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Der häusliche Herd

Emile Zola: Der häusliche Herd - Kapitel 14
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typefiction
authorEmile Zola
titleDer häusliche Herd
publisherBenjamin Harz Verlag
seriesDie Rougon-Macquart
volumeBand X
year1924
translatorArmin Schwarz
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Dreizehntes Kapitel

Seit einiger Zeit schlich Herr Gourd mit geheimnisvollen, beunruhigenden Mienen im Hause umher. Man begegnete ihm, wie er geräuschlos, mit offenen Augen und gespitzten Ohren unaufhörlich auf den beiden Treppen auf- und abstieg; einige Mieter trafen ihn sogar bei nächtlichen Rundgängen an.

Offenbar verursachte ihm die Sittlichkeit des Hauses viel Sorge; er fühlte gleichsam einen Hauch von Unehrbarkeit, der die kalte Öde des Hofes, die feierliche Stille der Treppen, die schöne häusliche Tugendhaftigkeit all dieser Stockwerke zu trüben drohte.

Eines Abends traf Octave den Hausmeister, wie dieser im vierten Stockwerke ohne Kerze an die Tür gelehnt stand, die sich auf die Dienstbotentreppe öffnete. Er fragte ihn überrascht, was ihn hierher führe.

Ich will sehen, ob im Hause alles in Ordnung ist, sagte Herr Gourd und ging schlafen.

Der junge Mann war erschrocken. Hatte vielleicht der Hausmeister von seinem Verhältnisse zu Berta etwas bemerkt? Sind sie es, denen er nachspäht? In diesem Hause, das so scharf bewacht war, und dessen Bewohner so strenge Grundsätze hatten, stieß ihre Liebschaft immerfort auf Hindernisse. Er konnte daher seiner Geliebten sich nur selten nähern; seine einzige Freude war, daß er zuweilen, wenn sie nachmittags ohne ihre Mutter ausging, unter irgendeinem Vorwande sich gleichfalls aus dem Laden entfernte und in irgendeinem entlegenen Gäßchen eine Stunde mit ihr Arm in Arm spazieren ging.

Seit Ende Juli verreiste August jeden Dienstag nach Lyon; er hatte sich an einer dortigen Seidenfabrik, die dem Ruin nahe war, beteiligt. Berta hatte sich bisher geweigert, die Nacht zu benutzen, die sie hierdurch frei hatte. Sie zitterte vor ihrer Magd und fürchtete, daß irgendeine Unvorsichtigkeit sie dieser in die Hände liefern könne. Gerade an einem Dienstag abend stieß Octave wieder auf Herrn Gourd, der in der Nähe seines Zimmers aufgepflanzt stand. Das steigerte noch seine Unruhe. Seit acht Tagen bat er Berta vergebens, zu ihm heraufzukommen, wenn alles im Hause schlafe. Hat der Hausmeister etwa sein Vorhaben erraten? Verdrossen, gequält von Furcht und Verlangen ging er zu Bette. Seine Liebe hatte sich zu einer tollen Leidenschaft gesteigert; mit Ingrimm sah er sich in alle Torheiten des Herzens verfallen. Bei jeder Zusammenkunft mit Berta in den dunklen Seitengäßchen kaufte er ihr irgendein Geschenk, das da oder dort in einem Schaufenster ihre Blicke auf sich gezogen hatte. Tags vorher hatte sie in der Magdalenenpassage« einen kleinen Strohhut mit so verlangenden Blicken betrachtet, daß er in den Laden trat, um ihr den Hut zum Geschenke zu kaufen. Es war ein Reisstrohhütchen und als Aufputz nichts als eine Rosengirlande; ein Ding von reizender Einfachheit; indes fand er den Preis von 200 Franken ziemlich hoch.

Nachdem er mit fieberheißen Gliedern sich lange im Bette herumgewälzt, schlief er gegen ein Uhr endlich ein. Da ward er durch ein leises Pochen an der Türe geweckt.

Ich bin's! hauchte eine zarte Frauenstimme.

Es war Berta. Er öffnete und drückte sie im Dunkel leidenschaftlich an seine Brust. Doch sie war nicht deshalb gekommen; als er Licht machte, sah er, daß sie in einem sehr aufgeregtem Zustande war. Er hatte tags vorher nicht genug Geld bei sich und deshalb ihren Hut nicht bezahlt; sie aber hatte in ihrer großen Freude die Unvorsichtigkeit begangen, ihren Namen zu nennen, und man sandte ihr eine Rechnung. Zitternd vor Angst, daß man die Rechnung am folgenden Tage ihrem Gatten wieder überreichen könne, hatte sie sich entschlossen, in später Nachtstunde heraufzukommen, ermutigt durch die tiefe Stille des Hauses und durch die Gewißheit, daß Rachel schlafe.

Morgen früh, nicht wahr? bat sie, indem sie wieder entschlüpfen wollte; morgen früh muß der Hut bezahlt werden.

Doch er hatte sie in seine Arme geschlossen.

Bleibe!

In halbwachem Zustande und zitternd vor Leidenschaft lag er an ihrem Halse und flehte sie an. Sie war schon entkleidet und hatte nichts mehr am Leibe, als einen Unterrock und ein Nachtjäckchen. Sie lag gleichsam nackt in seinen Armen; ihre Haare waren schon aufgelöst und für die Nachtruhe geordnet; ihre Schultern waren noch warm von dem Hauskleide, das sie soeben abgelegt hatte.

Nach einer Stunde will ich dich fortlassen, wahrhaftig! Bleibe hier!

Und sie blieb ... In dem wollustheißen Zimmer schlug die Pendeluhr langsam eine Stunde nach der andern; und bei jedem Schlage der Uhr hielt er die ängstlich Bebende durch so zärtliche Bitten zurück, daß sie kraft- und willenlos blieb. Endlich gegen vier Uhr morgens, als sie in der Tat entschlossen schien, wieder hinabzugehen, entschliefen beide in innigster Umarmung.

Als sie erwachten, war es heller Tag: die Uhr zeigte die neunte Morgenstunde, Berta stieß einen Schreckensruf aus.

Mein Gott, ich bin verloren!

Es war ein Augenblick voll unbeschreiblicher Verwirrung. Sie war aus dem Bett gesprungen; ihre Augen waren von Mattigkeit und Schlaf geschlossen; mit unruhig tastenden Händen, unter fortwährenden, halb unterdrückten Ausrufen des Schreckens kleidete sie sich eiligst an. Auch er war in verzweiflungsvoller Stimmung und verstellte ihr den Weg, um sie zu verhindern, zu dieser Stunde halbnackt hinabzugehen. Sie sei von Sinnen, hielt er ihr vor; man werde sie auf den Treppen erkennen, es sei zu gefährlich; sie müßten ein wenig überlegen und ein Mittel zu ersinnen trachten, wie sie unbemerkt hinuntergehen könne.

Doch sie war eigensinnig und wollte durchaus fortgehen, wie sie war; sie riß an der Türe, gegen die er sich gestemmt hatte. Endlich dachte er an die Dienstbotentreppe; da könne sie ganz bequem hinabgehen und durch die Küche in ihr Zimmer gelangen. Da er wußte, daß Marie Pichon am Morgen sich gewöhnlich auf dem Gange aufhalte, beschloß er, die Nachbarin einen Augenblick zu beschäftigen, damit die andere entfliehen könne. Er kleidete sich in aller Eile notdürftig an.

Mein Gott, wie lange dauert das! stammelte Berta, die in diesem Zimmer litt wie in einem glühenden Ofen.

Endlich ging Octave mit erzwungener Ruhe hinaus und fand zu seiner Überraschung Saturnin bei Frau Pichon; der Verrückte schaute der jungen Frau ruhig zu, wie sie ihr Hauswesen besorgte. Sie duldete ihn gerne, denn es war doch eine Gesellschaft, wenngleich sie mit ihm nicht viel sprechen konnte.

Sie sind mit Ihrem Verehrer, sagte Octave scherzend, indem er die Türe hinter sich zuzog.

Sie errötete. Mit dem armen Saturnin habe es keine Gefahr, meinte sie; er leide ja schon, wenn man ihm zufällig die Hand berühre. Auch der arme Narr scheine verletzt. Er verliebt – niemals, niemals! Wenn jemand wagen wolle, seiner Schwester eine solche Lüge zu hinterbringen, werde es mit ihm zu tun haben. Octave, überrascht von dieser plötzlichen Erregtheit Saturnins, suchte diesen zu beruhigen.

Inzwischen stahl sich Berta auf die Dienstbotentreppe. Sie hatte zwei Stockwerke hinabzusteigen. Schon auf der ersten Stufe ward sie durch ein helles Gelächter angehalten, das aus der Küche der Frau Juzeur kam; zitternd drückte sie sich an das weit geöffnete Fenster des Treppenabsatzes, das auf den Lichthof ging.

Es war wieder das schmutzige Morgengeträtsche der Mägde, welche die kleine Luise beschuldigten, daß sie den anderen durch das Schlüsselloch nachspähe, wenn sie zu Bett gingen. Eine fünfzehnjährige Rotznase! Luise aber lachte und lachte immer stärker. Sie leugnete nicht; sie kannte den Hintern Adelens, den mußte man sehen! Lisa sei sehr mager, Victoire habe einen Bauch so rissig wie eine alte Tonne. Um sie still zu machen, fielen wieder alle mit abscheulichen Reden über sie her. Verdrossen darüber, daß eine vor der andern gleichsam entkleidet wurde, und von dem Bedürfnis getrieben, sich zu verteidigen, rächten sie sich an ihren Herrinnen, indem sie auch diese entkleideten. War Lisa mager, so war sie es doch nicht in dem Maße wie die andere Frau Campardon, eine wahre Haifischhaut, ein Festessen für einen Architekten; Victoire begnügte sich, allen Damen der Familien Vabre, Duverdy und Josserand einen so wohl erhaltenen Bauch, wie der ihre war, wenn sie einmal ihr Alter erreicht haben würden, zu wünschen; Adele wollte ihren Hintern nicht für jenen der Töchter ihrer Herrin hergeben, die ja soviel wie gar nichts hatten!

Berta, die unbeweglich und entsetzt dastand, empfing diesen Abhub der Küchen ins Gesicht ohne eine Ahnung von diesem Ausguß, zum erstenmal die schmutzige Wäsche der Dienerschaft überrumpelnd zu einer Stunde, da die Herrenleute schlafen. Plötzlich rief eine Stimme:

Der Herr verlangt sein warmes Wasser!

Man hörte Fenster und Türen zuschlagen; es entstand ein kurzes Stillschweigen. Berta wagte nicht, sich zu rühren. Als sie sich endlich entschloß hinabzugehen, fiel ihr ein, daß Rachel vielleicht in der Küche sei, um ihr aufzupassen. Neue Angst: sie fürchtete hinabzugehen und hätte es vorgezogen, auf die Straße zu gelangen, um zu fliehen – weit, weit, für immer. Sie stieß die Türe auf und sah zu ihrer Freude, daß die Küche leer war. Überglücklich eilte sie in ihr Zimmer.

Die Magd stand vor dem unberührten Bett ihrer Herrin. Sie betrachtete das Bett und betrachtete dann stumm die junge Frau. Im ersten Schrecken verlor Berta den Kopf; sie stammelte etwas von einem Unwohlsein ihrer Schwester; dann begriff sie die Kläglichkeit ihrer Ausflucht und brach in Tränen aus. Sie sank auf einen Sessel und weinte – und weinte.

Das dauerte so eine Minute. Es ward kein Wort gewechselt, nur das Schluchzen Bertas störte die Stille des Zimmers. Rachel, ihre Verschwiegenheit übertreibend, behielt ihre kühne Miene eines Mädchens, das alles weiß, aber nichts merken läßt; sie hatte ihrer Herrin den Rücken gekehrt und machte sich mit den Kissen zu schaffen, als ob sie das Bett in Ordnung bringe. Als endlich die junge Frau, über dieses Stillschweigen immer mehr bestürzt, eine gar zu geräuschvolle Verzweiflung zeigte, sagte die Magd, damit beschäftigt, die Möbel abzustäuben, in einfachem, achtungsvollem Tone:

Die Gnädige tut sehr unrecht, sich allzusehr zu grämen, der Herr ist ja nicht so gütig.

Berta hörte auf zu weinen. Sie mußte das Mädchen bestechen. Sie gab ihr sogleich 20 Franken; dann fand sie es zu wenig, weil sie gesehen zu haben glaubte, daß die Magd verächtlich die Lippen verzog; sie eilte ihr daher in die Küche nach, führte sie in das Zimmer zurück und schenkte ihr eines ihrer Kleider, das noch fast ganz neu war.

Zur nämlichen Zeit war auch Octave in großer Angst wegen des Herrn Gourd. Als der junge Mann aus der Pichonschen Wohnung kam, traf er den Hausmeister genau an der Stelle wie gestern damit beschäftigt, hinter der Türe der Dienstbotentreppe zu lauern. Er folgte ihm und wagte nicht, ein Wort an ihn zu richten.

Der Hausmeister stieg mit vieler Würde die Haupttreppe hinab. Ein Stockwerk tiefer zog er einen Schlüssel aus der Tasche und öffnete das Zimmer, das an den vornehmen Herrn vermietet war, der jede Woche einmal kam, um eine Nacht daselbst zu arbeiten.

Durch die Türe, die einen Augenblick offen blieb, konnte Octave einen vollen Blick in das Zimmer werfen, das sonst immer geschlossen war wie das Grab. Es herrschte da die fürchterlichste Unordnung; der Herr hatte offenbar die ganze Nacht gearbeitet; man konnte ein großes Bett mit durcheinander geworfenen Bettüchern sehen, einen leeren Glasschrank, wo die Reste eines Hummers und einige angebrochene Weinflaschen standen, endlich zwei schmutzige Waschbecken, das eine vor dem Bett, das andere auf einem Sessel. Herr Gourd machte sich mit der kühlen Miene eines Beamten im Ruhestande daran, die Waschbecken ihres Inhaltes zu entleeren und auszuspülen.

Octave eilte nach der Magdalenenpassage, um den Hut zu bezahlen; unterwegs war er von einer grausamen Ungewißheit gepeinigt. Als er zurückkehrte, entschloß er sich, die Hausmeistersleute zum Schwatzen zu bringen. Frau Gourd saß am offenen Fenster zwischen zwei Blumentöpfen und schöpfte frische Luft. Neben der Türe stand Mutter Pérou und wartete mit unterwürfiger, bestürzter Miene.

Kein Brief für mich da? fragte Octave.

Herr Gourd kam eben von dem Zimmer im dritten Stockwerk herab. Die Besorgung der Wirtschaft in diesem Zimmer war die einzige Arbeit, die er sich im Hause vorbehalten hatte. Er fühlte sich sehr geschmeichelt durch das Vertrauen des fremden Herrn, der ihn sehr gut bezahlte unter der Bedingung, daß die Waschbecken nicht in andere Hände kämen, als in die seinigen.

Nein, Herr Mouret, nichts! erwiderte er.

Herr Gourd hatte die Mutter Pérou wohl bemerkt, doch tat er, als ob er sie nicht sehe. Tags vorher war der armen Alten das Unglück passiert, daß sie im Vorraum einen Kübel Wasser umstieß; Herr Gourd war dadurch dermaßen in Zorn geraten, daß er sie sogleich hinauswarf. Sie war jetzt gekommen, um mit unterwürfiger Miene, sich an den Mauern schier plattdrückend, ihren Rückstand zu fordern.

Da aber Octave verweilte, um Frau Gourd gegenüber den Liebenswürdigen zu spielen, wandte der Hausmeister sich schroff gegen die Alte um und herrschte sie an:

Also Ihr wollt bezahlt sein ... Was ist man Euch schuldig?

Doch Frau Gourd unterbrach ihn.

Mein Lieber, schau nur, da ist wieder dieses Mädchen mit dem abscheulichen Vieh! ...

Es war Lisa, die einen Wachtelhund herumschleppte, den sie auf der Straße aufgelesen hatte. Das gab Anlaß zu fortwährenden Streitigkeiten mit den Hausmeistersleuten. Der Hausbesitzer wolle keine Tiere im Hause dulden. Nein, keine Tiere und keine Weiber! Der Hof war dem Hündchen untersagt – er könne auch anderwärts seinen Schmutz ablagern. Da es seit dem Morgen regnete und der Hund mit beschmutzten Pfoten von der Straße kam, stürzte Herr Gourd hinaus und schrie:

Der Hund darf nicht die Treppe hinaufgehen; nehmen Sie ihn in den Arm, hören Sie?

Was, um mich zu beschmutzen? erwiderte Lisa unverschämt. Das wäre ein Unglück, wenn der Hund die Dienstbotentreppe ein wenig beschmutzte! Geh nur, Loulouchen!

Herr Gourd wollte das Hündchen erhaschen, wobei er schier ausglitt. Er wetterte gegen die Unflätigkeit der Mägde; er war immer auf dem Kriegsfuße mit ihnen, gequält von dem Eifer des einstigen Bedienten, der sich jetzt selbst bedienen läßt. Lisa wandte sich sogleich um und rief ihm mit dem frechen Ausdrucke der in den Gossen von Montmartre aufgewachsenen Dirne zu:

Ob du mich wohl in Ruhe lassen wirst, alte Bedientenseele! Geh die Nachttöpfe des »Herrn Herzog« ausleeren!

Das war die einzige Schmähung, die Herrn Gourd zum Schweigen brachte; die Mägde machten denn auch reichlichen Gebrauch davon. Wutschnaubend kehrte er in seine Loge zurück, wobei er vor sich hinbrummte, daß er darauf stolz sei, bei dem »Herrn Herzog« gedient zu haben und daß sie, dieser »Schmutzfink«, keine zwei Stunden bei ihm geduldet worden wäre. Jetzt fiel er über die ängstlich zitternde Mutter Perou her.

Was bekommt Ihr? Wie, zwölf Franken 65 Centimes, sagt Ihr? Das ist nicht möglich? Aha, Ihr rechnet auch die Viertelstunden? Niemals! Ich habe Euch gesagt, daß ich keine Viertelstunden bezahle!

Er bezahlte noch immer nicht: er ließ sie niedergeschmettert stehen und mengte sich in das Gespräch Octaves mit seiner Frau. Ersterer sprach eben von den vielen Plackereien, die ein solches Haus ihnen verursachen müsse; so wollte er sie auf das Kapitel der Mietsparteien bringen. Hinter den Türen muß es erbauliche Dinge geben, meinte er. Jetzt trat Herr Gourd mit seinem Ernste dazwischen.

Es gibt Dinge, die uns angehen, und Dinge, die uns nichts angehen, Herr Mouret! sagte er. Ein solcher Anblick zum Beispiel bringt mich aus dem Häuschen.

Er zeigte in die Toreinfahrt, in welcher soeben die Schuhstepperin, die während des Leichenbegängnisses des Herrn Vabre ihren Einzug ins Haus gehalten hatte, sich fortbewegte. Sie ging sehr mühsam und schob einen enormen Bauch vor sich her, der durch die Magerkeit ihres Halses und ihrer Beine noch mehr hervortrat.

Nun, was denn? fragte Octave.

Sehen Sie denn nicht? Dieser Bauch! dieser Bauch!

Dieser Bauch setzte Herrn Gourd in Verzweiflung: der Bauch einer unverheirateten Weibsperson, die ihn, man weiß nicht woher sich holte; denn sie war ganz platt, als sie kam. Sonst hätte man sie nicht ins Haus genommen. Und ihr Bauch ist ungeheuer angewachsen gegen alle üblichen Maße.

Sie begreifen, mein Herr, wie sehr wir uns ärgerten, ich und der Hausbesitzer, als wir das entdeckten. Sie hätte uns verständigen sollen, nicht wahr? Man schleicht sich nicht ein, wenn man »dergleichen« unter der Haut hat. Anfangs sah man fast nichts; ich schwieg, denn ich hoffte, sie werde alles aufbieten, die Geschichte zu verbergen. Aber nein; das wuchs zusehends und machte reißende Fortschritte. Sie bemüht sich ganz und gar nicht, den Bauch zu verhüllen; im Gegenteil: sie macht Staat damit; und heute – heute kann sie kaum mehr zur Tür hinaus.

Er wies noch immer mit tragischer Gebärde nach ihr, wie sie sich mühselig zur Dienstbotentreppe schleppte. Es war ihm, als werde ihr Bauch einen Schatten werfen auf die kühle Sauberkeit des Hofes, auf den falschen Marmor und die vergoldete Zinkverzierung des Treppenhauses. Die ganze Ehrbarkeit des Hauses schien darunter zu leiden.

Auf Ehre! Wenn das so fortgeht, werden wir es vorziehen, uns nach Mort-la-Ville in unser Haus zurückzuziehen; nicht wahr, Frau? Denn, Gott sei Dank, wir haben ja zu leben; wir brauchen niemandes Tod abzuwarten. Ein Haus wie das unsere – in Verruf gebracht durch einen solchen Bauch!

Sie sieht leidend aus, bemerkte Octave, indem er ihr mit den Blicken folgte.. Sie ist immer so traurig, so bleich, so verlassen ... Ohne Zweifel hat sie einen Geliebten.

Herr Gourd fuhr bei diesen Worten auf.

Das ist es! Hörst du, Frau? Auch Herr Mouret ist der Ansicht, daß sie einen Geliebten hat. Das ist klar. Solche Dinge kommen nicht von selbst. Nun denn, mein Herr! Seit zwei Monaten spähe ich ihr nach, und ich habe nicht den Schatten eines Mannes entdecken können! Wenn ich ihn fände, wie würde ich ihn hinauswerfen! Aber ich finde ihn nicht; das kränkt mich!

Vielleicht kommt niemand zu ihr, bemerkte Octave.

Der Hausmeister sah ihn überrascht an.

Das wäre unnatürlich! Ich werde aufpassen und ihn erwischen! Ich habe noch sechs Wochen Zeit, denn ich habe für Ende Oktober gekündigt. Das fehlt uns noch, daß sie hier niederkomme! Und, wissen Sie, Herr Duverdy mag sich lang gut entsetzen und verlangen, daß sie es auswärts tue – ich kann nicht mehr ruhig Schafen, denn sie kann uns einen schönen Streich spielen, nicht bis dahin zu warten... Ohne diesen alten Geizhals Vabre wäre alldies nicht gewesen. Er tat es, um 130 Franken mehr Miete einzunehmen, und trotz meiner Ratschläge! Der Schreiner hätte ihm eine Lehre sein sollen! Aber nein, er mußte noch eine Schuhstepperin ins Haus nehmen! Das hat er von diesem schmutzigen Arbeitervolk!

Er wies noch immer nach dem Bauche der Weibsperson, die langsam auf der Dienstbotentreppe verschwand. Frau Gourd mußte ihn beschwichtigen. Er nehme sich die Anständigkeit des Hauses allzusehr zu Herzen und werde sich dadurch noch krank machen.

Da die Mutter Péru in diesem Augenblick wagte, ihre Anwesenheit durch ein Hüsteln kundzutun, fiel er wieder über sie her und zog ihr rundweg den Sou ab, den sie für ihre Viertelstunde beanspruchte. Als sie endlich mit ihren zwölf Franken sechzig Centimes sich entfernte, rief er ihr nach, daß er bereit sei, sie wieder zu nehmen, aber nur zu drei Sous die Stunde. Sie weinte und nahm den Antrag an.

Ich finde Leute genug! schrie er. Ihr seid nicht mehr stark genug und arbeitet kaum für zwei Sous die Stunde.

Octave verließ sie endlich beruhigt. Er wollte noch einen Augenblick in sein Zimmer hinaufgehen und begegnete im dritten Stockwerke der Frau Juzeur, die eben heimkehrte. Jeden Morgen mußte sie hinabgehen, um ihr Mädchen Luise zu suchen, die sich unter die Lieferanten verirrte.

Wie stolz Sie vorübergehen, sagte sie mit ihrem feinen Lächeln. Man sieht wohl, daß Sie anderwärts verhätschelt werden.

Dieses Wort erregte von neuem seine Unruhe. Er folgte ihr scherzend in den Salon. Bloß einer der Fenstervorhänge war halb offen; die Teppiche und die Türvorhänge dämpften noch dieses Schlafstubenlicht; und in diesem Zimmer, das weich wie Eiderdunen, erstarben alle Geräusche von außen zu einem sanften Gemurmel. Sie hatte ihn neben sich auf dem niedrigen, breiten Sofa Platz nehmen lassen. Doch als sie sah, daß er nicht nach ihrer Hand griff, um sie zu küssen, sagte sie mit boshafter Miene:

Lieben Sie mich denn nicht mehr?

Er versicherte errötend, daß er sie anbete. Da reichte sie ihm kichernd eine ihrer Hände; und er mußte diese Hand an seine Lippen führen, um ihren Verdacht abzulenken, wenn sie einen solchen hatte. Doch sie zog ihre Hand sogleich wieder zurück.

Nein, nein, vergebens regen Sie sich auf; es macht Ihnen doch kein Vergnügen ... Ich fühle es ... Übrigens ist es so natürlich! ...

Wie? was wollte sie sagen? Er faßte sie um den Leib und bestürmte sie mit Fragen. Aber sie antwortete nicht; sie überließ sich seiner Umarmung und schüttelte den Kopf. Um sie zum Sprechen zu bestimmen, kitzelte er sie.

Weil Sie eine andere lieben, sagte sie endlich.

Sie nannte Valerie, sie erinnerte ihn an den Abend, da er diese Dame bei den Josserand schier mit den Augen verschlang. Als er schwor, daß er sie nicht besessen habe, sagte sie lachend, daß sie es wohl wisse und ihn nur necken wolle. Aber er habe eine andere besessen; da nannte sie Frau Hédouin, noch mehr belustigt durch seine energische Einsprache. Wer denn? Etwa Marie Pichon? Da konnte er nicht leugnen! Er leugnete dennoch; aber sie schüttelte den Kopf und versicherte, ihr kleiner Finger lüge nicht. Um ihr diesen Frauennamen zu entreißen, mußte er seine Liebkosungen verdoppeln.

Indes hatte sie Berta nicht genannt. Er ließ sie wieder los, als sie von neuem anhub:

Aber die letzte?

Welche letzte? fragte er geängstigt.

Sie spitzte wieder hartnäckig das Mäulchen und weigerte sich zu reden, wenn er ihr nicht mit einem Kusse den Mund öffne. Wahrhaftig, sie könne ihm die Person nicht nennen, denn sie sei es, die zuerst den Gedanken zu dieser Heirat hatte. Und sie erzählte die Geschichte Bertas, ohne ihren Namen zu nennen. Da gestand er alles, in ihren zarten Hals flüsternd und eine feige Freude bei diesem Geständnisse empfindend. Er sei doch recht drollig, vor ihr den Geheimnisvollen zu spielen, sagte sie. Halte er sie denn für eifersüchtig? Warum hätte sie es sein sollen? Sie habe ihm doch nichts bewilligt. Kleine Scherze, Kindereien wie jetzt eben. Aber »Das« niemals! Sie sei eine ehrbare Frau und zankte ihn fast aus, weil er sie der Eifersucht hatte verdächtigen können.

Sie lag zurückgebeugt in seinen Armen. Von einem Schmachten ergriffen, sprach sie von dem Grausamen, der nach einer einwöchigen Ehe sie habe sitzen lassen. Sie sei eine unglückliche Frau und wisse gar viel von den Stürmen des Herzens zu erzählen. Seit langer Zeit habe sie vermutet, was sie »die Künste Octaves« nannte; denn sie höre jeden Kuß im Hause Auf dem breiten Sofa zurückgelehnt, vertieften sie sich in ein intimes Geplauder, nur durch Liebkosungen unterbrochen, die sich überallhin verirrten. Sie nannte ihn einen großen Taugenichts, weil er durch seine Schuld sich Valerie habe entgehen lassen; sie hätte ihm sie sogleich geliefert, wenn er bei ihr sich Rats geholt hätte. Dann befragte sie ihn über die kleine Pichon. Dünne Beine und nichts weiter, wie? Doch sie kam wieder auf Berta zurück; sie fand sie reizend, eine herrliche Haut, ein Fuß wie der einer Marquise. Doch jetzt drängte sie ihn zurück.

Nein, lassen Sie mich; ich müßte meine Grundsätze verleugnen... Es würde Ihnen übrigens kein Vergnügen machen. Was? Sie sagen: ja. Ach, Sie wollen mir nur schmeicheln. Es wäre sehr häßlich, wenn es Ihnen Vergnügen machen würde ... Bewahren Sie das für sie. Auf Wiedersehen, Sie Taugenichts! ...

Sie entließ ihn mit dem feierlichen Schwur, oft zu ihr zur Beichte zu kommen und ihr nichts zu verheimlichen, wenn er wolle, daß sie sein Herz leite.

Octave verließ sie beruhigt. Sie hatte ihm seine gute Laune wiedergegeben; sie machte ihm Spaß mit ihrer seltsam gearteten Tugend.

In den Laden eintretend, beruhigte er durch ein Zeichen Berta, die ihn wegen des Hutes mit den Blicken befragte. Damit war auch das fürchterliche Abenteuer vom Morgen völlig vergessen. Als August kurz vor dem Frühstück zurückkehrte, fand er sie wie gewöhnlich: Berta saß gelangweilt auf ihrem Bänkchen vor dem Zahltisch, Octave maß galant einer Dame ein Kopftuch ab.

Von da ab kamen die beiden Liebenden noch seltener zusammen. Er war verzweifelt und bestürmte sie fortwährend in allen Ecken und Winkeln wegen einer Zusammenkunft, es sei ihm gleichgültig wann und wo. Sie hingegen schien wie eine im Treibhause erzogene Frau von der sündhaften Liebe nur die verstohlenen Ausgänge, die Geschenke, die kostspieligen Stunden zu lieben, die man in der Droschke, im Theater, im Restaurant zubringt. Ihre ganze Erziehung, ihr Verlangen nach dem Gelde, nach der Toilette, nach dem verschwenderischen Luxus drängte die Liebesleidenschaft in den Hintergrund, und sie ward denn auch ihres Liebhabers bald überdrüssig ebenso wie ihres Gatten: sie fand, daß er mehr fordere als gebe.

Sie übertrieb ihre Besorgnisse und weigerte sich fortwährend; bei ihm nie mehr! Sie sei neulich vor Angst schier gestorben; bei ihr sei es unmöglich, man könne sie überraschen. Wenn er sie bat, sie möge außerhalb des Hauses in irgendeinem Hotel auf ein Stündchen mit ihm zusammentreffen, so begann sie zu schluchzen und sagte, daß er sie gar nicht achte. Inzwischen dauerten aber die Ausgaben fort; ihre Launen traten immer deutlicher hervor. Nach dem Hute verlangte sie einen Fächer mit Alenoçner Spitzen, die kleinen kostspieligen Sächelchen ungerechnet, die sie bald vor diesem, bald vor jenem Schaufenster verlangte. Wohl wagte er noch nicht, ihr etwas abzuschlagen; allein angesichts des Schwindens seiner Ersparnisse erwachte sein angeborner Geiz. Als Praktiker, der er war, fand er es endlich dumm, immer zu zahlen, während sie ihm nichts überließ als ihren Fuß unter dem Tische. Entschieden – Paris brachte ihm Unglück; zuerst Mißerfolge und jetzt diese Herzenstorheit, die ihm seine Börse leerte. Wahrhaftig, man konnte ihm nicht vorwerfen, daß er durch die Frauen seinen Weg machte.

Der Gatte war ihnen übrigens wenig hinderlich. Seitdem die Geschäfte der Lyoner Fabrik eine schlimme Wendung nahmen, ward er von seiner Migräne immer mehr geplagt. Am Ersten des Monats bemerkte Berta zu ihrer freudigen Überraschung, wie er abends 300 Franken für ihre Toilette unter die Uhr im Schlafzimmer niederlegte. Da sie auch nicht auf einen Sou gerechnet hatte, konnte sie nicht umhin, trotz der Verminderung der geforderten Summe sich ihm dankbar in die Arme zu werfen. Der Gatte hatte eine reizende Nacht, wie der Liebhaber sie niemals hatte.

So verfloß der Monat September in der großen Ruhe des durch den Sommer leergewordenen Hauses. Die Leute vom zweiten Stockwerk waren in einem spanischen Seebade; Herr Gourd zuckte darüber mitleidig mit den Achseln und meinte, daß die vornehmsten Leute sich mit Trouville begnügen könnten! Die Duverdy waren seit Beginn der Ferien mit Gustav auf ihre Besitzung in Villeneuve-Saint-George gezogen. Selbst die Josserand waren verreist, um zwei Wochen bei einer befreundeten Familie in der Nähe von Pontoise zuzubringen; vorher setzten sie im Hause das Gerücht in Umlauf, daß sie ein Seebad aufsuchten. Diese Leere, die verlassenen Wohnungen, die in einschläfernder Stille daliegende Treppe schienen Octave noch weniger Gefahr zu bieten; er ermüdete Berta mit seinen dringenden Bitten, so daß sie endlich einwilligte, ihn eines Abends, als August in Lyon war, bei sich zu empfangen. Doch dieses Stelldichein hätte beinahe eine schlimme Wendung genommen. Frau Josserand, die tags vorher zurückgekehrt war, hatte in der Stadt gespeist und sich eine Verdauungsstörung geholt. Beunruhigt über ihren Zustand, kam Hortense herab, um ihre Schwester zu rufen. Glücklicherweise gelang es Rachel, den jungen Mann noch rechtzeitig über die Dienstbotentreppe entschlüpfen zu lassen. An den folgenden Tagen machte sich Berta diesen Vorfall zunutze, um ihm alles abzuschlagen. Sie hatten überdies den Fehler begangen, die Magd nicht zu belohnen; diese diente ihnen mit der kühlen Miene, mit der respektvollen Überlegenheit des Mädchens, das nichts sieht und nichts hört. Allein als sie sah, wie ihre Gebieterin immerfort nach dem Gelde jammerte, und wie Herr Octave schon zuviel Geld für Geschenke ausgegeben hatte, spitzte sie immer verächtlicher die Lippen über diese »Baracke«, wo der Liebhaber der Herrin ihr nicht einmal zehn Sous gab. Wenn sie glauben, daß sie sie mit 20 Franken und einem Kleide für ewige Zeiten gekauft hätten, so täuschten sie sich sehr; sie taxiere sich höher. Von da ab zeigte sie sich weniger gefällig; sie vergaß, hinter ihnen die Türen zu schließen, ohne daß sie ihre Erbitterung merkten; denn man ist nicht gestimmt, Trinkgelder zu geben, wenn man fortwährend darüber streiten muß, wo man sich küssen könnte. Das Haus breitete noch immer seine Stille aus, und Octave stieß auf der Suche nach einem sichern Winkel überall auf Herrn Gourd, der den unanständigen Dingen auflauerte.

Frau Juzeur beklagte den armen Jungen, der vor Liebe verging, weil er seine Dame nicht sehen konnte, und erteilte ihm die besten Ratschläge. Die Begierden Octaves gingen so weit, daß er eines Tages daran dachte, sie zu bitten, ihm ihre Wohnung zu leihen. Sie würde sich gewiß nicht geweigert haben; aber er fürchtete, Berta zu erzürnen, wenn er sein Ausplaudern ihr gestehen würde. Er hatte auch daran gedacht, sich Saturnin nützlich zu machen; vielleicht werde der Verrückte in irgendeinem entlegenen Zimmer sie bewachen wie ein treuer Hund; allein der blöde Junge zeigte phantastische Launen; bald überhäufte er den Liebhaber seiner Schwester mit lästigen Liebkosungen, bald schmollte er mit ihm und warf ihm argwöhnische, gehässige Blicke zu. Es war, als sei er von der nervösen, heftigen Eifersucht einer Frau erfaßt. Er zeigte ihm diese Eifersucht besonders, seitdem er eines Morgens ihn bei der kleinen Pichon fand, mit der er scherzte. In der Tat konnte Octave jetzt nicht vor Mariens Tür vorbeigehen, ohne einzutreten, von einem seltsamen Geschmack, einer leidenschaftlichen Regung erfaßt, die er sich kaum zu gestehen wagte. Er betete Berta an, er hatte ein wahnsinniges Verlangen nach ihr; und in diesem Bedürfnis, sie zu besitzen, erwachte eine unendliche Zärtlichkeit für die andere, eine Liebe, deren Zauber er früher, als ihr Verhältnis noch währte, nie empfunden hatte. Es war ein immerwährender Reiz, sie zu sehen, zu berühren; kleine Scherze, Neckereien; die handgreiflichen Versuche eines Mannes, ein Weib wieder zu erringen, mit der geheimen Verlegenheit darüber, daß seine Liebe einer anderen gehöre. An solchen Tagen, wenn Saturnin ihn an den Röcken Mariens hängend überraschte, drohte er mit seinen Wolfsaugen, schien bereit zu beißen, und verzieh ihm erst, küßte ihm als unterwürfiges Tier erst wieder die Hand, wenn er ihn treu und zärtlich zu Berta zurückkehren sah.

Da der Monat September zu Ende ging und die Sommerfrischler bald zurückkehren mußten, faßte Octave in seiner Verzweiflung einen tollen Entschluß. An einem Dienstag, da eben August nach Lyon verreist war, erbat sich Rachel einen eintägigen Urlaub nach der Provinz, wo ihre Schwester heiraten sollte. Es handelte sich also einfach darum, die Nacht in dem Zimmer der Magd zuzubringen, wo sie gewiß niemand suchen würde. Berta war über diesen Antrag zuerst verletzt und weigerte sich sehr lebhaft; allein er beschwor sie mit Tränen in den Augen und sprach davon, Paris verlassen zu wollen, wo er soviel leiden müsse; er überhäufte sie mit sovielen Gründen, daß sie schließlich den Kopf verlor und zusagte. Es ward alles abgemacht. Am Dienstag, nach dem Essen, nahmen sie den Tee bei Frau Josserand, um jeden Argwohn zu zerstreuen. Gueulin, Onkel Bachelard und Trublot waren da; später kam auch Duverdy, der zuweilen die Nacht in der Stadtwohnung zubrachte, indem er vorschützte, daß er in früher Morgenstunde Geschäfte habe. Octave plauderte sehr unbefangen mit den Herren; um Mitternacht verlor er sich und eilte in das Zimmer Rachels, wohin eine Stunde später, wenn alles im Hause schlafen würde, Berta ihm folgen sollte.

Oben war er in der ersten halben Stunde von häuslichen Geschäften in Anspruch genommen. Um den Widerwillen der jungen Frau zu besiegen, hatte er versprochen, die Bettücher zu wechseln und selbst die nötige Bettwäsche mitzubringen. Er setzte dann das Bett instand, lange und unbeholfen dabei verweilend, in der Furcht gehört zu werden. Dann setzte er sich – wie Trublot es zu machen pflegte – auf einen Koffer und suchte, sich in Geduld zu fassen. Die Mägde kamen, eine nach der anderen, herauf, um schlafen zu gehen; da hörte man durch die dünnen Holzwände Geräusche von Frauenzimmern, die sich entkleiden und erleichtern. Es schlug ein Uhr, dann einviertel, dann einhalb. Er ward von Unruhe erfaßt; warum ließ sie ihn warten? Sie hatte spätestens um ein Uhr die Josserand verlassen, in ihre Wohnung zurückkehren und die Dienstbotentreppe heraufsteigen müssen: das konnte in zehn Minuten geschehen sein. Als es zwei Uhr schlug, dachte er an Katastrophen. Endlich seufzte er befriedigt, als er ihre Schritte zu erkennen glaubte. Er öffnete, um ihr zu leuchten. Doch blieb er wie festgenagelt stehen bei dem Anblick, der sich ihm bot. Vor Adelens Türe hockte Trublot und schaute durch das Schlüsselloch. Bei dem plötzlichen Lichtschein erhob er sich erschreckt.

Was? Schon wieder Sie? murmelte Octave verdrossen.

Trublot lachte, anscheinend nicht im mindesten erstaunt, den andern zu dieser nächtlichen Stunde da zu finden.

Denken Sie sieh, erklärte er im Flüstertone, diese dumme Adele hat mir den Schlüssel nicht gegeben, Und da sie zu Duverdy gegangen ist ... Wie? was ist Ihnen? ... Sie wußten nicht, daß Duverdy mit ihr schläft. Gewiß, mein Lieber! Er hat sich wohl mit seiner Frau versöhnt; diese drückt von Zeit zu Zeit ein Auge zu, aber sie hält ihn knapp, und so ist er schließlich auf Adele gekommen ... Das ist sehr bequem, wenn er nach Paris kommt.

Er unterbrach sich, bückte sich wieder und brummte dann zwischen den Zähnen:

Nein, sie ist nicht da; er behält sie länger als neulich bei sich. Welch eine kopflose Dirne! Hätte sie mir doch wenigstens den Schlüssel gegeben, dann hätte ich sie im warmen Bette erwarten können.

Damit ging er wieder auf den Dachboden hinauf, wo sein Schlupfwinkel war, und nahm Octave mit, der übrigens von ihm hören wollte, wie der Abend bei den Josserand zu Ende gegangen. Doch er kam nicht dazu, ihn zu fragen; Trublot kam sogleich wieder auf Duverdy zu reden in der tiefen Finsternis, in der sie unter dem Gebälk hockten. Jawohl, dieses Vieh hatte zuerst Julie haben wollen; allein diese war zu anständig; auch zog sie draußen auf dem Lande den kleinen Gustav vor, einen vielversprechenden Schlingel von sechzehn Jahren. Von dieser Seite abgewiesen, und weil er wegen Hyppolites sich nicht an Clémence heranwagte, hatte er es schicklicher gefunden, außerhalb seines Hauses eine zu suchen. Man weiß nicht, wo und wie er sich auf Adele geworfen hatte; ohne Zweifel hinter einer Tür in der Zugluft; denn dieses dicke Mensch sackte gefügig die Männer ein wie die Ohrfeigen, und dem Hausbesitzer gegenüber hätte sie es sicherlich nicht gewagt, unhöflich zu sein.

Seit einem Monat versäumt er keinen Dienstag der Josserand, sagte Trublot. Das ist mir lästig .. Ich muß ihm Clarisse wiederfinden, damit er uns in Frieden läßt.

Endlich konnte ihn Octave über das Ende des Empfangsabends bei den Josserand befragen. Berta hatte ihre Mutter vor Mitternacht mit sehr ruhiger Miene verlassen. Er werde sie sicherlich in Rachels Zimmer finden. Doch Trublot, glücklich über die Begegnung, ließ ihn nicht los.

Es ist blöd, mich so lange warten zu lassen, fuhr er fort. Ich bin so schläfrig, daß ich stehend schlafe. Mein Chef hat mich in die Liquidationsabteilung versetzt; da gibt es soviel Arbeit, daß wir drei Nächte in der Woche gar nicht ins Bett kommen ... Wenn Julie da wäre, würde sie mir wohl ein klein wenig Platz machen. Allein Duverdy nimmt bloß Hyppolite nach der Stadt mit. Sie kennen doch Hyppolite, diesen häßlichen Gendarmen, der mit Clémence ist? Ich habe ihn vorhin im Hemde zu Luise schleichen sehen, diesem häßlichen Findelkinde, dessen Seele Frau Juzeur retten will. Ein schöner Erfolg für gnädige Frau »Alles was Sie wollen, nur Das nicht« – wie? So ein fünfzehnjähriger Krüppel, so ein schmutziges Bündel, unter einem Haustor aufgelesen! ... Ein hübscher Bissen für diesen knochigen Kerl mit den feuchten Händen und den Schultern eines Stieres! ... Mir ist's schnuppe, aber es ekelt mich dennoch.

In dieser Nacht war der gelangweilte Trublot gespickt mit philosophischen Betrachtungen.

Wie der Herr, so der Diener, brummte er. Wenn die Hausbesitzer das Beispiel geben, dürfen auch die Bedienten unanständige Gelüste haben. Ach, es geht in Frankreich entschieden abwärts!

Leben Sie wohl, ich verlasse Sie, sagte Octave.

Trublot hielt ihn noch zurück. Er zählte ihm die Mägdezimmer auf, wo er hätte schlafen können, wenn nicht der Sommer das Haus geleert hätte. Das Schlimmste war, daß alle diese Mädchen ihre Tür fest verschlossen, selbst wenn sie nur bis an das Ende des Korridors gingen, weil sie voneinander bestohlen zu werden fürchteten. Bei Lisa war nichts zu machen; diese hatte einen sonderbaren Geschmack. Bis zu Victoire verstieg er sich nicht, wenngleich diese noch vor zehn Jahren ihm hätte sehr gefallen können. Dann beklagte er sich über die Wut Valeries, ihre Köchinnen zu wechseln. Das wurde unerträglich. Er zählte sie an den Fingern her, eine ganze Reihe. Eine, die Schokolade zum Frühstück verlangt hatte; eine, die weggegangen war, weil der Herr nicht reinlich aß; eine, die von der Polizei geholt wurde, gerade als sie einen Kalbsbraten ans Feuer setzte; eine, die so stark war, daß sie alles zerbrach, was sie berührte; eine, die sich eine Magd hielt, um sie zu bedienen; eine, die in den Kleidern der Gnädigen ausging und ihre Herrin ohrfeigte, als diese sich eines Tages eine Bemerkung darüber erlaubte. Diese alle in einem Monate! Er hatte nicht einmal Zeit, in der Küche sie in die Hüften zu kneipen!

Und dann kam Eugenie, fuhr er fort. Sie müssen sie bemerkt haben, ein großes, schönes Mädchen, eine Venus, mein Lieber, ohne Spaß; die Leute auf der Straße wandten sich um, ihr nachzublicken ... Zehn Tage lang war das Haus in Aufruhr; die Damen waren wütend, die Herren hielten es nicht aus: Campardon ließ die Zunge heraushängen; Duverdy war auf den Kniff verfallen, alle Tage heraufzukommen, um nachzusehen, ob das Dach nicht schadhaft geworden. Eine wahre Revolution; das Haus brannte vom Keller bis zu den Dachsparren. Ich war auf meiner Hut, sie war zu schick. Glauben Sie mir, mein Lieber: häßlich und dumm müssen sie sein, wenn man nur die Arme voll mit ihnen kriegt. Das ist meine Meinung: aus Grundsatz und aus Geschmack ... Und welch eine gute Nase hatte ich! Eugenie wurde an dem Tage davongejagt, an dem die Gnädige an den pechschwarzen Bettüchern merkte, daß Eugenie jeden Morgen den Kohlenhändler vom Gaillon-Platze empfing. Die Bettwäsche war so schwarz, daß es ein Vermögen kostete, sie wieder weiß zu kriegen. Und was ist geschehen? Der Kohlenhändler ist davon sehr krank geworden, und der Kutscher der Leute vom zweiten Stock, von seiner Herrschaft hier gelassen, dieser Tölpel von einem Kutscher, der alle diese Mädchen hat, hat auch sein Geschenk bekommen, daß er heute noch ein Bein nachschleppt. Dem Kerl gönne ich's; der macht mir viel Verdruß!

Endlich konnte Octave sich losmachen. Er ließ Trublot in der tiefen Dunkelheit des Dachbodens zurück, als dieser erstaunt ausrief:

Aber Sie! Was suchen denn Sie bei den Mägden? ... Bösewicht, kommen Sie auch hierher?

Er lachte behaglich. Er versprach ihm Geheimhaltung und entließ ihn mit dem Wunsche, er möge eine angenehme Nacht haben. Er selbst war entschlossen, diesen Schmutzlappen Adele zu erwarten, die nicht loskommen kann, wenn sie bei einem Manne ist. Duverdy würde es vielleicht doch nicht wagen, sie bis zum Morgen zu behalten.

In das Zimmer Rachels zurückgekehrt, erfuhr Octave eine neue Enttäuschung: Berta war nicht da. Ein Zorn erfaßte ihn jetzt; sie hatte mit ihm ihr Spiel getrieben, sie hatte nur versprochen, um sich seiner Bitten zu entledigen. Während er in fieberhafter Ungeduld ihrer harrte, schlief sie, sich ihres Alleinseins freuend, in dem breiten, bequemen Ehebette. Anstatt in sein Zimmer zurückzukehren und auch seinerseits schlafen zu gehen, warf er in seinem Eigensinn sich angekleidet auf das Bett hin und brachte die Nacht damit hin, Rachepläne zu schmieden. Dieses nackte, kahle Dienstbotenzimmer ärgerte ihn jetzt mit seinen schmutzigen Mauern, seiner Dürftigkeit und dem unerträglichen Geruch eines schlecht gepflegten Mädchens; er wollte sich nicht gestehen, in welcher Niedrigkeit seine zum Äußersten getriebene Liebe Befriedigung gefunden hatte. In der Ferne schlug es drei Uhr. Zu seiner Linken hörte er das Schnarchen kräftiger Mädchen; zuweilen hörte er nackte Füße auf die Dielen springen, und dann gab es ein Plätschern wie an einem Brunnen, daß der Fußboden davon erzitterte. Doch am meisten ging ihm an die Nerven eine unablässige Klage zu seiner Rechten, eine Schmerzensstimme, die in Fieber und Schlaflosigkeit stöhnte. Er erkannte schließlich die Stimme der Schuhstepperin. Kam sie vielleicht nieder? Die Unglückliche war ganz allein und lag in Todesängsten unter dem Dache in einer jener elenden Kammern, wo sie selbst für ihren Bauch nicht mehr genug Platz hatte.

Gegen vier Uhr gab es eine kleine Zerstreuung. Er hörte Adele kommen und Trublot bei ihr eintreten. Ein Streit drohte auszubrechen. Sie verteidigte sich: der Hausbesitzer habe sie zurückgehalten, es sei nicht ihre Schuld. Trublot beschuldigte sie jetzt, sie sei stolz geworden. Doch sie begann zu weinen und versicherte, sie sei gar nicht stolz. Welche Sünde könne sie begangen haben, daß der liebe Gott die Männer so wütend hinter sie her sein lasse? Einer nach dem andern; es wolle kein Ende nehmen. Sie reize sie doch nicht; ihre Torheiten machten ihr so wenig Vergnügen, daß sie absichtlich schmutzig bleibe, um sie nicht auf schlimme Gedanken zu bringen. Aber es nütze nichts; sie würden nur um so wütiger, und dabei gebe es immer mehr Arbeit. Sie gehe dabei zugrunde; sie habe schon genug mit Frau Josserand auf dem Rücken, die jeden Morgen die Küche scheuern lasse.

Ihr Männer, schluchzte sie, könnt nachher schlafen, soviel ihr wollt; ich aber muß mich schinden ... Nein, es gibt keine Gerechtigkeit, ich bin zu unglücklich! ...

Nun, schlafe, ich will dich nicht quälen, sagte Trublot, von einem väterlichen Mitleid ergriffen. Es gibt Frauen, die an deiner Stelle sein möchten ... Wenn man dich liebt, dickes Tier, laß dich lieben!

Gegen Tagesanbruch schlief Octave endlich ein. Tiefe Stille herrschte in dem Hause; selbst die Schuhstepperin schnarchte nicht mehr, sondern lag still wie eine Tote. Schon drang das matte Licht des Tages durch das schmale Fenster des Raumes, als die Türe sich öffnete, und der junge Mann dadurch plötzlich geweckt ward. Es war Berta, die, von einem unwiderstehlichen Verlangen getrieben, heraufgekommen war, um nachzuschauen; sie hatte zuerst den Gedanken von sich gewiesen, dann aber allerlei Vorwände ersonnen: die Notwendigkeit, das Zimmer zu besichtigen, daselbst die Dinge wieder in Ordnung zu bringen, falls er in seinem Zorne alles durcheinander geworfen haben sollte. Überdies glaubte sie ihn nicht mehr dort anzutreffen. Als sie ihn bleich und drohend sich von dem schmalen eisernen Bett erheben sah, stand sie betroffen da und hörte mit gesenkten Blicken seine wütenden Vorwürfe an. Er heischte eine Antwort von ihr, forderte wenigstens eine Entschuldigung.

Endlich flüsterte sie:

Im letzten Augenblicke konnte ich nicht. Die Sache ist gar zu unzart.

Als sie ihn näher kommen sah, wich sie zurück aus Furcht, er könne vielleicht die Gelegenheit nützen wollen. Er hatte in der Tat Lust dazu; es schlug acht Uhr, alle Mägde waren hinabgegangen, auch Trublot war schon fort. Als er nach ihren Händen griff und sagte, daß man, wenn man jemanden liebe, sich alles gefallen lasse, erklärte sie, der Geruch sei ihr lästig. Sie öffnete das Fenster. Doch er zog sie wieder an sich und betäubte sie mit seinen Klagen. Sie stand auf dem Punkte ihm nachzugeben, als ein Schwall unflätiger Worte aus dem Küchenhof aufstieg.

Sau! Schmutzfink! bist du fertig? ... Dein Waschlappen ist mir wieder auf den Kopf gefallen!

Berta erbebte und machte sich mit den Worten los:

Hörst du? ... Nein, nicht hier, ich bitte dich. Ich würde mich zu sehr schämen. Hörst du diese Mädchen? Mich schaudert es bei ihren Reden. Schon neulich glaubte ich, mir müsse übel werden ... Nein, laß mich; ich verspreche dir nächsten Dienstag ... in deinem Zimmer ...

Die Verliebten wagten sich nicht zu rühren; sie standen da und mußten alles hören.

Zeige dich doch ein wenig, fuhr Lisa wütend fort, daß ich dir ihn an den Kopf schmeiße.

Ist das ein Geschrei wegen eines Fetzens, entgegnete Adele, indem sie sich zum Fenster hinausbeugte. Ich habe nur mein gestriges Geschirr damit abgewischt; auch ist er von selbst hinabgefallen.

Sie machten ihren Frieden, und Lisa fragte sie, was man denn gestern bei ihr gegessen habe. Wieder ein Ragout! Welche Hungerleider! Sie würde in einer solchen Baracke sich Koteletten gekauft haben. Sie hetzte Adele wieder auf, vom Zucker, vom Fleische, von den Kerzen zu stibitzen; sie selbst habe niemals Hunger und lasse Victoire die Campardons bestehlen, ohne auch nur ihren Anteil zu verlangen.

Oh, sagte Adele, die sich leicht beschwatzen ließ, ich habe neulich abend Kartoffeln in meine Tasche gesteckt; sie verbrannten mir den Schenkel. Es war so gut, so gut! Und ich liebe den Essig so sehr; ich trinke davon, wenn mir die Flasche in die Hände kommt.

Doch jetzt lehnte sich auch Victoire ans Fenster und trank da ein Glas Wacholderbranntwein, das Lisa ihr von Zeit zu Zeit kaufte, um sie für die Gefälligkeit zu belohnen, mit der sie ihre nächtlichen Ausflüge verheimlichte. Als Luise in der Küche der Frau Juzeur ihre Zunge gegen sie herausstreckte, rief Victoire ihr hinüber:

Wart', Straßenmensch, ich werde dir deine Zunge irgendwohin stecken!

Komm nur heran, alte Schnapsflasche, erwiderte die Kleine; ich habe gestern sehr wohl gesehen, wie du alles auf die Teller spiest.

Die Flut von Unflätigkeiten stieg von neuem in dem übelriechenden Schachte auf. Auch Adele, die sich schon das Pariser Kauderwelsch angeeignet hatte, nannte Luise eine Schlampe. Da rief Lisa dazwischen:

Ich werde sie still machen, wenn sie uns ärgert. Ja, ja, Nichtsnutz, ich werde Clémence benachrichtigen; die wird dir schon dein Teil geben. Dieses ekle Ding, das noch geschneuzt werden müßte, angelt schon nach Männern. Doch still, da ist der Mann! Auch ein netter Schweinigel!

Hyppolite war am Fenster der Duverdy erschienen, mit dem Putzen der Stiefel seines Herrn beschäftigt. Die Mägde waren artig gegen ihn, weil er zur Aristokratie gehörte; er verachtete Lisa, die ihrerseits Adele verachtete, mit mehr Stolz, als die reichen Herrenleute den armen Herrenleuten gegenüber zeigen. Man fragte ihn, wie es Fräulein Clémence und Fräulein Julie gehe. Mein Gott! sie langweilten sich zum Sterben, befänden sich aber sonst nicht übel. Dann ging er unvermittelt zu einem anderen Gegenstande über und fragte:

Habt ihr heute nacht das Weib mit seinem vollen Bauche stöhnen hören? Das ist aber verdrießlich! ... Gut, daß sie das Haus verläßt. Ich wollte ihr zurufen: »Schiebe doch an, damit's ein Ende hat!«

Ja, Herr Hyppolite hat recht, meinte Lisa. Nichts geht einem so an die Nerven, wie ein Weib, das immer Koliken hat. Gott sei Dank, ich kenne das nicht; aber mir scheint, ich würde es verschlucken, um die Leute schlafen zu lassen.

Victoire, die ihren Spaß haben wollte, fiel wieder über Adele her.

Sag', Geschwollene dort oben, als du dein erstes hattest, kam es von vorn oder rückwärts zum Vorschein?

Alles Dienstbotenvolk wälzte sich vor Lachen, während Adele bestürzt erwiderte:

Ein Kind? nein, das soll nicht kommen! Es ist verboten, und ich will es auch nicht ...

Mein Mädchen, sagte Lisa in ernstem Tone, die Kinder kommen jedem. Der liebe Gott wird dich auch nicht anders machen als die anderen.

Dann sprach man von Frau Campardon, die nichts mehr zu fürchten hatte. Es war das einzig Angenehme bei ihrem Zustande. Nach ihr kamen alle Damen des Hauses an die Reihe; Frau Juzeur, die Vorsichtsmaßregeln anwandte; Frau Duverdy, die einen Ekel vor ihrem Manne hatte; Frau Valerie, die sich ihre Kinder auswärts holte, weil ihr Mann nicht imstande sei, ihr auch nur das Schwänzlein eines Kindes zu machen. Von neuem stieg das Gelächter in dem Schachte auf.

Berta war wieder erbleicht. Sie wartete, denn sie wagte nicht mehr, aus dem Zimmer Rachels zu treten; verwirrt und mit zu Boden gesenkten Blicken stand sie da, gleichsam in Octaves Gegenwart vergewaltigt. Ohnehin wütend über die Mägde, fühlte er jetzt, daß sie zu unflätig wurden und daß er von Berta nicht wieder Besitz ergreifen konnte. Seine Begierde schwand; er fühlte sich von großer Müdigkeit und Trauer ergriffen. Doch die junge Frau erbebte; Lisa hatte soeben ihren Namen ausgesprochen.

Wenn wir schon von den Pfiffigen reden, scheint mir dies eine zu sein, die sich etwas gönnt! Ist's nicht wahr, Adele, daß dein Fräulein Berta schon damals ein lockerer Zeisig war, als du noch ihre Röcke wuschest?

Jetzt läßt sie sich von dem Angestellten ihres Mannes abstäuben, bemerkte Victoire. Es wird nicht zu viel Staub da sein!

Still! empfahl Hyppolite.

Schau, warum denn? Ihr Kamel von einer Magd ist heute nicht da. Eine Duckmäuserin, die einen fressen möchte, wenn man von ihrer Herrin spricht. Ihr wißt doch wohl, daß sie eine Jüdin ist und in ihrer Heimat jemanden ermordet hat. Vielleicht stäubt der schöne Octave auch sie in den Winkeln ab. Der Herr hat diesen langen Gimpel in den Dienst nehmen müssen, um die Kinder zu machen.

Von einer unsagbaren Angst gepeinigt, erhob Berta die Augen zu ihrem Liebhaber; seinen Beistand erflehend, flüsterte sie:

Mein Gott! mein Gott!

Octave nahm ihre Hand und drückte sie fest; auch ihn erstickte fast eine ohnmächtige Wut. Was sollte er tun? Er konnte sich nicht zeigen, um diesen Mädchen Stillschweigen zu gebieten. Die unflätigen Reden dauerten fort, solche Reden, wie die junge Frau sie niemals gehört hatte, ein wahrer Sturzregen aus dem Spülstein, der jeden Morgen in ihrer Nähe sich ergoß, ohne daß sie eine Ahnung davon hatte. Ihre so peinlich verborgene Liebe ward jetzt durch den Kehricht der Küche geschleppt. Diese Dirnen wußten alles, ohne daß jemand ein Wort gesprochen hätte. Lisa erzählte, wie Saturnin die Kerze hielt; Victoire lachte über die Kopfschmerzen des Gatten, der sich irgendwo ein anderes Auge hätte sollen einsetzen lassen; Adele selbst schimpfte auf ihr ehemaliges Fräulein, deren Unpäßlichkeiten, zweifelhafte Leibwäsche und Toilettengeheimnisse sie schilderte.

Achtung da unten! rief plötzlich Victoire; da sind Möhren von gestern, die mir die Küche verpesten. Das ist für den Vater Gourd, diesen Halunken!

Aus Bosheit warfen die Mägde so die Reste und Abfälle hinaus, die dann der Hausmeister zusammenkehren mußte.

Hier ein Rest von schimmelig gewordenen Nieren, sagte Adele ihrerseits.

Und nun folgten aus allen Fenstern die Speisereste nach, während Lisa fortfuhr, auf Berta und Octave loszuschlagen, die Lügen niederreißend, mit denen diese die unsaubere Nacktheit des Ehebruches bedeckten. Die beiden standen da Hand in Hand, Aug in Aug und vermochten die Blicke nicht abzuwenden; ihre Hände wurden eiskalt, ihre Augen gestanden sich die Unflätigkeit ihres Verhältnisses, die Schwäche der Herrenleute, bloßgelegt durch den Haß der Dienerschaft. Das war ihre Liebe: diese Unzucht unter einem Sturzregen von verdorbenem Fleisch und sauer gewordenen Gemüsen.

Ihr müßt wissen, sagte jetzt Hyppolite, daß der junge Mann seiner Herrin eine Nase dreht! Er hat sie nur genommen, um sich in der Welt vorwärts zu bringen. Er ist im Grunde ein Geizhals trotz des Anscheins, den er sich gibt; ein skrupelloser Kerl, der trotz seiner scheinbaren Verliebtheit sehr bald dabei ist, den Frauen Ohrfeigen zu versetzen!

Berta, die von Octave kein Auge ließ, sah ihn erbleichen; sein Gesicht war ganz verstört und dermaßen verändert, daß es ihr Furcht einflößte.

Meiner Treu, sie sind einander wert, fuhr Lisa fort. Ich würde auch für ihre Haut nicht viel geben. Schlecht erzogen, das Herz hart wie Stein, unbekümmert um alles, was nicht ihr Vergnügen ist, für Geld mit Männern schlafend, jawohl, für Geld! Ich kenne das; ich wette, daß sie kein Vergnügen bei einem Manne hat.

Tränen traten Berta in die Augen. Octave sah, wie ihre Miene sich verzerrte. Es war ihnen, als wolle man sie voreinander ausziehen und schinden, ohne daß sie sich wehren könnten. Fast erstickt durch diese Kloakenöffnung, aus der so viel Schimpf gegen sie aufstieg, wollte die junge Frau entfliehen. Er hielt sie nicht zurück, denn der Ekel, den sie vor sich selbst hatten, machte ihnen das Beisammensein zu einer Qual, und sie lechzten nach der Erleichterung, einander nicht mehr zu sehen.

Du hast versprochen, nächsten Dienstag, bei mir.

Ja, ja.

Sie entfloh wie außer sieh. Er blieb allein, trippelte herum, tastete herum und rollte das mitgebrachte Linnenzeug wieder zu einem Bündel zusammen. Er hörte die Mägde nicht mehr, als ein letzter Satz an sein Ohr schlug und ihn in seinem Tun plötzlich einhalten ließ.

Ich sage euch, Herr Hédouin ist gestern abend gestorben ... Hätte der schöne Octave das vorausgesehen, dann hätte er wohl noch weiter der Frau Hédouin zugesetzt, die Moneten hat.

Die Neuigkeit, die er in dieser Kloake erfuhr, rief einen Widerhall in seinem Innersten» hervor; Herr Hédouin war tot. Ein unermeßliches Bedauern erfüllte ihn. Er dachte laut und konnte die Antwort nicht unterdrücken: Gewiß, ich habe eine Dummheit begangen!

Als Octave mit seinem Wäschebündel endlich hinunterging, begegnete er Rachel, die zu ihrer Kammer hinaufstieg. Einige Minuten früher hätte sie die beiden dort überrascht. Unten hatte sie ihre Herrin in Tränen aufgelöst gefunden; aber diesmal hatte sie nichts von ihr erlangen können, weder ein Geständnis, noch einen Sou. Wütend, weil sie merkte, daß man ihre Abwesenheit dazu benutzte, sich zu treffen und sie um ihre kleinen Einkünfte zu bringen, warf sie dem jungen Mann einen finstern, drohenden Blick zu. Eine seltsame, schülerhafte Scheu hielt Octave zurück, ihr zehn Franken zu geben; und da er eine volle Unbefangenheit zeigen wollte, trat er bei Marie ein, als ein Gebrumme, das aus einem Winkel kam, ihn den Kopf wenden ließ. Es war Saturnin, der sich erhob und in einer eifersüchtigen Anwandlung sagte:

Nimm dich in acht! Tödlich entzweit!

Es war der 8. Oktober an diesem Tage. Die Schuhstepperin sollte vormittags ausziehen. Seit acht Tagen beobachtete Herr Gourd mit steigendem Entsetzen ihren stündlich wachsenden Leib. Dieser Bauch wird den 8. Oktober sicherlich nicht abwarten. Die Schuhstepperin hatte den Hausbesitzer gebeten, sie noch einige Tage länger im Hause zu behalten, damit sie daselbst ihr Kindbett halten könne. Eine entrüstete Weigerung war die Antwort. Jeden Augenblick kamen Wehen über sie. Verflossene Nacht glaubte sie, daß sie niederkommen werde, allein, verlassen. Gegen neun Uhr morgens begann sie auszuziehen. Im Hofe stand der Straßenjunge mit seinem Karren und lud ihren dürftigen Hausrat auf. Sie half ihm dabei und setzte sich von Zeit zu Zeit, wenn ein heftiger Schmerz ihren Leib zusammenzog, auf die Stufen nieder, um erschöpft auszuruhen.

Herr Gourd hatte indes nichts zu entdecken vermocht. Keinen einzigen Mann! Man hat ihn also zum besten gehalten. Mit der Miene unterdrückten Zornes schlich er den ganzen Vormittag umher. Octave, der ihm begegnete, zitterte bei dem Gedanken, daß dem Hausmeister sein Liebesverhältnis bekannt sein könne. Vielleicht war es ihm auch bekannt; aber es hinderte ihn nicht, den jungen Mann höflich zu grüßen, denn »was ihn nichts anging, das ging ihn nichts an« – wie er zu sagen pflegte. Er hatte sogar heute morgen ehrfurchtsvoll die Mütze gezogen vor der geheimnisvollen Dame, die sich aus dem Zimmer des Herrn vom dritten Stockwerk eilig entfernte, nichts als einen Eisenkraut-Parfüm als Spur hinter sich zurücklassend. Er hatte auch Trublot gegrüßt und Valerie und die andere Frau Campardon. Das sind Bürgersleute, die gehen ihn nichts an: weder die jungen Leute, die er vor den Türen der Dienstbotenzimmer überrascht, noch die Damen, die in anklägerischen Nachtkleidern über die Treppen huschen. Aber was ihn anging, das ging ihn an, und er ließ kein Auge von den ärmlichen Siebensachen der Schuhstepperin, als ob sie den vielgesuchten Mann in einer Schublade verborgen mitführe.

Dreiviertel auf zwölf Uhr erschien endlich die Arbeiterin mit ihrem wachsgelben Gesichte, ihrer ewigen Traurigkeit, ihrer düstern Verlassenheit. Sie vermochte kaum zu gehen. Herr Gourd zitterte, ehe sie nicht auf der Gasse war. In dem Augenblick, als sie ihm den Schlüssel zurückstellte, tauchte eben Herr Duverdy im Vorraum auf. Er zeigte eine strenge Miene unerbittlicher Moral, als der Bauch dieser Unglücklichen an ihm vorbeikam. Beschämt und ergeben senkte sie den Kopf und folgte dem Karren mit den nämlichen verzweiflungsvollen Schritten, wie sie gekommen war an dem Tage, als Herr Vabre beerdigt wurde und sie zwischen den schwarzen Vorhängen der Toreinfahrt verschwand.

Jetzt erst konnte Herr Gourd triumphieren. Als ob dieser Bauch alles Unangenehme des Hauses mit sich nehme, rief er dem Hausbesitzer zu:

Da sind wir ein sauberes Stück losgeworden! Jetzt kann man endlich aufatmen; hundert Pfund leichter fühle ich mich. In einem Hause, das auf Anständigkeit hält, darf man keine Frauenzimmer dulden und vor allem keine Arbeiterinnen!

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