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Der häusliche Herd

Emile Zola: Der häusliche Herd - Kapitel 15
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typefiction
authorEmile Zola
titleDer häusliche Herd
publisherBenjamin Harz Verlag
seriesDie Rougon-Macquart
volumeBand X
year1924
translatorArmin Schwarz
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Vierzehntes Kapitel

Am folgenden Dienstag hielt Berta dem Octave abermals nicht Wort. Nach der Ladensperre hatten sie eine ganz kurze Auseinandersetzung, in der sie ihm schluchzend erklärte, er möge sie nicht erwarten. In einer frommen Anwandlung war sie tags vorher zur Beichte gegangen. Seit ihrer Verheiratung hatte sie nicht gebeichtet. Als sie neulich die schmutzigen Reden der Mägde gehört, fühlte sie sich so elend, so traurig, so verlassen, daß sie sich wieder auf eine Stunde in die Frömmigkeit ihrer Kinderzeit versenkte, von der Hoffnung auf Reinigung und Seelenheil erfüllt. Sie hatte bei der Beichte viel geweint und der Abbé Mauduit mit ihr; auf dem Rückwege hätte sie einen wahren Abscheu vor ihrer Sünde empfunden. Octave zuckte in ohnmächtiger Wut mit den Achseln.

Drei Tage später machte sie ihm abermals eine Zusage für den kommenden Dienstag. Bei einem Stelldichein, das sie ihrem Liebhaber in der Panoramen-Passage gegeben, hatte sie in einem Schaufenster einen Schal von Chantillyspitzen gesehen; davon sprach sie unaufhörlich mit gierig funkelnden Augen. Um die Nacktheit des Schachers, der sich da vollzog, einigermaßen zu verdecken, sagte er ihr am kommenden Montag lachend, daß, wenn sie ihn am Dienstag besuche, eine Überraschung ihrer harre. Sie begriff und weinte wieder. Nein, nein! sagte sie; jetzt werde sie erst recht nicht kommen; er verderbe ihr die Freude der Begegnung. Sie habe von dem Schal ohne jede Absicht gesprochen; sie werde ihn ins Feuer werfen, wenn er ihn etwa gekauft habe. Indes am folgenden Tage ward alles verabredet: sie werde um halb ein Uhr nachts kommen und sich durch drei leichte Schläge anmelden ...

Als August an diesem Tage nach Lyon verreiste, fand Berta ihn seltsam verändert. Sie hatte ihn dabei überrascht, wie er hinter der Küchentüre mit der Magd flüsterte; bei der Abreise war er ganz gelb, zitterte und hatte das eine Auge geschlossen. Da er sich über seine Migräne beklagte, hielt sie ihn für krank und versicherte, daß ihm die Reise gut anschlagen werde. Sobald er fort war, kehrte sie in die Küche zurück; da sie unruhig war, wollte sie die Magd ausholen. Doch das Mädchen war verschwiegen, von steifer Höflichkeit wie in den ersten Tagen. Berta fühlte jetzt, daß sie nicht klug gehandelt habe, ihr bloß 20 Franken und ein Kleid zu geben und dann gar nichts mehr. Allerdings hatte sie es gezwungen getan, denn sie hatte ja selbst nichts.

Ich bin nicht sehr freigebig gegen Sie, mein armes Mädchen, wie? sagte sie. Aber es ist nicht meine Schuld; ich denke an Sie und werde Sie entschädigen.

Rachel erwiderte mit ihrer gewöhnlichen Kälte:

Gnädige Frau sind mir nichts schuldig.

Berta suchte zwei alte Hemden heraus, um ihr vorläufig damit ihre Erkenntlichkeit zu bezeigen. Die Magd nahm die zwei Hemden und erklärte, sie werde Küchenfetzen daraus machen.

Ich danke, gnädige Frau; ich trage keinen Barchent, er ritzt mir die Haut auf; ich trage nur Leinwand.

Berta fand sie indes so höflich, daß sie sich wieder beruhigte. Sie zeigte sich sogar vertraulich, gestand ihr, daß sie nicht zu Hause schlafen werde, und bat sie, für alle Fälle eine Lampe anzuzünden und bereit zu halten. Man werde die auf die Haupttreppe gehende Türe mit dem Riegel verschließen; sie werde dann durch die Küchentüre fortgehen und den Schlüssel mitnehmen. Die Magd empfing diese Befehle mit der nämlichen Ruhe, als habe es sich darum gehandelt, einen Rinderbraten ans Feuer zu setzen.

Am Abend richteten sie es so ein, daß Berta bei ihren Eltern speiste, während Octave eine Einladung bei den Campardon annahm. Er gedachte bis zehn Uhr dazubleiben, sich dann in seinem Zimmer einzuschließen und so geduldig wie möglich bis halb ein Uhr zu warten.

Das Essen bei den Campardons war recht gemütlich. Zwischen seiner Gattin und seiner Kusine sitzend, erfreute sich der Architekt an den Speisen, die reichlich und schmackhaft zu Tische kamen. Es gab an diesem Tage ein Huhn mit Reis, einen Rinderbraten und geschmorte Kartoffeln.

Seitdem die Kusine das Hauswesen führt – erzählte er – herrsche Überfluß an allem; sie wisse alles viel besser und viel wohlfeiler zu kaufen als jeder andere und bringe doppelt soviel Fleisch, wie früher gebracht worden. Campardon nahm denn auch dreimal von dem Huhn, während seine Gattin sich mit Reis vollstopfte; Angela bewahrte sich den Appetit für den Rinderbraten, sie aß den blutigen Saft gar so gerne; Lisa gab ihr heimlich mehrere große Löffel voll davon.

Frau Campardon sprach, zum Ohr des jungen Mannes geneigt, noch immer über das große Glück, das die Kusine dem Hause gebracht habe: man erspare seitdem die Hälfte an dem Hausbedarf, die Dienstleute hätten Respekt, Angela sei überwacht und sehe ein gutes Beispiel vor sich.

Endlich – flüsterte sie – ist Achilles glücklich wie der Fisch im Wasser, und ich habe nichts zu tun ... Sie pflegt mich; ich lebe, ohne einen Finger zu rühren; sie hat alle Mühsal des Hauswesens auf sich genommen.

Dann erzählte Herr Campardon, wie er die Herren vom Kultusministerium »herumgekriegt« habe.

Denken Sie sich, mein Lieber: Wegen meiner Arbeiten für den Erzbischof von Evreux machte man mir endlose Schwierigkeiten. Ich habe natürlich vor allem Hochehrwürden zu befriedigen gesucht. Allein die neuen Öfen haben mehr als 20 000 Franken gekostet. Nun war aber für diesen Zweck keinerlei Kredit bewilligt, von dem magern bischöflichen Gehalte aber war ein solcher Betrag nicht leicht zu nehmen. Überdies sind die Kosten der Kanzel, für die 3000 Franken bewilligt waren, auf 10 000 gestiegen. Da galt es also, neue 7000 Franken »einzuflicken«.

Also gut: heute morgen ward ich ins Ministerium gerufen; da war ein langer, magerer Herr, der mir eine Standrede hielt. Ich bin kein Freund von dergleichen und warf ihm sogleich die Drohung an den Kopf, daß ich den Bischof nach Paris rufen wolle, damit dieser ihm die Sache erkläre. Hei, wie ward der Mann mit einem Male höflich! Aber so höflich! Ich muß jetzt noch lachen, wenn ich daran denke! Sie müssen wissen: die Leute bei der Regierung haben jetzt eine heillose Furcht vor den Bischöfen. Mit einem Bischof an meiner Seite will ich die Liebfrauenkirche niederreißen und wiederaufbauen.

Diese Geschichte erheiterte die Tischgesellschaft sehr; man äußerte sich ohne jede Achtung über den Minister. Rosa erklärte, man müsse sich mit der Kirche gut vertragen. Seit den Arbeiten zu Sankt Rochus sei Achilles mit Aufträgen überhäuft; die vornehmen Familien »reißen sich« um ihn; er vermöge den Bestellungen kaum mehr zu genügen und müsse oft sogar die Nächte opfern. Gott habe offenbar ihnen seinen Segen zugewendet, und die Familie preise ihn von Tag zu Tag.

Man war beim Nachtisch, als Campardon plötzlich ausrief:

Beiläufig! Wissen Sie, mein Lieber, daß Duverdy sie wiedergefunden ...

Er war im Begriff, Clarisse zu nennen, doch erinnerte er sich rechtzeitig, daß Angela anwesend sei und fügte mit einem Seitenblick auf seine Tochter hinzu:

Er hat seine Verwandte wiedergefunden, Sie wissen ja.

Durch Winke und Blinzeln mit den Augen machte er sich dem Octave verständlich, der nur schwer begreifen wollte.

Ja, Trublot, dem ich begegnet bin, hat es mir gesagt. Vorgestern, als es so heftig regnete, trat Duverdy unter ein Tor, und wen sieht er da? Seine Verwandte, wie sie ihren Regenschirm schüttelt. Trublot war schon acht Tage auf der Suche nach ihr.

Angela schaute bescheiden auf ihren Teller und aß mit vollem Munde. Die Familie beobachtete übrigens in ihren Reden strenge Züchtigkeit.

Ist seine Verwandte hübsch? fragte Rosa.

Wie man's nimmt, erwiderte Octave. Man muß sie so lieben, wie sie sind.

Sie hatte die Kühnheit, eines Tages in den Geschäftsladen zu kommen, erzählte Gasparine, die trotz ihrer Magerkeit die mageren Leute verabscheute. Man hat sie mir gezeigt: eine rechte Hopfenstange!

Gleichviel, sagte der Architekt; Duverdy zappelt wieder an der Angel ... Seine arme Frau ...

Er wollte sagen, daß Clotilde darüber entzückt sein müsse; allein wieder erinnerte er sich, daß Angela anwesend sei, und schloß mit betrübter Miene:

Man verträgt sich nicht immer unter Verwandten ... Mein Gott, in allen Familien kommen Zwistigkeiten vor.

An der andern Seite der Tafel stand Lisa mit einer Serviette über dem Arm und betrachtete Angela; um den Lachreiz zu unterdrücken, beeilte sich diese zu trinken und trank lange, die Nase in ihr Glas steckend.

Kurz vor zehn Uhr zog sich Octave in sein Zimmer zurück, indem er große Müdigkeit vorschützte. Trotz der Freundlichkeiten Rosas fühlte er sich unbehaglich in diesem Kreise, wo er die Feindseligkeit Gasparines gegen sich wachsen sah. Und doch hatte er ihr nichts zuleide getan. Sie haßte in ihm den hübschen Mann; sie hatte ihn in Verdacht, daß er alle Frauen im Hause besitze, und das nährte ihren Ingrimm, ohne daß sie selbst das geringste Verlangen nach ihm gehabt hätte. Aber angesichts seines Glückes gab sie dem instinktiven Zorne eines Weibes nach, dessen Schönheit zu rasch verwelkt war.

Sobald Octave fortgegangen war, schickte auch die Familie Campardon sich an, schlafen zu gehen. Rosa brachte jeden Abend, bevor sie ins Bett stieg, zwei Stunden in ihrem Toilettezimmer zu. Sie wusch sich mit Parfüms, frisierte sich, besichtigte Augen, Ohren, Mund, legte ein Pflästerchen auf das Kinn und so weiter. Den Luxus der Schlafröcke ersetzte bei Nacht der Luxus der Hemden und Häubchen. Gasparine war ihr dabei behilflich, reichte ihr das Waschbecken, wischte das verschüttete Wasser auf, rieb sie mit Trockentüchern ab – es waren dies kleine vertrauliche Dienste, welche die Kusine weit geschickter zu versehen wußte als die Magd Lisa.

Ach, wie wohl fühle ich mich! sagte Rosa, sich behaglich im Bett ausstreckend, während Gasparine die Decken und Kissen zurechtlegte.

Sie lachte vergnügt, wie sie so allein in dem großen Bette lag, den zarten, wohlgepflegten Körper in Spitzen eingehüllt. Man hätte glauben mögen: es sei eine Liebende, die den Mann ihrer Herzenswahl erwartet. Wenn sie sich hübsch sah, schlief sie besser. Sie hatte keinen anderen Wunsch.

Bist du in Ordnung? fragte Campardon eintretend. Dann, gute Nacht, mein Kätzchen.

Er seinerseits wolle noch wach bleiben, um zu arbeiten, fügte er hinzu. Doch sie wurde böse; er möge sich doch ein wenig erholen, sagte sie; es sei blöd, sich in dieser Weise umzubringen.

Geh zu Bett, hörst du!... Gasparine, versprich mir, ihn zu Bett zu schicken.

Die Kusine, die eben ein Glas Zuckerwasser und einen Roman von Dickens auf das Nachtkästchen gelegt hatte, schaute Rosa an. Ohne zu antworten, neigte sie sich zu ihr und flüsterte ihr zu:

Du bist ja heute ganz ausnehmend artig!

Sie küßte sie auf beide Wangen mit ihren trockenen Lippen und ihrem bittern Munde in der Ergebenheit einer häßlichen und armen Verwandten. Auch Gampardon schaute sie an, wie sie hochgerötet von dem reichlichen Abendessen und kämpfend mit den Schwierigkeiten der Verdauung dalag. Da küßte auch er sie und wiederholte:

Gute Nacht, Mädelchen!

Gute Nacht, Liebster! Du mußt sogleich zu Bett gehen, hörst du?

Sei unbesorgt! sagte Gasparine. Wenn er um elf Uhr noch nicht schläft, stehe ich auf und nehme ihm die Lampe vor der Nase weg.

Campardon saß bis elf Uhr gähnend über dem Bauplan zu einem Schweizerhäuschen, das er für einen Schneider in der Rameau-Straße bauen sollte; dann kleidete er sich langsam aus, wobei er an seine artige und hübsche Frau dachte, warf sein Bett durcheinander, um die Mägde zu täuschen und suchte Gasparine in dem ihrigen auf. Sie schliefen daselbst sehr schlecht, weil das Bett zu enge war, so daß sie sich mit dem Ellbogen stießen. Besonders ihm, der am Rande des Pfühls sich im Gleichgewicht halten mußte, war am Morgen der eine Schenkel wie gebrochen.

Um die nämliche Zeit war die Köchin Victoire mit dem Geschirr fertig geworden und ging in ihr Zimmer hinauf. Lisa kam wie gewöhnlich nachsehen, ob es dem Fräulein Angela an nichts mangle. Letztere lag schon im Bett und erwartete die Zofe. Da gab es allabendlich vor den Eltern verheimlichte, endlose Kartenpartien auf der Bettdecke. Dabei wurde auf die Kusine gelästert, die von der Magd in unbarmherziger Weise entkleidet wurde. So rächten sie sich für die Unterwürfigkeit, die sie tagsüber heucheln mußten; Lisa empfand ein niedriges Vergnügen an dieser Entsittlichung Angelas, deren frühreife, krankhafte Neugierde sie befriedigte. Diese Nacht waren sie wütend auf Gasparine, die seit zwei Tagen den Zucker verschloß, mit dem sich die Magd die Taschen zu füllen pflegte, um sie dann auf der Bettdecke des Kindes zu leeren. Ein solches Kamel! Man hat kein Stückchen Zucker mehr vor dem Schlafengehen!

Ihr Papa gibt ihr doch Zucker genug, sagte Lisa mit frechem Lachen.

Oh ja, stimmte Angela gleichfalls lachend bei.

Was tut Ihr Papa ihr denn? Zeigen Sie einmal!

Da warf das Kind sich an den Hals der Magd, schloß sie in ihre nackten Arme und küßte sie heftig auf den Mund, indem sie sagte:

Schau, so! ...

Es schlug zwölf Uhr. Campardon und Gasparine ächzten in ihrem schmalen Bett, während Rosa in dem ihrigen behaglich den Dickens las und vor Vergnügen lachte, daß ihr die Tränen über die Wangen rannen. Es herrschte tiefe Stille; die Nacht senkte ihre keuschen Schatten auf die Ehrbarkeit der Familie herab.

Octave hatte, als er sich in sein Zimmer hinaufbegab, bei den Pichons Gesellschaft gefunden. Julius rief ihn herein, er wollte ihm durchaus etwas anbieten. Herr und Frau Vuillaume waren da; sie hatten sich anläßlich der Entbindung ihrer Tochter im September mit ihren Kindern ausgesöhnt. Sie hatten sogar eingewilligt, an einem Dienstag bei ihnen zu speisen, um die Wiedergenesung Mariens zu feiern. Um ihre Mutter zu besänftigen, hatte Frau Pichon sich entschlossen, das zweite Kind – wieder ein Mädchen, dessen Anblick sie erzürnte – in die Ammenschaft aufs Land zu geben. Lilitte, betrunken von einem Glase Wein, das ihre Eltern sie auf die Gesundheit des Schwesterchens hatten leeren lassen, war am Tische eingeschlafen.

Nun, zwei darf man sich noch gefallen lassen, sagte Frau Vuillaume, indem sie mit Octave anstieß. Aber mein Herr Schwiegersohn: nun ist's genug!

Alle lachten, nur Frau Vuillaume blieb ernst. Sie fuhr fort:

Es gibt da nichts zu lachen. Dieses eine lassen wir uns noch gefallen, wenn aber noch eines käme...

Wenn noch eines käme, schloß Herr Vuillaume, so wäre das ein Beweis, daß ihr weder Herz noch Verstand habt! Das Leben ist ernst, und wenn man keine Reichtümer besitzt, um sich allerlei Vergnügungen zu gönnen, muß man sich zurückhalten...

Dann wandte er sich an Octave:

Sehen Sie, mein Herr, ich habe eine Auszeichnung erhalten. Um nicht allzu viele Bänder zu beschmutzen, trage ich den Orden nur, wenn ich ausgehe. Wenn ich mich und meine Frau des Vergnügens beraube, im Hause die Auszeichnung zu tragen, können unsere Kinder sich wohl des Vergnügens berauben, Töchter zu machen.

Doch die Pichons wiesen einen solchen Gedanken von sich. Marie erklärte, daß sie gar zuviel dabei gelitten habe, und Julius sagte, er wollte sich lieber entzweischneiden lassen.

Die Vuillaume nickten zufrieden. Sie hatten ihren Kindern das Versprechen abgenommen und verziehen ihnen.

Als die Uhr die zehnte Abendstunde schlug, erhoben sie sich, und man küßte einander zum Abschied. Julius setzte seinen Hut auf, um sie zum Omnibus zu begleiten. Die Wiederaufnahme der lieben alten Gewohnheiten rührte sie dermaßen, daß sie auf dem Treppenabsatz einander zum zweiten Male umarmten.

Auf das Treppengeländer gestützt, blickte Marie ihnen nach, dann begab sie sich mit Octave in das Speisezimmer zurück und sagte:

Mama ist nicht so böse; und dann hat sie auch recht; es ist ganz und gar nicht angenehm, Kinder zu haben.

Sie hatte die Türe geschlossen und war damit beschäftigt, die Gläser vom Tisch wegzuräumen. Das schmale, durch eine Lampe schwach beleuchtete Zimmer war noch ganz warm von dem kleinen Familienfeste. Lilitte schlief noch immer, das Köpfchen auf eine Ecke des Tisches gebeugt.

Ich werde bald zu Bett gehen, murmelte Octave.

Dabei setzte er sich, denn er fand es recht behaglich in diesem Zimmer.

Wie, Sie wollen schon schlafen gehen? bemerkte die junge Frau. Es kommt bei Ihnen nicht allzuhäufig vor, so früh zu Bette zu gehen. Sie haben wohl morgen zeitig etwas zu tun?

Nein, erwiderte er. Ich bin schläfrig – das ist alles. Aber ich kann schon noch zehn Minuten bleiben.

Er dachte an Berta. Sie sollte erst um halb ein Uhr kommen, er hatte also Zeit. Und der Gedanke, die Hoffnung, sie eine ganze Nacht zu besitzen, machte sein Herz nicht mehr so heftig pochen. Das qualvolle Verlangen, das ihn die Minuten zählen ließ, ihm fortwährend das Bild des nahen Glücks vor die Seele zauberte, ermattete unter der langen Erwartung.

Wollen Sie noch ein Gläschen Kognak? fragte Marie.

Mein Gott, ja.

Er dachte, es werde ihm frischen Mut einflößen. Als sie ihm das Glas abnahm, ergriff er ihre Hände und behielt sie in den seinen. Sie lächelte arglos. Er fand sie reizend in ihrer Blässe einer noch nicht ganz wiederhergestellten Frau. Die ganze Zärtlichkeit, die ihn erfüllte, kam jetzt in ihm zum Durchbruch: sie stieg ihm bis in die Kehle, bis an die Lippen.

Er hatte sie eines Abends ihrem Gatten zurückgegeben, nachdem er vorher einen väterlichen Kuß auf ihre Stirn gedrückt; und nun fühlte er das Bedürfnis, sie wieder zu besitzen, ein unmittelbares und heißes Verlangen, indem das Verlangen nach Berta, gleichsam allzuferne, verschwamm, unterging.

Sie haben heute keine Furcht? fragte er sie, indem er ihre Hände noch stärker drückte.

Nein, da das künftig unmöglich ist ... Wir werden stets gute Freunde bleiben!

Sie gab ihm zu verstehen, daß sie alles wisse. Saturnin mußte geschwatzt haben. Überdies habe sie es wohl bemerkt, wenn Octave die nächtlichen Besuche einer gewissen Person empfing. Da er voll Unruhe erbleichte, beruhigte sie ihn rasch: sie werde keinem Menschen ein Wort davon sagen; sie sei auch nicht böse darüber, sie wünsche ihm vielmehr Glück zu seiner neuen Verbindung.

Als verheiratete Frau kann ich Ihnen doch nicht gram darüber sein.

Er zog sie auf seine Knie nieder und rief:

Du bist es, die ich liebe!

Er sprach die Wahrheit; in diesem Augenblicke liebte er nur sie mit einer grenzenlosen Leidenschaft. Seine neue Verbindung, die zwei Monate, die er in dem Verlangen nach einer andern zugebracht, waren völlig verschwunden. Wieder sah er sich in diesem schmalen Zimmer, wie er kam, um Marie hinter dem Rücken ihres Mannes auf den Nacken zu küssen, wie sie in ihrer passiven Sanftmut stets gefällig findend. Das war das eigentliche Glück. Wie konnte er seinen Wert verkennen? Er empfand tiefe Reue im Herzen. Er verlangte wieder nach ihr und fühlte, daß er sehr unglücklich sei, wenn er sie künftig nicht besitzen werde.

Lassen Sie mich, flüsterte sie, indem sie sich losmachen wollte. Sie sind nicht vernünftig. Sie werden mir Kummer verursachen... Da Sie eine andere lieben, warum wollen Sie mich quälen?

So wehrte sie sich mit ihrer sanften Miene gegen Dinge, die ihr kein Vergnügen machten. Doch er ward toll.

Du bist es, die ich liebe, begreifst du nicht? Bei allem, was mir heilig ist – ich lüge nicht! öffne mein Herz, um hineinzuschauen!... Ach, ich bitte dich, sei gut! Noch diesmal und dann nie wieder! Heute würdest du mich zu sehr betrüben; ich würde daran zugrunde gehen.

Marie überließ sich ihm kraftlos, gebrochen durch den ungestümen Willen dieses Mannes. Es war bei ihr Gutmütigkeit, Furcht und Dummheit zugleich.

Sie machte eine Bewegung, als wolle sie vorher die schlafende Lilitte in ihr Zimmer tragen. Aber er hielt sie zurück, weil er fürchtete, das Kind könne erwachen. Und sie überließ sich ihm an derselben Stelle, wo sie ihm im vorigen Jahre als gehorsames Weib in die Arme gesunken war. Zu dieser Nachtstunde herrschte eine so tiefe Stille im Hause, daß gleichsam ein leises Summen in dem Zimmer zu vernehmen war. Plötzlich sank die Flamme der Lampe, und sie wären im Finstern geblieben, wenn nicht Marie, sich erhebend, sie noch rechtzeitig emporgeschraubt hätte.

Du zürnst mir? fragte Octave in zarter Dankbarkeit.

Sie gab ihm mit ihren kalten Lippen einen letzten Kuß und sagte:

Nein; aber du handelst nicht recht, besonders was diese Person betrifft; mit mir hatte es nichts mehr zu bedeuten.

Die Tränen traten ihr in die Augen; sie war traurig, aber ohne Groll. Als er sie verließ, war er unzufrieden; er wollte zu Bett gehen und schlafen. Nachdem seine Leidenschaft befriedigt war, fühlte er etwas wie einen herben Nachgeschmack. Indes mußte jetzt die andere bald kommen, er mußte sie erwarten; dieser Gedanke an die andere lastete mit fürchterlicher Wucht auf seinen Schultern; er wünschte eine Katastrophe herbei, die sie hindern würde, heraufzukommen, während er früher ganze Nächte verbracht hatte, fieberhaft Pläne zu schmieden, wie er sie eine Stunde lang in seinem Zimmer haben könne. Vielleicht werde sie wieder einmal ihr Wort nicht halten? Das war eine Hoffnung, der er sich kaum hinzugeben wagte.

Es schlug die Mitternachtsstunde. Octave lauschte ermüdet, stehend, und fürchtete jeden Augenblick das Rauschen ihrer Röcke auf dem engen Korridor zu hören. Um halb ein Uhr ergriff ihn eine wahre Angst, um ein Uhr glaubte er sich gerettet, und dennoch lag in dieser Erleichterung eine dumpfe Gereiztheit, die Verdrossenheit eines Mannes, den eine Frau zum besten hält. Als er sich endlich laut gähnend zu entkleiden anschickte, ward dreimal leise an die Türe gepocht. Es war Berta. Er war verdrossen und geschmeichelt zugleich; er ging ihr mit offenen Armen entgegen, doch sie schob ihn beiseite und horchte zitternd an der Tür, die sie heftig geschlossen hatte.

Was gibt es? fragte er mit gedämpfter Stimme.

Ich weiß nicht, ich hatte große Furcht, stammelte sie. Es ist so finster auf dieser Treppe; ich glaubte, daß mich jemand verfolge. Mein Gott, wie dumm sind diese Abenteuer! Es wird uns sicherlich noch ein Unglück widerfahren!

Beide waren vor Schreck erstarrt und vergaßen sich zu küssen. Gleichwohl war sie reizend in ihrem weißen Nachtkleide, mit ihrem Goldhaar, das über den Nacken in einem Knoten aufgesteckt war. Er betrachtete sie und fand sie weit hübscher als Marie; aber er hatte kein Verlangen mehr nach ihr; es war ihm jetzt schon ein Frondienst.

Berta setzte sich, um zu Atem zu kommen und als sie auf dem Tische eine Schachtel bemerkte, in der sie den Schal vermutete, von dem sie seit acht Tagen sprach, tat sie plötzlich sehr erzürnt.

Ich gehe, sagte sie, ohne sich aber zu erheben.

Wie, du gehst?

Glaubst du etwa, daß ich mich verkaufe? Du verletzest mich immerfort und verleidest mir heute wieder mein Glück. Warum hast du den Schal gekauft, da ich es dir verboten habe?

Sie erhob sich und ließ sich erst nach vielem Bitten herbei, ihn anzuschauen. Doch als sie in die offene Schachtel blickte, war sie sehr enttäuscht. Sie konnte sich nicht enthalten, entrüstet auszurufen:

Wie, das ist kein Chantilly... Das ist ja ein Lamaschal!

Octave, der in letzter Zeit seine Geschenke verminderte, hatte in einer Regung von Geiz einen Lamaschal statt eines solchen von Chantilly gekauft. Er bemühte sich, ihr zu erklären, daß es prächtigen Lama gebe, der an Schönheit dem Chantilly nicht nachstehe, und pries den Artikel, als ob er hinter dem Ladenpulte stehe, nötigte sie, die Spitze zu betasten, und schwur ihr, daß das Stück ihr Leben lang dauern werde. Doch sie schüttelte den Kopf und sagte in geringschätzigem Tone:

Der kostet schließlich doch nur 100 Franken, während der andere 300 gekostet haben würde.

Als sie ihn erbleichen sah, fügte sie hinzu:

Du bist dennoch gut; nicht das Geld macht den Wert des Geschenkes aus, wenn mir sonst die gute Absicht vorhanden ist.

Sie hatte sich wieder gesetzt; es herrschte Schweigen im Zimmer. Nach kurzer Zeit fragte er, ob sie nicht zu Bette gehen würden. Gewiß, erwiderte sie; sie würden zu Bett gehen. Doch sie sei von der tollen Furcht, die sie auf der Treppe gehabt, noch so aufgeregt.

Dann kam sie wieder auf ihre Besorgnisse wegen Rachels zu sprechen; sie erzählte, wie sie August im Gespräche mit der Magd hinter einer Tür überrascht habe. Es wäre doch so leicht gewesen, dieses Mädchen zu bestechen, wenn man ihr von Zeit zu Zeit ein Hundertsousstück gegeben hätte: allein sie habe niemals 100 Sous, denn sie habe nichts. Ihre Stimme wurde herb; der Gedanke an den Lamaschal, von dem sie jetzt nicht mehr sprach, erfüllte sie mit einer solchen Wut, daß sie schließlich ihren Geliebten mit den nämlichen Klagen überhäufte, mit denen sie auch ihren Gatten verfolgte.

Ist das ein Leben? Niemals einen Heller zu besitzen? Wegen des geringsten Bedürfnisses beschämt dazustehen? Ach, ich habe es satt!...

Octave, der, im Zimmer auf und ab gehend, seine Weste aufknöpfte, fragte sie:

Weshalb sagst du mir all das?

Wie, weshalb? Es gibt Dinge, die der Zartsinn Ihnen sagen müßte, ohne daß ich genötigt wäre, errötend davon zu sprechen. Hätten Sie sich nicht längst der Ergebenheit dieses Mädchens versichern müssen?

Sie schwieg eine Weile, dann fügte sie mit verächtlich spöttischer Miene hinzu:

Es hätte Sie nicht ruiniert.

Wieder trat Stillschweigen ein. Der junge Mann, immer auf und ab gehend, sagte endlich:

Ich bin nicht reich; ich bedaure es Ihrethalben.

Da nahm die Sache eine ernste Wendung; der Streit nahm eine Heftigkeit an wie unter Eheleuten.

Sagen Sie lieber gleich, daß ich Sie um Ihres Geldes willen liebe! schrie sie mit der Derbheit ihrer Mutter, deren Ausdrücke ihr auf die Lippen kamen. Ich bin ein Geldweib, wie? Wohlan, ja: ich bin ein Geldweib, weil ich vernünftig bin! Vergebens werden Sie das Gegenteil behaupten: Geld bleibt doch immer Geld! Wenn ich 20 Sous hatte, sagte ich immer, daß ich 40 habe; denn es ist besser, Neid zu erregen als Mitleid.

Er unterbrach sie, um mit ermüdeter Miene wie einer, der den Frieden will, zu sagen:

Höre mich an. Wenn der Lamaschal dich ärgert, will ich dir einen Chantillyschal kaufen.

Ich denke gar nicht mehr an Ihren Schal! rief sie wütend. Alles andere kränkt mich; verstehen Sie? Sie sind ganz genau so, wie mein Mann. Es wäre Ihnen ganz gleichgültig, mich barfuß durch die Gassen gehen zu sehen. Wenn man eine Frau hat, ist doch das mindeste, daß man sie kleidet und ernährt. Das wird ein Mann nie begreifen. Ihr würdet mich im Hemde ausgehen lassen, wenn ich es täte.

Wütend über diesen ehelichen Zwist, entschloß sich Octave, gar nicht zu antworten, da er bemerkt hatte, daß August zuweilen in dieser Weise sich ihrer entledigte. Er hatte sich langsam entkleidet und ließ den Strom über sich ergehen, wobei er an den Mißerfolg seiner Liebschaften dachte. Nach dieser da hatte er heißes Verlangen bis zu dem Grade, daß er bereit gewesen wäre, alle seine Berechnungen umzustoßen; und nun, da sie sich in seinem Zimmer befand, machte sie ihm eine Szene, eine schlaflose Nacht, als ob sie schon sechs Monate miteinander verheiratet seien.

Gehen wir zu Bett, willst du? fragte er endlich. Wir haben uns soviel Glück versprochen, und es ist wahrhaft dumm, die Zeit damit zuzubringen, daß wir einander unangenehme Dinge sagen.

Zur Versöhnung gestimmt, ohne großes Verlangen aber doch höflich, wollte er sie küssen. Allein sie stieß ihn zurück und brach in Tränen aus. Er verzichtete darauf, mit ihr zu einem Ziel zu gelangen und warf wütend die Schuhe ab, entschlossen, ohne sie zu Bett zu gehen.

Sie werden mir am Ende vielleicht auch meine Ausgänge vorwerfen? stammelte sie unter Tränen. Werfen Sie mir vor, daß ich Ihnen zu viel Kosten mache! O, ich sehe klar. All dies ist wegen dieses abscheulichen Geschenkes! Sie würden mich in einem Koffer eingeschlossen halten, wenn Sie könnten. Ich habe Freundinnen und will sie besuchen; das ist doch kein Verbrechen... Und was Mama betrifft...

Ich lege mich schlafen, sagte er, sich ins Bett werfend. Entkleide dich und laß deine Mama aus dem Spiel, die dir einen netten Charakter anerzogen hat, was ich mit deiner Erlaubnis hiermit feststelle.

Sie entkleidete sich mechanisch; dabei ereiferte sie sich immer mehr und sagte mit erhobener Stimme:

Mama tut ihre Pflicht. Sie haben nicht von ihr zu reden. Ich verbiete Ihnen, ihren Namen auszusprechen. Das fehlt noch, daß Sie meine Familie angreifen!

Da sie die Schnur ihres Unterrockes nicht lösen konnte, zerriß sie die Schlinge. Dann setzte sie sich an den Rand des Bettes und fuhr fort:

O, wie beklage ich meine Schwäche, mein Herr. Wenn man alles voraussehen könnte, würde man sich manches überlegen!

Sie befand sich jetzt im Hemd, die nackten Beine und Arme zeigten die Fülle einer wohlgenährten, kleinen Frau. Ihr vom Zorn geschwellter Busen quoll aus den Spitzen hervor. Octave, der zuerst tat, als wollte er zur Mauer gewendet bleiben, warf sich mit einem Ruck herum.

Was, Sie bedauern, mich geliebt zu haben?

Gewiß; Sie sind ein Mensch, der ein Frauenherz nicht begreift!

Sie sahen einander an mit harten, lieblosen Mienen. Sie hatte ein Knie auf den Rand der Matratze gesetzt; ihr Busen war gespannt, die Schenkel eingebogen: es war die anmutige Bewegung einer Frau, die im Begriff ist, zu Bett zu gehen. Doch er hatte kein Auge mehr für ihr rosiges Fleisch, für die biegsamen, zurückweichenden Linien ihres Rückens.

Ach, mein Gott, wenn ich von vorne anfangen könnte! fügte sie hinzu.

So würden Sie einen andern nehmen, nicht wahr? sagte er rücksichtslos sehr laut.

Sie hatte sich unter der Decke neben ihm ausgestreckt und war im Begriffe, ihm im nämlichen erbitterten Tone zu antworten, als heftig an die Türe gepocht wurde. Beide lagen vor Entsetzen erstarrt da. Draußen sprach eine dumpfe Stimme:

Öffnet, ich höre euch eure Schweinereien machen! ... Öffnet, oder ich stoße alles ein!

Es war die Stimme des Gatten. Die beiden Liebenden rührten sich noch immer nicht; sie waren so verwirrt, daß ihnen kein Gedanke kommen wollte; völlig kalt, wie tot, lagen sie Leib an Leib. In dem instinktiven Bedürfnis, den Liebhaber zu fliehen, sprang Berta endlich aus dem Bette, während der Gatte draußen schrie:

Öffnet, öffnet!

Eine unbeschreibliche Verwirrung und Angst herrschte in dem Zimmer. Berta lief kopflos in dem Zimmer umher, einen Ausgang suchend, von bleicher Todesfurcht erfüllt. Octave, dem bei jeden Faustschlag gegen die Tür das Herz erbebte, stemmte sich in unwillkürlicher Regung gegen die Tür, als wollte er sie dadurch befestigen. Das wird unerträglich, sagte Octave; dieser Schwachkopf wird das ganze Haus alarmieren; es wäre das beste, zu öffnen.

Als sie diese Absicht Octaves sah, hängte sie sich an seine Arme und flehte ihn mit ihren schreckensstarren Augen an: Nein, um Gottes willen, nein! Der andere würde mit einem Pistol oder einem Messer über Sie herfallen.

Bleich und von ihrem Schrecken fortgerissen, hatte er in aller Eile ein Beinkleid angezogen; dabei bat er sie halblaut, sich anzukleiden. Doch sie tat nichts dergleichen, sie blieb nackt und vermochte nicht einmal ihre Strümpfe zu finden. Der Gatte draußen ward inzwischen immer wütender.

Ihr wollt nicht, ihr antwortet nicht? Gut ihr sollt sehen!

Octave hatte schon seit dem letzten Mietsquartal den Hausbesitzer wiederholt gebeten, zwei Riegel an seiner Türe anbringen zu lassen, denn das Schloß saß sehr lose in dem Holze. Jetzt krachte plötzlich die Türe, das Schloß sprang ab und August, in seinem Anlauf das Gleichgewicht verlierend, fiel mitten in das Zimmer hinein.

Herrgott nocheinmal! fluchte er.

Er hielt nur einen Schlüssel in der Hand, seine Faust blutete, er hatte sie sich bei dem Falle verletzt. Als er bleich, wütend und beschämt über diesen lächerlichen Einzug sich erhob, fuchtelte er mit den Armen herum und wollte sich auf Octave stürzen. Doch dieser packte, obgleich verlegen über den Zustand, in dem er sich befand, mit starker Faust die Hand des andern und rief:

Mein Herr, Sie verletzen mein Hausrecht! Das ist unwürdig! So benimmt sich kein Mann von Ehre!...

Er war nahe daran, ihn zu prügeln. Während ihres kurzen Kampfes hatte sich Berta im Hemde durch die weit offen stehende Tür geflüchtet; sie glaubte in der blutenden Faust ihres Gatten ein Küchenmesser funkeln zu sehen und fühlte schon die kalte Klinge in ihrer Schulter. Wie sie durch den finstern Flur lief, glaubte sie, das Geräusch von Ohrfeigen zu hören, ohne zu wissen, wer sie gegeben, und wer sie empfangen habe. Sie hörte einen Austausch von Reden, ohne zu wissen, von wem sie kamen:

Ich stehe zu Diensten. Sobald es Ihnen beliebt! ...

Gut, Sie sollen von mir hören! ...

Mit einem Sprung hatte sie die Dienstbotentreppe erreicht. Allein als sie im zweiten Stockwerke vor ihrer Küche angelangt war, fand sie diese verschlossen; den Schlüssel hatte sie oben in der Tasche ihres Schlafrockes vergessen. Überdies war keine Lampe, nicht der geringste Lichtstreif unter der Tür zu sehen. Ohne Zweifel hatte die Magd sie verraten. Unverweilt lief sie zurück und kam wieder an dem Zimmer Octaves vorbei, wo noch immer der heftige Streit der beiden Männer zu hören war.

Sie stieg rasch die Haupttreppe hinab in der Hoffnung, daß August vielleicht die Tür der Wohnung offen gelassen habe. Sie dachte, sich in ihrem Zimmer einzuschließen und niemanden einzulassen. Doch auch hier stieß sie auf eine verschlossene Tür. Verjagt aus ihrer Behausung, unbekleidet wie sie war, verlor sie vollends den Kopf; sie rannte treppauf, treppab, wie ein gehetztes Wild, das nicht weiß, wo es sich bergen soll. Niemals werde sie es wagen, an der Türe ihrer Eltern zu pochen. Einen Augenblick hatte sie den Gedanken, sich zu den Hausmeistersleuten zu flüchten, doch die Scham trieb sie zurück. Sie horchte über das Treppengeländer hinab; die Schläge ihres Herzens raubten ihr das Gehör in dieser tiefen Stille; ihre Augen waren geblendet von leuchtenden Flammen, die aus der tiefen Finsternis heraufzuschlagen schienen. Sie fürchtete immer das Messer in der Faust ihres Gatten, dessen Spitze ihr in den Leib dringen könne. Da entstand plötzlich ein Geräusch; sie bildete sich ein, daß er komme und fühlte ein tödliches Frösteln bis in das innerste Mark der Gebeine. Weil sie sieh eben vor der Türe der Campardons befand, begann sie zu läuten, verzweifelt zu läuten, daß schier die Glocke riß.

Mein Gott, ist Feuer ausgebrochen? rief innen eine erschrockene Stimme.

Die Türe ward sogleich geöffnet. Es war Lisa, die, auf den Fußzehen schleichend, einen Leuchter in der Hand, jetzt erst Angela verließ. Als so wütend an der Glocke gerissen wurde, befand sie sich eben im Vorzimmer. Beim Anblicke Bertas, die im Hemde vor ihr stand, war sie erstarrt.

Was geht vor? fragte sie.

Die junge Frau war hastig eingetreten und hatte die Türe hinter sich zugezogen. Dann stammelte sie fast atemlos, an die Wand gelehnt:

Still! ... Er will mich töten.

Lisa konnte keine vernünftige Aufklärung von ihr erhalten; da erschien Campardon beunruhigt. Der unbegreifliche Lärm hatte ihn und Gasparine aus ihrem engen Bette getrieben. Er hatte in der Eile nur eine Unterhose angezogen; sein dickes Gesicht war gerötet und in Schweiß gebadet; der gelbe Bart zerdrückt und voll weißer Flaumen. Er war ganz atemlos und suchte sich das Aussehen eines Ehegatten zu geben, der allein schläft.

Sind Sie es, Lisa? rief er im Salon. Was machen Sie denn noch da?

Ich war nicht sicher, ob ich die Türe geschlossen hätte, und mich zu beruhigen, kam ich herab und habe noch einmal nachgesehen. Und da kam Frau ...

Als der Architekt Berta im Hemde an die Wand seines Vorzimmers gelehnt sah, war er höchlich befremdet. Berta vergaß, daß sie nackt sei, und wiederholte:

Ach, mein Herr! Verbergen Sie mich hier! Er will mich töten! ...

Wer denn? fragte er.

Mein Mann.

Hinter dem Architekten tauchte jetzt die Kusine auf. Sie hatte sich die Zeit genommen, ein Kleid umzuwerfen; mit ungeordnetem Haar, auch sie voll Flaumen, mit platter, hängender Brust, die Knochen schier das Kleid durchstoßend, so war sie erschienen. Der Anblick der nackten Berta mit ihren zarten, vollen Formen erbitterte sie, und sie fragte die junge Frau:

Was haben Sie denn Ihrem Manne getan?

Bei dieser einfachen Frage geriet Berta in die tiefste Scham und Verwirrung. Sie sah sich nackt, und ein Blutstrom rötete sie vom Kopf bis zu den Füßen. In diesem langen Beben der Scham kreuzte sie die Arme über die Brust und stammelte:

Er hat mich gefunden ... Er hat mich überrascht ...

Die beiden anderen begriffen und tauschten einen Blick der Entrüstung aus. Lisa, die mit ihrer Kerze diese Szene beleuchtete, glaubte die Entrüstung ihrer Herrenleute teilen zu sollen. Die Erklärung mußte übrigens unterbrochen werden, denn auch Angela war herbeigeeilt. Sie tat, als sei sie soeben erwacht und rieb sieh die schlaftrunkenen Augen. Bei dem Anblick der Dame im Hemde blieb sie plötzlich stehen, und ihr zarter, schmächtiger Körper eines frühreifen Mädchens erbebte.

Oh! rief sie bloß.

Es ist nichts, geh' schlafen, sagte ihr Vater.

Als er sah, daß er ihr irgendeine Geschichte vormachen müsse, erzählte er die erstbeste, die ihm einfiel. Aber sie war gar zu albern.

Gnädige Frau hat sich auf der Treppe den Fuß verstaucht und ist zu uns hereingekommen, damit wir ihr beistehen ... Geh' schlafen; du wirst dich erkälten.

Lisa mußte ein Lachen unterdrücken, als sie die weit offenen Augen Angelas sah, die in ihr Bett sehr vergnügt zurückkehrte, weil sie das gesehen hatte. Seit einer Minute hörte man Frau Campardon aus ihrem Zimmer rufen. Sie hatte ihre Lampe noch nicht ausgelöscht, so sehr interessierte sie der Dickens, und sie wollte wissen, was es gebe, wer da sei, weshalb man sie nicht benachrichtige?

Kommen Sie, gnädige Frau, sagte der Architekt zu Berta. Sie bleiben einen Augenblick hier, Lisa.

Rosa lag noch breit und bequem in ihrem großen Bett. Da thronte sie mit ihrem königlichen Luxus, mit ihrer Ruhe eines Götzenbildes. Sie war sehr gerührt durch ihre Lektüre; sie hatte sich den Dickens auf die Brust gelegt, und das Buch ward durch die Wallungen ihres Busens sanft gehoben. Als die Kusine sie in aller Kürze unterrichtete, war auch sie empört. Wie konnte man mit einem andern Mann gehen als mit dem eigenen Gatten? Und ein Ekel erfaßte sie vor der Sache, der sie entwöhnt war.

Doch jetzt verloren sich die Blicke des Architekten auf die Gestalt der jungen Frau, was wieder Gasparine erröten machte.

Das ist unmöglich! rief sie entrüstet aus; verhüllen Sie sich; das ist wahrhaftig eine unmögliche Lage.

Damit warf sie ihr ein großes, gewirktes Tuch von Rosa, das auf einem Möbelstück lag, über die Schultern.

Berta zitterte noch immer. Obgleich sie in Sicherheit war, wandte sie sich dennoch angsterfüllt zur Türe. Ihre Augen hatten sich mit Tränen gefüllt; sie flehte die Dame an, die so ruhig, so behaglich dalag.

Ach, gnädige Frau, behalten Sie mich hier! Retten Sie mich! ... Er will mich töten! ...

Es entstand ein verlegenes Stillschweigen. Alle drei befragten einander mit den Blicken, ohne ihre Mißbilligung eines so strafbaren Betragens zu verbergen. Es sei auch ganz und gar nicht zu rechtfertigen, dachten sie sich, daß man die Leute nach Mitternacht so im bloßen Hemde aufstöbere. Es ist taktlos, andere Leute so in Verlegenheit zu bringen.

Wir haben ein junges Mädchen im Hause, sagte Gasparine endlich. Bedenken Sie unsere Verantwortlichkeit.

Sie werden bei Ihren Eltern besser aufgehoben sein, sagte der Architekt ... Wenn ich Sie dahin führen soll ...

Berta ward wieder vom Sehreck ergriffen.

Nein, nein! Er ist auf der Treppe und würde mich töten.

Sie flehte nochmals, man möge sie beherbergen; sie werde auf einem Sessel die Nacht zubringen und sich am Morgen ganz sachte entfernen. Der Architekt und seine Gattin waren nahe daran nachzugeben; er, weil ihn die Reize der jungen Frau weicher stimmten; sie, weil dieses nächtliche Ereignis sie interessierte. Doch Gasparine war unerbittlich. Sie war indes neugierig und fragte schließlich:

Wo waren Sie denn?

Da oben in dem Zimmer; im Hintergrunde des Ganges. Sie wissen ...

Campardon erhob die Arme und rief:

Wie, mit Octave? Unmöglich!

Mit Octave, diesem Rohrspatz, ein so hübsches, dickes Weibchen! Das verdroß ihn sehr. Auch Rosa war jetzt verdrossen und ernster gestimmt. Gasparine ihrerseits war außer sich, verzehrt von ihrem instinktiven Haß gegen den jungen Mann. Wieder er! Sie wußte wohl, daß er sie alle besitze, aber sie werde die Dummheit nicht so weit treiben, sie ihm noch warm zu halten.

Versetzen Sie sich doch in unsere Lage, sagte sie mit Härte. Ich wiederhole Ihnen, daß wir ein junges Mädchen im Hause haben.

Dann, fügte Campardon hinzu, müssen wir auf das Haus, auf Ihren Gemahl Rücksicht nehmen, mit dem ich stets die besten Beziehungen unterhalten habe ... Er wäre mit Recht erstaunt über einen solchen Schritt von meiner Seite. Wir können doch nicht etwas tun, Gnädigste, was gleichbedeutend wäre mit der Gutheißung Ihres Betragens! Ich erlaube mir kein Urteil über dieses Betragen, aber, gelinde gesprochen, ist es ziemlich leichtfertig.

Gewiß: wir wollen nicht den ersten Stein auf Sie werfen, fügte Rosa hinzu; aber die Welt ist so schlecht. Man würde sagen, daß Sie bei uns Ihre Zusammenkünfte gehabt haben. Und Sie wissen, mein Mann arbeitet für sehr sittenstrenge Leute. Bei dem geringsten Schatten, der auf seine Moralität fiele, würde er alle seine Kunden verlieren ... Wie kommt es, gnädige Frau, – erlauben Sie mir die Bemerkung – daß Ihr religiöses Gefühl Sie von einem solchen Betragen nicht zurückgehalten hat? Dieser Tage erst hat uns der Abbé Mauduit mit einer wahrhaft väterlichen Zuneigung von Ihnen gesprochen.

Von diesen dreien ins Kreuzfeuer genommen, drehte Berta den Kopf bald dahin, bald dorthin, immer bestürzt auf den blickend, der sprach. Zu ihrem Schrecken begriff sie allmählich und war betroffen darüber, sich hier zu befinden. Weshalb hatte sie angeläutet? Was suchte sie unter diesen Leuten, die sie nur störte? Sie betrachtete alle drei: die Frau breit in ihrem Bett, der Mann mit einer Unterhose, die Kusine mit einem dünnen Röckchen bekleidet, beide weiß von den Federn des nämlichen Kissens. Sie hatten recht: man überraschte die Leute nicht in dieser Weise. Da der Architekt sie allgemach in das Vorzimmer drängte, ging sie fort, ohne die Vorwürfe Rosas auch nur zu beachten.

Soll ich Sie zu Ihren Eltern begleiten? fragte Campardon nochmals. Ihr Platz ist bei ihnen.

Sie lehnte mit einer Gebärde des Entsetzens ab.

Dann erlauben Sie, daß ich einen Blick auf die Treppe werfe, denn ich wäre in Verzweiflung, wenn Ihnen das geringste widerfahren würde.

Lisa mit ihrem Leuchter stand noch mitten im Vorzimmer. Er nahm die Kerze, trat auf den Treppenabsatz hinaus, kam aber gleich wieder zurück.

Ich schwöre Ihnen, gnädige Frau, daß niemand da ist ... Eilen Sie!

Berta, die kein Wort mehr sagte, riß sich jetzt das Tuch von den Schultern, das man ihr geliehen hatte und warf es zu Boden mit den Worten:

Nehmen Sie, das gehört Ihnen! Da er mich töten wird – was nützt es mir?

Damit ging sie fort, hinaus auf die finstere Treppe im Hemde, wie sie gekommen war. Campardon verschloß die Türe hinter ihr, wobei er wütend brummte:

Geh', laß dich anderwärts hängen!

Als Lisa hinter ihm in ein Gelächter ausbrach, fügte er hinzu:

Es ist wahr; wenn man solchen Leuten Einlaß gewähren würde, könnte man sich jede Nacht auf ähnliche Abenteuer gefaßt machen. Jeder bleibe für sich. Ich gebe ihr gerne 100 Franken; aber meinen Ruf will ich makellos erhalten.

Rosa und Gasparine tauschten mittlerweile ihre Bemerkungen aus. Hat man jemals eine so schamlose Person gesehen? Nackt auf den Treppen umherzuspazieren! Es gibt wahrhaftig Weiber, die gar nichts achten, wenn es über sie kommt!

Doch es war zwei Uhr nach Mitternacht, man mußte schlafen gehen. Man umarmte einander von neuem. Gute Nacht, mein Liebster! Gute Nacht, Mädelchen! Wie gut ist es doch, sich zu lieben und zu vertragen, wenn man bei anderen Eheleuten solche Dinge sieht!

Rosa nahm wieder ihren Dickens zur Hand, der ihr auf den Bauch hinabgeglitten war. Sie gedachte, noch eine Weile zu lesen, um dann gut einzuschlafen. Campardon folgte Gasparine und ließ diese zuerst zu Bett gehen, um sich dann neben ihr auszustrecken. Beide brummten verdrießlich, denn die Bettücher waren kalt geworden, und es werde eine halbe Stunde dauern, bis sie wieder warm würden. Lisa, die, ehe sie hinaufging, noch einmal zu Angela zurückgekehrt war, sagte dieser:

Die Dame hat eine Verrenkung. Zeigen Sie einmal, wie ist sie zu ihrer Verrenkung gekommen?

Schau so! erwiderte das Kind, indem es sich Lisa an den Hals warf und sie auf den Mund küßte.

Inzwischen zitterte Berta draußen auf der Treppe. Es war kalt, denn die Treppenheizung beginnt erst mit dem ersten November. Doch legte sich ihre Furcht allmählich. Sie war zur Tür ihrer Wohnung gegangen und hatte ein wenig gehorcht: nichts, keinerlei Geräusch. Dann ging sie in den vierten Stock hinauf, wagte aber nicht, bis zu Octaves Zimmer zu gehen; sie horchte auch hier, aber es herrschte Grabesstille, nicht der leiseste Laut war zu vernehmen.

Schließlich hockte sie auf der Strohmatte vor der Türe ihrer Eltern nieder, in der unbestimmten Hoffnung, daß Adele kommen werde. Der Gedanke, ihrer Mutter alles zu gestehen, entsetzte sie, als ob sie noch ein kleines Mädchen sei. Die Feierlichkeit der Treppe erfüllte sie allmählich mit neuer Angst. Streng und dunkel lag die Treppe da. Obgleich sie von niemanden gesehen ward, schämte sie sich darüber, sich so nackt inmitten der Ehrbarkeit dieser vergoldeten Zinkverzierung und des falschen Marmors der Wände zu finden. Durch die hohen Mahagonitüren schien die eheliche Würde der Schlafzimmer auf sie einzudringen. Niemals hatte ein so tugendhafter Atem durch dieses Haus geweht. Sie fühlte sich gleichsam wie einen Skandal gegen diese Mauern, zog ihr Hemd enger zu, verbarg ihre nackten Füße in der Furcht, das Gespenst des sittenstrengen Herrn Gourd auftauchen zu sehen.

Plötzlich vernahm sie ein Geräusch. Entsetzt fuhr sie in die Höhe und war im Begriff, mit beiden Fäusten an die Türe ihrer Eltern zu pochen, als ein Ruf sie zurückhielt.

Eine Stimme, leicht wie ein Hauch, rief:

Gnädige Frau! ... Gnädige Frau! ...

Sie schaute hinab, sah aber nichts.

Gnädige Frau! ... Gnädige Frau! ... Ich bin's!

Es war Marie, gleichfalls im Hemde. Sie hatte die Szene gehört, war aus ihrem Bett geschlüpft, ohne Julius zu wecken und hatte in ihrem kleinen, dunklen Speisezimmer gehorcht, was vorgehe.

Kommen Sie zu mir ... Sie sind im Unglück ... Ich bin Ihnen eine Freundin ...

Sie besänftigte sie allmählich und erzählte ihr, was sich weiter zugetragen. Die beiden Männer hätten einander nichts Arges zugefügt. Octave hatte unter Flüchen seinen Kasten vor die Türe geschoben, um sich einzuschließen; ihr Gatte hingegen sei wieder hinuntergegangen, mit einem Paket in der Hand, das die Sachen enthielt, die sie im Zimmer zurückgelassen: Schlafrock, Schuhe und Strümpfe. Das sei nun vorbei und nicht zu ändern. Man müsse am nächsten Morgen alles aufbieten, um ein Duell zwischen ihnen zu verhindern.

Berta stand unentschlossen auf der Schwelle; ein Rest von Furcht und Scham hielt sie ab, in diesem Zustande das Haus einer Dame zu betreten, mit der sie sonst keinen Umgang gepflogen hatte. Marie mußte sie bei der Hand nehmen.

Sie werden auf diesem Sofa schlafen; ich werde Ihnen einen Schal leihen. Morgen früh werde ich zu Ihrer Mutter gehen ... Mein Gott, welches Unglück! Man ist so unvorsichtig, wenn man sich liebt! ...

Ach, wir hatten gar wenig Vergnügen davon! sagte Berta mit einem Seufzer, in welchem die ganze blöde und grausame Leere dieser Nacht sich Luft machte. Er hat recht zu fluchen; wenn es ihm so geht wie mir, muß er die Geschichte satt haben bis über den Kopf.

Sie waren im Begriff, von Octave zu sprechen; doch sie schwiegen und sanken einander schluchzend in die Arme. Ihre nackten Glieder umschlangen sich in einer krampfhaften Umarmung. Ihre vom Schluchzen geschwellten Brüste drückten sich unter den Hemden platt. Es war bei ihnen die äußerste Ermattung, eine unermeßliche Traurigkeit, das Ende von allem. Sie sprachen kein Wort, aber ihre Tränen flössen endlos inmitten der tiefen Stille dieses dunklen, sittsamen Hauses.

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