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Der häusliche Herd

Emile Zola: Der häusliche Herd - Kapitel 18
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typefiction
authorEmile Zola
titleDer häusliche Herd
publisherBenjamin Harz Verlag
seriesDie Rougon-Macquart
volumeBand X
year1924
translatorArmin Schwarz
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Siebzehntes Kapitel

Monate waren seitdem verflossen, der Frühling war wieder da. In der Choiseul-Straße sprach man von der bevorstehenden Heirat Octaves mit Frau Hédouin.

Die Dinge schritten übrigens nicht so rasch vorwärts. Octave hatte im Geschäft zum »Paradies der Damen« seine frühere Stellung wieder eingenommen, die mit jedem Tage an Ausdehnung und Bedeutung gewann. Frau Hédouin konnte seit dem Ableben ihres Gatten dem immer steigenden Verkehr ihres Geschäftes nicht mehr genügen; ihr Oheim, der alte Deleuze, war durch seinen Rheumatismus an den Sessel gefesselt und konnte sich um nichts kümmern. Unter solchen Umständen war es natürlich, daß der junge Mann, der sehr rührig und von einem rastlosen Streben nach ausgedehntem Handel beseelt war, sich bald eine entscheidende Stellung in dem Hause zu erringen wußte. Überdies hatte er unter den Nachwirkungen der unangenehmen Erfahrungen, die er mit seiner Liebschaft mit Berta gemacht, auf «den Traum verzichtet, durch die Frauen seinen Weg zu machen.

Er fürchtete sie jetzt vielmehr. Es schien ihm das Beste, in aller Ruhe der Teilhaber der Frau Hédouin zu werden, dann könne die Jagd nach den Millionen beginnen. Auch erinnerte er sich seines lächerlichen Mißerfolges bei ihr und behandelte sie wie einen Mann, wie sie behandelt zu werden wünschte.

Von da ab wurden ihre Beziehungen sehr vertraulich. Stundenlang saßen sie in dem Kabinett im Hintergrunde des Ladens eingeschlossen. Ehemals, als er sie verführen wollte, befolgte er bei solchen Gelegenheiten einen genauen Plan, trieb Mißbrauch mit seinen kaufmännischen Vertraulichkeiten, zählte ihr blendende Ziffern auf, suchte durch reichliche Einnahmen ihre Neigung zu gewinnen. Er blieb jetzt ein gemütlicher Mann, ohne Berechnung, ganz seinen Geschäften gewidmet. Er trug auch kein Verlangen mehr nach ihr, obgleich er sich des Fröstelns noch erinnerte, in dem ihr Körper erbebte, als sie an Bertas Hochzeitsabend an seine Brust gelehnt walzte. Vielleicht hatte sie ihn geliebt. In jedem Falle war es besser, so zu bleiben, wie sie waren; denn sie hatte Recht, wenn sie sagte, daß das Haus strenge Ordnung erheische und es unklug sei, sich in Dinge einzulassen, die sie den ganzen Tag nur stören würden.

Stundenlang vergaßen sie sich oft vor dem schmalen Schreibpulte, wenn sie die Bücher durchgesehen und die Bestellungen vereinbart hatten. Er kam immer wieder auf seine Erweiterungspläne zurück. Er hatte den Eigentümer des Nachbarhauses ausgefragt und diesen zum Verkauf bereit gefunden; man sollte dem Spielzeughändler und dem Sonnenschirmhändler die Miete kündigen und ein besonderes Seidenlager errichten. Sie hörte ihn sehr ernst an, wagte aber noch nicht, die Sache zu unternehmen. Doch faßte sie ein immer wachsendes Interesse für die kaufmännischen Fähigkeiten Octaves; in ihm fand sie ihre eigene Willenskraft wieder, ihre Lust an den Geschäften, den ernsten, praktischen Grund ihres Wesens und dazu die galanten, liebenswürdigen Formen eines Verkäufers. Endlich zeigte er einen Mut, der ihr fehlte und sie zur Bewunderung zwang. So gewann er allmählich die Herrschaft über sie.

Als sie eines Abends bei hellem Gaslichte lange vor einem Stoß Eingänge Seite an Seite saßen, sagte sie leise:

Herr Octave, ich habe mit meinem Oheim gesprochen. Er ist einverstanden; wir werden das Haus kaufen. Allein...

Er unterbrach sie mit dem Ausrufe:

Dann sind die Vabre geliefert!

Sie lächelte und entgegnete leise in vorwurfsvollem Tone:

Sie verabscheuen also die Vabre? Das ist nicht recht; Sie sind der letzte, der ihnen Schlimmes wünschen sollte.

Niemals hatte sie ihm seine Liebschaft mit Berta erwähnt. Diese schroffe Anspielung brachte ihn in arge Verlegenheit, ohne daß er genau wußte, weshalb. Er errötete und stammelte einige Worte der Entschuldigung.

Nein, nein! Das geht mich nichts an! erwiderte sie immer lächelnd und sehr ruhig. Verzeihen Sie: das Wort ist mir nur entschlüpft; ich hatte den Vorsatz gefaßt, Ihnen nie das Geringste davon zu erwähnen... Sie sind jung. Umso schlimmer für die Frauen, die wollen, nicht wahr? Es ist Sache der Männer, ihre Frauen zu behüten, wenn sie selbst sich nicht behüten können.

Es war ihm eine Erleichterung, als er sah, daß sie nicht zürne. Er hatte oft genug befürchtet, daß sie gegen ihn erkalten werde, wenn sie seine früheren Liebschaften erfahre.

Sie haben mich unterbrochen, Herr Octave, begann sie wieder in ernstem Tone. Ich wollte hinzufügen, daß, wenn ich das doppelte Haus ankaufe und das Geschäft um das Doppelte vergrößere, es mir unmöglich sein wird, allein zu bleiben... Ich werde mich wieder verheiraten müssen.

Octave war betroffen. Wie, sie hatte schon einen Gatten in Aussicht, und er wußte es nicht? Er fühlte sogleich, daß seine Stellung gefährdet war.

Mein Oheim selbst hat es mir gesagt, fuhr sie fort. Nichts drängt in diesem Augenblick. Ich bin im achten Monat der Trauer und will den Herbst abwarten. Aber im Handel muß man das Herz beiseite lassen und nur an die Anforderungen der Lage denken... Ein Mann ist hier unerläßlich notwendig.

Ruhig, als sei von einem Geschäfte die Rede, gab sie diese Erörterung. Er betrachtete sie in ihrer regelmäßigen, gesunden Schönheit, mit ihrem weißen Gesichte unter dem gerade gescheitelten, schwarzen Haar. Da bedauerte er, daß er während ihres Wittums nicht wieder versucht habe, ihr Liebhaber zu werden.

Das ist in der Tat eine ernste Sache, die erwogen werden will, stammelte er.

Sie war ohne Zweifel der nämlichen Ansicht und sprach von ihrem Alter.

Ich bin schon alt; fünf Jahre älter als Sie, Herr Octave. Er unterbrach sie verwirrt; er glaubte, sie zu verstehen, ergriff ihre Hände und stammelte:

Aber, gnädige Frau!...

Doch sie hatte sich erhoben und machte ihre Hand los; dann drehte sie die Gasflammen herab.

Nein, genug für heute... Sie haben sehr gute Gedanken, und es ist natürlich, daß ich an Sie denke, um sie durchzuführen. Allein es gibt Hindernisse, der Plan muß wohl erwogen werden... Ich kenne Sie als einen im Grunde sehr ernsten Mann. Überlegen Sie die Sache, ich will ein gleiches tun. Darum habe ich sie Ihnen erwähnt; wir werden ein andermal wieder darüber sprechen.

Dabei blieb es wochenlang. Die Geschäfte im Laden nahmen ihren gewohnten Lauf. Da Frau Hédouin ihm gegenüber ihre lächelnde Ruhe bewahrte ohne Anspielung auf die Möglichkeit eines Herzensbundes, trug er anfangs die nämliche Ruhe zur Schau und vertraute auf die Folge der Tatsachen. Sie wiederholte ihm nicht selten, daß, was vernünftigerweise kommen muß, von selbst kommen werde. Darum überstürze sie nichts. Die Klatschereien, die über ihre Intimität mit dem jungen Mann in Umlauf kamen, ließen sie unberührt. Sie warteten.

Im Hause Duverdy in der Choiseul-Straße schwur jedermann, daß die Heirat eine abgemachte Sache sei. Octave hatte sein Zimmer daselbst aufgegeben und bezog eine Wohnung in der Neuen Augustinstraße in der Nähe des Geschäftes zum »Paradies der Damen«. Er besuchte niemanden mehr, weder die Campardon, noch die Duverdy, die über seine Liebeshändel entrüstet waren. Selbst Herr Gourd tat, wenn er ihm begegnete, als erkenne er ihn nicht, um ihn nicht grüßen zu müssen. Nur Marie und Frau Juzeur traten, wenn sie ihm begegneten, mit ihm unter ein Haustor, um ein Weilchen zu plaudern. Frau Juzeur, die ihn mit leidenschaftlicher Neugierde über Frau Hédouin ausfragte, hätte gewünscht, daß er sie besuche, um gemütlich darüber reden zu können. Marie, trostlos darüber, daß sie wieder schwanger war, erzählte ihm, wie bestürzt Julius und wie erglimmt ihre Eltern seien. Als später das Gerücht von seiner Heirat immer ernstlicher auftrat, sah er zu seiner Überraschung, daß Herr Gourd ihn sehr untertänig grüßte. Campardon, ohne sich vollends auszusöhnen, nickte ihm über die Straße einen Gruß hinüber; Duverdy aber, der eines Abends Handschuhe kaufen kam, war sehr freundlich zu ihm. Das ganze Haus begann zu verzeihen.

Im Hause ging es übrigens wieder spießbürgerlich ehrbar her wie zuvor. Hinter den Mahagonitüren lagen wieder ganze Abgründe von Tugend. Der Herr vom dritten Stockwerke kam regelmäßig einmal in der Woche, um eine Nacht zu arbeiten. Die andere Frau Campardon ging in der Strenge ihrer Grundsätze einher; die Mägde trugen ihre blendend weißen Schürzen, und in der lauen, feierlichen Stille des Treppenhauses vernahm man nichts als die Klänge der Klaviere in den verschiedenen Stockwerken.

Das Unbehagen nach dem Ehebruche bestand indessen fort, unfaßbar für die Leute ohne Erziehung, unangenehm für die Leute von zarter Sittlichkeit. August beharrte bei seiner Weigerung, die Frau zurückzunehmen; solange Berta bei ihren Eltern wohnte, war der Skandal nicht ausgelöscht, und es blieb eine deutliche Spur davon zurück. Übrigens erzählte kein Einwohner des Hauses öffentlich den wahren Sachverhalt, der ja alle Welt geniert hätte. Ohne sich vorher verständigt zu haben, sagten alle gleichmäßig, daß die Zwistigkeiten zwischen August und seiner Frau von den 10 000 Franken herstammen, daß es sich also einfach um eine Geldfrage handle: das war anständiger. Nunmehr konnte man von der Sache auch vor jungen Mädchen reden. Werden die Eltern bezahlen oder werden sie nicht bezahlen? – auf diese Frage spitzte sich jetzt die Sache zu. Sie gestaltete sich ganz einfach: kein Bewohner des Stadtviertels war erstaunt oder entrüstet, daß eine Geldfrage in einer Familie Ohrfeigen herbeiführen könne. Diese übereinstimmende Schonung hinderte indes nicht, daß die ganze Sache vorhanden war, und das scheinbar ruhige Haus litt dennoch grausam durch dieses Unglück.

Duverdy als Eigentümer des Hauses war es vor allem, der die Last dieses unverdienten und fortdauernden Unglücks zu tragen hatte. Seit einiger Zeit marterte ihn Clarisse dermaßen, daß er seinen Schmerz am Busen seiner Frau ausweinte. Der Skandal des Ehebruchs hatte auch ihn selbst im Herzen getroffen; die Vorübergehenden, klagte er, betrachteten das Haus geringschätzig von oben bis unten, dieses Haus, das sein Schwiegervater und er mit allen häuslichen Tugenden zu schmücken bestrebt waren; das dürfe nicht länger so dauern; seine persönliche Würde erheische, sagte er, daß das Haus gesäubert werde. Darum drängte er »im Namen der öffentlichen Moral« August zu einer Aussöhnung. Unglücklicherweise leistete dieser Widerstand, aufgestachelt durch Theophil und Valerie, die, entzückt über den Niedergang des Hauses, sich dauernd an der Kasse festsetzten. Da die Geschäfte der Lyoner Fabrik eine schlimme Wendung nahmen und die Seidenwarenhandlung wegen Mangels an Kredit zusammenzubrechen drohte, faßte Duverdy einen praktischen Entschluß, den er seinem Schwager August in folgendem auseinandersetzte: Die Josserand wünschen ohne Zweifel lebhaft, sich ihrer Tochter zu entledigen. Man möge ihnen den Antrag stellen, daß August sie zurücknehmen werde, aber unter der Bedingung, daß ihre Eltern die versprochene Mitgift von 50 000 Franken bezahlen. Vielleicht werde der Onkel Bachelard auf ihre dringenden Bitten sich dennoch herbeilassen, die Summe zu entrichten. August weigerte sich anfangs entschieden, auf diesen Plan einzugehen; noch mit 100 000 Franken sei er betrogen, sagte er. Später aber, da er wegen der Aprilzahlungen besorgt war, fügte er sich den Gründen des Rates, der von Moral sprach und von der Notwendigkeit, ein gutes Werk zu tun.

Als man einig war, erkor Clotilde den Abbé Mauduit zum Unterhändler. Die Sache sei heikel, nur ein Priester könne einschreiten, ohne sich bloßzustellen. Der Abbé war in der Tat sehr betrübt über das Unheil, das über eines der interessantesten Häuser seiner Pfarre hereingebrochen war; er hatte schon seine Ratschläge, seine Erfahrung, sein Ansehen angeboten, um einem Skandal ein Ende zu machen, über den die Feinde der Religion sich nur freuen würden. Als Clotilde jedoch die Mitgift erwähnte und ihn bat, die Bedingungen Augusts den Josserand darzulegen, senkte er das Haupt und beobachtete ein schmerzliches Stillschweigen.

Man ist meinem Bruder das Geld schuldig, das er fordert, bemerkte Clotilde. Das ist kein Handel... Übrigens wehrt sich mein Bruder dagegen.

Es muß sein, ich werde gehen, sagte der Priester endlich.

Die Josserand harrten des Vorschlages von Tag zu Tag. Ohne Zweifel hatte Valerie die Sache ausgeplaudert; die Mieter des Hauses erörterten den Fall. Sind sie so arm, daß sie genötigt sein werden, ihre Tochter zu behalten, oder werden sie die 50 000 Franken auftreiben, um sich ihrer zu entledigen? Seitdem die Frage so gestellt war, kam Frau Josserand aus der Wut nicht mehr heraus. Ei was! Nachdem man so viele Mühe gehabt, Berta einmal zu verheiraten, soll man sie jetzt ein zweitesmal verheiraten? Niemals hatte eine Mutter solch Unglück gehabt! Und alldies wegen der Dummheit dieser Gans, die ihre Pflichten so schnöde vergessen! Das Haus ward zur Hölle. Berta hatte fortwährende Martern zu ertragen, denn selbst ihre Schwester Hortense, wütend darüber, daß sie nicht mehr allein schlafen konnte, sagte ihr bei jeder Gelegenheit ein verletzendes Wort. Man kam so weit, ihr das bißchen Essen vorzuwerfen. Wenn man irgendwo einen Gatten hat, sagten sie, sei es komisch, den Eltern das ohnehin kärgliche Essen wegzuschnappen. Die junge Frau saß schluchzend, verzweifelt in den Winkeln, warf sich Feigheit vor, da sie nicht den Mut fand, hinabzugehen und sich August zu Füßen zu werfen, ihm zurufend: »Da bin ich, schlage mich, ich kann nicht unglücklicher sein!« Herr Josserand allein zeigte sich gütig gegen seine Tochter. Allein die Schuld und die Tränen dieses Kindes waren sein Tod; er war in letzter Zeit genötigt, einen unbestimmten Urlaub vom Geschäft zu nehmen, denn er mußte fast immer das Bett hüten, zu Tode gemartert durch die grausamen Szenen in seiner Familie. Doktor Juillerat, der ihn behandelte, sprach von einer Blutzersetzung, von einer Auflösung des ganzen Körpers, die ein Organ nach dem andern erfaßt.

Wirst du zufrieden sein, wenn du deinen Vater getötet hast? schrie die Mutter ihrer Tochter zu.

Berta wagte kaum mehr, das Zimmer ihres Vaters zu betreten. Sobald Vater und Tochter einander erblickten, begannen sie zu weinen und fügten so einander immer neues Leid zu.

Endlich faßte Frau Josserand einen großen Entschluß. Sie lud den Onkel Bachelard ein, entschlossen, sich noch einmal vor ihm zu demütigen. Sie würde die 50 000 Franken aus der eigenen Tasche gegeben haben, wenn sie sie besessen hätte, um nur die große, verheiratete Tochter nicht länger im Hause zu behalten, deren Anwesenheit ihre Dienstage entehrte. Überdies hatte sie ungeheuerliche Sachen über den Onkel gehört; wenn er sich nicht gefällig zeige, wollte sie ihm einmal tüchtig ihre Meinung sagen.

Bachelard benahm sich bei Tische sehr unanständig. Er war ziemlich betrunken gekommen, denn seit dem Verluste Fifis ergab er sich völlig dem Trunke. Glücklicherweise hatte Frau Josserand sonst niemanden eingeladen. Beim Nachtisch schlief er allmählich ein, wobei er allerlei unflätige Geschichten zum besten gab, und man mußte ihn aufwecken, um ihn in das Zimmer des Herrn Josserand au führen. Hier war eine ganze Szenerie vorbereitet, um auf die Empfänglichkeit des alten Trunkenboldes einzuwirken. Vor dem Bette des Vaters standen zwei Sessel: der eine für den Oheim, der andere für die Mutter. Berta und Hortense sollten stehen. Man werde sehen – meinte die Mutter – ob der Onkel es nochmals wage, seine Versprechungen wegzuleugnen angesichts eines Sterbenden in einem so traurigen, von einer rauchenden Lampe nur schlecht erleuchteten immer?

Die Lage ist ernst, Narziß... begann Frau Josserand.

Mit langsamer, feierlicher Stimme legte sie die Lage dar: das beklagenswerte Unglück ihrer Tochter, die empörende Käuflichkeit des Gatten, die peinliche Notwendigkeit, die 50 00 Franken opfern zu müssen, auf daß nur der Skandal ein Ende habe, der die Familie mit Schande bedecke. Dann fuhr sie in ernstem Tone fort:

Erinnere dich doch, was du versprochen, Narziß... Es war am Abend der Vertragsunterzeichnung; du schlugst dir auf die Brust und beteuertest, Berta werde auf das Herz ihres Oheims zählen können. Wo ist nun dieses Herz? Die Zeit ist gekommen, um es auch zu zeigen. Mann, unterstütze doch meine Worte, zeige ihm seine Pflicht und Schuldigkeit, wenn deine Schwäche es gestattet.

Trotz seines tiefen Widerwillens, nur aus Zärtlichkeit für seine Tochter, stöhnte auch der Vater:

Freilich, Sie haben es versprochen, Bachelard. Ehe ich ins Grab steige, erweisen Sie mir den Gefallen, sich gebührlich und anständig zu benehmen.

Allein Berta und Hortense hatten dem Onkel zu oft das Glas gefüllt in der Hoffnung, ihn umso leichter erweichen zu können. Dadurch geriet er in einen Zustand, in dem man selbst keinen Mißbrauch mehr mit ihm treiben konnte.

Wie? Was? stotterte er, ohne seinen Rausch übertreiben zu müssen. Nie versprochen... Kein Wort verstanden. Sag's doch nochmal, Eleonore.

Eleonore begann aufs neue, ihn zu beschwören; sie ließ ihn durch die weinende Berta umarmen, bat ihn um der Gesundheit ihres Mannes willen und bewies, daß er nur eine heilige Pflicht erfülle, wenn er die 50 000 Franken hergebe.

Als er jedoch wieder einschlief, nicht im mindesten gerührt durch den Anblick des Kranken und dieses schmerzerfüllten Gemaches, brach sie, von Zorn entbrannt, in heftige Worte aus.

So! Das geht schon zu weit ›Narziß‹! Du bist eine Kanaille, ich kenne alle deine Unflätigkeiten! Hast du nicht erst kürzlich deine Geliebte mit Gueulin verheiratet und ihnen 50 000 Franken gegeben: gerade die Summe, die du uns versprochen hattest?... Das ist recht hübsch, und der artige Gueulin spielt darin eine recht nette Rolle! Du bist noch viel schmutziger und niederträchtiger, du entziehst das Brot unserm Munde und schändest dein Vermögen. Ja, du schändest es, indem du um jener Dirne willen uns das Geld stahlst, das doch uns gehört hat.

Nie hatte sie sich bisher so weit verstiegen. Hortense, durch diese Worte geniert, beschäftigte sich mit der Medizin ihres Vaters, um nur etwas zu tun zu haben. Josserand, dessen Fieber durch diese Szene nur noch gesteigert wurde, wälzte sich unruhig auf seinen Kissen und wiederholte mit zitternder Stimme:

Ich bitte dich, Eleonore, schweig doch, er wird nichts geben ... Wenn du ihm solche Dinge sagen willst, führe ihn aus dem Zimmer, damit ich euch nicht höre.

Berta, die jetzt noch heftiger schluchzte, unterstützte die Bitte ihres Vaters.

Genug, Mama, schweig doch dem Vater zuliebe ... 0 Gott, wie unglücklich macht mich das Bewußtsein, diesen Zwist verursacht zu haben! Ich will lieber fort in die Welt hinaus gehen und irgendwo sterben.

Frau Josserand aber stellte an den Onkel die bündige Frage:

Willst du die 50 000 Franken hergeben, damit deine Nichte wieder erhobenen Hauptes sich zeigen kann, ja oder nein?

Er war bestürzt und fing an, sich in Erklärungen einzulassen.

So höre doch mal: ich fand Gueulin mit Fifi beisammen. Was war zu tun? Ich mußte sie verheiraten ... Das ist nicht meine Schuld.

Willst du die Mitgift ausfolgen, die du versprochen, ja oder nein? kreischte sie vor Wut.

Er stammelte, sein Rausch hatte sich so weit verschlimmert, daß er keine Worte mehr fand.

Kann's nicht, auf Ehr' und Treu'! ... Bin vollkommen ruiniert! ... Sonst tät' ich's gern, und zwar sogleich ... Bin seelengut, weißt es ja.

Sie unterbrach ihn mit einer fürchterlichen Handbewegung.

Gut denn, ich werde einen Familienrat zusammenberufen und die Ächtung über dich verhängen lassen. Wenn die Oheime Schlemmer werden, schickt man sie in das Spital.

Diese Worte riefen in Bachelards Gemüt eine stürmische Bewegung hervor. Er betrachtete das Zimmer und fand es düster und traurig mit seiner matten Lampe; dann blickte er auf den Sterbenden, der, gestützt durch seine Töchter, einen Löffel voll schwarzen Saftes verschluckte: sein Herz schien überzuströmen, er begann zu schluchzen und warf seiner Schwester vor, daß sie ihn niemals verstanden habe. Habe ihn Gueulins Verrat nicht schon unglücklich genug gemacht? Man wisse – fügte er hinzu – daß er weichherzig sei, und es sei unrecht, ihn zum Essen zu laden, um ihm dann soviel Kummer zu verursachen. Schließlich bot er seiner Schwester statt der 50 000 Franken all sein Herzblut an.

Frau Josserand wandte sich erschöpft von ihm ab, als die Magd eintrat und den Doktor Juillerat und den Abbé Mauduit anmeldete. Sie hatten sich auf dem Flur getroffen und traten miteinander ein. Der Doktor fand Herrn Josserands Zustand viel schlimmer; die Szene, in der er gleichfalls eine Rolle spielen mußte, hatte diese Wendung bewirkt.

Der Abbé wollte Frau Josserand in den Salon führen, wo er – wie er sagte – ihr etwas mitzuteilen habe. Sie ahnte, woher der Wind wehe, und antwortete majestätisch, daß sie sich im Kreise ihrer Familie befinde, die alles mitanhören dürfe; auch der Doktor könne dabei sein, denn der Arzt sei ja gewissermaßen auch ein Beichtvater.

Verehrte Frau, begann der Priester mit einer etwas gezwungenen Sanftheit, betrachten Sie meinen Schritt als den Ausfluß des sehnlichen Wunsches, zwei Familien zu versöhnen ...

Er sprach von der göttlichen Vergebung, von der Freude, die er darob empfinde, daß er die redlichen Herzen beruhige, indem er einer unhaltbaren Lage ein Ende mache. Er nannte Berta ein unglückliches Kind, was sie wieder zu Tränen rührte; und das alles so väterlich, in so gewählten Ausdrücken, daß Hortense nicht das Zimmer zu verlassen brauchte. Indessen mußte er auch auf die 50 000 Franken zu sprechen kommen; die Sache schien bereits so weit gediehen, daß die Gatten sich nur mehr zu umarmen brauchten, als er die formelle Bedingung der Morgengabe vorbrachte.

Herr Abbé, sprach Frau Josserand, verzeihen Sie, daß ich Sie unterbreche. Wir sind gerührt von Ihren Bemühungen, allein nimmermehr, hören Sie, nimmermehr werden wir um die Ehre unserer Tochter feilschen ... Es gibt Leute, die sich bereits versöhnt haben um der Morgengabe dieses Kindes willen. Ich weiß alles ... Früher hatten sie die Messer gegeneinander gezückt, und jetzt stecken sie ewig beisammen, um vom frühen Morgen bis zum späten Abend uns in den Grund zu klatschen ... Nein, Herr Abbé, ein solcher Handel wäre eine Schmach! ...

Doch scheint es mir, verehrte Frau... wagte der Priester einzuwerfen.

Sie fiel ihm jedoch ins Wort und fuhr in stolzem Tone fort:

Sehen Sie, mein Bruder ist jetzt da; Sie können ihn fragen... Vor einigen Minuten erst wiederholte er mir: »Eleonore, ich bringe dir die 50 000 Franken und schlichte dieses unglückliche Mißverständnis.« Fragen Sie ihn, Herr Abbé, was ich darauf erwiderte. Erhebe dich, Narziß, und sprich die Wahrheit!

Der Oheim war bereits eingeschlafen in einem Sessel, der an der Hinterwand des Zimmers stand. Er rührte sich und stieß unzusammenhängende Worte hervor. Als jedoch seine Schwester darauf bestand, daß er spreche, legte er die Hand ans Herz und stammelte:

Wenn die Pflichten rufen, muß man gehen... Die Familie vor allem.

Hören Sie's! rief Frau Josserand mit triumphierender Miene. Nur keine Geldfrage aus dieser Sache machen: das wäre unedel! ... Sagen Sie jenen Leuten, wir werden nicht sterben, um dem Bezahlen zu entgehen. Die Mitgift ist da; allein man darf sie nicht verlangen als den Rückkaufspreis unserer Tochter ... Das wäre schmutzig! Möge August Berta erst zurücknehmen: alles übrige wird sich später finden.

Sie sprach so laut, daß der Arzt, der den Kranken untersuchte, sie bitten mußte zu schweigen.

Sprechen Sie leiser, gnädige Frau, Ihr Mann leidet.

Der Abbé Mauduit, der sich immer unbehaglicher fühlte, ging an das Bett und sprach dem Kranken Trost zu. Dann entfernte er sich, ohne auf das von ihm angeregte Thema zurückzukommen, und seinen Mißmut über das Scheitern seiner Pläne mit seinem liebenswürdigen Lächeln deckend, bei dem jedoch seine Lippen sich geringschätzig und schmerzlich verzogen. Als der Doktor sich entfernte, teilte er der Frau Josserand trocken mit, daß der Patient verloren sei; es bedürfe der größten Vorsicht, denn die geringste Aufregung könnte ihm den Rest geben. Betroffen zog sie sich in das Speisezimmer zurück; der Oheim und ihre zwei Töchter folgten ihr dahin, um Herrn Josserand, der schlafen zu wollen schien, Ruhe zu gönnen.

Berta, seufzte sie, du hast deinen Vater umgebracht. Der Doktor hat's gesagt.

Alle drei saßen trauernd um den Tisch, während Bachelard, gleichfalls von Tränen ergriffen, sich einen Grog zurechtmachte.

Als August die Antwort der Josserand erfuhr, wurde er wiederum wütend auf seine Frau; er schwor, sie mit den Füßen hinauszustoßen, wenn sie sich vor ihm in den Staub werfe. Im Grunde genommen ging sie ihm dennoch ab, es schien ihm alles verödet, er selbst wähnte sich wie fremd inmitten des ungewohnten Ungemachs in seinem Haushalte. Rachel, die er im Hause behalten, um Berta auch damit zu kränken, bestahl ihn und zankte mit ihm so frech und unverfroren, als ob sie seine Gattin sei; das alles brachte ihn schließlich dahin, daß es ihn nachgerade verlangte nach den kleinen Annehmlichkeiten des Lebens zu zweien, den in gemeinsamer Langeweile verbrachten Abenden und den nachher folgenden, kostspieligen Versöhnungen im warmen Bett. Insbesondere waren es aber Theophil und Valerie, die er satt hatte, die sich unten eingenistet hatten und den Laden mit ihrer Wichtigtuerei erfüllten. Auch hatte er sie im Verdacht, daß sie sich ganz unverfroren Geld aneigneten. Valerie war nicht wie Berta; sie liebte es, auf dem Bänkchen der Kasse zu thronen, allein er glaubte zu bemerken, daß sie angesichts ihres Kretins von einem Gatten die Männer an sich ziehe, dieses Gatten, dem ein ewiger Schnupfen fortwährend die Augen mit Tränen füllte. Da war ihm Berta doch lieber, diese hatte doch nicht die ganze Straße vor dem Laden vorbeispazieren lassen. Endlich quälte ihn noch eine letzte Besorgnis. Das Geschäft »Zum Paradies der Damen« gedieh und ward eine Gefahr für sein Haus, dessen Kundenkreis von Tag zu Tag abnahm. Gewiß war es ihm nicht leid um diesen elenden Octave, aber er mußte ihm billigerweise ganz außerordentliche geschäftliche Talente einräumen. Welchen Aufschwung hätte sein Handel nehmen können, wenn man sich besser verständigt hätte! Gefühle der Reue überkamen ihn nicht selten, und es gab Stunden, wo er krank in seiner Einsamkeit, das ganze Leben versinken zu sehen glaubte und Lust bekam, zu den Josserand hinaufzugehen, um Berta zurückzuverlangen ohne jede Entschädigung.

Auch Duverdy ließ den Mut nicht sinken, trieb ihn vielmehr unablässig zu einer Aussöhnung, gepeinigt durch den üblen Ruf, in den eine solche Geschichte sein Haus bringen mußte. Er tat sogar, als ob er den durch den Priester hinterbrachten Worten der Frau Josserand Glauben schenke, daß man nämlich bereit sei, dem August am folgenden Tage die Mitgift zu bezahlen wenn er seine Frau bedingungslos zurücknehme. Wenn August über eine solche Zumutung wieder in Wut geriet, wandte sich der Rat an sein Herz. Er nahm ihn mit sich die Uferstraßen entlang, wenn er sich in den Justizpalast begab, predigte ihm mit vor Rührung zitternder Stimme die Vergebung der Kränkungen, träufelte ihm ein« verzweifelte und feige Philosophie ein, nach der das Glück einzig darin bestehe, das Weib zu ertragen, da man es nicht missen könne.

Duverdy versetzte die ganze Choiseul-Straße in Unruhe durch seine kummervolle Haltung und die Blässe seines Gesichtes, auf dem sich immer größere rote Flecken zeigten. Ein Unglück, das nicht eingestanden werden durfte, schien ihn zu Boden zu drücken. Clarisse, die immer dicker und ausgelassener werdende Clarisse, marterte ihn. In dem Maße wie ihre spießbürgerliche Leibesstärke zunahm, fand er sie immer unerträglicher mit ihrem Geziere guter Erziehung und vornehmer Strenge. Sie verbot ihm jetzt, in Gegenwart ihrer Familie sie zu duzen; vor seinen Augen warf sie sich an den Hals ihres Klavierlehrers und überließ sich Vertraulichkeiten, die ihn zum Schluchzen brachten. Zweimal überraschte er sie mit Theodor, wurde böse, flehte schließlich auf den Knien um Verzeihung und ließ sich jede Teilung gefallen. Um ihn übrigens in Demut und Unterwürfigkeit zu erhalten, sprach sie fortwährend mit Widerwillen von seinen Warzen; sie hatte sogar den Einfall, ihn einer ihrer Küchenmägde zu überlassen, einer handfesten Dirne, die an derlei niedrige Geschäfte gewöhnt war, allein die Magd wollte von dem Herrn nichts wissen. So ward denn das Leben für Duverdy mit jedem Tage unerträglicher bei dieser Geliebten, wo er seine Häuslichkeit in eine Hölle verwandelt wiederfand. Die Hausiererfamilie, Mutter, Bruder, Schwestern, selbst die kranke Tante bestahlen ihn in schamloser Weise, lebten offen von ihm; das ging so weit, daß sie ihm zur Nachtzeit die Taschen leerten. Seine Lage verschlimmerte sich auch in anderer Richtung. Er war mit seinen Geldmitteln zu Ende und fürchtete auf seinem Richtersitz bloßgestellt zu werden. Wohl konnte man ihn nicht absetzen; allein schon begannen die jungen Advokaten ihn mit schelmischen Augen zu betrachten, was ihn bei der Rechtsprechung sehr genierte. Wenn er durch den Schmutz und das Getöse verscheucht, von Ekel vor sich selbst erfaßt, aus der Wohnung in der Assas-Straße nach der Wohnung in der Choiseul-Straße flüchtete, tat die haßerfüllte Kälte seiner Frau das übrige, um ihn vollends zu Boden zu drücken. Dann verlor er den Kopf, schaute lang in die Seine während seines Ganges in das Gerichtsgebäude mit dem Gedanken, sich am Abend hineinzustürzen, sofern ein äußerstes Maß der Leiden ihm die Kraft dazu verleihe.

Clotilde bemerkte voll Unruhe die zärtlichen Annäherungen ihres Gatten; sie war wütend über diese Geliebte, die es nicht einmal fertig brachte, einen solchen Mann glücklich zu machen. Doch war sie in letzter Zeit noch mehr verdrossen über ein unerquickliches Vorkommnis, dessen Folgen das ganze Haus in Aufruhr versetzten. Als Clémence eines Morgens in die Dienstbotenkammern hinaufstieg, um ein Taschentuch zu holen, überraschte sie in ihrem Bette Hyppolite mit diesem Däumling Luise; seither ohrfeigte sie ihn in der Küche bei jeder Gelegenheit, worunter der Dienst litt. Das Schlimmste war, daß die gnädige Frau nicht länger die Augen verschließen konnte vor der ungesetzlichen Lage, in der ihre Kammerfrau und ihr Haushofmeister sich befanden. Die übrigen Mägde lachten, der Skandal verbreitete sich schon unter den Lieferanten des Hauses; man mußte sie verheiraten, wenn man sie weiter behalten wollte. Da sie mit Clémence nach wie vor sehr zufrieden war, dachte sie immerfort an die Ehe. Die Unterhandlungen mit einem Paar, das sich fortwährend mit Faustschlägen traktierte, schienen ihr so. schwierig, daß sie beschloß, auch damit den Abbé Mauduit zu betrauen, dessen Rolle als Sittenprediger unter ähnlichen Umständen sehr geboten schien. Sie hatte seit einiger Zeit überhaupt viel Ungemach mit den Dienstboten. Während ihres Landaufenthaltes hatte sie die Entdeckung gemacht, daß ihr hochaufgeschossener Junge Gustav mit der Köchin ein Verhältnis hatte. Einen Augenblick dachte sie daran, die Köchin zu entlassen; allerdings hätte sie es nur ungern getan, denn sie hielt große Stücke auf eine gute Küche. Doch nach reiflicher Erwägung behielt sie Julie; es war ihr noch immer lieber, daß der Junge im Hause eine Geliebte habe, ein sauberes Mädchen, von dem man keine Verlegenheit zu fürchten hatte. Sie überwachte sie demnach, ohne ein Wort zu sagen. Da mußten nun die beiden anderen mit ihrer Geschichte kommen!

Frau Duverdy war eines Morgens eben im Begriff, sich zum Abbé Mauduit zu begeben, als Clémence ihr meldete, daß der Priester gekommen sei, um Herrn Josserand die Tröstungen der Kirche zu bringen. Die Kammerfrau hatte auf dem Treppenabsatz das Allerheiligste vorbeitragen sehen und war mit den Worten in die Küche zurückgekehrt:

Ich sagte euch ja, daß das Allerheiligste wieder ins Haus kommt, bevor das Jahr um ist.

Auf die Katastrophe anspielend, unter denen das Haus litt, fügte sie hinzu:

Das hat uns allen Unglück gebracht.

Diesmal kam das Allerheiligste nicht zu spät: es war ein gutes Zeichen für die Zukunft. Frau Duverdy begab sieh ins Pfarrhaus zu Sankt-Rochus, um daselbst die Rückkehr des Abbé abzuwarten. Er hörte sie an, bewahrte ein trauriges Schweigen, konnte aber schließlich die Aufgabe nicht von sich weisen, die Kammerfrau und den Haushofmeister über das Unsittliche ihrer Lage aufzuklären; überdies – fügte er hinzu – werde die andere Angelegenheit ihn bald wieder nach der Choiseul-Straße führen, denn der arme Herr Josserand werde die Nacht schwerlich überleben; und er gab zu verstehen, daß er darin eine zwar traurige aber zugleich willkommene Fügung erblicke, um August und Berta zu versöhnen. Er werde trachten, beide Angelegenheiten auf einmal zu erledigen. Es sei hohe Zeit, daß der Himmel seinen Bemühungen den Erfolg verleihe.

Ich habe gebetet, verehrte Frau, sagte der Priester. Gott wird siegen.

In der Tat begann um sieben Uhr abends der Todeskampf des Herrn Josserand. Die ganze Familie war um ihn versammelt mit Ausnahme Bachelards, den man vergebens in den Cafés gesucht hatte, und mit Ausnahme Saturnins, der noch immer in dem Irrenhause zu Sankt-Evrard eingesperrt war. Leo, dessen Heirat durch die Krankheit des Vaters eine bedauerliche Verzögerung erlitt, zeigte eine würdige Trauer. Frau Josserand und Hortense waren gefaßt; nur Berta schluchzte so stark, daß sie, um den Kranken nicht aufzuregen, sich in die Küche flüchtete, wo Adele die allgemeine Bestürzung ausnutzend, sich Glühwein bereitete. Herr Josserand starb übrigens sehr leicht: seine Ehrenhaftigkeit erstickte ihn. Er war als unnützer Mensch durch das Leben gegangen und schied als braver Mann aus der Welt, müde der häßlichen Dinge des Lebens. Um acht Uhr stammelte er den Namen Saturnin, wandte sieh zur Mauer und verschied.

Niemand hielt ihn für tot, denn man war auf einen schrecklichen Todeskampf gefaßt. Man wartete eine Weile und ließ ihn schlafen. Als man fand, daß er steif zu werden beginne, wurde Frau Josserand böse, vergoß heiße Tränen und schalt Hortense, die sie beauftragt hatte, unter dem schmerzlichen Eindruck der letzten Augenblicke Berta wieder in Augusts Arme zu legen.

Du denkst doch an nichts! sagte sie, sich die Augen trocknend.

Aber Mama, erwiderte das Mädchen heftig weinend, wer hätte gedacht, daß Papa so rasch verscheiden werde? Du sagtest mir, ich möge erst um neun Uhr hinabgehen, um August zu holen, damit er für alle Fälle da sei.

Die Familie, sonst sehr betrübt, fand in diesem Streite eine Zerstreuung. Es war wieder eine verfehlte Sache; nichts wollte gelingen. Glücklicherweise blieb noch das Begräbnis als Gelegenheit zur Aussöhnung.

Das Leichenbegängnis war recht anständig, wenn auch nicht so pomphaft wie das des Herrn Vabre. Das Interesse im Hause und in der Straße war übrigens ein weit geringeres, denn es handelte sieh diesmal nicht um einen Hausbesitzer. Der Verstorbene war ein ruhiger Mann gewesen, der nicht einmal der Frau Juzeur den Schlaf störte. Marie, seit gestern auf dem Punkte entbunden zu werden, bedauerte nur, daß sie nicht hinabgehen konnte, um den Damen bei der Aufbahrung des Toten behilflich zu sein. Als die Leiche hinausgetragen wurde, begnügte sich Frau Gourd damit, sich in ihrer Loge zur Begrüßung zu erheben, ohne bis zur Schwelle herauszukommen. Das ganze Haus ging mit auf den Kirchhof hinaus: Duverdy, die Vabre, Campardon, Herr Gourd. Man sprach von den häufigen Frühjahrsregengüssen, welche die Ernte verdarben. Campardon war überrascht von dem schlechten Aussehen Duverdys und murmelte:

Gott wolle verhüten, daß das Haus noch weiter heimgesucht werde!

Frau Josserand und ihre Töchter mußten bis zum Wagen geführt werden. Leo ging, auf Bachelards Arm gestützt, mit raschen Schritten auf den Wagen zu, während August mit einer Miene der Verwirrung hinterdreinkam. Er stieg mit Duverdy und Theophil in einen Wagen. Clotilde lud den Abbé ein, zu ihr in den Wagen zu steigen: er hatte bei der Trauerfeier nicht mitgewirkt, war aber auf den Kirchhof mitgefahren, um so der Familie einen Beweis von Teilnahme zu geben. Auf dem Rückwege liefen die Pferde einen flotteren Trab. Frau Duverdy bat den Priester, mit ihnen heimzukehren und sofort an seine Aufgabe zu gehen, denn sie halte den Augenblick für geeignet. Er willigte ein.

Die drei Trauerwagen setzten die leidtragende Familie in der Choiseul-Straße still ab. Theophil suchte sogleich Valerie auf, die zu Hause geblieben war, um eine große Säuberung im Laden zu überwachen und wenn möglich die Gelegenheit, daß der Laden geschlossen blieb, auszunützen.

Du kannst dein Bündel schnüren, rief er wütend. Alle bearbeiten ihn; ich wette, daß er sie um Verzeihung bitten wird.

In der Tat fühlten alle das dringende Bedürfnis, dieser Lage ein Ende zu machen. Das Unglück sollte doch wenigstens zu etwas nütze sein. August, von ihnen umgeben, fühlte wohl, was sie wollten; er stand allein ohne Kraft.

Langsam schritt die in Trauer gekleidete Familie durch die Toreinfahrt ins Haus. Alles schwieg. Auch auf der Treppe sprach niemand ein Wort, obgleich sie alle mit dem nämlichen Gedanken beschäftigt waren. August, von einem letzten Widerstreben ergriffen, war vorausgeeilt in der Absicht, sich rasch in seinem Zimmer einzuschließen. Allein als er seine Türe öffnete, ward er durch Clotilde und den Abbé, die ihm gefolgt waren, angehalten. Hinter ihnen erschien Berta in tiefer Trauer auf dem Treppenabsatz, begleitet von ihrer Mutter und ihrer Schwester. Alle drei hatten vom Weinen gerötete Augen; Frau Josserand besonders war ein Bild des Jammers.

Mut, mein Freund, sagte der Priester einfach mit tränenumflorter Stimme.

Das genügte. August gab sofort nach, er sah ein, es sei besser, wenn er es bei dieser schicklichen Gelegenheit tue. Seine Frau weinte, er weinte gleichfalls; endlich stammelte er:

Komm! wir wollen suchen, uns künftig besser zu verstehen.

Die Mitglieder der Familie fielen einander in die Arme. Clotilde beglückwünschte ihren Bruder; sie habe von seinem Herzen nicht Geringeres erwartet, bemerkte sie. Frau Josserand zeigte eine schmerzliche Befriedigung als Witwe, welche die unerwarteten Glücksfälle nicht mehr zu rühren vermögen. Dagegen mengte sie ihren armen Gatten in die allgemeine Freude hinein.

Sie tun Ihre Pflicht, mein Schwiegersohn, sagte sie. Er, der jetzt im Himmel ist, dankt Ihnen dafür.

Komm! wiederholte August ganz verstört.

Durch das Geräusch herbeigelockt, war Rachel im Vorzimmer erschienen. Vor der stummen Wut, welche die Wangen dieses Mädchens erbleichen machte, schrak Berta einen Augenblick zurück. Dann trat sie mit ernster Miene ein und verschwand mit dem düsteren Schwarz ihrer Trauergewänder in dem Dunkel der Wohnung. August folgte ihr; die Türe schloß sich hinter ihnen.

Es ging wie ein großer Seufzer der Erleichterung über die Treppe, das ganze Haus ward aufgeheitert. Die Damen drückten dem Priester die Hand, den der Herr erhört hatte. In dem Augenblick, als Clotilde ihn hinwegführte, um die andere Geschichte im Ordnung zu bringen, kam Duverdy mühselig an, der mit Leo und Bachelard zurückgeblieben war. Man mußte ihm den glücklichen Ausgang der Angelegenheit mitteilen; allein er, der diese Lösung seit Monaten herbeisehnte, schien kaum zu begreifen; mit seltsam verstörter Miene stand er da, von einer fixen Idee beherrscht, die ihm das Interesse raubte für alles, was um ihn her vorging. Während die Josserand in ihre Wohnung hinaufgingen, trat er hinter seiner Frau und dem Abbé ein. Sie waren noch im Vorzimmer, als halberstickte Schreie zu ihnen drangen, die sie erbeben ließen.

Gnädige Frau können ruhig sein, erklärte Hyppolite gefällig; es ist die kleine Dame von oben, die von Wehen ergriffen wurde. Ich sah den Doktor Juillerat sich in aller Eile zu ihr begeben.

Als er allein geblieben, fügte er philosophisch hinzu:

Der eine kommt, der andere geht ...

Clotilde führte den Abbé in den Salon und sagte, sie werde ihm zunächst Clémence schicken. Um ihm Kurzweil zu verschaffen, gab sie ihm die »Revue des Deux-Mondes«, wo sich sehr zarte Verse fanden. Sie wollte gehen, um die Kammerfrau vorzubereiten, allein in ihrem Toilettezimmer fand sie ihren Gatten auf einem Sessel sitzen.

Duverdy war schon seit dem Morgen in halbtotem Zustande. Er hatte Clarisse zum dritten Male mit Theodor überrascht; als er zu widersprechen wagte, fiel die ganze Hausiererfamilie, Mutter, Bruder, Schwestern, Über ihn her und warfen ihn unter einem Hagel von Faustschlägen und Fußtritten auf die Treppe hinaus. Unterdessen behandelte ihn Clarisse als ausgesogenen, armen Schlucker und drohte, nach dem Polizeikommissar zu schicken, wenn er es noch einmal wage, den Fuß in ihr Haus zu setzen. Es war aus. Der Hausmeister unten bemitleidete ihn und sagte ihm, daß ein alter, reicher Herr seit acht Tagen sich um die Gunst bewerbe, Clarisse aushalten zu dürfen. Als er sich so verjagt sah aus dem warmen Nest, wo er so behaglich gelebt, irrte Duverdy lange Zeit in den Straßen umher; endlich trat er in einen versteckten Trödlerladen ein und kaufte einen Taschenrevolver. Das Leben war zu traurig; er wollte es von sich werfen, wenn es ihm gelang, ein geeignetes Plätzchen zu finden. Diese Wahl eines ruhigen, geeigneten Plätzchens beschäftigte ihn, als er mechanisch nach der Choiseul-Straße zurückkehrte, um dem Leichenbegängnisse des Herrn Josserand beizuwohnen. Als er hinter der Leiche einherschritt, hatte er plötzlich die Absicht, sich auf dem Kirchhofe zu töten. Er wolle sich im Hintergrunde hinter einem Grabhügel verlieren, dachte er. Das schmeichelte seinem Geschmack für das Romantische, für das Ideal, das ihm in seiner starren, spießbürgerlichen Existenz immerfort vorschwebte. Allein als die Bahre auf den Boden gestellt wurde, begann er zu zittern, ergriffen von der Kälte der Erde. Entschieden – dieser Ort war nicht geeignet zu seinem Vorhaben; er mußte einen andern suchen. Kranker als zuvor zurückgekommen, völlig erfaßt von der fixen Idee, saß er brütend auf einem Sessel des Toilettezimmers und sann über den geeignetsten Winkel des Hauses nach: vielleicht im Schlafzimmer am Rande des Bettes, oder noch einfacher hier, wo er sich eben befand.

Sei so freundlich und laß mich allein, sagte Clotilde.

Er hatte schon den Revolver in der Tasche ergriffen.

Warum? fragte er mühsam.

Weil ich das Bedürfnis habe, allein zu sein.

Er glaubte, sie wolle ihr Kleid wechseln und ihn nicht einmal ihre nackten Arme sehen lassen, weil er ihr gar so widerwärtig sei. Er betrachtete sie einen Augenblick mit seinen trüben Augen: sie war so schön, so groß, die Farbe von der Reinheit des Marmors, das mattgoldfarbene Haar in reichen Flechten aufgesteckt. Ach, wenn sie eingewilligt hätte, wie wäre alles noch in Ordnung gebracht worden! Er erhob sich wankend, öffnete die Arme und wollte sie erfassen.

Was willst du? entfuhr es ihr überrascht. Was ficht dich an? Hast du denn die andere nicht mehr? Soll diese Scheußlichkeit wieder von vorne beginnen?

Sie zeigte ihm einen solchen Ekel, daß er zurückwich. Ohne ein Wort zu sagen ging er hinaus; im Vorzimmer stand er zögernd einen Augenblick. Als er eine Tür vor sich sah, stieß er sie auf. Es war die Tür des Abortes; er setzte sich mitten auf das Sitzbrett. Das war ein ruhiger Ort; da werde ihn niemand stören. Er führte den Lauf des Revolvers in den Mund und drückte ab.

Clotilde, die schon seit dem Morgen durch sein Benehmen beunruhigt war, hatte gelauscht, um zu erfahren, ob er ihr vielleicht den Gefallen erweise, zu Clarisse zurückzukehren. Als das Knarren der gewissen Tür ihr sagte, wohin er ging, beschäftigte sie sich nicht weiter mit ihm. Sie war im Begriff, Clémence durch die Klingel herbeizurufen, als sie zu ihrem Befremden den dumpfen Knall des Revolvers vernahm. Was war das? Es war, als ob eine Zimmerpistole abgeschossen sei. Sie lief ins Vorzimmer, wagte aber nicht gleich, sich zu erkundigen. Als ein Luftzug aus der gewissen Türe kam, rief sie ihn an, und da sie keine Antwort erhielt, öffnete sie.

Duverdy, mehr durch den Schreck als durch den Schmerz betäubt, saß auf dem Brett zusammengekauert: eine Jammergestalt, die Augen weit offen, das Gesicht von Blut überströmt. Er hatte einen Fehlschuß getan. Die Kugel hatte den Gaumen gestreift und war durch die linke Backe hinausgegangen. Er hatte nicht den Mut, einen zweiten Schuß abzufeuern.

Wie! deshalb bist du hierher gegangen? schrie Clotilde außer sich. Töte dich doch außer dem Hause!

Sie war entrüstet. Anstatt sie zu rühren, rief dieser Anblick die höchste Erbitterung in ihr hervor. Sie faßte ihn ohne jede Vorsicht an und wollte ihn fortschleppen, damit man ihn nicht an einem solchen Orte finde. In diesem Räume! Und fehlzuschießen! Das war denn doch das Äußerste!

Während sie ihn in das Zimmer führte, stammelte Duverdy, der fortwährend Blut spuckte:

Du hast mich nie geliebt!

Er schluchzte in seinem Schmerz über die tote Poesie, über das blaue Blümchen, das zu pflücken ihm niemals gelungen war. Als Clotilde ihn zu Bett gebracht hatte, verdrängte endlich in ihr die Rührung den Ingrimm. Das Schlimmste war, daß infolge ihres Klingeins jetzt Clémence und Hyppolite erschienen. Sie sprach zuerst von einem Unfall; der Herr sei gefallen, sagte sie, und habe sich am Kinn verletzt. Doch mußte sie die Lüge bald aufgeben, denn der Bediente, der das Sitzbrett vom Blut reinigte, fand daselbst den Revolver. Da der Verwundete heftig blutete, erinnerte sich die Zofe, daß der Doktor Juillerat sich eben im Hause befinde, um Frau Pichon bei der Niederkunft Beistand zu leisten. Sie lief, ihn zu holen, und traf ihn, als er eben nach glücklich vollzogener Entbindung der Frau Pichon herabkam.

Der Arzt beruhigte Clotilde; es werde vielleicht eine Verrenkung der Kinnlade zurückbleiben, doch bestehe keine Lebensgefahr. Er war eben damit beschäftigt, den ersten Verband anzulegen, als der Abbé Mauduit, beunruhigt durch all den Lärm, eintrat.

Was ist denn geschehen? fragte er.

Diese Frage brachte Frau Duverdy vollends in Verwirrung. Schon bei den ersten Worten der Erklärung brach sie in Tränen aus. Der Priester begriff; war er doch eingeweiht in den geheimen Jammer seiner Herde. Schon im Salon hatte ein Unbehagen ihn ergriffen; er bedauerte fast das Gelingen seines Schrittes; er bedauerte fast, daß er diese unglückliche junge Frau, die nicht das geringste Zeichen von Reue an den Tag gelegt hatte, ihrem Gatten wieder zugeführt hatte. Ein fürchterlicher Zweifel erfaßt ihn. Vielleicht war Gott nicht mit ihm. Beim Anblick der zerschmetterten Kinnlade des Rates steigerte sich seine Beklemmung. Er näherte sich mit der Absicht, den Selbstmord in energischen Worten zu verdammen. Doch der Doktor wehrte ihn ab.

Sogleich, Herr Abbé, wenn ich fertig bin ... Wie Sie sehen, ist er ohnmächtig.

In der Tat hatte Duverdy bei der ersten Berührung des Arztes das Bewußtsein verloren. Um sich der Dienstleute zu entledigen, deren sie nicht mehr bedurfte, und deren aufdringliche Neugierde ihr lästig war, sagte Clotilde zu Clémence und Hyppolite:

Geht mit dem Herrn Abbé in den Salon, er hat euch was zu sagen.

Der Priester mußte sie hinausführen. Das war wieder ein unerquickliches Geschäft für ihn. Clémence und Hyppolite folgten ihm sehr überrascht. Als sie allein waren, richtete er salbungsvolle Worte der Mahnung an sie; der Himmel belohne ein gutes Betragen, während eine einzige Sünde in die Hölle führe; es sei übrigens immer Zeit, dem Skandal ein Ende zu machen und sich dem Wege des Heils zuzuwenden. Diese Reden steigerten ihre Überraschung zur Verblüffung; mit hängenden Armen standen beide da, sie mit ihren zarten Gliedern und den gespitzten Lippen, er mit seinem platten Gesicht und seiner grobknochigen Gensdarmengestalt, und tauschten von Zeit zu Zeit ängstliche Blicke aus. Sollte die Gnädige die entwendeten Servietten droben im Koffer gefunden haben? oder hatte sie von der Flasche Wein Kenntnis erhalten, die sie allabendlich mit hinaufnahmen?

Meine Kinder, schloß der Priester, ihr gebt ein schlimmes Beispiel. Es ist ein großes Verbrechen, andere zu verderben, das Haus zu entehren, das man bewohnt. Ja, ja; euer ungebührliches Betragen ist niemandem mehr unbekannt, denn ihr prügelt euch ja seit acht Tagen.

Er errötete: schamhaft zögernd suchte er nach Worten. Die beiden Dienstboten atmeten erleichtert auf. Sie lächelten jetzt und wiegten sich zufrieden in den Hüften. Wenn es weiter nichts ist, da braucht man ja nicht zu erschrecken!

Das ist ja vorüber, Herr Pfarrer, sagte Clémence, indem sie Hyppolite zärtlich anblickte. Wir haben uns ausgesöhnt. Er hat mir alles erklärt.

Da war der Priester erstaunt und betrübt.

Ihr versteht mich nicht, meine Kinder. Ihr könnt nicht weiter so zusammenleben. Ihr beleidigt Gott und die Menschen ... Ihr müßt heiraten.

Neue Verblüffung auf Seite der Dienstboten. Heiraten? Warum?

Ich will nicht, erklärte Clémence. Ich habe andere Absichten.

Jetzt suchte der Abbé, den Hyppolite zu überzeugen.

Sie sind ein Mann, mein lieber Junge; reden Sie ihr zu; machen Sie sie auf die Gebote der Ehre aufmerksam ... Heiratet; es wird ja an eurer Lebensweise nichts ändern.

Der Bediente lachte verlegen. Er betrachtete eine Weile seine Schnallenschuhe und sagte endlich:

Ich möchte wohl, aber ich bin schon verheiratet.

Diese Antwort machte einen Strich durch die Ermahnungen des Priesters. Trostlos darüber, sein heiliges Amt in einer solchen Weise entweiht zu haben, erhob er sich und ließ die beiden stehen. Clotilde hatte alles gehört und machte eine Gebärde, die besagen sollte, daß sie die Sache fallen lasse. Auf ihren Wink gingen die Dienstboten hinaus mit ernsten Gesichtern, aber innerlich sehr belustigt. Der Abbé schwieg eine Weile, dann beklagte er sich bitter. Wozu setzte man ihn dem aus? Wozu Dinge lüften, die man am besten unberührt läßt? Jetzt sei die Lage noch ärger als früher. Allein Clotilde wiederholte ihre Gebärde von vorhin und erklärte, sie habe jetzt andere Schmerzen. Sie werde auch die Dienstboten nicht entlassen aus Furcht, daß der Selbstmordversuch sehr bald im ganzen Stadtviertel bekannt werden könne. Man werde später sehen.

Also vollkommene Ruhe! empfahl der Doktor, aus dem Zimmer des Kranken kommend. Er wird ganz hergestellt werden, doch muß jede Aufregung oder Ermüdung von ihm ferngehalten werden. Seien Sie frohen Mutes, verehrte Frau.

Dann wandte er sich an den Priester.

Sie werden ihm später Ihre Moralpredigt halten, mein teurer Abbé. Ich kann ihn Ihnen noch nicht überlassen. Wenn Sie in das Pfarrhaus zurückkehren, will ich Sie begleiten.

Beide entfernten sich.

Unterdessen gewann das Haus seine frühere Ruhe wieder. Frau Juzeur hatte sich auf dem Friedhofe verspätet, wo sie mit Trublot, den sie zu verführen trachtete, die Inschriften der Grabkreuze las; trotz seiner Abgeneigtheit gegen erfolglose Koketterien mußte er sie schließlich doch in der Droschke nach Hause führen. Das traurige Abenteuer Luisens stimmte die arme Frau trübe. Bis zur Wohnung sprach sie immer von dieser Elenden, die sie tags vorher dem Asyl hatte zustellen müssen: eine grausame Erfahrung, die letzte Enttäuschung, die ihr für immer die Hoffnung benahm, jemals eine tugendhafte Dienstmagd zu finden. Unter dem Tore lud sie schließlich Trublot ein, manchmal auf einen kleinen Plausch zu ihr zu kommen. Allein er schützte Arbeit vor.

In diesem Augenblick schritt die andere Frau Campardon an ihnen vorbei. Sie grüßten sie. Herr Gourd teilte ihnen die glückliche Niederkunft der Frau Pichon mit. Diese Kunde veranlaßte alle, der Ansicht des Ehepaares Vuillaume zu sein: drei Kinder für eine Beamtenfamilie – das sei die reine Torheit; auch ließ der Hausmeister sich vernehmen, der Hausherr werde, falls noch ein viertes kommen solle, diesen Leuten die Miete kündigen, denn zu viele Kinder entwerten das Haus. Plötzlich schwiegen sie alle. Eine verschleierte Dame eilte, einen Duft von Eisenkrautparfüm verbreitend, mit behenden Schritten durch die Einfahrt, ohne sich an Herrn Gourd zu wenden, der seinerseits tat, als ob er sie nicht gesehen habe. Des Morgens hatte er eben bei dem vornehmen Herrn im dritten Stock für eine Nacht der Arbeit alles vorbereitet.

Jetzt rief er plötzlich den beiden anderen, die mit ihm standen, zu:

Geben Sie acht! Sie fahren uns nieder wie die Hunde!

Es war der Wagen der Leute vom zweiten Stock, die eine Ausfahrt machten. Die Pferde stampften unter der Torwölbung; Vater und Mutter lächelten aus dem Landauer ihren Kindern zu, zwei allerliebsten Blondköpfen, die mit ihren Händchen um einen Rosenstrauß stritten.

Sind das Leute! brummte zornig der Hausmeister. Selbst zum Begräbnis sind sie nicht gegangen, nur um nicht höflich zu scheinen wie die anderen... Und das wagt noch, andere mit Schmutz zu bespritzen! Wollte man nur von ihnen reden, man könnte schon ...

Was denn? fragte Frau Juzeur, die diese Sache sehr zu interessieren schien.

Da erzählte Gourd, man sei zu diesen Leuten von der Polizei gekommen, jawohl, von der Polizei! Der Mann vom zweiten Stock habe einen so schmutzigen Roman geschrieben, daß man ihn einsperren werde.

Es ist ein schrecklicher Roman, fuhr er fort; voll Unflätigkeiten über die anständigen Leute. Auch der Hausherr soll, wie man sagt, darin arg mitgenommen sein, ja so ist's, Herr Duverdy in eigener Person! Welche Schändlichkeit! Sie haben wohl Ursache, sich zu verkriechen und keinen der Bewohner zu besuchen. Jetzt wissen wir's doch, was diese Leute mit ihrer ewigen Geheimtuerei schaffen. Seht ihr, das fährt spazieren, das verkauft seine Unflätigkeiten für teures Gold!

Das kränkte Herrn Gourd am meisten. Frau Juzeur bemerkte, sie lese nur Verse; Trublot erklärte, in der Literatur ganz unbewandert zu sein; das hinderte jedoch beide nicht daran, den Herrn vom zweiten Stock dafür, aufs schärfste zu tadeln, daß er das Haus, das seine Familie berge, in seinen Schriften beschmutze. Ihre Worte wurden jedoch durch ein heftiges Geschrei unterbrochen; vom Hofe her drangen Schimpfworte an ihr Ohr.

Dicke Kuh! Du warst froh, mich zu haben, damit ich deinen Liebhabern zur Flucht verhalf.

Sie kamen von Rachel, die, von Berta aus dem Dienste entlassen, ihrem Groll auf der Dienstbotentreppe freien Lauf ließ. Aus dieser sonst wortkargen und untertänigen Magd, die selbst die übrigen Dienstboten nicht verleiten konnten, das Geringste auszuplaudern, brach jetzt auf einmal die Wut hervor wie ein Strom von Unflat aus der Ausgußröhre. Schon außer sich gebracht durch die Rückkehr Bertas zu ihrem Herrn, den sie während der Trennung nach Herzenslust bestehlen konnte, wurde sie fürchterlich in ihrem Zorn als ihr die Herrin befahl, ihren Koffer und sich selbst aus dem Hause zu schaffen. Berta hörte bestürzt ihren Schimpfereien in der Küche zu, während August, der, um sein Ansehen zu wahren, auf der Türschwelle stehen blieb, die gemeinsten Ausdrücke und schmählichsten Beschuldigungen ins Gesicht geschleudert bekam.

Ja, ja, fuhr die Magd wütend fort, du warfst mich nicht hinaus, als ich deine Hemden hinter dem Rücken deines Hahnreis verbarg! Denk nur an den Abend, wo dein Liebhaber seine Strümpfe in meiner Küche anziehen mußte, während ich deinen Hahnrei hinderte einzutreten, damit das Bett ein wenig kühl werde. Geh, Hure!

Berta floh entsetzt in das letzte Zimmer der Wohnung. August jedoch mußte standhalten; er erbleichte und bebte bei jedem der schmutzigen Schimpfworte, die von der hinteren Stiege zu ihm drangen. Er fand nur das eine Wort: »Unglückliche! Unglückliche!«, um seinem angstvollen Ärger darüber Luft zu machen, daß ihm alle bitteren Einzelheiten des Ehebruches gerade jetzt aufgetischt wurden, da er seiner Frau verziehen hatte.

Auf den Lärm waren alle Mägde aus ihren Küchen herausgekommen. Sie lauschten, damit ihnen ja kein einziges Wörtchen entgehe; doch waren selbst sie betroffen von der Heftigkeit Rachels und zogen sich eine nach der andern zurück. Das übersteige nachgerade alle Grenzen. Lisa drückte die Gefühle aller aus, indem sie sagte:

Man kann wohl ein wenig tratschen, aber man fällt nicht so über seine Herrenleute her!

Die Bewohner entfernten sich Übrigens bald; man ließ das Mädchen schreien, es ward eben unangenehm, Dinge anzuhören, die doch schließlich jeden berühren mußten, denn zuletzt begann sie gar, über das ganze Haus loszuziehen.

Herr Gourd zog sich als erster in seine Loge zurück; er bemerkte, es lasse sich mit einem wütenden Frauenzimmer nichts anfangen. Frau Juzeur, deren zarte Seele durch diese grausame Lüftung der Herzensgeschichten tief verletzt wurde, schien so verstört, daß Trablot trotz seines Widerwillens sie hinaufbegleiten mußte, um einer Ohnmacht vorzubeugen. War es nicht ein Unglück? Die Dinge wickelten sich schon so hübsch ab, es blieb nicht der geringste Stoff zu einem Skandal, das Haus war im Begriff, sein früheres Aussehen der Wohlanständigkeit wiederzugewinnen, da mußte so ein häßliches Geschöpf kommen und alle diese begrabenen Geschichten, um die kein Mensch sich mehr kümmerte, wieder in Erinnerung rufen.

Ich bin nur eine Dienstmagd, aber anständig dabei, rief sie aus vollen Leibeskräften. Es gibt in eurer ganzen Baracke auch nicht eine Hure von einer Dame, die mir gleichkäme! ... Ja, ich gehe, denn ihr ekelt mich an!

Der Abbé Mauduit und der Doktor Juillerat stiegen langsam die Treppen hinunter. Sie hatten alles gehört. Jetzt herrschte tiefe Stille; der Hof war öde, die Stiege leer; die Türen schienen vermauert, und nicht ein Fenstervorhang regte sich; hinter den geschlossenen Türen herrschte ein würdevolles Schweigen.

Unter der Einfahrt hielt der Priester an wie gebrochen von den Ermüdungen.

Wieviel Elend! seufzte er traurig.

Der Arzt nickte mit dem Kopfe und antwortete:

So ist das Leben.

So pflegten sie, wenn sie miteinander von einem Sterbenden oder von einer Geburt kamen, ihre Gedanken auszutauschen. Trotz der Verschiedenheit ihrer Überzeugungen einigten sie sich manchmal in der Gebrechlichkeit aller menschlichen Dinge. Waren doch beide in die nämlichen Geheimnisse eingeweiht: nahm der Priester den Damen die Beichte ab, so war andererseits der Arzt Geburtshelfer bei den Müttern und pflegte deren Töchter schon seit dreißig Jahren in ihren Krankheiten.

Gott verläßt sie, begann wieder der Abbé.

Mischen Sie doch nicht Gott darein, sprach der andere. Sie sind entweder krank oder schlecht erzogen. Das erklärt alles.

Er bekämpfte lebhaft die Anschauung des Priesters. Er griff das Kaisertum heftig an: in einer Republik würden die Sachen sicherlich viel besser gehen. Aber aus den Oberflächlichkeiten dieses mittelmäßigen Menschen leuchteten hin und wieder die zutreffenden Bemerkungen des alten Praktikers hervor, der die Verhältnisse seines Stadtteiles aufs genaueste kannte. Er tadelte die Frauen, die zum Teil durch eine puppenmäßige Erziehung verdorben und verdummt, zum Teil aber durch ein erbliches Nervenleiden in ihren Gefühlen und Leidenschaften vergiftet, allesamt schmutzig und dumm, ohne Lust und ohne Vergnügen zu Fall kommen. Übrigens war er in seinen Betrachtungen auch gegen die Männer nicht schonender; diese nannte er lockere Zeisige, die hinter ihrer erheuchelten feinen Haltung die Existenz vollends verderben; aus seiner Erregtheit eines Jakobiners klang das Totengeläute einer Klasse heraus, der Verfall des Bürgertums, dessen morsche Stützbalken schon zusammenknickten Dann verlor er wieder den Boden unter seinen Füßen und sprach von der allgemeinen Glückseligkeit, die kommen müsse.

Ich bin religiöser als Sie, schloß er seine Auseinandersetzungen.

Der Priester schien seinen Worten stillschweigend zu lauschen; doch hatte er ihm nicht zugehört, so sehr war er in seine dumpfen Träumereien versunken. Nach kurzer Pause sagte er endlich mit einem tiefen Seufzer:

Wenn sie unbewußt handeln, möge Gott sich ihrer erbarmen!

Dann verließen sie das Haus und schritten langsam der Neuen Augustinstraße zu. Die Furcht, zuviel gesprochen zu haben, ließ sie verstummen, denn sie hatten beide in ihrer Stellung eine gewisse Schonung zu beobachten. An dem Ende der Straße gewahrten sie Frau Hédouin, die von der Türe des Ladens »Zum Paradies der Damen« aus ihnen zulächelte. Octave, der hinter ihr stand, lächelte ebenfalls. An demselben Morgen hatten sie nach einem ernsten Gespräch die Heirat beschlossen, die im Herbste stattfinden sollte. Die Freude über dieses abgeschlossene Geschäft hatte sie so fröhlich gestimmt.

Guten Tag, Herr Abbé, rief heiter Frau Hédouin. Und Sie, Doktor, immer auf den Beinen.

Als der letztere sie zu ihrem guten Aussehen beglückwünschte, fügte sie hinzu:

Wenn ich allein auf der Welt wäre, würden Sie schlechte Geschäfte machen.

Sie plauderten eine kurze Weile. Der Arzt erzählte von Maries Entbindung; Octave schien entzückt von der glücklichen Niederkunft seiner früheren Nachbarin; als er jedoch erfuhr, daß sie eine dritte Tochter bekommen, rief er:

Kann denn ihr Gatte nicht einen Knaben fertigbringen! Sie hatten gehofft, Herrn und Frau Vuillaume durch einen Knaben zu versöhnen, und da kommt wieder eine Tochter. Das werden die Alten nimmermehr ertragen!

Das glaub' ich wohl, bemerkte der Doktor. Beide liegen schon krank zu Bette, so sehr hat die Nachricht von der Schwangerschaft ihrer Tochter sie empört. Sie ließen einen Notar holen, damit ihr Schwiegersohn selbst ihre Möbel nicht erbe.

Man scherzte. Der Priester allein blieb schweigsam, den Blick zu Boden gesenkt. Frau Hédouin trug ihn, ob er leidend sei? Ja, lautete die Antwort, er fühle sich sehr ermüdet und wolle sich Ruhe gönnen. Es wurden noch einige Höflichkeiten ausgetauscht, dann stieg er, noch immer begleitet vom Doktor, die Rochusstraße hinab. Vor der Kirche rief der Arzt plötzlich:

Auch eine schlechte Kundschaft, was?

Wen meinen Sie? frug überrascht der Priester.

Diese Dame, die Kaliko verkauft ... Sie kümmert sich weder um Sie noch um mich, braucht weder Gott noch Arzneien. Wenn's einem so wohl geht, sind derlei Dinge nicht mehr von Interesse.

Damit ging, er weiter, während der Priester in die Kirche eintrat.

Klares Sonnenlicht fiel in das Gotteshaus durch die großen Fenster mit den weißen, gelb und zartblau geränderten Glasscheiben. Kein Geräusch, keine Bewegung störte die Stille in dem öden Kirchenschiffe, wo die Marmorverkleidungen, Kristalleuchter und die vergoldete Kanzel in dem lautlosen Lichte zu schlafen schienen. Das war wie die Feierlichkeit eines bürgerlichen Salons, von dessen Möbeln die Überzüge für den großen Empfang am Abend entfernt worden sind. Nur eine einzige Frau stand vor der Kapelle der heiligen Jungfrau mit den sieben Wunden, die brennenden Wachskerzen betrachtend, die verglimmend einen Geruch von heißem Wachs verbreiteten.

Der Abbé wollte in sein Zimmer gehen. Aber eine namenlose Sehnsucht, ein heftiges Bedürfnis hielten ihn im Heiligtum zurück. Es schien ihm, als spreche Gott zu ihm mit einer weitschallenden, undeutlichen Stimme, und als könne er die Gebote dieser Stimme nicht verstehen. Langsam durchschritt er die Kirche und suchte in seiner eigenen Seele zu lesen, die Qualen seines Herzens zu beschwichtigen; da plötzlich wurde er, als er hinter dem Chor vorüberging, durch einen übernatürlichen Anblick in seinem innersten Wesen erschüttert.

Es war hinter den Marmorwänden der Madonnenkapelle, hinter der vergoldeten Verzierung der Kapelle zur Anbetung, deren sieben goldene Dolche, deren goldene Kandelaber und goldener Altar in dem gelblichen Schatten der Fenster mit den vergoldeten Seheiben hell schimmerten; es war im Hintergrunde dieses geheimnisvollen Dunkels weit jenseits des Tabernakels ein in seiner Einfachheit ergreifendes Bild: Christus an das Kreuz genagelt, neben ihm die zwei schluchzenden Frauen Maria und Magdalena. Die weißen Statuen, die sich in einem Oberlichte, dessen Ursprung man nicht sah, von der nackten Mauer abhoben, schienen ihre Sockel zu verlassen, vorwärts zu schreiten, sich zu vergrößern, und machten aus diesem blutenden Menschentum, aus diesem Tod und diesen Tränen das göttliche Zeichen des ewigen Schmerzes. Der Priester sank betroffen auf die Knie. Er war es gewesen, der diesen Gips übertünchen, diese Beleuchtung herstellen ließ; er selber hatte also diesen Blitzschlag vorbereitet. Und jetzt, da die Plankenumfriedung niedergerissen war, der Baumeister und die Arbeiter sich entfernt hatten, war er der erste, den dieser Blitzschlag getroffen. Von der schrecklichen Strenge der Kalvaria wehte ein Atem her, der ihn zu Boden warf. Er fühlte, wie Gott ihn umschwebte, und beugte sich unter diesen Atem, vom Zweifel zerrissen und gemartert von dem entsetzlichen Gedanken, daß er seinen Priesterberuf vielleicht schlecht erfülle.

O, Herr, ist die Zeit schon gekommen, die Wunden dieser verderbten Welt nicht mehr mit dem Mantel der Religion zu verhüllen? Sollte er den Heucheleien seiner Herde nicht mehr Vorschub leisten? Sollte er nicht mehr der Zeremonienmeister sein, der die schöne Ordnung der Torheiten und Laster zu regeln hat? Sollte er alles zugrunde gehen lassen auf die Gefahr hin, daß die Kirche selbst durch die Trümmer verschüttet werde? Ja, das war ohne Zweifel das Gebot Gottes; denn die Kraft, weiter zu schreiten durch den Jammer der Menschheit, verließ ihn bereits, und er mußte schier sterben vor Abscheu und Ohnmacht. Die Schändlichkeiten, die er seit dem Morgen gefunden, bedrückten ihm das Gemüt. Er bat, die Hände inbrünstig gefaltet, um Vergebung; um Vergebung für seine Lügen, um Vergebung für seine feigen Gefälligkeiten, für dieses schändliche Durcheinander der Gesellschaft. Die Furcht vor Gott ergriff ihn im Grunde seiner Seele; er sah, wie Gott ihn verleugnete und ihm verbot, mit seinem Namen weiter Mißbrauch zu treiben; es war ein Gott des Zornes, entschlossen, das sündhafte Volk endlich zu vertilgen. Alle Duldsamkeit des Weltmannes verschwand unter den entfesselten Bedenken des Gewissens, und nichts blieb übrig, als der Glaube des Gläubigen, der sich angstvoll wand in der Ungewißheit des ewigen Heils. O Herr! welchen Weg soll man einschlagen inmitten dieser untergehenden Gesellschaft, die verfault ist bis in ihre Priester?

Der Abbé brach, die Augen auf die Kalvaria gerichtet, in ein Schluchzen aus. Er weinte wie Maria und Magdalena, er beweinte die gestorbene Wahrheit, den leeren Himmel. Der große Christus aus Gips inmitten des Marmorprunkes und der Goldverzierungen hatte nicht einen Tropfen Blutes mehr.

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