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Der häusliche Herd

Emile Zola: Der häusliche Herd - Kapitel 8
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typefiction
authorEmile Zola
titleDer häusliche Herd
publisherBenjamin Harz Verlag
seriesDie Rougon-Macquart
volumeBand X
year1924
translatorArmin Schwarz
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Siebentes Kapitel

Um den Oheim Bachelard wieder für die Ausstattung Bertas günstig zu stimmen, luden ihn die Josserand trotz seines schmutzigen Aussehens vierzehn Tage fast jeden Abend zu sich.

Als man ihm die bevorstehende Heirat meldete, begnügte er sich, seiner Nichte die Wange zu streicheln, indem er sagte:

Wie, du heiratest? Mädchen, das ist recht!

Er blieb dann taub gegen alle Anspielungen, und wie man von Geld zu sprechen anfing, spielte er mehr als je die Rolle eines blöden Trunkenboldes.

Frau Josserand hatte den Gedanken, ihn eines Abends mit August, dem Verlobten zugleich einzuladen. Vielleicht dürfte der Anblick des jungen Mannes ihn bestimmen. Es war ein gewagtes Unternehmen; denn die Familie zeigte diesen Onkel nicht gerne aus Furcht, sich bei den Leuten um das Ansehen zu bringen. Übrigens hatte er sich anständig aufgeführt; bloß seine Weste hatte einen großen Sirupfleck, den er sich wahrscheinlich in einem Kaffeehaus geholt. Als jedoch seine Schwester, nachdem August weggegangen war, ihn fragte, wie er ihn finde, antwortete er, ohne sich zu etwas zu verpflichten:

Reizend! Reizend!

Damit mußte ein Ende gemacht werden. Die Angelegenheit war dringend. Frau Josserand beschloß also, die Lage kurzweg zu klären.

Da wir unter uns Verwandten sind, fing sie an, wollen wir uns diesen Umstand zunutze machen ... Zieht euch zurück, meine Lieben! Wir haben mit eurem Oheim zu plaudern. Du Berta, gib acht auf Saturnin, daß er nicht wieder die Schlösser abreißt.

Seitdem man sich mit der Heirat seiner Schwester beschäftigte, schlich Saturnin, vor dem man dies geheim hielt, durch die Gemächer herum mit unruhigen Blicken und irgend etwas witternd; er hatte wahrhaft höllische Vorstellungen, worüber seine Familie bestürzt war.

Ich habe alle möglichen Erkundigungen eingezogen, sagte die Mutter, als sie sich mit dem Vater und dem Oheim eingeschlossen hatte. Mit den Vabre steht es folgendermaßen:

Sie gab eine weitläufige, durch Ziffern unterstützte Erklärung. Der alte Vabre hatte aus Versailles eine halbe Million mitgebracht, das Haus mag ihm 300 000 Franken gekostet haben; dann sind ihm noch 200 000 Franken geblieben, die seit 12 Jahren Zinsen tragen. Außerdem nimmt er jedes Jahr 22 000 Franken an Miete ein; und da er bei der Familie Duverdy lebte, so daß er kaum etwas ausgab, mußte er ein Gesamtvermögen von 5 600 000 Franken, das Haus ungerechnet, besitzen. Von dieser Seite her haben wir also die schönsten Hoffnungen.

Hat er denn keine Leidenschaften? fragte Onkel Bachelard; ich dachte, daß er an der Börse spiele.

Doch Frau Josserand widersprach einer solchen Zumutung. Ein so ruhiger alter Mann und in so große Arbeiten vertieft! Er hat sich zum mindesten fähig gezeigt, ein Vermögen auf die Seite zu legen; sie lächelte dabei bitter, indem sie ihren Mann anblickte, der den Kopf hängen ließ.

Was die drei Kinder des Herrn Vabre betrifft, August, Clotilde und Theophil, so hatte jedes Kind beim Tode der Mutter 100 000 Franken erhalten. Nachdem Theophil sich in mehrere verlustbringende Spekulationen eingelassen, lebte er ziemlich dürftig von den Überbleibseln dieser Erbschaft. Clotilde, die keine andere Leidenschaft besaß als das Klavierspiel, hatte ihren Anteil zinsbar angelegt. August endlich hatte soeben das Warenlager im Parterre gekauft und sich mit seinen lange in der Reserve behaltenen 100 000 Franken dem Seidenhandel gewidmet.

Natürlich gibt der Alte seinen Kindern nichts, wenn er sie verheiratet, bemerkte der Onkel Bachelard.

Mein Gott, er war kein Freund vom Geben. Diese Tatsache schien leider gewiß. Als er Clotilde verheiratete, hatte er sich allerdings verpflichtet, eine Mitgift von 80 000 Franken zu zahlen. Duverdy aber hatte nie mehr als 10 000 Franken gesehen. Er forderte auch den Rest nicht mehr. Er ernährte sogar seinen Schwiegervater und schmeichelte seinem Geize ohne Zweifel, um eines Tages dessen Vermögen in die Hände zu bekommen. Ebenso machte er es mit Theophil. Bei seiner Heirat mit Valerie hatte er ihm 50 000 Franken versprochen. Diesem wiederum hatten ihre Eltern, die Louhettes, eine gleiche Summe zugesichert. Zuerst hatte er sich darauf beschränkt, die Zinsen zu bezahlen, dann aber gab er keinen Sou mehr und trieb die Sache so weit, daß er die Miete forderte, die das Ehepaar nur bezahlte, weil es aus seinem Testament gestrichen zu werden fürchtete. Man durfte daher nicht allzusehr auf die 50 000 Franken rechnen, die August am Tage der Unterzeichnung des Heiratsvertrages von dem Alten bekommen sollte. Es sei schon viel, wenn der Vater ihm während der ersten Jahre den Mietzins für das Magazin erlasse.

Ja, erklärte Bachelard, das ist immer schwer für die Verwandten ... Man bezahlt die Mitgift niemals.

Kommen wir auf August zurück! fuhr Frau Josserand fort. Ich habe euch gesagt, was er zu hoffen hat, und die einzige Gefahr kommt von Seite Duverdys. Berta wird sehr wohl tun, ihn zu überwachen, wenn sie in die Familie eintritt. Jetzt hat sich August, nachdem er sein Magazin für 60 000 Franken gekauft hat, mit den anderen 40 000 Franken in seine Geschäfte eingelassen. Doch beginnt diese Summe ungenügend zu sein. Anderseits ist er allein und braucht eine Frau, deswegen will er sich verheiraten ... Berta ist hübsch, er sieht sie schon in seinem Geschäfte hinter dem Zahltisch sitzen, und was die Mitgift betrifft, so sind 50 000 Franken eine anständige Summe, die ihn zum Zugreifen bestimmt hat.

Onkel Bachelard verzog nicht einmal die Miene. Endlich machte er ein Gesicht, als ob er tief gerührt sei, und sagte, er habe von etwas Besserem geträumt. Damit fiel er über den zukünftigen Schwiegersohn her: Sicherlich, ein netter Mensch; aber viel zu alt, schon über 33 Jahre, im übrigen immer krank, das Gesicht durch die Migräne verzerrt, ein trauriges Aussehen; für den Handel nicht heiter genug.

Hast du denn einen andern? fragte Frau Josserand, deren Geduld schon bedenklich auf die Neige ging. Ich habe ganz Paris aufgestöbert, um einen zu finden.

Übrigens machte sie sich keineswegs Täuschungen über ihn und fing an, ihn zu zergliedern.

Er ist kein Adler, das glaube ich selbst; er ist sogar ziemlich dumm. Dann mißtraue ich solchen Männern, die niemals eine Jugend gehabt haben und nichts in ihrem Leben wagen, ohne darüber jahrelang nachzudenken. Dieser ist, nachdem er das Gymnasium verlassen, weil sein Kopfleiden ihn verhinderte, sein Studium zu beenden, 15 Jahre lang ein kleiner Ladengehilfe geblieben, bevor er es wagte, seine hunderttausend Franken anzurühren. Es scheint auch, daß sein Vater ihn um die Zinsen betrogen hat. Nein, nein, er ist kein großer Held.

Bis dahin hatte Herr Josserand ein weises Schweigen beobachtet. Jetzt traute er sich ein Wörtchen zu sagen:

Warum aber, meine Liebe, soll man dann auf diese Heirat so versessen sein, wenn der junge Mann nicht einmal gesund ist ...

Die Gesundheit, unterbrach Bachelard, wäre noch kein solches Hindernis ... Berta würde später kaum in Verlegenheit sein, sich wieder zu verheiraten.

Schließlich, wenn er unvermögend ist, sagte der Vater, wenn er unsere Tochter unglücklich macht ...

Unglücklich! schrie Frau Josserand. Sage lieber gleich, daß ich mein Kind dem ersten besten an den Hals schmeiße! Man ist unter sich, man spricht über ihn: Er ist dies, er ist jenes, nicht schön, nicht jung, nicht klug. Wir sprechen über ihn, nicht wahr? Das ist ganz natürlich ... Nur ist er eine gute Partie, und niemals werden wir etwas Besseres finden. Wollt ihr, daß ich euch noch mehr sage: es ist ein unerwartetes Glück für Berta.

Sie hatte sich erhoben. Herr Josserand, ganz eingeschüchtert, schob seinen Stuhl zurück.

Ich habe die einzige Besorgnis, fuhr sie fort, indem sie sich mit entschlossener Miene vor ihren Bruder aufpflanzte: daß er zurücktreten wird, wenn man ihm nicht am Tage des Heiratskontraktes die Mitgift in barem Gelde auf den Tisch legt ...

Das ist erklärlich, der junge Mann braucht Geld.

In diesem Augenblick hörte sie ein heißes Keuchen hinter sich, das sie nötigte, sich umzudrehen. Saturnin war da, er hatte den Kopf zur Türe hineingesteckt und betrachtete sie alle mit den Augen eines Wolfes. Es entstand eine vollständige Panik, denn er hatte einen Bratspieß in der Küche gestohlen, wie er sagte, um die Gänse damit aufzuspießen. Onkel Bachelard, ohnehin sehr unruhig über die Wendung, die das Gespräch genommen, benutzte diese Gelegenheit zu entschlüpfen.

Bemüht euch nicht! schrie er aus dem Vorzimmer. Ich gehe, ich habe um Mitternacht eine Zusammenkunft mit einem meiner Kunden, der direkt aus Brasilien kommt.

Nachdem es gelungen war, Saturnin zur Ruhe zu bringen, sagte Frau Josserand, daß es unmöglich sei, ihn noch länger im Hause zu behalten, er werde schließlich ein Unglück anrichten, wenn man ihn nicht im Narrenhause einsperre. Das sei kein Leben, ihn immerfort zu verstecken. Niemals würden seine Schwestern zu einer Versorgung kommen, solange er da sei, um jedermann anzuwidern und zu verscheuchen.

Warten wir noch, sagte Herr Josserand, dessen Herz bei dem Gedanken blutete, sich von ihm zu trennen.

Nein, nein, erklärte die Mutter; ich habe keine Lust, mich von ihm spießen zu lassen. Ich hatte meinen Bruder da und war im Begriff ihn an die Wand zu drücken ... Tut nichts! wir werden morgen mit Berta hingehen, bei ihm selber die Sache wieder aufnehmen und sehen, ob er die Frechheit hat, seine Versprechungen abzuleugnen ... Ohnehin ist Berta ihrem Taufpaten einen Besuch schuldig. Das ist schicklich.

Den andern Tag begaben sich alle drei: die Mutter, der Vater und die Tochter feierlich in die Magazine des Onkels, die den Keller und das Parterre eines großen Hauses in der Enghien-Straße einnahmen. Lastwagen versperrten den Zugang zur Türe. In dem vergitterten Hofe war eine ganze Truppe von Packern damit beschäftigt, Kisten zuzunageln, und durch die Öffnung der Kisten sah man die verschiedenartigen Waren: trockene Gemüse, Seidenreste, Papierwaren und Talg, ein ganzes Durcheinander von Aufträgen und Spekulationskäufen, die in den Zeiten der Baisse gemacht werden. Da fanden sie Bachelard mit seiner großen roten Nase, das Auge noch ganz entzündet von seinem letzten Rausche, dabei aber doch mit klarem Verstande, seine ganze Fähigkeit wiederfindend, sobald er unter seinen Handlungsbüchern war.

Aha, ihr seid da – sagte er, offenbar sehr mißgestimmt durch ihren Besuch.

Er empfing sie in einem kleinen Kabinett, von wo aus er durch ein Fenster seine Leute überwachte.

Ich habe dir Berta hergebracht, sagte Frau Josserand; sie weiß, was sie dir schuldig ist.

Als das junge Mädchen den Onkel umarmt hatte und auf einen befehlenden Blick der Mutter wie ein unschuldiges Täubchen in den Hof zurückgekehrt war, um dort ein plötzliches Interesse an allen Waren zu entwickeln, rückte die Mutter mit mutiger Entschlossenheit der Hauptsache an den Leib.

Höre, Narziß, wie die Sache jetzt steht ... Vertrauend auf dein gutes Herz und auf deine Versprechungen habe ich mich verpflichtet, eine Mitgift von 50 000 Franken zu geben. Wenn ich sie nicht gebe, geht die Heirat in die Brüche ... Soweit die Sache gediehen ist, wäre es eine Schande. Du kannst uns nicht in einer solchen Verlegenheit lassen.

Bachelards Augen trübten sich plötzlich, und er stotterte, als sei er sehr betrunken: Was? du hast versprochen ... Man soll nicht versprechen, es ist schlimm zu versprechen!

... Er heulte von Elend und Armut. Er habe Roßhaar gekauft, sagte er, einen ganzen großen Posten in der sichern Erwartung, daß eine große Preissteigerung in Roßhaaren eintreten werde; doch das geschehe ganz und gar nicht; Roßhaar gehe immer weiter herunter, und er müsse die Ware mit Schaden verkaufen. Damit stürzte er sich auf seine Handlungsbücher, öffnete sie und wollte ihnen durchaus die Rechnungen zeigen. Das wäre sein Ruin.

Lassen Sie nur, sagte endlich Herr Josserand ungeduldig. Ich kenne Ihre Geschäfte. Sie gewinnen so große Summen, wie Sie selber sind, und würden sich im Golde wälzen, wenn Sie es nicht wieder zum Fenster hinausschmissen ... Ich verlange nichts von Ihnen. Eleonore hat diesen Schritt tun wollen. Aber erlauben Sie, Bachelard, daß ich Ihnen sage, daß Sie uns zum besten gehalten haben. Seit 15 Jahren jeden Sonnabend, sooft ich kam, um Ihre Bücher nachzusehen, versprechen Sie mir immer ...

Der Onkel unterbrach ihn; er schlug sich mit aller Gewalt auf die Brust.

Ich hätte Ihnen versprochen! Nicht möglich! Nein, nein, laßt mich nur machen; ihr werdet schon sehen! Ich liebe es nicht, daß man verlangt, es ärgert mich, es macht mich krank ... Ihr werdet schon später sehen!

Frau Josserand selbst konnte nicht mehr aus ihm herausbringen. Er drückte ihnen die Hände, wischte sich die Tränen ab, sprach von seiner Seele, seiner Familie, bat sie flehentlich, ihn nicht mehr zu quälen, indem er bei Gott schwor, daß sie es nicht bereuen würden. »Er kenne seine Pflicht und werde sie bis zum Ende erfüllen.« Berta würde eines Tages das Herz ihres Onkels kennen lernen.

Und die Versicherung der Mitgift? fragte er mit seiner gewöhnlichen Stimme; – die 50 000 Franken, die ihr auf die Kleine versichert habt?

Frau Josserand zuckte die Achseln.

Seit 15 Jahren ist das begraben. Man hat dir zwanzigmal wiederholt, daß wir seit der vierten Prämie die 2000 Franken nicht mehr bezahlen konnten.

Das macht nichts, sagte er mit den Augen zwinkernd; man macht der Familie Mitteilung von dieser Versicherung und gewinnt Zeit, die Mitgift zu zahlen ... Niemals bezahlt man eine Mitgift.

Herr Josserand erhob sich ganz empört.

Wie! Das ist also alles, was Sie uns zu sagen haben?

Aber der Onkel schien nicht zu merken, was er wolle, und beharrte dabei, daß ein solches Vorgehen gebräuchlich sei.

Niemals! Hört ihr? Niemals zahlt man die Mitgift. Man gibt eine Barzahlung, man zahlt die Rente. Seht nur den Herrn Vabre selber ... Hat Ihnen etwa der Vater Bachelard die Mitgift von Eleonore gezahlt? Nein, nicht wahr? man behält sein Geld!

Das ist eine schmutzige Gemeinheit, die Sie mir raten! schrie Herr Josserand. Ich soll lügen, ich soll eine Fälschung begehen, indem ich die Polize dieser Versicherung vorweise?

Frau Josserand hielt ihn zurück; der ihr durch ihren Bruder eingegebene Gedanke machte sie nachdenklich, sie war erstaunt, daß sie noch nicht daran gedacht hatte.

Mein Gott, wie du Feuer fängst ... Narziß sagte ja nicht, du solltest eine Fälschung begehen.

Lächerlich! murmelte der Onkel. Es ist nicht nötig, die Papiere zu zeigen.

Es handelt sich einfach darum, Zeit zu gewinnen, fuhr sie fort. Versprich die Mitgift, wir werden sie schon später bezahlen.

Da kam das gute Gewissen des Mannes zur Geltung. Nein! er weise es zurück; er wolle nicht noch einmal sich auf so gefährliche Bahnen wagen. Immer habe man seine Nachgiebigkeit mißbraucht, um ihn nach und nach Sachen hinnehmen zu lassen, die ihn später krank machen, so sehr zerrissen sie ihm das Herz. Da er keine Mitgift habe, könne er auch keine versprechen. Bachelard trommelte auf dem Fenster mit den Fingern, indem er einen Gassenhauer pfiff, ganz so, als ob er seine gründliche Verachtung vor dergleichen Bedenken beweisen wolle. Frau Josserand hatte ihren Gatten angehört, ganz bleich vor Zorn, der sich bei ihr angehäuft hatte und jetzt plötzlich explodierte.

Weil dem so ist, sage ich dir: diese Heirat wird vor sich gehen ... Es ist die letzte Aussicht meiner Tochter. Ich würde mir eher die Hand abschneiden, als diese Gelegenheit entgehen lassen! Wem es nicht recht ist, mag sich helfen! Wenn man mich bös macht, bin ich zu allem fähig!

Du würdest also selbst vor einem Morde nicht zurückschrecken, um deine Tochter zu verheiraten?

Sie richtete sich kerzengerade in die Höhe.

Nein! sagte sie wütend.

Dann lächelte sie. Der Oheim mußte das Gewitter beschwichtigen. Was nützt es zu streiten? Besser, man verständigt sich friedlich. Zitternd vor Aufregung, müde und verzagt, willigte Herr Josserand endlich ein, mit Herrn Duverdy über die Sache zu reden, von dem, wie Frau Josserand sagte, alles abhänge. Um aber den Rat in einer günstigen Stimmung zu fassen, machte der Onkel Bachelard sich erbötig, seinen Schwager mit Herrn Duverdy in einem Hause zusammenzuführen, wo dieser nichts abschlagen könne.

Es wird ganz einfach eine Begegnung sein, erklärte Herr Josserand, noch immer unentschieden. Ich schwöre euch, daß ich mich zu nichts verpflichten werde.

Gewiß, gewiß! sagte Bachelard. Eleonore will ja auch gar nicht, daß Sie etwas tun, was sich mit der Ehre nicht verträgt.

Jetzt kam Berta zurück. Sie hatte einen Stoß Büchsen mit eingemachten Früchten gesehen und bemühte sich, durch lebhafte Liebkosungen beim Onkel durchzusetzen, daß er ihr eine gebe. Allein da war der Onkel gleich wieder benebelt. Es sei unmöglich, sagte er; die Büchsen seien gezählt und müßten noch am nämlichen Abend nach Sankt Petersburg abgehen. Er drängte die Familie langsam auf die Straße hinaus; seine Schwester konnte sich von dem Anblick dieser Magazine kaum trennen, die bis zur Decke hinauf vollgepfropft waren mit allen erdenklichen Waren; sie litt bei dem Gedanken, daß dieses große Vermögen von einem Menschen ohne alle Grundsätze zusammengerafft worden sei, und gedachte dabei mit Bitterkeit der ohnmächtigen Ehrlichkeit ihres Gatten.

Also morgen abend neun Uhr im Café Mülhausen! sagte Bachelard und drückte seinem Schwager zum Abschied die Hand.

   

Am folgenden Tage speisten Octave und Trublot zusammen, dann gingen sie noch auf ein Weilchen in das Café Mülhausen, um nicht zu früh bei Clarisse, der Geliebten des Herrn Duverdy zu erscheinen, die gleichwohl weit genug, in der Kirschstraße wohnte. Es war noch nicht acht Uhr. Eben als sie eintraten, drang aus einem anstoßenden Saal der Lärm eines heftigen Zankes heraus. Sie bemerkten Bachelard, der schon betrunken mit glühenden Wangen dasaß und mit einem kleinen, bleichen Herrn stritt.

Sie haben mir schon wieder in mein Bier gespuckt, mein Herr! rief er mit seiner dröhnenden Stimme. Ich werde es nicht dulden.

Lassen Sie mich in Ruhe, hören Sie, oder ich werde Sie ohrfeigen! sagte der kleine Mann und stellte sich auf die Fußzehen.

Da schraubte Bachelard seine Stimme noch höher und rief, ohne auch nur einen Schritt zurückzuweichen:

Wenn es Ihnen beliebt, mein Herr ...

Da der andere ihm mit einem Faustschlage den Hut eingetrieben hatte, den er selbst im Café aufbehielt, wiederholte er:

Ja, wenn es Ihnen beliebt, mein Herr ...

Dann setzte er seinen Hut zurecht und rief dem Kellner mit triumphierender Miene zu:

Alfred, bringen Sie mir ein anderes Bier!

Octave und Trublot bemerkten jetzt zu ihrem Erstaunen Gueulin, der an dem Tische seines Oheims saß, mit dem Rücken an die Wand gelehnt, und ruhig seine Zigarre rauchte. Sie fragten ihn nach dem Grund des Streites, worauf er gleichgültig erwiderte:

Ich weiß nicht. Das sind immer die nämlichen Geschichten! Er zeigt seinen Heldenmut, bis er Maulschellen kriegt. Er weicht niemals zurück.

Bachelard drückte den Ankömmlingen mit vieler Wärme die Hand, denn er liebte die Jugend. Als er erfuhr, daß die Herren zu Clarisse gehen wollten, war er entzückt. Auch er gehe dorthin, erzählte er, doch müsse er auf seinen Schwager Josserand warten, dem er hier ein Stelldichein gegeben habe. Er erfüllte den kleinen Saal mit seinem Geschrei und füllte den Tisch mit allen erdenklichen Getränken, um seine jungen Freunde zu traktieren mit der übertriebenen Freigebigkeit eines Menschen, der, wenn es eine Unterhaltung gilt, keine Berechnung kennt.

Der schlotternde Mann mit den allzu neuen Zähnen, der flammroten Nase und den kurzgeschornen weißen Haaren duzte die jungen Leute und benahm sich in unerträglich lästiger Weise, so daß der Wirt zweimal kam, um ihn zu bitten, daß er sich ruhiger benehmen oder sein Lokal verlassen möge. Tags vorher war er aus dem Café Madrid hinausgeworfen.

Jetzt erschien eine Weibsperson, ging einmal durch den Saal und entfernte sich dann wieder mit gelangweilter Miene. Da sprach Octave von den Frauen. Bachelard spie aus gerade auf Trublot und vergaß sich zu entschuldigen. Die Weiber hätten ihm ein Heidengeld gekostet, prahlte er; er dürfe sich schmeicheln, daß er sich die schönsten in Paris gekauft habe. Die Herren von der Kommissionsbranche feilschten niemals um diesen Artikel. Jetzt aber wolle er solid leben und um seiner selbst willen geliebt sein. Als Octave diesen Prahlhans sah, wie er mit den Banknoten um sich warf, dachte er mit Befremden an den Onkel, der eine völlige Trunkenheit geheuchelt, um den Angriffen seiner Familie zu entgehen.

Aber stellen Sie sich doch nicht so, Onkel! sagte Gueulin. Man hat immer mehr Weiber als man braucht.

Warum hast denn du keine, armer Gimpel? fragte Bachelard.

Gueulin zuckte verächtlich die Achseln.

Warum? ... Gestern erst habe ich mit einem meiner Freunde und seiner Geliebten gespeist. Wir saßen kaum bei Tische, als das Frauenzimmer mir schon unter dem Tisch auf die Füße trat. Das war eine gute Gelegenheit, wie? Als sie mich aber aufforderte, sie nach Hause zu begleiten, bin ich durchgegangen. Für den Augenblick wäre sie gar nicht übel gewesen. Aber hernach ... Das Frauenzimmer wäre mir vielleicht am Halse geblieben. So dumm sind wir nicht! ...

Trublot nickte zustimmend. Auch er wollte von den Frauen der guten Gesellschaft nichts wissen. Es ist gar zu ärgerlich am andern Tag ... Gueulin, aus seiner Ruhe heraustretend, führte noch mehrere Beispiele an. Eines Tages war im Eisenbahnwagen eine herrliche Brünette, die er nicht kannte, an seine Schulter gelehnt eingeschlafen. Allein er überlegte sich die Sache. Was hätte er bei der Ankunft im Bahnhofe mit ihr angefangen? Ein andermal wieder fand er, von einer lustigen Kneiperei heimkehrend, die Frau eines Nachbars in seinem Bette. Das war etwas stark, wie? Er hätte vielleicht die Torheit begangen, wenn ihm nicht rechtzeitig eingefallen wäre, daß die Dame hinterher ein Paar Schuhe verlangen könnte.

Niemand hat solche Gelegenheiten wie ich, mein lieber Onkel, schloß er; aber ich weiß mich zu beherrschen. Jeder ist zurückhaltend; man fürchtet die Folgen. Ja, wenn die nicht wären! ... Es wäre gar zu angenehm! ...

Bachelard saß jetzt sinnend da und hörte ihm nicht mehr zu. Er war still geworden; seine Augen waren feucht.

Wenn ihr recht artig sein wollt, will ich euch etwas zeigen, sagte er plötzlich.

Er zahlte und ging mit den Herren fort. Octave erinnerte ihn an das Zusammentreffen mit Josserand. Es tut nichts, sagte er; man kann ja später zurückkommen. Dann steckte er rasch den Zucker ein, den ein Gast auf einem benachbarten Tische hatte stehen lassen.

Folgt mir, sagte er, als sie draußen waren; es ist nur zwei Schritte von hier.

Ernst und schweigsam ging er neben ihnen her. In der Markusstraße blieb er vor einem Haustor stehen. Die drei jungen Leute schickten sich an, ihm zu folgen, da ward er plötzlich unschlüssig.

Nein, kommt; ich will nicht.

Doch die jungen Leute widersprachen. Wolle er sie etwa zum besten halten?

Nun denn, Gueulin geht nicht mit hinauf, Sie auch nicht, Herr Trublot ... Ihr seid nicht artig genug; ihr achtet nichts und würdet euch unanständig benehmen ... Kommen Sie, Herr Octave; Sie sind ein ernster junger Mann.

Er ließ Octave vorausgehen; die beiden andern riefen ihm vom Fußwege lachend nach, daß sie die Damen schön grüßen ließen. Im vierten Stock pochte er an, und eine alte Frau öffnete.

Wie, Sie sind's, Herr Narziß? Fifi hat Sie heute abend nicht erwartet.

Sie lächelte mit ihrem fetten, weißen, ruhigen Gesichte einer Klosterpförtnerin. In dem kleinen Speisezimmer, wohin sie die Herren führte, saß ein großes, blondes, hübsches Mädchen am Tische und stickte an einer Altardecke.

Guten Tag, Onkel! sagte sie, sich erhebend und den dicken, bebenden Lippen Bachelards die Stirne zum Kusse bietend.

Als er Herrn Octave Mouret vorstellte, einen sehr vornehmen jungen Mann seiner Bekanntschaft, machten die beiden Frauen Verbeugungen nach veralteter Mode. Dann nahm die Gesellschaft an dem Tische Platz, auf dem eine Petroleumlampe brannte. Es war ein ruhiges, provinzmäßiges Hauswesen; zwei geregelte, unbeachtete Existenzen mit den bescheidensten Ansprüchen. Das Zimmer ging auf den Hof, so daß von der Straße nicht einmal das Geräusch der Wagen heraufdrang.

Während Bachelard sich nach dem Befinden und den Beschäftigungen der Kleinen erkundigte, erzählte die Tante, Fräulein Menu, dem jungen Manne ihre Geschichte mit der vertraulichen Einfalt einer braven Frau, die nichts zu verheimlichen hat.

Ja, mein Herr, ich bin aus Villeneuve bei Lille. Man kennt mich sehr gut im Hause der Gebrüder Mardienne, Sulpiciusstraße, wo ich dreißig Jahre Stickerin war. Dann hatte ich das Glück, von einer Kusine ein Haus in der Provinz zu erben; dieses Haus habe ich gegen eine Jahresrente von 1000 Franken verkauft; die Leute, die es kauften, dachten, daß ich am nächsten Tage das Zeitliche segnen würde. Darin haben sie sich nun arg getäuscht; denn, wie Sie sehen, lebe ich noch immer trotz meiner 75 Jahre.

Sie lachte, wobei sie ihre Zähne zeigte, die so weiß waren wie die eines jungen Mädchens.

Ich hatte die Arbeit aufgegeben, da ich ohnedies die Sehkraft eingebüßt hatte, fuhr sie fort, als mir plötzlich meine Nichte Fanny in den Schoß fiel. Ihr Vater, der Kapitän Menu, war gestorben, ohne einen Sou zu hinterlassen, und es war außer mir auch kein Verwandter da. Ich nahm das Kind aus der Pension und machte eine Stickerin aus ihr. Man verdient dabei allerdings kaum das Wasser, aber ist es nicht mit jeder andern Beschäftigung ebenso? Die Frauen sind einmal da, um Hungers zu sterben ... Glücklicherweise hat sie Herrn Narziß getroffen. Ich kann jetzt ruhig sterben.

Und die Hände über den Bauch gefaltet, in der Untätigkeit der alten Arbeiterin, die es verschworen hat, jemals wieder eine Nadel zu berühren, blickte sie Bachelard und Fifi mit zärtlichen Augen an.

Der Greis sagte eben zu dem Mädchen:

Wirklich, Sie haben an mich gedacht? ... Und was haben Sie gedacht?

Fifi erhob ihren klaren Blick, und ohne in der Arbeit innezuhalten, erwiderte sie:

Daß Sie ein guter Freund sind, und daß ich Sie recht lieb habe.

Sie hatte Octave kaum angeblickt, als ob sie ganz gleichgültig sei gegen diesen schönen, jungen Mann. Er aber lächelte ihr zu, gerührt von ihrer Lieblichkeit, und nicht wissend, was er denken solle, während ihre Tante, alt geworden in einer Ehelosigkeit und einer Keuschheit, die ihr keinerlei Opfer waren, mit gedämpfter Stimme fortfuhr:

Ich hätte sie verheiraten sollen, meinen Sie nicht? Ein Handwerker würde sie prügeln, ein Beamter würde dafür sorgen, daß sie mehr als genug Kinder bekomme ... Da ist es doch besser, sie verständigt sich mit Herrn Narziß, der ein anständiger Mensch zu sein scheint.

Dann sagte sie laut:

Glauben Sie mir, Herr Narciß, es würde nicht meine Schuld sein, wenn Sie mit ihr nicht zufrieden wären. Ich sage ihr immer: Mach' ihm Freude, sei dankbar! Sie werden es natürlich finden; ich bin so froh, sie endlich versorgt zu wissen. Wenn man keine Bekanntschaften hat, ist es gar so schwer, ein junges Mädchen zu versorgen.

Octave überließ sich ganz der einfachen Gemütlichkeit dieses Kreises. Ein Geruch wie in einem Obstladen schwebte in der dumpfen Zimmerluft. Nur die Nadel Fifis, die in die Seide stach, verursachte ein regelmäßiges Geräusch gleich dem Ticken einer Kuckucksuhr, die dazu dienen würde, die Liebschaften des Oheims heimischer zu gestalten. Übrigens war das alte Fräulein die Rechtschaffenheit selbst: sie lebte von ihrer Rente von tausend Franken, ohne je das Geld der Fifi zu berühren, die es nach eigenem Belieben verbrauchen durfte. Ihre Bedenken schwanden bloß, wenn ihre Nichte ihr zuweilen weißen Wein oder Kastanien zahlte, indem sie ihre kleine Sparkasse leerte, wo sie die Viersousstücke zusammensparte, die sie von ihrem guten Freunde als Denkmünzen erhalten hatte.

Mein Püppchen, sagte endlich Bachelard sich erhebend; wir haben Geschäfte ... Morgen sehen wir uns wieder; sei nur immer recht artig.

Er küßte sie auf die Stirne, und nachdem er sie zärtlich angeblickt hatte, sagte er zu Octave:

Sie dürfen ihr auch einen Kuß geben, sie ist ja nur ein Kind.

Der junge Mann berührte mit den Lippen ihre frische Stirne. Sie lächelte bescheiden. Übrigens ging ja alles im Familienkreise vor sich; nie hatte er so vernünftige Leute gesehen. Der Onkel ging, kam aber bald zurück und rief:

Ich hatte ganz vergessen; ich habe ein kleines Geschenk mitgebracht.

Hierauf leerte er seine Taschen und gab der Fifi den Zucker, den er im Kaffeehause gestohlen hatte. Sie bekundete eine lebhafte Dankbarkeit für diese Aufmerksamkeit und kaute gleich ein Stück zwischen den Zähnen, daß sie vor Vergnügen ganz rot wurde.

Sie faßte sich dann ein Herz und sagte:

Sie haben doch wohl ein Viersousstück?

Bachelard durchsuchte vergebens seine Taschen. Aber bei Octave fand sich eines, und das junge Mädchen nahm es als Andenken an.

Sie begleitete die Herren nicht; das schien ihr gewiß unschicklich, und sie hörten sie sogleich wieder die Nadel führen, sie nahm die Altardecke wieder zur Hand, während Fräulein Menu mit der ihr eigenen Liebenswürdigkeit einer guten Alten die Herren hinausbegleitete.

Nicht wahr, so was sieht man nicht alle Tage? sagte Bachelard, indem er auf der Treppe stehen blieb. Wissen Sie, daß sie mir nicht auf fünf Louis den Monat zu stehen kommt? ... Ich habe die Dirnen satt, die mich aussaugen. Meiner Treu! da hab' ich ein anhängliches Herz, was mir sehr not tat.

Als er Octave lachen sah, blieb er stehen und sagte mißtrauisch:

Sie sind ein zu ehrlicher Junge, als daß Sie meine Gefälligkeit mißbrauchen sollten. Aber Sie schwören mir, dem Gueulin kein Wort davon zu sagen. Ich warte, bis er ihrer würdig ist, dann erst will ich sie ihm zeigen ... Das ist ein Engel, mein Lieber; man möge sagen, was man wolle, das bleibt wahr: die Tugend verjüngt einen ... Ich bin immer ein Freund des Idealen gewesen.

Seine Stimme zitterte wie die eines alten Trunkenboldes, der er war; Tränen schwellten seine schläfrigen Augenlider.

Unten scherzte Trublot, stellte sich, als wolle er sich die Hausnummer merken, während Gueulin die Achseln zuckte und den erstaunten Octave fragte, wie er die Kleine gefunden habe? Sooft der Onkel durch ein ausgiebiges Saufgelage in eine gerührte Stimmung versetzt ward, konnte er sich's nicht versagen, die Leute zu jenen Damen hinzuführen, wobei seine Gefühle geteilt waren zwischen der Eitelkeit, seinen Schatz zu zeigen, und der Furcht, man könne ihm denselben entwenden; tags darauf war dann alles wieder vergessen, und er kehrte mit geheimnisvoller Miene in die Markusstraße zurück.

Jeder kennt Fifi, sagte Gueulin ruhig.

Unterdes suchte Bachelard einen Wagen, während Octave ausrief:

Und Herr Josserand im Café!

Die anderen dachten nicht mehr an ihn. Jetzt aber gingen sie zurück. Herr Josserand, sehr ärgerlich darüber, seinen Abend einzubüßen, stand ungeduldig an der Türe. Er ging nicht hinein ins Kaffeehaus, weil er außerhalb des Hauses niemals etwas zu sich nahm. Endlich brach man auf nach der Kirschstraße. Aber man brauchte zwei Wagen; einen für Bachelard und seinen Schwager, einen andern für die drei jungen Leute.

Gueulin, dessen Stimme von dem Gerassel des rostigen Eisenwerkes der Droschke gedeckt wurde, sprach anfangs von der Versicherungsgesellschaft, wo er angestellt war. Versicherung und Börsenwesen sei eitel langweiliges Zeug, beteuerte Trublot. Dann kam die Rede auf Duverdy. War das aber traurig, daß ein reicher Mann, ein hochgestellter Richter sich in solcher Art von den Weibern prellen lasse! Er mußte immer welche haben in den entlegensten Stadtvierteln außerhalb der Omnibuslinien; kleine, alleinstehende Damen, bescheiden und die Rolle von Witwen spielend; Ladenhüterinnen ohne Kundenkreis, Dirnen, die er aus dem Sumpf gezogen, ausgestattet und wie in einem Kloster versorgt hatte, zu denen er einmal die Woche ging, regelmäßig, wie ein Beamter in sein Büro geht. Trublot entschuldigte ihn jedoch; erstens war sein Temperament daran schuld; dann gebe es nicht bald wieder ein so vermaledeites Weib, wie das seine. Man erzähle sich, daß sie schon am ersten Tage durch seine roten Flecke angeekelt einen Abscheu vor ihm bekam; sie dulde daher, daß er sich Geliebte halte, durch deren Willfährigkeit sie ihn los wurde.

Sie ist also eine anständige Frau?

Ach, freilich! Und wie anständig, mein Lieber! ...

Ausgestattet mit allen Eigenschaften: schön, ernst, von feinem Benehmen, gebildet, von geläutertem Geschmack, keusch und unausstehlich!

Am untern Eingang der Montmartre-Straße wurde die Droschke durch eine Ansammlung von Wagen zum Stehen gebracht. Die jungen Leute, die das Fenster hinuntergelassen hatten, hörten das wütende Geschrei Bachelards, der sich mit den Kutschern herumbalgte. Als der Wagen hierauf wieder ins Rollen kam, gab Gueulin Einzelheiten über Clarisse. Sie heiße Clarisse Bocquet und sei die Tochter eines ehemaligen Spielzeughändlers, der mit seinem Weib und einer ganzen Bande unsauberer Kinder jetzt die Messen ausbeute. Duverdy sei ihr an einem feuchten Winterabend begegnet, als ein Liebhaber sie hinausstieß. Dieses verteufelte Weib entspräche gewiß seinem längst gesuchten Ideale; denn sie fesselte ihn sofort; er weinte, indem er sie auf die Augen küßte, ganz durchdrungen von dem Bedürfnisse, die blaue Blume der Romanzen in seinen männlichen Begierden zu pflegen. Clarisse war einverstanden, in der Kirschstraße zu wohnen, um ihn nicht dem Gerede preiszugeben, führte ihn aber sonst an der Nase. Sie hatte sich Möbel für 25 000 Franken kaufen lassen und brachte sein Vermögen in Gesellschaft von Schauspielern vom Montmartre-Theater durch.

Ich kümmere mich den Teufel darum! sagte Trublot, wenn man sich bei ihr nur unterhält. Wenigstens muß man bei ihr nicht immer singen; sie klimpert nicht immer am Klavier wie die andere ... Ja, das Klavier! Sehen Sie, wenn man zu Hause zu Tode gequält wird, wenn man das Unglück gehabt hat, ein lebendiges Klavier zu heiraten, das alle Welt in die Flucht jagt, wäre man sehr dumm, wenn man sich nicht anderwärts ein kleines, gemütliches Heim einrichte, wo man seine Freunde ungeniert empfangen kann.

Sonntag, erzählte Gueulin, wollte Clarisse mich ganz allein bei sich zum Frühstück haben. Ich habe abgelehnt. Nach derlei Frühstücken begeht man unkluge Streiche; und ich fürchtete, sie könne sich bei mir festsetzen wollen, sobald sie Duverdy aufgebe. Sie verabscheut ihn, wie Sie wissen. Sie wird fast krank vor Ekel. Wahrlich! dieses Mädchen kann auch seinen Hautausschlag nicht leiden; aber ihr fehlen die Mittel, sich seiner zu entledigen, wie es seine Frau tut. Wenn auch sie ihn ihrer Magd übergeben könnte, versichere ich Sie, daß sie sich bald von dieser Last befreien würde.

Die Droschke hielt an. Sie stiegen vor einem stillen, düstern Hause der Kirschstraße ab. Sie mußten aber zehn lang Minuten auf die andere Droschke warten, da Bachelard mit seinem Kutscher einen Grog trinken gegangen war. Auf der Stiege, die von einer strengen Häuslichkeit zeugte, richtete Herr Josserand neue Fragen an den Onkel über die Dame, bei der er Duverdy finden solle, worauf der Onkel einfach antwortete:

Eine Dame von Welt, ein gutes Mädchen ... Sie wird Sie nicht fressen.

Ein kleines Stubenkätzchen von rosigem Aussehen öffnete ihnen. Sie half den Herren ihre Oberröcke ablegen und lächelte ihnen dabei vertraulich und zärtlich zu. Einen Augenblick hielt Trublot sie in einer Ecke des Vorzimmers zurück, indem er ihr Dinge ins Ohr flüsterte, daß sie vor Lachen fast erstickte, wie wenn sie einer gekitzelt hätte. Bachelard hatte indes die Salontüre rasch geöffnet und stellte Herrn Josserand vor. Der letztere war einen Augenblick verlegen, da er Clarisse häßlich fand; es wollte ihm durchaus nicht einleuchten, wie der Rat diese schwarze, magere Gassendirne mit dem zottigen Pudelkopfe seiner Frau vorziehen könne, die eine der schönsten Personen der guten Gesellschaft war. Sonst war Clarisse entzückend. Sie wußte nach Pariser Art lustig zu schwatzen mit einem oberflächlichen, entlehnten Witze; sie war gleichsam angesteckt mit possierlichen Streichen durch ihre häufige, nahe Berührung mit Männern. Sonst konnte sie, wenn sie es wollte, sieh auch das Ansehen einer Dame von Welt geben.

Ihre Bekanntschaft freut mich überaus, mein Herr! Alle Freunde Alphonsens sind auch meine Freunde. Sie sind nun der unsrige; das Haus steht zu Ihrer Verfügung.

Herr Duverdy, durch einen Brief von Bachelard benachrichtigt, bereitete Herrn Josserand ebenfalls einen freundlichen Empfang. Octave war ganz verwundert über die jugendliche Lustigkeit, die er hier an ihm wahrnahm. Er war nimmer jener strenge, unzufriedene Mensch, der sich in seinem Salon der Choiseul-Straße so unbehaglich fühlte. Die roten Flecke an seiner Stirne verwandelten sich in Rosa, in seinen schiefen Augen spiegelte sich ein kindlicher Frohsinn, während Clarisse vor einer Gruppe erzählte, wie er manchmal während einer Pause in der Gerichtssitzung sich zu ihr stehle, um sie zu umarmen, und dann gleich wieder wegfahre. Er beklage sich dann, wie überhäuft er mit Arbeit sei: vier Gerichtssitzungen in der Woche, von elf bis fünf Uhr; immer dieselben Rechtsverdrehungen zu ordnen, das müsse endlich das Herz ganz austrocknen.

Das ist wahr, sagte er lachend, man muß etwas Rosen darunter streuen, ich fühle mich dann besser.

Er hatte indes das rote Band nicht im Knopfloche; er nahm es ab, sooft er zu seiner Geliebten ging. Das war sein einziges Bedenken; der einzige feine Unterschied, an welchem seine Schamhaftigkeit festhielt. Clarisse war davon sehr verletzt, ohne daß sie etwas merken ließ.

Octave, der im ersten Augenblick dieser Frau vertraulich die Hand gedrückt hatte, horchte und beobachtete. Der Salon mit seinen roten Tapeten und seinen granatfarbenen Möbeln glich in vielen Stücken jenem in der Choiseul-Straße; um die Ähnlichkeit zu vervollständigen, hatten sich hier mehrere Bekannte Duverdys eingefunden, die der Rat auch in seinem Hause empfing. Allein man rauchte hier, man plauderte ganz laut; ein gewisser Frohsinn wehte durch das in helles Kerzenlicht getauchte Zimmer.

Zwei Herren lagen auf den Sofas ausgestreckt; ein anderer saß rittlings auf einem Sessel und wärmte sich den Rücken am Kamin. Es herrschte eine gewisse liebenswürdige Heiterkeit, eine Freiheit, welche die Grenzen des Schicklichen nicht überschritt. Clarisse empfing niemals Frauen – aus Reinlichkeit, wie sie sagte. Wenn ihre vertrauten Freunde klagten, daß es in ihrem Salon an Damen fehle, pflegte sie lachend zu erwidern:

Nun, bin ich denn nicht genug?

Sie hatte für Alphons ein ganz anständiges Heim eingerichtet; denn trotz der vielfachen Fährlichkeiten in ihrer Existenz besaß sie im Grunde recht bürgerliche Neigungen und schwärmte für das Anständige. Wenn sie Gäste empfing, wollte sie nicht mit Du angeredet werden. Wenn später die Gäste fort und die Türen geschlossen waren, konnten alle Freunde Alphonsens sie haben, die ihren ungerechnet, rasierte Schauspieler, langbärtige Maler – fortwährend neue Männer. Neben dem Manne, der bezahlte, frönte sie der alten Gewohnheit, sich aufzufrischen. Nur zwei ihrer regelmäßigen Gäste hatten abgelehnt: Gueulin, der die Folgen fürchtete, und Trublot, der Neigungen anderer Art hatte.

Eben reichte das kleine Stubenkätzchen mit seiner gefälligen Miene Punsch herum. Octave nahm ein Glas und flüsterte seinem Freunde zu:

Das Stubenmädchen ist hübscher als die Frau.

Immer! sagte Trublot mit einem Achselzucken im Tone der Überzeugung.

Jetzt trat Clarisse hinzu, um einen Augenblick mit ihnen zu plaudern. Sie vervielfältigte sich, ging von einem zum andern, sandte bald da, bald dorthin ein Wort, ein Lächeln, eine Gebärde. Da jeder Neuangekommene eine Zigarre anzündete, war der Salon bald mit dichtem Rauch erfüllt.

Diese abscheulichen Männer! rief sie neckisch, indem sie ein Fenster öffnete.

Ohne länger zu warten, setzte Bachelard seinen Schwager Josserand in der Nische dieses Fensters nieder, angeblich, damit er frische Luft schöpfen könne; dann führte er mit einem geschickten Manöver Herrn Duverdy ebenfalls hin und leitete die Angelegenheit sofort ein. Er fühlte sich sehr geehrt dadurch, sagte er, daß die beiden Familien künftig durch engere Bande miteinander verknüpft werden sollten. Dann fragte er, an welchem Tage der Kontrakt unterzeichnet werde. Die Frage war ein passender Übergang.

Wir hatten die Absicht, Josserand und ich, morgen bei Ihnen einen Besuch zu machen, um alles in Ordnung zu bringen, denn wir wissen wohl, daß Herr August nichts ohne Sie tut ... Wir wollten über die Mitgift sprechen, und da wir hier eben beisammen sind ...

Von innerer Beklemmung ergriffen, blickte Josserand auf die finstere Straße mit ihrer stummen Häuserfront und ihrem verlassenen Bürgersteig hinaus. Wozu war er gekommen? Man werde jetzt wieder seine Schwäche mißbrauchen, um ihn in irgendeine häßliche Geschichte zu verwickeln, die ihm hinterher viel Kummer verursachen werde. Er konnte sich nicht enthalten, seinen Schwager zu unterbrechen.

Später! rief er; es ist hier nicht der Ort dazu.

Warum denn nicht? warf Duverdy gefällig drein. Der Ort ist hier passender als anderswo. Sie sagten also, mein Herr?

Wir geben Berta 50 000 Franken, fuhr der Onkel mutig fort. Allein diese Mitgift besteht in einer Versicherungsprämie, die erst in drei Jahren fällig wird ...

Erlauben Sie! unterbrach ihn Josserand erschrocken.

Nein, lassen Sie mich ausreden, Herr Duverdy begreift vollkommen ... Wir wollen nicht, daß das junge Ehepaar drei Jahre lang auf eine Mitgift warte, deren es vielleicht sofort bedarf. Wir verpflichten uns daher, die Mitgift in Raten von 10 000 Franken von sechs zu sechs Monaten zu bezahlen. Die Versicherungsprämie werden dann wir selbst in Empfang nehmen.

Es entstand eine stille Pause, Herr Josserand schaute wie erstarrt wieder auf die finstere Straße hinaus. Der Gerichtsrat schien einen Augenblick zu überlegen; vielleicht witterte er, was hinter der Geschichte steckte; doch lachte er sicherlich in seinem Innern bei dem Gedanken, daß diese Vabre, die er in der Person seiner Gemahlin verabscheute, geprellt werden könnten.

All dies scheint mir ja sehr annehmbar, sagte er endlich. Wir sind Ihnen Dank schuldig ... Es kommt so selten vor, daß eine Mitgift vollständig bezahlt wird.

Niemals, mein Herr! versicherte der Onkel energisch. Das kommt nicht vor.

Die drei Männer drückten einander die Hände und verabredeten die Zusammenkunft beim Notar für den nächsten Donnerstag.

Als Herr Josserand wieder in der Helle des Saales erschien, war er so bleich, daß man ihn fragte, ob er sich unwohl fühle. Er fühlte sich in der Tat nicht ganz wohl und entfernte sich, ohne den Schwager abzuwarten, der sieh in das Speisezimmer begeben hatte, wo statt des Tees Champagner gereicht wurde.

Gueulin, der auf einem Sofa hingestreckt lag und einige Brocken des Gespräches erhascht hatte, murmelte vor sich hin:

Ist dieser Onkel eine Kanaille!

Er kannte die Geschichte von der Versicherungsprämie, denn die Versicherung geschah seinerzeit bei seiner Gesellschaft. Er teilte Octave und Trublot die Wahrheit mit: dieser Vabre werde nicht einen Heller bekommen.

Als die Herren lachten, daß sie sich den Bauch hielten, rief Gueulin mit komischer Heftigkeit:

Ich brauche hundert Franken, und wenn der Onkel mir sie nicht geben will, hänge ich die ganze Geschichte an die große Glocke.

Die Gespräche wurden immer lauter, der Champagner machte aller Anständigkeit ein Ende. In Clarissens Salon endeten diese Gesellschaften immer geräuschvoll. Es kam nicht selten vor, daß sie selbst sich vergaß. Trublot zeigte sie dem Octave, wie sie hinter einer Türe in den Armen eines kräftig gebauten Steinmetzgesellen aus dem Süden lag, den seine Vaterstadt nach Paris gesandt hatte, damit dort ein Künstler aus ihm werde. Jetzt stieß Duverdy die Türe auf, sie ließ daher rasch den jungen Mann los und empfahl ihn ihrem Zuhälter in sehr warmen Ausdrücken: das ist Herr Payan, ein Bildhauertalent ersten Ranges! Duverdy tat sehr entzückt und versprach, den jungen Mann mit Arbeit zu versorgen.

Arbeit, Arbeit, wiederholte Gueulin halblaut; er findet hier soviel Arbeit, wie er will, der große Gimpel!

Als um zwei Uhr nach Mitternacht die drei jungen Leute und der Oheim sich entfernten, war letzterer vollständig betrunken. Sie hätten ihn gern in eine Droschke gepackt, allein das ganze Stadtviertel lag in feierlicher Stille da, nicht das Rollen eines Wagens, nicht der Schritt eines Fußgängers war hörbar. Der Mond war zum Vorschein gekommen und sandte sein bleiches Licht auf die Fußwege. Die jungen Leute mußten sich entschließen, den Onkel zu führen. In den verlassenen, stillen Straßen klangen ihre Stimmen feierlich ernst.

Verflucht! halten Sie sich doch, Onkel! Sie brechen uns ja die Arme!

Der Alte war wieder sehr zärtlich und gerührt.

Geh weg, Gueulin, blökte er; ich will nicht, daß du deinen Oheim in einem solchen Zustande siehst. Es schickt sich nicht; wahrlich, es schickt sich nicht.

Da sein Neffe ihn als einen alten Halunken behandelte, erwiderte er:

Halunke, damit ist nichts gesagt. Man muß sich den Respekt bewahren ... Ich schätze die Frauen, aber nur die anständigen Frauen. Wo es kein Gefühl gibt, stößt es mich ab ... Geh, Gueulin, du machst deinen Onkel erröten. Diese Herren genügen ja, mich nach Hause zu geleiten.

Dann geben Sie mir 100 Franken, erklärte Gueulin. Ich brauche sie, um meine Miete zu bezahlen, sonst wirft man mich hinaus.

Bei diesem unerwarteten Verlangen ward Bachelard noch mehr betrunken, dermaßen, daß man ihn an das Fenster eines Kaufladens lehnen mußte.

Wie, was, 100 Franken? stammelte er. Suchet nicht in meinen Taschen. Ich habe nur Sousstücke. Du willst das Geld an unsauberen Orten verprassen. Nein, niemals werde ich das Laster unterstützen. Ich kenne meine Pflicht. Deine Mutter hat auf dem Sterbebett dich meiner Obhut anvertraut. Ich rufe die Polizei, wenn man mir in der Tasche herumwühlt.

Er wetterte weiter über die Lasterhaftigkeit der Jugend und predigte die Notwendigkeit der Tugend.

Ich bin doch noch nicht so weit, die Familien zu betrügen! schrie endlich Gueulin. Sie verstehen mich schon! Wenn ich reden wollte, würden Sie mir rasch die 100 Franken geben.

Da ward der Onkel plötzlich taub. Er stieß ein Grunzen aus und drohte zu zerfließen. In der engen Straße, wo sie jetzt waren, hinter der Gervasiuskirche, brannte eine einzige Laterne mit bleichem Lichte und ließ auf ihren matten Gläsern eine große Nummer lesen. Ein dumpfes Getöse drang aus dem Hause, durch dessen geschlossene Fensterläden schmale Lichtstreifen auf den Fußweg fielen.

Ich habe genug! erklärte plötzlich Gueulin. Verzeih, Onkel, ich habe meinen Regenschirm da oben vergessen.

Er trat in das Haus ein. Bachelard war entrüstet und angewidert; er forderte zumindest etwas Respekt für die Frauen; bei solchen Sitten sei Frankreich verloren. Auf dem Rathausplatz fanden Octave und Trublot endlich einen Wagen, in den sie ihn hineinwarfen wie ein Bündel Wäsche.

Enghien-Straße! riefen sie dem Kutscher zu. Sucht ihm die Taschen aus und macht Euch bezahlt.

Am Donnerstag ward bei dem Notar Renaudin in der Gramont-Straße der Ehevertrag unterzeichnet. Bevor die Josserands sich dahin auf den Weg machten, gab es noch eine böse Szene bei ihnen. In einer letzten Regung der Ehrenhaftigkeit machte Josserand seine Frau verantwortlich für die Lüge, zu der man ihn nötigte, und da warfen sie einander ihre Familien wieder an den Kopf. Wo sollte er alle sechs Monate 10 000 Franken hernehmen? Diese Verpflichtung raubte ihm den Verstand. Bachelard, der zugegen war, klopfte sich stolz auf die Brust, erschöpfte sich in Versprechungen und schwur hoch und teuer, er werde seine kleine Berta niemals in Verlegenheit lassen. Doch der Vater zuckte die Achseln und fragte, ob er ihn denn entschieden für einen »Trottel« halte?

Die Verlesung des Ehevertrages, den der Notar nach den Angaben Duverdys verfaßt hatte, beruhigte Herrn Josserand einigermaßen. Es war in dem Vertrage keine Rede von der Versicherung; die erste Rate von 10 000 Franken sollte sechs Monate nach der Hochzeit gezahlt werden. So hatte er wenigstens Zeit zu atmen. August Vabre, der aufmerksam zugehört hatte, verriet eine lebhafte Unruhe; er schaute lächelnd auf Berta, dann schaute er auf die Josserand, endlich auf Duverdy. Er erlaubte sich die Bemerkung, daß die Versicherung als Garantie der Mitgift in dem Vertrage doch erwähnt sein müsse. Da taten alle sehr verwundert. Wozu denn? Die Sache verstehe sich von selbst. Der Notar Renaudin, ein sehr höflicher junger Mann, reichte den Damen stumm die Feder, und man unterzeichnete.

Als man sich entfernte, äußerte sich Frau Duverdy sehr überrascht: es sei ja von einer Versicherung gar nicht die Rede gewesen, sondern die Mitgift von 50 000 Franken solle vom Onkel Bachelard gegeben werden. Frau Josserand leugnete in unschuldigem Tone, daß sie jemals die Absicht gehabt habe, ihren Bruder wegen einer solchen Kleinigkeit anzugehen. Berta habe einst das ganze Vermögen ihres Oheims zu erwarten.

Am Abend kam eine Droschke, um Saturnin abzuholen. Seine Mutter hatte erklärt, er könne unmöglich über die Hochzeit im Hause behalten werden; man könne doch nicht einen Verrückten unter die Hochzeitsgäste lassen, der die Leute aufzuspießen drohe. Herr Josserand mußte mit tief bekümmertem Herzen sich entschließen, die Aufnahme des unglücklichen Wesens in das Asyl zu Ville-Evrard nachzusuchen. Man ließ bei Einbruch der Dunkelheit den Wagen unter die Torwölbung einfahren; Saturnin kam, von Berta bei der Hand geführt, herab; er glaubte, es handle sich um einen Ausflug auf das Land. Als er jedoch im Wagen saß, ahnte er instinktmäßig die Wahrheit; er wehrte sich wütend, schlug die Scheiben ein und streckte die blutigen Fäuste zu den Fenstern hinaus.

Josserand ging weinend hinauf, ganz verstört über diese Abreise in der Dunkelheit; noch lange gellte ihm das Geheul des armen Wesens in den Ohren, untermengt mit dem Peitschenknall des Kutschers und dem Galopp des Pferdes.

Als er beim Essen auf den Platz Saturnins blickte, der fortan leer bleiben sollte, traten ihm Tränen in die Augen. Seine Frau, im Irrtum über den Grund seines Kummers, ward ärgerlich darüber und rief:

Jetzt ist's aber genug! Willst du mit dieser Leichenbittermiene Hochzeit machen? Ich schwöre dir bei dem, was mir das Heiligste ist, bei dem Grabe meines Vaters, daß der Onkel die ersten 10 000 Franken bezahlen wird. Ich bürge dafür. Er hat es mir in aller Form geschworen, als wir vom Notar kamen.

Herr Josserand gab ihr keine Antwort. Er schrieb die ganze Nacht seine Adreßschleifen. Bei Tagesanbruch hatte er, vor Kälte zitternd, das zweite Tausend vollendet und sechs Franken verdient. Er hatte aus Gewohnheit wiederholt den Kopf erhoben, um zu lauschen, ob Saturnin nicht im Nebenzimmer schnarche. Dann dachte er an Berta, und das eiferte ihn zu weiterer Arbeit an. Sechs Franken mehr geben ein hübsches Bukett zum Hochzeitskleide ...

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