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Der häusliche Herd

Emile Zola: Der häusliche Herd - Kapitel 16
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typefiction
authorEmile Zola
titleDer häusliche Herd
publisherBenjamin Harz Verlag
seriesDie Rougon-Macquart
volumeBand X
year1924
translatorArmin Schwarz
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Fünfzehntes Kapitel

Höchst würdevoll spießbürgerlich war das Erwachen des Hauses am folgenden Morgen. Es war keine Spur des nächtlichen Skandals weder auf der Treppe zurückgeblieben noch an den Wänden von falschem Marmor, die das Bild der im Hemde durch die Stockwerke jagenden Frau widergespiegelt hatten. Herr Gourd war gegen sieben Uhr hinaufgegangen, um ein wenig Umschau zu halten, wie das seine Gewohnheit war; wohl witterte er, daß etwas in der Luft liege, doch – was ihn nichts anging, das ging ihn nichts an; und als er, wieder hinabsteigend, im Hofe zwei Mägde sah, Lisa und Julie, die sicherlich von dem Geschehenen sprachen, das sie sehr zu erheitern schien, sah er sie mit einem so strengen Blicke an, daß sie sich sofort trennten.

Hernach ging er auf die Straße hinaus, um zu sehen, ob diese ruhig sei. Die Straße war ruhig, indes schienen die Mägde doch geplaudert zu haben, denn verschiedene Nachbarinnen blieben stehen, die Krämer der Umgebung traten auf die Schwelle ihrer Läden; man schaute mit spähenden Blicken zu den Stockwerken hinauf mit den bestürzten Mienen, mit denen man ein Haus betrachtet, wo ein Verbrechen sich ereignet hat. Im übrigen gingen die Leute an der prächtigen Vorderseite des Hauses schweigend und höflich vorüber.

Um halb acht Uhr erschien Frau Juzeur im Schlafrock, um Luise zu überwachen, wie sie sagte. Ihre Augen leuchteten, ihre Hände waren fieberheiß. Sie hielt Marie auf, die ihre Milch holte und wollte sie zum Plaudern bringen; doch konnte sie von ihr nichts erfahren, nicht einmal soviel, wie die schuldige Tochter von ihrer Mutter aufgenommen worden sei. Dann ging sie zu den Hausmeistersleuten hinab und wartete daselbst eine Weile unter dem Vorwande, den Postboten abwarten zu wollen. Endlich fragte sie, weshalb Herr Octave noch nicht herabgekommen, und ob er vielleicht krank sei? Der Hausmeister erwiderte, daß er es nicht wisse, daß übrigens Herr Octave niemals vor acht Uhr zehn Minuten herabkomme. In diesem Augenblicke ging die andere Frau Campardon bleich und streng an der Loge vorüber. Alle grüßten sie. Endlich mußte Frau Juzeur doch hinaufgehen, und da war sie so glücklich, Herrn Campardon auf der Stiege zu treffen, der eben seine Handschuhe anzog, um auszugehen. Zuerst blickten sie einander sehr betrübt an; als Campardon die Achseln zuckte, flüsterte sie mitleidsvoll:

Die armen Leute!

Nein, nein! Es geschieht ihnen ganz recht! sagte der Architekt grausam. Es muß ein Exempel statuiert werden ... Ein Bursche, den ich in ein ehrbares Haus einführe und bitte, daß er kein Weib heimbringe, und der, um mich zum besten zu halten, mit der Schwägerin des Hauseigentümers schläft! ... Ich stehe ja wie ein Gimpel da in dieser Sache!

Das war alles. Frau Juzeur ging in ihre Wohnung. Campardon stieg die Treppe hinab so wütend, daß er einen seiner Handschuhe zerriß.

Um acht Uhr ging mit verstörter Miene, von einer abscheulichen Migräne geplagt, August über den Hof, um sich in den Laden zu begeben. Von Scham erfüllt, aus Furcht, jemandem zu begegnen, war er über die Dienstbotentreppe hinabgegangen. Seine Geschäfte durfte er schließlich doch nicht im Stiche lassen. Zwischen den Pulten vor der Kasse, wo sonst Berta saß, harrte seiner eine neue Aufregung. Der Ladenbursche öffnete eben die Fensterflügel und empfing verschiedene Aufträge für den Tag von seinem Herrn, als das plötzliche Erscheinen Saturnins, der aus dem Kellermagazin kam, ihn in Schrecken versetzte. Flammen schossen aus den Augen des Verrückten; seine weißen Wolfszähne waren zusammengepreßt. Mit geballten Fäusten ging er auf den Gatten los.

Wo ist sie? ... Wenn du sie berührst, schlachte ich dich ab wie ein Schwein.

August wich entsetzt zurück.

Jetzt kommt gar der! stammelte er.

Schweig! oder ich steche dich nieder! wiederholte Saturnin zum Sprung breit.

Da zog August es vor, ihm den Platz zu räumen. Er hatte die größte Angst vor dem Verrückten; mit diesen Leuten könne man nicht vernünftig reden. Doch als er unter die Torwölbung hinaustrat und dem Ladenburschen zurief, er möge den Verrückten im Kellermagazin einsperren, stand er Valerie und Theophil gegenüber. Letzterer war sehr verschnupft, in ein großes, rotes Tuch eingewickelt, und hustete und fröstelte. Beide schienen zu wissen, denn sie blieben mit mitleidsvollen Mienen vor August stehen. Seit dem Erbschaftsstreite hatten die beiden Ehepaare, tödlich entzweit, miteinander nicht mehr gesprochen.

Du hast noch einen Bruder, sagte Theophil, als er zu husten aufgehört; erinnere dich dessen, wenn du im Unglück bist.

Ja, fügte Valerie hinzu; ich sollte mich jetzt gerächt fühlen, denn sie hat mir saubere Dinge gesagt; aber wir beklagen Sie dennoch, denn wir haben ein Herz im Leibe.

August, sehr gerührt durch diese Freundlichkeit, führte sie in den Hintergrund des Ladens, wobei er unruhigen Auges den umherschleichenden Saturnin beobachtete. Hier kam dann eine vollständige Aussöhnung zustande. Bertas Name ward nicht genannt, doch gab Valerie zu verstehen, daß die ganze Zwietracht von dieser Frau herstamme; denn es habe nie den geringsten Wortwechsel in der Familie gegeben, bevor sie in dieselbe eintrat, um sie zu entehren. August hörte mit gesenkten Blicken diese Reden an und nickte zustimmend. In dem Mitleide Theophils aber lag eine gewisse Schadenfreude; er war erfreut, nicht mehr allein zu sein, und schaute seinen Bruder an, um zu sehen, was für ein Gesicht er mache.

Wozu hast du dich entschlossen? fragte er ihn.

Mich zu schlagen, erwiderte der Gatte in festem Tone.

Das verdarb dem Theophil die Freude. Angesichts des Mutes, den August an den Tag legte, wurden er und seine Frau wieder kälter. Er erzählte ihnen die abscheuliche Nachtszene; wie er, nachdem er aus Sparsamkeit den Fehler begangen, keine Pistole zu kaufen, sich damit begnügen mußte, den andern zu ohrfeigen; wohl habe ihm der Herr die Ohrfeige zurückgegeben; das hindere aber nicht, daß auch er eine erhalten habe, und zwar eine ausgiebige. So ein Elender, der ihn sechs Monate lang zum besten gehalten, indem er ihm scheinbar gegen seine Frau recht gab und der dieses Spiel so weit getrieben, daß er ihm sogar Berichte über seine Frau brachte, wenn diese irgendwie aus der Ordnung heraustrat. Möge die Kreatur nur bei ihren Eltern bleiben, da sie sich dorthin geflüchtet habe; er werde sie niemals zurücknehmen.

Werdet ihr glauben, daß ich ihr im verflossenen Monat 300 Franken für ihre Toilette gegeben habe! rief er. Ich, der ich so gut und nachsichtig war, entschlossen, alles eher hinzunehmen, als mich krank zu machen. Aber das kann man sich nicht bieten lassen! Nein, nein; das nicht! ...

Theophil dachte an den Tod. Ein Fieberschauer schüttelte ihn und, schier erstickend, flüsterte er:

Es ist doch dumm; du wirst dich aufspießen lassen. Ich würde mich nicht schlagen.

Da Valerie ihn anblickte, fügte er verlegen hinzu:

Wenn das mir passierte.

Die Unglückliche! meinte Valerie, wenn man bedenkt, daß zwei Männer sich anschicken, sieh ihretwegen die Hälse zu brechen. Ich an ihrer Stelle könnte nicht mehr ruhig schlafen.

August blieb unerschütterlich. Er werde sich schlagen, erklärte er. Übrigens hatte er seine Pläne bereits gemacht. Da er unter allen Umständen Duverdy zum Zeugen haben wollte, schickte er sich an, zu ihm hinaufzugehen, um ihn zu unterrichten und sogleich zu Octave zu schicken. Theophil – sagte er sich – solle der zweite Zeuge sein, wenn er einverstanden sei. Dieser mußte einwilligen; aber sein Schnupfen schien sich plötzlich zu verschlimmern; sein Gesichtsausdruck wurde weinerlich wie der eines kranken Kindes, das bedauert werden will. Ungeachtet dessen schlug er seinem Bruder vor, ihn zu Duverdy zu begleiten; seien jene Leute auch Diebe, so müsse man unter gewissen Umständen auch das vergessen; auch war der Wunsch nach einer allgemeinen Versöhnung in ihm sowohl wie in seiner Frau wach geworden; sie waren eben zur Einsicht gelangt, daß es in ihrem Interesse sei, nicht weiter zu schmollen. Valerie bot schließlich August an, sich an die Kasse zu setzen, um ihm Zeit zu lassen, eine passende Kassiererin zu finden.

Indes, fügte sie hinzu, muß ich Camille gegen zwei Uhr in den Tuileriengarten führen.

Ach, einmal ist keinmal! sagte ihr Mann. Es regnet ja ohnehin.

Nein, nein, das Kind muß an die frische Luft. Darum muß ich ausgehen.

Schließlich gingen die beiden Brüder zu Duverdy hinauf. Aber schon bei dem ersten Schritt packte Theophil ein schrecklicher Hustenanfall. Er hielt sich an dem Treppengeländer fest, und als er wieder sprechen konnte, die Kehle noch immer von Hustenreiz geplagt, sagte er mühselig:

Weißt du: ich bin sehr glücklich jetzt, bin ihrer ganz sicher. Sie hat sich nichts mehr vorzuwerfen und mir auch Beweise geliefert.

Ohne diese Reden zu verstehen, blickte ihn August an; er war so gelb, so totenfahl mit seinen dünnen Barthaaren, die in seinem weichen Fleische trockneten. Dieser Blick begann schließlich Theophil lästig zu werden, den die Tapferkeit seines Bruders ohnehin verlegen machte.

Ich spreche von meiner Frau – begann er wieder ... Ach, mein armer Alter, ich beklage dich von ganzem Herzen. Du erinnerst dich doch meiner Dummheit an deinem Hochzeitstage. Bei dir freilich, da ist's etwas anderes, du hast sie gesehen ...

Bah! sprach August, um den Tapfern zu spielen. Ich will ihm eine Pfote zerschlagen. Bei meiner Ehre, ich würde mich um alles übrige nicht scheren, wenn ich nur nicht Kopfschmerzen hätte.

In dem Augenblick, als sie bei Duverdy an der Glocke ziehen wollten, fiel es Theophil plötzlich ein, daß der Rat vielleicht nicht zu Hause sei; denn seit dem Tage, da er Clarisse wiedergefunden, vernachlässige er sich vollständig und es komme vor, daß er öfter auswärts schlafe.

Hyppolite, der ihnen die Türe öffnete, vermied in der Tat, ihnen bezüglich seines Herrn zu antworten; er sagte bloß, die Herren würden gnädige Frau bei der Klavierübung finden. Sie traten ein. Clotilde saß an ihrem Flügel und ließ ihre Finger über die Tastenreihe des Klaviers mit einer regelmäßigen und ununterbrochenen Bewegung der Hände auf und nieder gleiten; da sie dieser Übung täglich zwei Stunden widmete, um die Leichtigkeit ihres Spiels zu erhalten, beschäftigte sie ihren Geist während dieser Übung anderwärts; so las sie jetzt die »Revue des Deux-Mondes«, die auf dem Pult vor ihr aufgeschlagen war, ohne daß die Bewegung ihrer Finger dadurch eine Verlangsamung erfuhr.

Schau, schau, ihr seid es! sprach sie, als sie durch ihre Brüder dem Platzregen von Noten entzogen wurde.

Sie zeigte sich nicht einmal über Theophils Anwesenheit überrascht. Übrigens blieb dieser sehr steif wie einer, der wegen eines anderen gekommen war. August hatte eine Geschichte fertig, da er sieh schämte, seine Schwester in sein Unglück einzuweihen, und befürchtete, sie mit seinem Duell zu erschrecken. Allein sie ließ ihm nicht Zeit zum Lügen, sondern frug ihn mit ganz ruhiger Miene:

Was gedenkst du jetzt zu tun?

Er fuhr errötend zusammen. Alle Welt wußte also schon davon? Er antwortete in dem mutigen Tone, der Theophil bereits verstummen gemacht:

Schlagen werde ich mich!

Ah! erwiderte sie überrascht.

Indes riet sie ihm nicht davon ab. Zwar werde dies den Skandal nur noch vergrößern, allein die Ehre habe gewisse Anforderungen. Sie begnügte sich damit, ihn zu erinnern, daß sie seiner Heirat gleich zu Beginn widerraten habe. Was durfte man besseres erwarten von einem jungen Mädchen, dem alle Pflichten eines Weibes unbekannt zu sein schienen?

Als August sie fragte, wo ihr Mann sei, gab sie ohne Zögern zur Antwort:

Er ist verreist.

Das machte ihn untröstlich, denn er wollte nichts unternehmen, ohne vorher Duverdy zu befragen... Sie hörte zu, ohne jedoch die neue Adresse Clarissens zu verraten, denn sie wollte nicht ihre Familie in ihre ehelichen Zwistigkeiten einweihen. Schließlich fand sie doch einen Ausweg. Sie riet ihm, zu Herrn Bachelard in die Enghien-Straße zu gehen; dieser werde ihm vielleicht Aufschluß geben können. Hierauf wandte sie sich wieder ihrem Flügel zu.

August bat mich, mit ihm zu kommen, glaubte Theophil, bis jetzt wortlos, erklären zu müssen. Darf ich dich umarmen, Clotilde? Wir alle sind im Unglück.

Sie reichte ihm ihre kalte Wange hin und sprach:

Mein lieber Junge, wer im Unglück ist, muß selbst hineingestiegen sein. Ich meinerseits verzeihe aller Welt... Gib acht auf dich, du scheinst sehr verschnupft.

Dann rief sie August zurück und bat diesen: Wenn die Sache sich nicht beilegen läßt, verständige mich, denn ich bin natürlich sehr beunruhigt.

Der Platzregen von Noten begann wieder herniederzuströmen; die Flut umwogte sie völlig, und während ihre Finger mechanisch über die Tasten hinglitten, fuhr sie fort, sehr ernst die »Revue des Deux-Mondes« zu lesen.

Unten erwog August einen Augenblick, ob er zu Bachelard gehen sollte? Sollte er diesem sagen: »Ihre Nichte hat mich betrogen?«

Er beschloß endlich, vom Onkel die Adresse Duverdys zu erfahren, ohne ihm die Geschichte mitzuteilen. Alles war geordnet. Valerie wollte das Magazin hüten, während Theophil bis zur Rückkehr seines Bruders das Haus bewachte. August ließ eine Droschke holen und wollte eben wegfahren, als Saturnin, der einen Augenblick verschwunden war, plötzlich aus dem Keller heraufrannte, mit einem großen Küchenmesser herumfuchtelte und rief:

Ich werde ihn abschlachten! Ich will ihn totmachen!

Neues Entsetzen. August warf sich erbleichend in die Droschke, schlug hastig die Türe des Wagens zu und sagte:

Er hat schon wieder ein Messer. Wo er nur die vielen Messer hernimmt? Ich bitte dich, Theophil, schicke ihn fort und sorge dafür, daß er nicht mehr da ist, wenn ich zurückkomme. Das fehlte mir noch. Als ob ich nicht genug hätte an dem Unglück, das mir zugestoßen.

Der Ladendiener hielt den Narren bei den Schultern fest. Valerie sagte dem Kutscher die Adresse. Doch dieser Kutscher, ein dicker, sehr schmutziger Mensch mit hochgerötetem Gesichte, noch betrunken von gestern, tat wie einer, der keine Eile hat; er machte sich den Sitz auf dem Kutscherbock zurecht und nahm die Zügel in die Hände.

Nach der Fahrt, Bürger? frug er mit heiserer Stimme.

Nein, nach einer Stunde und rasch dazu. Es gibt ein gutes Trinkgeld.

Die Droschke setzte sich in Bewegung. Es war ein alter Landauer, schwerfällig und schmierig, der in seinen rostigen Federn bedenklich wackelte. Das Pferd, ein großer, magerer Schimmel, ging im Schritt mit ungeheurem Kraftaufwande.

August schaute auf die Uhr; sie zeigte die neunte Stunde. Um elf Uhr, dachte er, kann das Duell festgelegt sein. Die Langsamkeit des Wagens ärgerte ihn anfangs. Später übermannte ihn eine matte Schläfrigkeit; er hatte die ganze Nacht hindurch kein Auge geschlossen, und dieses elende Fuhrwerk stimmte ihn gar so traurig.

Als er sich allein sah, eingewiegt in der Droschke, betäubt durch das klirrende Geräusch der Fensterscheiben, begann das Fieber, das ihn vor seiner Familie seit dem Morgen auf den Beinen erhielt, zu schwinden. Welch blödes Abenteuer! Sein Gesicht ward grau, er nahm den Kopf, der ihn sehr schmerzte, in die Hände.

In der Enghien-Straße harrten seiner neue Verdrießlichkeiten; die Tür Bachelards war mit Hunderten von Warenballen, Kisten und Rollwagen derart verrammelt, daß August fast zermalmt wurde. In dem mit Glas bedeckten Hofe sah er eine Gruppe von Arbeitern, die beschäftigt waren, die Kisten zu vernageln. Kein einziger konnte ihm über den Verbleib Bachelards Auskunft geben.

Die Hammerschläge der Arbeiter drohten ihm den Schädel zu zerschmettern. Er entschloß sich indessen zu warten; da erbarmte sich seiner ©in Lehrling, der seine leidende Gestalt sah, und flüsterte ihm ins Ohr: Bei Fräulein Fifi, Markusstraße, im dritten Stock, wird Vater Bachelard zu finden sein.

Wie sagen Sie? fragte der Kutscher, der mittlerweile eingeschlafen war.

Markusstraße! und etwas rascher, wenn möglich.

Die Droschke nahm ihren Begräbnistrab wieder auf. Auf dem Boulevard fuhr er einen Omnibus an; das lederne Wagendach krachte; die verrosteten Federn ließen ein klägliches Ächzen vernehmen; eine düstere Trübseligkeit bemächtigte sich immer mehr dieses Gatten auf der Suche nach einem Duellzeugen. Endlich kam er doch in der Markusstraße an.

Im dritten Stock öffnete ihm eine kleine, weiße, alte Frau. Sie schien sehr aufgeregt und ließ ihn sogleich eintreten, als er nach Bachelard fragte.

Ach, mein Herr, Sie sind sicherlich einer seiner Freunde, besänftigen Sie ihn doch. Er hat soeben einen argen Verdruß gehabt, der arme Mann. Sie kennen mich doch, mein Herr; er hat Ihnen sicherlich schon von mir erzählt: ich bin Fräulein Menü.

August, ganz verblüfft, befand sich in einem schmalen Zimmer, dessen Fenster auf den Hof ging; das Zimmer zeigte eine wahrhaft provinzmäßige Sauberkeit und Ruhe. Man fühlte daselbst die Arbeit, die Ordnung, die Reinlichkeit der glücklichen Existenz von kleinen Leuten. Vor einem Stickereirahmen, auf dem eine Priesterstola aufgespannt war, saß ein junges, blondes Mädchen mit keuschem Antlitz und weinte heiße Tränen, während der Onkel mit roter Nase, blutunterlaufenen Augen vor ihr stand und vor Wut und Verzweiflung schäumte. Er war dermaßen verstört, daß der Eintritt Augusts ihn nicht zu überraschen schien. Er nahm ihn sofort zum Zeugen, und die Szene ward fortgesetzt.

Hören Sie einmal, Herr Vabre! Sie sind ein rechtschaffener Mann, was würden Sie an meiner Stelle sagen? Ich komme heute morgen etwas früher als sonst. Ich trete in ihr Zimmer ein mit meinem Kaffeezucker und drei Viersousstücken, um ihr eine Überraschung zu bereiten; und ich finde sie mit diesem Halunken Gueulin im Bette! ... Also, aufrichtig, was sagen Sie dazu?

August kam in arge Verlegenheit und ward ganz rot. Zuerst glaubte er, daß sein Unglück dem Onkel bekannt sei, und daß dieser sich über ihn lustig mache. Doch ohne eine Antwort abzuwarten, fügte der Alte hinzu:

Hören Sie, mein Fräulein, Sie ahnen nicht, was Sie getan haben! Ich, der ich mich verjüngt habe, der ich so glücklich darüber war, einen stillen Winkel gefunden zu haben, wo ich wieder an das Glück zu glauben anfing! ... Ja, Sie waren ein Engel, eine Blume, etwas Frisches, das mich nach so vielen schmutzigen Weibern tröstete! ... Und jetzt finde ich Sie mit diesem Halunken Gueulin!

Ein aufrichtiger Schmerz schnürte ihm die Kehle zusammen; seine Stimme brach sich in einem Schluchzen, das zum Teil noch von dem gestrigen Rausch herrührte. Er beweinte sein verlornes Ideal ...

Ich wußte nicht, Onkel, stammelte Fifi, die angesichts dieses Jammers noch stärker weinte; ich wußte nicht, daß es Ihnen einen solchen Kummer verursachen werde.

Sie schien es in der Tat nicht zu wissen. Sie hatte noch immer ihr züchtiges Antlitz, ihre keuschen Augen, die Einfalt des kleinen Mädchens, das keinen Unterschied kennt zwischen Mann und Frau. Die Tante Menu schwor übrigens, daß sie im Grunde unschuldig sei.

Beruhigen Sie sich, Herr Narziß; sie liebt Sie dennoch ... Ich sah wohl voraus, daß es Ihnen nicht angenehm sein werde. Ich sagte ihr: »Wenn Herr Narziß es erfährt, wird er sehr zürnen.« Aber das hat ja noch nicht gelebt. Das weiß noch nicht, was Vergnügen macht und was nicht ... Weinen Sie nicht, da doch ihr Herz Ihnen gehört.

Da weder die Kleine, noch der Oheim sie hörten, wandte sie sich an August, um ihm zu sagen, wie sehr ein solches Vorkommnis sie wegen der Zukunft ihrer Nichte beunruhige. Es sei so schwer, ein junges Mädchen anständig unterzubringen. Sie, die 30 Jahre in der Stickerei der Brüder Mardienne in der Sulpiziusstraße gearbeitet habe, wo man auch Erkundigungen über sie einholen könne, wisse sehr wohl, welche Entbehrungen ein junges Mädchen sich auferlegen müsse, wenn es in Paris ehrbar durchkommen wolle. Wenngleich sie bei ihrem guten Herzen das Kind aus der Hand ihres eigenen Bruders, des Kapitän Menu, auf dessen Sterbebett übernommen, sei es ihr bei der spärlichen Leibrente von 1000 Franken, die ihr jetzt gestatte, die Nadel ruhen zu lassen, doch kaum gelungen, die Kleine zu erhalten. Sie habe denn auch gehofft, ruhig sterben zu können, als sie das Kind unter Narzissens Schutze sah. Jetzt sei es damit auch nichts, da Fifi durch solche Albernheiten ihren Oheim kränke.

Sie kennen vielleicht Villeneuve bei Lille? sagte sie zum Schlusse. Ich bin von dort. Es ist ein recht ansehnlicher Flecken ...

Doch August verlor die Geduld. Er ließ die Tante stehen und wandte sich an Bachelard, dessen Verzweiflung sich allmählich legte.

Ich bin gekommen, um die neue Adresse Duverdys von Ihnen zu erfahren. Sie müssen sie kennen.

Die Adresse Duverdys, die Adresse Duverdys ... stammelte der Onkel. Sie wollen sagen: die Adresse Clarissens. Warten Sie, sofort ...

Er erhob sich und sperrte das Zimmer Fifis auf. August sah zu seiner Überraschung Gueulin daraus hervorkommen, den der Alte daselbst eingeschlossen hatte. Er wollte ihm Zeit geben, sich anzukleiden, und ihn bei der Hand behalten, um sein Schicksal zu entscheiden. Der Anblick des jungen Mannes mit der verstörten Miene und den ungeordneten Haaren erregte seinen Zorn von neuem.

Wie, Elender, du, mein eigener Neffe, entehrst mich? Du befleckst deine Familie, du ziehst meine weißen Haare in den Schmutz! Gib acht, du wirst ein schlechtes Ende nehmen! Eines Tages werden wir dich vor Gericht sehen!

Mit gesenktem Haupte, verlegen und wütend zugleich, hörte Gueulin diese Strafpredigt an. Dann entgegnete er:

Sie gehen zu weit, Onkel: um etwas Mäßigung werde ich bitten! Die Sache ist auch mir höchst unangenehm!... Warum haben Sie mich zu dem Fräulein hergeführt? Ich habe es nicht verlangt. Sie haben mich hierhergezogen; Sie haben alle hergeschleppt.

Doch Bachelard, von neuem in Tränen gebadet, fuhr fort:

Du hast mir alles geraubt, denn ich hatte nichts weiter als sie! Du wirst die Schuld an meinem Tode tragen, und ich werde dir keinen Sou vermachen; nicht einen Sou!

Gueulin, außer sich vor Wut, platzte los.

Lassen Sie mich in Frieden! Ich habe genug! Was habe ich Ihnen immer gesagt? Die Verdrießlichkeiten des kommenden Tages benehmen mir alle Lust zu Liebschaften. Da sehen Sie, wie es mir ergangen ist jetzt, da ich eine Gelegenheit benutzen wollte!... Die Nacht war sehr angenehm, aber jetzt möchte ich am liebsten aus der Haut fahren!

Fifi hatte inzwischen ihre Tränen getrocknet. Da sie nicht lange müßig sitzen konnte, hatte sie ihre Stickerei wieder zur Hand genommen und arbeitete fleißig, wobei sie von Zeit zu Zeit mit ihren großen, klaren Augen die beiden Männer anblickte, deren Zorn sie nicht zu begreifen schien.

Ich habe es sehr eilig, wagte August von neuem zu bemerken. Vielleicht sagen Sie mir diese Adresse: Straße und Hausnummer, nichts weiter.

Die Adresse? sagte der Oheim. Warten Sie, sogleich!

Fortgerissen von der überströmenden Rührung, ergriff er die beiden Hände Gueulins.

Undankbarer, ich hatte sie für dich bestimmt, auf Ehrenwort! Ich sagte mir, wenn er sich brav aufführt, will ich ihm sie geben. Und anständig: mit 50 000 Franken Heiratsgut! Und du Saukerl wartest nicht; nimmst dir sie im voraus!...

Ach, schonen Sie meiner, flehte Gueulin, gerührt durch die Güte des Alten.

Doch Bachelard führte ihn zu dem jungen Mädchen hin und fragte:

Schau ihn an, Fifi; würdest du ihn geliebt haben?

Wenn es Ihnen Vergnügen machen würde, Onkel, erwiderte sie.

Diese gute Antwort brachte sein Herz vollends zum Überströmen. Er wischte sich die Augen, schneuzte sich und schnappte nach Luft. Gut, wir wollen sehen; ich habe ja immer nur ihr Bestes gewollt. Dann entließ er Gueulin in einem plötzlichen Entschluß.

Geh'! Ich will mir die Sache überlegen.

Inzwischen hatte die Tante Menu August wieder bei Seite gerufen, um ihm ihre Meinung auseinanderzusetzen. Ein Arbeiter würde sie geschlagen, ein Beamter ihr Kinder über Kinder gemacht haben. Bei Herrn Narziß hingegen habe sie die Aussicht, eine Ausstattung zu erhalten, die ihr ermögliche, sich anständig zu verheiraten. Gott sei Dank, sie gehöre einer anständigen Familie an; niemals würde die Tante zugegeben haben, daß ihre Nichte sich schlecht betrage, von einem Liebhaber dem andern in die Arme gelegt werde. Nein, sie habe eine ernste Stellung für sie gesucht.

Gueulin schickte sich an fortzugehen, da rief Bachelard ihn zurück.

Küsse sie auf die Stirne, ich erlaube es dir.

Dann warf er ihn zur Türe hinaus. Hierauf trat er vor August hin, legte die Hand aufs Herz und sprach:

Es ist keine leere Redensart; ich schwöre Ihnen bei meinem Ehrenworte, daß ich die Absicht hatte, sie ihm später zu geben.

Aber wie ist's endlich mit der Adresse, die ich verlange? fragte der andere ungeduldig.

Der Onkel war erstaunt: er glaubte, die Frage schon beantwortet zu haben.

Wie, was? Clarissens Adresse? Ich weiß sie nicht.

August machte eine Gebärde der Entrüstung. Alles spielte hier zusammen, ihn lächerlich zu machen.

Als Bachelard ihn so verstört sah, kam er auf den Gedanken, daß Trublot die Adresse Clarissens wisse. Er schlug ihm daher vor, den jungen Mann bei seinem Chef, dem Wechselagenten Demarguay aufzusuchen; er, Bachelard, wolle ihn dahin begleiten. August nahm den Vorschlag an.

Da haben Sie den Zucker von meinem Kaffee, sagte der Oheim, Fifi auf die Stirn küssend; und trotz allem, was vorgefallen, gebe ich Ihnen auch drei Viersousstücke für Ihre Sparbüchse. Führen Sie sich brav und warten Sie meine weiteren Befehle ab.

Das Mädchen handhabte fleißig und bescheiden seine Sticknadel. Ein Sonnenstrahl, der vom benachbarten Dache in das Zimmerchen fiel, vergoldete diesen Winkel der Unschuld, wohin nicht einmal das Geräusch des Straßenlärms hineindringen konnte. Die poetischen Neigungen Bachelards waren wieder erwacht.

Der lebe Gott segne Sie, Herr Narziß! sagte die Tante Menu, indem sie ihm das Geleite gab. Ich bin jetzt ruhiger. Hören Sie nur immer auf die Eingebungen Ihres guten Herzens; es wird Ihnen das Beste sagen.

Der Kutscher war wieder eingeschlafen und brummte, als der Onkel ihm die Adresse des Herrn Demarguay, Lazarusstraße, angab. Sicher schlief auch das Pferd, denn es bedurfte eines Hagels von Peitschenhieben, um es wieder in Gang zu setzen. Endlich kam die Droschke schwerfällig ins Rollen.

Es war ein harter Schlag, als ich Gueulin im Hemde vor mir sah; Sie dürfen es nur glauben; man muß es durchgemacht haben... So beklagte sich Bachelard nach einer Weile zu August.

Und er verbreitete sich über verschiedene Einzelheiten, ohne das Unbehagen Augusts zu merken. Als diesem endlich seine Lage unerträglich wurde, sagte er dem Onkel den Grund, weshalb er Duverdy suche.

Was? Berta mit diesem Ladenschwengel? schrie der Onkel. Sie setzen mich in Erstaunen, mein Herr.

Sein Erstaunen schien hauptsächlich von der Wahl herzurühren, die seine Nichte getroffen. Nach einiger Überlegung war auch er entrüstet. Wahrhaftig, seine Schwester Eleonora hat sich ernstliche Vorwürfe zu machen. Er werde seine Familie in Stich lassen. Er wolle sich in dieses Duell nicht einmengen, halte es aber für unvermeidlich.

Ich selbst hatte vorhin, als ich Fifi mit einem Mann im Hemde traf, nur den Gedanken, alles abzuschlachten. Wenn Sie das durchgemacht hätten!

Ein schmerzliches Beben Augusts ließ ihn innehalten.

Ach ja, ich dachte nicht daran... Sie finden meine Geschichte nicht sehr lustig.

Sie schwiegen bei den trübselig wiegenden Bewegungen der Droschke. August, dessen Erregung mit jeder Umdrehung der Wagenräder sich immer mehr legte, überließ sich seinen Gedanken mit seinem erdfahlen Gesichte, das linke Auge von der Migräne geschlossen. Warum hielt Bachelard das Duell für unvermeidlich? Es sei doch nicht seine Sache, dem Blutvergießen das Wort zu reden! ... Er, der eigene Oheim der Schuldigen!... Immerfort klangen ihm die Worte seines Bruders in den Ohren: »Das ist dumm; du wirst dich vielleicht gar aufspießen lassen.« Gewiß: er werde im Zweikampfe fallen, er habe das Vorgefühl; das stürzte ihn in die tiefste Traurigkeit; er sah sich schon tot und weinte über seinen eigenen Leichnam.

Ich sagte Lazarusstraße, schrie der Onkel dem Kutscher zu. Das ist doch nicht in der Vorstadt Chaillot; links einbiegen!

Endlich hielt die Droschke. Sie ließen Trublot herunterrufen. Er kam barhaupt herunter und redete mit den Herren unter einer Toreinfahrt.

Wissen Sie Clarissens Adresse? fragte Bachelard.

Clarissens Adresse? Ja, freilich! d' Assas-Straße!

Sie dankten ihm und waren im Begriff, wieder in den Wagen zu steigen, als es August einfiel zu fragen:

Und die Nummer?

Die Nummer?... Die Nummer weiß ich nicht.

Da erklärte der Gatte sofort, es sei unter solchen Umständen besser, auf die Sache zu verzichten. Trublot strengte sein Gedächtnis an, um sich der Hausnummer zu erinnern; er habe einmal dort gegessen; es sei da unten, hinter dem Luxenbourg, aber er konnte sich nicht mehr erinnern, ob das Haus rechts oder links und an welchem Ende der Straße es stehe. Das Tor sei ihm recht gut erinnerlich, er werde es sofort wiedererkennen. Da hatte der Onkel einen neuen Gedanken: er bat Trublot, sie zu begleiten, trotzdem August sich dem widersetzte und erklärte, es sei am besten, wegen dieser Sache niemanden mehr zu stören, und er wolle heimkehren. Übrigens weigerte sich Trublot mit verdrossener Miene; er werde niemals in diese Baracke zurückkehren, sagte er. Aber er hütete sich, die wahre Ursache seiner Weigerung anzugeben. Er hatte nämlich von der neuen Köchin Clarissens, als er es versuchte, sie am Feuerherde in die Hüften zu zwicken, eine mächtige Ohrfeige bekommen. Er war sehr betroffen darüber; es war dies von langer Zeit her seine Art, mit den Mägden Bekanntschaft zu machen, doch war ihm ähnliches noch nie passiert.

Nein, nein, sagte er, eine Ausrede suchend; ich setze keinen Fuß mehr in dieses Haus, wo man sich so sehr langweilt. Clarisse ist sehr lästig und boshaft geworden, überdies spießbürgerlicher als alle Spießbürgerinnen. Endlich hat sie, seitdem ihr Vater tot ist, ihre Familie zu sich genommen, eine ganze Sippschaft von Straßentrödlern: die Mutter, zwei Schwestern, einen langen Lümmel von einem Bruder, selbst eine alte, kranke Tante – brrr! Welch' traurige Figur mag Duverdy in dieser Umgebung spielen!

Er erzählte weiter, daß, als an einem Regentage Duverdy Clarisse unter einem Haustor wieder begegnete, diese sieh als Beleidigte gebärdete und sieh unter Tränen beklagte, daß er, Duverdy, sie niemals geachtet habe. Ja, wegen einer lange genug unterdrückten Verbitterung über die Verletzung ihrer persönlichen Würde habe sie die Wohnung in der Kirschenstraße verlassen. Warum lege er seinen Orden ab, sooft er zu ihr komme? Glaube er etwa, daß sie diesen Orden beflecken werde? Sie sei bereit, sich mit ihm wieder auszusöhnen, doch müsse er bei seiner Ehre schwören, daß er seinen Orden behalten werde, denn sie halte etwas darauf, daß sie geachtet werde, und wolle nicht immer wieder beleidigt werden.

Duverdy, ganz außer Fassung gebracht durch diese Klage, gab ihr recht, nannte sie eine edle Seele, war verwirrt und gerührt und leistete den verlangten Schwur.

Seitdem legt er sein Ordensband nicht mehr ab, fügte Trublot dieser Erzählung noch hinzu. Ich glaube, sie zwingt ihn sogar, damit zu schlafen, sie fühlt sich dadurch vor ihrer Familie sehr geschmeichelt. Da übrigens der dicke Payan die Möbel, die Duverdy für 25 000 Franken gekauft hatte, bereits vertan hatte, ließ sie sich jetzt für 30 000 Franken andere anschaffen. Sie hält ihn fest diesmal; er liegt zu ihren Füßen, die Nase in ihren Röcken versteckt.

Lassen Sie uns jetzt fahren, wenn Herr Trublot nicht mitkommen will, sagte August, den diese Geschichten sehr langweilten.

Allein Trublot erklärte jetzt, daß er bereit sei, die Herren zu begleiten; nur werde er nicht mit .hinaufgehen, sondern ihnen nur die Türe des Hauses zeigen. Er holte seinen Hut und stieg zu ihnen in die Droschke.

Assas-Straße! sagte er dem Kutscher; fahren Sie nur in die Straße hinein; ich werde Sie schon vor dem Hause halten lassen.

Der Kutscher fluchte. Assas-Straße! Sind das aber Leute, die weite Wege machen! Nun mögen sie aber auch zusehen, wie sie ankommen! Der große Schimmel dampfte, ohne vom Fleck zu kommen; bei jedem Schritt nickte er schmerzlich mit dem Kopfe.

Inzwischen erzählte Bachelard Trublot sein trauriges Abenteuer. Seine kleine »Köstliche« habe er mit diesem Halunken Gueulin überrascht. Doch bei diesem Punkte der Erzählung erinnerte er sich des Mißgeschickes Augusts, der still und leidend in eine Wagenecke gedrückt saß.

Richtig, Verzeihung! murmelte er; ich vergesse immer.

Dann zu Trublot gewendet:

Unsern Freund hat ein Unglück in seiner Ehe heimgesucht; das ist der Grund, weshalb wir jetzt au! der Suche nach Duverdy sind. Ja, er hat heute nacht seine Frau...

Er vervollständigte den Satz durch eine Gebärde und fügte hinzu:

Mit diesem Octave, Sie wissen ja.

Trublot, der mit seinem Urteil gleich fertig war, erklärte, daß ihm die Sache ganz und gar nicht überrasche; dann fügte er mit einer Geringschätzung und Wut, um deren Grund ihn der Gatte nicht zu fragen wagte, hinzu:

So ein Tropf! dieser Octave!

Nachdem die Herren dermaßen ihr Urteil über den Ehebruch gesprochen, entstand wieder Stillschweigen. Jeder der drei Männer war in seine Gedanken versunken. Die Droschke kam nicht vorwärts; sie schien seit Stunden über eine Brücke hinzurollen. Trublot, der zuerst aus seiner Träumerei auffuhr, bemerkte:

Der Wagen fährt nicht allzu schnell.

Doch nichts vermochte den Gang des Pferdes zu beschleunigen. Es war elf Uhr, als man in der Assas-Straße ankam. Hier verlor man noch eine weitere Viertelstunde. Trublot hatte geprahlt; es zeigte sich jetzt, daß er das Haustor nicht kannte. Er ließ den Kutscher bis an das andere Ende der Straße fahren, ohne ihn anzuhalten; dann ließ er ihn zurückfahren, und so ging es dreimal. Infolge seiner Weisungen trat August in jedes zehnte Haus ein, um nachzufragen, doch die Hausmeister erwiderten: »Das gibt's hier nicht!« Endlich erfuhren sie von einer Obstverkäuferin das richtige Tor. Trublot blieb in der Droschke; August und Bachelard gingen hinauf.

Clarissens Bruder, der große Lümmel, öffnete ihnen die Türe. Er hatte eine Zigarette im Munde, deren Rauch er ihnen ins Gesicht blies, während er sie in den Salon führte. Als sie nach Herrn Duverdy fragten, schaukelte er sich mit schamloser Miene auf den Beinen und blieb die Antwort schuldig. Dann verschwand er, um ihn zu holen.

Mitten im Salon, der mit neuer, aber schon fettfleckiger blauer Seide überzogen war, saß eine Schwester, die kleinere, auf dem Teppich und kratzte eine Schüssel aus, die sie aus der Küche gebracht hatte; die andere größere Schwester hieb mit beiden geschlossenen Fäusten auf ein herrliches Klavier ein, dessen Schlüssel sie entdeckt hatte.

Beide erhoben den Kopf, als die Herren eintraten, doch ließen sie sich nicht stören, fuhren vielmehr fort, die Schüssel auszukratzen und auf das Klavier einzuhauen. So verflossen zehn Minuten; niemand zeigte sich. Betäubt von dem höllischen Getöse sahen die Herren einander an, als ein Geheul, das aus dem Nachbarzimmer kam, sie vollends entsetzte: es war die kranke Tante, die gereinigt wurde.

Endlich steckte eine alte Weibsperson, Frau Bocquet, Clarissens Mutter, den Kopf zur Türe herein. Sie steckte in einem so schmutzigen, schwarzen Kleide, daß sie sich schämte einzutreten.

Was wünschen die Herren? fragte sie.

Wir wollen Herrn Duverdy sprechen, erwiderte der Oheim ungeduldig. Melden Sie Herrn August Vabre und Herrn Narziß Bachelard.

Frau Bocquet schloß die Türe wieder. Die ältere Schwester war mittlerweile auf einen Schemel gestiegen und bearbeitete das Klavier mit den Ellbogen, während die kleinere bemüht war, mit Hilfe einer eisernen Gabel den letzten Rest der an der Schüssel klebengebliebenen Speise wegzukratzen. So verflossen weitere fünf Minuten. Endlich erschien mitten in diesem Getöse Clarisse.

Sie sind's? sagte sie zu Bachelard, ohne August zu beachten.

Der Onkel war höchlich überrascht. Sie war so dick geworden, daß er sie kaum wiedererkannte. Die große schwarze Person von ehemals, so mager wie ein Bürschchen und frisiert wie ein Pudel, war ein »molliges« rundes Weibchen geworden mit von Pomade funkelndem, glattem Haar. Sie ließ ihn übrigens nicht zu Worte kommen, sondern erklärte ihm rundheraus, daß sie auf die Besuche eines alten Wüstlings seiner Art verzichte, der ihrem Alphons scheußliche Dinge erzähle; ja, er habe ihm erzählt, daß sie mit allen seinen Freunden schlafe. Er solle nicht leugnen, denn sie habe es von Alphons selbst gehört.

Ja, mein Alter, fügte sie hinzu; wenn Sie gekommen sind, um zu schwelgen, so können Sie nur gleich wieder die Klinke in die Hand nehmen. Es ist aus mit der früheren Lebensweise; ich will jetzt geachtet sein. Damit verbreitete sie sich über ihre Leidenschaft für das Anständige, die bei ihr schon zur fixen Idee geworden war. So hatte sie einen nach dem andern von den Gästen ihres Liebhabers vertrieben; sie hatte wirkliche Anfälle von Strenge, verbot, daß man bei ihr rauche, verlangte, daß man sie »gnädige Frau« nenne und ihr Besuche mache. Ihre oberflächliche, erborgte Drolligkeit von ehemals war verschwunden; sie bewahrte nur noch die übertriebene Rolle einer großen Dame, die von Zeit zu Zeit in einem herben Wort oder einer dirnenmäßigen Gebärde unterging. Allmählich ward es wieder still um Duverdy her; aus war's mit der amüsanten Zufluchtsstätte; es war ein Haus der dürrsten Spießbürgerlichkeit, wo der Rat die ganze tödliche Langweile seiner eigenen Häuslichkeit wiederfand und dazu den Schmutz und das Getöse.

Wir sind nicht Ihretwegen gekommen, sagte Bachelard gefaßt; wir müssen Duverdy sprechen.

Jetzt betrachtete Clarisse auch den andern Herrn. Sie glaubte in ihm einen Gerichtsboten zu erkennen, denn sie wußte, daß Duverdy sich in letzter Zeit in sehr häßliche Dinge einließ.

Ei was, ich mache mir gar nichts daraus! rief sie. Nehmen Sie ihn hin und behalten Sie ihn... Ich verzichte gern auf das Vergnügen, ihm seine Warzen zu pflegen.

Sie gab sich nicht einmal die Mühe, ihren Ekel zu verbergen; sie wußte übrigens, daß ihre Grausamkeiten ihn nur noch fester an sie knüpften.

Sie öffnete eine Türe und rief hinein:

Komm nur, die Herren wollen durchaus mit dir sprechen.

Duverdy, der – wie es schien – hinter der Türe gelauert hatte, trat ein und drückte den Herren die Hände, wobei er zu lächeln versuchte. Er hatte nicht mehr das jugendliche Aussehen von ehemals, wenn er seine Abende bei ihr in der Kirschstraße zubrachte; eine Mattigkeit drückte ihn nieder; er war mürrisch und »eingegangen«; von Zeit zu Zeit fuhr er zusammen, wie beunruhigt durch hinter ihm liegende, unsichtbare Dinge.

Clarisse blieb da, um zuzuhören. Bachelard, der in ihrer Gegenwart nicht reden wollte, lud den Rat ein, mit ihnen zu frühstücken.

Nehmen Sie an, Herr Vabre bedarf Ihrer; die Gnädige wird es Ihnen erlauben...

Diese hatte endlich doch bemerkt, daß ihre Schwester das Klavier mit den Ellbogen bearbeitete; sie eilte hinzu, versetzte ihr einige Püffe und stieß sie hinaus; und weil sie schon dabei war, ohrfeigte sie auch die kleinere und warf sie samt der Schüssel hinaus. Es war ein wahrer Hexensabbat. Dazwischen brüllte die kranke Tante, die glaubte, daß nun sie an der Reihe sei, Prügel zu bekommen.

Hörst du, mein Schätzchen, sagte Duverdy, die Herren laden mich ein.

Sie hörte ihn nicht, sondern betastete mit ängstlicher Zärtlichkeit das Instrument. Seit einem Monat lernte sie nämlich Klavier spielen. Es war der uneingestandene Traum ihres ganzen Lebens, ein fernliegender Ehrgeiz, dessen Verwirklichung allein – wie sie glaubte – genügen mußte, sie zu einer Weltdame zu machen.

Als sie sich überzeugt hatte, daß am Klavier nichts zerbrochen sei, ging sie zu den Herren, um Duverdy zurückzuhalten, bloß um ihm unangenehm zu sein. Da steckte Frau Bocquet den Kopf wieder zur Türe herein:

Dein Klaviermeister ist da, sagte sie.

Das änderte mit einem Schlage ihren Entschluß, und sie rief Duverdy zu:

Ja, geh' nur!... Ich werde mit Theodor frühstücken. Wir bedürfen deiner nicht.

Der Klaviermeister Theodor war ein Belgier mit breitem, rosigem Gesichte. Sie setzte sich sofort ans Klavier; er legte ihr die Finger auf die Tasten und rieb sie, um sie gelenkiger zu machen.

Duverdy zögerte einen Augenblick sichtlich verdrossen. Doch die Herren warteten auf ihn; er ging daher seine Schuhe anziehen. Als er zurückkam, plätscherte sie schon in den Skalen umher und entfesselte ein solches Ungewitter von falschen Tönen, daß August und Bachelard krank davon wurden.

Er aber, den Mozart und Beethoven verrückt machten, wenn seine Frau sie spielte, stand eine Weile hinter seiner Geliebten und schien – trotz des nervösen Zuckens in seinem Gesichte – sich an den Tönen zu ergötzen. Dann meinte er zu den anderen:

Sie hat erstaunliche Talente.

Er küßte sie auf die Haare und zog sich leise zurück, sie mit Theodor allein lassend. Im Vorzimmer stand der Straßenjunge von einem Bruder mit seiner frechen Miene und verlangte von ihm 20 Sous für Tabak. Während sie hinabgingen, konnte Bachelard nicht umhin, sein Erstaunen darüber auszudrücken, wie sehr der Geschmack des Herrn Duverdy in bezug auf das Klavier sich geändert habe. Doch Duverdy widersprach und schwor, daß er auch früher ein Freund des Klavierspiels gewesen sei; und er sprach vom Ideal und wie die einfachen Skalen Clarissens hinreichten, seine ganze Seele zu bewegen.

Der Onkel wollte durchaus zu Foyot frühstücken gehen; es sei jetzt die rechte Stunde, meinte er, und man werde während des Essens besser plaudern können. Als die Droschke sich in Bewegung setzte, unterrichtete er Herrn Duverdy, um was es sich handle. Der Rat ward sehr ernst. August, dessen Unbehagen bei Clarisse nur noch gestiegen war, saß, gebrochen durch die endlose Fahrt, den kranken Kopf auf die Hände gestützt, wortlos da.

Als der Rat ihn fragte, was er zu tun gedenke, öffnete er die Augen, schwieg eine Weile ganz beklommen, dann wiederholte er seine Redensart:

Ich werde mich schlagen!

Doch zitterte jetzt seine Stimme schon; er schloß die Augen wieder, als ob er bitte, daß man ihn in Ruhe lasse, und fuhr dann fort:

Es sei denn, daß Sie etwas anderes ausfindig machen.

Fortwährend geschüttelt durch die schlechte Droschke, hielten die Herren eine große Beratung. Duverdy und Bachelard erachteten das Duell für unvermeidlich; ersterer war sehr bewegt und zwar wegen des Blutes, das er schon in einem schwarzen Streifen über die Treppe seines Hauses fließen sah; allein die Ehre wolle es so; über die Ehre lasse sich nicht feilschen. Trublot urteilte weniger streng; es sei zu dumm, sagte er, seine Ehre auf das zu setzen, was er aus Schonung für die Herren die Gebrechlichkeit der Frauen nannte. August stimmte ihm durch ein schwaches Aufschlagen der Augenlider bei; er war erbittert über die blutrünstige Wut der beiden anderen, deren Rolle es doch gewesen wäre, eine Aussöhnung anzubahnen. Trotz seiner Ermüdung ward er gezwungen, noch einmal die Nachtszene zu erzählen, die Ohrfeige, die er gegeben, und dann die Ohrfeige, die er bekommen. Bald war von dem Ehebruch nicht mehr die Rede, sondern nur von diesen beiden Ohrfeigen. Man erläuterte und besprach diese Ohrfeigen, um eine befriedigende Lösung zu finden.

Was sollen die Spitzfindigkeiten! rief Trublot schließlich aus; wenn sie einander geohrfeigt haben, sind sie quitt.

Duverdy und Bachelard sahen einander betroffen an. Doch mittlerweile war man bei dem Restaurant angekommen, und der Onkel erklärte, man müsse vor allem gut frühstücken; das werde zur Klärung der Gedanken beitragen. Er lud sie ein und bestellte ein reiches Frühstück, ganz außergewöhnliche Speisen und Getränke, die sie drei Stunden hindurch in einem Kabinett zurückhielten. Vom Duell ward nicht gesprochen, umso mehr von den Frauen. Fifi und Clarisse wurden besprochen, erklärt, zergliedert. Bachelard nahm alles Unrecht auf sich, um vor Duverdy nicht als der Betrogene dazustehen; dieser hingegen, um für jenen Abend sich zu rächen, als Bachelard ihn in der ausgeleerten Wohnung der Kirschenstraße weinen sehen, log jetzt von seinem Liebesglück so ausgiebig, daß er schließlich selbst daran glaubte und gerührt ward.

August, dem seine Nervenschmerzen die Lust am Essen und Trinken verdarben, hatte den Ellbogen auf den Tisch gestützt und schien, die trüben Augen auf sie gerichtet, ihnen zuzuhören. Beim Nachtisch erinnerte sich Trublot des unten stehenden Kutschers, den man völlig vergessen hatte. Er sandte ihm den Rest der Schüsseln und einige halbleere Flaschen Wein hinab. Es schlug drei Uhr. Duverdy beklagte sich, daß er in der nächsten Gerichtssitzung Beisitzer sei; Bachelard war betrunken und spuckte auf Trublots Beinkleid, der dies gar nicht zu bemerken schien; der Tag wäre so fein beim Likör zu Ende gegangen, wenn nicht August plötzlich aufgefahren wäre.

Nun denn, was soll geschehen? fragte er.

Wohlan, mein Junge, sagte der Onkel ihn duzend, wenn du willst, werden wir dich ganz hübsch aus der Geschichte ziehen... Es ist zu dumm; du wirst dich nicht schlagen.

Niemand war überrascht von diesem Schluß. Duverdy nickte zustimmend, und der Onkel fuhr fort:

Ich will mit dem Herrn Rat zu deinem Gegner hinaufgehen; der Kerl muß dich um Verzeihung bitten, oder ich will nicht länger Bachelard heißen. Wenn er mich nur sieht, wird er zu Kreuze kriechen.

August drückte ihm die Hand, schien aber nicht erleichtert, denn seine Kopfschmerzen waren fast unerträglich geworden. Endlich verließ man das Kabinett. Der Kutscher saß in der Droschke und frühstückte noch; er war völlig betrunken und klopfte dem Trublot vertraulich auf den Bauch.

Das Pferd, das nichts bekommen hatte, weigerte sich zu gehen und schüttelte verzweifelt den Kopf. Auf vieles Antreiben setzte es sich endlich in Bewegung, und um vier Uhr war man in der Ghoiseul-Straße glücklich angelangt. August hatte die Droschke sieben Stunden behalten, Trublot, der im Wagen verblieb, erklärte, er wolle sie weiter behalten und Bachelard erwarten, um diesem ein Essen anzubieten.

Du hast wirklich die ganze Zeit damit verbracht? rief Theophil, seinem Bruder entgegeneilend; ich glaubte dich längst tot.

Sobald die Herren in den Laden eingetreten waren, erzählte er ihnen seine Wahrnehmungen vom Tage. Seit neun Uhr liege er auf der Lauer, doch rühre sich nichts. Um zwei Uhr sei Valerie mit ihrem Sohn Canaille in den Tuileriengarten gegangen. Gegen halb vier Uhr habe er Octave ausgehen sehen. Weiter nichts; bei den Josserand rege sich nichts. Saturnin, der zuerst seine Schwester unter den Möbeln gesucht habe, sei später hinaufgegangen, um sie bei seinen Eltern zu suchen; allein Madame Josserand habe, um sich seiner zu entledigen, ihm die Türe vor der Nase zugeschlagen und gesagt, daß Berta nicht bei ihnen sei. Seither schleiche der Narr mit zusammengepreßten Zähnen umher.

Gut, sagte Bachelard. Wir werden den Herrn erwarten; er muß doch nach Hause kommen.

August machte verzweifelte Anstrengungen, um sich auf den Beinen zu erhalten. Duverdy riet ihm, zu Bett zu gehen; es gebe nichts Besseres gegen die Migräne.

Gehen Sie nur hinauf, wir bedürfen Ihrer nicht mehr. Man wird Ihnen das Ergebnis schon mitteilen. Mein Lieber, die Aufregungen tun Ihnen nicht gut.

Der Gatte ging hinauf, um sich schlafen zu legen.

Die beiden anderen warteten um fünf Uhr noch immer auf Octave. Dieser war anfangs ohne bestimmtes Ziel, nur um frische Luft zu schöpfen und die Katastrophe der Nacht zu vergessen, ausgegangen. Er kam vor dem Geschäfte »Zum Paradies der Damen« vorüber und grüßte Frau Hédouin, die in tiefe Trauer gekleidet auf der Schwelle stand.

Er erzählte ihr, daß er bei den Vabre ausgetreten sei; darauf fragte sie ihn ganz ruhig, warum er nicht wieder bei ihr eintreten wolle? Sie einigten sich sofort, ohne viel zu überlegen. Er grüßte von neuem, versprach, am folgenden Tage einzutreten, und setzte dann seinen Spaziergang fort, von einer unbestimmten Reue erfüllt. Der Zufall kreuzte stets seine Berechnungen. In allerlei Pläne versunken, schlenderte er so seit etwa einer Stunde im Stadtviertel herum, als er den Kopf erhebend, wahrnahm, daß er sich in der dunklen Rochus-Gasse befand. Da sah er im dunkelsten Winkel der Gasse vor der Türe eines Wirtshauses von sehr zweideutigem Aussehen Valerie von einem bärtigen Herrn sich verabschieden.

Sie errötete und eilte davon. Als sie sah, daß der junge Mann ihr lächelnd folgte, zog sie es vor, ihn unter der Wölbung der Kirchenpforte zu erwarten. Hier plauderten sie vertraulich.

Sie fliehen mich? fragte er. Zürnen Sie mir denn?

Weshalb sollte ich Ihnen zürnen? sagte sie... Die Leute könnten sich auffressen untereinander; mir ist das ganz gleich.

Sie sprach von ihrer Familie und erledigte sich ihres alten Ingrimmes gegen Berta zuerst durch Anspielungen, indem sie dem jungen Mann gleichsam den Puls fühlte. Als sie fand, daß er seiner Geliebten überdrüssig sei und noch ganz erbittert über das Geschehnis der letzten Nacht, tat sie sich keinen Zwang mehr an und erleichterte ihr Herz.

Sollte man es glauben: dieses Weib habe gewagt, ihr zu sagen, daß sie sich verkaufe! Sie, die niemals einen Sou annehme, nicht einmal ein Geschenk, höchstens Blumen, ein Veilchenbukett! Jetzt zeige es sich, welche von beiden sich verkaufe! Sie habe es ihr vorausgesagt, man werde eines Tages schon sehen, wieviel man es sich kosten lassen müsse, um sie zu haben!

Es hat Ihnen wohl mehr gekostet als ein Veilchenbukett? fragte sie ihn.

Ja, gewiß! antwortete er feige genug.

Dann erzählte er seinerseits allerlei unangenehme Dinge über Berta. Er nannte sie boshaft, fand sie zu fett, wie um sich für allen Verdruß zu rächen, den sie ihm verursacht hatte. Er habe den ganzen Tag die Zeugen des Gatten erwartet, erzählte er; und jetzt werde er nach Hause zurückkehren, um wieder nachzusehen, ob niemand gekommen sei. Ein blödes Abenteuer! Ein Duell, das sie ihm wahrhaftig habe ersparen können. Schließlich erzählte er sogar ihr Zusammentreffen, das einen so kläglichen Verlauf genommen, ihren Streit, und wie der Gatte gekommen sei, bevor sie einander auch nur umarmt hätten.

Bei dem Heiligsten schwöre ich Ihnen: es war noch nicht das Geringste zwischen uns vorgefallen.

Valerie lachte; die Geschichte erheiterte sie sehr. Sie überließ sich der heiklen Intimität dieser Vertraulichkeiten und näherte sich Octave wie einer Freundin, die alles wisse. Von Zeit zu Zeit wurden sie durch eine fromme Gläubige gestört, die sich aus der Kirche entfernte, dann fiel die Türe wieder zu, und sie standen in dem aus schweren grünen Vorhängen hergestellten Windfang wie an einem geheimen, sichern Zufluchtsort.

Ich weiß nicht, weshalb ich länger unter diesen Leuten lebe, fuhr sie fort, wieder von ihrer Familie sprechend. Gewiß bin auch ich nicht ohne Fehl; doch stehen mir die Leute so wenig nahe, daß ich mir gar keine Vorwürfe mache. Wenn ich Ihnen noch gestehen würde, wie langweilig die Liebe mir ist...

Ei, vielleicht doch nicht gar so sehr! rief Octave heiter. Man ist ja nicht immer so dumm, wie wir gestern waren... Es gibt ja auch glückliche Augenblicke.

Sie beichtete ihm nun. Der Haß gegen ihren Mann; das ewige Fieber, das ihn schüttele und einen ohnmächtigen, trübseligen Knaben aus ihm mache – all dies war es nicht, was sie – schon sechs Monate nach der Heirat – zu einem schlechten Lebenswandel getrieben habe. Nein! – Sie tue es oft, ohne es zu wollen, bloß weil ihr Dinge durch den Kopf fuhren, über die sie sich gar keine Rechenschaft geben konnte. Alles um sie her sinke in Trümmer, sie werde krank und trage sich mit Selbstmordgedanken. Eben dann–als nichts da war, sie zurückzuhalten – habe sie diesen Pfad des Niederganges betreten, der nicht schlechter sei als ein anderer.

Ist's wahr? Sie hatten dabei niemals glückliche Augenblicke? fragte Octave, den dieser Punkt allein zu interessieren schien.

Nicht das, was man sich erzählt, ich schwöre es Ihnen, erwiderte sie ihm.

Er betrachtete sie mit mitleidsvoller Teilnahme. Für nichts und ohne Vergnügen? das lohnt in der Tat nicht die Mühe, die sie sich gibt, fortwährend in der Furcht lebend, überrascht zu werden. Dabei empfand seine Eitelkeit eine heimliche Genugtuung, denn er war noch immer gekränkt durch die Geringschätzung, mit der sie ihn einst behandelt hatte. Darum also hat sie ihn abgewiesen eines Abends... Er erwähnte ihr die Sache.

Sie erinnern sieh? Nach einem Nervenanfall, den Sie hatten...

Ja; Sie mißfallen mir nicht, aber ich hatte so wenig Verlangen danach!... Und es war besser so; heute würden wir einander verabscheuen.

Sie reichte ihm ihre kleine beschuhte Hand. Er drückte sie und wiederholte:

Sie haben recht; so ist's besser... Wahrhaftig, man liebt nur die Frauen, die man nicht besessen hat!...

So standen sie eine Weile Hand in Hand in gerührter Stimmung. Dann traten sie wortlos in die Kirche ein, wo sie ihren Sohn Camille in der Obhut einer Besitzvermieterin zurückgelassen hatte. Das Kind war inzwischen eingeschlafen. Sie hieß es niederknien und kniete selbst einen Augenblick nieder, den Kopf auf die Hände gestützt, wie in ein inbrünstiges Gebet versunken. Als sie sich erhob, trat eben der Abbé Mauduit aus einem Beichtstuhl. Mit einem väterlichen Lächeln ging er an ihr vorüber.

Octave hatte einfach die Kirche durchschritten, ohne sich daselbst aufzuhalten. Als er heimkehrte, war das ganze Haus in Bewegung; bloß Trublot, der in der Droschke träumte, sah ihn nicht. Die Kaufleute in ihren Ladentüren blickten ihn ernst an. Der Papierhändler gegenüber ließ noch immer die Blicke über die Vorderseite des Hauses schweifen, als wolle er jeden Stein erforschen; aber der Kohlenhändler und die Obsthändlerin hatten sich bereits beruhigt, und das Stadtviertel hatte seine kalte Ruhe wieder angenommen. Als Octave unter dem Tore vorbeiging, mußte sich Lisa, die mit Adele in eine Plauderei vertieft war, damit begnügen, ihn genau anzusehen, und unter den strengen Blicken des Herrn Gourd, der den jungen Mann grüßte, mußten sie tun, als ob sie über die teuren Preise des Geflügels sich beklagten. Octave stieg endlich die Treppe hinan, als Frau Juzeur, die seit dem Morgen auf der Lauer lag, ihre Türe öffnete, seine beiden Hände ergriff und ihn in ihr Vorzimmer zog, wo sie ihn auf die Stirne küßte, und sagte:

Armes Kind!... Gehen Sie, ich halte Sie nicht zurück. Kommen Sie wieder plaudern, wenn alles vorbei ist.

Kaum war er heimgekehrt, als Duverdy und Bachelard bei ihm eintraten. Anfangs wollte er, verblüfft über den Anblick des Oheims, ihnen die Namen zweier seiner Freunde angeben. Aber die Herren sprachen, ohne zu antworten, von ihrem Alter und hielten ihm eine Rede über sein schlechtes Betragen. Als er dann im Verlaufe der Unterhaltung seine Absicht, das Haus ehestens zu verlassen, kundgab, erklärten beide feierlich, daß ihnen dieser Beweis von Takt genüge. Es habe bereits genug Skandal gegeben, und man müsse den anständigen Leuten seine Leidenschaft zum Opfer bringen. Duverdy nahm die Kündigung sofort an und zog sich zurück, während Bachelard hinter seinem Rücken den jungen Mann zum Essen für den Abend einlud.

Ich zähle auf Sie. Wir sind im Zuge, uns zu amüsieren, und Trublot erwartet uns unten... Ich kümmere mich wenig um Eleonore, aber ich will sie nicht sehen und eile voraus, damit man uns nicht beisammen antreffe.

Er ging hinab. Fünf Minuten später holte Octave ihn ein, entzückt über diese Lösung des Abenteuers. Er schlüpfte in die Droschke, und der trübsinnige Gaul, der den Gatten sieben Stunden lang durch die Straßen von Paris geschleppt hatte, schleppte sie nun hinkend zu einem Restaurant in den Hallen, wo ganz vorzügliche Kaldaunen gegessen wurden.

Duverdy suchte Theophil im Hintergrunde des Ladens auf; auch Valerie war eben zurückgekehrt: die drei schickten sieh an zu plaudern, als Clotilde, von einem Konzert heimkehrend, sich zu ihnen gesellte. Sie war, wie sie sagte, ganz ruhig hingegangen in der Überzeugung, daß man eine jeden befriedigende Lösung finden werde. Da entstand ein Stillschweigen, eine Verlegenheit bei den beiden Ehepaaren. Theophil war übrigens von einem scheußlichen Hustenanfall ergriffen. Weil sie sämtlich ein Interesse daran hatten, sich auszusöhnen, benutzten sie die Aufregung, die dieser Familienverdruß hervorgerufen. Die beiden Frauen küßten einander: Duverdy schwor Theophil, daß die Erbschaft des alten Vabre ihn ruiniere; nichtsdestoweniger wolle er ihn entschädigen, indem er ihm drei Jahre Mietzins erlasse.

Wir müssen aber den armen August beruhigen, bemerkte schließlich der Rat.

Er ging hinauf; da drang aus dem Schlafgemach ein entsetzliches Geschrei wie von einem Tier, das abgeschlachtet wird. Es war Saturnin, der, mit einem großen Küchenmesser bewaffnet, sich bis zu dem Schlafzimmer herangeschlichen hatte. Mit flammensprühenden Augen und wutschäumenden Munde warf er sich auf August.

Sprich, wo hast du sie hingesteckt? schrie er. Gib mir sie wieder, oder ich schlachte dich ab wie ein Sehwein.

Der Gatte, plötzlich aus seinem schmerzlichen Halbschlummer aufgestört, wollte fliehen; doch der Narr hatte mit der Gewalt des Wahnsinns ihn bei einem Zipfel des Hemdes gepackt, auf das Bett niedergedrückt und den Hals des armen Opfers über den Bettrand gelegt, ganz in der Lage eines Tieres, das abgeschlachtet werden soll.

Ha, endlich habe ich dich, ich steche dich ab wie ein Schwein!

Glücklicherweise kamen in diesem Augenblicke Leute hinzu, und man konnte das arme Opfer befreien. Man mußte Saturnin, der einen Tobsuchtsanfall hatte, einsperren. Zwei Stunden später kam ein Kommissar der Polizei, die man verständigt hatte, um ihn ein zweitesmal in die Irrenanstalt zu Saint-Evrard abzuführen. Der arme August aber zitterte noch immer vor Angst. Er erwiderte Duverdy, der ihm die Abmachung mitteilte, die man mit Octave getroffen:

Nein, ich würde mich lieber geschlagen haben. Gegen einen Verrückten kann man sich nicht verteidigen. Welche Wut hat denn diesen Schurken ergriffen, daß er mich abschlachten will – etwa, weil seine Schwester mich zum Hahnrei gemacht hat? Ich habe genug, mein Freund; auf Ehre, ich habe genug!

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