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Der häusliche Herd

Emile Zola: Der häusliche Herd - Kapitel 12
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typefiction
authorEmile Zola
titleDer häusliche Herd
publisherBenjamin Harz Verlag
seriesDie Rougon-Macquart
volumeBand X
year1924
translatorArmin Schwarz
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Elftes Kapitel

Als Octave tags darauf um acht Uhr von seinem Zimmer hinunterging, war er sehr überrascht, als er bemerkte, daß das ganze Haus von dem gestrigen Anfalle und dem verzweifelten Zustande des Hauseigentümers unterrichtet war. Man befaßte sich übrigens weit weniger mit dem Kranken als mit der Erbschaft.

Die Pichons saßen in ihrem kleinen Speisezimmer bei der Schokolade. Julius rief Octave herbei.

Da wird's wohl ein Durcheinander geben, wenn er jetzt stirbt, nicht wahr? Recht drollige Geschichten... Wissen Sie, ob ein Testament da ist?

Der junge Mann fragte, ohne erst die an ihn gerichtete Frage zu beantworten, woher sie die Neuigkeit hätten? Marie hatte sie von der Bäckersfrau mit heraufgebracht; übrigens sickerte sie gleichsam von Stock zu Stock durch, sogar von einem Ende der Straße zum andern ward sie durch die Mägde verbreitet. Nachdem sie dann der kleinen Lilitte, die die Finger in die Schokolade gesteckt hatte, einen Klaps versetzt, sagte die junge Frau ihrerseits:

Ah, das viele Geld! ... Wenn es ihm eingefallen wäre, uns von je hundert Sous einen Sou zu vermachen. Aber das haben wir kaum zu befürchten!

Als Octave im Begriff war, sich zu entfernen, fügte sie hinzu:

Ich habe Ihre Bücher ausgelesen, Herr Mouret ... Wollen Sie sie mitnehmen?

Er ging rasch hinunter, ganz beunruhigt, da es ihm einfiel, daß er Frau Duverdy versprochen hatte, ihr Berta zu schicken, ehe ihr noch jemand von dem traurigen Vorfalle gesprochen habe. Im dritten Stocke stieß er jedoch auf Campardon, der eben ausging.

Nun, sagte der Architekt, Ihr Chef wird jetzt eine Erbschaft machen. Ich habe mir erzählen lassen, daß der Alte nahe an 600 000 Franken habe außer diesem Hause ... Warum auch nicht! Er hat ja bei den Duverdy nichts ausgegeben, und es ist ihm von dem Versailler Schatz nicht wenig geblieben, die zwanzig und einige tausend Franken Mietzins gar nicht gerechnet, die er seit zwölf Jahren auf einen Haufen gelegt ... Nicht wahr, ein famoser Kuchen, wenn nur drei sich darin zu teilen haben.

Als er so plaudernd hinter Octave herging, begegneten sie im zweiten Stocke Frau Juzeur, die eben nachschauen wollte, was ihre kleine Magd Luise so zeitig früh schon vorhaben mochte, daß sie mehr als eine Stunde wegblieb, um für vier Sous Milch zu holen. Wie das nicht anders zu denken ist, knüpfte sie im Fluge ein Gespräch über den allgemein bekannten Gegenstand an.

Man weiß nicht, sagte sie mit ihrer sanften Miene, wie er seine Angelegenheiten geordnet hat. Es wird sicherlich manche Geschichten geben.

Gewiß! sagte der Baumeister heiter. Wäre ich nur an ihrer Stelle, würde die Sache sich nicht lange hinschleppen... Man macht drei gleiche Teile, jeder nimmt den seinen und empfiehlt sich schönstens!

Frau Juzeur beugte sich hinab, dann hob sie den Kopf wieder in die Höhe, um sich zu versichern, daß niemand auf der Treppe sei, endlich sagte sie mit gedämpfter Stimme:

Wenn sie aber nicht finden, was sie erwarten? ... Man hat mir sonderbare Dinge erzählt!

Der Baumeister machte große Augen... Dann zuckte er die Achseln: Warum nicht gar! Eitel Märchen! Vabre war ein alter Geizhals, der seine Ersparnisse in alte Wollstrümpfe steckte.

Hierauf entfernte er sich, denn er hatte eine Zusammenkunft mit dem Abbé Mauduit.

Bald jedoch wandte er sich um, als er etwa drei Stufen hinuntergegangen war, und bemerkte zu Octave:

Ich muß Ihnen sagen, daß sich meine Frau über Sie beklagt; gehen Sie doch hinein, ein wenig mit ihr plaudern.

Frau Juzeur hielt jetzt ihrerseits den jungen Mann zurück.

Und mich wollen Sie gänzlich vernachlässigen! Ich dachte, Sie hätten mich ein bißchen lieb... Wenn Sie kommen, gebe ich Ihnen einen Antillenlikör zu kosten. Ein köstliches Getränk!

Er versprach zu kommen und eilte dann, in den Hausflur zu gelangen. Ehe er aber zu der in die Einfahrt sich öffnenden Ladentür gelangen konnte, mußte er eine Gruppe von Mägden passieren. Diese verteilten schon das Vermögen des Sterbenden. Soviel für Frau Clotilde, soviel für Herrn August und soviel für Herrn Theophil. Clémence gab rundweg die ziffernmäßigen Beträge an; sie kannte sie genau, denn Hyppolite, der das Geld in einem Möbelstücke gesehen, hatte ihr hinterbracht, wie hoch es sich belaufe. Julie bestritt es indes. Lisa erzählte, wie ihr erster Dienstgeber, ein alter Herr, sie angeführt habe, indem er verschied, ohne ihr auch nur die schmutzige Wäsche zu vermachen, während Adele, mit hängenden Armen und offenem Munde die Erbschaftsgeschichten anhörte, wobei sie riesige Stöße von Hundertsousstücken dahinrollen zu sehen glaubte.

Auf der Straße war es wieder Herr Gourd, der mit dem Papierhändler von gegenüber plauderte. Für ihn hatte der Hauseigentümer so gut wie aufgehört zu existieren.

Mich interessiert zu wissen, wer das Haus übernehmen wird, sagte er ... Sie können alles andere teilen; aber das Haus können sie nicht in drei Stücke schneiden.

Endlich ging Octave ins Magazin. Die erste Person, die er dort sah, war Frau Josserand, vor der Kasse sitzend, frisiert, gepudert, geschnürt, kurz in voller Rüstung. Neben ihr stand Berta, die wahrscheinlich eiligst heruntergekommen war; sie hatte ihr reizendes Hauskleid an und schien sehr erregt.

Als sie ihn erblickten, hielten sie im Gespräch inne, und die Mutter warf ihm einen fürchterlichen Blick zu.

Mein Herr, so sind Sie dem Hause ergeben? Sie schließen sich der Verschwörung an, welche die Feinde meiner Tochter gegen diese anzetteln?

Er wollte sich entschuldigen und den Sachverhalt darlegen. Aber sie schnitt ihm das Wort ab. Sie beschuldigte ihn, die Nacht bei den Duverdys mit dem Aufsuchen des Testamentes zugebracht zu haben, um gewisse Punkte hineinzuschmuggeln. Als er lachend fragte, welches Interesse er daran haben könne, antwortete sie:

Ihr Interesse, Ihr Interesse ... Kurz! Da es Gott gefiel, Sie zum Zeugen des Schlaganfalls zu machen, hätten Sie eilen sollen, uns davon zu verständigen. Denken Sie nur, wenn ich nicht wäre, würde meine Tochter noch jetzt nichts wissen. Wäre ich nicht auf die erste Nachricht über die Stiege hinuntergerast, würde sie leer ausgehen. Ei! Ihr Interesse? Kann man wissen? Wenn auch Frau Duverdy sehr welk aussieht, gibt es doch vielleicht manchen, der minder wählerisch ist und mit ihr fürlieb nimmt.

Oh! Mama! sagte Berta, Clotilde, die so ehrbar ist!

Frau Josserand zuckte mit dem Ausdruck des Mitleides die Achseln und sagte:

Laß' gut sein! Du weißt doch, daß man fürs liebe Geld alles tut!

Octave mußte ihnen den Hergang des Schlaganfalls erzählen. Sie warfen einander Blicke zu: Es ist wohl – meinte die Mutter – schwerlich mit rechten Dingen zugegangen. In der Tat ist Clotilde zu gütig, daß sie der Familie die Gemütsaufregung ersparen wollte. Sie ließen dann den jungen Mann an die Arbeit gehen, ohne darum weniger Zweifel über seine Rolle in der Angelegenheit zu haben. Ihre lebhaften Erörterungen dauerten fort.

Wer wird die im Vertrage verschriebenen 50 000 Franken bezahlen? sagte Frau Josserand. Wenn der Alte einmal unter der Erde ist, wird man dem Gelde nachlaufen können.

Ah! die 50 000 Franken, versetzte Berta ganz verlegen. Du weißt, daß er ebenso wie ihr nur 10 000 alle sechs Monate zu entrichten hatte. Wir sind noch nicht daran; das Beste wird sein zu warten.

Warten! Vielleicht meinst du gar, er werde zurückkommen und dir das Geld mitbringen ... Du bist eine rechte Gans! Willst du dich bestehlen lassen? ... Du wirst sie sofort von der Erbschaft fordern. Wir leben, Gottlob! Niemand weiß, ob wir zahlen werden oder nicht; er aber ist tot, er muß also zahlen.

Sie beschwor ihre Tochter, daß sie nicht nachgebe; sie habe niemandem ein Recht dazu gegeben, sie für eine dumme Person zu halten.

Während sie in dieser Weise sich erging spitzte sie zuweilen die Ohren gegen die Decke wie in der Absicht, durch das Erdgeschoß hören zu wollen, was oben im ersten Stock bei den Duverdy vorgehe. Das Zimmer des Alten mußte gerade über ihrem Kopfe liegen. August war zu seinem Vater hinaufgegangen, sobald sie ihn mit der Sachlage bekannt gemacht hatte. Das beruhigte sie jedoch nicht; sie wäre am liebsten selber dort gewesen, denn sie witterte immer geheime Anschläge.

So geh doch hin! schrie sie endlich in ihrer aufs höchste gesteigerten Erregung. August ist zu schwach, sie unterlassen gewiß nicht, ihn »einzufädeln«.

Berta ging also hinauf.

Octave, mit der Herrichtung der Auslage beschäftigt, hatte ihnen zugehört. Als er sich mit Frau Josserand allein sah und diese auf die Türe zukam, fragte er sie, in der Hoffnung einen Tag frei zu bekommen, ob es nicht schicklich sei, den Laden zu schließen.

Wozu denn? sagte sie. Warten Sie, bis er tot ist. Keine Ursache, die heutige Losung zu verlieren

Als er einen Rest hochroter Seide zusammenfaltete, fügte sie hinzu, um die Derbheit ihrer früheren Rede etwas zu beschönigen:

Sie dürfen allerdings heute keine roten Stoffe in die Auslage geben.

Oben fand Berta ihren Gatten bei seinem Vater.

Das Zimmer hatte sich seit dem Tag zuvor nicht geändert, es war immer noch dumpfig, still, von einem langen und qualvollen Röcheln erfüllt. Auf dem Bette ruhte der Greis, ganz starr, aller Sinne beraubt, jeder Bewegung unfähig. Das Eichenkästchen voller Zettel lag noch auf dem Tisch. Kein Einrichtungsstück schien vom Platze gerückt, oder auch nur geöffnet zu sein. Die Duverdy sahen indes mehr niedergeschlagen aus und müde, als sie wohl sein mußten nach einer schlaflosen Nacht, mit unruhig zuckenden Augenlidern infolge der fortwährenden inneren Erregtheit. Um sieben Uhr hatten sie Hyppolite ins Gymnasium Bonaparte wegen ihres Sohnes Gustav geschickt, und das Kind, ein Knabe von sechzehn Jahren, schmächtig und aufgeschossen, stand da, um diesen unerwarteten Feiertag inmitten der allgemeinen Bestürzung bei einem Sterbenden zu verbringen.

Ach, meine Teure, welch' entsetzlicher Schlag! sagte Clotilde, indem sie ihre Schwägerin Berta umarmte.

Warum hat man uns nicht benachrichtigt? entgegnete diese, wobei sie wie ihre Mutter, die Lippen einkniff. Wir waren ja da, um ihn euch tragen zu helfen.

August blickte sie mit bittender Miene an, daß sie schweigen möge. Der Augenblick sei noch nicht gekommen, daß man miteinander streite. Man könne schon noch warten. Der Doktor Juillerat, der bereits einmal da war, sollte ein zweites Mal kommen; aber er gab noch immer keine Hoffnung; der Kranke werde nach seiner Meinung den Tag nicht überleben. August teilte diese Neuigkeiten seiner Frau mit, um sie zu beruhigen, als gerade Theophile und Valerie eintraten. Clotilde schritt ihnen sogleich entgegen und wiederholte, indem sie Valerie umarmte:

Welch' entsetzlicher Schlag, meine Liebe!

Theophile war jedoch sehr erregt.

Was soll es denn heißen? fragte er, ohne auch nur die Stimme zu dämpfen, wenn mein Vater im Sterben liegt, muß ich es vom Kohlenmann erfahren? Ihr wolltet also Zeit gewinnen, ihm die Taschen zu leeren.

Duverdy erhob sich ganz entrüstet. Clotilde jedoch schob ihn mit einer Bewegung auf die Seite, während sie ihrem Bruder leise antwortete:

Unglücklicher! ist dir nicht einmal der Todeskampf unseres Vaters heilig? ... Sieh ihn nur an, betrachte dein Werk; ja, du hast ihm das Blut vergiftet, indem du die rückständigen Mietgebühren nicht bezahlen wolltest.

Valerie fing zu lachen an.

Das meinst du doch wohl nicht im Ernst? sagte sie.

Wie, nicht im Ernst? versetzte Clotilde höchst empört. Ihr wißt, wie er darauf hielt, seinen Quartalszins hereinzubekommen ... Ihr habt gehandelt, wie wenn ihr's darauf abgesehen hättet, ihn umzubringen.

Sie gerieten in einen immer heftigeren Wortwechsel und beschuldigten sich gegenseitig, daß sie die Hand auf die Erbschaft legen wollten, als August, der immer noch mürrisch, aber ruhig dreinschaute, sie zum Respekt aufforderte.

Schweigt! Ihr habt ja später Zeit genug dazu. Zur Stunde ist es nicht schicklich.

Die Familie erkannte die Richtigkeit dieser Bemerkung, und man setzte sich um das Bett herum. Eine tiefe Stille trat ein; man konnte das Röcheln in dem dumpfen Zimmer wieder vernehmen. Berta und August saßen zu Füßen des Sterbenden; Valerie und Theophile, die zuletzt angekommen waren, hatten sieh ziemlich weit neben den Tisch hinsetzen müssen, während Clotilde am Kopfende einen Platz inne hatte und ihr Mann hinter ihr; ihren Sohn Gustav, den Abgott des alten Mannes, hatte sie ganz bis an die Matratze vorgeschoben. Sie sahen einander lautlos an. Aber die deutlichen Blicke, die zuckenden Lippen verrieten die heimlichen Gedanken, die unruhigen Grübeleien, die durch die rotäugigen, blassen Köpfe dieser Erben kreuzten. Der Anblick des jungen Gymnasiasten, der sich so nahe beim Bette aufgestellt hat, erbitterte besonders die zwei jungen Ehepaare; denn daraus war klar ersichtlich, daß die Duverdy auf die Anwesenheit Gustavs rechneten, um den Großvater zu rühren, wenn er seine Besinnung wieder erlangen sollte.

Dieser Kunstgriff allein schien zu beweisen, daß kein Testament vorhanden sei; Theophile warf verstohlene Blicke auf den alten Geldkasten des ehemaligen Notars, den er von Versailles mitgebracht, und in einer Ecke seines Zimmers hatte einmauern lassen. Er sperrte aus purer Laune eine ganze Menge Sachen in ihn ein. Sicherlich hatten sich die Duverdy beeilt, diesen Kasten während der Nacht durchzustöbern. Theophile sann darüber nach, ihnen eine Falle zu stellen und sie zum Sprechen zu bringen.

Sagen Sie einmal, lispelte er dem Rat ins Ohr; wenn man den Notar kommen ließe? Papa könnte vielleicht andere Verfügungen treffen wollen?

Duverdy hörte ihn zuerst nicht. Da er sich in diesem Zimmer sehr langweilte, hatte er die ganze Nacht seine Gedanken auf Clarisse zurückgelenkt. Das klügste sei freilich, sich mit seiner Frau zu versöhnen; aber die andere, die war so possierlich, wenn sie mit einer ausgelassenen Handbewegung das Hemd über den Kopf warf; und die Augen auf den Sterbenden geheftet, sah er sie so in seiner Einbildung, und hätte alles darum gegeben, sie nur noch einmal wieder zu haben. Theophile mußte seine Frage wiederholen.

Ich habe Herrn Renaudin gefragt, antwortete Duverdy zusammenfahrend. Es ist kein Testament da.

Aber hier?

So wenig hier wie beim Notar.

Theophile warf August einen bedeutungsvollen Blick zu: augenscheinlich haben die Duverdy herumgestöbert. Clotilde verstand die Bedeutung dieses Blickes und wurde über ihren Mann aufgebracht. Der Schmerz, sagte sie, muß ihn ganz betäubt haben, daß er nicht weiß, was er spricht. Dann fügte sie hinzu:

Papa hat sicherlich getan, was er hat tun müssen ... Wir werden es nur zu früh erfahren, leider Gottes!

Sie weinte. Valerie und Berta, durch ihren Schmerz ergriffen, schluchzten ebenfalls leise. Theophile hatte sich auf den Fußzehen wieder zu seinem Sitz begeben. Er wußte, was er wissen wollte. Sollte sein Vater wieder zum Bewußtsein kommen, wird er nicht zugeben, daß die Duverdy mit ihrem Gassenjungen von Sohn Mißbrauch treiben und gegen die andern bevorzugt werden. Als er sich aber niedersetzte, sah er seinen Bruder August sich die Augen trocknen und wurde so ergriffen, daß die Tränen ihn fast erstickten: er dachte an den Tod, vielleicht sterbe auch er an dieser abscheulichen Krankheit. Da zerfloß die ganze Familie in Tränen. Gustav allein konnte nicht weinen, was ihn so bestürzt machte, daß er die Augen zu Boden senkte.

So flossen die Stunden dahin. Um elf Uhr hatten sie eine Zerstreuung, der Doktor Juillerat war nämlich wiedergekommen. Der Zustand des Kranken verschlimmerte sich dermaßen, daß es jetzt sogar zweifelhaft war, ob er seine Kinder, bevor er verschied, noch einmal erkennen werde. Alle brachen wieder in Schluchzen aus, als Clémence den Abbé Mauduit anmeldete. Clotilde, die sich erhoben hatte, empfing zuerst seinen Trost. Er schien vom Unglücke der Familie tief gerührt und fand für jeden ein Wort der Ermutigung. Er sprach dann mit vielem Takte von den Rechten der Religion und gab zu verstehen, daß man diese Seele ahne den Beistand der Kirche nicht scheiden lassen solle.

Ich hatte daran gedacht, sagte Clotilde.

Theophile erhob jedoch Einwendungen; Vater habe die kirchlichen Gebräuche nicht geübt, er solle sogar früher fortschrittliche Gedanken gehegt haben, denn er habe Voltaire gelesen; es sei das beste, davon abzustehen, solange man ihn nicht fragen könne. Er fügte sogar in der Hitze des entstandenen Wortstreites hinzu:

Es ist gerade so, wie wenn ihr diesem Möbelstücke die letzte Ölung reichen wolltet.

Die drei Frauen hießen ihn schweigen. Sie waren tief gerührt und gaben dem Priester Recht; sie entschuldigten sich, daß sie in der Bestürzung über das plötzliche Hereinbrechen des Unglücks vergessen hätten, ihn zu schicken; hätte Herr Vabre sprechen können, würde er sicherlich eingewilligt haben; denn er liebte es nicht, Aufsehen zu machen. Übrigens nahmen die Damen alles auf sich.

Man muß es schon wegen der Nachbarschaft tun, sagte Clotilde.

Freilich, stimmte der Abbé Mauduit lebhaft zu; ein Mann in einer Stellung wie Ihr Herr Vater muß ein gutes Beispiel geben.

August enthielt sich jeder Meinung. Duverdy hingegen, herausgerissen aus seiner Erinnerung an Clarisse, die er sich eben dachte, wie sie ihre Strümpfe – einen Schenkel in der Luft – anzuziehen pflegt, verlangte mit Ungestüm die Darreichung der Sterbesakramente. Er wollte es durchaus; kein Glied seiner Familie sei je ohne solche gestorben.

Der Doktor Juillerat, der sich aus Höflichkeit zurückgezogen hatte, ohne seine geringschätzende Freidenkerei durchblicken zu lassen, näherte sich dem Priester und sagte ihm leise und vertraulich wie einem Kollegen, dem man bei ähnlichen Gelegenheiten schon oft begegnet ist:

Die Verrichtung ist dringend, Sie müssen sich beeilen.

Der Priester ging eilends weg. Er zeigte an, daß er mit dem Abendmahle und der letzten Ölung zurückkommen werde, um für alle Möglichkeiten gerüstet zu sein. Theophil brummte jedoch in seinem Eigensinne vor sich hin:

Nun freilich, jetzt lassen sie die Sterbenden gegen ihren Willen beichten.

Bald darauf trat jedoch ein aufregendes Ereignis ein. Als Clotilde ihren Platz wieder eingenommen hatte, fand sie den Sterbenden mit weit geöffneten Augen da liegen. Sie vermochte einen leisen Aufschrei nicht zu unterdrücken; die Familie näherte sieh ihm, und der Alte ließ seine Augen musternd über die Umstehenden schweifen, langsam, ohne den Kopf zu bewegen. Der Doktor Juillerat neigte sich betroffen über das Kopfende des Bettes, um diese, äußerste Krise zu beobachten.

Wir sind es, Vater, erkennst du uns? fragte Clotilde.

Herr Vabre blickte sie fest an; dann bewegten sich seine Lippen, brachten aber keinen Laut hervor. Alle drängten sich, um von ihm das letzte Wort herauszubringen. Valerie, die ganz hinten stand und sich auf die Fußspitzen stellen mußte, sagte mißmutig:

Ihr erstickt ihn ja. Geht doch auf die Seite. Wenn er etwas wünschte, könnte man's nicht hören.

Die anderen mußten also auf die Seite gehen. Die Augen des Herrn Vabre schienen in der Tat im Zimmer nach etwas zu suchen.

Er wünscht sicherlich etwas, sagte Berta.

Hier steht Gustav, wiederholte Clotilde. Du siehst ihm, nicht wahr? Er ist aus der Schule gekommen, dich zu umarmen. Umarme deinen Großvater, mein Kind.

Da der Knabe erschrocken zurückwich, hielt sie ihn mit einer Hand fest; sie erwartete, daß er ein Lächeln auf das verzerrte Gesicht des Sterbenden locken werde. August und Theophile folgten jedoch der Richtung seiner Blicke, und ersterer erklärte, der Kranke habe auf den Tisch geschaut; er wolle gewiß schreiben. Alle drängten sich heran. Man brachte den Tisch, holte Papier, Tintenfaß und eine Feder. Man richtete ihn endlich auf und stützte ihn mit drei Kissen. Der Doktor gestattete diese Dinge mit einem einfachen Augenzwinkern.

Reicht ihm die Feder, sagte Clotilde, ohne Gustav von der Hand zu lassen, den sie immer wieder vorschob.

Es trat ein feierlicher Augenblick ein. Dicht ums Bett gedrängt, stand die Familie erwartungsvoll da. Herr Vabre, der niemanden mehr erkannte, ließ die Feder fallen. Einen Augenblick ließ er seine Blicke über den Tisch schweifen, auf dem das Eichenholzkästchen, angefüllt mit Papierstreifen, stand. Dann sank er von den Kissen nach vorn wie ein Lappen und streckte mit einer äußersten Anstrengung den Arm aus, um mit zitternder Hand in seinen Papierstreifen zu wühlen wie ein Kind, das in irgendeinem unsaubern Gefäße fröhlich herumpatscht. Ein Freudenstrahl glitt über sein sterbendes Antlitz: er wollte sprechen, vermochte aber nur eine Silbe hervorzubringen, eine einzige Silbe, immer die nämliche; eine jener Silben, in denen die Kleinen eine ganze Welt von Empfindungen ausdrücken.

Ga ... ga ... ga ... ga ...

Der Arbeit seines ganzen Lebens, dem großen, statistischen Werke sagte er ein letztes Lebewohl. Plötzlich fiel sein Haupt zurück. Er war tot.

Ich war darauf gefaßt, sagte der Doktor zu der bestürzten Familie, indem er den Toten ausstreckte und ihm die Augen schloß.

War es möglich? August trug den Tisch weg, und jetzt standen alle stumm und wie erstarrt da. Doch bald brachen sie in ein Schluchzen aus. Mein Gott, da nichts mehr zu hoffen ist, wird man schon an die Aufteilung des Vermögens schreiten müssen. Clotilde sandte Gustav fort, um ihm den schmerzlichen Anblick zu ersparen, und weinte dann ganz erschöpft still für sich hin, den Kopf an Bertas Schulter gelehnt, die gleich Valerie ebenfalls schluchzte.

August und Theophile standen am Fenster und rieben sieh fest die Augen. Duverdy zeigte eine ganz außerordentliche Verzweiflung und erstickte ein krampfhaftes Schluchzen in seinem Taschentuche. Nein, er könne ohne Clarisse nicht leben – dachte er sich dabei – lieber wolle er sterben, wie jener Greis dort. Der Kummer um die verlorene Geliebte, der gerade mit dieser Familientrauer zusammenfiel, erfüllte ihn mit unendlicher Bitternis.

Gnädige Frau, meldete Clémence, der Priester mit dem Sakrament der letzten Ölung ist da.

Auf der Schwelle erschien der Abbé Mauduit. Hinter ihm tauchte der neugierige Kopf eines Chorknaben auf.

Der Priester sah die schluchzende Familie und befragte mit einem Bücke den Arzt, der die Arme öffnete, wie um anzudeuten, daß es nicht seine Schuld sei. Dann entfernte sich der Abbé, nachdem er einige Gebete gemurmelt hatte, mit verlegener Miene, das Allerheiligste wieder mitnehmend.

Das ist ein böses Vorzeichen, sagte Clémence zu den übrigen Dienstleuten, die vor der Türe des Vorzimmers versammelt standen. Man darf das Allerheiligste nicht vergebens behelligen. Ihr werdet sehen: bevor ein Jahr um ist, wird es wieder im Hause erscheinen.

Das Leichenbegängnis des Herrn Vabre fand erst drei Tage später statt. Duverdy hatte in die Anzeige die Worte eingefügt »Versehen mit den Tröstungen der Kirche«. Das Warenlager des Herrn August Vabre blieb geschlossen, so daß Octave frei war. Dieser kurze Urlaub freute ihn, denn er hegte seit langer Zeit den Wunsch, sein Zimmer neu einzurichten, die Möbel umzustellen, seine wenigen Bücher in einem Schrank aufzustellen, den er gelegenheitlich gekauft hatte.

Am Tage der Beerdigung stand er früher auf als sonst und war gegen acht Uhr mit dem Ordnen fertig, als Marie an seine Türe pochte. Sie brachte ihm ein Paket Bücher.

Da Sie sie nicht abholen kommen, sagte sie, muß ich mir wohl selbst die Mühe nehmen, sie Ihnen zu bringen.

Sie weigerte sich errötend einzutreten, betroffen bei dem Gedanken, sich in der Wohnung eines jungen Mannes zu befinden. Ihre Beziehungen hatten übrigens gänzlich aufgehört, und das war auf ganz natürliche Weise geschehen: Octave war nicht wiedergekommen, um das Verhältnis fortzusetzen. Sie verhielt sich indessen gleich liebenswürdig gegen ihn und begrüßte ihn mit einem Lächeln, wenn sie zusammentrafen.

Octave war an diesem Tage sehr aufgeräumt und wollte Kurzweil mit ihr treiben.

Verbietet vielleicht Julius Ihnen, bei mir einzutreten? fragte er. Wie stehen Sie jetzt mit Julius? Ist er sehr zärtlich? Sie verstehen mich doch: antworten Sie rundheraus!

Sie lachte und war keineswegs entrüstet über diese Rede.

Freilich! Wenn Sie ihn mitnehmen, ihm Wermuth zahlen und ihm Geschichten erzählen, daß er heimkehrt wie ein Narr! ... Er ist gar zu zärtlich, weniger wäre mir lieber. Aber es ist mir doch angenehmer, wenn es bei mir geschieht als anderwärts.

Dann fügte sie ernster hinzu:

Da haben Sie, ich bringe Ihnen den Balzac wieder. Er ist zu traurig und hat seinen Lesern nichts als unangenehme Dinge zu sagen.

Sie verlangte Bücher, in denen viele Liebschaften, Abenteuer, weite Reisen vorkämen. Bann sprach sie von dem Leichenbegängnis; sie werde bis zur Kirche mitgehen, sagte sie, Julius aber bis auf den Friedhof.

Sie habe keine Furcht vor den Toten, plauderte sie weiter; mit zwölf Jahren habe sie eine ganze Nacht allein bei den Leichen eines Oheims und einer Tante gewacht, die in der kurzen Zeit von sechs Stunden einem hitzigen Fieber erlegen waren.

Julius hingegen hatte eine solche Scheu vor Toten, daß er ihr verboten habe, ein Wort über den Hausherrn zu sprechen, der unten auf der Bahre liege; so daß sie seit gestern abend keine zehn Worte in der Stunde ausgetauscht hätten; nichtsdestoweniger hätten beide immerfort an den Toten gedacht. Das fange schon an, langweilig zu werden. Sie sei Julius halber froh, wenn die Leiche fortgeschafft würde.

Da sie schon so gemütlich über den Gegenstand sich ausplaudern konnte, fragte sie den jungen Mann: ob er ihn gesehen habe? ob er sich verändert habe? und ob es wahr sei, daß bei der Aufbahrung sich etwas Abscheuliches ereignet habe? Und ob es wahr sei, daß die Familie alle Matratzen aufgetrennt habe, um nach der Erbschaft zu suchen.

Es seien eine Menge Gerüchte im Umlauf in einem Hause wie diesem, wo es soviele Mägde gebe. Der Tod sei der Tod, man spreche von nichts anderem.

Sie geben mir schon wieder einen Balzac, sagte sie dann, die Bücher betrachtend, die er ihr lieh. Nein, nehmen Sie ihn nur zurück; seine Erzählungen gleichen gar zu sehr dem wirklichen Leben.

Als sie ihm den Band hinreichte, ergriff er sie am Handgelenk und wollte sie in das Zimmer ziehen. Denn er fand sie unterhaltend mit ihrer Neugierde über den Tod; er fand sie drollig, lebendiger als sonst, mit einemmal begehrenswert.

Doch sie begriff, errötete tief, machte sich los und lief mit den Worten davon:

Ich danke, Herr Mouret! Auf Wiedersehen beim Leichenbegängnis!

Als Octave angekleidet war, erinnerte er sich seines Versprechens, Frau Campardon zu besuchen. Er hatte noch zwei volle Stunden Zeit, da das Leichenbegängnis auf elf Uhr anberaumt war, und gedachte seinen Morgen mit einigen Besuchen im Hause auszufüllen. Rosa empfing ihn im Bett; er entschuldigte sich, fragte, ob er unbequem sei; doch sie rief ihn näher und beklagte sich, daß man ihn so selten sehe; sie sei froh, eine Zerstreuung zu finden.

Mein liebes Kind, erklärte sie dann plötzlich, es wäre besser, ich läge da unten zwischen vier Brettern eingesargt.

Ja, der Hauseigentümer sei sehr glücklich, er sei fertig mit diesem Leben. Als Octave, betroffen, sie in einer solchen trübseligen Stimmung zu sehen, sie fragte, ob sie sich schlechter befinde, erwiderte sie:

Ich danke: nein. Es geht mir immer gleich. Zuweilen aber kommt es so arg über mich, daß ich genug habe.

Achilles mußte sein Bett in dem Arbeitszimmer aufschlagen lassen, weil es mich aufregte, wenn er sich nachts in seinem Bett nur umdrehte. Sie wissen: Gasparine hat infolge unserer Bitten das Geschäft verlassen. Ich bin ihr vielen Dank schuldig, denn sie pflegt mich mit hingebungsvoller Zärtlichkeit. Mein Gott! Ohne diese Zärtlichkeit, die mich umgibt, wäre ich kaum mehr am Leben.

Jetzt trat Gasparine ein mit der unterwürfigen Miene einer armen Verwandten, die zur Rolle einer Dienstmagd herabgesunken; sie brachte für Rosa den Kaffee. Sie half ihr sich erheben, stützte sie mit den Kissen und reichte ihr das Frühstück auf einer kleinen, mit einer Serviette bedeckten Platte.

Rosa in ihrem gestickten Jäckchen, umgeben von spitzenbesetzter Bettwäsche, aß mit gesundem Appetit. Sie war ganz frisch, verjüngt, sehr hübsch mit ihrer weißen Haut und ihren gekräuselten blonden Löckchen.

Der Magen ist gesund, wiederholte sie, die gerösteten Brötchen eintunkend.

Dabei fielen zwei schwere Tränen in ihren Kaffee. Da zankte Gasparine aus.

Wenn du weinst, werde ich Achilles rufen. Wirst du nicht königlich gepflegt?

Als Frau Campardon ihr Frühstück beendet hatte und sich mit Octave wieder allein befand, schien sie getröstet. Aus Koketterie begann sie wieder vom Tode zu sprechen, aber mit der freundlichen Heiterkeit einer Frau, die in ihrem warmen Bett in den hellen Tag hinein faulenzt.

Mein Gott! sie werde auch abfahren, wenn ihre Zeit gekommen sei; aber sie hätten im Grunde recht; sie sei nicht unglücklich; sie könne ruhig leben, da sie ihr alle Mühseligkeiten der Existenz ersparten. So versenkte sie sich immer tiefer in ihre Selbstsucht eines geschlechtslosen Götzenbildes.

Als der junge Mann sich erhob, um fortzugehen, sagte sie:

Sie werden öfter kommen, nicht wahr? Unterhalten Sie sich gut; betrüben Sie sich bei dem Leichenbegängnis nicht allzusehr. Man stirbt alle Tage ein klein wenig und muß sich daran gewöhnen.

Bei Frau Juzeur kam im nämlichen Stockwerk die kleine Luise, um Octave die Türe zu öffnen. Sie führte ihn in den Salon, betrachtete ihn einen Augenblick mit ihrem blöden Lächeln und sagte dann, daß ihre Gebieterin soeben ihre Toilette beendige. Jetzt erschien auch Frau Juzeur selbst, schwarz gekleidet, zarter und sanfter denn je in ihrem Trauerkostüm.

Ich wußte, daß Sie heute kommen würden, sagte sie mit tiefer Niedergeschlagenheit. Die ganze Nacht sah ich Sie im Traume. Mit diesem Toten im Hause ist es (unmöglich zu schlafen.

Sie gestand, daß sie dreimal aufgestanden sei, um unter die Betten und Möbel zu schauen.

Sie hätten mich rufen sollen! rief der junge Mann in seiner Keckheit. Zu zweien in einem Bette hat man nie Furcht.

Sie nahm eine reizend schamhafte Miene an und sagte:

Schweigen Sie! Das ist abscheulich!

Dann legte sie ihm die flache Hand auf den Mund; natürlich mußte er diese Hand küssen. Sie tat die Finger auseinander und lachte, als ob man sie kitzele. Gereizt durch dieses Spiel versuchte er, die Sache weiter zu treiben.

Lassen Sie hören: warum wollen Sie nicht?

O, heute ganz und gar nicht!

Warum heute nicht?

Mit diesem Toten da unten ... Nein, das wäre mir unmöglich.

Er faßte sie um den Leib.

Also, wann denn? Morgen?

Niemals.

Sie sind doch frei. Ihr Gatte hat sieh so schlecht betragen, daß Sie ihm keine Rücksicht schuldig sind ...

Er drang mit Gewalt auf sie ein. Sie glitt sehr schmiegsam auf das Sofa; dann schloß sie selbst ihn in ihre Arme, und indem sie ihn verhinderte, eine Bewegung zu machen, flüsterte sie ihm mit ihrer kosenden Stimme zu:

Alles was Sie wollen, nur das nicht! ... Verstehen Sie: Das niemals! Lieber sterben ... Das ist so ein Gedanke von mir ... Ich habe es verschworen; Sie müssen ja nicht wissen, weshalb? Sind Sie auch so roh wie die anderen Männer, die niemals befriedigt sind, solange man ihnen etwas verweigert? Und doch liebe ich Sie. Alles, was Sie wollen, nur das nicht, mein Geliebter!

Sie gab sich ihm hin, gestattete ihm die stürmischesten und geheimsten Liebkosungen und drängte ihn mit einer kräftigen Bewegung nur dann zurück, wenn er den einzigen verbotenen Akt versuchen wollte. In ihrer Weigerung lag ein gewisser jesuitischer Vorbehalt, die Furcht vor dem Beichtstuhl, die Gewißheit, für die kleinen Sünden Verzeihung zu erlangen, während die große Sünde ihr Verdrießlichkeiten mit dem Beichtvater verursachen würde. Dann spielten auch noch andere, uneingestandene Gefühle mit hinein: die Ehre und die Achtung ihrer selbst in diesem einen Punkte; die Koketterie, die Männer immer am Gängelbande zu führen, indem sie diese niemals vollends befriedigte. Kein einziger Liebhaber konnte sich rühmen, sie besessen zu haben, seitdem ihr Gatte sie in feiger Weise verlassen. Und sie war eine ehrbare Frau!

Nein, mein Herr, kein einziger! Ich kann erhobenen Hauptes einhergehen. Wieviele unglückliche Frauen würden in meiner Lage auf Abwege geraten sein.

Dann schob sie ihn sanft beiseite und erhob sich vom Sofa.

Lassen Sie mich! sagte sie. Der Tote da unten ist mir eine Pein. Es ist mir, als habe das ganze Haus einen Leichengeruch.

Die Stunde des Leichenbegängnisses nahte. Sie wollte vor der Leiche in der Kirche eintreffen, um nicht den ganzen Trauerzug zu sehen.

Im Begriff, ihn hinauszugeleiten, erinnerte sie sich, daß sie ihm ihren Antillenlikör versprochen habe; sie rief ihn deshalb zurück und brachte zwei Gläser und eine Flasche. Es war eine stark gezuckerte Creme mit einem Duft von Blumen. Als sie mit der Naschhaftigkeit eines kleinen Mädchens getrunken hatte, gewann ihr Antlitz einen reizend schmachtenden Ausdruck.

Das wird uns aufrecht halten, sagte sie.

Es war kurz vor elf Uhr. Die Leiche konnte noch nicht in den Hof hinuntergeschafft werden, weil die Arbeiter der Begräbnisanstalt, nachdem sie sich in einem benachbarten Weinhause vergessen hatten, mit dem Aufspannen der schwarzen Tücher nicht fertig wurden. Octave war neugierig und ging hinunter um zuzuschauen.

Der Gang war bereits durch einen breiten, schwarzen Vorhang abgeteilt, doch hatten die Tapezierer noch am Tore die Vorhänge anzubringen. Auf der Straße stand eine Gruppe von Mägden, die schwatzend zuschauten, während Hyppolite mit würdiger Miene die Arbeiter zur Eile antrieb.

Ja, gnädige Frau, sagte Lisa zu einer hageren Frauensperson, einer Witwe, die seit einer Woche bei Valerie bedienstet war – ja, es wird ihr nichts nützen ... Das ganze Stadtviertel kennt ja die Geschichte.

Um ihres Anteils an der Hinterlassenschaft des Alten sicher zu sein, hat sie sich dieses Kind von einem Fleischer aus der Annenstraße machen lassen, denn ihr Mann sah vom ersten Tag der Ehe danach aus, das Zeitliche segnen zu wollen. Und siehe! Der Gatte lebt noch, der Alte aber ist tot. Ihr schmutziger Range nützt ihr nichts.

Die Witwe schüttelte voll Ekel den Kopf.

Nein, bei der bleibe ich nicht! Ich habe ihr heute achttägig gekündigt. Stellen Sie sich vor: dieses kleine Ungeheuer Canaille hat in meiner Küche ge...t!

Inzwischen war Julie heruntergekommen, um Hyppolite einen Befehl zu überbringen. Lisa lief hinzu, um zu hören, was es gebe. Nach kurzem Gespräch kehrte sie zur Kammerfrau Valeries zurück.

Ja, es ist ein »Techtelmechtel«, in dem man sich nicht auskennt. Ich denke, Ihre Herrin hätte sich das Kind ersparen und den Mann ruhig sterben lassen können oder auch nicht, denn die Hinterlassenschaft des Alten scheint noch immer nicht gefunden ... Die Köchin erzählt mir, daß die Erben ganz danach aussehen, als wollten sie einander mit Ohrfeigen behandeln.

Jetzt kam Adele hinzu: sie trug um vier Sous Butter unter der Schürze verborgen, denn ihre Herrin hatte ihr ein für allemal verboten, die eingekauften Vorräte zu zeigen. Allein, Lisa wollte wissen, was Adele trage und schimpfte sie dumme Gans. Hat man jemals gesehen, daß man, um für vier Sous Butter zu holen, drei Stockwerke herabsteigt? Sie würde diese Knauser schon lehren, wie man seine Dienstleute verpflegen muß! Sie würde – wenn nötig – vor ihren Augen sich von allem nehmen: von der Butter, vom Zucker, vom Fleisch, von allem.

Seit einiger Zeit ward Adele in dieser Weise von den übrigen Mägden zum Ungehorsam aufgestachelt. Die Lehren fielen bei ihr auf fruchtbaren Boden. Um den anderen ihren Mut zu zeigen, brach sie ein Stück von der Butter ab und aß es sofort ohne Brot.

Kommen Sie hinauf? fragte sie.

Nein, erwiderte die Witwe. Ich will sehen, wie man den Alten herunterbringt. Ich habe mir deshalb einen Gang für diese Zeit aufgespart.

Ich auch, sagte Lisa. Man versichert, daß er dreihundert Pfund wiege. Wenn sie ihn auf der schönen Treppe fallen ließen – das gäbe einen schönen Lärm!

Ich gehe hinauf, sagte Adele; ich will ihn nicht sehen. Ich danke: es könnte mir wieder passieren, daß ich – wie vorige Nacht – von ihm träume, wie er mich an den Beinen zerrt und mich wegen meines Kehrichts auszankt.

Sie ging hinauf, verfolgt von den Späßen der beiden anderen. Im Stockwerke der Dienstboten hatte man sich die ganze verflossene Nacht über die bösen Träume Adelens lustig gemacht. Um nicht allein zu sein, hatten die Mägde ihre Türen offen gelassen, und es hatte sich ein Kutscher gefunden, der das Gespenst machte, so daß man bis zum Morgen das Geschrei und Gekicher hören konnte. Lisa versicherte, daß sie zeitlebens daran denken werde.

Die wütende Stimme Hyppolites lenkte ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Arbeit der Tapezierer. Alle Würde außer acht lassend schrie er:

Verdammter Trunkenbold! Das ist ja verkehrt!

In der Tat hatte der Arbeiter das Wappenschild verkehrt angebracht. Im übrigen waren die schwarzen, silbergestickten Vorhänge jetzt an Ort und Stelle, es waren nur noch die Rosetten anzuheften, als mit einem Male ein Handkarren, beladen mit einem dürftigen Hausrat, vor dem Tore hielt. Der Karren ward von einem Straßenjungen gezogen, während ein großes, blasses Mädchen hintendrein ging und von Zeit zu Zeit nachschob. Herr Gourd, der mit dem gegenüber wohnenden Papierhändler plauderte, eilte hinzu und schrie trotz der Feierlichkeit, welche die Trauer des Hauses gebot:

He, Schlingel, wohin? Seht ihr denn nicht?

Das Mädchen trat dazwischen.

Mein Herr, ich bin die neue Mieterin. Sie wissen ja ... Und das sind meine Möbel.

Unmöglich! Morgen! schrie der Hausmeister wütend.

Sie schaute ihn an und blickte dann betroffen auf die schwarzen Vorhänge. Diese schwarze Eingangspforte verwirrte sie. Doch sie faßte sich wieder und entgegnete, daß sie ihr Mobiliar doch nicht auf der Straße lassen könne. Da ward Herr Gourd grob.

Sie sind also die Schuhstepperin, die das Zimmer oben gemietet hat? ... Wieder so ein Eigensinn des Hausherrn! Alles für 130 Franken! Trotz der Verdrießlichkeiten, die wir mit dem Schreiner hatten! ... Und doch hatte er mir versprochen, daß er kein Arbeitervolk mehr ins Haus nimmt. Jetzt kommt gar ein Weibsbild! ...

Dann erinnerte er sich, daß Herr Vabre tot sei.

Ja, Sie können sich umschauen! Der Hausherr liegt auf der Bahre; und wäre er acht Tage früher gestorben, so wären Sie sicherlich nicht hier ... Tummeln Sie sich, bevor die Leiche heruntergebracht wird!

In seiner Wut legte er selbst Hand an den Karren und schob ihn zwischen den Vorhängen hindurch, die sich auseinandertaten und langsam wieder schlossen. Dann verschwand das große Mädchen in der schwarz ausgeschlagenen Toreinfahrt.

Die kommt zur rechten Zeit! bemerkte Lisa. Das ist heiter, während eines Leichenbegängnisses einzuziehen. Ich hätte übrigens an ihrer Stelle dem Hausmeister ordentlich den Text gelesen.

Doch sie schwieg wieder, als sie Herrn Gourd sah, den Schrecken aller Mägde im Hause. Letzterer war deshalb so wütend, erzählte man sich, weil das Haus Herrn Theophil und seiner Gattin als Erbe zufallen solle. Er würde 100 Franken aus seiner Tasche gegeben haben, wenn das Haus an Herrn Duverdy gefallen wäre, der wenigstens eine Amtsperson ist. Das hatte er eben dem Papierhändler erklärt.

Jetzt kamen Leute aus dem Hause. Frau Juzeur ging vorüber, indem sie Octave zulächelte, der auf der Straße Trublot getroffen hatte. Dann erschien Marie; sie schaute mit vielem Interesse der Aufstellung der Böcke zu, auf welche die Bahre gestellt werden sollte.

Diese Leute vom zweiten Stockwerke sind doch sonderbar, sagte Herr Gourd, zu den geschlossenen Fensterläden des zweiten Stockwerkes emporblickend. Vor drei Tagen sind sie verreist, als ob sie es darauf abgesehen hätten, der Trauer des Hauses aus dem Wege zu gehen.

In diesem Augenblicke versteckte sieh Lisa hastig hinter der Witwe, denn sie bemerkte die Kusine Gasparine, die einen Veilchenkranz brachte. Es war dies eine Aufmerksamkeit des Baumeisters, der die guten Beziehungen zu den Duverdy fortsetzen wollte.

Alle Wetter! Sie macht sich nobel, die zweite Frau Campardon, bemerkte der Papierhändler.

Er nannte sie so mehr aus Gewohnheit, weil alle Krämer des Stadtviertels ihr diesen Namen gaben. Lisa unterdrückte ein Gelächter.

Doch jetzt machte sich eine allgemeine Enttäuschung bemerkbar. Die Mägde erfuhren plötzlich, daß die Leiche schon herabgeschafft sei. Es war dumm, auf der Straße zu bleiben und die Vorhänge zu begaffen. Alle eilten ins Haus. In der Tat ward die Leiche eben von vier Trägern aus dem Stiegenhaus gebracht. Die Vorhänge verdunkelten die Toreinfahrt. Man sah im Hintergründe das matte Licht des Hofes, der am Morgen rein gescheuert war.

Die kleine Luise, die hinter ihrer Herrin durchgegangen war, erhob sich auf die Fußzehen und schaute in blöder Neugier mit weit offenen Augen dem Schauspiel zu. Die vier Träger standen schnaufend am Fuße der Treppe, deren Vergoldung und falscher Marmor in dem bleichen Lichte der Gasflammen einen kaltfeierlichen Eindruck machten.

Da geht er, ohne seine Zinsgelder mitzunehmen, sagte Lisa mit dem gehässigen Tone des Pariser Mädchens gegen die Hausbesitzer.

Frau Gourd, die wegen ihrer schlechten Beine an ihren Sessel gefesselt war, erhob sich jetzt mühselig. Da sie nicht imstande war, in die Kirche mitzugehen, hatte Herr Gourd ihr empfohlen, die Leiche des Hauseigentümers nicht vorbeipassieren zu lassen, ohne sie zu grüßen. Das sei schicklich, meinte er. Sie trat mit einer schwarzen Haube auf dem Kopfe in die Türe, und als die Leiche des Hausbesitzers hinausgetragen ward, grüßte sie diese.

Als man vor der Rochus-Kirche ankam, wo die Einsegnung stattfand, machte sich der Doktor Juillerat dadurch bemerkbar, daß er nicht eintreten wollte. Es war übrigens eine so große Menschenmenge in der Kirche versammelt, daß eine Gruppe von Herren es vorzog, auf den Stufen der Kirche zu verbleiben. Das Wetter war sehr mild, ein herrlicher Junitag. Da sie nicht rauchen durften, sprachen sie über Politik. Die große Kirchenpforte war offen geblieben; von Zeit zu Zeit drangen die mächtigen Klänge der Orgel aus der schwarz ausgeschlagenen, durch brennende Wachskerzen wie mit Sternen besäten Kirche.

Wissen Sie schon, meine Herren, daß Herr Thiers nächstes Jahr in unserem Bezirke als Kandidat auftreten wird? kündigte Leo Josserand mit ernster Miene an.

Ah! machte der Doktor. Aber Sie, der Republikaner, werden doch nicht für ihn stimmen?

Der junge Mann, dessen politische Gesinnung in dem Maße sich abkühlte, wie Frau Dambreviile ihn in weiteren Kreisen bekannt machte, erwiderte in trockenem Tone:

Warum nicht? er ist der erklärte Feind des Kaiserreichs.

Das Gespräch verwickelte sich immer mehr. Leo sprach von Taktik, der Doktor Juillerat hingegen war der Mann der Grundsätze. Die Zeit des Bürgertums sei um, meinte er, sie sei nur ein Hindernis auf dem Wege zur Revolution. Seitdem das Bürgertum sich bereichere, sei es ein hartnäckigeres Hemmnis der Zukunft als vormals der Adel.

Sie haben Furcht vor allem und werfen sich der schlimmsten Reaktion in die Arme, sobald sie sich bedroht glauben.

Campardon tat verletzt.

Ich war Jakobiner, mein Herr, und Gottesleugner geradeso wie Sie. Aber Gott sei Dank, ich bin zur Vernunft gekommen. Nein, ich werde mich nicht einmal bis zu Ihrem Herrn Thiers versteigen. Das ist ja ein Stänkerer mit allerlei krausen Ansichten.

Indessen erklärten sämtliche anwesenden Liberalen, Josserand, Octave, selbst Trublot, dem die Politik sonst sehr gleichgültig war, daß sie für Herrn Thiers stimmen würden. Der Regierungskandidat war ein großer Schokoladefabrikant aus der Honoriusstraße, ein Herr Dewinck, über den man sich sehr lustig machte. Dieser Herr hatte nicht einmal die Unterstützung des Klerus, der mit Besorgnis auf seine Verbindungen mit dem Hofe sah. Campardon, der offenbar auf der Seite der Geistlichkeit stand, verhielt sieh der Regierungskandidatur gegenüber sehr zurückhaltend. Dann rief er ohne jeden Übergang plötzlich:

Hört, die Kugel, die euren Garibaldi am Fuße verwundet hat, hätte ihn ins Herz treffen sollen!

Um nicht länger in der Gesellschaft dieser Herren gesehen zu werden, begab er sich in die Kirche, wo die dünne Stimme des Abbé Mauduit auf die Klagelieder der Sänger erwiderte.

Der schläft jetzt in der Kirche! sagte der Doktor mit verächtlichem Achselzucken. Wie nötig wäre es, mit dem Kehrbesen dazwischen zu fahren! ...

Er interessierte sich leidenschaftlich für die Ereignisse in Rom. Allein als jetzt Leo an die Worte des Staatsministers im Senate erinnerte: »Das Kaiserreich ist aus der Revolution hervorgegangen, aber nur um sie – hintanzuhalten«, da kamen sie wieder auf die nächsten Wahlen zu sprechen.

Alle stimmten darin überein, daß dem Kaiser eine Lehre erteilt werden müsse; doch die Namen der Kandidaten entzweiten sie bereits; einige hatten schon schlaflose Nächte und sahen das rote Gespenst. Herr Gourd, tadellos wie ein Diplomat gekleidet, hörte in der Nähe diesen Gesprächen zu und zeigte die kühle Geringschätzung eines Menschen, der nichts kennt als die Autorität.

Mittlerweile war die Trauerfeier zu Ende. Ein lauter, düsterer Ausruf, der aus der Kirche drang, hieß sie schweigen.

»Requiescat in pace!«

»Amen!«

Auf dem Kirchhofe Pere-Lachaise sah, während die Leiche in die Gruft hinabgelassen ward, Trublot, der den Arm Octaves keinen Augenblick losgelassen hatte, wie der junge Mann abermals ein Lächeln mit Frau Juzeur austauschte.

Ach ja, murmelte er; die kleine, unglückliche Frau ... »Alles was Sie wollen, nur das nicht«.

Octave erbebte. Wie, auch Trublot? Dieser machte eine Gebärde der Verachtung. Nein, er nicht, nur einer seiner Kameraden; überdies alle jene, die sich mit einem solchen mangelhaften Zeitvertreib begnügen.

Entschuldigen Sie, fügte er dann hinzu; jetzt ist der Alte zur Ruhe gebracht, und ich will Herrn Duverdy über den mir erteilten Auftrag Bericht erstatten.

Die Familie trat still und schmerzerfüllt den Heimweg an. Da hielt Trublot den Rat zurück, um ihm mitzuteilen, daß er die Zofe Clarissens gesprochen habe; doch könne er ihm die Adresse nicht sagen, weil das Mädchen Clarisse verlassen hatte, einen Tag, bevor diese durchgegangen war, nicht ohne ihre Herrin vorher durchzuprügeln. Die letzte Hoffnung war vereitelt. Duverdy verbarg sein Antlitz in seinem Taschentuche und holte die Familie ein.

Am Abend begannen die Streitigkeiten. Die Familie befand sich vor einer Katastrophe. In jener Sorglosigkeit, die man an den Notaren nicht selten wahrnimmt, hatte Herr Vabre es unterlassen, ein Testament zu machen. Vergebens durchsuchte man alle Möbelstücke; und das Schlimmste war, daß sich keine Spur von den 6–700 000 Franken vorfand, auf die man gerechnet hatte: weder Bargeld, noch Rentenbriefe, noch Aktien; ein Betrag von 734 Franken in Zehnsousstücken, die in einem Versteck lagen, war alles, was sich vorfand. Dagegen entdeckte man ziffernbedeckte Notizenhefte und Briefe von Wechselagenten, die den vor Wut bleichen Erben ein geheimes Laster des Alten verrieten: eine wahnsinnige Leidenschaft des Börsenspiels, die er unter der unschuldigen Spielerei seiner statistischen Arbeiten verbarg. Alles war drauf gegangen: seine Versailler Ersparnisse, die Mietzinsgelder; ja in den letzten Jahren hatte er sogar 150 000 Franken auf das Haus aufgenommen.

Die Familie stand versteinert vor dem bekannten Schrank, in dem man seine Schätze verschlossen glaubte, wo sich aber nichts weiter vorfand als allerlei wertloser Kram: alte Eisenstücke, verschossene Bänder, Bruchstücke vom Spielzeug des kleinen Gustav und dergleichen mehr.

Da brachen wütende Anklagen los. Man schimpfte den Alten einen Betrüger. Es sei unwürdig, das Geld heimlich zu vergeuden, eine infame Komödie zu spielen, um sich hätscheln zu lassen. Die Duverdy schienen untröstlich, daß sie ihn zwölf Jahre gepflegt hatten, ohne auch nur ein einziges Mal die Mitgift Clotildens zu fordern, jene 80 000 Franken, auf die nur eine Abschlagszahlung von 10 000 Franken geleistet war. »Das sind doch wenigstens 10 000 Franken!« warf Theophil wütend ein, der keinen Sou von jenen 50 000 Franken erhalten hatte, die ihm bei seiner Verehelichung versprochen waren. Doch August beklagte sich noch bitterer; er warf seinem Bruder vor, daß dieser wenigstens die dreimonatlichen Zinsen der Gelder eingesackt habe, während er niemals einen Kreuzer von jenen 50 000 Franken sehen werde, die ihm in seinem Ehevertrage zugesichert wurden. Berta, durch ihre Mutter heraufgesandt, ließ beleidigende Worte hören und tat sehr entrüstet darüber, in eine so unredliche Familie geraten zu sein. Valerie hingegen bedauerte das Geld, das sie dem Alten als Mietzins bezahlt hatte aus Furcht enterbt zu werden; sie betrachtete dieses Geld wie hinausgeworfen, nur dazu dienend, das Laster zu unterstützen.

Diese Geschichten hielten vierzehn Tage hindurch das ganze Haus in Atem. Schließlich blieb nichts übrig als das Haus, das auf 300 000 Franken geschätzt wurde. Nach Bezahlung der darauf lastenden Hypothek werde ungefähr die Hälfte dieses Betrages übrigbleiben, aufzuteilen unter die drei Kinder des Herrn Vabre. Es würden demnach 50 000 Franken auf jedes Kind entfallen, – ein magerer Trost, mit dem man sich begnügen mußte.

August und Theophil verfügten bereits über ihren Teil. Sie einigten sich dahin, das Haus zu verkaufen. Duverdy übernahm im Namen seiner Gattin die Angelegenheit. Vor allem überredete er die beiden Brüder, daß die Versteigerung nicht vor dem Gerichte, sondern vor dem Notar Renaudin stattfinden solle, für dessen Ehrenhaftigkeit er sich verbürge.

Später überredete er sie – wie er sagte: auf den Rat des Notars selbst –, daß man den Ausrufungspreis niedrig bemessen solle, mit 140 000 Franken; dann würden die Kauflustigen herbeiströmen, würden bei der Versteigerung einander zu überbieten suchen, und man werde einen Preis erzielen, der alle Erwartungen übertreffe.

August und Theophil lächelten vertrauensvoll. Bei der Versteigerung ereignete es sich indes, daß nach einigen kleinen Angeboten der Notar plötzlich das Haus dem Herrn Duverdy um den Preis von 149 000 Franken zuschlug. Das genügte kaum, die Hypothek zu bezahlen. Es war der letzte Schlag.

Man hat niemals die Einzelheiten der fürchterlichen Szene erfahren, die am Abende dieses Tages bei den Duverdy stattfand. Die feierlichen Mauern des Hauses erstickten ihr Getöse. Theophil schien seinen Schwager als Schurken angesprochen zu haben. Er beschuldigte ihn öffentlich, daß er den Notar durch das Versprechen, ihn zum Friedensrichter ernennen zu lassen, bestochen habe. August sprach ganz einfach davon, den Notar Renaudin, dessen Betrügereien im ganzen Stadtviertel bekannt seien, vors Gericht zu zerren.

Allein wenn man niemals erfahren konnte, wie die Familie so weit kam, daß man sich gegenseitig Ohrfeigen anbot, wie allgemein erzählt wurde, so hat man doch die letzten Worte gehört, die auf der Schwelle ausgetauscht wurden, Worte, die in der spießbürgerlichen Strenge des Treppenhauses sehr bösartig klangen.

Schmutzige Kanaille! schrie August. Du sendest Leute auf die Galeeren, die weit weniger verbrochen haben als du!

Theophil, der zuletzt wegging, hielt die Türe zurück und schrie, vor Zorn und Husten erstickend, nur die Worte hinein:

Dieb! Dieb! ... Ja, Dieb! ... Und du Diebin! ...

Dann warf er die Türe mit voller Gewalt zu, daß alle Türen des Treppenhauses erschüttert wurden. Herr Gourd, der auf der Lauer stand, war in höchster Aufregung. Sein Blick forschte durch die Stockwerke, doch sah er nur das feingeschnittene Gesicht der Frau Juzeur. Mit gekrümmtem Rücken schlich er in seine Loge zurück, wo er sofort seine würdige Miene wieder annahm. Er war entzückt von der Wendung der Dinge und gab dem neuen Hausbesitzer recht.

Einige Tage später fand eine Aussöhnung zwischen August und seiner Schwester statt. Das ganze Haus war überrascht. Man hatte Octave sich zu den Duverdy begeben sehen. Der Rat war beunruhigt; um wenigstens einem der Erben das Maul zu stopfen, entschloß er sich, seinem Schwager August fünf Jahre hindurch die Miete zu erlassen. Als Theophil dies erfuhr, ging er zu seinem Bruder hinab, um dort von neuem eine Szene zu machen. Also auch er verkaufe sich, auch er halte es mit den Räubern! Allein Frau Josserand war im Kaufladen anwesend und riet Valerie, sich nur nicht schlimmer zu verkaufen, als ihre Tochter sich verkauft habe.

Valerie mußte den Rückzug antreten, dabei schrie sie:

Also wir allein sollen leer ausgehen! ... Mich soll der Teufel holen, wenn ich den Mietzins bezahle! Ich habe einen Vertrag und will sehen, ob dieser Galeerensträfling es wagen wird, uns aus dem Hause jagen zu lassen. Und was dich betrifft, kleine Berta, werden wir ja eines Tages sehen, was man es sich kosten lassen muß, um dich zu haben.

Die Türen schmetterten abermals. Eine tödliche Feindschaft entstand zwischen den beiden Ehepaaren. Octave, der nützliche Dienste erwiesen hatte, blieb anwesend und ward so in die intimen Angelegenheiten der Familie eingeweiht. Berta sank halb ohnmächtig in seine Arme, während August sich versicherte, daß die Kunden nichts gehört hatten.

Selbst Frau Josserand schenkte dem jungen Manne ihr Vertrauen, dagegen blieb sie streng gegen die Duverdy.

Der Mietzins ist immerhin etwas, sagte sie. Aber ich will die 50 000 Franken haben.

Ja freilich, wenn du die deinen bezahlst, wagte Berta zu bemerken.

Die Mutter schien es nicht zu verstehen.

Ich will die 50 000 Franken haben, hörst du? Er soll sich nicht gar so sehr freuen, der alte Bösewicht unter der Erde. Eine solche Kanaille! Geld zu versprechen, wenn man keines hat! Man soll dir das Geld zahlen, meine Tochter, und wenn ich ihn unter der Erde hervorscharren müßte, um ihm in die Fratze zu speien!

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