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Der häusliche Herd

Emile Zola: Der häusliche Herd - Kapitel 11
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typefiction
authorEmile Zola
titleDer häusliche Herd
publisherBenjamin Harz Verlag
seriesDie Rougon-Macquart
volumeBand X
year1924
translatorArmin Schwarz
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Zehntes Kapitel

Octave kam hierdurch mit der Familie Duverdy in nähere Berührung. Frau Duverdy pflegte oft beim Nachhausekommen durch den Laden ihres Bruders zu gehen, sich dort einen Augenblick aufzuhalten und mit Berta zu plaudern.

Als sie den jungen Mann zum erstenmal daselbst hinter einem Pulte erblickte, machte sie ihm gelinde Vorwürfe daß er sein Versprechen nicht einhalte, das er ihr gegeben hatte, an einem Abend bei ihr vorzusprechen und seine Stimme am Klavier zu prüfen. Sie hatte eben vor, eine zweite Aufführung der »Schwerterweihe« an einem der ersten Sonnabende des kommenden Winters zu veranstalten, um aber etwas recht Vollständiges zum besten zu geben, wollte sie noch zwei Tenorstimmen haben.

Wenn es Ihnen nicht ungelegen ist, sagte Berta eines Tages zu Octave, können Sie nach dem Essen zu meiner Schwägerin hinaufgehen. Sie werden bei ihr erwartet.

Sie bewahrte ihm gegenüber die einfache, aber höfliche Haltung einer Brotherrin.

Das Hindernis ist nur, daß ich gerade heute abend in den Fächern hier ein wenig Ordnung machen wollte.

Machen Sie sich keine Sorge darum; es gibt hier noch Leute für diese Arbeit. Ich gebe Ihnen den Abend frei.

Gegen neun Uhr begab sich Octave zu Frau Duverdy, die ihn in dem großen, weißen, goldverzierten Salon erwartete. Alles war bereit, der Flügel offen, die Kerzen angezündet. Eine auf einem Tischchen neben dem Instrumente stehende Lampe beleuchtete nur schwach das Zimmer, dessen eine Hälfte dunkel blieb.

Da er die junge Dame allein sah, glaubte er, sich nach dem Befinden des Herrn Duverdy erkundigen zu sollen. Sie antwortete ihm, daß er sich ganz wohl befinde, daß aber seine Kollegen ihn mit dem Referate in einem sehr wichtigen Prozesse betraut hätten, und daß er soeben ausgegangen sei, um gewisse Daten zu sammeln.

Sie wissen ja: die Geschichte in der Provence-Straße, sagte sie einfach.

Ah! Er ist damit betraut! rief Octave aus.

Es handelte sich um einen Skandal, der ganz Paris in Aufregung versetzte; eine heimlich betriebene Unzucht; vierzehnjährige Kinder wurden den Gelüsten hoher Persönlichkeiten ausgeliefert.

Clotilde fügte noch hinzu:

Das macht ihm viel zu schaffen; seit vierzehn Tagen ist seine Abendmuße davon in Anspruch genommen.

Er sah sie an, da er durch Trublot erfahren hatte, daß der Onkel Bachelard an diesem Tage Duverdy zum Essen eingeladen habe, und daß man vorhabe, den Rest des Abends bei Clarisse zuzubringen. Aber sie blieb sehr ernst, sprach von ihrem Manne mit Würde, erzählte mit sehr züchtiger Miene ganz außerordentliche Geschichten, die als Erklärung dienen sollten, weshalb man ihren Mann nie in seiner ehelichen Behausung fand.

Der Tausend! Er hat viel zu tun! meinte er, verlegen durch ihren unbefangenen Blick und gedrängt, etwas zu sagen.

Sie schien ihm besonders schön, so allein in dieser großen leeren Behausung. Das rote Haar ließ das längliche Gesicht etwas blaß erscheinen, dieses Gesicht mit dem Ausdruck der ruhigen Beharrlichkeit eines Weibes, das wie in einem Kloster nur ihren Obliegenheiten sich widmet. In graue Seide gekleidet, Brust und Hüften in einen Fischbeinpanzer geschnürt, behandelte sie ihn mit kühler Liebenswürdigkeit, wie wenn sie durch eine dreifache eherne Scheidewand von ihm getrennt wäre.

Wollen wir anfangen? Sie entschuldigen doch meine Zudringlichkeit? Machen Sie sich nur frei von jedem Zwange! Legen Sie nur fest los; Herr Duverdy ist ja nicht zu Hause ... Sie werden ihn vielleicht schon gehört haben, wie er sich brüstete, daß er die Musik nicht liebe?

Sie legte in diese Worte einen solchen Ausdruck von Verachtung, daß er glaubte, ein Lächeln wagen zu dürfen. Das war übrigens der einzige Tadel, der ihr vor der Welt gegen ihren Mann zu entschlüpfen pflegte, erbittert, wie sie war, durch seine Spötteleien über ihren Flügel; sie verriet hingegen nie den Haß und den Widerwillen, den er ihr eingeflößt.

Wie kann man die Musik nicht lieben? wiederholte Octave, der ganz begeistert tat, um ihr angenehm zu sein.

Sie setzte sich hierauf an das Klavier. Auf dem Pulte war eine Sammlung alter Lieder aufgeschlagen. Sie hatte ein Stück aus »Zémir und Azor« von Grétry gewählt. Da der junge Mann höchstens Noten lesen konnte, ließ sie ihn diese erst halblaut entziffern. Hierauf spielte sie die Einleitung, worauf er singend einfiel:

's ist Keiner so wilde,
Die Lieb' macht ihn milde.

Vorzüglich! rief sie ganz entzückt aus; eine Tenorstimme; kein Zweifel mehr, ein Tenor! ... fahren Sie fort, mein Herr!

Octave, dem dies sehr schmeichelte, sang im selben Tone die zwei anderen Verse:

Ach, wonnig mein Herz erbebt,
Zu dir mein Blick sich, erhebt.

Sie strahlte vor Freude! Seit drei Jahren suchte sie das! Sie erzählte ihm ihre bösen Erfahrungen, zum Beispiel mit Herrn Trublot. Es war eine Tatsache, deren Ursachen untersucht werden müßten. Unter den jungen Leuten der guten Gesellschaft gab es keine Tenorstimmen mehr. Gewiß hat das Tabakrauchen dies verschuldet.

Aufgemerkt! sagte sie; wir wollen jetzt mit Nachdruck singen. Nur mutig anstimmen!

Ihr sonst so kaltes Gesicht nahm einen schmachtenden Ausdruck an, sie sah ihn mit hinsterbenden Blicken an. Da er glaubte, daß sie begeistert sei, wuchs auch seine Begeisterung, und er fand sie reizend. Aus den anstoßenden Gemächern drang nicht das leiseste Geräusch. Das verschwommene Halbdunkel des großen Salons seinen ein einschläferndes Wonnegefühl über sie auszugießen. Wie er so hinter ihr stand, den Kopf vorwärts geneigt, mit seiner Brust ihren Haarknoten streifend, sang er im Seufzertone die beiden Verse:

Ach, wonnig mein Herz erbebt,
Zu dir sich, mein Blick erhebt.

Sobald aller die Melodie verklungen war, ließ sie wie eine Maske, hinter der ihre Kälte sich barg, den leidenschaftlichen Ausdruck wieder fallen. Er wich verlegen zurück, da er keine Lust verspürte, ein ähnliches Abenteuer wie mit Frau Hédouin zu beginnen.

Sie werden sich ganz gut machen, sagte sie, betonen Sie nur etwas besser die einzelnen Takte... Hören Sie einmal mir zu. So!

Sie sang selbst und wiederholte wohl zwanzigmal »Zu dir sich mein Blick erhebt« – indem sie die einzelnen Töne auseinanderhielt mit der Strenge einer makellosen Frau, bei der die musikalische Leidenschaft nur eine oberflächliche, mechanische war. Sie ließ ihre Stimme allmählich steigen, so daß das Gemach mit ihren gellenden Schreien erfüllt ward. Da hörten sie plötzlich eine rauhe Stimme hinter ihnen heftig die Worte: Gnädige Frau! Gnädige Frau! wiederholen.

Sie fuhr vor Schrecken auf, erkannte ihr Stubenmädchen Clémence und fragte:

Nun, was gibt's?

Gnädige Frau, Ihr Herr Vater ist mit dem Gesichte unter seine Schriften gestürzt und bewegt sich nicht mehr... Wir sind sehr erschrocken.

Ohne sie recht verstanden zu haben, verließ Frau Duverdy überrascht den Flügel und folgte Clémence. Octave, der sich nicht getraute, ihr nachzugehen, blieb im Salon und ging daselbst umher. Nach einigen Minuten unbehaglicher Ungewißheit und Unentschlossenheit, während welcher er hastige Schritte und verzweifelte Stimmen hörte, faßte er endlich Mut, durchschritt ein dunkles Gemach und befand sich in dem Zimmer des Herrn Vabre.

Sämtliche Diener waren herbeigeeilt, Julie in ihrer Küchenschürze, Clémence und Hyppolite, noch ganz mit der Dominopartie beschäftigt, die sie eben verlassen hatten. Sie standen sämtlich mit bestürzten Mienen um den alten Mann herum, während Clotilde sich zu seinem Ohr neigte, ihn anrief und flehentlichst bat, er möge ein Wort, ein einziges Wort sagen.

Aber er rührte sich noch immer nicht und blieb mit der Nase unter seinen Papieren liegen. Er hatte mit der Stirne auf das Tintenfaß aufgeschlagen, eine Tintenlache bedeckte ihm das linke Auge und floß tropfenweise bis zu den Lippen hinunter.

Es ist ein Schlaganfall, sagte Octave, man kann ihn nicht da lassen, man muß ihn zu Bett bringen.

Frau Duverdy verlor den Kopf. Die Aufregung durchwühlte nach und nach ihr träges Blut. Sie rief wiederholt:

Sie glauben also, daß... O, mein armer Vater, mein armer Vater!

Hyppolite, von einer eigentümlichen Ängstlichkeit und sichtlichem Widerwillen ergriffen, beeilte sich ganz und gar nicht, den Alten anzurühren, der in seinen Armen vielleicht gar die Seele aushauchen konnte. Octave mußte ihm zurufen, daß er ihm helfe. Zu zweien legten sie ihn endlich nieder.

Bringen Sie laues Wasser! sagte der junge Mann zu Julie gewendet, und waschen Sie ihn ab!

Jetzt regte sieh Clotilde wegen ihres Gatten auf. Mußte er gerade jetzt auswärts sein? Was sollte aus ihr werden, wenn ein Unglück geschehe? Es war wie absichtlich, daß er niemals zu Hause war, wenn man seiner bedurfte, und Gott weiß, daß man seiner so selten benötigte!

Octave unterbrach sie, um ihr den Rat zu geben, daß man nach dem Doktor Juillerat schicken solle. Kein Mensch dachte daran. Hyppolite entfernte sich sofort, glücklich ins Freie gelangen zu können.

Mich allein zu lassen! setzte die junge Frau fort. Ich weiß nicht: es müssen ja Angelegenheiten verschiedener Art in Ordnung zu bringen sein ... Ach, mein armer Vater!

Soll ich die Familie unterrichten? bot sich Octave an. Ich kann Ihre beiden Brüder rufen ... Das wäre vernünftig.

Sie antwortete jedoch nicht. Zwei schwere Tränen traten ihr in die Augen, während Julie und Clémence bemüht waren, den Greis zu entkleiden. Dann hielt sie Octave zurück: ihr Bruder August sei abwesend, da er an diesem Abende eine Zusammenkunft habe, und Theophil tue gut, nicht heraufzukommen, denn schon sein Anblick werde ihrem Vater den Rest geben.

Sie erzählte dann, daß dieser sich bei seinen Kindern eingefunden habe, um seine Mietsrückstände bei ihnen einzufordern; allein sie empfingen ihn schroff abweisend. Valerie überhaupt weigerte sich zu zahlen und forderte die von ihm zur Zeit ihrer Verheiratung versprochene Summe; und der Anfall kam zweifelsohne von dieser Szene her, denn er kehrte in einem bedauernswerten Zustande zurück.

Gnädige Frau, bemerkte Clémence, die eine Seite ist schon ganz kalt bei ihm.

Das brachte Frau Duverdy vollends in Zorn. Sie sagte nichts mehr aus Scheu, in Gegenwart der Dienstmädchen zuviel zu reden.

Ihr Gatte machte sich offenbar lustig über sie! Wenn sie wenigstens die Gesetze gekannt hätte! Sie konnte nicht auf einem Platze bleiben und trippelte vor dem Bette hin und her. Octave betrachtete mit zerstreuter Miene den greulichen Haufen von Papierstreifen, die den Tisch bedeckten; es waren in einer großen Schachtel von Eichenholz ganze Stöße von Kartons sorgfältig geordnet, ein ganzes Leben voll einfältiger Arbeit.

In diesem Augenblicke, da er auf einem dieser Kartons las: »Isidor Charbotel: Salon vom Jahre 1857, Atalante; Salon vom Jahre 1859, der Löwe des Androkles; Salon vom Jahre 1881, Porträt von M. P. ...« pflanzte sich Clotilde vor ihm auf und sagte mit leiser Stimme entschlossen:

Holen Sie ihn!

Da er sie verwundert anblickte, schien sie mit einem Achselzucken die Geschichte von der Sache mit der Provence-Straße abzutun, eine jener ewigen Ausreden, die sie für die Welt erfand. In ihrer Aufregung ließ sie die Zügel schießen.

Sie wissen doch: in der Kirschstraße ... Alle unsere Freunde wissen es.

Er wollte widersprechen.

Ich schwöre Ihnen, gnädige Frau ...

Verteidigen Sie ihn doch nicht! erwiderte sie. Ich bin froh genug darüber: er kann dort bleiben ... Ach mein Gott! wenn es nicht für meinen armen Vater wäre!

Octave verneigte sich. Julie war im Begriffe, das Ohr des Herrn Vabre mit dem Ende einer Serviette abzuwischen; aber die Tinte war getrocknet, der Schmutz blieb auf der Haut kleben. Frau Duverdy befahl, ihn nicht so stark zu reiben, dann kehrte sie zu dem jungen Manne zurück, der bereits in der Nähe der Türe stand.

Keinem Menschen ein Wort, murmelte sie. Es ist unnütz, das Haus zu alarmieren. Nehmen Sie eine Droschke, klopfen Sie dort an und bringen Sie ihn jedenfalls zurück.

Als er fort war, ließ sie sich auf einen Sessel zu Häupten des Kranken nieder. Er hatte sein Bewußtsein nicht wiedererlangt, nur sein Atmen, ein langsames, schmerzliches Atmen, störte die düstere Ruhe des Zimmers. Als der Arzt nicht kam und sie sich mit den beiden Dienstmädchen allein sah, die mit gekreuzten Armen und bestürzten Mienen vor sich hinstarrten, brach sie in einem Anfalle tiefen Schmerzes in ein heftiges Schluchzen aus.

Onkel Bachelard hatte Duverdy in das Englische Kaffeehaus eingeladen, ohne daß man wußte weshalb; vielleicht des Vergnügens halber, einen Berufungsgerichtsrat bewirten zu können und ihm zu zeigen, wie man in der Kaufmannswelt das Geld auszugeben verstehe.

Er brachte außerdem noch Trublot und Gueulin mit, eine »flotte« Gesellschaft, alle vier gut bürgerlich ohne Frauen, denn die Frauen verstehen nicht zu essen; sie tun den Trüffeln unrecht und hindern die Verdauung.

Übrigens kannte man den Onkel auf der ganzen Linie der Boulevards von seinen üppigen Essen, die er seinen Kunden gab, die ihm aus der Tiefe Indiens oder Brasiliens in die Hände fielen, Essen zu 300 Franken auf den Kopf, bei denen er in nobler Weise die Ehre des französischen Kommissionshandels rettete. Eine Wut des Ausgebens erfaßte ihn, er forderte alles mögliche, die seltsamsten Speisen, selbst unmögliche, wie Störe aus der Wolga, Aale aus dem Tiber, Trappen aus Schweden, Bärentatzen aus dem Schwarzwald, Teltower Steckrüben, Kürbisse aus Griechenland, außergewöhnliche Erstlinge, Pfirsiche im Dezember und Rebhühner im Juli; dazu mußte er einen Luxus an Blumen um sich haben, Silbergerät, Kristallgläser, eine Bedienung, die das ganze Restaurant in Bewegung setzte; nicht zu reden von den Weinen, derentwegen er den Keller umstürzen ließ, unbekannte Gattungen verlangte und nichts alt genug, eigenartig genug fand, wobei er von Flaschen, das Glas zu zwei Louisdors, träumte.

Da man im Sommer war, in einer Zeit, wo an allem Überfluß herrscht, hatte er seine liebe Not, die Rechnung in die Höhe zu treiben. Die Speisenfolge – schon tags vorher festgestellt – war trotzdem sehr bemerkenswert: eine Spargelsuppe, dann kleine Pasteten à la Pompadour; zwei Aufläufe, eine Forelle nach Genfer Art und ein Rinderfilet; zwei Eingänge, Fettammern à la Lucullus und ein Krebssalat; schließlich als Braten ein Rehziemer, und als Gemüse Artischocken, denen ein Schokoladenguß und eine Fruchtspeise folgte.

Das war einfach und groß, gewürzt übrigens durch eine wahrhaft königliche Auswahl von Weinen: alter Madeira zur Suppe, Château-Filhot vom Jahre 1858 zum Beigericht, Johannisberger und Pichon-Longueville zum Auflauf, Château-Lafite vom Jahre 1848 zu den Eingängen, Sparling-Mosel zum Braten, in Eis gekühlter Roederer zum Nachtisch. Es war ihm leid um eine Flasche Johannisberger, 105 Jahre alt, die man drei Tage vorher an einen Türken für zehn Louisdors verkauft hatte.

Trinken Sie doch, mein Herr, wiederholte er unaufhörlich zu Duverdy; wenn die Weine gut sind, berauschen sie nicht ... Es ist wie mit der Nahrung: sie schlägt niemals schlecht an, wenn sie fein ist.

Er selbst war indes auf seiner Hut. Er hatte als Mann von Welt eine Rose ins Knopfloch gesteckt, war frisiert Und rasiert und hielt an sich, das Tafelgeschirr zu zerbrechen, wie es sonst seine Gewohnheit war.

Trublot und Gueulin aßen von allem. Die Ansicht des Onkels schien richtig zu sein, denn selbst Duverdy, der am Magen litt, trank beträchtlich und kehrte zum Krebssalat zurück, ohne daß ihm übel wurde; nur die roten Flecke seines Gesichts färbten sich mit violettem Blute.

Um neun Uhr dauerte das Essen noch an. Die Kandelaber, deren Flammen durch ein offenes Fenster noch angefacht wurden, ließen das Silber- und Glasgeschirr erglänzen, und inmitten dieser Unordnung des Gedecks welkten vier Körbe mit vorzüglichen Blumen dahin.

Außer den beiden Haushofmeistern stand hinter jedem Gast ein Diener, nur beauftragt, auf Brot, Wein und Tellerwechsel zu achten.

Es war heiß ungeachtet der frischen Luft des Boulevard. Eine gewisse Üppigkeit stieg auf aus diesen dampfenden Gewürzen der Schüsseln und in dem zarten Dufte der wundervollen Weine.

Als man den Kaffee mit Likören und Zigarren brachte und alle Kellner sich zurückgezogen hatten, warf sich Onkel Bachelard mit einemmal in seinen Sessel zurück und stieß einen Seufzer der Befriedigung aus.

Ach! erklärte er, man fühlt sich so wohl.

Trublot und Gueulin lehnten sich gleichfalls mit ausgestreckten Armen zurück.

Voll! sagte der eine.

Bis zu den Augen! setzte der andere hinzu.

Duverdy, der den Rauch von sich blies, schüttelte den Kopf und murmelte:

Oh! die Krebse!

Alle vier sahen einander kichernd an. Sie hatten die schlaffe Haut, die langsame und selbstsüchtige Verdauung von vier Spießbürgern, die abseits von den Langweiligkeiten ihrer Häuslichkeit sich einen guten Tag gemacht hatten. Das kostete sehr viel, darum war sonst niemand eingeladen, kein Mädchen war da, um ihre zärtliche Stimmung zu mißbrauchen; und sie knöpften sich die Röcke und Westen auf und setzten ihre Bäuche auf den Tisch.

Die Augen zur Hälfte geschlossen, vermieden sie anfangs zu sprechen; jeder war mit seinem eigenen Wohlbehagen beschäftigt. Sie fühlten sich frei und beglückwünschten sich, daß keine Frauen zugegen seien; sie stützten die Ellbogen auf das Tischtuch, näherten ihre glühenden Gesichter einander und sprachen nur von den Frauen, unaufhörlich.

Ich bin darüber im klaren, sagte Onkel Bachelard; die Tugend ist noch das Beste von allem, was existiert.

Duverdy stimmte mit einem Nicken des Kopfes bei.

Darum habe ich allen Ausschweifungen abgeschworen ... Ich habe mich herumgetrieben, ich gestehe es. Ich kenne sie alle in der Godelot-Straße: blonde, brünette, rote Geschöpfe, die manchmal, nicht gerade oft, wundervolle Körper haben ... Dann gibt es schmutzige Winkel, wißt ihr: die Mietshäuser in Montmartre, die Enden der dunklen Gäßchen in meinem Stadtviertel, wo man scheußlichen Dirnen begegnet, aber mit ganz prachtvollen Leibern.

Oh! die Dirnen! unterbrach Trublot mit seiner hoheitsvollen Miene, welch ein Schwindel! Ich lasse mich nicht rupfen! ... Man hat niemals etwas Rechtes für sein Geld!

Diese gewagte Unterhaltung kitzelte Duverdy ungemein. Er trank in kleinen Zügen Kümmel; sein starres Amtsgesicht zuckte zuweilen in einem kurzen, sinnlichen Beben zusammen.

Ich, sagte er, kann dem Laster nicht beistimmen. Es empört mich ... Nicht wahr? um eine Frau zu lieben, muß man sie achten. Es wäre mir unmöglich, mich einer dieser Unglücklichen zu nähern, es sei denn, daß sie wenigstens Reue zeigte über ihre unsittliche Lebensweise, um sie zur Anständigkeit zurückzuführen. Die Liebe könnte keine edlere Aufgabe als diese haben... Mit einem Worte, eine anständige Geliebte: ihr versteht mich. Weiter will ich nichts sagen, ich bin auch nur ein schwacher Mensch.

Aber ich hatte ja anständige Geliebte! schrie Bachelard. Sie sind noch schrecklicher als die anderen; und nichtswürdig dazu ...

Zum Beispiel meine letzte, eine kleine, sehr hübsche Dame, der ich in der Türe einer Kirche begegnete. Ich mietete ihr in der Vorstadt Aux-Ternes ein Modewarengeschäft, um sie irgendwo unterzubringen; es kam übrigens nicht eine Kundin. Glauben Sie mir, mein Herr: sie schlief mit der ganzen Gasse.

Gueulin kicherte, seine roten Haare sträubten sich mehr als sonst, die Stirne war ganz in Schweiß gebadet. Er bemerkte, an seiner Zigarre saugend:

Und die andere, die Große aus Passy, die im Bonbongeschäfte... Und die andere, die im Zimmer da unten mit ihren Ausstattungen für die Waisen ... Und die andere, die Witwe des Kapitäns, erinnern Sie sich doch! jene, die einen Säbelhieb auf ihrem Bauche hatte ... Alle, Onkel, alle machten sich lustig über Sie! Jetzt kann ich es Ihnen sagen: ich mußte mich eines Abends gegen jene mit dem Säbelhieb wehren. Sie wollte, aber ich war nicht so dumm! Man weiß niemals, wohin es mit solchen Frauenzimmern führt.

Bachelard schien peinlich berührt. Er rückte auf seinem Sessel herum und zwinkerte mit seinen großen Augen.

Mein Kleiner, du kannst sie dir alle nehmen, ich habe etwas Besseres als diese.

Er wollte sich nicht erklären, glücklich über die Neugierde der übrigen. Trotzdem brannte er vor Begierde, auszuplaudern und seinen Schatz erraten zu lassen.

Ein junges Mädchen, sagte er schließlich, aber ein echtes, auf Ehrenwort!

Nicht möglich! rief Trublot. Man erzeugt solche nicht mehr.

Aus guter Familie? frug Duverdy.

Aus der besten Familie, bestätigte der Onkel. Stellt euch etwas unglaublich Keusches vor. Ein Zufall. Ich habe sie so ganz von ungefähr besessen. Vielleicht weiß sie selbst noch nichts davon.

Gueulin hörte erstaunt zu; dann machte er eine zweifelnde Miene und sagte:

Ach ja, ich weiß.

Wie? Du weißt? rief Bachelard von Zorn ergriffen aus. Du weißt nichts, mein Kleiner; niemand weiß etwas ... Die da ist für Bibi allein ... Man sieht sie nicht, und man rührt sie nicht an ... Weg mit den Pfoten!

Sich zu Duverdy wendend, sagte er:

Sie werden mich verstehen, mein Herr, Sie, der Sie ein Herz halben. Ich habe einen reizenden Winkel, wo ich mich von allen meinen Mühseligkeiten ausruhe.

Wenn Sie wüßten, wie fein, wie frisch sie ist; sie hat eine Haut, duftig wie eine Blume, und Schultern und Schenkel, durchaus nicht mager, mein Herr, sondern fest und rund wie die Pfirsiche.

Die roten Flecke des Rates färbten sich immer dunkler. Trublot und Gueulin betrachteten den Onkel, und die Lust, ihn zu ohrfeigen, ergriff sie, als sie ihn mit seinem Gebiß allzuweißer Zähne und dem Speichel in den beiden Ecken seines Mundes sahen.

Wie! diese alte Scharteke von einem Onkel, dieses Überbleibsel von unsauberen Pariser Gelagen, dessen große flammende Nase allein noch in dem schlaffen Fleisch der Wangen festsaß, hatte irgendwo eine Unschuld mit frischen Gliedmaßen, die er mit seinen alten Lastern beschmutzte!

Jener hingegen ward immer zärtlicher, beleckte mit der Zungenspitze den Rand seines kleinen Glases und fuhr fort:

Nach alledem habe ich nur einen Wunsch; das ist: dieses Kind glücklich zu machen! Allein, mein Bauch wird immer größer, ich bin nur ein Vater für sie ... Auf Ehrenwort! wenn ich einen recht vernünftigen Jungen fände, ich würde sie ihm geben, natürlich zur Ehegattin, nicht anders.

Sie würden zwei Menschen glücklich machen, versetzte Duverdy gefühlvoll.

Man begann in dem engen Salon zu ersticken. Ein verschüttetes Glas Chartreuse beschmierte das Tischtuch, das von der Zigarrenasche ganz schwarz geworden war. Die Herren hatten das Bedürfnis nach frischer Luft.

Wollt ihr sie sehen? fragte plötzlich der Onkel sich erhebend.

Sie befragten einander mit dem Blick. Mein Gott, ja; sie wollten wohl, wenn ihm das Vergnügen machte; in ihrem geheuchelten Gleichmut lag eine gewisse lüsterne Befriedigung bei dem Gedanken, daß sie den Nachtisch da unten bei der Kleinen des Alten beendigen würden.

Duverdy erinnerte bloß daran, daß Clarisse sie erwarte; allein Bachelard, bleich und aufgeregt, seitdem er den Vorschlag gemacht, schwur, daß sie sich gar nicht niedersetzen würden; die Herren würden nur die Kleine sehen und dann sogleich wieder gehen.

Sie gingen hinunter und standen eine Weile auf der Straße, während er zahlte. Als er sich zu ihnen gesellte, tat Gueulin, als ob er nicht wisse, wo die Kleine wohne.

Vorwärts, Onkel! nach welcher Richtung?

Bachelard ward ernst; ihn quälte einerseits die Eitelkeit, sie zu zeigen, und anderseits die Furcht, daß man sie ihm rauben könne. Einen Augenblick schaute er rechts und schaute links, wobei er eine besorgte Miene machte. Endlich sagte er rundheraus:

Nein, ich will nicht!

Er blieb hartnäckig bei seiner Weigerung, unbekümmert um die Sticheleien Trublots; er fand es nicht einmal für nötig, die Änderung seiner Absicht zu erklären.

Man mußte den Weg zu Clarisse antreten. Da der Abend sehr schön war, ging man zu Fuße; das förderte die Verdauung. Sie gingen die Straße hinab und waren noch fest genug auf den Beinen, aber doch so voll, daß ihnen der Fußweg zu schmal schien.

Gueulin und Trublot gingen voraus; hinter ihnen kamen Bachelard und Duverdy, vertrauliche Geständnisse austauschend. Ersterer schwur dem letzteren, daß er ihm nicht mißtraue; er würde sie ihm gerne gezeigt haben, denn er kenne ihn als einen zartfühlenden Mann; allein man dürfe der Jugend nicht allzu viel zumuten. Der andere stimmte ihm bei und gestand ihm seinerseits, daß auch er früher in Bezug auf Clarisse nicht ohne Besorgnisse war. Anfangs hielt er seine Freunde fern von ihr; später, nachdem sie ihm glänzende Beweise ihrer Treue geliefert, entschloß er sich, seine Freunde bei ihr einzuführen und sich da ein reizendes Heim zu schaffen. Eine kluge Frau! Und unfähig sich zu vergessen; sehr viel Gefühl und sehr gesunde Ansichten. In ihrer Jugend freilich, da es ihr an einem Führer fehlte, ließ sie sich manchen Fehler zu schulden kommen; doch ist sie durchaus ehrbar geworden, seitdem sie ihn liebt. Jetzt kann er auf ihre Treue schwören bei allem, was heilig ist. Die ganze Rivoli-Straße entlang ward der Rat nicht müde, sie mit Lobeserhebungen zu überhäufen; während der Onkel, verdrießlich darüber, daß er nicht mehr dazu kam, ein Wort über seine Kleine vorzubringen, an sich halten mußte, um ihm nicht zu erzählen, daß seine Clarisse mit aller Welt schlafe.

Ja, ja, gewiß, murmelte er; aber seien Sie überzeugt, mein Herr, die Tugend bleibt das Beste.

Das Haus in der Kirschstraße, wo Clarisse wohnte, lag wie ausgestorben in der Einsamkeit und Stille der Umgebung. Duverdy war überrascht, die Fenster des dritten Stockwerkes nicht beleuchtet zu sehen. Trublot sagte mit ernster Miene, daß Clarisse ihren Besuch ohne Zweifel im Bett erwarte. Oder, – fügte Gueulin hinzu – sie spielt in der Küche eine Partie Bezigue mit ihrem Stubenmädchen.

Sie klopften an das Tor. Im Stiegenhaus brannte das Gas mit der geraden, unbeweglichen Flamme einer Kapellenlampe. Kein Geräusch, kein Hauch.

Als die vier Herren an der Loge des Hausmeisters vorbeikamen, eilte dieser herbei.

Der Schlüsse], mein Herr! Hier der Schlüssel!

Duverdy blieb betroffen an der ersten Treppenstufe stehen.

Ist denn Madame nicht oben? fragte er.

Nein, mein Herr! ... Und warten Sie, ich will Ihnen auch eine Kerze bringen, die Sie benötigen werden.

Damit reichte er ihm einen Leuchter mit einem grausam höhnischen Grinsen in dem sonst so respektvollen bleichen Gesichte. Der Onkel und die jungen Leute schwiegen. Sie stiegen mit gekrümmtem Rücken hintereinander hinauf; man hörte in der Stille der Stockwerke nichts als das endlose Geräusch ihrer Schritte.

Voraus ging Duverdy, nach einer Erklärung suchend; er setzte mit der mechanischen Bewegung eines Mondsüchtigen einen Fuß vor den andern; die Kerze in seiner zitternden Hand malte den seltsamen Aufstieg dieser vier Schatten au die Wand, der einer Prozession von zerbrochenen Hampelmännchen glich.

Auf dem Treppenabsatz ward er von einer außerordentlichen Schwäche befallen; er vermochte das Schlüsselloch nicht zu finden. Trublot erwies ihm den Dienst zu öffnen. Das Umdrehen des Schlüssels im Schlosse verursachte ein lautes widerhallendes Geräusch wie unter einem Domgewölbe.

Alle Wetter! brummte er; es scheint nicht stark bewohnt zu sein!

Das tönt ziemlich hohl! bemerkte Bachelard.

Eine kleine Familiengruft, fügte Gueulin hinzu.

Sie traten ein, Duverdy voran mit hoch gehaltener Kerze. Das Vorzimmer war leer, selbst die Kleiderhaken waren verschwunden. Völlig leer waren auch der große Salon und der kleine Salon; nicht ein Möbelstück, nicht ein Fenstervorhang, nicht ein Wandhaken.

Duverdy blickte wie versteinert zu Boden, hob dann wieder die Augen zur Decke, schaute ringsum die Wände an, als suche er das Loch, durch welches alles davon geflogen sein mochte.

Sauber aufgeräumt! bemerkte Trublot.

Vielleicht wird die Wohnung instandgesetzt, sagte Gueulin, ohne zu lachen. Schauen wir ins Schlafzimmer; man wird die Möbel dorthin geschafft haben.

Doch auch dieses Zimmer war kahl in der häßlichen und kalten Nacktheit des Gipses, von dem man die Tapeten abgerissen hatte. An der Stelle, wo das Bett gestanden, gähnten die Löcher, in denen die Säulen des Betthimmels gesteckt hatten. Ein Fenster war halboffen geblieben, so daß von außen die frische Luft eindrang, wodurch eine Feuchtigkeit und Kühle in diesem Zimmer entstand wie auf einem freien Platze.

Mein Gott, mein Gott! stammelte Duverdy, indem er bei dem Anblick der Stelle, wo durch das Anreiben der Bettmatratzen allmählich die Tapete abgewetzt war, in ein Schluchzen ausbrach.

Der Onkel Bachelard schlug einen väterlichen Ton an.

Mut, mein Herr! Das ist auch mir schon passiert, und ich bin nicht daran gestorben. Die Ehre ist gerettet, was ist weiter dabei?

Der Rat schüttelte den Kopf und ging in das Toilettezimmer, dann in die Küche. Hier war die nämliche Verödung. Im Toilettezimmer war die Wachsleinwand entfernt worden, mit der die Wände bekleidet gewesen; in der Küche hatte man selbst die Nägel herausgezogen, auf denen die Bretter geruht hatten.

Das ist zu viel! Das ist schon Phantasie! rief Gueulin, von Bewunderung erfüllt. Sie hätte doch wenigstens die Nägel zurücklassen können!

Trublot, ermüdet durch das Essen und den weiten Weg, begann diese Einsamkeit etwas langweilig zu finden. Duverdy ging mit seiner Kerze noch immer von einem Zimmer ins andere, als ob er das Bedürfnis fühle, sich in diese Verlassenheit zu versenken; die übrigen waren genötigt, ihm zu folgen.

Er durchschritt von neuem jedes Zimmer, wollte den großen Salon nochmals sehen, dann den kleinen Salon, das Schlafzimmer; er leuchtete in alle Winkel hinein, während die anderen wie vorhin auf der Treppe gleich einer Prozession hinter ihm herzogen, wobei ihre Schatten auf den Wänden der leeren Zimmer tanzten. In der Stille dieser verlassenen Wohnung verursachten ihre Schritte auf dem Parkett ein dumpfes Geräusch.

Um den trübseligen Anblick zu vervollständigen, war die Wohnung sehr rein; nirgends ein Stückchen Papier oder ein Strohhalm: es war alles so rein wie ein sorglich ausgespülter Napf; der Hausmeister hatte nämlich noch die Grausamkeit geübt, mit seinem Besen alles reinzufegen.

Jetzt kann ich aber nicht weiter! erklärte Trublot, als man zum drittenmal den Salon besichtigte. Zehn Sous für einen Sessel!

Alle vier standen in einer Gruppe beisammen.

Wann haben Sie sie denn zum letztenmal gesehen? fragte Bachelard.

Gestern! rief Duverdy.

Gueulin schüttelte den Kopf. Alle Wetter, das war rasch gemacht! Jetzt stieß Trublot einen Schrei aus: er hatte auf dem Kamin einen schmutzigen Hemdkragen und eine zerbrochene Zigarre entdeckt.

Kränken Sie sich nicht allzusehr, sagte er; sie hat Ihnen wenigstens ein Andenken zurückgelassen.

Duverdy betrachtete eine Weile gerührt den Kragen. Dann sagte er:

25 000 Franken habe ich für die Möbel ausgegeben! ... Um das Geld ist es mir nicht leid! ...

Wollen Sie die Zigarre nicht nehmen? fragte Trublot. Dann erlauben Sie, daß ich sie anbrenne. Sie hat einige Löcher, aber das schadet nichts; ich werde sie mit Zigarettenpapier umwickeln.

Er zündete die Zigarre an der Kerze an, die der Rat noch immer in der Hand hielt, dann ließ er sich an der Wand auf die Erde gleiten und sagte:

Ich setze mich einen Augenblick; meine Füße tragen mich nicht weiter.

Aber erklären Sie mir nur, wo kann sie denn sein?

Bachelard und Gueulin blickten einander an. Das war eine heikle Frage.

Endlich faßte der Onkel einen mannhaften Entschluß und erzählte dem bedauernswerten Manne alles: die Komödien der Clarisse, ihre fortwährenden Liebschaften, und wie sie Herrn Duverdy jeden Abend mit einem andern betrog.

Sicherlich ist sie mit ihrem letzten Liebhaber durchgegangen, mit dem dicken Payan, dem Steinmetz aus dem Süden, den seine Vaterstadt zu einem Bildhauer ausbilden lassen wollte.

Duverdy hörte entsetzt diese Ungeheuerlichkeiten. Endlich rief er im Tone der Verzweiflung aus:

Es gibt keine Rechtschaffenheit mehr auf Erden!

In einer plötzlich erwachenden Mitteilsamkeit erzählte er alles, was er für sie getan. Er sprach von seiner Seele, beschuldigte sie, daß sie seinen Glauben an die besten Gefühle der Menschheit erschüttere. So suchte er unter dein Scheine eines gefühlvollen Schmerzes den Verdruß zu verbergen, den er in der Enttäuschung seiner gröblichen Gelüste empfand. Dieses Mädchen war ihm unentbehrlich geworden. Er werde sie suchen, versicherte er, bis er sie wiederfinde, zu dem einzigen Zwecke, sie über ihre Handlungsweise erröten zu machen, und um zu sehen, ob ihr Herz schon jedes Adels entbehre.

Lassen Sie das gut sein! rief Bachelard, den das Mißgeschick des Rates entzückte. Sie würde sich über Sie vielleicht noch lustig machen... Ich sage Ihnen: es geht nichts über die Tugend. Nehmen Sie sich eine Kleine ohne böse Gedanken, unschuldig wie ein neugebornes Kind... Da gibt es keine Gefahr, man kann ruhig schlafen.

Inzwischen saß Trublot auf der Erde an die Wand gelehnt, die Beine weit von sich gestreckt. Er ruhte aus, und man vergaß ihn.

Wenn es Ihnen eine Erleichterung bietet, werde ich die Adresse erfahren, sagte er; ich kenne ihr Stubenmädchen.

Duverdy wandte sich um, überrascht von dieser Stimme, die von den Dielen herauftönte; und als er ihn alles ausrauchen sah, was von Clarisse übriggeblieben war; als er ihn dichte Rauchwolken in die Luft blasen sah, in denen er die 25 000 Franken sich verflüchtigen zu sehen glaubte, die er für Möbel ausgegeben hatte, sagte er mit wütender Gebärde:

Nein, sie ist meiner unwürdig! .. Auf den Knien soll sie mich um Verzeihung bitten!

Horch, da kommt sie zurück! sagte Gueulin, die Ohren spitzend.

In der Tat hörte man jemanden im Vorzimmer herumgehen. Und eine tiefe Stimme rief: »Nun, was ist's? Sind denn alle gestorben?«

Octave war gekommen. Er war höchlich betroffen bei dem Anblick dieser leeren Zimmer, dieser offenen Türen. Sein Befremden stieg noch höher, als er in der Mitte des großen, kahlen Salons die vier Männer sah, einen auf dem Boden sitzend, die anderen drei stehend, nur beleuchtet von dem spärlichen Lichte der Kerze, die der Rat wie eine Leichenwachskerze in der Hand hielt. Man sagte ihm kurz, was sich ereignet habe.

Unmöglich! rief er.

Hat man Ihnen denn unten nichts gesagt? fragte Gueulin.

Nein; der Hausmeister hat ruhig zugeschaut, wie ich heraufkam. Schau, schau! Sie ist durchgegangen! Eigentlich überrascht mich das nicht, sie hatte so drollige Augen und Haare!

Er wollte noch weitere Einzelheiten erfahren, plauderte eine Weile und vergaß gänzlich den traurigen Auftrag, der ihn hierhergeführt. Dann wandte er sich plötzlich zu Duverdy und sagte:

Was ich sagen wollte, Ihre Gemahlin sendet nach, Sie aufzusuchen... Ihr Schwiegervater liegt im Sterben.

Ah! sagte einfach der Rat.

Der alte Vabre! murmelte Bachelard. Ich war darauf gefaßt.

Ja, wenn man am Ende seiner Lebenstage angelangt ist! ... bemerkte Gueulin philosophisch.

Es ist besser, dieses Jammertal zu verlassen, fügte Trublot hinzu, indem er ein zweites Zigarettenpapier um seine Zigarre wickelte.

Die Herren entschlossen sich indes, die leere Wohnung zu verlassen. Octave erwähnte wiederholt, daß er einen Wagen unten habe, daß er auf Ehrenwort versprochen habe, Herrn Duverdy sogleich und in jedem Zustande nach Hause zu führen.

Letzterer verschloß sorgfältig die Türe, als lasse er daselbst seine zärtlichen Gefühle tot zurück. Unten überkam ihn indes ein Gefühl der Scham, Trublot mußte dem Hausbesorger den Schlüssel einhändigen.

Auf der Straße drückten sie einander stumm die Hände, und sobald die Droschke mit Octave und Duverdy davongefahren war, sagte Onkel Bachelard zu Gueullin und Trublot, die mit ihm in der verödeten Straße zurückgeblieben waren:

Donnergottes! Ich muß sie euch doch zeigen.

Er trippelte seit einigen Minuten ungeduldig herum, höchst erregt über die Verzweiflung dieses Gimpels von einem Rat und vor Freude schier aus der Haut fahrend bei dem Gedanken an sein eigenes Glück, das er seiner tiefsinnigen Schlauheit zuschreiben zu sollen glaubte, und das er kaum mehr zu verheimlichen vermochte.

Hören Sie, Onkel, sagte Gueullin, wenn Sie uns wieder bis zur Türe führen und dort stehen lassen wollen ...

Donnergottes, nein! Ihr sollt sie sehen. Das wird mir Vergnügen machen! ... Wenn es auch schon Mitternacht ist, sie steht auf, wenn sie schon zu Bette wäre. Sie müssen wissen: sie ist die Tochter des Kapitäns Menu und hat eine sehr achtenswerte Tante, geboren zu Villeneuve bei Lille, so wahr ich ein Ehrenmann bin. Man kann bei den Herren Gebrüdern Mardienne, Sulpiciusstraße Auskunft über sie erlangen ... Donnergottes! So was braucht unser einer! Ihr sollt einmal sehen, was Tugend ist!

Hierauf faßte er sie bei den Armen, Gueulin rechts, Trublot links, und holte weit aus, um sich nach einem Wagen umzusehen, damit man rascher ankomme.

Mittlerweile erzählte Octave Herrn Duverdy in der Droschke kurz von dem Schlaganfall des Herrn Vabre; er verheimlichte ihm durchaus nicht, daß die Adresse der Kirschstraße seiner Frau vollständig bekannt sei. Nach kurzem Stillschweigen fragte der Rat in wehmütigen Tone:

Glauben Sie, daß sie mir verzeihen wird?

Octave schwieg. Die Droschke rollte im Dunkel dahin und wurde nur von Zeit zu Zeit von dem Lichtstrahl einer Gaslampe beleuchtet, an der man vorbeikam. Als sie ankamen, stellte Duverdy, von Herzensangst gequält, eine neue Frage.

Nicht wahr, das Beste, was ich tun kann, ist, mich mit meiner Frau auszusöhnen?

Das dürfte recht vernünftig sein, sagte der junge Mann, der genötigt war zu antworten.

Duverdy glaubte, sein Bedauern über den Unfall seines Schwiegervaters äußern zu müssen. Er sei ein sehr verständiger Mensch, eine unglaubliche Arbeitskraft gewesen. Übrigens dürfe man ihn noch herausreißen können.

In der Choiseul-Straße fanden sie das Haustor offen und stießen auf eine Gruppe, die vor der Loge des Herrn Gourd sich angesammelt hatte. Julie war heruntergekommen und fuhr über die Spießbürger los, die einander »hinwerden« lassen, wenn ihnen etwas zustößt; es taugt freilich nur für die Arbeiter, einander Bouillon und warme Tücher zuzutragen. Seit zwei Stunden, während der er ausgestreckt lag, habe der Alte zehnmal verschmachten können, ohne daß seine Kinder sich auch nur die Mühe genommen hätten, ihm ein Stück Zucker zwischen die Zähne zu stecken. Vertrocknete Herzen, Leute, die ihre zehn Finger nicht zu gebrauchen wissen, meinte Herr Gourd; während Hyppolite es allen andern noch zuvortat und von der Kopflosigkeit, der dummen Unbeholfenheit der Dame da oben erzählte, die mit verschränkten Armen dem Kranken gegenüber dasitze, um den nur das Dienstvolk sich herumtummle.

Als sie Herrn Duverdy wahrnahmen, schwiegen sie alle.

Wie geht's denn? fragte Duverdy.

Der Arzt macht ihm jetzt einen Senfumschlag, sagte Hyppolite. Es war nicht leicht, ihn zu finden!

Im Salon oben kam ihnen Frau Duverdy entgegen. Ihr sonst so kalter Blick glänzte jetzt unter den vom vielen Weinen geröteten Lidern hervor. Der Rat öffnete ganz verlegen die Arme und sagte, indem er sie küßte:

Meine arme Clotilde!

Ganz verwundert über diese ungewohnte Herzensergießung, wich sie zurück. Octave war zurückgeblieben; doch hörte er, wie der Mann leise hinzufügte:

Verzeih' mir; laß uns unter diesen traurigen Umständen unser Unrecht vergessen ... Du siehst, ich komme wieder zu dir und bleibe nun der deine für alle Zeiten ... Ich bin hart genug bestraft ...

Sie wand sich von ihm los, ohne zu antworten, gab sich in Gegenwart Octaves das Ansehen einer Frau, die vom Treiben ihres Gatten nichts wissen mag, und sprach:

Ich würde dich nicht belästigt haben, denn ich weiß, wie dringend die Untersuchung in der Geschichte der Provence-Straße ist. Aber ich sah mich allein, deine Anwesenheit war mir unumgänglich. Mein armer Vater ist verloren. Sieh ihn an, der Doktor ist bei ihm.

Als Duverdy sich in das anstoßende Zimmer begeben hatte, ging sie auf Octave zu, der, um sich eine Haltung zu geben, sich an den Flügel gestellt hatte. Das Instrument war offen geblieben, das Stück »Zémire und Azor« lag noch auf dem Pulte, und er gab sich den Anschein, als ob er darin lese.

Die Lampe erhellte mit ihrem milden Lichte noch immer nur eine Ecke des geräumigen Gemachs. Frau Duverdy sah den jungen Mann einen Augenblick stumm an, bis sie, von ängstigenden Zweifeln überwältigt, endlich aus ihrer gewohnten Verschlossenheit heraustrat.

Er war also dort? fragte sie ganz kurz.

Ja, gnädige Frau.

Also, was ist dort?

Die Person hat ihn im Stiche gelassen und die Einrichtung mitgenommen. Ich fand ihn zwischen den kahlen Wänden mit einer Kerze in der Hand.

Clotilde machte eine Gebärde der Verzweiflung. Sie begriff. Ein Gefühl des Ekels und der Niedergeschlagenheit drückte sich in ihren sonst so schönen Zügen aus. Nicht genug, daß sie ihren Vater verlor, mußte dieses Unglück noch ihrem Manne einen Vorwand zu einer Annäherung bieten, die sie so wenig wünschte. Sie kannte ihn nur zu gut. Sie wußte, daß er ihr jetzt immer auf dem Nacken sitzen werde, da ihn außerhalb des Hauses nichts mehr zurückhielt; und in ihrem tiefen Pflichtgefühl zitterte sie bei dem Gedanken, diesen verabscheuten Frohndienst leisten zu müssen. Sie sah einen Augenblick auf den Flügel. Als ihr dann schwere Tränen in die Augen traten, sagte sie einfach zu Octave:

Ich danke, mein Herr.

Dann gingen auch sie in das Zimmer des Herrn Vabre hinüber. Duverdy hörte ganz blaß dem Doktor Juillerat zu, der ihm mit halblauter Stimme Erklärungen machte. Es sei ein Schlagfluß. Der Kranke dürfe noch bis zum folgenden Tag leben, aber es bestehe keine Hoffnung für sein Aufkommen.

Clotilde kam eben hinzu und hörte, wie der Arzt ihrem Vater das Leben absprach. Sie sank auf einen Sessel und hielt das tränendurchnäßte, plattgedrückte Taschentuch an die verweinten Augen.

Sie faßte sich indes so weit, um den Arzt fragen zu können, ob ihr armer Vater wenigstens zur Besinnung kommen werde, was der Arzt jedoch bezweifelte; wie wenn er verstanden habe, wo diese Frage hinaus wolle, drückte er die Hoffnung aus, daß Herr Vabre seine Angelegenheiten längst geordnet habe.

Duverdy, dessen Geist in der Kirschstraße zu weilen schien, kam jetzt erst zu sich. Er sah seine Frau an und antwortete dann, daß Herr Vabre sich niemandem anvertraut habe, daß er also nichts wisse. Er habe bloß Versprechungen zugunsten ihres Sohnes Gustav gemacht, den sein Großvater oft vorzuziehen versprochen habe, als Belohnung dafür, daß seine Eltern ihn gepflegt hätten. In jedem Falle werde sich das Testament vorfinden, falls er eines gemacht habe.

Die Familie ist doch wohl benachrichtigt? sagte der Doktor Juillerat.

Ach Gott, nein! lispelte Clotilde. Der Schlag kam so plötzlich ... Mein erster Gedanke war, diesen Herrn um meinen Mann zu schicken.

Duverdy warf ihr wieder einen Blick zu. Jetzt verstanden sie einander. Er näherte sich leise dem Bette, betrachtete Herrn Vabre, der starr wie eine Leiche hingestreckt lag und dessen unbewegliche Wangen schon mit gelben Flecken marmoriert waren.

Es schlug ein Uhr nach Mitternacht. Der Doktor wollte sich entfernen; er hatte es mit den üblichen Ableitungsmitteln versucht und konnte vorderhand nichts anderes unternehmen. Morgen werde er zeitig wiederkommen. Er ging endlich mit Octave weg, als Frau Duverdy den letzteren zurückrief.

Wir warten bis zum Morgen, nicht wahr? sagte sie zu ihm. Sie werden mir Berta unter irgendeinem Vorwande schicken; ich werde auch Valerie herbestellen, und sie sollen dann meine Brüder verständigen. Ach, die armen Leute! Mögen sie noch diese Nacht ruhig schlafen. Es ist genug, wenn wir mit unserm Schmerze wach bleiben müssen.

Angesichts des Greises, dessen Röcheln das Zimmer erfüllte, blieb sie mit ihrem Manne allein.

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