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Der häusliche Herd

Emile Zola: Der häusliche Herd - Kapitel 17
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typefiction
authorEmile Zola
titleDer häusliche Herd
publisherBenjamin Harz Verlag
seriesDie Rougon-Macquart
volumeBand X
year1924
translatorArmin Schwarz
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Sechzehntes Kapitel

Als Marie Mittwoch morgens Berta zu ihrer Mutter führte, hatte diese, aufs höchste bestürzt über dieses Abenteuer, durch das sie sich in ihrem Stolze getroffen fühlte, bleich und sprachlos dagestanden.

Sie ergriff ihre Tochter bei der Hand mit der Rücksichtslosigkeit einer Schulaufseherin, die eine strafbare Schülerin in die »finstere Kammer« wirft und stieß sie in Hortensens Zimmer, indem sie ihr sagte:

Verbirg dich und laß dich nicht blicken! Du würdest deinen Vater töten.

Hortense, die sich eben wusch, war höchlich erstaunt. Berta warf sich schluchzend und von Scham erdrückt auf das Bett. Sie war auf eine heftige Szene gefaßt und hatte sich eine ganze Verteidigung zurechtgelegt; sie war entschlossen, ihre Mutter zu überschreien, wenn diese schreien sollte. Aber dieser stumme Zorn, diese Art, sie als kleines Mädchen zu behandeln, das einen Topf Eingemachtes genascht hat, nahm ihr alle Tatkraft, führte sie zu den Schrecken ihrer Kindheit zurück, zu den Tränen, die sie ehemals in den Winkeln vergoß unter heißen Schwüren des Gehorsams für die Zukunft.

Was gibt es denn? Was hast du getan? fragte Hortense, deren Erstaunen noch höher stieg, als sie sie mit dem alten Schal bedeckt sah, den Marie ihr geliehen hatte. Ist August etwa in Lyon erkrankt?

Allein Berta wollte nicht antworten. Nein, sagte sie; später: sie könne nichts sagen. Sie bat Hortense fortzugehen, ihr das Zimmer zu überlassen, wo sie wenigstens ungestört weinen könne. So verfloß, der Tag. Herr Josserand war in sein Büro gegangen, ohne das Geringste zu ahnen.

Als er abends heimkehrte, blieb Berta noch immer verborgen. Da sie tagsüber jede Nahrung zurückgewiesen, verschlang sie jetzt mit Heißhunger das bißchen Essen, das Adele ihr im geheimen brachte. Die Magd betrachtete sie, wie sie mit gutem Appetit aß, und bemerkte dann:

Kränken Sie sich nicht zuviel, gnädige Frau, fassen Sie Mut! Das Haus ist ganz ruhig. Trotz allem Spektakel gibt es keinen Toten auf dem Kampfplatz.

Ah! sagte die junge Frau.

Sie befragte Adele, welche die Vorgänge des Tages ausführlich erzählte: das vereitelte Duell, was Herr August gesagt, was die Vabre getan, und was die Duverdy getan. Sie hörte ihr zu, fühlte neues Leben in sich, aß mit immer steigendem Appetit und verlangte nach Brot. Sie sei in der Tat sehr dumm, sich dermaßen zu kränken, meinte sie, da die anderen schon getröstet schienen!

Sie empfing denn auch ihre Schwester ganz heiter mit trockenen Augen, als diese gegen zehn Uhr zu ihr kam. Es belustigte sie sehr – obgleich sie ihr Gelächter unterdrückten – als sie einen Schlafrock ihrer Schwester anziehen wollte und er ihr zu eng war; ihr Busen, der in der Ehe noch voller geworden war, drohte den Stoff zu sprengen. Tut nichts, meinte sie; sie werde ihn am nächsten. Morgen dennoch anziehen auf die Gefahr hin, daß einige Knöpfe absprängen.

Beide glaubten ihre Jugend wiederkehren zu sehen in diesem Zimmer, wo sie soviele Jahre miteinander verlebt hatten. Das stimmte sie weich und brachte sie einander näher in einer Zuneigung, die sie seit langem füreinander nicht empfunden hatten. Sie mußten beieinander schlafen, denn Frau Josserand hatte das alte, Meine Bett Bertas beseitigt. Als sie, nachdem die Kerze ausgelöscht war, nebeneinander im Bett lagen, mit weit offenen Augen in die Finsternis blickend und keinen Schlaf findend, begannen sie zu plaudern.

Also du willst mir nichts erzählen? fragte Hortense von neuem.

Aber, meine Liebe, sagte Berta, du bist ja nicht verheiratet: ich kann nicht... Ich habe eine Auseinandersetzung mit August gehabt. Du verstehst mich; er ist zurückgekehrt...

Als sie sich unterbrach, warf die Schwester ungeduldig drein:

Geh', geh'! Mach' keine Umstände! In meinem Alter werde ich doch wissen!...

Da beichtete Berta; zuerst sprach sie vorsichtig, später aber ohne Wahl der Worte, von August und von Octave. Hortense lag still auf dem Rücken, schaute in die Finsternis und hörte ihr aufmerksam zu, nur von Zeit zu Zeit warf sie eine kurze Bemerkung dazwischen, um sie zu fragen oder um ihre Meinung zu sagen, wie: »Was hat er dir dann gesagt?... Und was hast du gefühlt?... Wahrhaftig, mir wäre es kein Vergnügen!... Ei, so geschieht das!« So kam Mitternacht, die erste, die zweite Morgenstunde; sie sprachen noch immer von dieser Geschichte, schlaflos, die heißen Glieder unter den Bettüchern wälzend. Berta, in diesem halben Fieberzustande, vergaß die Anwesenheit ihrer Schwester und kam schließlich so weit, daß sie laut lachte und ihr Herz und ihr Fleisch durch die intimsten Geständnisse erleichterte.

Ich mit Verdier – das wird sehr einfach sein, erklärte Hortense plötzlich. Ich werde tun, was er will.

Bei Nennung des Namens Verdier machte Berta eine Bewegung der Überraschung. Sie glaubte, die Heirat habe sich zerschlagen; denn die Frau, mit der er seit fünfzehn Jahren lebte, war vor kurzem niedergekommen gerade in dem Augenblicke, wo er auf dem Punkte stand, sie zu verlassen. Du rechnest trotz alledem darauf, ihn zu heiraten? fragte sie.

Ja, warum nicht? Ich habe die Dummheit begangen, zu lange zu warten. Aber das Kind wird nicht am Leben bleiben. Es ist ein Mädchen, durch und durch skrofulös.

Indem sie das Wort »Geliebte« voll Ekel aussprach, brachte sie den Haß der anständigen, heiratsfähigen Bürgerstochter gegen dieses Geschöpf zum Ausdruck, das so lange mit einem Manne lebte. Ein Manöver, dieses kleine Kind, nicht mehr! ja ein Vorwand, den sie ersonnen, als sie bemerkt hatte, daß Verdier, nachdem er ihr Hemden gekauft, um sie nicht nackt fortzuschicken, sie an eine baldige Trennung gewöhnen wolle, indem er immer häufiger außer dem Hause schlief. Übrigens wird man ja sehen, man wird warten.

Arme Frau! ließ sich Berta entschlüpfen.

Wie, arme Frau! rief Hortense bitter. Man sieht, man hat dir auch vieles zu verzeihen.

Sie bedauerte aber bald diese Grausamkeit, schloß ihre Schwester in ihre Arme und beteuerte ihr, es nicht absichtlich gesagt zu haben. Dann schwiegen sie. Aber sie schliefen nicht und schauten unverwandt in die Finsternis.

Am folgenden Morgen fühlte Herr Josserand sich unwohl. Er war so eigensinnig, wieder bis zwei Uhr nach Mitternacht Adreßschleifen zu schreiben, trotzdem er seit einigen Tagen wiederholt über eine stete Abnahme seiner Kräfte geklagt hatte. Er stand indessen auf und kleidete sich an; allein in dem Augenblick, als er sich in sein Büro begeben wollte, fühlte er sieh dermaßen erschöpft, daß er sich entschließen mußte, seine Chefs, die Brüder Bernheim, durch einige Zeilen von seinem Unwohlsein zu verständigen.

Die Familie schickte sich an, ihren Milchkaffee zu trinken. Man frühstückte ohne Tischtuch in dem Speisezimmer, das noch die fettigen Spuren des gestrigen Essens zeigte. Die Damen erschienen in ihren Nachtleibchen, die frisch gewaschenen Gesichter noch nicht völlig getrocknet, die Haare einfach aufgesteckt. Als Frau Josserand sah, daß ihr Gatte zu Hause bliebe, beschloß sie, Berta nicht länger vor ihm verborgen zu halten; diese Geheimtuerei langweilte sie; auch fürchtete sie, daß August jeden Augenblick heraufkommen könne, um eine Szene zu machen.

Wie, du frühstückst hier? Was gibt es denn? fragte der Vater überrascht, als er seine Tochter sah, die mit vom Schlaf geschwollenen Augen, die volle Brust in den engen Schlafrock Hortensens eingepreßt, dasaß.

August hat mir geschrieben, daß er in Lyon bleibt, erwiderte sie; und es kam mir der Einfall, den Tag mit euch zuzubringen.

Das war eine zwischen den beiden Schwestern abgekartete Lüge, und die Mutter schwieg dazu. Doch der Vater betrachtete seine Tochter voll Unruhe; er ahnte ein Unglück: da er die Geschichte sonderbar fand, wollte er Berta eben fragen, wie es ohne sie im Laden unten gehe, als diese auf ihn zukam und mit ihrer heitern, ruhigen Miene von ehemals ihn auf beide Wangen küßte.

Ist's wahr? Du verbirgst mir nichts? murmelte er.

Was denkst du? Warum sollte ich dir etwas verbergen?

Frau Josserand begnügte sich einfach die Achseln zu zucken. Was soll diese Vorsicht? Um vielleicht eine Stunde zu gewinnen – das lohnt doch nicht die Mühe: der Vater müsse doch früher oder später den Schlag erfahren.

Das Frühstück war indessen recht heiter. Herr Josserand, erfreut, sich wieder zwischen seinen beiden Töchtern zu befinden, glaubte sich an die früheren Tage zurückversetzt, wo sie, kaum aus ihren Betten gekrochen, ihn mit der Erzählung ihrer drolligen Träume erheiterten. Für ihn hatten sie noch immer den lieblichen Reiz der Jugend, wie sie mit den Ellbogen auf den Tisch gestützt dasaßen, ihre Brötchen in den Kaffee tunkten und mit vollem Munde lachten.

Die Vergangenheit tauchte vollends vor ihm auf, als er ihnen gegenüber das starre Gesicht ihrer Mutter sah, die überquellenden Formen in ein altes, grünes Seidenkleid gepreßt, das sie in den Morgenstunden ohne Mieder trug, um es völlig abzunützen.

Doch eine verdrießliche Szene verdarb das heitere Frühstück. Frau Josserand fragte die Magd plötzlich:

Was essen Sie denn?

Sie hatte Adele, die in Holzschuhen schwerfällig um den Tisch die Runde machte, schon seit einer Weile beobachtet.

Nichts, gnädige Frau, erwiderte die Magd.

Wie, nichts?... Ich sehe Sie kauen; ich bin ja nicht blind. Sie haben noch die Zähne voll. Vergebens ziehen Sie die Backen ein, man sieht es doch.

Adele ward verwirrt und wollte zurückweichen. Doch Frau Josserand hatte sie am Rock erfaßt.

Ich sehe Sie seit einer Viertelstunde von Zeit zu Zeit etwas aus der Tasche ziehen und in den Mund stecken. Das muß wohl sehr gut sein. Zeigen Sie einmal! ...

Sie griff in die Tasche der Magd und zog eine Handvoll gesottener Pflaumen heraus: der Saft tropfte zu Boden.

Was ist das? rief sie wütend.

Das sind Pflaumen, gnädige Frau, sagte die Magd, die keck wurde, als sie sich entdeckt sah.

Sie machen sich über meine Pflaumen her; darum verschwinden sie so rasch, ohne auf den Tisch zu kommen!... Sollte man es für möglich halten! Pflaumen in einer Tasche!

Sie beschuldigte sie, daß sie auch den Essig austrinke. Alles verschwinde, man dürfe keine Kartoffel mehr liegen lassen.

Sie sind ein Abgrund, der alles verschlingt! rief sie.

Geben Sie mir zu essen, erklärte Adele rundheraus, dann werde ich Ihre Kartoffeln liegen lassen.

Das war das Äußerste. Frau Josserand erhob sich majestätisch, furchtbar.

Schweigen Sie, Großmaul!... Ich weiß recht gut: die anderen Mägde verderben Sie. Sobald so eine Gans aus der Provinz in einem Hause ankommt, fallen die anderen Dirnen aus allen Stockwerken über sie her, um sie eine ganze Menge unsauberer Dinge zu lehren... Sie gehen nicht mehr in die Messe, und jetzt stehlen Sie gar! ...

Adele, der in der Tat Lisa und Julie den Kopf voll geredet hatten, gab nicht nach.

Wenn ich eine Gans war, wie Sie sagen, durften Sie keinen Mißbrauch treiben. Nun ist's aus!

Hinaus! Ich jage Sie fort! schrie Frau Josserand, mit einer tragischen Miene nach der Tür weisend.

Wutschnaubend setzte sie sich nieder, während die Magd, ohne sich sonderlich zu beeilen, noch eine Weile herumtrippelte und noch eine Pflaume verschlang, ehe sie in die Küche hinausging. So ward sie jede Woche einmal davongejagt; es regte sie wenig auf.

Ein peinliches Stillschweigen entstand an der Tafel. Hortense bemerkte, es tauge nichts, ihr stets mit dem Davonjagen zu drohen und sie dann immer wieder zu behalten. Gewiß stehle sie und sei keck; aber sie bediene sie doch, während eine andere Magd es keine acht Tage bei ihnen aushalten werde trotz des Vergnügens, den Essig auszutrinken und einige Pflaumen zu stehlen.

Das Frühstück ging indessen in zärtlich inniger Stimmung zu Ende. Herr Josserand sprach in sehr bewegten Worten von dem armen Saturnin, der tags vorher während seiner Abwesenheit, wieder hatte fortgeführt werden müssen; er glaubte, er habe unten im Laden einen Tobsuchtsanfall bekommen, denn man hatte es ihm so erzählt.

Dann beklagte er sich, daß er Leo schon lange nicht gesehen habe; Frau Josserand, die stumm geworden war, erklärte trocken, daß sie ihn heute erwarte, daß er vielleicht zum Frühstück kommen werde. Der junge Mann hatte seit einer Woche mit Frau Dambreville gebrochen, die, um sich ihres Versprechens zu entledigen, ihn mit einer dürren, schwarzen Witwe verheiraten wollte; allein er wollte eine Nichte des Herrn Dambreville heiraten, eine sehr reiche Kreolin von glänzender Schönheit, die im September bei ihrem Oheim eingetroffen war, nachdem sie auf den Antillen ihren Vater durch den Tod verloren. Es gab schreckliche Szenen zwischen den beiden Liebenden; Frau Dambreville weigerte sich, ihm ihre Nichte zu geben: sie ward von Eifersucht verzehrt und konnte sich nicht entschließen, vor dieser in Jugendschöne prangenden Blume die Segel zu streichen.

Wie steht es mit seiner Heiratsangelegenheit? fragte Herr Josserand.

Wegen der Anwesenheit Hortensens antwortete die Mutter zuerst in vorsichtigen Ausdrücken. Sie hielt derzeit große Stücke auf ihren Sohn: er sei ein Junge, der seinen Weg machen werde. Sie hielt ihn sogar oft ihrem Gatten vor; der Junge sei, Gott sei Dank! von ihrer Art, sagte sie; der werde sein Weib nicht ohne Schuhe lassen. Allmählich ereiferte sie sich.

Er hat endlich genug von dieser Frau. Eine Weile mag es hingehen; es hat ihm nicht geschadet. Aber wenn die Tante sich weigert, ihm die Nichte zu überlassen, wird er ihr den Laufpaß geben... Und ich stimme ihm bei.

Hortense tat aus Züchtigkeit, als ob sie ganz hinter ihrer Kaffeeschale verschwinden wolle; Berta hingegen, die nunmehr alles hören durfte, machte eine verächtliche Miene über die Erfolge ihres Bruders. Die Familie erhob sich von der Tafel, und Herr Josserand, der sich besser fühlte, sprach davon, noch ins Büro gehen zu wollen; da erschien Adele mit einer Karte. Die Person warte im Salon, sagte sie.

Wie? Sie ist's? Zu dieser Stunde! rief Frau Josserand. Und ich habe nicht einmal ein Korsett an... Umso schlimmer, ich muß ihr die Wahrheit sagen.

Es war Frau Dambreville. Vater und Töchter blieben im Speisezimmer, um zu plaudern, während die Mutter sich nach dem Salon wandte. Ehe sie die Türe öffnete, warf sie noch einen besorgten Blick auf ihr altes, grünes Seidenkleid; sie versuchte es zuzuknöpfen, reinigte es von den verschiedenen Fäden, die sie vom Parkett aufgelesen hatte und schob mit einer derben Handbewegung den überquellenden Busen zurück.

Verzeihen Sie, teure Frau, sagte die Besucherin lächelnd; ich bin hier vorbeigekommen und wollte mich nach Ihrem Befinden erkundigen.

Sie war in eine Toilette von tadelloser Vornehmheit eingepreßt und gab sich den Anschein einer liebenswürdigen Frau, die heraufgekommen war, um einer Freundin guten Tag zu sagen. Allein ihr Lächeln zitterte; aus ihren vornehmen Manieren sprach eine entsetzliche Angst, die ihr ganzes Wesen erbeben machte. Sie sprach von tausend Dingen und vermied es sorgfältig, Leos Namen auszusprechen; aber endlich entschloß sie sich, einen Brief aus der Tasche zu ziehen, den sie soeben von ihm erhalten hatte.

Ach, ein Brief, ein Brief!... sagte sie mit veränderter, von Tränen erstickter Stimme. Was hat er denn gegen mich, teure Frau? Er will keinen Fuß mehr in unser Haus setzen!

Sie reichte den Brief mit zitternder Hand der Frau Josserand. Diese nahm den Brief und las ihn kalt. Es war eine kurze, aber entschiedene Absage.

Mein Gott, sagte sie, ihr den Brief zurückgebend, Leo hat vielleicht nicht unrecht.

Frau Dambreville erging sich in Lobeserhebungen über die Witwe, die sie dem jungen Mann zugedacht hatte; eine Frau von kaum 35 Jahren, sehr anständig, wohlhabend genug, außerordentlich tätig, so daß sie ihren Gatten gewiß zum Minister machen werde. Sie halte schließlich ihr Versprechen; sie habe für Leo eine gute Partie gefunden. Welchen Grund zu zürnen könne er haben?

Ohne eine Antwort abzuwarten, entschloß sie sich endlich, Raymonde zu nennen, ihre Nichte. Sei es möglich, daß er einen solchen Backfisch von kaum 16 Jahren heiraten wolle; eine Wilde, die von der Welt und vom Leben gar nichts verstehe?

Warum nicht? entgegnete Frau Josserand bei jeder Frage; warum nicht, wenn er sie liebt?

Nein, nein, er liebt sie nicht! rief die andere immer wieder; er kann sie nicht lieben. Ich verlange von ihm nichts als ein wenig Dankbarkeit ... Ich habe einen Menschen aus ihm gemacht; mir hat er es zu danken, daß er Gerichtsbeisitzer ist, er wird auch zum Referendar ernannt werden... Ich flehe Sie an, reden Sie ihm zu, daß er zurückkommt, daß er mir diese Freude bereitet. Ich wende mich an sein Herz, an Ihr Mutterherz, ja, an alles, was edel ist in Ihnen...

Sie faltete die Hände, ihre Stimme brach. Es herrschte Stillschweigen; so saßen sie einander gegenüber. Dann brach sie plötzlich in ein schmerzliches Schluchzen aus und rief:

Nicht mit Raymonde, nur nicht mit Raymonde!

Es war eine Liebesraserei, der Aufschrei eines Weibes, das nicht altern will, das sich in der schweren Krise der Alterswende an den letzten Mann klammert. Sie hatte die Hände der Frau Josserand ergriffen und benetzte sie mit ihren Tränen; sie gestand der Mutter alles, demütigte sich vor ihr, wiederholte immerfort, daß sie allein auf ihren Sohn einwirken könne und schwor ihr die Ergebenheit einer Magd, wenn sie ihn ihr wiedergeben werde. Sie sei allerdings nicht gekommen, um diese Dinge zu sagen; sie habe ihm Gegenteil den Vorsatz gefaßt, nichts merken zu lassen, allein ihr Herz ertrage es nicht: sie sei nicht schuld daran.

Schweigen Sie, meine Liebe, Sie machen mich erröten, erwiderte Frau Josserand mit verdrossener Miene. Ich habe Töchter, die es hören könnten... Ich weiß nichts und will nichts wissen. Wenn Sie mit meinem Sohn zu tun haben, machen Sie Ihre Angelegenheiten mit ihm aus. Niemals werde ich mich zu einer solchen Rolle hergeben.

Sie überhäufte sie indessen mit Ratschlägen. In ihrem Alter – meinte sie – müsse man schon verzichten. Gott werde ihr hilfreich beistehen. Doch müsse sie ihm ihre Nichte verschaffen, wenn sie dem Himmel ein wirkliches Sühnopfer darbringen wolle. Im übrigen gefalle die Witwe Leo ganz und gar nicht; dieser brauche eine Frau mit hübschem Gesicht, um Essen geben zu können. Sie sprach von ihrem Sohne mit Bewunderung, geschmeichelt in ihrem Stolze; sie schilderte ihn ganz eingehend, um ihn der schönsten Frauen würdig zu zeigen.

Bedenken Sie doch, liebe Freundin, er ist kaum dreißig Jahre alt. Ich wäre untröstlich, Urnen ein Leid zufügen zu müssen; aber vergessen Sie nicht, daß Sie seine Mutter sein könnten... Er weiß, was er Ihnen schuldet, und ich selbst bin durchdrungen von dem Gefühl der Dankbarkeit für Sie. Sie werden sein gütiger Engel bleiben. Allein wenn es aus ist, dann ist's eben aus. Konnten Sie denn hoffen, ihn für immer zu behalten?

Als die Unglückliche keine Vernunft annehmen wollte und darauf bestand, ihn ganz einfach und auf der Stelle wiederzugewinnen, wurde die Mutter zornig.

Ach was, lassen wir das. Ich halte mich für zu gut, von dieser Sache im Scherz zu reden. Er will nicht mehr, der Junge! Das ist wohl erklärlich. So betrachten Sie sich doch! Sollte er wieder einmal Ihrem Wunsche nachgeben, will ich ihn jetzt an seine Pflichten erinnern. Denn ich frage Sie, welches Interesse kann es fortan für Sie beide mehr haben? Er wird übrigens gleich hier sein, und wenn Sie auf mich gerechnet haben...

Von dem ganzen Wortschwall hörte Frau Dambreville bloß den letzten Satz. Seit acht Tagen verfolgte sie Leo, ohne ihn zu Gesichte zu bekommen. Als sie vernahm, daß er kommen werde, erheiterte sich ihr Gesicht, und aus ihrem Herzen drang ein Freudenschrei:

Wenn er kommt, bleibe ich.

Sie ließ sich wie eine schwere Masse in einem Sessel nieder. Gedankenlos stierte sie ins Leere und gab keine Antwort mit der Entschlossenheit eines Tieres, selbst um den Preis von Schlägen nicht von der Stelle zu weichen. Frau Josserand ließ sie endlich allein untröstlich darüber, daß sie zuviel geredet, und ergrimmt, daß sie diesem Weib, das in ihrem Salon sich festgesetzt wie ein Meilenstein, nicht die Türe weisen durfte. Ein Geräusch, das aus dem Speisesaal plötzlich an ihr Ohr drang, beunruhigte sie. Sie glaubte Augusts Stimme zu erkennen.

Auf Ehre, so etwas ist unerhört, sagte sie, die Türe heftig zuwerfend. Das ist doch schon die äußerste Unhöflichkeit.

In der Tat war August gekommen, um mit den Eltern seiner Frau die Auseinandersetzung herbeizuführen, auf die er sich schon seit gestern vorbereitete.

Herr Josserand, der immer heiterer geworden war und nicht mehr daran dachte, in das Büro zu gehen, schlug seinen Töchtern eben einen gemeinsamen Spaziergang vor, als Adele den Gemahl der Frau Berta anmeldete. Darüber entstand allgemeines Entsetzen. Die junge Frau erbleichte.

Wie, dein Gatte? sprach der Vater. Der ist ja in Lyon! Ach, du logst also! Es gibt ein Unglück, ich fühle es schon seit zwei Tagen.

Sie erhob sich, er aber hielt sie zurück.

Sprich, ihr habt euch wieder einmal gezankt? Und wieder wegen des Geldes, nicht wahr? Vielleicht gar wegen der Morgengabe, wegen jener 10 000 Franken, die wir ihm noch nicht gezahlt?

Ja, ja, so ist's, stammelte Berta und entfloh.

Hortense hatte sich gleichfalls erhoben. Sie lief ihrer Schwester nach, holte sie ein, und beide flüchteten in ihr Zimmer.

Der Vater fand sich plötzlich allein vor dem Tische in der Mitte des stillen Speisesaales. Seine üble Laune stieg ihm ins Gesicht in Gestalt einer fahlen Blässe, einer verzweifelten Lebensmüdigkeit. Die Stunde, die er gefürchtet, die er mit angstvoller Scham erwartet hatte, sie war gekommen: sein Schwiegersohn werde ihm den Versicherungsschein vorhalten, und er sich zu jenem unwürdigen Vorgang bekennen müssen, in den er eingewilligt.

Treten Sie ein, treten Sie ein, mein lieber August, sprach er mit gepreßter Stimme. Berta hat mir soeben von eurem Streit erzählt. Ich befinde mich ohnedies nicht wohl, und man verdirbt mir den Tag noch mehr... Sie finden mich in Verzweiflung, daß ich Ihnen das Geld nicht geben kann. Es war ein Fehler von mir, die Summe überhaupt zu versprechen, ich weiß es ...

Mühsam fuhr er fort mit der Miene eines Schuldigen, der seine Geständnisse macht. August hörte ihm überrascht zu. Da er sich erkundigt hatte, kannte er bereits die faule Geschichte von der Versicherung; doch hätte er nie gewagt, die Auszahlung der 10 000 Franken zu fordern, aus Furcht, Frau Josserand werde ihn in das Grab des alten Vabre schicken, um dort seine 10 000 Franken zu beheben. Immerhin – da schon davon gesprochen wurde, ging er darauf ein. Das war seine erste Klage.

Ich weiß alles, Sie haben mich völlig hintergangen mit ihren Geschichten. Über den Verlust des Geldes könnte ich mich übrigens noch hinwegsetzen; aber die Heuchelei muß mich doch mit Recht ärgern. Wozu dieses Spiel mit angeblich versicherten Beträgen, die in der Tat nicht existieren? Wozu heuchelten Sie Zärtlichkeit und Innigkeit, indem Sie Summen in Aussicht stellten, die Sie bis nach drei Jahren nicht anrühren zu dürfen behaupteten? Und Sie hatten doch nicht einen roten Heller! Diese Art zu handeln hat einen Namen in aller Herren Ländern.

Herr Josserand öffnete den Mund; er wollte ihm zurufen: »Nicht ich tat's, sie taten es!« Indessen er schwieg, denn er wollte seine Familie schonen; gesenkten Hauptes ertrug er es, daß dieses häßliche Gebahren ihm zugeschrieben wurde. August fuhr fort:

Übrigens hatte sich die ganze Welt gegen mich verschworen. Duverdy betrug sich wie ein Nichtswürdiger mit dem Schurken von seinem Notar; denn als ich verlangte, daß man die versicherte Summe wegen der Garantie im Kontrakt namhaft mache, gebot er mir Schweigen. Hätte ich darauf bestanden, so hätten Sie einen Betrug verübt. Jawohl einen Betrug.

Noch mehr erbleichend, erhob sich der Vater, um auf diese Anschuldigungen zu antworten; er wollte beteuern, daß er arbeiten werde während der ganzen Zeit, die er noch zu durchleben habe, um das Glück seiner Tochter zu erkaufen; da stürzte plötzlich, wie einhergetragen durch einen Windstoß, Frau Josserand ins Zimmer außer sich vor Wut über die Störrigkeit der Frau Dambreville und ihres alten, grünseidenen Kleides nicht mehr achtend, dessen Leib durch ihren zorngeschwellten Busen gesprengt war.

Was, schrie sie, wer wagt es hier, von Betrug zu sprechen? Sie waren es? Da gehen Sie vorerst auf den Friedhof, Herr, und schauen Sie, ob die Kasse Ihres Vaters sich seither geöffnet hat.

Diese Worte ärgerten August ganz unbändig, obgleich er darauf gefaßt war.

Sie aber fuhr erhobenen Hauptes und mit niederschmetterndem Tone fort:

Wir haben Ihre 10 000 Franken beisammen. Ja, dort liegen sie in einem Schubfache... Aber Sie sollen sie erst erhalten, wenn Herr Vabre zurückgekehrt ist, um Ihnen die Ihren zu geben. Eine schöne Familie, daß muß ich sagen! Der Vater ein Spieler, der uns alle foppt und der Schwager ein Dieb, der die Erbschaft in die Tasche steckt.

Ein Dieb, ein Dieb! stammelte August zum Äußersten getrieben. Die Diebe sind hier!

Mit geröteten Wangen stellten sich beide einander gegenüber. Herr Josserand, den die heftigen Ausdrücke niederschmetterten, trennte sie wieder. Er flehte sie an, ihre Ruhe zu bewahren; von einem Frösteln geschüttelt, sank er dann in den Stuhl zurück.

Auf alle Fälle, begann der Schwiegersohn wieder, will ich keine Hure in meinem Hause! Behaltet euer Geld und behaltet eure Tochter! Ich bin gekommen, um euch dies zu sagen.

Das ist wieder eine andere Frage, bemerkte ruhig die Mutter. Lassen Sie uns darüber reden.

Der Vater, zu schwach, um sich erheben zu können, betrachtete sie mit einer Miene des Entsetzens. Von alledem verstand er nichts mehr. Was hatten sie gesagt? Wer war denn die Hure? Als er jedoch im Laufe des Gespräches erfuhr, daß seine Tochter gemeint war, gab es ihm einen Riß ins Herz, er fühlte in seiner Seele eine klaffende Wunde, durch die sein Lebensrest zu enteilen drohte. Großer Gott – dachte er – dieses Kind sollte seinen Tod herbeiführen? Sollte er für alle seine Schwächen bestraft werden in ihr, die er nicht gut zu erziehen vermochte? Schon der Gedanke, daß sie verschuldet, in ewigem Hader mit ihrem Mann leben werde, vergiftete ihm sein altes Leben, und dieser Gedanke erweckte in ihm die Qualen seiner eigenen Existenz. Jetzt war sie gar hinabgesunken zum Ehebruch, auf diese letzte Stufe weiblicher Verworfenheit; das empörte sein schlichtes und biederes Ehrgefühl. Stumm und von einer großen Kälte ergriffen, hörte er dem Zanke der beiden anderen zu.

Sagte ich es Ihnen nicht gleich, daß sie mich betrügen werde? rief August mit einer Miene triumphierenden Unwillens.

Und antwortete ich Ihnen nicht, daß Sie alles taten, damit es geschehe? erwiderte siegesbewußt Frau Josserand. Ich gebe der Berta nicht recht; gewiß, es war blöd, was sie tat; ich will es ihr auch ganz tüchtig sagen. Aber schließlich, da sie nicht anwesend ist, kann ich es feststellen: Sie allein sind der Schuldige.

Wie? Ich der Schuldige!

Gewiß, mein Lieber. Sie verstehen nicht, die Frauen an sich zu fesseln... Da sehen Sie, ich will Ihnen ein Beispiel sagen. Hat es Ihnen beliebt, zu meinen Dienstagsempfängen zu kommen? Nein, Sie kamen höchstens dreimal und blieben nie länger als eine halbe Stunde. Hat man auch Kopfschmerzen: es gibt doch Gesetze der Höflichkeit. Gewiß, es ist gerade kein großes Verbrechen. Aber Sie sind gerichtet, denn Sie sehen ein, daß es Ihnen an Lebensart fehlt.

Ihre Stimme kreischte in lang verhaltenem Groll; denn bei der Verheiratung ihrer Tochter hatte sie in erster Reihe darauf gerechnet, ihren Salon mit ihrem Schwiegersohn zu zieren. Nicht nur, daß er nie jemanden mit sich brachte, auch er selbst kam so gut wie nie; das war das Ende einer ihrer Träume; nie werde sie es mit den musikalischen Abenden der Duverdy aufnehmen können.

Übrigens, fügte sie spöttisch hinzu, übrigens zwinge ich niemanden, sich bei mir zu amüsieren.

Tatsache ist, daß man sich bei Ihnen überhaupt nicht unterhält, antwortete er ungeduldig.

So, so, fahren Sie nur fort mit Ihren Beleidigungen. Merken Sie sich, daß ich die ganze elegante Welt in meinen Salons sehen könnte, wenn ich wollte, und daß ich nicht auf Sie gewartet habe, um meine gesellschaftliche Stellung zu erhalten!

Es war nicht mehr von Berta die Rede: der Ehebruch war verschwunden in diesem persönlichen Streit. Herr Josserand hörte ihnen noch immer stillschweigend zu. Es war nicht möglich, – sagte er sich – daß seine Tochter ihm solchen Kummer verursacht habe; dann erhob er sich mühsam und schlich, ohne ein Wort zu sagen, zur Tür hinaus, um Berta zu holen. Ist sie nur einmal da, dachte er, so wird sie sich schon ihrem August in die Arme werfen; man wird sich verständigen und schließlich alles vergessen. Er fand sie im Streite mit Hortense, die sie überredete, sich mit ihrem Gemahl zu versöhnen, da sie ihre Schwester schon satt hatte und befürchtete, mit ihr längere Zeit ihr Gemach teilen zu müssen. Die junge Frau widersetzte sich anfangs, doch gab sie schließlich nach und folgte ihrem Vater. Als sie in den Speisesaal traten, wo die Kaffeeschalen noch herumstanden, rief Frau Josserand eben:

Bei meiner Ehre, Sie tun mir nicht leid!

Ihre Tochter erblickend, hielt sie jedoch inne und fiel sogleich in ihre majestätische Strenge zurück. August machte bei dem Anblicke seiner Frau eine abwehrende Handbewegung, als wolle er ihr den Weg zu sich verbieten.

So laßt uns doch nur schauen, sprach Herr Josserand mit sanfter und zitternder Stimme, was habt ihr denn vor miteinander? Ich weiß schon gar nichts mehr, ihr macht mich toll mit euren Geschichten... Nicht wahr, mein Kind, dein Gemahl irrt sich, du wirst ihm alles erklären... Man muß doch etwas Mitleid haben mit seinen alten Eltern. So tut es mir zum Gefallen und umarmt euch.

Berta, die August gleichwohl geküßt hätte, stand linkisch, eingehüllt in ihren Frisiermantel da, als sie ihn mit der Miene tragischer Entsagung zurückweichen sah.

Wie! du willst nicht, meine Liebe? fuhr der Vater fort. Den ersten Schritt hast du zu tun... Und Sie, mein lieber Junge, ermutigen Sie sie, seien Sie nachsichtig.

Der Gemahl brach endlich in die Worte aus:

Sie ermutigen, ach wohl! ... Ich fand sie im Hemde, Herr! Und mit solch einem Menschen! Sie wollen meiner wohl spotten, indem Sie wünschen, daß ich sie umarme!... Im Hemde, Herr!

Herr Josserand blieb betroffen stehen. Dann ergriff er Bertas Arm.

Du sprichst nichts, also ist es wahr?... Auf die Knie denn!

Aber August hatte unterdessen die Türe erreicht. Er flüchtete.

Alles umsonst! Euer Komödienspiel, es packt nicht mehr... Versuchen Sie's gar nicht mehr, sie mir wieder aufzudringen. Ich habe genug. Nimmermehr, hören Sie, nimmermehr! Da will ich lieber auf Ehescheidung klagen. Schieben Sie sie einem andern zu, wenn sie Ihnen Verlegenheiten bereitet. Übrigens sind Sie selber nicht besser als Ihre Tochter.

Auf der Schwelle des Vorzimmers machte er seiner Gemütsbewegung in dem letzten Rufe Luft:

Jawohl, wenn man aus seiner Tochter eine Hure gemacht hat, wolle man sich nicht einen anständigen Menschen auf den Hals laden!

Die Türe des Treppenhauses fiel zu; tiefe Stille herrschte. Berta hatte sich wieder vor den Tisch hingestellt und betrachtete mechanisch einen Kaffeerest auf dem Boden ihrer Schale, während ihre Mutter mit großen Schritten das Zimmer durchmaß, gleichsam fortgerissen durch die stürmische Erregtheit ihres Gemütes. Der Vater hatte sich ganz erschöpft und totenbleich in das andere Ende des Zimmers zurückgezogen und sich dort auf einen an der Wand stehenden Sessel gesetzt. Ein Mißduft von ranziger und schlechter Butter füllte das Gemach.

Da dieser Grobian fort ist, sprach Frau Josserand, können wir uns verständigen ... Da hast du die Ergebnisse deiner Unfähigkeit, Mann. Siehst du jetzt dein Unrecht ein? Glaubst du, man werde einen ähnlichen Zank wagen mit einem der Brüder Bernheim, mit einem Eigentümer der Glasfabrik Sankt Joseph? Nicht wahr, nein? Hättest du auf meine Worte gehört und deine Chefs in die Tasche gesteckt, so würde dieser Grobian uns heute zu Füßen liegen, denn er will ja augenscheinlich nichts als Geld. Suche Geld zu besitzen, dann wirst du auch geachtet. Es ist besser, Neid als Mitleid zu erwecken. Wenn ich zwanzig Sous hatte, sagte ich immer, ich hätte vierzig... Aber du, du kümmertest dich nicht darum, ob ich auch barfuß gehe; du hast deine Frau Und deine Töchter schmählich betrogen, indem du uns in ein Leben hineinzogst, wo wir mit dem Hunger zu kämpfen hatten. Widersprich nicht, all unser Unglück stammt daher!

Herr Josserand saß mit erlöschendem Blicke regungslos da. Sie aber blieb vor ihm stehen; sie fühlte das Bedürfnis, eine Szene hervorzurufen; da sie ihn jedoch unbeweglich sah, fuhr sie in ihrem Gange durch das Zimmer fort.

Ja, ja, spiele nur den Geringschätzigen. Du weißt ja, daß mich das gar nicht anficht. Aber wir wollen sehen, ob du noch den Mut hast, schlecht von meiner Familie zu sprechen nach alledem, was sich in der deinigen ereignet. Da ist ja Onkel Bachelard ein Adler und meine Schwester eine feine Dame! Willst du überhaupt meine Meinung wissen? Gut denn: so höre, daß mein Vater noch nicht tot wäre, wenn du ihn nicht aus dem Leben geschafft hättest. Und was gar deinen Vater betrifft, diesen Vater von...

Herr Josserand wurde noch blässer im Gesicht; er stöhnte:

Ich bitte dich, Eleonora, ich überlasse dir meinen Vater, ich überlasse dir meine ganze Familie. Aber ich flehe dich an, mich laß ungeschoren. Ich fühle mich nicht wohl.

Berta, von Mitleid ergriffen, erhob das Haupt.

Laß ihn doch, Mama! sagte sie.

Zu ihrer Tochter gewandt fuhr Frau Josserand mit gesteigerter Heftigkeit fort: Jetzt kommst du dran; warte nur, seit gestern häuft sich der Ingrimm in mir an. Ich will dir sagen, es muß heraus, es muß zum Ausbruch kommen!... Ist es möglich mit einem solchen Ladenschwengel! Hast du denn allen Stolz verloren? Ich glaubte, du werdest ihn ausnützen, ihm nicht mehr Liebenswürdigkeiten erweisen, als notwendig sind, um aus ihm gehörigen Nutzen zu ziehen; dazu half ich dir und ermutigte dich. So sage mir doch, welches Interesse hat dich so weit zu treiben vermocht?

Gar keines, stammelte die junge Frau.

Warum hast du ihn genommen? Es war noch mehr dumm als abscheulich!

Du bist komisch, Mama; wer kann wissen, wie weit solche Geschichten führen?

So, wer das wissen kann? Das fehlte noch! Man muß es wissen, hörst du? Da muß ich doch bitten! Sich schlecht aufführen? Darin steckt ja kein Schatten von gesundem Sinn, und das eben macht mich zornig. Sagte ich dir je, du sollest deinen Mann betrügen? Habe ich je deinen Vater betrogen, was? Da ist er ja, du kannst ihn fragen. Er möge dir sagen, ob er mich je mit einem Manne überraschte?

Ihre Schritte wurden immer langsamer, der Gang immer majestätischer; von Zeit zu Zeit fuhr sie mit einer energischen Handbewegung nach ihrem überquellenden Busen, um ihn in seine Schranken zurückzuweisen.

Nichts kann er gegen mich anführen, nicht einen Fehltritt, nicht eine Pflichtvergessenheit, ja selbst in Gedanken nicht. Mein Leben war die Keuschheit selbst... Gott weiß, dein Vater hat es mir schwer gemacht, die Existenz zu ertragen. Ich hätte alle Entschuldigungen auf meiner Seite gehabt! Viele Frauen hätten sich entschädigt. Allein ich war stets vernünftig, und das hat mich gerettet. Du siehst, er hat kein Wort zu erwidern. Dort sitzt er auf dem Sessel, ohne ein Wort gegen mich zu finden. Jawohl, ich habe alle Rechte, denn ich bin anständig geblieben... Du Gans ahnst nicht, welche Dummheit du begangen!

Fortfahrend hielt sie dann einen gelehrten Vortrag über die sittlichen und praktischen Folgen des Ehebruches. War August nicht berechtigt, sie als Gebieter zu behandeln? Ja, so geht es, wenn man dem Gatten eine so schreckliche Waffe in die Hände gibt. Selbst wenn sie sich wieder aussöhnen würden, könnte sie nie wieder auch nur den geringfügigsten Streit hervorrufen, ohne von ihm gleich still gemacht zu werden. Eine hübsche Stellung in der Ehe! Wie sie sich fürderhin in Demut werde beugen müssen vor ihrem Gemahl! Nun sei es vorbei, und sie könne für immer Abschied nehmen von den Vorteilen eines gehorsamen Gatten, von seinen Gefälligkeiten und rücksichtsvoller Behandlung. Nein, da bleibe man lieber anständig, als daß man das Recht aufgebe, im eigenen Heim schreien zu dürfen.

Ich schwöre bei Gott, rief sie, ich würde widerstanden haben, und hätte mich der Kaiser selbst bestürmt!... Man verliert dabei zu viel.

Dann tat sie stillschweigend einige Schritte, schien nachzudenken und fügte schließlich hinzu:

Auch ist es die größte Schande, die einem widerfahren kann.

Herr Josserand betrachtete bald sie, bald seine Tochter; lautlos bewegten sich seine Lippen, und sein ganzes gemartertes Wesen beschwor sie, diese grausamen Auseinandersetzungen zu beenden.

Allein Berta, die sonst durch jede Heftigkeit eingeschüchtert ward, fühlte sich durch die Belehrung ihrer Mutter verletzt und leimte sich dagegen auf; denn bei der Erziehung, die sie erhalten, fehlte ihr das Bewußtsein der Schuld.

Mein Gott! rief sie, die Ellbogen keck auf den Tisch stützend, du hättest mich keinem Manne zur Frau geben sollen, den ich nicht liebe. Heute hasse ich ihn und habe daher einen andern genommen.

In diesem Tone fuhr sie fort; in ihren kurzen, abgebrochenen Sätzen kehrte die ganze Geschichte ihrer Heirat wieder: Die drei Winter, die sie auf der Jagd nach einem Mann verbracht hätten; die jungen Leute in allen Farben, denen man sie in die Arme geworfen; die Mißerfolge bei diesem Anbieten ihres Körpers; dann dieser ganze Lehrgang von schüchterner und erlaubter Hingabe, den die vermögenslosen Mütter ihren Töchtern erteilen; die Berührungen beim Tanze, die hinter einer Tür dem jungen Mann überlassene Hand, die Schamlosigkeit der Unschuld, die auf die Lüsternheit der blöden Schlingel berechnet ist; und endlich wie der Mann, ist er einmal gekapert, hinter einen Vorhang gelockt, dort bearbeitet wird, bis er im Fieber seines Verlangens in das Netz gerät.

Mit einem Wort: Er langweilt mich, und ich langweile ihn, erklärte sie. Es ist nicht meine Schuld, wir verstehen einander nicht. Schon am Tag nach der Hochzeit gebärdete er sich, als ob er glaubte, daß wir ihn »eingetunkt« hätten; er war kühl, verdrossen, wie wenn ihm ein Geschäft mißlingt... Ich fand es nicht lustig, die Ehe bot mir wenig Annehmlichkeiten. Wie es gekommen, so mußte es kommen; nicht ich bin die am meisten Schuldige.

Sie schwieg eine Weile, dann fügte sie im Tone tiefer Überzeugung hinzu:

Mama, wie sehr begreife ich dich heute!... Du erinnerst dich wohl, wie oft du uns sagtest, daß du es satt habest bis über den Kopf.

Frau Josserand, die vor ihr stand, hörte sie seit einer Weile verblüfft und entrüstet an.

Ich hätte das gesagt! schrie sie.

Doch Berta, die einmal im Zuge war, gab nicht nach.

Du hast es zwanzigmal gesagt... Übrigens hätte ich dich an meiner Stelle sehen mögen. August ist keineswegs gütig wie Papa. Ihr beide hättet euch wegen des Geldes in acht Tagen geprügelt... Dem hättest du bald an den Kopf geworfen, daß die Männer nur da seien, um »eingetunkt« zu werden!

Ich hätte dergleichen gesagt! wiederholte die Mutter außer sich.

Sie kam in so drohender Haltung auf ihre Tochter zu, daß der Vater flehend die Hände ausstreckte. Jedes Wort der beiden Frauen traf ihn ins Herz, und bei jedem Schlag fühlte er die Wunde sich erweitern. Mit Tränen in den Augen stammelte er:

Hört auf! Schont mich!

Das ist unerhört, rief Frau Josserand. Jetzt will diese Unglückliche ihre schlimmen Streiche gar mir in die Schuhe schieben! Sie wird auch bald sagen, daß ich ihren Gatten betrogen habe! Also ich bin die Schuldige, wie? Ich bin die Schuldige!

Berta, die noch immer die Ellbogen auf den Tisch gestützt hatte, erwiderte bleich, aber entschlossen:

Gewiß; wenn du mich anders erzogen hättest ...

Sie konnte den Satz nicht vollenden. Die Mutter versetzte ihr mit voller Kraft eine Maulschelle, aber eine so ausgiebige Maulschelle, daß sie im Augenblick an die Wachsleinwand des Tisches wie angenagelt war. Schon seit gestern hatte die Mutter die Ohrfeige in der Hand, sie prickelte ihr in den Fingern wie ehemals, wenn die Kleine im Schlafe das Bett näßte.

Da hast du es! schrie sie. Das ist zu deiner Erziehung ... Dein Mann hätte dich erschlagen sollen.

Die junge Frau schluchzte, ohne sich von der Stelle zu rühren, die Wange an den Arm gelehnt. Sie vergaß ihre 24 Jahre; diese Ohrfeige erinnerte sie an die Ohrfeigen von ehemals, an eine ganze Vergangenheit furchtsamer Heuchelei. Die Entschlossenheit einer sich frei fühlenden, erwachsenen Person ging in dem tiefen Schmerze eines kleinen Mädchens unter.

Als er sie so heftig weinen hörte, bemächtigte sich des Vaters eine entsetzliche Aufregung; außer sich erhob er sieh, schob die Mutter beiseite und rief:

Wollt ihr beide mich töten?... Sagt? Muß ich mich auf die Knie werfen?

Frau Josserand, die nichts hinzuzufügen hatte, entfernte sich erleichtert inmitten eines feierlichen Schweigens. Da stieß sie hinter der plötzlich geöffneten Tür auf Hortense, die mit gespitzten Ohren dastand. Das gab einen neuen Lärm.

Du hast diese schmutzigen Dinge belauscht? Die eine verübt Scheußlichkeiten, und die andere ergötzt sieh daran! Ihr seid ein sauberes Paar! Großer Gott! Wer hat euch denn erzogen?

Hortense trat ein, ohne sich viel an diese Reden zu kehren.

Ich brauchte nicht zu lauschen; man hört euch ja bis in die Küche. Die Magd fährt schier aus der Haut vor Lachen. Ich bin übrigens in heiratsfähigem Alter und darf schon wissen...

Verdier, nicht wahr? sagte die Mutter mit Bitterkeit. Das ist der Lohn, den du mir in Aussicht stellst... Jetzt wartest du auf den Tod eines Fratzen. Du kannst warten; er ist groß und stark, wie man mir sagt. Er ist gut gemacht.

Eine Flut von Galle färbte das magere Gesicht des Mädchens gelb. Sie erwiderte zähneknirschend:

Wenn er groß und stark ist, kann Verdier ihn laufen lassen; und er wird ihn laufen lassen früher, als man glaubt; das werde ich euch allen zeigen... Ja, ja; ich werde mich schon verheiraten, ganz allein. Deine Partien sind gar zu wackelig!

Ihre Mutter kam drohend auf sie zu. Sie aber bemerkte ruhig:

Mich ohrfeigt man nicht; das wirst du wohl wissen. Nimm dich in acht!

Sie sahen einander fest an, und Frau Josserand trat mit einer Miene geringschätziger Hoheit zuerst den Rückzug an. Doch der Vater glaubte, daß die Schlacht wieder angehen solle. Als er die drei Frauen sah, die Mutter und die Töchter, alles, was er jemals geliebt hatte, wie sie im Begriffe waren, einander aufzufressen, glaubte er, daß die ganze Welt einstürze. Er flüchtete in den Hintergrund des Zimmers, wie zu Tode getroffen und den Tod herbeisehnend. Unter schwerem Schluchzen sagte er ein und das andere Mal:

Ich trage es nicht länger... Ich trage es nicht länger...

Das Speisezimmer verfiel wieder in die frühere Stille. Berta, die Wange auf dem Arm gestützt, noch immer von nervösen Seufzern geschüttelt, beruhigte sich allmählich. Hortense saß ruhig auf der andern Seite des Tisches und strich einen Rest der Butter auf eine Brotschnitte, um sich zu stärken. Dann brachte sie ihre Schwester durch allerlei traurige Betrachtungen vollends zur Verzweiflung. Es sei nicht mehr auszuhalten in diesem Hause; an ihrer Stelle werde sie lieber von ihrem Manne Ohrfeigen annehmen als von ihrer Mutter, denn ersteres sei natürlicher; sie werde, wenn sie einmal Frau Verdier heiße, ihrer Mutter einfach die Tür weisen, um nicht in ihrem Hausstande ähnliche Szenen zu haben. In diesem Augenblick kam Adele, um die Tafel abzuräumen. Allein Hortense ließ sich nicht stören; sie sagte, man werde das Haus verlassen müssen, wenn dergleichen wieder vorkommen sollte. Die Magd war ihrer Meinung. Sie habe das Küchenfenster schließen müssen, sagte sie, denn Lisa und Julie hätten schon die Ohren gespitzt. Übrigens sei die Geschichte recht drollig, sie müsse noch immer darüber lachen; Frau Berta scheine »eine ausgiebige gefaßt zu haben«. Dann wieder sprach sie ein Wort voll tiefer Philosophie: Alles in allem kümmere sich das Haus blutwenig um die ganze Geschichte; man müsse ja leben; in acht Tagen werde man die Gnädige und die beiden Herren völlig vergessen haben.

Ein dumpfes Geräusch und ein Zittern des Fußbodens erregte in diesem Augenblicke die Aufmerksamkeit der Frauen.

Berta erhob unruhig den Kopf.

Was ist das? fragte sie.

Vielleicht gnädige Frau und die andere Dame, die im Salon wartet, sagte Adele.

Frau Josserand hatte einen Luftsprung vor Überraschung gemacht, als sie den Salon durchschreitend eine einsame Dame daselbst bemerkte.

Wie, Sie sind es noch immer? schrie sie, als sie Frau Dambreville erkannte, die sie völlig vergessen hatte.

Diese rührte sich nicht. Die Streitigkeiten der Familie, das Geräusch der Stimmen, das Zuschlagen der Türen – all das schien spurlos über sie hinweggegangen zu sein. Unbeweglich in die Luft starrend, hatte sie in ihre Liebesraserei versunken dagesessen. Doch vollzog sich in ihr eine Gedankenarbeit; sie beschäftigte sich sehr eingehend mit den Ratschlägen der Mutter und entschloß sich endlich, einige Reste ihres Glückes teuer zu erkaufen.

Sie können doch hier nicht übernachten! schrie Frau Josserand grob. Mein Sohn hat mir geschrieben, wir sollten ihn heute nicht mehr erwarten.

Ich gehe schon, entschuldigen Sie, stammelte Frau Dambreville, wie aus einem Traume erwachend. Sagen Sie ihm, daß ich die Sache überlegt habe, und daß ich einwillige... Ja, ich werde mir sie noch weiter überlegen und ihm vielleicht dieses Mädchen zur Frau geben, wenn es sein muß... Aber ich gebe sie ihm und will, daß er sie von mir verlange, von mir allein, hören Sie?... Er möge kommen, er möge nur kommen!

So sprach sie mit flehender Stimme. Dann fügte sie leiser hinzu mit der eigensinnigen Miene einer Frau, die, nachdem sie alles geopfert, sich an eine letzte Genugtuung klammert:

Er soll sie heiraten, aber bei uns wohnen... Anders nicht. Lieber will ich ihn ganz verlieren.

Sie ging. Frau Josserand war wieder liebenswürdig geworden. Im Vorzimmer fand sie noch allerlei Trostworte für sie und versprach ihr, daß sie ihren Sohn noch am nämlichen Abend unterwürfig und zärtlich zu ihr senden werde; sie versicherte, daß er sich glücklich schätzen werde, bei seiner Schwiegermama zu wohnen.

Als sie die Türe hinter ihr schloß, murmelte sie:

Armer Junge! Wie teuer wird sie ihm das verkaufen!

In diesem Augenblicke hörte auch sie den dumpfen Fall, der den Fußboden erzittern ließ. Was ist denn? Zerschlägt etwa die Magd das ganze Küchengeschirr? Sie stürzte in das Speisezimmer und fragte die Kinder:

Was gibt's denn? Ist etwa die Zuckerdose zu Boden gefallen?

Nein, Mama. Wir wissen nicht.

Sie wandte sich um und suchte Adele; da bemerkte sie diese an der Türe des Schlafzimmers lauschen.

Was machen Sie da? schrie sie. In Ihrer Küche wird alles in Scherben geschlagen, und Sie stehen hier, um den Herrn zu belauschen! Ja, ja! Mit Pflaumen fängt man an, und mit anderen Dingen hört man auf. Seit einiger Zeit haben Sie ein Betragen, das mir mißfällt: Sie riechen nach dem Mann.

Die Magd sah sie mit großen Augen an und unterbrach sie:

Davon ist jetzt nicht die Rede. Ich glaube, der Herr ist da drinnen auf den Boden gefallen.

Mein Gott! sie hat recht, rief Berta erbleichend; es war in der Tat wie der Fall eines Körpers.

Sie drangen in das Zimmer ein. Herr Josserand lag ohnmächtig vor dem Bett am Boden; im Falle hatte er mit dem Kopfe auf einen Sessel aufgeschlagen, ein dünner Blutstreif ergoß sich aus dem rechten Ohre. Die Mutter, die beiden Töchter und die Magd umringten und betrachteten ihn. Nur Berta weinte, von dem Schluchzen wiedererfaßt, das infolge der Ohrfeige sie geschüttelt hatte. Als die vier Frauen ihn anfaßten, um ihn zu Bett zu bringen, hörten sie ihn flüstern:

Es ist aus... Ihr habt mich getötet.

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