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Der häusliche Herd

Emile Zola: Der häusliche Herd - Kapitel 5
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typefiction
authorEmile Zola
titleDer häusliche Herd
publisherBenjamin Harz Verlag
seriesDie Rougon-Macquart
volumeBand X
year1924
translatorArmin Schwarz
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Viertes Kapitel

Vom folgenden Tage an beschäftigte sich Octave mit Valerie. Er erspähte ihre Gewohnheiten, erfuhr die Stunde, zu der er Aussicht hatte, ihr auf der Treppe zu begegnen, und wußte es so einzurichten, daß er oft in sein Zimmer hinaufzusteigen hatte, teils zur Zeit des Frühstücks, das er bei den Campardons nahm, teils, indem er aus dem Laden, wo er beschäftigt war, unter irgendeinem Vorwande auf kurze Zeit sich entfernte. Bald hatte er bemerkt, daß die junge Frau täglich um zwei Uhr ihr Kind in den Tuileriengarten spazieren führte, wobei sie durch die Gaillonstraße ging. Da stand er denn zu dieser Stunde in der Ladentüre, erwartete sie und grüßte sie im Vorübergehen mit dem ihm eigenen galanten Lächeln. Valerie erwiderte diesen Gruß stets mit einem höflichen Kopfnicken, ohne stehen zu bleiben; doch sah er ihre schwarzen Augen in Leidenschaft erglühen; er fand Aufmunterungen in ihrer zerstörten Gesichtsfarbe und in dem geschmeidigen Wiegen ihrer Taille.

Sein Plan war fertig, der kühne Plan eines Verführers, der gewohnt ist mit der Tugend der Ladenmädchen zu spielen. Es handelte sich einfach darum, Valerie in sein Zimmer im vierten Stock hinaufzulocken; die Treppe lag in feierlicher Stille da; niemand werde sie da oben entdecken; er lächelte bei dem Gedanken an die sittlichen Ermahnungen des Architekten, denn eine Frau » im Hause nehmen« heißt ja nicht, eine Frau » ins Haus nehmen«.

Ein Umstand beunruhigte jedoch Octave. Die Küche der Familie Pichon war von ihrem Speisezimmer durch den Gang getrennt, wodurch sie genötigt waren, ihre Türe häufig offen zu lassen. Um neun Uhr begab sich der Mann in sein Büro, um erst gegen fünf Uhr heimzukehren; an den geraden Tagen der Woche ging er nach dem Essen noch aus, um von acht Uhr bis Mitternacht in einem Geschäfte die Bücher zu führen. Die junge Frau war übrigens sehr scheu und pflegte, sobald sie den Schritt Octaves hörte, die Türe hastig zuzuwerfen. Er sah sie stets nur von rückwärts, gleichsam fliehend, mit ihren mattblonden Haaren, die in einem einzigen kleinen Knoten aufgesteckt waren. Durch die halboffene Tür hatte er bisher nur kleine Streifen ihres Hauswesens entdeckt, ärmliche, aber reinlich gehaltene Möbel von Mahagoni, Wäschestücke von einer erloschenen Weiße bei dem trüben Lichte eines Fensters, das er nicht sehen konnte, die Ecke eines Kinderbettchens im Hintergrunde eines zweiten Zimmers: die ganze eintönige Einsamkeit einer Frau, die vom Morgen bis zum Abend in dem kärglichen Haushalte eines Beamten reichlich zu schaffen hat. Übrigens hörte man niemals das geringste Geräusch; das Kind schien stumm und müde wie die Mutter; kaum hörte man hier und da das leise Summen eines Liedes, das die junge Frau vor sich hinsang. Octave war indes wütend über »dieses Äffchen«, wie er sie nannte, sie spionierte ihm vielleicht gar nach. Wenn die Türe dieser Pichons fortwährend so offen stand, werde Valerie niemals zu ihm hinaufkommen können.

Er war der Meinung, daß seine Angelegenheit im besten Gange sei. An einem Sonntage – der Gatte war eben abwesend – hatte Octave so geschickt zu manövrieren gewußt, daß er sich in dem Augenblick auf dem Treppenabsatz des ersten Stockwerkes befand, als Frau Valerie, bloß mit einem Frisiermantel bekleidet, von ihrer Schwägerin kommend, in ihre Wohnung zurückkehrte Sie konnte es nicht vermeiden, seine Anrede zu erwidern; sie blieben einige Minuten beisammen und tauschten Artigkeiten aus. Er schied mit der Hoffnung, ein nächstes Mal auch in ihre Wohnung eingelassen zu werden. Das andere werde sich bei einer Frau von solchem Wesen von selbst finden.

An jenem Abende ward bei den Campardons am Mittagstische von Valerie gesprochen. Octave suchte das Ehepaar Campardon zu Äußerungen über die junge Frau zu bewegen. Allein da Angela die Ohren spitzte und heimliche Blicke auf Lisa warf, die mit ernster Miene eine Hammelkeule auftrug, verbreiteten die Eltern sich zuerst in Lobeserhebungen über Frau Vabre. Der Architekt trat übrigens jederzeit für die Achtung des Hauses ein mit der Überzeugung eines stolzen Mieters, der aus der Rechtschaffenheit des Hauses auch für die eigene Person den entsprechenden Teil ableitete.

0, mein Lieber! Sehr anständige Leute ... Sie haben sie ja bei den Josserands gesehen. Der Mann ist durchaus nicht dumm; er ist vielmehr reich an Gedanken und wird schließlich etwas Bedeutendes erfinden. Was die Frau betrifft, so hat sie ihren eigenen »Stempel« – wie wir Künstler sagen.

Frau Campardon – die seit gestern wieder mehr litt und bei Tische mehr lag als saß, was sie nicht hinderte, bedeutende Stücke des halb blutigen Bratens zu verzehren, – fügte schmachtend hinzu:

Der arme Theophil ... Es geht ihm wie mir: er ist immer siech ... Sehen Sie, Valerie ist eine verdienstvolle Person; denn es ist wahrhaftig nicht sehr angenehm, an der Seite eines Mannes zu leben, der fortwährend vom Fieber geschüttelt wird, und den sein Zustand oft zänkisch und ungerecht macht.

Beim Nachtisch jedoch erfuhr Octave, der zwischen dem Architekten und dessen Frau saß, über diesen Gegenstand mehr, als er verlangt hatte. Sie vergaßen Angelas Anwesenheit, sprachen in halben Worten und verliehen dem Doppelsinn ihrer Äußerungen durch Augenzwinkern den entsprechenden Nachdruck; wenn ihnen ein Ausdruck fehlte, neigten sie sich zum Ohr Octaves und nannten das Ding beim rechten Namen. Alles in allem sei dieser Theophil ein Kretin und Unvermögender, der es verdiene, das zu sein, wozu seine Frau ihn mache. Valerie selbst tauge nicht viel; sie werde sich gewiß ebenso schlecht betragen, wenn ihr Mann sie befriedigt hätte, denn ihr Wesen reiße sie fort. Es sei übrigens bekannt, daß sie, als sie zwei Monate nach ihrer Verheiratung zu ihrer Verzweiflung sah, daß sie von ihrem Manne niemals ein Kind bekommen werde und daher Gefahr laufe, falls ihr Mann sterbe, die Erbschaft des alten Vabre zu verlieren, sich ihren kleinen Camille von einem Fleischerburschen aus der Annen-Straße hatte machen lassen.

Campardon neigte sich ein letztes Mal zu Octave und flüsterte:

Schließlich: – Sie werden begreifen, mein Lieber – sie ist eine hysterische Frau.

Er sprach dieses Wort mit der ganzen Unzüchtigkeit des ausgelassenen Spießbürgers, mit dem »vertrackten« Lächeln des Familienvaters aus, dessen plötzlich entfesselte Phantasie sich Szenen schlimmster Art ausmalte. Angela schaute auf ihren Teller und vermied den Blick Lisas, um nicht lachen zu müssen. Das Gespräch nahm jetzt eine andere Wendung, man sprach von den Piehons und war unerschöpflich in Lobeserhebungen.

Diese wackeren Leute! sagte Frau Campardon wiederholt Zuweilen erlaube ich Marie, wenn sie ihre kleine Lilitte spazieren führt, meine Angela mitzunehmen. Ich beteure Ihnen, Herr Mouret, daß ich meine Tochter nicht der erstbesten anvertraue: ich muß der Moralität der betreffenden Person vollkommen sicher sein. Nicht wahr, Angela, du liebst Marie sehr?

Ja, Mama.

Dann folgten weitere Einzelheiten über Frau Pichon. Man konnte kaum eine Frau von besserer Erziehung und strengeren Grundsätzen finden. Ihr Gatte ist denn auch sehr glücklich. Ein recht nettes, liebes Ehepaar, das sich gegenseitig anbetet, und bei dem man nie ein lautes Wort hört.

Man würde sie auch gar nicht im Hause behalten, wenn sie sich schlecht aufführten, sagte der Architekt ernst, indem er seine vertraulichen Mitteilungen über Valerie ganz vergaß. Wir wollen in diesem Hause nur ehrbare Leute ... Auf Ehre, ich würde die Miete an dem Tage kündigen, an dem meine Tochter der Gefahr ausgesetzt wäre, auf der Treppe unsoliden Leuten zu begegnen.

Er sollte diesen Abend insgeheim seine Kusine Gasparine in die Komische Oper führen. Er nahm denn auch gleich nach Beendigung des Essens seinen Hut, indem er ein Geschäft vorschützte, das ihn bis in die späte Nacht zurückhalten werde. Rosa schien jedoch von dieser Partie Kenntnis zu haben, denn als Campardon seine Gattin mit vieler Zärtlichkeit küßte, hörte Octave sie in ihrem ruhigen, mütterlichen Tone flüstern:

Amüsiere dich gut, mein Liebster, und gib acht, daß du dich nicht erkältest.

Am folgenden Tage hatte Octave einen Einfall: er gedachte Frau Pichon durch kleine Dienste zu gewinnen und sie in sein Spiel zu ziehen; dadurch hoffte er zu erreichen, daß sie die Augen zudrücken werde, wenn sie zufällig einmal Valerie überrasche. Noch am nämlichen Tage bot sich ihm eine Gelegenheit. Frau Pichon hatte die Gewohnheit, ihre Lilitte, die damals anderthalb Jahre alt war, in einem kleinen Korbwägelchen spazieren zu fahren; dieses Wägelchen war Herrn Gourd ein großes Ärgernis; er wollte niemals einwilligen, daß es über die Haupttreppe hinaufgeschafft werde, man mußte es über die Dienstbotentreppe hinaufbringen und, da oben die Türe der Wohnung zu eng war, mußte man jedesmal Räder und Deichsel ausheben, was eine ganze Arbeit war. An diesem Tage kam Octave eben hinzu, als seine Nachbarin, durch ihre Handschuhe behindert, sich viele Mühe gab, die Schrauben auszuziehen. Als sie merkte, daß er hinter ihr stehe und warte, bis sie den Gang freimache, verlor sie vollends den Kopf; ihre Hände zitterten.

Aber Gnädige, sagte er, warum machen Sie sich so viele Mühe? Es wäre doch einfacher, diesen Wagen dort im Hintergrunde des Ganges hinter meiner Türe stehen zu lassen.

In ihrer außerordentlichen Schüchternheit fand sie keine Antwort, sie verharrte in hockender Stellung, es fehlte ihr die Kraft, sich zu erheben; und er sah, wie unter dem Halbschleier ihres Hutes eine lebhafte Röte ihren Nacken bis zu den Ohren färbte.

Ich beteuere Ihnen, Gnädige, daß mich dies nicht im geringsten genieren würde.

Ohne eine Antwort weiter abzuwarten, ergriff er den Wagen und trug ihn behende davon. Sie mußte ihm folgen, doch war sie dermaßen verlegen über dieses seltsame Abenteuer in ihrem einfachen Alltagsleben, daß sie ihn ruhig gewähren ließ und nichts als einige abgebrochene Sätze zu stammeln vermochte.

Aber, mein Herr, Sie machen sich zuviel Mühe ... Ich bin in Verwirrung ... Sie werden sich ja den Raum verlegen... Mein Mann wird Ihnen sehr dankbar sein.

Dann kehrte sie in ihre Wohnung zurück, wo sie sich fester einschloß, als ob sie sich schäme. Octave hielt sie für dumm. Der Korbwagen genierte ihn sehr, denn er hinderte ihn, seine Tür aufzumachen, und er mußte sich schräg hineinzwängen. Allein seine Nachbarin war gewonnen, umso mehr als Herr Gourd dank dem Einflüsse Campardons einwilligte, daß der Korbwagen im Hintergrunde jenes Raumes stehe.

Jeden Sonntag kamen die Eltern Maries, Herr und Frau Vuillaume, zu ihren Kindern, um da den Tag zu verbringen. Als Octave am nächsten Sonntag ausging, sah er die ganze Familie beim Kaffee sitzen; er beschleunigte seine Schritte, um rasch vorbeizukommen; allein er sah, wie Frau Pichon sich lebhaft zum Ohr ihres Gatten neigte, worauf sich dieser rasch erhob und in der Tür zu ihm sagte:

Entschuldigen Sie, mein Herr! Ich bin fast immer außer dem Hause und hatte noch keine Gelegenheit, Ihnen zu danken. Doch drängt es mich, Ihnen zu sagen, wie sehr ich neulich erfreut war ...

Octave winkte ab. Doch endlich mußte er bei den Pichons eintreten. Obgleich er schon Kaffee getrunken hatte, nötigte man ihn dennoch, eine Tasse anzunehmen. Man wies ihm den Ehrenplatz zwischen Herrn und Frau Vuillaume an. Ihm gegenüber, an der andern Seite des Tisches saß Frau Pichon in fortwährender Verwirrung, die ihr jeden Augenblick ohne sichtlichen Grund das Blut in die Wangen trieb. Er betrachtete sie, denn er hatte sie noch niemals genau gesehen. Sie war – wie Trublot gesagt – nicht sein Ideal; er fand sie ärmlich, unansehnlich, mit einem gewöhnlichen Gesichte und dünnen Haaren; die Züge waren jedoch fein und hübsch. Als sie sich ein wenig gefaßt hatte, kam sie, wiederholt fröhlich lachend, auf den Vorfall mit dem Wägelchen zu sprechen. Sie war unerschöpflich an Bemerkungen darüber.

Julius, wenn du den Herrn gesehen hättest, wie er den Wagen trug ... Es ging sehr rasch ...

Pichon dankte von neuem. Er war groß und mager, hatte ein leidendes Aussehen, seine Gestalt war gebeugt von dem ewigen Büroleben.

Reden wir nicht weiter davon! sagte Octave. Es ist wahrlich nicht der Mühe wert ... Gnädige, Ihr Kaffee ist ausgezeichnet, ich habe niemals besseren getrunken.

Sie errötete von neuem dermaßen, daß selbst ihre Hände eine rosige Färbung annahmen.

Verhätscheln Sie sie nicht, mein Herr, sagte Herr Vuillaume ernst. Ihr Kaffee ist gut, aber es gibt noch besseren Kaffee. Sie sehen, wie stolz Sie sie mit ihren Lobsprüchen gemacht haben.

Der Stolz ist nicht gut, bemerkte Frau Vuillaume ihrerseits. Wir haben ihr stets die Bescheidenheit empfohlen.

Es waren zwei alte, vertrocknete Leute mit bleichen Gesichtern; die Frau trug ein enges schwarzes Kleid, der Mann einen fadenscheinigen Überrock, an dem man nichts sah als ein breites, rotes Ordensband.

Mein Herr, sagte der kleine Greis, ich bin mit sechzig Jahren ausgezeichnet worden an dem Tage, da ich nach einer Dienstzeit von neununddreißig Jahren im Unterrichtsministerium in Pension ging! Ich habe an jenem Tage gerade so gesessen wie sonst; der Stolz hat mich nicht aus meinen Gewohnheiten gebracht. Das Kreuz gebührte mir, ich wußte es; nur war meine Seele von Dankbarkeit erfüllt.

Die Blicke auf seinen Schwiegersohn gerichtet, der gleich ihm mit zwanzig Jahren in das Ministerium eingetreten war, legte er Octave freimütig seine Lage dar. Seine Existenz sei einfach und klar, jedermann solle sie kennen lernen, sagte er. Nach fünfundzwanzig Dienstjahren war sein Gehalt auf viertausend Franken gestiegen; er hatte demnach Aussicht auf eine Pension von zweitausend Franken. Allein er mußte schon mit fünfzehnhundert Franken sich zurückziehen, weil Marie als Spätling zur Welt kam zu einer Zeit, da Frau Vuillaume keine Kinder mehr zu bekommen hoffte. Jetzt, da Marie versorgt war, lebten sie eingeschränkt in der Durantin-Straße am Montmartre, weil dort das Leben wohlfeiler sei.

Ich bin sechsundsiebzig Jahre alt, schloß er, und da ist mein Schwiegersohn.

Still und matt schaute Pichon ihn an, die Augen auf das Verdienstkreuz gerichtet. Ja, das wird auch seine Geschichte sein, wenn er vom Glück begünstigt wird. Er war der Sohn einer Obsthändlerin, die ihren ganzen Handel daran setzte, um aus ihrem Sohn einen »studierten« Menschen zu machen, weil man im ganzen Stadtviertel sagte, daß er gar so gescheit sei, und sie war zahlungsunfähig gestorben acht Tage vor seinem Triumph auf der Sorbonne. Nach drei Jahren der Arbeit und Entbehrungen, die er bei einem Onkel zugebracht, hatte er endlich das unverhoffte Glück, ins Ministerium eintreten zu können, das alle seine Träume verwirklichen sollte, und wo er sich bereits verheiratet hatte.

Man tut seine Pflicht, und die Regierung tut die ihre, murmelte er und berechnete im stillen, daß er noch sechsunddreißig Jahre zu warten habe, bis er ausgezeichnet werde und eine Pension von zweitausend Franken erhalte.

Dann wandte er sich zu Octave und sagte:

Sehen Sie, mein Herr, die Kinder sind es, die uns das Dasein erschweren.

Gewiß, sagte Frau Vuillaume. Hätten wir noch ein zweites Kind bekommen, so würden wir nie das Auslangen gefunden haben ... Sie werden sich wohl auch erinnern, Julius, was ich von Ihnen verlangte, als ich Ihnen Marie gab: ein Kind, nicht mehr, oder wir werden böse miteinander. Nur die Arbeiter setzen Kinder wie die Küchlein in die Welt, unbekümmert darum, was es kosten wird. Allerdings lassen sie sie dann auf dem Pflaster wie die Viehherden. Wie oft bekümmert mich dieser traurige Anblick! ...

Octave hatte einen Blick auf Marie geworfen, denn er dachte, dieser heikle Gegenstand müsse ihr die Schamröte ins Gesicht treiben. Doch sie war bleich geblieben und hatte den Ausführungen ihrer Mutter mit der Ruhe einer keuschen Jungfrau zugestimmt. Octave langweilte sich tödlich und wußte nicht, wie er sich in passender Weise entfernen solle. So verbrachten diese Leute den Nachmittag in dem kleinen, kalten Speisezimmer, indem sie alle fünf Minuten einige langsam gesprochene Worte vernehmen ließen und nur von ihren eigenen Angelegenheiten sprachen.

Jetzt setzte Frau Vuillaume ihre Gedanken auseinander. Nach längerem Stillschweigen, während dessen alle vier sich frische Gedanken zu bilden schienen, sagte sie:

Sie haben kein Kind, mein Herr? Nun, das wird kommen ... Ein Kind bedeutet eine schwere Verantwortlichkeit besonders für eine Mutter. Ich war neunundvierzig Jahre alt, mein Herr, als diese Kleine zur Welt kam, demnach in einem Alter, wo man sich glücklicherweise schon zu benehmen weiß. Ein Knabe – nun, der wächst sozusagen von selbst auf, aber ein Mädchen! Ich habe das tröstliche Bewußtsein, meine Pflicht erfüllt zu haben, o ja.

Dann entwickelte sie in kurzen Sätzen ihren Erziehungsplan. Vor allem rechtschaffen. Keine Spielerei auf den Treppen; die Kleine immer in der Nähe behalten, denn die Mädchen denken nur an Schlimmes. Türen und Fenster müssen geschlossen bleiben; nur kein Luftzug, der von der Straße häßliche Dinge hereinweht. Draußen darf das Kind nicht von der Hand gelassen werden: man muß es gewöhnen, auf den Boden zu blicken, um jedem häßlichen Schauspiel auszuweichen. In Sachen der Religion kein Mißbrauch, nur soviel, wie zur Wahrung der Sittlichkeit notwendig ist. Wenn das Mädchen größer wird, soll man Lehrerinnen nehmen, sie nicht in Pensionen stecken, wo die Unschuld verdorben wird; man muß ferner den Lektionen beiwohnen, darüber wachen, daß sie nicht erfahre, was sie nicht wissen soll, die Zeitungen verstecken, die Bibliothek verschließen.

Ein Mädchen erfährt von diesen Dingen noch immer zuviel, schloß die würdige Dame.

Während ihre Mutter sprach, schaute Marie mit ihren ausdruckslosen Augen ins Leere. Sie sah die kleine verschlossene Wohnung mit den engen Zimmerchen in der Durantin-Straße wieder, wo es ihr nicht gestattet war, sieh auf das Fenstergesims zu lehnen. Es war eine ins Jungfrauenalter hinein verlängerte Kindheit, allerlei Verbote, die sie nicht begriff; ganze Zeilen, die ihre Mutter in dem Modejournal durchstrich, und über deren schwarze Barren sie erröten mußte; »gereinigte« Lektionen, die selbst die Lehrerinnen beim Ausfragen in Verlegenheit brachten. Es war übrigens eine sanfte Kindheit, ein mildes Emporwachsen in einem warmen Treibhause; noch jetzt schwebte bei diesen Erinnerungen ein kindliches Lächeln auf den Lippen dieser Frau, die in der Ehe unwissend geblieben war.

Sie können es mir glauben, mein Herr, sagte Herr Vuillaume; meine Tochter hatte mit achtzehn Jahren noch keinen Roman gelesen ... Nicht wahr, Marie?

Ja, Papa.

Ich besitze, fuhr er fort, die Romane George Sands in sehr schönem Einbande; und trotz der Besorgnisse ihrer Mutter habe ich mich entschlossen, ihr einige Monate vor ihrer Verheiratung zu gestatten, daß sie » André« lese, ein ungefährliches Buch voll Phantasie, das die Seele erhebt ... Ich bin für eine freisinnige Erziehung. Die Literatur hat ihre Berechtigung... Diese Lektüre hat eine außerordentliche Wirkung bei ihr hervorgebracht, mein Herr. Sie weinte des Nachts im Schlafe, was beweist, daß nur eine reine Einbildungskraft das Genie wahrhaft begreifen kann.

Es ist so schön! murmelte die junge Frau mit funkelnden Augen.

Pichon sagte: Vor der Ehe gar keinen Roman, nach der Ehe alle Romane. Daraufhin bemerkte Frau Vuillaume kopfschüttelnd, daß sie keine Romane gelesen habe und sich dennoch wohlbefinde.

Nun sprach Marie in sanftem Tone von ihrer Einsamkeit.

Mein Gott, ich nehme zuweilen ein Buch zur Hand. Übrigens wählt Julius selbst im Lesekabinett in der Choiseul-Straße die Bücher für mich aus ... Wenn ich noch Klavier spielen könnte! ...

Da glaubte endlich auch Octave etwas vorbringen zu sollen.

Wie, Gnädige? rief er; Sie spielen nicht Klavier?

Es entstand eine verlegene Pause. Die Eltern sprachen von verschiedenen ungünstigen Umständen; sie wollten nicht eingestehen, daß sie die Kosten scheuten. Die Mutter versicherte übrigens, daß Marie schon vermöge ihrer natürlichen Begabung richtig zu singen verstehe; als junges Mädchen wußte sie allerlei hübsche Romanzen zu singen; es genügte ihr, eine Weise einmal zu hören, und sie behielt sie im Gedächtnisse. Insbesondere ein spanisches Lied, die Geschichte einer Gefangenen, die ihren Geliebten beklagt; dieses Lied sang sie mit so vielem Ausdruck, daß den Zuhörern, und wären diese noch so sehr verstockt gewesen, Tränen der Rührung erpreßt wurden.

Doch Marie war trostlos und, die Hand nach dem anstoßenden Zimmer ausstreckend, wo ihr Töchterchen schlief, rief sie: Ich schwöre, daß Lilitte Klavier spielen wird und wenn ich die schwersten Opfer bringen müßte.

Trachte vor allem, sie so zu erziehen, wie wir dich erzogen haben, sagte Madame Vuillaume. Ich will gewiß nichts gegen die Musik gesagt haben; sie veredelt das Gemüt. Vor allem wache über deine Tochter, halte die böse Luft von ihr fern; trachte, daß sie ihre Unwissenheit bewahre ...

Sie kam wieder auf ihr Thema zurück: sie legte jetzt mehr Nachdruck auf die Religion, regelte die Anzahl der Beichten nach Monaten und bezeichnete jene Messen, die man anstandshalber unbedingt besuchen müsse. Da verlor Octave endlich die Geduld, er erklärte, eine Abmachung nötige ihn, sich zu entfernen. Seine Ohren summten vor Langeweile; er begriff, daß das Gespräch in dieser Weise bis zum Abend fortdauern könne. Als er mit einem letzten Gruße sich entfernte, sah er Marie plötzlich ohne besonderen Grund erröten.

Wenn in Zukunft Octave am Sonntag an der Wohnung der Pichons vorbeikam, beschleunigte er seine Schritte, besonders wenn er die trockene Stimme der Alten hörte. Überdies war er vollauf mit der Eroberung Valeries beschäftigt, die trotz der glühenden Blicke, deren Ziel er zu sein glaubte, dennoch eine unerklärliche Zurückhaltung beobachtete; er sah in diesem Benehmen das Spiel einer Kokette. Eines Tages war er ihr wie zufällig im Tuileriengarten begegnet, wo sie mit ihm ganz ruhig über ein Unwetter zu sprechen begann, das tags vorher stattgefunden hatte. Er gewann den Eindruck, daß er es mit einer sehr schlauen Person zu tun habe. Er entschloß sich, ihr so häufig wie möglich auf der Treppe aufzulauern, in ihre Wohnung einzudringen und – wenn nötig – sogar rücksichtslos zu sein.

Wenn er jetzt an der Wohnung der Pichons vorbeikam, errötete Marie jedesmal und lächelte. Sie tauschten freundnachbarliche Grüße aus. Als er eines Morgens zum Frühstück kam und ihr einen Brief überbrachte, den Herr Gourd ihm für sie mitgegeben hatte, um die vier Stockwerke zu ersparen, fand er die junge Frau in arger Verlegenheit. Sie hatte Lilitte, die sich im Hemde befand, auf den runden Tisch gesetzt und war bemüht, sie wieder anzukleiden.

Was ist denn vorgefallen? fragte der junge Mann.

Die Kleine ist schuld an allem, sagte Marie. Ich war so unbesonnen, sie zu entkleiden, weil sie sich beklagte; und jetzt kann ich nicht ...

Er betrachtete sie mit Erstaunen. Sie drehte ein Unterröckchen hin und her und suchte die Häkchen. Dann fügte sie hinzu:

Sie müssen wissen, ihr Vater hilft mir immer am Morgen, ehe er ausgeht, sie ankleiden und in Ordnung bringen ... Ich allein kann mich in diesen Dingen nie zurechtfinden. Das langweilt mich, das regt mich auf ...

Die Kleine, überdrüssig, so lange im Hemde zu sitzen, und eingeschüchtert durch die Anwesenheit eines fremden Mannes, war inzwischen immer widerspenstiger geworden und warf sich jetzt auf dem Tische zurück.

Geben Sie acht! rief Octave. Sie wird hinunterfallen.

Es war eine völlige Katastrophe. Marie schien nicht zu wagen, die nackten Glieder ihrer Tochter zu berühren. Sie betrachtete sie mit der Verblüffung einer Jungfrau. Zu der Furcht, dem Kinde einen Schaden zuzufügen, gesellte sich eine unbestimmte Scheu vor diesem lebendigen Fleische. Indes gelang es ihr endlich, unterstützt von Octave, das Kind wieder anzukleiden.

Was werden Sie anfangen, wenn Sie einst zwölf Kinder haben? fragte Octave lachend.

Aber wir werden keines mehr haben, erwiderte sie verstört.

Er begann zu scherzen; sie solle nichts verschwören; ein Kind sei so schnell fertig.

Nein, nein! wiederholte sie hartnäckig. Sie haben ja neulich Mama gehört. Sie hat es Julius streng verboten. Sie kennen sie nicht. Es gäbe endlose Streitigkeiten, wenn ein zweites Kind käme.

Es machte Octave viel Spaß, mit welcher Ruhe die junge Frau über dieses Thema sprach. Er drängte sie immer weiter in dieser Richtung, doch gelang es ihm nicht, sie in Verlegenheit zu bringen. Sie tue übrigens, was ihr Mann wolle, sagte sie. Sie liebe die Kinder, gewiß; und wenn es ihr erlaubt wäre, möchte sie noch mehr haben. Hinter dieser Fügsamkeit gegen den Befehl der Mutter sah man den Gleichmut der Frau, deren mütterliches Gefühl noch nicht geweckt ist. Lilitte beschäftigte sie ungefähr so wie ihr Hauswesen, das sie aus Pflichtgefühl in Ordnung hielt. Wenn sie das Eßgeschirr gereinigt und ihre Kleine spazieren geführt hatte, setzte sie das leere, schläfrige Leben eines jungen Mädchens fort, eingewiegt von der unbestimmten Hoffnung auf eine Freude, die nicht kommen wollte. Als Octave ihr sagte, daß sie sich in ihrer ewigen Einsamkeit grausam langweilen müsse, schien sie überrascht. Nein – meinte sie –, sie langweile sich nicht; die Tage vergehen von selbst, ohne daß sie beim Schlafengehen wisse, womit sie dieselben zugebracht. Am Sonntag gehe sie zuweilen mit ihrem Gatten aus, ein andermal kämen ihre Eltern zu Besuch, oder sie nehme ein Buch zur Hand. Sie werde nunmehr, da ihr das Lesen erlaubt sei, den ganzen Tag lesen, wenn sie keine Kopfschmerzen davon bekomme.

Es ist sehr verdrießlich, fügte sie hinzu, daß man im Lesekabinett der Choiseul-Straße nicht alle Bücher bekommt... Ich habe beispielsweise »André« verlangt, ein Buch, das mir einst heiße Tränen entlockt hat, und das ich wieder lesen wollte. Aber gerade dieses Buch ist ihnen gestohlen worden... Mein Vater aber will mir sein Exemplar nicht leihen; er fürchtet, Lilitte werde die Bilder herausreißen.

Ich glaube, mein Freund Campardon hat den ganzen George Sand ... Ich will das Buch für Sie geborgt nehmen.

Sie errötete, ihre Augen funkelten ... Er wäre in der Tat sehr liebenswürdig, meinte sie. Als er fortging, saß sie mit hängenden Armen, gedankenlos vor Lilitte da in der nämlichen Stellung, in der sie oft ganze Nachmittage verbrachte. Die Näherei war ihr zuwider, sie liebte die Häkelarbeit, und man sah eine solche Arbeit bei ihr immerfort auf den Möbeln herumliegen.

Am folgenden Tage – einem Sonntage – brachte Octave das versprochene Buch. Pichon hatte ausgehen müssen, um seine Visitenkarte bei einem seiner Vorgesetzten abzugeben. Als der junge Mann sie angekleidet fand, – sie war eben von einem Gange in die Nachbarschaft zurückgekehrt – fragte er sie, ob sie in der Messe gewesen sei, denn er hielt sie für sehr fromm. Sie erwiderte, daß sie seit mehr als einem Jahre nicht in der Kirche gewesen. Vor ihrer Verheiratung sei sie mit ihrer Mutter sehr regelmäßig in die Kirche gegangen. Während der ersten Monate ihrer Ehe habe sie aus Gewohnheit die Kirchenbesuche fortgesetzt, doch immer in der Furcht, zu spät zu kommen. Als sie später einige Messen versäumt habe, sei sie nicht mehr in die Kirche gegangen – sie wisse selbst nicht warum. Ihr Gatte verabscheue die Geistlichen, ihre Mutter aber frage sie jetzt gar nicht über diesen Gegenstand. Indes ward sie durch die Frage Octaves aufgerüttelt, als ob er Dinge in ihr wachgerufen habe, die unter der Lässigkeit ihres gegenwärtigen Daseins vergraben zu sein schienen.

Ich muß an einem dieser Tage wieder in die Kirche zu Sankt Rochus gehen; geben wir eine unserer Lebensgewohnheiten auf, so entsteht alsbald eine Lücke in unserem Dasein.

In diesem Gesichte einer spät zur Welt gekommenen, von allzu betagten Eltern erzeugten Tochter drückte das krankhafte Bedauern eines andern Daseins in einem gedachten Lande sich aus, – eines Daseins, das sie ohne Zweifel geträumt hatte. Sie konnte nichts verheimlichen; alles stieg ihr ins Gesicht unter dieser feinen Haut, die so durchsichtig war wie die einer Bleichsüchtigen. Dann hatte sie eine Anwandlung der Rührung, und mit einer vertraulichen Gebärde Octaves Hände erfassend, sagte sie:

Wie danke ich Ihnen für dieses Buch! ... Kommen Sie morgen nach dem Frühstück wieder; ich will es Ihnen zurückgeben und Ihnen sagen, welche Wirkung es auf mich gemacht hat ... Das wird lustig sein, nicht wahr?

Im Fortgehen dachte Octave, daß sie im ganzen doch ein drolliges Weibchen sei. Sie interessierte ihn schließlich: er faßte den Vorsatz, mit Pichon zu reden, daß er seine Schlaffheit doch abstreife und die kleine Frau ein wenig aufrüttle; denn sie brauchte nur aufgerüttelt zu werden, das war klar.

Am folgenden Tage begegnete er dem Beamten, eben als dieser sich auszugehen anschickte; er begleitete ihn auf die Gefahr hin, eine Viertelstunde später als sonst in sein Geschäft »Zum Paradies der Damen« zu kommen. Doch er fand Pichon noch weniger aufgeweckt als seine Frau; er war voller Sonderlichkeiten und schien keine größere Sorge zu haben, als die, daß er sich bei Regenwetter die Schuhe im Straßenkote nicht beschmutze. Er ging auf den Fußspitzen und sprach unaufhörlich von seinem Unterchef.

Octave, den in dieser ganzen Sache nur brüderliche Gefühle leiteten, verließ ihn endlich in der Honoriusstraße, nachdem er ihm noch eindringlich empfohlen hatte, Marie recht oft ins Theater zu führen.

Wozu denn? fragte Pichon betroffen.

Weil es gut ist für die Frauen, es macht sie liebenswürdig.

Ach, Sie glauben ...

Er versprach darüber nachzudenken; dann ging er quer über die Straße in steter Angst, durch eine Droschke mit Schmutz bespritzt zu werden.

Am folgenden Tage klopfte um die Frühstückszeit Octave bei den Pichons an, um das Buch wieder in Empfang zu nehmen. Marie las, die Ellbogen auf den Tisch gestützt, beide Hände in den ungekämmten Haaren vergraben. Sie hatte soeben ein Ei in einer kleinen Blechpfanne verzehrt, die noch auf dem kahlen Tische stand inmitten des Durcheinanders eines in aller Hast gedeckten Frühstückstisches. Am Boden schlief Lilitte unbeachtet auf den Scherben eines Tellers, den sie ohne Zweifel zerbrochen hatte.

Nun? fragte Octave.

Marie antwortete nicht sogleich. Sie trug noch ihren Morgenschlafrock, an dem einige Knöpfe fehlten, so daß ihr Hals zu sehen war; sie befand sich überhaupt noch völlig in der Unordnung einer Frau, die eben das Bett verlassen hat.

Ich habe kaum hundert Seiten gelesen, sprach sie endlich; meine Eltern waren gestern hier.

Sie sprach in mißmutigem Tone, verbittert. Als sie noch jung war, hatte sie den Wunsch, in der Tiefe der Wälder zu wohnen. Sie träumte immer davon, einem Jäger zu begegnen, der sein Horn bläst. Der Jäger nähert sich und läßt sich vor ihr auf die Knie nieder. All dies geschieht in einem Dickicht, weit, weit, wo die Rosen blühen wie in einem Parke. Dann vermählten sie sich plötzlich und verbrachten ihr Leben unter ewigen Spaziergängen. Sie war sehr glücklich und hatte keine anderen Wünsche. Er war von der Zärtlichkeit und Ergebenheit eines Sklaven, sein Platz war stets zu ihren Füßen.

Ich habe heute mit Ihrem Gatten gesprochen, sagte Octave, Sie gehen nicht oft genug aus, und ich habe ihn bestimmt, Sie ins Theater zu führen.

Doch sie schüttelte den Kopf, und ein Frösteln ging durch ihren Leib. Es entstand ein Schweigen. Sie fand sich wieder in ihrem engen Speisezimmer mit seiner nüchternen, frostigen Tageshelle. Das Bild ihres mürrischen, allezeit ordentlichen Gatten warf plötzlich seinen Schatten auf den Jäger ihrer Lieder, dessen ferne Hörnerklänge stets in ihren Ohren tönten. Zuweilen horchte sie auf: vielleicht kommt er gar. Ihr Gatte hatte niemals ihre Füße in seine Hände genommen, um sie zu küssen. Niemals hatte er sich vor ihr auf die Knie niedergelassen, um ihr zu sagen, daß er sie anbete. Und dennoch liebte sie ihn; nur war sie verwundert darüber, daß in der Liebe nicht eine größere Wonne liege.

Was mich am meisten ergreift, sehen Sie, das sind jene Stellen in den Romanen, wo die Personen einander Liebeserklärungen machen.

Octave hatte sich gesetzt; er fand wenig Geschmack an dieser Empfindsamkeit und suchte, dem Gespräch eine lustigere Wendung zu geben.

Ich verabscheue die Redensarten, sagte er. Wenn man sich liebt, ist es am besten, sich dies sofort zu beweisen.

Sie schien nicht zu begreifen und blickte ihn mit ihren klaren Augen treuherzig an. Er streckte die Hand aus, streifte die ihrige, neigte sich vor, um in das Buch zu blicken, so nahe zu ihr, daß sie durch die Blöße, die der Schlafrock ließ, seinen warmen Hauch auf ihrer Schulter fühlte; sie blieb indes ruhig und kalt. Er erhob sich, von Geringschätzung und Mitleid für sie erfüllt. Als er fortging, sagte sie:

Ich lese sehr langsam und werde nicht vor morgen mit dem Buch zu Ende sein ... Morgen wird es amüsant sein! Kommen Sie am Abend.

Es war sicher: er konnte sich keinerlei Gedanken über diese Frau bilden, und dennoch brachte sie ihn in Erregung. Er empfand eine seltsame Freundschaft für dieses junge Ehepaar, dessen Beschränktheit in allen Lebensverhältnissen ihn schier in Wut brachte, und kam auf den Einfall, ihnen wider ihren Willen nützlich zu sein: er wollte sie zum Essen führen, ihnen Wein zu trinken geben und sie zu seinem Ergötzen einander in die Arme legen. Wenn diese Anwandlungen von Güte ihm kamen, war er – der sonst niemandem zehn Franken lieh – imstande, das Geld zum Fenster hinauszuwerfen, um zwei Verliebte zu »verbandeln« und sie glücklich zu machen.

Die Kälte der kleinen Frau Pichon führte übrigens Octave zur leidenschaftlichen Valerie zurück. Diese werde sich sicherlich nicht zweimal auf den Nacken blasen lassen. Er machte in der Tat Fortschritte in ihrer Gunst; als sie eines Tages vor ihm die Treppe emporstieg, wagte er eine Schmeichelei über ihren Fuß, und sie schien ganz und gar nicht erzürnt darüber.

Endlich kam die so lang ersehnte Gelegenheit. Es war an dem Abende, an dem er mit Frau Pichon über den Roman plaudern sollte, weil ihr Gatte erst um Mitternacht zurückkommen werde. Er zog es aber vor, spazieren zu gehen, es schauderte ihn vor diesem literarischen Genuß.

Erst gegen zehn Uhr abends kehrte er zurück. Da begegnete er auf dem Treppenabsatz des ersten Stockwerkes der Zofe Valeries, die ganz verstört war und ihm zurief:

Die Frau hat einen Nervenanfall, der Herr ist nicht zu Hause, die Nachbarsleute von drüben sind im Theater ... Kommen Sie, ich bitte Sie; ich bin ganz allein und weiß nicht, was anfangen.

Valerie lag in ihrem Zimmer mit steifen Gliedern in einem Sessel ausgestreckt. Die Zofe hatte sie aufgeschnürt, aus dem offenen Mieder quoll der Busen hervor. Der Anfall ging übrigens rasch vorüber. Sie öffnete die Augen, war überrascht, als sie Octave sah, und benahm sich übrigens wie in Gegenwart eines Arztes, indem sie mit mäßiger Eile ihre Toilette wieder in Ordnung brachte.

Vergeben Sie, mein Herr, sprach sie mit noch immer beklommener Stimme; das Mädchen ist erst seit gestern bei mir und hat ganz den Kopf verloren.

Die vollkommene Ruhe, mit der sie ihr Mieder ablegte, und ihr Kleid zunestelte, versetzte den jungen Mann in Verlegenheit. Er sah stehend zu und schwur sich innerlich, nicht so wieder fortzugehen, aber er wagte es auch nicht, sich zu setzen. Sie hatte die Zofe hinausgeschickt, deren Anblick sie zu ärgern schien. Dann ging sie zu dem weit offen stehenden Fenster, um die von außen eindringende frische Luft einzuatmen, wobei sie zeitweilig nervös gähnte.

Allmählich entwickelte sich ein Gespräch zwischen ihnen. Dieser Zustand – sagte sie – währe nun schon seit ihrem vierzehnten Jahre; der Doktor Juillerat sei mit seinen Medikamenten zu Ende. Bald habe sie den Schmerz in den Armen, bald im Kreuz. Endlich habe sie sich daran gewöhnt, das Übel sei so gut oder schlecht wie ein anderes; denn sie sehe ja, daß niemand vollständig gesund sei.

Er beobachtete sie, während sie mit müden Gliedern zu ihm sprach; er fand sie herausfordernd in ihrer ungeordneten Toilette, mit ihrer bleifarbenen Farbe, ihrem Gesichte, das durch den Anfall verzerrt war wie durch eine ganze Liebesnacht. Hinter der dunklen Flut ihrer aufgelösten Haare, die auf ihre Schulter herabfloß, glaubte er den unbedeutenden, schmächtigen, bartlosen Kopf ihres Gatten auftauchen zu sehen. Da streckte er die Hände aus und wollte sie fassen mit einer schroffen Gebärde, als habe er es mit einer Dirne zu tun.

Nun, was ist's? sagte sie höchlich überrascht.

Sie schaute ihn an; der Ausdruck ihrer Augen war so kühl, ihr Leib so ruhig, daß er sich wie eisig angehaucht fühlte und das Lächerliche seiner Gebärde begreifend, seine Arme sinken ließ.

Nach einem letzten nervösen Gähnen, das sie zu unterdrücken suchte, fügte sie langsam hinzu:

Ach, mein lieber Herr! wenn Sie wüßten! ...

Sie zuckte die Achseln, ohne böse zu sein, gleichsam niedergedrückt von der Wucht ihrer Geringschätzung gegen den Mann. Octave dachte, sie wolle ihn endlich hinauswerfen lassen, als er sah, wie sie ihre Schritte auf die Glockenschnur zu lenkte, wobei sie ihre nur lose gebundenen Röcke nachschleppte. Allein sie verlangte einfach Tee, sehr leichten und sehr heißen Tee. Da verlor er vollends die Fassung, stammelte eine Entschuldigung und entfernte sich, während sie sich von neuem in ihrem Sessel ausstreckte mit der frostigen Miene einer Frau, die vor allem schlafen will.

Auf der Treppe blieb Octave in jedem Stockwerke stehen. Sie liebte es also nicht. Er fand sie gleichgültig, keineswegs von Begierden verzehrt, vielmehr ebensowenig zugänglich wie seine Gebieterin Frau Hédouin. Warum sagte Campardon, daß sie hysterisch sei? Es war sehr ungeschickt von ihm, ihn so »aufsitzen« zu lassen; ohne diese Lüge des Architekten hätte er sich nie dieses Abenteuer an den Hals gezogen. Er war gänzlich verwirrt und dachte an die Geschichten, die über diese Frau und ihren Gatten in Umlauf waren. Er erinnerte sich der Bemerkung Trublots: bei diesen aus dem Geleise geratenen Frauen, deren Augen so leuchten wie die glühenden Kohlen, weiß man niemals, woran man ist ...

Im vierten Stockwerk angelangt, dämpfte Octave seine Schritte; er war aufgebracht über die Weiber. Da öffnete sich die Tür der Pichons, und er mußte eintreten. Marie erwartete ihn; sie stand in dem von der glimmenden Lampe nur schwach erleuchteten Zimmer; sie hatte die Wiege zum Tische gezogen; Lilitte schlief in dem matten Lichtkreise der Lampe. Offenbar war das zum Frühstück benützte Gedeck auch beim Mittagbrot verwendet worden, denn das geschlossene Buch lag neben einem schmutzigen Teller, auf dem noch die Reste von Radieschen zu sehen waren.

Sie haben das Buch zu Ende gelesen? fragte Octave, erstaunt über das Stillschweigen der jungen Frau.

Sie schien betäubt, das Gesicht aufgedunsen wie nach einem allzu langen Schlaf.

Ja, ja, sagte sie mit einiger Anstrengung. Ich habe mich den ganzen Tag über in dieses Buch versenkt... Wenn das Interesse uns packt, weiß man ja nicht mehr, wo man ist ... Oh, der Nacken tut mir weh ...

Sie saß in gebeugter Stellung da und sprach nicht mehr von dem Buche; sie war so tief erregt, so voll der verworrenen Träumereien der Lektüre, daß sie schier erstickte. Ihre Ohren summten, sie vernahm den fernen Hörnerschall der Jäger ihrer Lieder in dem blauenden Hintergrunde ihrer geträumten Zärtlichkeiten. Dann erzählte sie ohne jeden Übergang, daß sie am Morgen in der Rochus-Kirche gewesen; sie habe viel geweint; die Religion ersetze alles.

Jetzt fühle ich mich schon besser, sagte sie, tief aufseufzend und vor Octave stehen bleibend.

Es entstand ein Stillschweigen. Ihre keuschen Augen lächelten ihm zu. Mit ihren dünnen Haaren und verschwommenen Zügen hatte er sie nie so unbedeutend gefunden wie jetzt. Allein als sie fortfuhr, ihn zu betrachten, ward sie sehr bleich und wankte; er mußte die Arme ausstrecken, um sie zu stützen.

Mein Gott, mein Gott! stammelte sie schluchzend.

Er hielt sie ganz verwirrt in seinen Armen.

Sie sollten etwas Lindenblütentee nehmen; Sie haben allzu lange gelesen, und das hat Ihnen geschadet.

Ja, als ich das Buch zu Ende gelesen hatte und mich allein sah, war mir so schwer ums Herz ... Wie gut sind Sie, Herr Mouret! Ohne Sie wäre ich gefallen und hätte mich beschädigt.

Mittlerweile blickte er sich nach einem Sessel um, sie darauf zu setzen.

Soll ich Feuer machen? fragte er.

Ich danke, Sie würden sich dabei beschmutzen ... Ich habe bemerkt, daß sie immer Handschuhe tragen.

Indem sie bei dieser Erinnerung von neuem in die tiefste Verwirrung geriet, hauchte sie in einem Augenblicke äußerster Schwäche und Unbesonnenheit – gleichsam im Traume des Romans – einen Kuß in die Luft, der das Ohr des jungen Mannes streifte.

Octave war höchlich betroffen. Die Lippen der jungen Frau waren eisig kalt. Als ihre Kräfte vollends schwanden und sie vernichtet an seine Brust sank, erwachte plötzlich das Verlangen in ihm, und er wollte sie in den Hintergrund des Zimmers tragen. Allein diese kühne Annäherung erweckte Marie aus der Bewußtlosigkeit ihres Falles; der Instinkt der angegriffenen Frau empörte sich in ihr, und sie rief nach ihrer Mutter, ihres Mannes vergessend, der bald heimkehren mußte, ihres Kindes, das in der Nähe schlief.

Nicht das! ... Ach nein, ach nein! Das ist verboten!...

Er aber entgegnete in höchster Leidenschaft entbrannt:

Man soll es nicht erfahren; ich will es niemandem sagen.

Nein, Herr Octave! Sie vernichten das Glück, das mir das Zusammentreffen mit Ihnen verursacht hat. Das ist es ja nicht, was wir wollen ... Ich hatte so schöne Dinge geträumt ...

Er sprach nichts weiter; er hatte Vergeltung zu üben für die andere und sagte sich im stillen rundheraus: »Ah, du mußt dran!« Da sie sich weigerte, in das Zimmer zu kommen, legte er sie rücksichtslos auf den Tisch hin. Und sie unterwarf sich; er nahm Besitz von ihr zwischen dem Teller, den sie auf dem Tische vergessen hatte und dem Buche, das auf die Erde geworfen ward ...

Die Türe war nicht geschlossen worden; draußen lag die Treppe in ihrer einschläfernden Stille da; Lilitte schlummerte ruhig.

Als Marie und Octave mit ungeordneten Kleidern sich wieder erhoben, fanden sie einander nichts zu sagen. Sie betrachtete mechanisch ihr Kind, nahm den Teller vom Tisch und stellte ihn wieder hin. Auch er war stumm und fühlte ein Unbehagen nach diesem unerwarteten Abenteuer. Er erinnerte sich, daß er in brüderlicher Weise den Vorsatz gefaßt hatte, diese Frau ihrem Gatten in die Arme zu treiben.

Da er das Bedürfnis fühlte, dieses unerträgliche Stillschweigen endlich zu brechen, flüsterte er:

Sie haben also die Türe nicht geschlossen?

Sie warf einen Blick auf den Gang und stammelte:

Es ist wahr! Die Türe war offen geblieben!

Ihr Gang war schwerfällig, und auf ihrem Antlitz drückte sich das Unbehagen aus. Der junge Mann dachte jetzt, daß es kein besonderes Vergnügen sei mit einer Frau, die sich in dieser stillen Einsamkeit ergibt, ohne sich auch nur zu wehren. Sie konnte nicht einmal einen Genuß haben.

Schau, das Buch ist zur Erde gefallen, sagte sie, den Band aufhebend.

Eine Ecke des Einbandes war infolge des Falles eingebogen. Das brachte sie wieder einander näher und gab einen Gesprächsstoff. Marie war untröstlich über den Unfall mit dem Buche.

Es ist nicht meine Schuld, sagte sie. Sie sehen, ich habe es in Papier eingewickelt, aus Furcht, es zu beschmutzen. Wir haben es hinabgestoßen, ohne es zu wollen.

War das Buch da? fragte Octave. Ich habe es gar nicht bemerkt. Ich mache mir nicht viel daraus, aber Campardon ist gar so »heikel« mit seinen Büchern.

Nun reichten sie einander das Buch und suchten die verbogene Ecke wieder gerade zu richten. Dabei vermengten sich ihre Finger, und das ging jetzt schon ohne Aufregung. An die Folgen denkend, waren sie wahrhaft erschrocken über den Unfall, der diesem schönen Band von George Sand zugestoßen war.

Das mußte schlimm ablaufen, schloß Marie mit Tränen in den Augen.

Octave fühlte sich verpflichtet, sie zu trösten. Er werde irgendeine Ausrede ersinnen, sagte er, und Campardon ihn doch nicht fressen. Im Augenblicke der Trennung gerieten sie wieder in Verlegenheit. Sie hätten einander gern ein angenehmes Wort gesagt, allein das trauliche »Du« wollte ihnen nicht aus der Kehle. Da wurden sie durch den Schall eines Trittes aus der Verlegenheit gerissen. Es war der heimkehrende Gatte. Octave nahm sie stillschweigend in die Arme und küßte sie auf den Mund. Sie ließ es willig geschehen; ihre Lippen waren eisig kalt wie vorhin. Als er geräuschlos in seinem Zimmer den Überzieher ablegte, sagte er sich, daß auch diese Frau »es« nicht zu lieben scheine. Was will sie denn? Warum sinkt sie den Leuten in die Arme? Wahrhaftig, die Frauen sind sehr sonderbar! ...

Am folgenden Tage erklärte während des Frühstücks bei den Campardons Octave eben zum zwanzigsten Male, wie ungeschickt er war, daß er das Buch habe fallen lassen, als Marie eintrat. Sie führte Lilitte in den Tuileriengarten und fragte, ob man ihr Angela anvertrauen wolle. Sie lächelte ohne jede Verlegenheit Octave einen Gruß zu und betrachtete mit ihren klaren Augen und ihrer unschuldigen Miene das Buch, das auf einem Sessel lag.

Warum nicht? rief Madame Campardon; ich bin Ihnen ja Dank schuldig dafür. Angela, setze deinen Hut auf. Ihnen kann ich sie ruhig anvertrauen.

Marie benahm sich sehr bescheiden; sie trug ein einfaches Leinenkleid von dunkler Farbe und sprach von ihrem Gatten, der gestern abend sehr verschnupft heimgekehrt sei, und von dem Fleisch, das immer teurer werde, so daß man den Preis bald nicht werde erschwingen können.

Als sie mit Angela fortgegangen war, traten alle ans Fenster, um der kleinen Gesellschaft nachzublicken. Marie schob mit ihren behandschuhten Händen sanft das Korbwägelchen Lilittes auf dem Fußwege vor sich hin, während Angela, die sich beobachtet wußte, mit gesenkten Augen an ihrer Seite einherschritt.

Ist das eine wohlerzogene Frau! rief Frau Campardon; und so sanft, so rechtschaffen!

Der Architekt aber klopfte Octave auf die Schulter und sagte:

Es geht nichts über die häusliche Erziehung, mein Lieber!

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