weinschläuche. »Alle sollte man sie erschlagen, die Bestien, die Hunde! Saugen einem das Geld aus mit Steuern, die Kinder schleppen sie einem weg in den Krieg und glauben, der Herrgott verzeiht's schon, wenn sie ihm nur mit goldenen Kirchkreuzen die Augen ausstechen.

Die Pest über sie und die Fäulnis und das zollweise Sterben!«

Der Mönch Petros legte lächelnd seine schwarzen Zahnstummel bloß.

»Ich sage dir, meine Tochter: Aufstehen wird das zertretene Volk wider seine Peiniger, zerschmettern wird es den Tyrannen und die Metze, die Umgang pflegt mit dem Meister der Hölle!«

Der Schmied hieb auf die Tischbohlen, daß sie knackten. »Gegeben haben wir's ihnen!« sagte er und sein riesiges Antlitz schmolz in breitem Lachen. Noemi, die Tochter der Wirtin, stand plötzlich hinter dem jungen Zimmermann, ohne daß einer sie kommen gehört hätte. Sie bog seinen Kopf fast bis an ihre Schulter zurück und begann seine blutige Binde zu lösen, während ihr ein reines, gefaltetes Tuch vom Arm hing. Aber als er nach ihr haschte, entwich sie sogleich, um erst wiederzukehren, da er stille zu halten versprach. – »Wenn ich zu reden hätte, – die ließ ich zu allererst hängen, die Theodora!« schalt Rachel weiter. »Noch ärger sind die Steuern geworden, seit er ihr die Bäder baut und die Lusthäuser. Gebührt das, frage ich, einer Zirkusdirne, die keine ehrbare Frau mit der Ofenschaufel hätte anrühren mögen?«

»Aber sie ist so schön! Warum sollte der Kaiser sie nicht lieben, wenn sie so schön ist?« sagte Noemi. Sie schloß sehr verwirrt und ballte das blutige Tuch hin und her in ihren braunen Händen. Sie war fünfzehnjährig, hoch, voll und biegsam zugleich, mit langen schwarzen Zöpfen und großen, langbewimperten Augen. Der feuchtdunkle Blick war schwer von den Träumen, die die heißen, stillen Nächte brachten.

»Willst du wohl die Becher spülen gehen, du Schlumpe? Was stehst du da herum, wo du nicht hingehörst? Außer Rand und Band ist sie, seit sie den Bruder Ruben in den Krieg geschleppt haben! – Wirst du hineingehen?«

»Ich habe Angst!« schauderte Noemi. »Es ist so furchtbar drinnen bei all den Toten! Die Frauen schreien, die Verletzten stöhnen, einem ist der Leib aufgeplatzt, und die Gedärme quellen hervor ...! Und die Fliegen, die man nicht wegjagen kann ... Und die Hunde!«

»Was geht es dich an, wenn sie sich die Köpfe einschlagen? Du schau aufs Geschäft! Vielleicht ist wieder einer Frau übel und sie wollen Wein! Mach, daß du ins Haus kommst!«

Der Sattler mit dem Apostelbart murmelte: »Es ist ja doch viel für so ein Kind!«

»Horch!« sagte der Mönch Petros, sein geschorenes Haupt auf langem, nacktem Halse vorstoßend wie ein Raubvogel. Von der Straße her schollen die hellen, wilden, in Abständen wiederholten Rufe einer Tuba. Das dumpfe Kollern der Kalbfellpauke mischte sich darein.

»Arme Sünder! Gott schenke ihnen das ewige Himmelreich. Amen,« sagte der Sattler und faltete die stillen Hände. »Ach was, geschieht ihnen recht! Arbeiten wollen sie nicht, sollen sie hängen! Unsereinem wird der Prozeß gemacht, wenn man den Wein um einen Dreier höher anschreibt!« zeterte Rachel.

»Die Menge sperrt den Weg,« grinste Petros. »Hört ihr?«

Geheul und Pfiffe mischten sich ins Tubageschmetter. »Nieder mit der Gewaltherrschaft!« brüllte Barcas und hieb auf den Tisch ein.

Der junge Zimmermann hatte gelenkig das morsche Gitterwerk erklommen, an dem der alte Efeu sich die Mauer hinaufschlängelte. Er saß oben und lachte. »Straßenkampf und Tumult! O, die Weiber kratzen der Wache die Augen aus! Komm herauf, Noemi!«

Noemi lachte: »Das muß ich sehen!« und kletterte empor zu seiner dargereichten Hand. Ihr Rock verfing sich in den Ranken, ein schlankes, nacktes Bein ward bloß, und sie riß errötend das Gewand zurecht. Der Zimmermann drückte sie fester als sonst an sich, da sie vor ihm auf der Mauer saß.

»Wirst du herunter gehen? Augenblicklich! Noemi! Gott hat mich geschlagen mit dir! Wenn Ruben dich so sehen könnte!«

»Bist du auch aufmerksam genug, Rachel? Die beiden da oben scheinen recht befreundet!« raunte Petros hinter der Wirtin, den Blick auf Noemis Beine geheftet.

»Noemi!« schrie Rachel.

»Es sind sieben!« lachte der Zimmermann oben. »Sieben! Und sie wollen sie zum Richtplatz führen, fünf Grüne und zwei Blaue!«

»Ein Weib hat dem Söldner mit einer Riesenzwiebel den Helm abgeschlagen, Mutter!!!« jubelte das Mädchen.

»Herunter da! Wirst du herunter kommen? Hörst du nicht, wenn ich rede?« Der Zimmermann sprang in einem Satz herab und, indem er Noemi half, sagte er erregt:

»Petros! Ich denke, es geht los! Sie ballen sich in Klumpen zusammen um die Wache! Es sind bloße Schwerter dabei! Auf und hinaus, Barcas!« – »Haltet Maß, um Christi willen, ich bitt euch!« warnte der alte Sattler, als die Männer hastig ihre Münzen auf den Tisch warfen und stehend die Neige leerten. Sie liefen am Haus vorbei zur Gartenpforte.

Als sie die Straße erreichten, sahen sie die umdrängten Soldaten, mit gezogenen Schwertern die sieben Verbrecher einschließen. Eine Megäre, die blindwütig mit den Fäusten auf einen der Soldaten eingeschlagen hatte, ward keifend und fluchend fortgeführt. Von irgendwoher flogen Steine. Der Anführer der Wache, ein narbiger, brauner Mann, mit den silbernen Zeichen zweier Feldzüge auf der Brust, streckte seine Lanze nach der Schenke aus und rief: »Habt ihr heute Abend mit denen da drinnen noch nicht genug?« – Die Menge wich ein wenig zurück und es schien, als solle nun Ordnung herrschen.

Der Zug der Wachen setzte sich in Bewegung, gefolgt von einer Schar Abenteuerlustiger und müßig Neugieriger, die entschlossen schienen, der Hinrichtung beizuwohnen.

42

Der Richtplatz war erfüllt von Menschen.

Ein weißgewandeter Priester gab den Verurteilten die Absolution. Ihrer sechs waren ärmliche Gestalten, magere Pferdediebe, Falschspieler und Langfinger. Nur der Letzte war ein Riese an Gestalt, fast so groß wie Barcas, aber schön und ebenmäßig gebaut. Früher ein vielgerühmter Ringer der blauen Partei, war er um seiner Wildheit wie um seiner Kraft willen gefürchtet und hatte sich das Halsband von Hanf durch manchen Mord verdient. Schon einmal vom Schwert der Gerechtigkeit ereilt, hatte Molos seine linke Hand lassen müssen, und der kaum vernarbte Stumpf ward scheußlich sichtbar, als ihm wie allen anderen Verurteilten der Oberkörper entblößt wurde.

Die ersten fünf hatten ihre Luftreise vollbracht und die Menge beschränkte sich auf ihre gewohnten Späße. Nun trieb der Henker die letzten zwei die Stufen hinauf, einen hageren, halbwüchsigen Negerjungen, der vor Angst schlotterte und den Kämpfer Molos, der, gewohnt, dem Tode ins Antlitz zu sehen, einer schönen, geschminkten Freudenbringerin Witzworte zurief.

Die sehr junge Klythia, die schönste Hetäre von Byzanz, hatte ihren Freund Agathon nicht zu bestimmen vermocht, sie zur Hinrichtung zu begleiten.

Sie hatte ihn schließlich einen athenischen Sykophanten gescholten, der keinen Spaß verstünde, und war ihm entlaufen, um nicht beim Ende des Ringers zu fehlen, dessen Kunst ihre Dankbarkeit durch viele gewonnene Wetten verpflichtet hatte. Ihre Kinderwangen brannten vor Lust, und sie jubelte bei jedem von Molos neuen Scherzen. Ab und zu winkte sie achtlos mit ihrer beringten Hand einem jungen Tribunen Schweigen zu, der sie im Gedränge erspäht hatte und hinter ihr stand, Versprechungen des Reichtums für die der Lust zum Tausch bietend.

»Schau, es sind just noch ein Blauer und ein Grüner übrig!« jauchzte ihre helle, eifrige Stimme.

Petros, sich im dichtesten Gedränge duckend, schrie, den schwarzbezahnten Mund weit offen: »Und Justinian schnürt allen beiden die Kehle zu!«

Ein einziges Gelächter scholl.

Auch Molos lachte, und der Henker, der ihm den Strick umlegte, lachte mit. Nur der hagere, kleine Neger schluchzte erbärmlich.

Und der Lachende und der Weinende wurden gehängt. War es, daß dem heiteren Henker die Aufmerksamkeit gemangelt hatte, oder war das Gewicht des Ringers zu schwer gewesen, die Schlinge riß, und Molos hob sich unverletzt aus dem Sand.

Das Volk, das es zu schätzen wußte, wenn ein Mann mit Lachen in den Tod ging, raste, als der Henker beschämt eine neue Schlinge knüpfte.

Im Nu war der Holzbarren übersprungen, der Hügel erstürmt. Man schnitt den kleinen Mohren fast tot vom Galgen und während ihn eifrige Frauen ins Leben zurückriefen, zerdroschen die Männer Henker und Henkersknechte und entrissen den Soldaten ihre Waffen. Der kleine Neger verschwand, kaum zu sich gekommen, schneller im Gewühl, als ein gescheuchtes Häslein seinen Bau findet. Den einarmigen Mörder hob man auf die Schultern, um ihn im Triumph durch Byzanz zu führen.

Der Tribun sah Klythia grollend nach, die, seine goldene Sänfte verschmähend, auf dünnen Schuhen neben Molos herlief, strahlenden Angesichts, mit halbgelöstem Haar, den kostbaren Besatz ihres Kleides achtlos nachschleifend, am schlanken Hals den Schmuck von Saphiren, um dessentwillen der junge Hortalus – Agathons Vorgänger – seine Ahnenbilder verkauft hatte.

43

Als der Zug, dem nun ein ewig trunkener Zymbelschläger und zwei halbwüchsige Flötenspielerinnen voraufdudelten, mit Fackeln und Gesang am Zirkus vorüberkam, stockte er jäh.

Die Menge ballte sich vor dem dunkel ragenden Hippodrom, die Toten beklagend, deren Blut noch die Stufen färbte.

Die Rampe der Treppe war von zwei ungeheuren marmornen Elefanten bewacht, die bei nächtlichen Spielen flammende Pechkübel auf dem Rücken zu tragen pflegten. Plötzlich loderte der Leuchtrest des einen Kübels auf, und dunkel geduckt wie eine riesige Fledermaus hockte ein Mann auf des Elefanten Nacken.

Das rotzüngelnde Feuer warf wechselnden Schein auf seinen geschorenen Schädel, sein hageres Gesicht und die flatternden, schattenwerfenden Ärmel seiner Kutte. Und mit einer donnernden Kanzelstimme, die niemand diesem Männchen zugetraut hätte, überschrie Petros den weiten Platz des Hippodroms. »Brüder und Schwestern in Christo, hört mich an! Hört, ihr Bürger von Byzanz!«

»Was will denn der da? Ist das ein Spion? Sicherlich ein Blauer! Aber nein, es ist ein heiliger Priester! Ruhe dort! Wir wollen hören!«

»Dieser furchtbare Tag, der so viel unschuldiges Blut gefordert hat, soll nicht verderbliche Zwietracht unter euch säen! Nicht die Blauen, nicht eure Brüder sind es, wider die eure Kraft sich erheben soll und eure geknechtete Seele! – Sehet Molos, den Befreiten, den durch ein Gotteswunder der Erde Wiedergegebenen an, den ihr mit Jubel auf eure Schultern hebt, und der dem Urteil der Tyrannei überliefert war, dem Tode der Willkür! Trägt er nicht die blaue Farbe? Und doch schlägt sein Herz im Haß gegen den, der euer Feind ist, wie er der seine, wie er unser aller Feind ist!«

»Hast du gehört? Das ist kein Spion! – Das ist einer von den Unsern! – Justinian meint er! – Nieder mit Justinian! – Leutschinder! – Blutaussauger! – Nächstens wird er noch die Luft besteuern! – Laßt den heiligen Vater reden, der versteht's! – Nieder Justinianus!«

»Erwache! Volk von Byzanz!« schrie Petros, glühendrot im Gesicht, den schwarzen Mund weit offen wie eine Steinmaske. »Stehe auf wider Belial! Entwaffne den Sohn der Hölle! – Reichet dem Bruder die Hand und vergesset kleinen Groll in großer Bedrängnis! Seid einig, grüne und blaue Brüder, und ein goldenes Zeitalter bricht heran! Hunger und Not haben ihr Ende! Siegreich ist Hypathios heimgekehrt und führt unermeßliche Schätze der persischen Besiegten mit sich! Ihr sollt Brot erhalten, die ihr hungert, Wasser, ihr, die ihr dürstet! Hypathios verzichtet auf sein Beuteteil und gibt es an die Bedürftigen von Byzanz!«

»Hoch Hypathios! – Nieder Justinian, er läßt uns hungern! – Hoch Hypathios! Wer ist denn der? – Ach, du hörst ja, der heilige Hypathios, der Brot regnen lassen wird!«

»Nun, das geht ja!« sagte der junge Pompejus droben im Schatten der Zirkussäulen.

»Ist deine Großmächtigkeit mit deinem armen Knecht zufrieden?« fragte Petros, nichtig, klein, mager, noch Schweißtropfen auf der Stirne.

»Nur weiter so!« näselte des Hypathios Bruder. »Du weißt, wir knausern nicht. Hier nimm einstweilen! Aber was will der lange Lümmel da oben?«

Molos, der Ringer, stand frei und hoch auf dem Nacken des Elefanten. Und er hob seine einzige Hand.

»Hungert euch? Da drüben sind die Lagerhäuser von Byzanz! Dürstet euch? Da drüben ist das Brunnenhaus von Byzanz! – Bedürft ihr eines Führers? Hier bin ich!«

44

Die Menge, die, von Molos geführt, durch enge Straßen zog, versah sich beim nächsten Bauplatz, der prunkvollen Rhetorenschule, die Justinian aufführen ließ, mit Äxten und Spitzhacken.

Diese neueroberten Waffen schwingend, jauchzten die Empörer Barcas dem Schmiede zu, der seinen Hammer mit einer mächtigen Eisenstange vertauscht hatte, die er gleich einer Keule führte.

Molos trieb seine Getreuen so schnell vorwärts, daß die letzten des Zuges fast laufen mußten, und endlich als eine Art Nachhut zurückblieben.

Zu dem Gedudel der kleinen Flötenmädchen und dem trunkenen Gerassel des Zymbelschlägers kam nun noch das dumpfe Kollern eines Beckens, das ein einäugiger Neger mit aller Kraft seiner Handballen knetete.

Halbwüchsige Burschen tanzten mit wehenden Fackeln hinterdrein, und kreischende Hafendirnen im Verein mit verdächtigen Gesellen beendeten den Korybantenzug.

Als man die Vorstadt und den weiten, nächtlichen Lagerplatz erreichte, stockten die Voranschreitenden jäh.

Es brannte ein helles Feuer vor dem Kornhaus, und man sah die Wachen vor dem riesigen Tore stehen, unbeweglich, eisern, drohend.

Der Anführer hatte, als er von weither den Lärm vernahm, um Verstärkung ausgesandt, und nun erwartete ein Fähnlein alter Soldaten gefaßt den Anprall.

»Wer sich noch einen Schritt vorwärts wagt, ist des Todes. Bogen an! Achtung! Fertig!« scholl die Stimme des Anführers.

Man sah die Fellmützen und die Schnauzbärte und zögerte. Man kannte die dakischen Soldaten. Gemurmel entstand. Einzelne warfen die Spitzhacken weg und riefen, sie empfänden keine Sehnsucht, mit dakischen Langpfeilen Bekanntschaft zu schließen. Von rückwärts her lärmten die Stimmen derer, die die Ursache des Aufenthaltes kennen lernen wollten. Petros sah um sich und wußte, daß im nächsten Augenblick alles verloren sein würde. Und er reckte sich flüsternd zu Molos auf. Der Einarmige nickte grinsend und lockerte das Messer im Gurt.

»Hier im Lagerhaus sind nur Vorräte für sechs Tage. Die Ankunft ägyptischer Getreideschiffe steht bevor. Bis dahin wird Kopf für Kopf in Byzanz das gleiche Maß an Brotmehl ausgefolgt wie bisher! Wer aber jetzt sich heranwagt, der ...«

Mit einem gurgelnden Stöhnen brach der Anführer der Wache zusammen. Das Messer des Einarmigen hatte mit geübter Meisterschaft gearbeitet.

Die anderen Soldaten zu überwältigen war nun, da sie sich ihres Führers beraubt sahen, ein Kinderspiel.

Sie lagen, von Spitzhacken zerteilt, von Schaufeln zerdroschen, von Messern zerfetzt, und die Weiber spuckten auf das zuckende Fleisch.

Nun begannen die geröteten Spitzhacken auf das eisenbeschlagene Tor loszudonnern, aber die Eichenbohlen hielten gut, und die Männer standen schweißgebadet ab. Es war vergnüglicher, je zu sechs einen Dakier zu erschlagen.

Da trat der Riese Barcas vor und vollbrachte jene Tat, um deretwillen die schöne Klythia ihr Molos geweihtes Herz in einem Widerstreit der Gefühle zerrissen sah.

Barcas hatte sein Oberkleid abgeworfen und stand halbnackt, seinen kurzgeschorenen Stierschädel vorneigend, da. Die Muskeln lagen über seinem ganzen fettigweißen Oberleib wie verstreute, unter der Haut sich springend bewegende Hügel. Er hatte Hände wie Brotschaufeln und Oberarme, die dick wie Schenkel waren, und das Volk, das Schaustellungen der Kraft sehr liebte, hielt mitten unter den zerfleischten Toten ehrfürchtig staunend den Atem an, als des Schmiedes erste Schläge ehern gegen Erz dröhnten.

Dann kam ein Krachen, ein einziger, vielstimmiger Jubelschrei, das riesige Tor knackte in allen Fugen und der Schmied hob es an den Ringen des Eisenzierats gerade auf aus den Angeln. Er trug es mit schwankenden Knien, schnaubenden Nüstern, die Stirnadern fingerdick und blau angeschwollen, acht, zehn Schritte weit, um es polternd aufs Pflaster schmettern zu lassen.

Durch den leeren, weiten Torbogen brach die tobende Menge ins Kornhaus ein.

45

Der Dakier hatte wahr gesprochen.

Die langen, hohen, von schwebenden Öllämpchen erleuchteten Hallen enthielten nur die bemessenen Vorräte für sechs Tage. Aber das Volk sah Kisten um Kisten voll Getreide und Säcke um Säcke voll Mehl sich bis zum Dach speichern, und es wähnte angesichts einer frevlerisch vorenthaltenen Fülle zu hungern. Die Weiber schrien, fluchten, weinten und beteten.

Sie stürzten sich auf die Kisten und stopften die aufgeschürzten Röcke mit Getreide voll, während die immer größere Menge der Nachdrängenden den Torbogen verstopfte und jenen, die beladen enteilen wollten, in Spaß oder Streit die Kleider vom Leibe riß, daß das kostbare Gut nutzlos zu Boden rollte und zerstampft ward.

Männer hatten sich schwere Säcke voll Mehl aufgeladen und drängten, alle Hindernden zu Boden stoßend und tretend, hinaus. Sie liefen keuchend und verfolgt nach Hause, ohne zu wissen, daß irgend jemand ihrem Sack einen klaffenden Schnitt versetzt hatte, durch den das Mehl in einem weißen Streifen auf die Straße niederrieselte.

Drinnen im Lagerhaus hatten einige Besonnene Ordnung stiften wollen, da waren die Messer aufgeblitzt und schon sprang Blut aus heißen Wunden ins verschüttete Mehl, das zu einem braunen Brei ward.

Ein mageres Weib, dem der Hunger aus den Augen schrie, hatte einen zweiten Ausgang, ein kleines Hintertürchen entdeckt, und war glückselig mit der Last ihres Bündels, das sie auf den Rücken gebunden hatte, eine Strecke weit gelaufen.

Da hob einer den Bogen einer der ermordeten Wachen empor, zielte, und dem Weib drang der dakische Eisenpfeil zwischen die Nieren.

In einer Ecke des Kornhauses saß ein langer Schneider, mit einem Packen beladen, den er zärtlich auf den Knien wiegte. Und irren Blickes, mit Nicken und Geflüster, schüttete er Handvoll um Handvoll hinter die Falten des grünen Tuches, in das seine Last gehüllt war. »Iß nur mein Täubchen, iß mein Goldfasänchen! damit du stark und groß wirst, und langlebig, mein Zuckerbübchen!«

Eine Dirne, deren Sinn nicht nach Erraffen des kargen täglichen Brotes stand, da sie ergiebigeren Erwerb kannte, fragte den langen Schneider mit Neugier, was er wohl in dem stillen Packen verberge.

Der Schneider schlug vorsichtig, doch bereitwillig die grünen Falten auseinander und zeigte mit zärtlichem Lächeln und Nicken der Aufschreienden den blauen, gedunsenen, unkenntlichen Leichnam seines elfjährigen Knaben, den man im Zirkus zertrampelt hatte.

Die schöne Klythia kniete und wusch ihre ringfunkelnden Hände bis zu den entblößten Ellbogen im Mehl. Alle, die sie umringten, hatten weiße Haare, weiße Wimpern und Müllergewänder und bewegten sich in feinen, weißen Staubwolken.

Plötzlich entstand draußen ein Gebrüll und Gejohle, als sollte die Erdscheibe untergehen.

Petros, der kluge Petros, der heilige Mann, hatte ein Häuflein von Männern hinweggeführt, dorthin, wo neuer Ruhm zu holen war. Nicht das Brunnenhaus hatten sie erobert, nein, viel Besseres. Sie waren zum Hafen hinuntergeeilt, wo eine Ladung von Weinfässern des Morgens harrte, um verfrachtet zu werden und hatten – Hoch Petros! Hoch der heilige Mann! – das größte Faß bis zur nächsten Gasse gerollt, aber um es bergauf zu bringen, bedurfte es starker Fäuste.

»Holla Barcas! Wo ist der starke Barcas! Laß ihn, Daphne! Er muß uns Wein bringen, viel Wein! Hoch Barcas! Molos hoch! Hoch Petros! Nieder mit Justinian! Wein her!«

Das riesige Faß rollte unter dem Ächzen, Schreien, Quiecken und Keuchen der Vielen heran, die da schoben und zogen und rückten. Als der Spund herausgeschlagen war, sprang der schwarze Wein wie ein Springstrahl auf und bedeckte weit den Platz, ehe er mit Händen, Mützen, Mäulern, hölzernen Getreideschwingen und den erzenen Helmen der erschlagenen Wachen aufgefangen ward.

Auf dem weiten, von neugenährtem Feuer erhellten Platz, über den noch immer zahllose, hochbebündelte Gestalten schwankten, drängte sich die singende, lachende, brüllende Menge um Faß nach Faß des schweren, süßen, griechischen Weines. Die Flötenspielerinnen hatten von neuem ihr Gedudel begonnen, und der Cymbelschläger tanzte trunken wie Marsyas.

Die Tänzerin Bachis begann unruhig mit den Fingern den Takt zu schnippen. »Dies hat Theodora spielen lassen, wenn sie mimte!« murmelte sie.

Und jäh aufspringend, riß sie das Kleid in Fetzen von ihrem Körper und lachte schrill. »Seht her, ich bin jetzt Theodora!« Gekitzelt von boshafter Lust, von einem Neid, den die Jahre verzehrend gesteigert hatten, trunken, und von der eigenen Nacktheit berauscht, begann sie den entzückt Umstehenden die Auftritte Theodoras wiederzugeben, deren sich fast alle beim Klang der alten Musik entsannen.

Kühnheiten, denen Theodoras nieverlierbare Anmut und ihr kühler Stolz noch Schönheit verliehen hatten, wurden hier unter dem Gewieher der Menge zu unzweideutigem Geschehen.

Die Weiber lachten schrill, als würden sie gekitzelt, die Männer brüllten und faßten zu.

Endlich sprang Bachis auf Barcas Schoß, und es begann ein keifendes Gezänk mit Daphne, bis nicht endenwollendes Gelächter Barcas belohnte, der beide gleich viel zu lieben versprach.

Petros schlich, heiß und hungrig, lauernd durch die Gruppen.

Drinnen im Kornhause überschüttete die junge Klythia den nackten Molos mit Mehl, das, wenn es abrieselte, immer von neuem und von vielen Händen zur Pyramide geklatscht ward.

Nur der kahlgeschorene Schädel des Ringers ragte schmunzelnd hervor, bis er mit einem Ruck seine riesigen Schultern befreite und ausbrechend auf die flüchtenden Frauen eindrang. Klythia zerriß ihr nach Agathons Angaben gewebtes Gewand von oben bis unten, und, ein strahlendes Lächeln auf ihrem Kindergesicht, gab sie sich ihm und nach ihm allen Männern und Frauen, die ihrer begehrten.

»Komm fort, komm fort! O ich fürchte mich!« stammelte Noemi, die Tochter der Wirtin, und zog den jungen Zimmermann mit sich, der ihr Getreidebündel trug. »Mutter! Mutter! Ach wären wir doch niemals hergekommen! Wenn ihr nur nichts widerfahren ist!« Ein Mann trat schwankend aus dem Dunkel. »Komm, schwarze Jüdin! Trink!« sagte er, bot ihr den Helm voll Weins und faßte an ihre Brust. – Noemi schrie gellend auf.

Im nächsten Augenblick blitzte des Zimmermanns Axt. Der Trunkene fiel vornüber.

Noemi schluchzte. Ihr junger Beschützer beugte sich über sie, und der gleiche Ausdruck des Blicks, die gleiche Gebärde, die dort Bedrängung gewesen war, ward hier zu unsagbar süßer, ersehnter Beglückung.

Wie in schwindelnden Träumen heißer Nächte fühlte sich Noemi emporgerissen, getragen – und gebettet. Der rieselnde Mehlstaub war weich wie Sammet.

Und das Gröhlen und Gelächter wie dumpfes Muschelrauschen im Ohr, grub sich Noemi, mit einem letzten Rest der Scham, die Nägel in die Handflächen, um zumindest nicht aufzuschreien, ... vor den anderen.

46

»Das Lagerhaus brennt! – Feuer! Schlagt die Kupfertrommeln! – Wer hat den Brand gelegt? Es ist kein Wasser da! Keine Schläuche! Wehe! wehe! Nehmt Wein! – Tragt Eimer vom Hafen! – Der Balken stürzt! – Flieht! O flieht!«

Der Unterbau von Steinquadern hielt der Flamme stand, aber Dach und Obergeschoß, und vor allem die noch halb mit Getreide angefüllten Kisten brannten lichterloh.

Zwischen klagenden Weibern und rauchgeschwärzten Männern lagen Trunkene, die aufgescheucht mit taumelnden Gliedern weiter torkelten, um mitten im Gewühl hinfallend fort zu schnarchen. In einer Weinlache beim Wachtfeuer lag Bachis, mit offenem Munde, nackt, noch in der Stellung, in der sie den letzten vor kurzer Frist empfangen hatte.

Herbeiströmende Neugierige, von der wolkenhohen Lohe herangelockt, versuchten, in zufällig errafften Gefäßen Meerwasser heranzuschleppen, aber der Brand spottete ihrer mit tausend zischenden Flammenzungen.

Endlich ließen auch die Beflissensten das nutzlose Werk und sahen zu, wie aus Rauch und Qualm die verstörten, mehlweißen Pärchen flüchteten.

Als der Ringer Molos, nackt und vom verunreinigten Mehl noch beklumpt, die nackte Klythia rittlings auf den Schultern tragend, sich unter stürzenden Balken hervorrettete, gab es viele ernste Stimmen, die ihn um der Zerstörung so vieler heiliger Brotfrucht willen anklagten, und es schien fast, als sollten Ordnung und Einsicht Gewalt gewinnen.

Der alte Sattler hatte lange unschlüssig und erregt vor sich hingemurmelt. Jetzt bestieg er ein Fäßchen und stand beschämt, von der eigenen Kühnheit erschreckt, auf der unsicheren Tribüne, und seine arme, alte Stimme versuchte sich verständlich zu machen.

»O ihr Verirrten! Ihr Armen, seht ihr zu, wie euer Vorrat in Flammen aufgeht? Euere Kinder werden hungern, euere Weiber werden betteln! Und bei wem sonst werdet ihr Zuflucht suchen, als bei dem Gesalbten Gottes, den ihr frevelhaft geschmäht habt!«

»Was sagt er? Was will der Alte? Man versteht kein Wort!«

Der Sattler hustete, engbrüstig keuchend, und strengte seine Stimme aufs äußerste an. Da donnerte es allen vernehmbar: »Und die Toten vom Zirkus Konstantin? Und die Opfer nächtlicher Willkür? Und die Zugrundegerichteten, die von Steuern Enteigneten, willst du sie wahrlich vergessen, o Volk von Byzanz, und zu Justinians Füßen winseln um Brot und Gnade?« Murmeln und Geschrei überdröhnend, fuhr Petros Stimme fort: »Bist du aufgestanden, o Volk von Byzanz, um Mehl zu stehlen, Wein zu saufen, Huren zu küssen? Mögen die Alten jammern, es sei Leichtsinn und Frevel, die Vorräte von sechs Tagen in Brand aufgehen zu machen! Ich aber frage, ist dies nicht größerer Frevel, wenn in einer Stadt wie Byzanz nur Korn für sechs Tage sich findet? Ich frage, ist es nicht Frevel, wenn die täglichen Rationen kaum eines Sperlings Hunger stillen können, statt den von Kindern! Ich frage, ist es nicht ein Frevel, daß dieses Haus hier allein brennt und nicht all die Häuser der feisten Fülle, in denen die wohnen, die uns vernichten! Pfui über euch Löwen, die ihr euch noch schläfrig duckt, wenn schon die Stäbe eures Käfigs splittern! Duldet nicht länger euer Joch! Stürzt die Tyrannen! Nieder der Nero von Byzanz! Nieder die Metze auf dem Throne! Steh auf, o Volk, zum heiligen Krieg des unterjochten Knechts – und siege! siege!«

Ein einziger Schrei stieg zum Nachthimmel auf, zugleich mit der Flammensäule, in der das Dach des Kornhauses zusammenbrach. Man riß Brände empor. Halbangekohlte Balken wurden zur Waffe. Brausender Jubel rief Volk aus allen Gassen herbei und ein Zug formierte sich, der schwoll und schwoll wie ein Strom. Und das Wort des Mönches »Siege!« »Nika!« – dies brausende, klingende, flügelrauschende Wort flog wie eine Standarte hin über die betörte, die in Flammen auflodernde, die zu Asche zerfallende Stadt.

47

Der Palast des Callopodius war ihr erstes Ziel.

Aus dem Morgenschlaf durch helle Lohe und das Geheul einer rasenden Menschenmenge geweckt, verteidigte der Präfekt nutzlos sein und der Seinen Leben. Callopodius ward an seiner eigenen Haustür gekreuzigt und sah, ehe er den schweren Tod starb, noch die Reichtümer seiner Vorfahren ans Licht gezerrt, sah sein Weib, das die Unschuld der Tochter beschützen wollte, niedergestochen. Seine Tochter Theodike, wunderschön und zart und schon Braut eines edlen Tribunen, hielten gröhlende Männer an Armen und Knien fest, während Molos sie vor aller Augen und angesichts des Vaters in Besitz nahm, zur Vergeltung für so viele von Patriziern geschändete Töchter des Volkes.

Hierauf wälzte sich der Menschenstrom weiter.

Die nahen Häuser des Quästors und zweier Patrizier wurden dem Erdboden gleich gemacht. Die Edlen hatten just noch Zeit zur Flucht gefunden. Nun warf der erschreckte Senat der Menge Soldaten entgegen.

Aber die zum Unglück fast nur aus Byzantinern bestehenden, zum Wachtdienst verwendeten Cohorten meuterten, als Petros, der Menge ein Kreuz vorauftragend, sie fragte, ob sie Bruderblut würden vergießen wollen.

Nun ward ein Bischof in vollem Ornat abgesandt, den Aufruhr zu beschwichtigen.

Aber diese goldumhüllte Kugel rosigen Fettes ward mit ihren Reliquien zur Seite gerollt.

Dakische Söldner rückten vor. Ein beispielloser Kampf begann. Aus den Fenstern enger Gassen schütteten Frauen Jauche, Pech, kochendes Wasser auf die Soldaten. Von den Dächern verschanzter Häuser flogen Steine herab und wurden von den Dakiern mit Brandpfeilen vergolten.

In allen Straßen häuften sich die Toten. In den Gossen stand das Blut.

Endlich befahlen die Anführer, dies nutzlose Gemetzel einzustellen.

Am Abend ließ der junge Patrizier Pompejus seine Vorratskammern öffnen und bewirtete alle, die nur kommen wollten, in seinen Gärten mit Fischen, Wein und Kuchen.

Er selbst verteilte fünftausend Mäntel an die Ärmsten. Zu Ende des Mahles klagte er schluchzend dem verbrüderten Volke, daß gleiche Tyrannis ihn wie sie bedrücke. Denn sein Bruder Hypathios, der Sprosse kaiserlichen Geblüts, schmachte seit zwei Tagen gefangen im Palaste des Henkers Justinian.

48

Der Basileus stand an der Fensternische des riesigen, roten Empfangssaales, der halb Byzanz übersah. Er stand schon seit Stunden so, die schmalen Hände im Rücken verschränkt, die Schläfe gegen den Porphyrschaft einer aus den Thermen des Hadrian entführten Säule gelehnt, und sah in die Nacht hinaus, die sich mehr und mehr rötete, als stiege die Sonne an vielen Stellen zugleich empor.

Theodora saß, in die finsterste Ecke geschmiegt, das zurückgeneigte Haupt von Kissen unterstützt, mit geschlossenen Lidern.

Das Fell eines mächtigen Eisbären mit goldenen Klauen und beryllenen Augen war über ihre Knie gebreitet. Ihre Hände lagen schlaff und blaß auf dem Tierfell und Antoniana küßte sie unter Tränen.

Belisar, den es nirgends litt, ging in der halbkreisförmigen Apsis von einem der fünf Fenster zum andern, immer wieder hinter Justinian verweilend, um in sein abgewandtes Gesicht zu spähen, worauf er mit Seufzen und Kopfschütteln bekümmert seinen Gang durch die offene Reihe der Säle wieder aufnahm, die von Wachen wimmelten, um von neuem in der Nische zu landen.

Zwischen Wut und Weinen sagte er manchmal von irgendeinem der Fenster her: »Jetzt ist es die Kirche unserer gebenedeiten Maria Theotokos! ... Jetzt sind's die Bäder des Zeuxippos! Das Hospital! Daß sie der schwarze Tod treffe! Die Hunde legen Feuer ans Hospital!«

An den Torbogen gelehnt, stand, ganz in Erz und Gold, Mundus, der Unterfeldherr Belisars, der mit dreitausend kampferprobten Isauriern herbeigeeilt war, die Palastwache zu verstärken. Er sah unentwegt in Theodoras regloses, weißes Gesicht, das ihm eine Krone, eine brennende Stadt und tausend entheiligte Kirchen wert schien.

Theodora schlug plötzlich die Augen auf.

Und seinen fliehenden Blick bannend, winkte sie ihn mit einer schwachen Gebärde zu sich. Er trat nah, bemüht, seine Waffen nicht rasseln zu machen. Er war jung, stark und braun, unter der römischen, köstlich geschmiedeten Rüstung.

»Mundus, kommt es zum Äußersten, so mußt du den Basileus beschützen!« flüsterte sie. Er sah das Weiß ihres Gesichtes zu sich aufgekehrt, ihre Augen dunkelten groß, ihre Lippen regten sich, ein wenig feucht, beim Sprechen.

Ihn überlief eine Welle.

»Meines Herzens letzter Schlag für dein und sein Leben!«

Und da er kniete, streckte sich ein schmaler, seidener Schuh vor, den er mit wirbelnden Sinnen küßte. Theodora schob die Tierdecke fort und stand auf, einen Augenblick auf den Knienden herabsehend. Sein Nacken war braun und stark, das schwarze Haar kurz geschnitten, wie das des Hekebolos. »Antonina, melde unserem Herrn und Gemahl, wir hätten uns zurückgezogen, um den Beistand der Heiligen zu erflehen!«

Und Theodora entglitt, ihre weiten, verrauschenden Gewänder mit so aufrechter und freier Haltung tragend, daß sie viel größer und fürstlich gebietend erschien.

Mundus warf einen Blick nach der Apsis. Der Kaiser stand noch immer reglos am Fenster, die Hände auf dem Rücken verschränkt.

Plötzlich kam Belisar vom nächsten Saal gerannt und schrie, schrie, daß die hohen, überkuppelten Gemächer hallten: »Die Sofienkirche brennt!«

Justinian wandte sich langsam.

Er lächelte mit grauen Lippen.

»Ich habe es soeben gesehen ...!«

Er zog, das Haupt senkend, ein Kreuz, während seine Hand unmerklich zitterte. Sein Blick suchte Theodoras Sessel, der leer war. Er sah nach Antonina.

»Die Basilissa befahl mir zu berichten, daß sie zur Ruhe gegangen sei ...« sagte Antonina, wie immer stotternd vor Angst, wenn der Kaiser sie ansah. Justinian wandte sich. »Der Kämmerer!« gebot er. Der Goldschild dröhnte unter Mundus Hand und Ventidius trat ein.

»Narses!« befahl der Basileus.

»Vergib, Erleuchteter, der Großschatzmeister ist, von einem Anfall seines alten Leidens überrascht, nach einem seiner Landgüter gereist ...!«

»Johannes von Kappadokien!«

»Der Quästor hat, durch die Erregung der letzten Tage in seiner Gesundheit erschüttert, es vorgezogen ...«

»Tribonianus!« unterbrach Justinian. Und als Ventidius, immer verwirrter, sich von neuem verneigte, sogleich: »Prokopius!«

»Prokopius von Cäsarea, o Erlauchter, ward von dir selbst nach Kleinasien beurlaubt.«

Der Kaiser winkte Entlassung.

Er schritt in dem großen Gemach auf und ab.

Plötzlich, just an Belisar vorübergegangen, warf er über die Schulter zurück: »Und du?«

»Was meinst du, mein Gebieter?«

»Wann wirst du den Anfall eines alten Leidens erleben oder dich von mir nach Kleinasien beurlauben lassen? Was?«

»Ich? – nie! O, nie! mein Fürst, mein Stern, mein angebeteter Herrscher!« rief Belisar, hinter Justinian hertrottend und die Tränen rannen über sein bärtiges Gesicht.

Aber schon war der Basileus in die benachbarte Hauskapelle eingetreten, und im Betpult kniend, barg er das Antlitz in den gekreuzten Armen.

49

Am nächsten Tage trugen berittene Fanfarenbläser die große Kunde durch ganz Byzanz.

Der Basileus selbst wolle von dem Kathisma des Zirkus zu seinem Volke sprechen.

Eine unabsehbare Menschenmenge preßte und drängte sich auf den steinernen Stufen des Hippodroms. Es war still wie zur Stunde des schlafenden Pan, da der Basileus, nur von Belisar und Mundus begleitet, aber im Schmuck der Majestät, die Tribüne betrat.

Der scharlachne Herold begann die kaiserliche Rede vorzulesen, während Justinian aufrecht und stumm verharrte. Er hatte die gesenkten Lider, das gefrorene Lächeln einer Bildsäule.

Es waren Worte der Gnade, der Verzeihung, des Vergessens, die des Herolds helle Stimme in den unendlichen Raum warf.

Johannes von Kappadokien ward der Quästur, Tribonianus des Prätoriats verlustig erklärt und durch die wohledlen Basilides und Phokas ersetzt, zwei Männer an deren Namen kein Makel haftete.

Die helle Stimme schwieg. Keine Hand rührte sich. Der Basileus wartete steif und reglos. Nur seine Rechte umkrampfte fester das goldene Zepter.

Plötzlich entstand Bewegung in den vordersten Reihen und die dichtgekeilte Menge gab einem langen Manne Raum, der sich mit seinem grünumwickelten Packen bis zum Kathisma durchdrängte. Und mit zärtlichem Lächeln und Nicken schlug der Irre die Falten auseinander und bot dem Basileus auf beiden Armen den verwesten Leichnam seines elfjährigen Knaben dar, den sie zertrampelt hatten.

Der Kaiser, der an eine jener beim Landvolke üblichen Huldigungsgaben von Früchten und Blumen gedacht hatte, fuhr schaudernd zurück und hielt den weiten Ärmel vors Antlitz.

Da gellte von den höchsten Rängen her eine Weiberstimme: »Stinken dir vielleicht unsere Leichen zu sehr, du Henker?« Geheul brach aus und das Zischen füllte wie Orkan die Luft. In einem Nu starrte das Kathisma von den Klingen isaurischer Waffenträger und die beiden Feldherrn sprangen vor, des Kaisers Rückzug zu decken.

Aber Barcas und zehn, zwölf seiner Gesellen hatten von der Arena aus den Weg durch den langen Gang genommen, und mit Hohngelächter sahen die Empörer den Kaiser und seine Leibwache umringt.

»Ich hätte nie gedacht, daß das Ende so aussähe!« murmelte Belisar.

»Kerls! Schaut sie euch nur an!« brüllte Molos, »die bedrecken sich ja ihre goldenen Hemdchen vor Angst!«

Ein brausendes Gelächter folgte.

Im gleichen Augenblick reckte sich Justinian hoch empor. Und in einer niederwerfenden Gebärde voll Grimm und ererbter Hoheit das Zepter gegen die Menge ausstreckend, rief er, allen hörbar, mit seiner hohen, eisigen, feindlichen Stimme: »In die Knie!«

Einen Augenblick herrschte weites Schweigen. Dann sklavisch von der Gewohnheit anbetenden Gehorsams überwältigt, sanken sie aufs Angesicht, während der Basileus ohne Eile auf seinen gemmengeschmückten Kothurnen durch ihre hingeworfenen Reihen schritt.

50

Der Zirkus des Konstantin war die Feste, das Lager der Aufständischen geworden, und in der Taverne der schwarzen Rachel verbrüderten sich Grüne und Blaue hinter vollen Bechern. Noemi, die schwere Weinkrüge kelleraufwärts schleppte, hörte die Verbündeten immer neue Glücksnachrichten mit tosendem Jubel begrüßen.

Drei Getreideschiffe aus Ägypten lagen im Hafen! Die Strafhäuser waren erbrochen und die gefesselten Brüder befreit! Der Portikus des heiligen Palastes brannte, zugleich mit so viel anderen Palästen, daß an ihrer Beute Bettler zu reichen Schwelgern geworden waren!

Und Hypathios war mit Waffengewalt befreit! Hoch unser Hypathios! Heil unserem guten Hypathios! – Hatte er nicht mit eigenen Händen den Befreiern all dies Gold zugeworfen, das nun so reichlich auf Rachels Schenktisch gestreut ward?

Mal um Mal huschte Noemi mit der übervollen Geldschale hinauf, sie der Mutter zu bringen.

Die schwarze Rachel war, als sie in der Nacht des Lagerhausbrandes ihre übergroße Getreidebeute nach Hause schleppte, überfallen worden, wie fast alle gleich Glücklichen, und lag nun, mit einer schweren Messerwunde, fiebernd zu Bett.

Sie wußte ihre Tochter mit der faulen und lüsternen Magd allein unter einer Horde Trunkener, deren Johlen bis in ihre Kammer drang, und bedrohte Noemi, von Ängsten gefoltert, mit allen Flüchen der Hölle, wenn sie sich von einem der »Goijim, der Räuber und Wegelagerer« verführen lassen würde.

In Noemi gefror das Blut. Ein Lächeln auf ihre fahlen Lippen zwingend, sagte sie: »Die Mutter soll sich nicht so um mich sorgen, die Mutter soll gesund werden!«

Sie strich die Decken glatt und schlich mit versagenden Füßen hinab. Dumpf und rollend scholl das Brüllen der Zirkustiere herüber, deren man in den Tagen des Rausches vergaß.

In der Schenkstube saß Klythia auf des jungen Zimmermannes Knien. Noemi stand im düstern Flur an die Tür gelehnt, die halb offen geblieben war – und all ihr Leben lag in den großen, schwarzen Augen, die an dem Liebsten hingen. Er hielt den Kopf in den Nacken zurückgebogen und Klythia goß Wein in seinen weitoffenen Mund. Die frische Stirnnarbe glühte. Noemi kannte den Blick, mit dem er zu Klythia aufsah. Sie litt. Einen Augenblick schloß sie die Lider und träumte sich, wie damals, schwindelnd getragen und auf rieselnd Samtiges, Weiches gebettet, Laute der Lust im Ohr – seine – ihre – die der Menge ...

Drinnen polterten Fäuste auf die Tische und fluchende Rufe nach Wein übertönten das stete Gezänk und Gelächter.

Noemi mußte alle Willenskräfte zusammenraffen, bevor sie den Trinksaal betrat. Der Atem versagte ihr, da der Dunst von sauern Weinresten, sauerem Schweiß, kaltgewordenem Bratensaft, von Feuerrauch und von Übelkeiten Besoffener ihr entgegenschlug. Sie senkte die Lider und stieg, die Zunge im Lippenwinkel, mit dem Herzklopfen unsinniger Angst, über die Beine von Trunkenen, über Pärchen, die sich aneinander gütlich taten, wich einer schweren Trinkschale aus, die von der unsicher gewordenen Hand eines Eifersüchtigen geworfen, den Schädel eines Glücklicheren verfehlt hatte. Sie fürchtete sich vor den Straßenhunden, die, stete Gäste, knurrend das drohende Gebiß wiesen, wenn Noemi sie beim Genuß von großmütig zugeworfenen Hammelkeulen störte, sie fürchtete sich vor den Händen, die nach ihr haschten, vor Bachis, die sie verhöhnte, vor Molos, der brüllte: »Judenbankert, räudiger, wird's bald? Wo bleibt mein Wein?« – »Das arme Kind muß uns ganz allein bedienen!« sagte Petros sanft grinsend, und haschte einen ihrer schweren Zöpfe. Sie schenkte aus kameengeschmückten hochhenkligen Goldkrügen, die beim Kampf um die Beute verbeult worden waren, den schwersten Sizilier in Kelche, deren kristallene Glätte von frischen Sprüngen durchzogen war. Und sie, die Andersgläubige, bebte, als sie Molos den dargereichten Abendmahlkelch füllte, den er aus einer der brennenden Kirchen geraubt hatte.

»Hör einmal du!« sagte der Schmied und legte mit gestreckten Armen beide Fäuste vor sich auf den Tisch, zwei riesige, rote Schmiedehämmer. – »Ich war bei dem Bubenstück nicht dabei, sonst wär's nicht geschehen, so wahr ich Barcas vom Lagerhaus bin! Und du wirst auch jetzt nicht deinen dreckigen Schweinsrüssel da drinn baden, oder man soll deine Knochen erst zusammenlesen! Das da kommt in eine Kirche zurück. Hast du mich verstanden?« – Das war die längste Rede, die von Barcas je vernommen worden war.

Molos fuhr, wie eine Katze fauchend, empor, mit speichelndem Mund.

»Was?« keuchte er, und suchte wie rasend die Männer abzuschütteln, die ihn hielten. »Du Hundsfott du, du willst mich beschimpfen? Du willst mich lehren, was ich zu tun habe? Komm an, wenn dir was nicht recht ist, du schwabbernder Talgklumpen, du Aas von einem Nilpferd, du ...« Da stand Barcas langsam auf und schob den Schemel zurück. An allen Tischen entstand Bewegung. Selbst Trunkene und Verliebte taumelten auf.

Barcas hob seine unwahrscheinliche Hand, besah sie einen Augenblick nachdenklich, spuckte hinein und sagte, mit seitlichem Ruck seines Kopfes: »Na, komm an!«

Plötzlich sprang ein Mann, den keiner kannte, auf den Tisch. Er war klein, mager und trug die Tracht eines Gerbers. Er hetzte, laut klatschend, wie in der Arena: »Drauf! Hussah! Triff ihn!«

»Ruhe!« donnerte plötzlich Petros Stimme. »Ruhe hier! Wer Händel sucht, fliegt hinaus. Gibt es keine Tyrannen mehr, daß ihr euch selber bekämpft, Männer des Sieges?«

Barcas wischte gehorsam seine Hände am Schurzfell ab und setzte sich, verlegen wie ein Knabe. Stimmen wurden laut: »Recht so, Petros! Ruhe beim Wein! Habt ihr denn noch nicht genug? Ruhe da vorne!«

Molos knurrte wie ein vom erlegten Wild fortgepeitschter Jagdgepard. – Er blickte um sich, die Mehrheit war wider ihn. Er setzte sich, Barcas den Rücken zugewandt. Klythia auf seinen Schoß reißend, entpreßte er, ein zornmütiger Bewerber, der Rothaarigen gelle Schreie.

Noemi war, sowie der Streit begann, zur Tür geflüchtet. Da sie sich nun wieder in den Saal wagte, rief der fremde Gerber sie heran, schmiß ungezähltes Geld auf den Tisch und bestellte zwei Krüge Roten für sich und seinen Gefährten, einen baumlangen Neger mit weißen Zähnen und Augäpfeln, der stumm und breitlippig grinste.

Der Gerber nahm seinen Krug und rief zum Tisch der Führer hin, ob es erlaubt sei, mitzuhalten, hier ziehe es so stark vom Flur her. Da Barcas nickte, bestellte der Fremde »für alle die Sehrwürdigen Wein vom Besten«.

Er schien ein Spaßvogel und freundlicher Gesell, aber Petros unterbrach seine Schwänke jäh und fragte, den langen Hals lauernd vorgestreckt: »Sag einmal, wo hab ich dein Antlitz schon gesehen ...?«

Der Fremde bog sich zurück. – »Stimmt! Stimmt!« sagte er. »Auch ich hab dich erkannt. Du bist der heilige Mann, dem mein Vater gestern zur Frühzeit das Bettgeschirr über der Glatze ausleerte, weil er uns die Häute vom Trockenrahmen stehlen wollte. Aber es tut nichts Bruder, sollst leben!« Und ins Gelächter brüllend, forderte er: »Wein her! Wo bleibt der Wein für die sehrwürdigen Herren hier? Holla!«

Noemi huschte mit geleert klappernden Krügen in den Flur hinaus und rief vier-, fünfmal nach der Magd.

Jäher Zorn erfaßte sie, da niemand antwortete.

Sie lief, rufend, dem Weinen nahe, durch Garten und Stall, und eilte endlich den Gang hinab bis zu dem Verschlag, in dem die Magd hauste. Sie legte schon die Hand an die Brettertür, da horchte sie auf und fuhr zurück, als hätte sie sich verbrannt. Immer dies und immer wieder dies! Sie schlich in den Flur zurück, nahm die große Amphore, Lämpchen und Schlüsselbund, um selbst den Wein zu holen. Plötzlich rief die Mutter grell von oben her, und drinnen trommelten zu gleicher Zeit wüste Fäuste auf die Tische. Noemi begann, auf der Kellertreppe hockend, hilflos zu schluchzen, zu wimmern, bis ihr der Atem fehlte. Sie stopfte die grobe, weinfleckige Schürze in den Mund, um nicht zu schreien.

Eine Hand legte sich auf ihren zuckenden Rücken. Aufschauend sah sie in Petros Gesicht.

»Warum weinst du, mein Kind? Wisse, daß ich – durch angeborene Natur, wie durch heiligen Beruf mein Glück darin sehe, der Beladenen Tränen zu trocknen! Weinst du, weil die Last zu vieler Arbeit dich überwältigt? Obgleich ich ein Priester bin, würde ich keine Schande darin sehen, mit dir in den Keller hinabzusteigen, um dir die Krüge zu tragen. Warum weinen so liebe Guckäugelchen?« flötete er, und seine schmutzige, feuchte Hand griff ihr unters Kinn. »Was kränkt dies kleine, runde Herzchen?«

Noemi stieß seine immer kühnere Hand so hart zurück, daß der Priester fast zu Falle kam. Sein Antlitz verzerrte sich und sie zitterte vor seinem Blick.

Aber im nächsten Augenblick stieß Petros die Luft scharf durch die Nüstern und legte mit ergebenem Lächeln die Hände übereinander.

»Warum, o meine Tochter, weisest du hochmütig den Beistand derer ab, die väterlichen Anteil nehmen an deiner armen, umwölkten Seele?

Siehe! Ich bin es, der mit den Leidenden mitweint und mitlächelt bei fremden Freuden, ob ich freilich es ziemlicher fände, diese Freuden im verschlossenen Ehekämmerlein zu genießen, als zwischen Mehlsäcken, auf dem menschenwimmelnden Platze des Verkehrs, schamlos wie Fliegen sich zu paaren, oder wie Hunde öffentlich Geilheit zu treiben! Wahrlich, o Tochter Judas, wo waren die Lehren mütterlicher Zucht, wo war deine magdliche Scheu geblieben, als du hingingst und hurtest vor aller Augen! Wehe! Es liegt Schmach auf dir, wie Aussatz und Schande, wie eitrige Beulen schwarzer Pest, daß die Unbefleckten dir ausweichen werden wie einer Gefahr, und vor dir ausspeien wie vor Ekelerregendem! Wehe dir und mir, dem Mitwissenden, den die innere Stimme antreibt, deiner armen, betrogenen Mutter die Augen zu öffnen, daß sie dir ein Halt werde auf abschüssiger Bahn! Aber mit solch gerechten Gefühlen streitet die Furcht, die Furcht, die Kranke sterben zu sehen an dem Gifte solcher Nachricht, dich verfluchend mit letztem Atem! ...«

Noemi rutschte auf den Knien zu ihm hin, sie hob die gerungenen Hände auf, hauchte »Nicht!« und fiel in sich zusammen, ein wehrloses Spielzeug seiner lang vorbedachten Wünsche.

Die Mutter schrie jählings oben gellend »Noemi!« als ahne sie, was geschah.

Wenig später scholl Mordgeschrei durch die Schenke. Molos stak ein langes Messer im Nacken. Keiner der Berauschten konnte sagen, wohin die fremden Mörder entkommen waren.

51

Theodora saß vor dem Silberspiegel, den grellroten Mantel von Schleierstoff weit auseinander fallend über dem nackt hingelehnten Körper, und wärmte die bloßen Füße an einem Kohlenbecken.

Eine einzige Sklavin bediente sie, eine Perserin, jung, schön und traurig, der Kaiserin von Belisar geschenkt. Sie hielt einen aus Sandelholz geformten schmalen Doppelbogen auf Theodoras Nasenwurzel fest und zog mit zarten Pinseln die Augenbrauen über der Holzform nach. Plötzlich ward die Tür so heftig aufgerissen, daß der erschrockenen Sklavin ein Pinselchen entfiel und sein Türkisstiel zerbrach.

Theodora sah im Spiegel Burbos Bild, wie er an der Wand lehnte, taumelnd, schweißbedeckt, atemlos, im vielfleckigen Schurz und den Fellschuhen des Gerbers, und sie fragte, sich halb wendend: »Also?«

Burbo sank in den nächsten Stuhl; Hofregeln galten nicht für ihn.

»Molos ist besorgt!« keuchte er, »Ach, ich bin halbtot!«

»Warum nicht Petros?« fragte Theodora unzufrieden. Burbo fuhr empor, zornrot nachäffend: »Warum nicht Petros! Tu du's selber, da du so klug bist! Ich hab es satt, mein Leben Tag und Nacht zu Markte zu tragen und nicht einmal guten Gruß zu erfahren, wenn ich heimkehre!« Theodoras Gesicht veränderte sich zu einem strahlenden Lächeln. Sie entzog sich der Perserin, streckte, vorgebeugt, die Hand aus und strich Burbo das feuchte Haar aus der Stirn: »Ich weiß, du bist treu«, sagte sie. »Also sind wir zumindest den Einarm los!«

»Dieser Petros hat soviel Augen wie Argus Anoptes!« brummte Burbo. »Ich dachte ihn bei seiner kleinen Jüdin beschäftigt genug, und Ukris Messer sollte ihm den Brautschlaf segnen, aber nein, er war schier als erster hinter uns her!«

»Wie lange sparst du dir die Nachricht von Hypathios Krönung auf?« unterbrach Theodora ungeduldig.

Burbo sprang empor und starrte ihr ins Gesicht.

»Woher weißt du das? Ich kam allen seinen Spähern zuvor!« und er deutete mit einer Kopfbewegung nach Justinians Gemächern.

»Ist es also geschehen?« murmelte Theodora erschrocken. Aber sie faßte sich sogleich und fuhr fort. »Ich wußte, daß es kommen würde, da sie ihn befreiten! – Wann?«

»Vor einer Stunde kaum!«

»Wer krönte Hypathios?«

»Petros!«

Theodora schlug mit der geballten Faust auf die Sessellehne. Nach einer Weile fragte sie.

»Jubelte man?«

»Mein einziger Trost waren die Schiffe im Palasthafen! Hättest du die Tausende und Abertausende, die Hypathios huldigten, nach Justinians Verbannung und deinem Tode brüllen hören, du hättest gebebt wie ich!«

»Möglich! – Der Kamm drückt mich, Mizrah! Waren Soldaten dabei?«

»Sie hoben ihn auf ihre Schilde. Er hat all seine Kohorten zusammengezogen.«

»Ich sagte Justinian lange, es sei Wahnsinn, ihm den Oberbefehl zu lassen! Hast du Isaurier darunter gesehen?«

»Nein!«

»Dakier?«

»Nicht einen Helm!«

»Sehr gut! Legten sie ihm Purpur und Krone an?«

»Als das Diadem fehlte, riß Petros der Klythia das Halsband vom Nacken und wand es um Hypathios Stirn!«

Theodora stand und ließ sich das Unterkleid vorsichtig übers Haar streifen.

»Burbo, der Mönch muß mein werden!« sagte sie. Reglos verharrend, während Mizrah die Kleidhaken schloß, sah sie vor sich hin und ihr Gesicht ward hart unter gerunzelten Brauen.

»Gib mir die Schmuckschale!« sagte sie. Sie entnahm ihr einen Ring. »Dies wirst du ihm bringen und ihm sagen: ›Liberius, der Theodora diente, ward Bischof von Nikomedia. Dient Petros ihr, wird er Patriarch von Ravenna!‹«

»Liberius!« schrie Burbo auf. »Ich vergaß es dir zu melden. Vor zwei Tagen, als ich mich spähend durch das Gedränge schlug, hörte ich inmitten eines Menschenknäuels eine Stimme jammern. Ich dachte, sie schändeten eine patrizische Matrone oder einen Senatorenknaben. Aber die Stimme rief deinen Namen, da ward ich aufmerksam. Als ich mich durchgedrängt hatte, sah ich ihn, Liberius, halbnackt, fahl, gealtert, blutbesudelt, ich erkannte ihn kaum. Und er schrie wie gepfählt, während die Menge mit offenen Mäulern lauschte und sich gar nicht genug tat im Bekreuzigen. Ja, er sei der Hölle verfallen, denn er habe mit dem Dämon der Wollust selbst gebuhlt und der Dämon seist du. Und seit er dich genossen, habe ihn, obwohl er früher von Weibesliebe sich abgekehrt, eine nie zu stillende Fleischesgier erfaßt, und wenn er sich auch anklagen müsse, in ungezählte Frauen sich verströmt zu haben, keinmal mehr sei ihm ein tausendstel jener Lust widerfahren, von der dein Schoß wie sengendes Feuer brenne!

Aber nicht nur dieser fleischlichen Sünden klage er sich an, um derentwillen er faste und seinen Leib mit Dornen zerreiße ...« »Schade, er war schön, der Narr!« sagte Theodora. »Weiter!« »... sondern es seien kirchliche, unabbüßbare Sünden, die laut zu bekennen er hier sei. – In jener Nacht, als der Dämon Theodora sein Blut zu brennendem Pech der Hölle gewandelt habe ...« »Vigilius freilich hat es lauer fließen machen!« lächelte Theodora ... »ja, also in jener Nacht habe der gleiche Dämon auch seine widerhakigen Krallen nach Justinian ausgestreckt! ...« »Die Trauung?« fragte Theodora rasch, scharf, zornig. »So höre doch. – Du habest den Kaiser, der bis dahin unbefleckt vom Weibe gewesen wie er selbst, durch Zauberei in dein Haus gelockt. – Er zerriß seine Lumpen, raufte sein aschebestreutes Haar und gestand schluchzend, du habest ihn bewogen, im Kleide eines dritten, bischöflichen Buhlen, den Kaiser zu überstürzter Eheschließung zu drängen ...«

»Und das vergaßest du mir zu melden? Nimm Ukri und töte den Tropf!«

»O, du ahnst es ja nicht! Er stand da und schrie: ›Steinigt mich! Steinigt mich! Auf daß die Gnade des Martertodes mir den Himmel rette!‹ – Und als ich ihn so hübsch bitten hörte, nahm ich einen Stein, einen wackeren Ziegel und schmiß ihn ihm mitten aufs Maul. Die Menge ward, als sie Blut roch, so wild wie unsere lieben Löwen von einstmals. Bei jedem Stein, mit dem sie Liberius eine Himmelsstufe emporhalfen, johlten sie: »So soll es ihr ergehen, der Hexe, der Ketzerin, der Arianerin!« – – Theodora hatte kaum mehr gehört.

»Er hatte den Scheitel mit Asche bestreut, sagst du? – Was für Einfälle den Mönchen beikommen ...! Mizrah, gib mir doch einmal das Räucherbecken!« Sie zog das schwarze Schleiertuch vom Haar, nahm mit spitzen Fingern Asche aus dem Goldbecken und ließ sie wie Reif auf ihren Scheitel fallen. »Genug!« sagte sie vor dem Spiegel. »Leg mir den Schleier wieder um! Vorsichtig, es fällt ja alles ab! – So! – Handwasser! Burbo, du gehst sogleich zu Petros. öffne die Türen. Ist Antonina hier? Im Namen Gott Vaters und des Menschensohnes!«

52

Die elfenbeinernen Torflügel taten sich lautlos auf und die Kaiserin betrat den Thronsaal, von Antonina und dreien ihrer Frauen begleitet.

Alle Anwesenden erhoben sich vom Sitz, den kaiserliche Gnade ihnen verstattet hatte, und fielen aufs Angesicht.

Nur Justinian und Vigilius blieben stehen.

Die Kaiserin durchmaß langsam die Weite des Saales. Sie hielt das Haupt unter dem dichten Schleiertuch gesenkt und erhob es auch nicht, als sie die Thronstufen erstieg und zur Rechten Justinians Platz nahm. Als alle sich aus der Anbetung erhoben hatten, sah Justinian im Kreise umher.

Ein kleines Häuflein, arm, ratlos sich zusammendrängend, in diesem endlosen, überkuppelten Raum, der einst gedemütigte Gesandte fremder Völker gesehen hatte, besiegte Könige von entrissenen Ländern und tributpflichtige Barbarenfürsten.

Justinian klopfte regelmäßig mit dem Knauf des Zepters in die unruhig nach ihm haschenden Finger der linken Hand.

Ehe er zu sprechen begann, lächelte er. Die senkrechten Falten, die das Lächeln zog, waren neu.

»Wir haben unsere gottgeschenkte Gemahlin Theodora, unseren hochheiligen Seelenhirten, unsere Räte und Freunde, die, leicht zählbar, uns im Ungemach noch verblieben sind, berufen, um Rede wie Gegenrede in Sachen unserer Abreise von Byzanz zu vernehmen, ehe unsere Göttlichkeit eigenen Willensschluß verkündet. Bevor wir unserem geistlichen Berater das Wort als erstem leihen, wollen wir den Herrn aller Geschicke um Erleuchtung anflehen!«

Justinian faltete die Hände über dem Elfenbeinzepter und verharrte einige Augenblicke mit gesenktem Haupt, reglos, während alle, auch Theodora knieten.

Als der Kaiser die Hände löste, bekreuzte man sich wie er und nahm die Sitze wieder ein.

Vigilius' rosigglattes Gesicht unter der Mitra war von tiefstem Kummer beschattet. Seine Stimme troff wie Honig.

»Eines ungeratenen Kindes Verfehlung, ach, wie trifft sie schwer ein liebendes Vaterherz! Dir aber, Basileus, waren des weiten Byzanz Bewohner alle wie Kindlein, die du an den Busen drücktest. Du liebtest die da sündigen, weil sie nicht wissen, was sie tun. In dein Antlitz ist geheimer Schmerz gegraben ...« Justinians Augenbrauen hoben sich hochmütig abwehrend, aber das festgefrorene Lächeln lag noch immer auf seinem Mund ... »Doch glaube mir, wie eines Kindes Seele sich schnell vom Bösen abkehrt, so werden auch diese Verblendeten reuig zu dir zurückfinden. Bis dahin, o Gesalbter Gottes, verlasse diese Stätte des Aufruhrs, auf daß das Leid nicht deine Gesundheit gefährde! Vertraue dem Herrn, von dem es da heißt: »Du bist mein Hammer, meine Kriegswaffe, durch dich zerschmettere ich die Heiden!« Meine Segenswünsche werden dich begleiten, meine Gebete deiner freudigen Rückkehr gelten!«

Justinian neigte das Haupt, da der Patriarch segnend die Hände über ihn ausstreckte.

»Freund Belisar?« befahl Justinian, mit dem Zepter deutend. Der Feldherr sprang klirrend auf. Antonina ward rot. Sie blickte, den Mund leicht geöffnet, bald ihn, bald die Zuhörer an und ahmte manchmal, ohne es zu wissen, die schweren Gebärden seiner Rechten nach.

»Basileus! Wenn du deines treuen Dieners Meinung zu erfahren begehrst, aufrichtig und ehrlich, als Soldat und Mann – ich bin fürs Segeln! Dieses Lumpengesindel, diese Gaunerbande! Ich mag die Verantwortung nicht tragen! Ich bin kein Redner ...«

Vigilius bezwang ein feines Lächeln, das Belisar nicht sah, wohl aber Antonina. Sie räusperte sich und der Feldherr wandte sich ungeschickt halb nach ihr, verwirrte sich und schrie sehr laut und zornig: »Ich bin fürs Segeln!« Worauf er sich geräuschvoll niedersetzte.

Der Quästor Basilides begann seine Rede und Justinian sah aufmerksam in sein dickes Gesicht, das ihm mit Ehrlichkeit angefüllt schien wie ein Sack mit Mehl.

»Es geziemt mir, Allgnädigster, dir nicht die Gefahren zu verbergen, denen wir entgegengehen. Schon einmal hat das Volk, das selbst der Kirchen nicht schont, Brand an den heiligen Palast gelegt, wenn auch nur an dessen Portikus. Auch ist es klar, daß der Empörer Hypathios, seine Macht zu stärken, immer neue Angriffe gegen dein gesalbtes Haupt ersinnen wird. Meine neue Amtsgewalt jedoch reicht nicht hin, eine trunkene Horde zu bändigen. Auch droht Hungersnot. Die Getreideschiffe bleiben aus, da die alessandrinischen Handelsherren befürchten, die schon einmal von ihnen erlittene Plünderung und Meuterei sich wiederholen zu sehen. Ich flehe also deine Göttlichkeit an, nicht das nächste, ungewisse Schicksal dieser Stadt zu teilen und die Beruhigung der freventlich entflammten Gemüter abzuwarten!« Des Kaisers Blick überflog die greise Ratlosigkeit der ringsum lauschenden Senatorengesichter.

»Mundus!« befahl er plötzlich.

Der Unterfeldherr bog sein Knie. Fackelglanz spielte auf der figurengetriebenen Rüstung, des Helmkammes schwankender Schatten lag über dem gebräunten Gesicht.

»Zwei Segler, der ›Meerpfeil‹ und die kaiserliche Trireme ›Leukothea‹, halten im Palasthafen. Waffen und Proviant für Wochen sind an Bord sowie alles für der göttlichen Kaiserin Aufenthalt Notwendige!«

»Für Wochen!? Unsinn!« polterte Belisar. »Es ist doch nicht mehr als eine gewöhnliche Lustfahrt an der asiatischen Küste hin, Basileus! Nach acht Tagen kehrst du heim und die Byzantiner empfangen dich rosenstreuend!« – Justinian wandte sich jäh von ihm ab zur Seite. Von neuem mit dem Zepter in die erregt spielende Linke schlagend, fragte er: »Welcher Ansicht ist unsere gottgeschenkte Gemahlin?«

In dem Augenblick, da er sie anredete, riß Theodora das Schleiertuch ab. – Justinian zuckte zusammen. Er sah die Asche auf dem glatten Scheitel. Er sah, daß ihr Kleid das der tiefsten Trauer war, und sie weder Schmuck noch Krone trug. Die Augen geschlossen, die Fäuste geballt, stieß sie keuchend hervor: »Lieber sterben, als Byzanz verlassen!«

Der Schrei hallte in dem leeren Saal.

Theodora tat die Lider auf und sah in Justinians Gesicht. Es war nicht mehr müde, nicht mehr versteint und hatte aufgehört, zu lächeln. In den Augen, die rot umrändert waren von der schlaflosen Sorge so vieler Nächte, lag der gleiche Blick wie damals, da sie seine Krone begehrt hatte.

Er schluckte schwer und sagte leise: »Sprich!«

Sie breitete die Arme aus, aufgebäumt, als böte sie Schwertern ihre Brust. »Kannst du in der Verbannung leben, Justinian, ohne Volk, ohne Reich, ohne Purpur? Es gibt keine Wiederkehr nach solch feigem Verrat an deiner Pflicht, an deiner Würde! Flieh wohin du willst, das Meer ist offen! Ich aber flehe den Himmel an, mich den Morgen nicht schauen zu lassen, an dem ich nicht mehr mit dem Titel einer Kaiserin gegrüßt werde! Gibt es kein anderes Mittel, mein Leben zu verlängern, als die Flucht, so will ich, daß dieser Thron mein glorreiches Grab sei!«

Und sich mit beiden Händen hart an die Lehne klammernd, sank sie zurück, tiefatmend, die Augen voller Tränen. Es blieb totenstill.

Da rief Mundus, das Schwert aus der Scheide reißend: »Basileus! Müssen wir Soldaten noch länger uns von einem Weibe beschämen lassen?«

Justinian riß den Blick von Theodoras Antlitz los.

»Nachdem wir Rede wie Gegenrede vernahmen,« sprach er ruhig und klar, »verkünden wir, Justinianus von Byzanz, unseren vorgefaßten Willen und Entschluß, in Byzanz zu verharren, was immer das Schicksal der Stadt auch werden mag!« Er begann langsam die Thronstufen hinabzusteigen. Belisar kniete umständlich vor Theodora nieder. Tränen liefen ihm in den Bart: »Ich habe dich immer verehrt, Basilissa!« sagte er, »bin dir allzeit ein treuer Diener gewesen! Aber dies vergesse ich dir nie! Und ich schwöre dir, bei der Mutter Gottesgebärerin, ich lege dir Byzanz zu Füßen und des Hypathios Haupt dazu!«

Theodora neigte sich mit strahlendem Lächeln und bot ihm die Fingerspitzen zum Kuß.

Schmal und braun schlüpfte Burbo an ihre Seite und raunte kaum vernehmbar: »Petros wartet in deinem Gemach.«

53

Noemi öffnete behutsam die Brettertür des Ziegenstalles. Als die rostigen Angeln knirschten, hielt sie lange erschrocken still, aber es kam niemand. Sie schlüpfte gebückt aus dem warmen Tierdunst ins Freie. Das Zicklein, das sie während der angstvollen Stunden liebkost hatte, steckte blöckend den Kopf aus dem Spalt und sie mußte es streichelnd zurückdrängen, ehe sie die Tür schließen konnte. Noemi schlich um das Häuschen des Sattlers herum. Es lag dunkel und still. Die halbverbrannten Dachpfeiler ragten nackt in die Luft. Wie der Alte in der dachlosen Kammer frieren mußte!

Sie nahm das Kettchen vom Halse, daran ein goldener Davidstern hing, schloß es behutsam wieder und legte es unter das lose Seitenbrett der Türschwelle, wo der Alte morgen früh den Schlüssel verwahren würde, ehe er zur Arbeit ging. Er kannte den Schmuck. Noemi hatte ihn schon getragen, als sie, noch über ihr langes Sabbatkleidchen stolpernd, herübergelaufen kam, um sich vom Nachbar Sattler Honignüsse und Datteln zu holen. Noemi streichelte die Schwelle. Sie richtete sich auf, zog erschauernd den Umhang zusammen und ging im ungewissen Morgendämmern durch das Gärtchen hin. Sie hatte nur erst wenige zaghafte Schritte getan – – da war es! – – Sie sahen beide nicht anders aus, als schliefen sie. Die Waffen glitzerten wie Wasser. Noch einer! Das Gesicht noch so jung unter dem Helm, der Mund wie zum Schrei offen! Und hier Lenaps – o, der arme Hund, der brave Lenaps, er hatte seines Herrn Haus verteidigt und sie schnitten ihm die Kehle durch ... Hier wieder – drei – vier – fünf Tote! Der Zaun umgelegt! Kein Schenktisch ganz. Der Kies glitzrig von kostbaren Scherben – von zerbrochenen Waffen, von Lachen Blutes! – o! nicht hineintreten! Und hier links – und dort drüben und da wieder, ganze Haufen, ganze Knäuel von Leichen! – – Nur nicht fallen und mitten in solch ein Gesicht greifen, in die offenen, gebrochenen Augen! – Mutter! Dir hab ich sie doch noch zugedrückt! Vielleicht hätte ich es gar nicht gedurft, – da meine Hände nicht rein sind, da ich nicht rein bin! Lieber Gott, laß ihre Seele in die Seligkeit eingehen, auch wenn eine Sünderin ihre Augen zugedrückt hat! – Wer hat da gestöhnt? – entsetzlich. – Wenn es ein Verwundeter ist, muß ich helfen ... Es war wohl nichts. Die Gewappneten sehen nicht so schaudervoll aus! Aber die Überraschten, nackt von Rausch und Lust her ...! Sie schillern ganz bläulich, wie Meergespenster ... Wem sie in den Nacken faßten, der stürbe vor Entsetzen.

Nicht ohnmächtig werden, nur nicht hier, zwischen Leichen und Gespenstern. Weiter! Ich muß zu Mutter! Ob sie sich gefürchtet hat, allein im Haus, da die Männer kämpften? – Ich werde wahnsinnig! Ich weiß ja, daß Mutter schon vorher tot war. Ich hab noch das Gefühl von ihren Lidern in den Fingerspitzen. Heiliger Gott! Barcas! Sie haben ihn mit dem Speer an den Türpfosten angeheftet wie einen Käfer! Aber – wo ist denn die Tür? Da war doch – ein Gang – eine Treppe. – Mein Gott steh mir bei! Alles niedergebrannt! Alles! Nur die Mauerecke übrig, die eine Mauerecke ...! Mutter! – Haben sie dich mitverbrannt? Und ich hab dir dein Grab graben wollen!«

Noemi brach vornüber zusammen. Mitten zwischen Gebälk und Steinen, Asche und Schutt lag sie lange, ehe sie sich auf den Knien zu jener Mauerecke schleppte. Ihr Blick hatte einen dunklen Fleck an der verräucherten Wand getroffen. Sie erkannte, flüchtig mit Kohle gezogene, senkrechte Striche, wie sie der Mutter schreibensunkundige Hand allerorten eilig zu malen pflegte, um die Schulden Säumiger anzukreiden.

Noemi richtete sich schwankend empor und preßte ihre Lippen auf die armen Zeichen. Ihre Tränen strömten. Die Hände unter dem vor Schluchzen bebenden Kinn gefaltet, flüsterte sie: »Bist du böse, nun, da du droben alles weißt? – Laß mich zu dir, Mutter, was soll ich noch hier ...«

Als endlich das Weinen leiser ward, erfaßte sie, um sich blickend, erst ganz das kalte Grauen des Ortes. Sie sah auf der immer mehr vom Morgen erhellten Trümmerstätte halbverkohlte Gebeine unter halbverkohltem Hausrat, und als irgendein Poltern und Rieseln laut ward, floh sie taumelnd und strauchelnd an dem toten Schmied vorbei, dessen Finger, gespreizt wie die eines Flötenspielers, sich um den Speerschaft krampften. Sie gewann das Freie und lief gejagt die Straße hinab, um plötzlich in neuem Schrecken innezuhalten. Zum Sprung geduckt, lag ein mächtiger Königstiger dicht vor ihr und sie meinte, mit letzter Kraft fliehend, schon seine Zähne im Fleisch zu fühlen. Hinter einer gestürzten Heiligensäule sich bergend, spähte sie zurück. Der Tiger lag noch immer wie vorhin, und nun erst gewahrte sie den Speer in seiner Brust.

Soldaten kamen heran, neben schwerschwankenden Ochsenkarren schreitend, deren hochgetürmte Last mit Lederdecken verhüllt war.

Mal um Mal einander anrufend, rafften sie Tote von der Straße auf und schichteten sie über die Haufen anderer Leichen. So geschah es, daß der tote Königstiger über Klythias Körper zu liegen kam, den er in der gleichen Nacht bis zur Unkenntlichkeit zerfleischt hatte.

Die Ochsen standen wiederkäuend still, bis ein Peitschenschlag sie bewog, sich in Gang zu setzen. Aber nach wenig Schritten hielt der Zug von neuem an und die Bewaffneten brachten die Todesernte ein. Noemi kam am Zirkus des Konstantin vorbei. Soldaten waren beschäftigt, den riesigen, dunkel gähnenden Torbogen, dessen Bronzetüren von Belisars Mauerbrechern zerschmettert worden waren, mit einer Bohlenwand zu verschließen. Vom Rücken des marmornen Elefanten her befehligte ein Anführer. Neger luden Fässer von den Wagen ab und goßen das Meerwasser in Sturzbächen auf die Stufen, von denen hochaufgeschürzte, schwatzende Negerdirnen das Blut wuschen. Wachen schritten klirrend, gemessenen steifen Schrittes, die ihnen zugewiesene kurze Wegstrecke ab, im Morgenwind flatterten ihre grellroten Roßschweife.

Eine lange Gestalt kam Noemi entgegen, lachend, hüpfend, armeschwenkend. Sie erkannte den Nachbar Schneider, dessen Kind sie zertrampelt hatten. »Ich bin lustig!« zwinkerte er. »Ich bin fröhlich! Mein Jukunduslein ist da drinnen! Da drinnen ist mein Zeiselchen, mein Goldkindchen! Kann er nicht zufrieden sein mit dem Schauspiel? Sie sind tot! Alle sind sie tot – erschlagen, zerschossen, von Bestien zerstampft, selbst ein neuer Kaiser und des neuen Kaisers Bruder! Nur damit mein Jukunduslein ein schönes Schauspiel im Zirkus sieht! Hahaha, ich bin fröhlich!« Ein Soldat legte dem Schneider die gepanzerte Rechte auf die Schulter: »Geh nach Hause, Alter, ich sag's dir zum letztenmal! Und du auch, Mädel. Es ist bei Kerkerstrafe verboten, hier zu stehen!«

Noemi lief weiter, das Lachen des Wahnsinnigen im Ohr.

Die ganze Straße entlang standen Wachen.

Und knarrend schwankte Wagen um Wagen vorbei. Auf einem sah Noemi staunend den riesigen, speerstarrenden Kadaver eines Elefanten.

Sie schlug stillere Seitengassen ein, immer schneller schreitend, obgleich ihre Füße versagen wollten. Als sie aber endlich den Hafen erreichte, war da von neuem Gewimmel und Rufen. Mächtige Segler lagen in Reihen vor Anker und, von Wachtposten mit blanken Schwertern umstellt, trugen keuchende Neger die Getreidesäcke ans Land. Fischerboote, die acht Tage lang nicht im Hafen zu sehen gewesen waren, blinkten vom gehäuften Silber der Fische. Auf flachen Kähnen war gesalzenes Ochsenfleisch verladen und die Seefahrer schlugen mit Rudern und Mänteln, um sich der Möven und Geier zu erwehren. Kauffahrerschiffe, die vorsichtig noch mit dem Entladen zögerten, blähten ihre kostbaren, orangefarbenen Segel und die feisten Händler selbst lehnten am Deck und feilschten mit den Fruchtverkäufern, deren winzige Kähne auf den Fluten tanzten. Noemi ward von Trägern gestoßen, von Aufsehern gescholten, von Wachen fortgewiesen. Sie schlich weiter und weiter, bis der Lärm nur wie ein fernes Brausen in ihrem Ohr war.

Sie sah den Möven zu, die weiß und plötzlich die halberhellte Luft durchblitzten. Der Wind strich kalt und brachte Fischgeruch.

Da unten war es: Das Glitzernde, das Tröstende, das Unendliche! Noemi begann langsam die Treppen hinabzusteigen, ihre Lippen bewegten sich lautlos in hebräischen Gebeten und ihre Hände waren gefaltet.

Ein breiter Absatz teilte die Stufen nach rechts und links. Ihr Schicksal blieb das gleiche, welchen Weg sie auch nahm. Plötzlich stand Noemi unschlüssig still. Auf dem Treppenabsatz kauerte, dem Meer zugewandt, eine Gestalt.

Auch hier nicht Einsamkeit, auch hier nicht Friede! Noemi wollte sich wenden. Da kehrte ihr die Kauernde ihr Antlitz zu, und sie sahen sich lange an. Und Noemi las in dem fremden Blick den gleichen Schmerz, die gleiche Angst, die gleiche Sehnsucht ... Unwissend, wie es auszudrücken, daß sie verstehe, daß sie fühle, stammelte Noemi scheu ... »Es ist doch schwer!« Das fremde, zarte Gesicht überflog der Abglanz des einstigen Lächelns: »Nicht mehr, da wir zusammen gehen!« Noemis Augen füllten sich mit Tränen, sie streckte ihre Hand aus und zog sie, kaum daß die Gebärde halb vollendet war, scheu zurück.

Da bot die Fremde beide Hände, schmale, tatenlose Finger, denen man ansah, wie Ringe sie kleiden mußten und fragte: »Wer bist du?«

»Ich bin Noemi von der Taverne beim Zirkus Konstantinus, die Jüdin!« schloß sie trotzig.

»Ich bin Theodike, die Tochter des Statthalters Callopodius. Meinen Vater haben sie gekreuzigt, meine Mutter haben sie erschlagen. Mich ...«

Sie sprach so sanft und still, als erzähle sie in ihres Vaters Blütengarten einer Freundin, behütet und unerweckt, wie sie selbst, ein gleichgültiges Märchen, »mich haben vier Männer gehalten, so daß ich mich nicht an meinem Haar erdrosseln konnte, bevor mich ein Tier vor allem johlenden Volke nahm. Und ich hatte nie gewußt, wie Männer sind ...«

Noemi kniete: »Aber nun, da der Aufstand zu Ende ging, kannst du doch wie früher sein, schön und hoch, in der goldenen Sänfte!«

Die Kauernde schüttelte den Kopf, daß ihr langes, offenes Haar sich in Wellen bewegte.

»Meines Vaters Palast ist der Erde gleich gemacht, und wär er's nicht, wie könnt ich eingehen und habe ihn am Tor gekreuzigt gesehen! Und mein Angelobter weiß, wie ganz Byzanz, daß ich ihre Beute war. Am ersten Tage des Aufstandes noch bemitleidenswert, war ich ihm am letzten nur mehr verächtlich.«

Noemi schluchzte: »O nein, o nein! Du bist so rein noch wie du es warst – aber ich, ich habe mit Willen gesündigt!« Die vornehme Hand glitt über ihren gebeugten Scheitel.

»Ist es nicht schön, Schwester, daß wir uns gefunden haben?« flüsterte die Patrizierin. »Sieh, die Sonne geht auf. Es glänzt drunten wie Gold. Du wirst sehen, es wird ganz sanft sein!« Die beiden Mädchen küßten einander, ehe sie Hand in Hand die Treppe vollends hinabstiegen, die letzten der dreißigtausend Opfer des Nikaaufstandes.

 << Kapitel 1  Kapitel 3 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.