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Der halbe Mensch

Albin Zollinger: Der halbe Mensch - Kapitel 8
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typefiction
authorAlbin Zollinger
titleDer halbe Mensch
publisherGrethlein & Co.
year1929
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Götternebel

Hieronymus im Gehäus

Das Herz verhielt sich ruhig und begehrte kaum je zurück. In seiner Regenlandschaft saß der Dichter schreibend; blaugoldene Bogen erglühten im Laube, süße Verzückungen suchten ihn heim.

Wenn er in tropfenden Wäldern Kühlung suchte, trug er den Wind im Gelock. Die Lüfte spielten vor ihm her, sprangen ins Wipfelwerk, zausten die Wolken; blühende Ströme, die herniederrannen, schlürfte er mit bebenden Nüstern. In wogende Lauben schritt er beschwingt hinein, der Teppich der Waldanemonen netzte ihm die Knöchel, das Gebrause im Wipfeldach, die rieselnde Seerosenseide hauchten balsamische Frische, grasende Rinder fauchten aus warmen Nasen. Auf seinen Heidepfaden verlockten ihn liebliche Geister. Es schuf ihm Spaß, in die Bäume zu steigen; in ihren Wipfeln entschlief er, traumhaft gewiegt vom Schoße der blauen Tiefe. Oder er lagerte sich auf Moos. Im Heidelbeerlaub stand sein Buch... Wendelin Bach: Das Wolkenland. Schon lebte es in den Städten. Schönlockige Boten, Herolde seines Ruhmes warben für ihn in den Landen.

Als der verschollene Maler wieder auftrat, setzte ihm vor Schrecken der Herzschlag aus. Guido lachte, zwischen Humor und Wehmut, legte ihm eine Hand an die Schulter und sprach: »Gott sei Dank störe ich; aber laß dich nicht ins Bockshorn jagen, ich streiche schnell durch den Birkenwald und fahre auf Windesflügeln wieder aus dem Umkreis deiner Erleuchtungen.«

»Es war ja so nicht gemeint; aber am Ende bist du der Mensch, die Unhöflichkeit eines Freundes zu verstehen, der sich gerade in Schöpfernöten befindet und alles entsetzlich fürchtet, was nur danach aussieht, ihm Störung bringen zu können. Es ist für mich unabsehbar bedeutungsvoll, daß ich jetzt aufmerksam lebe, um nicht mein Werk auf falsche Geleise zu bringen. Kein Mensch hat eine Vorstellung von der Tragweite der Sache. Ich glaube, die Bahn der Gestirne wird ein wenig von dem Grade der Vollkommenheit abhängen, zu dem wir unsere Unternehmungen führen.«

Seine eifernde, etwas verstörte Ernsthaftigkeit wirkte erheiternd auf Alder; das Lächeln, mit dem er vor sich niederblickte, enthielt keine Zustimmung, wohl aber Verständnis, Nachsicht und sogar Dankbarkeit für solche Überzeugungstreue. Wendel errötete ein wenig, indem er gleichzeitig wieder die alte ruckhafte Hinneigung zu dem Maler empfand; er faßte ihn unter den Arm, ihre schweigende Verbrüderung hatte den Sinn eines Bündnisses.

Wieder steckte Bach lange Tage verborgen. Kam er aus seiner Zelle hervorgewandelt, so sah er die Menschen nicht vor Traumverwirrung, Müdigkeit und Behagen. Zuweilen suchte er Guido auf, der irgendwo malte. Dann sank er ins Heidegras mit wohlig brennenden Gliedern.

»Die Verwandlung, welche das künstlerische Schaffen an uns bewirkt,« sprach er, »ist wie eine Auflösung durch Krankheit: Sie macht uns gut und zart, sie entfremdet uns dem Irdischen, führt uns von uns selbst hinweg zu einem Wesen, das verwundbar wie eine geistigere Form in uns verborgen weilt. Äußerlich verwildert, wird man nach innen nur immer reifer und farbiger, der innere Himmel klärt sich, Wipfel und Fernen unbekannter Gegenden kommen hervor. Ein Fremdling bewohnt unser Haus, ein duftender Prinz, dem zu dienen uns als eine Selbstverständlichkeit erscheint und beglückt. Alles Irdische mag uns gerne gestohlen werden, und trotzdem erfüllt uns das Leben mit einer süßen Glut. Wir erinnern uns halbwegs an Zedernparke, durch die wir in Jünglingstagen wandelten. Wie lange ist das her, daß ich an den Tischen jenes Althändlers stand, der seine Bücher bis auf den Marktplatz zu schieben pflegte. Die Sonne wärmte das Beet von Papier, aber auf einmal begann es zu regnen, die Blätter rauchten und dufteten; ich stieg in die Stadt hinab und die Tränen liefen mir aus den Augen, weil es mir so vorkam, als würde ich unaussprechlich zarte Dinge in meinem Leben noch zustande bringen, Verse, innige lichte Bücher –«

Was der Dichter mit Bangen erwartete, blieb nicht aus; die Staatsgewalt, der er auf grausame Art heimlich verschrieben war, erschien unverhofft in den Büschen seines Träumerparadieses, um ihn mit stummer Beharrlichkeit für ihre verhaßten Geschäfte zu verlangen. Voller Empörung, und Bitterkeit, persönlich herausgefordert, brach er die Tätigkeit ab, auf die er so große Stücke hielt, verfügte sich nach der Stadt hinab, in die verwirrende Nachbarschaft Majas, die einstweilen nicht genügte, ihm über förmliches Heimweh nach dem Elternhaus, Guidos Leinwänden und der dort vergrabenen, schmerzlich entbehrten Handschrift hinwegzuhelfen. Er fühlte sich in Babylon, fürchtete sich vor dem Geruch der Abende, vor den Vorstadtgassen, ihren Weibern und Pinten, fürchtete sich vor den Grausamkeiten des Berufes, der ihn täglich plünderte und mit seiner Öffentlichkeit beleidigte.

Es sollte sich außerdem fügen, daß zu der Zeit, wo er dermaßen aufgelöst, unglücklich und keiner Erhebung fähig in der Welt stand, sein Buch herauskam, gerade recht, dem äußersten Mißtrauen in die Hände zu fallen. Wo er es aufschlug, stieß er auf Ärgernisse, immer noch hinkende Rhythmen, Farblosigkeiten, bombastisches Wesen. Dabei lag es in allen Fenstern eitel zur Schau, mit seinem entsetzlichen Werbeschild – das Blut stieg ihm in die Ohren, wenn er es alles bedachte. Kleinlaut und schlechten Gewissens lebte er nur von der Hoffnung, in der Menge der Menschen nicht als der Geck erkannt zu werden, der es sich hatte einfallen lassen, die Gebärden der Unsterblichen nachzuahmen; so sah nun in Wahrheit der Zustand aus, von dem er sich so vieles versprochen, der des gedruckten Autoren. Und da es die bitterste und folgenschwerste Enttäuschung war, die ihm je aufgestoßen, eine Ernüchterung auf der ganzen Linie, der Verlust seiner innersten Antriebe, so versagte nun auch seine Leiblichkeit noch; alles daran kehrte seine Gewohnheiten um, das Blut bockte ihm zum Herzen zurück, es beinah zertrümmernd, der Magen wies alles von der Hand, weil es ihm unredlich, ohne Notwendigkeit Zugedacht war – ein vollkommener Kotz, wie es Bach bei sich nannte, ein Bankerott und Schiffbruch.

In solcher Verfassung noch seine Glieder aufrecht zu tragen, durch Nahrungsaufnahme das Dasein zu unterhalten, war eine mühsame und qualvolle Beanspruchung insbesondere des Morgens. Die Last der kreidigen Sonne, alle Verlautbarungen der Lebenslust wälzten Schwermut und Erschöpfung auf sein Gemüt. Er schleppte sich in Tränen dahin, der fragwürdigste aller Lustwandler. Das Stillschweigen der Zeitungen erschien ihm als eine mitleidige Schonung, die er erfuhr; es bestätigte ihm seine Befürchtung, die Mängel des Buches lägen so offen zutage, daß die Sachverständigen geradezu erschrocken über sein Anfängerwerk hinweggingen, barmherzig, wie sie ungeachtet ihres Rufes eben waren.

Er hatte einen tüchtigen Fehlschlag getan und sich in Schuld gebracht; allein die Natur ist ja nicht so, daß sie dies nicht verziehe; wie eine Mutter verwies sie ihn auf die ihm geliehenen Pfunde, um die sich doppelt zu bestreben sie ihn nach dieser heilsamen Prüfung ermunterte. Er warf zwar, versöhnlicheren Mutes, noch dann und wann einen Blick in das Bändchen; aber von schwelgerischen Verfasserfreuden konnte in der Folge nicht wieder die Rede sein. Der Verdruß an dem Gegenstand hatte ihn allzu tief umgepflügt; das Werk war für ihn eine erledigte Geschichte, eher wäre es ihm möglich erschienen, durch eine Mauer hindurchzustoßen, als die eigene, vordem so feurig verfochtene Schöpfung betrachtend noch einmal durchzugehen.

Auch hatte er sich den so anders gearteten geistigen Umgängen allmählich wieder entfremdet; er empfand die Gefahr, die eindringlich werbende Verführung von der Seite des Behagens, unter dessen Vorherrschaft die feine Fiebrigkeit des Geistes unfehlbar und eilig einging. Zum Behagen diente ihm alles, was unverbindlich sich einfach ereignete. In seinem Zimmer empfing ihn der Mond, wie eine Lampe im Fenster; hinter den Häusern dunkelte der Berg; Wendel gedachte, aufmerksam auf das Licht, in Majas Atembereich zu schlafen. Die Handhabung des Lebens, gleichgültig in welcher Verrichtung, das war nicht das Leben selbst und kam nicht in Vergleich mit dem Gehorsam im selbstlosen Dienste der Gesichte. Diesem bewahrte er eine sehnsüchtige Treue und er überschätzte die Ereignisse nicht, was beiläufig der Grund seiner gewissen Kühle war, mit der er dem äußeren Geschehen begegnete, das er als ein Ding für sich von den allein maßgeblichen Vorgängen des Inneren schied.

Eines Nachts wehte die Tür seines Zimmers auf, in dem er seit einigen Stunden schlief. Die Vermieterin, eine noch junge Frau ohne Gatten, stand im Hemd vor ihm und wünschte sein Lager mit ihm zu teilen. »Ich fürchte mich, Herr,« gab sie vor.

»Das glaube Ihnen wer will. Sie haben ja Ihr Kind; lassen Sie mich in Ruhe, ich gehe morgen fort.«

Da sie blieb, drehte er den Kopf und sah ihre schuldlose, beinah alberne, weil humorlose Miene. Er hätte glauben wollen, sie käme mit ihrem Ansinnen nur aus irgendeiner Dienstbarkeit, so als hielte sie diese Zugabe zu ihren Wohnräumen für angemessen. Er sah sich sogar zu denken bereit, eine lange Reihe gewissenloser Mieter hätte es ihr zur Gewohnheit gemacht. »Was wollen Sie denn; Sie sind ja verrückt,« sagte er, als sie wahrhaftig anfing an seinem Linnen zu nesteln. »Gehen Sie doch in Ihre Kammer, wo Sie hingehören, das Kind wacht auf. Was sind denn Sie für eine Frau?«

Er entsprang aus dem Bett, denn sie setzte sich jetzt darauf nieder; mit der Verbohrtheit einer Nachtwandlerin bezog sie seine Schlummerstätte, während er zusehen mochte, wo er Unterschlupf fand, wenn er es mit seiner Tugendhaftigkeit wirklich ernst meinte. Der Gedanke, in dieser Lage den Morgen abwarten zu müssen, enthielt Schrecken und Ärger. Ihm war wie einem Vogel, dem sich ein Feind in das Nest gesetzt; er begann aus Leibeskräften an Maja zu denken, mit dem Erfolg, daß er seines Abenteuers auf eine listige Art sogar froh zu werden vermochte. Welch erwünschte Gelegenheit, mit seiner Liebe zu prahlen! Wie rein und kindlich erschien sie im Vergleich zu dieser ausgewachsenen Narrheit. Damit er sich nicht überhebe, versuchten ihn jähe Ermüdungen; es war denn doch keine Kleinigkeit, die er da ausschlug; nur die eifrigste Sorge für innere Zerstreuung befähigte ihn standzuhalten.

Frierend begann er immerhin, der Schlange ihre Höhle zu neiden, und als ihm der Argwohn kam, sie wäre da eingeschlafen, erhob er sich auf die Zehen. Sie warf die Decke zurück, saß einen Augenblick mit zierlichen Gliedern und stieg dann traurig hinaus, um die Kammer zu verlassen.

Sogleich schlugen Reue und Scham über Wendel zusammen; er wäre dem Weibe vielleicht nachgegangen, wenn nicht eben seine Vorstellung von diesem äußersten Erlebnis so phantastisch gewesen wäre, daß er es angstvoll hinausschob. Sein Blut überschwemmte ihn aber, er stand mit dem Arm an der Stirn noch lange, schlotternd, außer sich und verwundet, bevor er sich in die lüstern erwärmten Tücher voll ernsthafter Gedanken und wonnig angeregt verhüllte.

Elisabeth beschwor ihn, nicht in das Lasterhaus zurückzugehen, bei Strafe ihrer ewigen Verachtung. Er warf lachend sein Haar auf und bat sie, nun zu hören was er sagte:

»Ich mache dich in einer Aufwallung meines Herzens zum Publikum folgender Ansprache: Ich erkläre mich feierlich als den glücklichsten Menschen der Erde! Denn wie manchmal des Tages fällt mir ein, daß ich wieder belieben werde, Torfmoore, Hochzeitsleute, Klöster, Resedengärten, Ritter, Mörder, Gebete, Gebirge, Meere und Inseln zu erfinden. Welch ein Herzensglück, ich bin Künstler! Jüngst in der Straßenbahn fiel mir ein Drama ein. Mich überlief es kalt. Eben regnete das Laub von Richard Wagners alten Buchen, und mir fiel ein Dramenstoff ein! Mitten unter den Fahrgästen überrumpelt mich die Muse wie eine Dame der Straße; ich steige mit ihr aus, um der Verlegenheit zu entgehen, zanke mich ein wenig mit dem stürmischen Kindskopf und erfahre dann doch alle Beschenkung, Tröstung und Liebkosung einer lange entbehrten Mutter und Freundin.«

Aus eifrigen Gedanken heraus sagte er unvermittelt: »Es gibt nichts, das, wie man vorgibt, mit der Sprache nicht auszudrücken wäre. Man muß nur wissen, daß das Beste nicht gesagt, sondern geschwiegen wird. Um das Schweigen noch besser zu erlernen, studiere ich jetzt Wörterbücher. Ich lese überhaupt nur noch Wörterbücher. Wir wissen gar nicht, was wir an ihnen haben, das ist meine Meinung. Die tiefsten Dichtungen, alle Kunstwerke der Zukunft find darin enthalten, so wie im Zahlensystem die Schöpfung verborgen steckt.«

»Ihre Elemente mögen freilich darin sein, aber die machen noch lange kein Kunstwerk aus, nicht einmal die geschickte Darstellung der Wirklichkeit macht ein Kunstwerk aus, denke ich mir; so daß also denn doch in deinen Wörterbüchern nicht mehr liegt als man ihnen billigerweise zugesteht. Es ist sehr gefährlich, die Leere mit Dingen zu füllen, die nun einmal nicht darin sind. Meist geschieht es auf Kosten des Wirklichen, um das wir dann auch noch betrogen werden.«

Nach abermaliger Versonnenheit fuhr er fort:

»Die grundlegende Erfindung Gottes war die Perspektive. Bevor sie gemacht war, vermochte er nichts anzufangen mit dem Unheil von Erscheinungen. Was fingen wir noch heute damit an, wenn nicht der kleine Betrug, das Entfernte verkleinert zu zeigen, sie uns freundlich in die Augen ordnete? Ich verderbe mir gelegentlich auf eine kurzweilige Art den Genuß der Musik damit, daß ich ihren mechanischen Voraussetzungen nachsinne. Wie sonderbar, daß gerade die Eingeweide von Lämmern dazu verfeinert wurden, ein Tongewell aus der Luft zu erlösen, das mit Grasverdauung in aller Ferne nichts mehr zu schaffen hat. Es ist ein Gesetz, daß Erde und Himmel, Höhe und Tiefe, Hitze und Kälte einander dienen. Die Übertragung des Geistigen in das Stoffliche ist das allermerkwürdigste, was uns zu bedenken aufgegeben sein kann. Was mir als Wunder erscheint, das ist die Stelle des Übergangs vom einen zum andern. Es kommt mir immer so vor, als ob an dieser Grenze uns Gott beinah erreichbar würde, wie ein König in der Verbannung herrlicher, unvorstellbarer Paradiese, aus denen er sich aber herübersehnt, oder in die hinein uns zu rufen er nicht müde wird. Bei jeder Erfindung handelt es sich darum, geistig Bestehendes in eine einfachste greifbare Form zu bringen. Die Welt ist weiter nichts als eine wohlgelungene Erfindung. Jeder Menschenleib ist die Erfindung zu seiner entsprechenden Seele. Jedes Wort ist die Verwirklichung einer Vorstellung. Aber wie oft sind wir uns dieser Verhältnisse bewußt? Fühlen wir die Tiefe des Bestehenden? Wir fühlen sie eben nicht, oder nur nebelhaft; wir sind alle höchst oberflächlich.«

Diese Unterhaltung, die etwas geistreich geworden war, fand ihr Ende durch das seltene Ereignis, daß Elisabeths Vater, der Apotheker, zu Besuch hier erschien. Der zarte Geruch von Medikamenten, den er mit jeder Bewegung verbreitete, gab ihm ein selbstlos adeliges Wesen, auch wenn er Strenge und Zurückhaltung vielleicht übertrieb. Er behielt Stock und Hut in der Hand, gemäß seiner nicht eben artigen Angewöhnung, sich nur in Eile, unter scheinbaren Opfern der Gesellschaft zu gewähren. Er trug etwas englische Luft in die Klause, die so hochgemute Verhandlungen gewohnt war. Dem Blonden kam er wie ein erratischer Block in der Wiese hier üblicher Fortschrittlichkeit vor, ein wenig unheimlich, ein wenig gegnerisch und zu poetischen Dingen gar nicht ermutigend.

 

Wendel packte in der Tat zusammen und verließ die unerklärliche Witwe, um so überzeugter, als hinter der Wand noch ein Dunkelmann einzog, ein hustender Spanier, welchen er den Heiligen anbefahl.

Er wohnte drei Tage in der Gesellschaft eines Kakteengärtleins hoch über dem Flusse; dann sah er sich plötzlich entlassen. Er nahm Abschied von der Freundin, saß aber noch eine Nacht in dem Sternenfenster, von welchem aus er die Stadt betrachtete; weiße Taumel geisterten durch die Finsternis.

Die frühe Sonne schien in den Regen, der über herbstrote Wälder sank. Die Straßen der Heimat, kühl benetzt, rochen nach Heide und Beeren, nach Sommergewittern und Kindheit. Er lief, um seine Eremitage zu ersteigen. Das Glück begeisterte ihn gefährlich.

»Elisabeth! O wie wunderlich regnet es einen umher! Denn es regnet nun hier. Wie ich so sitze, dunkelt und dunkelt es gelblich vom Regen – ich habe Heimweh nach eurer Stadt, eure Mädchen zünden Feuer und Kerzen an, eure Menschen lesen französische Bücher, in den Museen treten Greise mit Zeitungen an die Fenster, um zu sehen, wie es über die Gassen regnet! Es regnet in den Fluß, es regnet auf die Gemüsestände – du Freundin: wie ich den Regen liebe! Mein Herz ist wie ein Wald im Regen!

Ich habe die Feder weggelegt, um auf meine Brust zu schlagen, denn es tut weh, so voll Inbrunst zu Schönem bin ich. In diesem Lichte tummeln sich Geister und Düfte. Novalis ist hier, und Goethe kommt, mich zu trösten. Dem Ärmel des Meisters entströmt ein Hauch von Reseda.

Warum reise ich nicht auch? Hier liegt ein Brief von Guido, der nach Italien ausgezogen ist. Ich kann nicht! Man erlebt ohnehin zu viel im Verhältnis zu dem, was man verarbeitet.«

Wenn er nach einer Woche toller Arbeit dann wieder stutzte und auf einmal nicht weiterkam, argwöhnte er überall Schabernack. Der Kopf war ihm doch klar, allzu klar; was hielt ihm die Feder zurück?

Oder er mißtraute sich plötzlich und hielt ein. Es machte ihm nichts mehr aus, gelegentlich, und zu den besten Tagesstunden, wieder Briefe zu schreiben, die er hernach zerknüllte.

Es kam vor, daß er in welkenden Büschen traumselig herumstand, oder er lief plötzlich hinauf, um zu schreiben. Von Guido hatte er sich beruhigen und beraten lassen; den Vater ins Vertrauen zu ziehen, brachte er niemals fertig, so daß der seine eifersüchtige, grämliche und notvolle Betätigung stets nur aus der Ferne beobachtete und, ungewiß über den Stand, die Art und die Aussichten der Arbeit, welcher er seinen Sohn verfallen sah, sich viel Sorge machte, ohne sie zeigen zu dürfen, da er nur Unheil damit anrichtete.

Derweil lernte der Poet denn doch eine gewisse Vernunft im Gebrauch der Kräfte; aus Besorgnis um seine Arbeit ordnete er sich einem Tagesplan unter, schrieb bei verhängten Fenstern bis in die Nachmittagsstunden, aß und verfügte sich alsdann ins Freie zum täglichen Spaziergang auf der Landstraße, auf welcher er seine Beine und Gedanken in einem zugleich anregenden und besänftigenden Gleichtakt bewegte. Das sanfte Gefälle zum See zog ihn vereint mit dem Zauber, den die Himmelsöffnung voller Märchen für ihn nicht zu verlieren schien. Noch immer sah er Malven, Bildwerke, Säulen am Wasser, roch das Geheimnis vornehmer Räume mit Frauengewändern und Stadtluft auf. Die Fichten, die grünen Berge, das Gewölk, die Bäche, alles hatte er getränkt mit der Heiterkeit seiner Träume; in den lichten Revieren des Waldes spukten seine Geschöpfe, er hatte süße Begegnungen mit ihnen auf Hügeln, Heiden und Straßen.

Das alles war freilich vergessen, sobald wieder ein Hindernis aufsprang, an dem seine Zuversicht scheiterte. Grollend gab er die Arbeit auf und verbrachte die Tage damit, sich in Selbstmordgedanken zu üben. Rettung aus seinem Zustand war gar nicht abzusehen. Es wurde kalt, der Wind, der das Laub herumschlug, trieb ihn zur Raserei; alles hatte sich gegen ihn verschworen, die läppischen Intelligenzen der Natur triumphierten, sein bleiernes, schmerzendes Hirn kam dagegen nicht auf. Wochenlang saß er in seinem Käfig, den er mit den Einöden seines Ekels anfüllte; der Geruch der Möbel lag ihm im Haar, fettiger Bart stieß hervor.

Er flüchtete höchstens zu Briefen, für die er seine Zeit gerade noch gut genug fand. »Verehrter Herr, wer sind Sie, der sich getrieben fühlt, einem Unglückseligen mit Trost zu nahen? Sie finden mich nicht heiter, wie es dem Schöpfer eines so lieblichen Werkes, das Sie rühmen, wohl anstünde. Ich bereue, mich vor die Menschen begeben zu haben. Die befohlene Schlacht zu unterbrechen muß einem Feldherrn furchtbar sein, aber sich vor dem Ruhme zurückzuziehen, ermessen Sie die Schrecken dieses Unglücks? Was hat man nicht alles auf die Beine geschickt, man machte Versprechungen der höchsten Art, und eines Tages geht man hin, um das alles zu widerrufen vor der versammelten Menschheit, unsern gutgläubigen Brüdern, die sich Hoffnungen auf uns machten. Der Schweiß bricht mir aus. Was habe ich getan!

O daß ein Mensch mir mein Dunkel glaubte, in das ich verbannt bin ohne Hoffnung, je zu genesen! Glauben Sie mir, ich bin hier, um zu leiden. Dumpf und dunkel stopft sich die Qual um mein Herz; meiner Tage habe ich blutig gelitten.

Aber ich bin Ihnen verbunden für Ihre Liebe, Sie haben mir wohlgetan! Ich bitte Sie, tausendmal meine Stadt zu grüßen! Gehen Sie hinaus in ihre Gassen, schweifen Sie durch ihre Bäume, segnen Sie alles mit meiner Liebe! Ich schätze mich glücklich, Sie fortan zu kennen als einen Gelehrten, der an Sonntagmorgen verschwiegene Gärten sucht; ich will mir denken, daß Ihre Ahnen vor königlichen Kaminen saßen; ich will mich erquicken an dem Bewußtsein, von einem so seinen Kenner freundlichst überschätzt zu werden – ich danke aus Herzensgrund für Vertrauen.«

Es fiel Schnee in den Waldhöhen.

Das Gesicht auf den Armen, verbrachte Wendel die Tage vor dem Arbeitstisch, auf welchem seine Blätter verstoßen lagen. Der Gelehrte bestürmte ihn mit Briefen, freundschaftlich beschwörend, aber auch ereifert durch das Schweigen, auf das er stieß. Der Einsame dachte: Was weiß der gute Mann von der Wahrheit! Schnellfertig bringt er mein Leid auf eine Formel, die für mich nicht mehr zutrifft. O daß es gerade mir bestimmt war, diese Wunderlichkeit von Begabung und Feigheit, Geckerei und Demut, Blässe und Inbrunst, Verderbnis und Güte darzustellen! Gerade ich das arme Mittelmaß, vor allen Scheidewegen, zu plump, zu zart, zu empfänglich und zu schamhaft.

Er glaubte mitunter, zu einem nachsichtsvollen Spotte berechtigt zu sein, mit welchem er Gott dieses Schicksal verzieh; manchmal ergriffen ihn Furcht und Grauen; mit leise bebenden Händen ergab er sich in das Dunkel, das ihn umgarnte.

Die Erde winterte sich ein, die traulichste Dämmerung kam in die Welt. Er lag auf seinem Ruhebett oder betrachtete das Gestöber. Dann stürzte ihm die Landschaft vor den Augen hinab, um für eine Weile zu erlöschen. Er hatte daran seine Kurzweil, er spielte mit den fiebrigen Sinnen, tändelte mit dem Hirn, dessen er sich nach seinem Belieben noch eine Zeit bediente, ehe er es dahingab wie eine nutzlose Krone.

Vor Ungeduld schob er die Stirn ans Scheibenglas. Alle Glieder schmerzten ihn.

Er fuhr auf wie ein Wild, als zaghafte Schritte sich seiner Tür näherten. Das Herz schlug ihm in den Hals empor, während er listig schwieg. Die Klinke bewegte sich, geisterlich stand ein Mensch in der Spalte. Wendelin drehte sich gegen das Fenster ab, die Tränen begannen ihm zu fließen. Dies bemerkend, blieb der Fremde in seinem Rücken stehen, zeichnete mit dem Stock auf dem Boden, zu den milden, ein wenig verlegenen Ermahnungen, in denen er dem jungen Freunde zusprach. Er legte Mantel und Hut von sich und betrachtete die Behausung. Wieder beruhigt, Verfolgte ihn Bach mit den Augen. Herr Monnier setzte sich.

»Es ist ein großer Augenblick für mich,« sagte der Gast in schlichtem Ernste, »diese Werkstatt des Geistes und der Anmut zu betreten. Lehnen Sie sich nicht auf; ich sollte Sie vielleicht verschonen vor solchen Schwerenötereien, die mir immerhin aus dem Herzen kommen und die auch der Wahrheit entsprechen.«

Wendel hatte sich wieder erhoben, durchmaß die Kammer hitzig errötet. Endlich setzte er sich auf das Bett, indem er ausrief: »Fahren Sie nur fort. Wenn es Ihnen gefällt, mich zum Gegenstand Ihrer Artigkeiten zu nehmen, so ist Ihnen niemand davor. Mir werden Sie nicht gefährlich!« Er lachte.

Monnier, der durchs Fenster blickte, wendete sich nun herum.

»Ungerecht, ewig hart gegen sich selbst – so sind sie alle, diese jungen Dichter?«

»Ich bin kein Dichter!«

»Sind Sie das nicht? Wir wollen sehen.«

»Gott ist der einzige Künstler, den es gab und gibt! Was wollen denn wir noch, die wir nur seine Schöpfung in Stücke dichten! Wenn Sie wüßten, wie grausig hoch und leer der Himmel über mir aufgegangen ist, wenn Sie wüßten, wie wenig ich in meinen Versicherungen lüge, Sie hätten Achtung vor meinem Spott und meinem Unglück. Wir atmen, und atmen am Leben vorbei, wir sind wie Kinder, die, in das Spiel gesetzt, aus Blödheit nicht spielen – die uralte Welt läuft leer, weil wir träumen, und derweil gehen Schönheit, Reichtum, Weisheit und Tiefe zum Henker.«

Der Gelehrte hatte seinen Stock wieder ergriffen und hielt dessen Knauf vor dem Munde, derweil er den Eiferer betrachtete. Er blickte noch eine geraume Weile in das durchsichtige Schwärmerantlitz, bevor er sich ermannte zu sagen: »Sie denken allerdings radikal. Aber wo Sie schon der sind, der die Einsicht besitzt, werden Sie auch dazu berufen sein, die Hilfe zu bringen.«

»Pathos und Formeln sind mir verhaßt, ich bitte Sie um Verzeihung. Wir haben die ganze Welt auf eine Formel gebracht und sie damit erledigt. Zivilisation ist nichts anderes als der Zustand allseitiger braver Formulierung. Das ist es ja eben: Auf einmal ging mir der Blick dafür auf, daß beispielsweise auch derlei Sentenzen, wie sie mir sehr geläufig vom Munde fließen, für die Ewigkeit ausgestopftes Geflügel sind, und die glatte Vollendung der Künste, was ist sie denn mehr als die Reife, die nun nicht weiter gelangt. Ich ahne Modergeruch in all der Herrlichkeit, alles steht dicht vor dem Tode, und der Tod ist das eine, das mich mit Verzweiflung erfüllt, weil ich geizig bin: Ich bin geizig auf die Schönheit, von der zu denken daß sie untergeht mir den Lebensmut raubt. Es steht alles so schlimm als möglich!«

»Es scheint nur schlimm zu stehen,« entgegnete der alte Herr nach einigem Sinnen. »Für den Augenblick ist meine Meinung, daß es Ihnen nötig wäre, ein wenig aus diesen vier Wänden herauszukommen. Sie haben sie mit Ihrer Schwermut vergiftet, Sie atmen Zweifel und Ohnmacht hier ein; darum wollen wir ein wenig in die Landschaft gehen und andere Geister aufsuchen.«

»Wir wollen die Landschaft lassen wie sie ist; sie kommt mir denkbar gleichgültig vor. Die Bäume werden aufrecht stehen, das Wasser sucht die Tiefe: auch die Natur weiß nichts Neues. Gott habe sie selig mitsamt ihrem Volk von Bauern, das in dem Fleiße aufgeht, die Gebräuche zu üben. Ich verachte die Gebräuche: Pflügen, Säen, Ernten, Aufstehen und Zubettegehen, an den lieben Gott zu glauben, den Bauch zu nähren. Wo hat es sie hingeführt? Die Gebräuche sind Formeln.«

»Mein lieber junger Freund,« sagte Monnier,»Sie müssen nun alles tun, um wieder arbeiten zu können. Alles muß darauf angelegt sein, Sie heiter zu stimmen. Ist es das? Die Menschen, die Sie umgeben, haben die Schuldigkeit, Ihnen die Tage freundlich zu gestalten. Tun sie es nicht, so entschlagen sie sich damit der Berechtigung, eines Künstlers Umgang zu genießen. Sagen Sie das jedem. Sagen Sie es ohne Rücksicht auf vermeintlichen Wohlanstand. Ihr Werk, junger Freund, geht über alles.«

Zwischen Lachen und Wehmut spottete Bach: »Das hört sich ja großartig an. Inzwischen hat niemand die Schuldigkeit, mir die Tage freundlich zu gestalten, wie sehr mir das auch behagen möchte. Wir wollen nicht in den Fehler des Volkes verfallen und irgendeinen Stand, sei es den der Pfaffen, Ärzte oder Künstler, zur Herrschaft erheben. Sie verzeihen mir wohl, aber Sie kommen mir als eine Reinzucht jenes Gebildeten vor, welcher Kunst und Gelehrsamkeit und die Überbleibsel vergangener Kulturen, wie Gemälde, Palimpseste, Tempel, drollig überschätzt. Niemand hat die Schuldigkeit, Künstler auch nur zu achten, geschweige denn sie zu verehren.«

Übel vergnügt betrachtete der Greis seine Schuhe, die Stockzwinge den Sohlen entlang führend. Endlich erhob er betrübte, ein bißchen vorwürfige Augen. »Ihr dummer Glauben mache Sie selig,« sprach er. »Eine Dichtung wie Faust wird die Besten ewig beschäftigen.«

»Das wird sich zeigen. Was ist denn ewig?« frug Wendel, indem er herumging. »Nachgerade kann ich an nichts Ewiges mehr glauben. Die Berge, die Meere, die Gestirne vergehen, und so ein Menschenwerk sollte sich behaupten? Ich will Ihnen beichten, daß ich selber es nicht verwinde: Pyramiden, Homer, Mister Shakespeare, Goethe und vielleicht auch Herr Wendelin Bach werden ewige Spuren auf keinen Fall hinterlassen!«

Verblüfft vor Leid hielt er inne.

Mit seinem dunkelsten Blick fuhr er fort: »Und ich bekenne mich zu dem Hochmut, für die Vergänglichkeit nichts beginnen zu wollen. Es ist kein Sinn dabei, ich mag nicht.«

»Sie sind ganz einfach übermüdet, Herr Bach.«

»Ja, das bin ich in der Tat! Ich habe ein Gefühl, als hätte sich mir das Fleisch von den Knochen gelöst.« Er lachte.

»Entledigen Sie –«

»Wie ein Stengel seine Blume, trage ich meinen Schädel herum.«

»Deshalb entledigen Sie sich Ihres Staatsrockes da, und Ihrer Halsbinde,« erwiderte der Gelehrte, »machen Sie sich schön, und wir fahren zusammen zur Stadt hinab, in der Sie sich von Ihrer Kerkerhaft erholen sollen. Wir sitzen in lichten Sälen, während der Wind um die Berge raucht. Wir besuchen die Bücher und Galerien. Wir lesen des Abends ein wenig, Scott und Novalis, Voltaire oder die Jungen – was Ihnen Freude macht!«

Der erbleichte Bursche zog sich zurück. Er faßte nach dem Ofen, an dem er die Hände hinaus und hinunter führte. Maja war ihm eingefallen, der Fluß rauschte hoch durch Nachtgewölk.

»Kommen Sie mir bloß nicht mit Büchern,« sagte er; »es reizt mich zum Brechen. Wenn Sie wüßten, welche Tretmühlen der Grübelei sie mir verleideten, Sie ließen sie ungerufen.«

»Haben Sie noch ein wenig Geduld. Die Anerkennung wird sich einstellen.«

»Da sei Gott vor! Ich dachte wahrhaft nicht daran. Ich dachte an den Heerzug schwarzer Gedanken, der mir das Hirn ausstampfte.«

»Nur um alles in der Welt nicht grübeln, statt vorwärts zu machen! Es gibt keine schlimmeren Zwickzangen als die der rückwärtskrebsenden, unfruchtbaren Bedenken. Aber es scheint ein Gesetz zu sein, daß alle daran leiden müssen. Trösten Sie sich an der Tatsache, daß die Begabtesten am tiefsten verzweifeln.«

Ein geisterliches Lächeln ging über Bachs Gesicht. »Andere Leute haben es gut,« sagte er; »die dürfen sich zufrieden geben mit landläufigen Redensarten, dürfen sich trösten an der Literaturgeschichte, die alles das auch schon weiß. Mir aber scheint, die Natur ist originell in der Erfindung stets neuartiger Plagen, mit denen sie jeden von uns bedenkt. Was mich anbetrifft, so sitze ich in einer Auslese ebenso putziger als unsinniger, nie dagewesener Schmerzen höchst privater Beschaffenheit. Ich will Ihnen davon erzählen. Sie sollen nicht umsonst sich in die Höhle des Bären begeben haben. Sehen Sie, jetzt schneit es wieder; seit einer Ewigkeit schneit es so schwarz hernieder – was gäbe ich nicht für ein Ende lichtblauen Himmels! – Wo soll ich mit meiner wunderlichen Beichte hin? Die Sache ist die, ich weiß nicht mehr wie man Sätze bildet. Ich, der gerühmte Souverän der Sprache, weiß nicht wie man Sätze verfertigt. Ich will Ihnen sagen, was alles ich anstelle, um mich in der Handhabung des Wortes wieder zurechtzufinden: Ich zähle die Relativbildungen, ich zeichne graphische Darstellungen meiner Nebensätze; ich lege das Geschreibsel dem Vorbild eines Dichters unter, um irgendeine Kongruenz herauszufinden, an der ich mich trösten möchte – ich lausche auf seinen Tonfall, ich lerne ihn auswendig; ich horche auf die Redeweise der Fuhrknechte, ich ergründe die Prosa von Prospekten, um mich davon zu überzeugen, daß ich verrückt bin. Bisher war es mein Glaube, Sprache sei eben Sprache, ein anwendbares Werkzeug, nicht diese ausweichende Masse. Sie erwies sich nicht als ein Karren, sondern als ein noch zuzureitender Gaul, der keineswegs um die Wege wußte. Was sich für mich ergab, war, daß ich beginnen sollte, mich weitläufig über die Dressur dieser widersetzlichen Bestie zu unterrichten. Ich setzte mich auf meine Hose und zog eine Fakultät von Studien über mich, Herr Monnier, ein so rasendes Studium des Tags, des Nachts und im Schlafe, daß ich im Handumdrehen die fernsten Jahrhunderte um mich versammelt hatte, die fernsten Seelengegenden, von denen, wie ich denke, die Philologen nichts vernommen haben. Hier, diese Wälzer sind alle abgegrast, ausgewühlt, leergegrübelt: Sie haben mir nichts geholfen als daß sie mich eine Menge Geheimnisse lehrten, die vielleicht kurzweilig, aber nicht anwendbar sind. Darin besteht ja gerade das Übel, daß an den Künsten das Lernbare auch das schon Tote ist: Was die Ahnen groß machte, das kleidet uns lächerlich. Wir sind aber voll von Gewohnheit, in unfern Gärten dorrt ein Wust von Erbgut!« Ganz erschöpft vor Verzweiflung, lehnte er sich an die Wand zurück.

»Dieser Wohllaut, den Sie rühmen, das schöne Ebenmaß sind mir im höchsten Grade verdächtig. Ich habe sie beide zerschlagen, ohne doch auf meinen ehrlichen Grund zu stoßen; darum stehe ich ratlos und ohne Talente, auch ohne die, die ich besaß; ich kann mir nichts Neues zusammenreimen, ich kann nicht zu reden beginnen, das Denken kommt mir davor. Ich bin mein eigener Hund, der mir vor den Füßen liegt.«

Fahl und schwank, auf magere Arme gestützt, saß er im Widerschein der beschriebenen Blätter, die hier die Möbel überdeckten. Angesichts dieses Trümmerfeldes verzagte der Greis und wußte nichts Kluges zu erwidern.

Wendel fuhr also fort:

»Jetzt könnte ich ein Buch über Bücher schreiben,« lächelte er. »Ich würde mich darin fragen, wie weit alle die Selbstverständlichkeiten der Stilistik zu Recht bestehen, das Dogma vom heiligen Dialog beispielsweise, dem gegenüber ich die Behauptung wage, daß zu erzählen nicht nur schwieriger, sondern auch edler ist.«

Kaum daß Monnier zu sprechen sich anschickte, fuhr der Junge eilends fort: »Wer sich mit der Sprache beschäftigt, zieht ihre Unerschöpflichkeiten zutage. Er sieht keinen Grund dafür ein, warum er nur gerade der kümmerlichen Allerweltsfertigkeiten sich bedienen sollte, das Wort des Alltags scheint ihm verbraucht und unzutreffend, er erhebt das ganze zu einer Kunst, und was tut diese Kunst? Sie schießt ihn in den Rücken mit allen ihr zu Gebote stehenden Anwürfen, sie erscheint ihm als lügenhaft!«

Hier lebte Monnier auf. »Bedenken Sie was Goethe sagte!« rief er, froh, mit einem Zitat einspringen zu können: »Jede Form hat etwas Unwahres an sich.«

Bach überlegte.

»Es ist ein kluges Wort,« versetzte er, »ein Beweis dafür, in welchen Zusammenhängen dieser umfassende Geist lebte. Allein was hilft es mir; was könnte mir der Zuspruch irgendeines noch so bedeutenden Mannes helfen, wenn ich selbst mich verlasse?«

Der alte Herr nahm ihm das übel und machte kein Hehl daraus. Erröteten Hauptes setzte er sich für seinen verstoßenen Liebling, Wendelin Bach, ein, indem er wiederholte, daß all der Hexenspuk doch nur von Ermüdung komme und in der Morgenluft versinke. »Daß Sie mir doch glauben wollten, Sie schlagen sich da mit Schatten herum! Natürlich liegt Tragik darin, daß wir mit jeder Stufe die vorhergehende überwinden. Die Pflanze genügt sich darin, nur immer sich selbst wieder hervorzubringen; uns läßt jede Frucht eine neue ahnen, dieser Umstand bereitet Schmerzen; neben der Unruhe der Sehnsucht quält uns die Fragwürdigkeit, die alles Bestehende annimmt. Können Sie es nicht hinter sich stellen und schaffen, wozu Sie das Herz drängt?«

Der Blonde lächelte.

»Ich halte,« entgegnete er, »das Herz in strenger Aufsicht. Sein Vorwitz hat mich allzu viele Schmerzen gekostet als daß es mich gelüstete, ihm noch großes Gehör zu schenken. Es ist die Frage, ob nicht dieser Vorwitz es war, der mich dazu verleitete, auch solche schönen Dinge wie Kunstwerke zu unternehmen. Wie habe ich das büßen müssen! Gleich einer Liebe, deren man nicht wieder Herr wird, habe ich meine Kunst bereut. Aber Throne zu verlassen ist nie ein Spaß, und so vermag ich denn, wie irgend ein Insurgent, meine Herrlichkeit nicht mehr zu missen und muß fortfahren, zu morden, zu brennen, Unheil zu erzeugen.«

Mit bitterem Lächeln sah er auf den Papierstoß, den er angehäuft. »Unsinnig habe ich an all das geglaubt!« rief er qualvoll. »Umso widerlicher ist nun der Ekel. Besitzt ein Dichter das Recht, plötzlich von der Musik zu denken, sie wäre die edlere Kunst? O, ich mache auch in Musik, müssen Sie wissen. Wenn ich vor ein Klavier gerate, fangen meine Finger zu erfinden an. Oder ich wünsche zu malen. Alles innere Leben formt sich in Linien und Farbtönen; Kräuter, Gewölk und Flüchte bleiben mir zierlich in den Äugen haften. Anwandlungen von Melancholie und Lüsternheit, habe ich bemerkt, drängen mich in einer tollen Weise zur Bildhauerei. Aber das kommt und geht und gehört mir auch nicht an; ich möchte wohl wissen, was mir angehört. Die Sprache ist wie ein Urwald, der uns sein Geschlinge um die Füße knüpft. Sie wissen nicht, an welchen stets neuen Verwirrungen, Fremdheiten, Schabernacken, Verrätereien wir zu leiden haben. Wozu schlage ich mich mit meinem Erzfeind herum?«

Die sichtbare Ratlosigkeit, in welcher der Gast verstummt war, rührte den Jüngling auf einmal. Zu Boden springend, ergriff er ihn bei seinen alten Händen –: »Aber es kann immerhin vorkommen,« rief er, »daß eine Spur von Grasgeruch alles hinwegbläst! Gärten, Abendhimmel, die ganze Erde bekommt ihren herzinnigen Sinn zurück! Verzeihen Sie mir. Bloß daran zu denken, daß dereinst auf den Straßen wieder der Staub rauchen wird, sollte für dumme Dumpfheit entschädigen. Wir haben ja doch das Leben. Dieses Buch habe ich nun dreimal geschrieben; ich werde es eben noch einmal beginnen. Doch. Was bleibt mir denn anderes? Gäbe Gott nur, daß meine Arbeit mit weniger Mühsal vonstatten ginge; ich betreibe sie allzu ängstlich – was gäbe ich nicht um ein Maß von Liederlichkeit und Blindheit, die mir ermöglichen, voranzukommen. Ich bin nur ein dummer Tor aus der Wildnis, Herr Monnier: Während sie draußen Taten vollbringen, verliere ich meine Zeit in der Mauserung. Manchmal denke ich, um ein Dichter zu werden, hätte ich länger jung bleiben müssen; ich habe die Welt mit dem Herzen des Kindes verloren. Ich habe viel zuviel an mir gezweifelt als daß ich noch etwas wäre. Ein Bildhauer stutzte auf einmal über die Gewohnheit, Bildnisse bei der Brust abzubrechen; er wurde sich nicht mehr klug darüber, ob das barbarisch sei. Es gibt Grenzfälle, wo uns das sichere Gefühl verläßt. Eins ist gewiß: Der Teufel hole alle Vergleichungen! Ja, ich mache die größten Weltreisen in diesen Tagen der Schwermut, ich erlebe die wunderlichsten Romane ohne mit der Wimper zu zucken. Ich möchte Vater werden aus dem Wunsch, eine selbstlose und unbedingte Liebe zu empfinden. Wir jagen in Sehnsüchten herum, und so viele Gebiete der Liebe liegen brach. Alles ist ja viel göttlicher als wir es sehen. Nun, Bücher lesen führt zu nichts; aber Bücher schreiben – ich werde so lange schreiben, bis ich überhaupt nichts mehr weiß. Mein Kopf ist dumm von zu vieler Klarheit.«

Herr Monnier legte ihm die Hand auf den Arm, und er hielt inne.

 

Hombergers Ankunft brachte ein wenig Zerstreuung, wenn auch alles eher als Trost, indem dieser wandelbare Jüngling sich neuerdings nun von den Künsten hinweggewendet und das Tummelfeld der Journalistik betreten hatte. Der Dichter fand in seinem Kleinmut willigere Bestärkung als er suchen mochte; es entstanden die drolligsten Fehden zwischen den beiden, soweit der Student, eine liebenswürdige Natur, auf Händel sich überhaupt einließ.

Tage um Tage, Wochen um Wochen reihten sich hintereinander wie eine Flucht von raucherfüllten Zimmern, in denen Bach um seinen Verstand, um Augenlicht und Gehör, aber auch um den Ehrgeiz kam, weshalb er die Hölle überstand und sogar recht schnell vergaß, wie nun die Frühlingsregen einsetzten, in deren Bad er vor Beglückung manchmal aufstöhnte. Es regnete ins Schilf und über den trüben See, die Inseln schwammen durch Nebel davon, besonnte Dörfer geisterten im Geschleier. Alle Zauberküsten der Kindheit spiegelten sich golden aus der Luft herab, in den Parken roch der Herbst noch einmal auf, die staubweißen Straßen lebten von lenzlichen Märchen.

In erwachender Tatenlust griff Wendelin wieder zu Büchern. Er las mit Begier und ganz erfüllt von der Wärme seliger Benommenheit, einem holden Abenteurermut, welcher kindlich die Verwandlungen dieser so heiteren Welt verfolgte. Es war ein Landsmann und Zeitgenosse, ein schon betagter Klassiker, der ihn dermaßen begeisterte. Sein Beispiel gab ihm Zuversicht, und dafür dankbar, ein bißchen vielleicht auch aus Vorwitz, spielte Bach mit dem Gedanken, den großen Mann sogar aufzusuchen; er entfaltete sich, legte den Träumer beiseite und bekam Mut auf die Welt, wie es sich zeigte; auf seine Weise hatte ihm die Vaterschaft eines Buches nun doch den Nacken gestärkt – wo hätte er anders die Lust hergenommen, einer lebenden Berühmtheit gegenüberzutreten. Frohlockend warf er sich eines Abends hin:

»Mein erster Brief an einen Dichter! Er wird mir nichts einbringen; aber soll ich mir den Reiz entgehen lassen, der sicherlich darin liegt, einem berühmten Manne wie einem Wind zu nahen? Sie nennt man schließlich in jenen Häusern der Erde, in denen ihre maßgeblichen Geister wohnen. Ohne Ihr Wissen bedient man sich Ihres Namens zu einem freundlichen, seinsinnigen Handel, der zwischen den Gelehrtenstuben hin und wider spielt. Sie sind ein Gemeingut der Menschen, und dadurch unterscheiden Sie sich doch wohl in einer grundsätzlichen Weise von allen, die da leben und hinweggehen. Das schließt nicht aus, daß Sie persönlich vielleicht kein Merkmal des Besonderen an sich tragen; Sie leben in Ihrer Stadt, wie ich mir denken kann, ein wenig zurückgeschoben, Sie mit Ihrem Erbe von Götterträumen, mit Ihrem Haupte voller Tempel, Waldgebirge, najadengefüllter Meere! Ich werde ganz übermütig. Es plaudert sich so leicht mit einem Meister; ich wiege mich in der Zuversicht, daß Sie mir gar nichts verübelnder Sie alles wissen, den nichts zu kränken vermag, da Sie die Wahrheit sehen.«

Mit diesem Brief in der Tasche strich er in der Seegegend herum, wanderte gegen das Gebirge vor; indem es zu wachsen nicht aufhörte, streckte er ihm ein wenig die Zunge heraus und kehrte zurück durch ein Land von treibenden Kirschbäumen; die Amseln sangen und die Häher schossen hin und her, in allen Gräben sprudelte das Wasser.

Gleichzeitig mit einem Frühlingsgewitter langte er im Dorfe an. Es roch unglaublich nach Blust, eine weiße Herrlichkeit von Regen schob sich lautlos herauf; von fallenden Tropfen zuckten die Tulipanen, dunkelte die Straße und duftete alles Gemäuer.

Gerade noch etwas benetzt, ein bißchen frierend, saß Wendel vor seinen Büchern, als der Sturm ausbrach. Der Himmel senkte sich finster hernieder, Eiskörner prasselten gegen die Scheiben; jauchzend neigte sich der Jüngling über seine Blätter:

»Meister, Meister! Es ist so dunkel, daß meine Feder einen Flaum von Schatten bewegt, es riecht nach Magnolien und Pfingstrosen; Städte und Ozeane kommen ganz nahe heran, und mich dünkt es, ich werde noch unaussprechliche Dinge vollbringen! Ich habe es aber nicht eilig, ich schließe die Arme um das Spielzeug meiner Eschengärten, Grashügel, Frauengemächer.

Ich gedachte Ihnen meine Verzweiflung zu klagen. Ich redete mir ein, Sie würden hingehen und mir einen Trost wissen, an dem ich auf alle Zeiten genäse. Aber nun weiß ich nichts mehr, als daß das Leben wie ein Gewitter über uns steht; ich leide an dieser Fülle, aus der sich mir nichts gestalten will. Es kommt mir alles groß vor, was Sie und Ihresgleichen geschaffen haben, es dünkt mich alles trostlos, was ich so verrichte.«

Ein etwas lügenhafter Kornblumenhimmel öffnete sich gegen Abend. Die Buchenwälder dufteten ferneher, die Amseln sangen wieder in den Gärten. Wendel hatte seinen Brief zur Bahn getragen; nun widerstrebte es ihm, nach Hause zu gehen, es war Damenbesuch erwartet. Plötzlich regnete es wieder, es blieb nichts anderes übrig als umzukehren.

Im Hausflur stutzte er. Der Geruch, den der nasse fremde Schirm verbreitete, ergriff ihn ebenso wunderbar wie die Mädchenstimme im Haus, eine Stimme, aus der das Bild ihrer Inhaberin lieblich und dunkel aufstieg. Müdigkeit überfiel Bach zugleich mit einem festlichen Fieber; er setzte sich in die Küche und überlegte die für ihn eingetretenen Veränderungen. Er würde jetzt in die Zärtlichkeiten dieser Frau wie in einen Laubwald eingehen, stellte er sich erschauernd vor. Sie war gekommen, die Zeit war da; in den nächsten Minuten würden sie einander gegenüberstehen, die Geliebte vielleicht mit einer kaum bemerkbaren freudigen Verwunderung seine Entdeckung machen, während es ihm selber vorkam, als hätte er sie ja immer gekannt, in einem früheren Leben sogar geliebt. »Du süßes Geschöpf!« sagte er, in sein Zimmer hinaufsteigend, um sich völlig für den heiligen Augenblick zu sammeln und vorzubereiten, Abschied zu nehmen von der Vergangenheit der Halbheit, der Unzulänglichkeiten, der Sehnsucht, der Zerfahrenheit. Durch die Wände herauf vernahm er manchmal den schwebenden Wohllaut ihres Lachens; er sah ihre Fußgelenke, die schmalen Arme, den Mund, eine frauliche Weichheit, die ihre Schläfen beschattete. Ihr Leben erfüllte wundersam alle Räume; kindlich schmiegte er sich an das sanfte Bild, das ihm sein Gefühl bewegte.

Er stieg leise wieder hinunter, berührte ihren Hut, der auf einem Stuhle lag, den Griff des Schirmes; erblaßt und schwindlig saß er eine Weile – auf einmal ging die Tür, die warmbetaute Stimme klang golden auf; er erwartete die Erscheinung verstört und zitternd.

Die erste Überraschung traf ihn wie eine Faust vor den Kopf; allein, in Enttäuschungen erfahren, begriff er die veränderte Sachlage mit verhältnismäßiger Geistesgegenwart. Er erkannte die ihm gemäße Form des Erlebens in der scherzweisen eiligen Korrektur, die seiner ausschweifenden, reichlich belletristischen Phantasie zuteil ward. Mit einem Blick überflog er die ältliche Erscheinung und verstand, nachdem er gegrüßt, weder wehleidig noch bitter sich in die Dinge zu schicken, ja er frohlockte im Gedanken an Maja, fühlte sich in gewisser Hinsicht Strapazen enthoben und tat sich etwas auch darauf zugute, sich in seinem Pessimismus bestätigt zu sehen.

In der wachsenden Helle des Abends lebte sein Inneres auf. Er begann zu schreiben.

Der Abschied vor der Tür weckte sein Ohr. Er hörte den Schnee mit weitem Gebrause niederstreichen. Das Mädchen stand eine Weile allein, und wieder berührte es ihn absonderlich, sie auf der Schwelle zu wissen, ohne doch einen Laut von ihr zu vernehmen, der leichten Gestalt. »Gott soll dich segnen, du drolliges kluges Geschöpf,« lachte er bei sich. »Trotzdem du leider nicht aussiehst wie du es deiner Kehle wohl schuldig wärst, graue Nachtigall.«

Lächelnd setzte er seine Arbeit fort und schrieb bei der Lampe noch gegenüber einer sammetschwarzen, lautlosen Nacht, von der er nicht wußte, ob sie Schnee oder Regen herabwarf. Sehr spät gab es den Anschein, als ob noch entfernter Donner sich regte; er dachte an Sommer und Kirschen, er jauchzte in seinem Herzen.

Die Antwort des Meisters ließ nicht auf sich warten. »Kommen Sie nur, lieber Herr,« schrieb er. »Wenn Sie sich Nutzen davon versprechen, mich alten Mann zu konsultieren, dann kommen Sie. Auf jeden Fall entledigen Sie sich Ihrer Gewissenskrebse, dieser höllischen Fracht, die zu nichts hilft, und seien Sie fröhlich.«

Wendel hüpfte.

Es war auch von Guido ein Brief eingelaufen, er besaß somit fürstliche Post für seine Reise, die er zu einem solennen Fest ausbildete.

»Hallo! rate wo ich gerade stecke?« schrieb der Maler.

»Ja, ich bin wieder in Paris. Paris ist der schöne Jüngling, der über den Apfel des guten Geschmacks, die Insignien der Zivilisation entscheidet. Die Grazien wohnen hier und promenieren, annoch im Schutze von Pelzen, Boulevard hin, Boulevard her als ein kindlicher Fasching verkappten Göttertums. Nymphen und Bacchantinnen, Wendelin, ergehen sich hier in den Straßen, eifersüchtig auf ihre Bürgerlichkeit, untadelig in ihrem Katholizismus. Es sproßt hier eine nicht wieder zu findende Art von Frauenlachen, es gibt die rundgedrehten, rührenden Hälschen, die Puppenköpfchen, die behutsamen Wimpern, alles, was nur anmutig ist. Trotzdem verliebt man sich nicht; man fügt sich ein in die Kollektivliebe, die alles gleichermaßen umfaßt: die Palais, die Museen, die Parke, die Kinder und Greise, das Bois, den Fluß, den lenzlichen Himmel. Ach, am Ende gilt das nicht für die Handelsmenge, die da, wie allerorten, vor sich hinrennt; aber zählt diese heimatlose Meute, die am Leben vorbeilebt und im Jenseits sich nicht erinnern wird, wie die Erde aussah! Ich habe eine sonderbare Entdeckung gemacht, mein Guter. Eine Entdeckung, von der ich noch nicht weiß, ob sie mich erst ins Leben einsetzt oder mich daraus hinauswirft. Ich habe bemerkt, daß es mich nur dann zu malen treibt, wenn ich aufhöre mit dem Herzen zu konsumieren. Diesbezüglich komme ich hier nicht aus den Verbindlichkeiten hinaus. Ich habe nach Versailles zu rennen, da in den Bäumen herumzustehen, ich habe des Nachts von Laubgebirgen, Wasserfällen, Tritonen zu träumen; du sollst es mir bitte nicht verargen, wenn ich auch Freunde annahm, einen ganzen Kreis von ernsthaften Malern, die noch des Glaubens und Eifers leben, es hange allerlei davon ab, daß sie große Leinwände von oben bis unten mit Farbe bedecken. Darüber disputieren sie hitzig an den Biertischen, um die wir uns versammeln. Wir unternehmen Studienfahrten von Bude zu Bude, was allemal einer kriegerischen Operation gleichkommt, denn da wird unerbittlich begutachtet, getadelt, gestritten, geweint, bejubelt und prospektiert, heißes Zuckerwasser gesoffen und wiederum in die Welt ausgebrochen. Ich nehme an, dabei mitzumachen beruhigt mir mein Gewissen. Ich bin unter allen der einzige, der nicht Bier, sondern mit Hilfe eines Getreidehalmes Sirup lötet, ich bin der einzige, der noch für Rembrandt etwas übrig hat, ich bin der einzige, welcher Geld besitzt. Sie verachten mich aus Gründen dieser angeführten Eigenbröteleien mit einem mitleidigen Wohlwollen, und das ist es ja gerade, was sie mir unentbehrlich macht. Endlich bewege ich mich einmal in dem Milieu rücksichtsvoller Ablehnung, das ich recht eigentlich als mein mir zusagendes Klima erkannt habe. Ich ziehe daraus eine hochgemute, mich stärkende, sonnige, fromme, klösterliche Bescheidenheit, wenn ich so unbescheiden sein soll, diesem Um- und Zustande Ausdruck zu verleihen. Es berechtigt mich, das dunstige Quai entlang nach dem Louvre zu schreiten, mit einer so sektiererisch verzückten Erwartung auf die Gemäldefelder, daß ich das Aussehen eines Weintrinkers annehme. Vor dem Museum dämmert eine Sonnenschlucht, die mich anzieht wie Mohn. Hier wärme ich mich, hier sitze ich auf Marmor und strecke mein Bein wie ein Rheumatiker aus. Ich darf meine Nase erheben nach den tausend weggeworfenen Wohlgerüchen dieser unvergleichlichen Stadt: Kamille, Puder, uralter Palastluft. Wirst du mir glauben, daß die Damen wie sie hier sind, darüber in Zwiespalt geraten, ob sie mir ein Almosen anbieten müssen? Es gibt keine besseren Herzen als die der Pariserinnen. Vergangenen Montag – man muß wissen, was Träumermontage in Paris sind, verlassene Morgen, wo die andern von toller Vergnügung hinweg in Fabriken und ferne Sklaverei gegangen sind – es versammelte sich die Fülle, Farbe und Unruhe der Jahrtausende zu meinen Häupten, weshalb ich vorerst das Fräulein übersah, das mich betrachtend vor mir stehenblieb. Dann aber sprang ich von meinem Sitze herunter und hielt treuherzigen Blickes meine Mütze hin.

Ja, das tat ich, feinfühlig genug. Welchen Gefallen erweist man Damen damit, daß man ihnen Gelegenheit gibt, ihre Herzensgüte anzuwenden! Ihr trieb es das Wasser in die Augen. Sie schenkte mir einen Taler. Auf dreien Beinen verwunderte sich ihr Hündchen über meine notleidende Existenz; im hellen Mittag zitterte es bitterlich vor lauter Winzigkeit. Du wirst begreifen, daß mich das entzückte; ich griff nach dem Trippelding, es stellte sich hinter die Füße seiner Besitzerin, indem es mich immerhin beschnüffelte. Daß sie nun stehenblieb und sogar, damit ich das Tierlein erreiche, ihr Gewand um die Knie zusammenraffte, das erschien mir denn doch als ein Höchstmaß von Zartsinn; ich zog mich betroffen zurück. Dies verpflichtete sie ihrerseits, in einer ernsthaften Nachdenklichkeit, irgendeine weitere Vergünstigung zu überlegen. Sie sagte: »Ist Ihnen damit gedient, mein Herr, daß Sie mir das Bijou nachtragen?« Ich versicherte ihr, daß ich das in der Tat außerordentlich zu schätzen wüßte. Dann möge ich meinen Dienst aufnehmen. Ich folgte ihr nach, das Bijou tragend, das sich nunmehr wie ein Frosch gebürdete, winselte, zappelte, mir freudig in das Gesicht sprang. Wenn die Herrin wiederholt mich ermahnte, sie mit niemand verwechseln zu wollen, so schwieg ich dazu aus der Aufmerksamkeit eines Pagen, der ich nun war, und um ihr anderseits zu bedeuten, wie schwer es mir falle, den Sinn dieses Verdachtes auch nur zu verstehen; ich gab ihr alsdann zur Antwort: »Sehr wohl, Baronesse.« Wir kamen in das Quartier der Balustraden, des wilden Weins, der Statuen; die Aussicht, denn doch nicht so ganz mit Willen in das Dasein eines Leibdieners hineinzugeraten, schreckte mir ein wenig das Herz auf; ich dachte an alle die heroischen Landschaften in meinem Kopf; eine Art Künstlerstolz veranlaßte mich zu sagen: »Madame, Sie haben in mir übrigens auch nicht den ersten Besten vor, oder sagen wir hinter sich.« »Wen habe ich denn hinter mir?« sprach sie und trat in ein Schloß ein. »Sagen Sie mir, mit wem ich die Ehre habe?« Ich stellte meinen Schützling auf den allerschönsten Teppich nieder und erlebte zu meinem Schrecken, daß die Baronin, nachdem sie sich ihres Jacketts entledigt, duftend und wunderschön, mir die Ellenbogen auf meine Schultern setzte – »Wer hast du den Mut zu sein, du Maler, du Rosenschwärmer und Wolkensegler?« – – –

Die Wahrheit, Wendelin, ist natürlich die, daß mir dergleichen so wenig wie dir widerfährt. Ich bin verliebt, verliebt, verliebt in den Louvre – diese Stille in den Sälen, diese auf dich lauernden Lieblichkeiten, diese so erstaunlich einfach aussehenden Urbilder gerühmter Schätze, jung gebliebene Götter einer braunen Zeit, goldene Gestalten, deren Herkunft, Alter, Einmaligkeit und Bedeutung sie wie eine Gefahr umgibt ... als könnten sie plötzlich erlöschen, an ihrem inneren Lichte zerspringen. Ach, wenn es draußen regnet, Wendelin, wenn es vielleicht ein bißchen donnert! Es drücken sich heimatlose Gesellen herein, wenn sie einmal ein Dach über sich haben möchten; dann finden sie nebenbei die Gemälde, sie halten den Hut vor der Brust, und mancher läuft wieder hinaus, weil ihm vor Ehrfurcht der Schweiß ausbricht.

Ich verreise möglicherweise nach Spanien. Ich habe Heimweh nach Toledo, der hochgebauten Stadt... Wenn ich über die Brücke eintrete, wird es dann eben zu regnen anfangen, steppeduftenden Regen, Ritterregen, Ruinenregen? Ich fahre weiter nach Syrakus, weiter nach Ithaka; ich beginne einzusehen, daß ich über eine gewisse Grenze der Geborgenheit hinausgeraten bin in das Unheilvolle. Es erweist sich an mir das alte Gesetz von der Unvereinbarkeit des Behagens und der Größe; es ist aber ein Behagen, zu verehren – meine Genies hier dürfen nichts verehren – es ist ein Behagen, unglücklich in der Welt herumzustürmen; Geld zu besitzen ist ein Behagen in dem Falle, wo man nicht versteht, es in einer überlegenen, freiwilligen Weise zu besitzen. Ich werde unter Umständen dahin gelangen, Teppiche, Muscheln, Pharaonengeräte aufzukaufen, leider weil ich dergleichen brauche oder zu brauchen glaube; ich Elender, ich verderbe an meinem Herzen!

Es ist so gut hier, mir ist so freudig zumute, ich erwarte den jungen Holländer Van Steegen, mit welchem zusammen ich in St. Germain einen Gürtel erhandeln will für seine gewisse Saskia, die in Dorp noch die Volksschule besucht, aber genau weiß, wer dieser Jüngling ist, auf ihn wartet und in ihrer jungen Mütterlichkeit die Maria und Schutzherrin seines Eifers darstellt. Ihm seinen Spaß zu ermöglichen, vergnügt mich derzeit mehr als ein Bild zu malen. Es scheint, ich werde noch tantenhaft. Brekekekex.«

Mittlerweile hatte Bach die Stadt seiner Wallfahrt erreicht, er steckte den Brief in die Tasche und stürmte hinaus in die Frühlingsgassen, schnurstracks dem Herzen nach, welches ihn derweil zum Narren hielt; der Dichter wohnte nicht so wie er dachte.

Er bewohnte eine etwas spießerliche Villa vergangenen Stils; aber Wendelin, voll Verständnis für den Eigensinn seines Greises, dessen menschliche Zeit einer früheren Welt angehörte, schnupperte erschauernd den Duft dieser Astgehänge, das homerische Harz, das den Garten erfüllte. Beinah blöde stand er vor dem Hause, von dem er einmal wußte, daß es mit seinen Zedern und Magnolien keine Belanglosigkeit umschloß. Die Gegenwart des olympischen Geistes erfüllte ihn tröstlich und beglückend, die Erwartung naher Erlebnisse befeuerte ihm das Herz mit einem quellenden Fieber. Derweil regte sich nichts in den Fenstern, ihm aber fehlte der Mut, von sich aus hineinzugehen; beklommen wandte er sich in die Allee hinaus.

Da sah er einen schönen Greis in der Begleitung seines Windspiels daherkommen. Der Schatten des Hutes deckte die Augen, die den jungen Mann zu betrachten schienen. Er bog auf das Portal zu, indem er einen Schlüsselbund aus der Tasche nahm –

»Das dürfte wohl der Poet sein?« sprach er. »Haben Sie am Ende schon lange da gestanden und hat man Sie drinnen überhört, wie es scheint? Macht das warm, nicht wahr! Schauen Sie, die Straße liegt übersät von den Spänen des göttlichen Pfeifenschnitzers.«

Er hatte geöffnet und war wieder hinausgegangen, gefolgt von dem Hunde, der seine Schnauze herzustieß, wenn die gebrechliche Hand auf den Boden griff. Bach nahm seinen Hut herab, während der Dichter nahe vor ihm mit belebten Fingern eine Knospe zerlegte, zu seinem Vortrag über die Arbeit der Blüten, ihre Angst und Notwehr in der Schlacht um Fortkommen oder Untergang. »Kein Mensch macht mir weis,« sagte er und begann zu gehen, »daß es mit Dingen wie Luft und Wärme dabei getan sei. Ganz andere Kräfte flimmern zu dieser Zeit herab. Wir befinden uns inmitten der Fiebertätigkeit des Geistigen, das sich wieder auswirkt in seinen tausendfältigen Einkleidungen. Das ist eine Rückkehr von Süden, eine Lüftung der ewigen Wohnungen – eine Hoffnung für uns. Man wundert sich jedes Jahr neu über die Unverwüstlichkeit der alten Seligkeiten: Primeln und Löwenzahn –« er lächelte – »diese genialen Sentimentalitäten im Panludium. Kommen Sie, kommen Sie!«

Verehrungsvoll lief Wendelin in der Geleitschaft des Meisters, welcher mit lebhaften Augen die Wipfel und Vögel, Büsche und Beete seines Gartens beobachtete, stets fort in liebem Geplauder. Der Wohlgeruch vornehmer Räume schlug dem Gaste entgegen. Eine Dienstmagd, welche herbeikam, gemahnte an Majas lieblichen Ernst, so daß der Hausherr, Mendels Frohsinn bemerkend, mit den Händen am Scheitel stehenblieb, lächelte, sich über die Haare strich – »Gehen wir da oder dort hinein?« sagte er. »Gehen wir dort hinein!« – schritt in einen Saal voran, besann sich noch einmal und schlug vor, in der Bibliothek ein wenig zu sitzen.

Er machte wieder den Führer, indem er so sanft und kindlich über die Teppiche wandelte, um die Palmen bog und die Treppe hinanstieg. Hier fand sich wieder die besinnliche Griechin; er legte dieser seine Hand auf die Finger, sagend: »Einen kleinen Moment, Herr Bach; man wird Sie führen.«

Sogleich erhob die Jungfrau ihre prachtvollen Augen zu dem Fremdling. Herrgott, wie gleicht sie doch Maja! fuhr es durch ihn, und eine Lohe schlug ihm zu Kopf, als er in ihrem Atem über die Schwelle schritt.

Auf weichem Smyrna stand er in dem Baumgeäst, das aus dem See heranstieg. Bücherwände schimmerten golden in der Purpurluft einer Hyazinthe.

Und gleichen sich doch wieder nicht, sagte sich Wendelin und blickte seliglich in den Himmelsgrund, bis der Dichter kam, der ihn zu sitzen einlud.

Das Literarische war keineswegs seine erste Frage; vor allem erkundigte er sich nach den Verhältnissen im Volksschulbetrieb, von welchem er aufmerksam als von einer bedeutungsvollen und schönen Sache in der Art eines Laien redete, der aus der Fülle seiner Erkenntnisse heraus alles betrachtet, aufs Wesentliche dringt und verblüffend einfach zu urteilen weiß. Er lobte die Neuzeit gegenüber den Zuständen, aus denen er selber hervorging, er freute sich, manches verwirklicht zu sehen, was er noch erst der Zukunft überwiesen hatte; es gebe denn, lächelte er, allen Anschein, daß die Erzieherschaft sich ihres Schneckenhauses entledige, frischfröhlich das Panier der Natürlichkeit erhebe, ja manchenorts an der Spitze des Lebens stehe, was vor allem dazu berechtige, der Entwicklung der Dinge mit Frohmut entgegenzusehen.

Des genauesten unterrichtete er sich über alles was die Schule an Belehrung vortrug. Diesem Großen, der ganz danach aussah, als ob er beiläufig auch manche Wissenschaften beherrschte, schüttete der junge Lehrer sein Herz aus, indem er sich über die Unvernunft beklagte, welche das Kind mit Gelehrsamkeit zwar nicht eben verdrieße, wohl aber unbemerkt seines Besten beraube, wenn sie es fertig bringe, das schöpferische Gemüt zu ersticken und eine fruchtlose Eitelkeit an dessen Stelle zu setzen. Bekümmert eiferte er gegen die Rattenfänger der Nüchternheit, diese Sippe, die keine Nase für Nuancen, nur eine naive Unverfrorenheit in der Beurteilung alles Künstlerischen, Unnützlichen, Verwandlungsfähigen, Lebendigen habe.

»Dessen getrösten Sie sich!« erwiderte lächelnd der Meister. »Unserer Menschheit wird auch das noch genommen, was sie nicht hat.« Er sann einen Augenblick. »Steht nicht immer noch die Gewalt der Wissenschaft, die eine Gewalt ist, gegen uns an? Und doch verhält es sich mit der Kunst wie mit der Liebe, die gegenüber der verstandesmäßigen Erkenntnis allumfassend zu nennen ist. So eine Dichtung will zuletzt weder beweisen noch Gutes tun, sowenig wie die Liebe; ihre Art ist beglückend und eine Spiegelung aller Wahrheiten, ganz gleichgültig ob anerkannt oder vergessen. Nützlichkeit, Tugend, Begreifbarkeit, Absicht, das sind halbe Werte, gut für die Anspruchslosen; nun streiten wir uns aber nicht mit diesen.«

»Sie bringen es manchmal fertig, uns zu verwirren.«

Der Meister streifte ihn mit einem Blick.

»Verwirren sie uns manchmal?« sagte er milde.

»Oder verfangen wir uns in den eigenen Schlingen, hm? das wäre auch denkbar. Geht es Ihnen nicht gut, Herr Bach? Erzählen Sie mir ein wenig von Ihnen.«

Wendelin, der sich vor Scheu und Verehrung wie eine Kerze aufrecht hielt, schüttelte sein errötendes Haupt. »Von mir ist nichts zu erzählen.«

Da lachte der alte Herr. »Auch das ist eine Geschichte!«

»Ich habe mich noch zu bedanken für Ihre Freundlichkeit, mich zu empfangen.«

»O!«

Der Junge erhob sich.

»Nein bitte bleiben Sie sitzen; wollen Sie schon gehen?« Er zog einen Vorhang gegen den Sonnenrauch, der übers Gesimse brandete. Wipfel und Seeglanz dämmerten verdunkelt herein.

Wendelin bot seinem Wirte wieder die Hand, und dieser ergriff sie verwundert. Endlich sagte er: »Was soll ich Ihnen denn vorweisen, das Sie interessieren möchte? Ich besäße Briefe von gestorbenen Größen, allein derlei läßt uns kalt, ich weiß es; Reliquien lassen uns kalt. Ich kann eben nichts für Sie tun als Ihnen noch einmal zu versichern, daß Sie es genießen sollen, unbelästigt vom Ruhm, diesem Spielverderber, Ihre Werke zu erfinden. Ich tue Ihnen damit noch weh, nicht wahr; aber glauben Sie mir soviel: Wem es nicht gelingt, den Bettel eines vergötterten Namens hinter sich zu werfen und jedesmal als ein Neuling zu beginnen, der ist verloren vor der Naseweisheit, die ihm sein Haus belagert. Es gibt nichts Unverschämteres als den Hochmut, der sich anmaßt, uns zu salben. Haben wir irgend jemandem dieses Recht eingeräumt? Krönen mag uns gegebenenfalls die Ewigkeit, wollen wir einmal sagen. Von Menschen soll es uns freuen, wenn sie uns achten, finden Sie nicht auch? Versuchen Sie fertig zu werden mit den unvermeidlichen Rückwirkungen unserer sublimen Arbeit; es kommt eine Zeit, wo wir über sie hinauswachsen. Wir sind dann vielleicht nicht lebendiger.«

Nach seiner stillen Art bewegte er sich in dem Flaumlicht umher; aber gehorsam blieb er stehen, als der Gast wieder Miene machte, seiner Unruhe zu folgen und sich zu empfehlen.

»Nun sind Sie so weit gefahren, und ich konnte Ihnen Ihre Erwartung, die Sie herumtreibt, auch nicht erfüllen. Es wird Ihnen noch oft so ergehen. Man erlebt Tage – es regnet vielleicht, man hält sich zum Beispiel gerade in Kopenhagen auf, dann sucht man auf einmal hinter den Wänden liebe Menschen, mitfühlende Seelen. Sie erraten, was ich meine. Wenn man dann nicht hingeht, um sich eine Enttäuschung zu holen, so heult man ein bißchen bei seinen Geranien. Es gibt den Anschein, als ob die Gewässer aufleuchteten; man rennt mit den Fäusten auf der Brust in dem Käfig umher, errötet vor Jubel und findet alles so groß, so gut, so aussichtsreich; ein demütiges Selbstbewußtsein glüht uns im Herzen auf, und das ist der rechte Helfenden wir immer anderswo suchen. Es ist uns nicht leicht gemacht, ich weiß; die Plagen sind tausendfältig. Die Menschen ereifern sich, das zu verstehen, aber sie verstehen immer alles andere voneinander als das, was die Wahrheit ist, und betrüben sich dann, wenn sie sich in ihrer Teilnahme verkannt sehen. Aber das Schauspiel eines Gewitters, oder die kleine Stimme eines Vogels, finden Sie nicht, Herr Bach? entschädigt für jederlei Trübsal. Im Grunde bleiben wir doch alle das Gegenteil von Pessimisten, weil wir uns viel zu sehr in die unerhörte Schönheit und Fülle der Natur verliebt haben; ihre Genialität erstaunt uns jeden Tag aufs neue, und wenn wir manchmal Gelegenheit nehmen, Gott zu grollen, so verhindert das nicht, daß er an uns die ergebensten heimlichen Beobachter hat, denn niemand versteht ihn so wie wir, die wir vom Handwerk sind und wissen, was es mit seiner geradezu lasterhaften überschwellenden Schöpfungskraft für eine Sache ist.«

Irgendeinen Zuspruch von der Art, mochte der Greis vermuten, hatte das junge Blut sich von ihm erwünscht. Sei es nun, daß er plötzlich seine Zeit für sich selbst benötigte, sei es ein kleiner Argwohn des Alters – vielleicht unzulänglich gepredigt zu haben! – eine gewisse Verdrießlichkeit erschien in seiner Miene; beinah zerstreut gab er dem Jüngling die Hand zum Abschied und entfernte sich in ein anderes Zimmer.

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