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Der halbe Mensch

Albin Zollinger: Der halbe Mensch - Kapitel 6
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authorAlbin Zollinger
titleDer halbe Mensch
publisherGrethlein & Co.
year1929
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Die Rosen

Wendel fühlte, wie grimmig ihn die Bauern haßten. Nicht allein daß er davon lebte, ihnen ihre Kinder, brauchbare Arbeitskräfte, in läppischer Beschäftigung aufzuhalten: sie glaubten sich in ihrer Art und in ihrem Herkommen durch sein ganzes Wesen getadelt. Im Grunde ein wenig väterlicher Behandlung gewohnt, vermochten sie es nicht zu schätzen, daß er sich ihnen gegenüber nie das gnädige Ansehen gab, das sie berechtigte, ihn innerlich anzufeinden. Man verrechnete es ihm übel, daß er auf keine Weise, auch nicht in seinem Äußeren, den Tod der Mutter ehrte, diesen furchtbaren Tod, den er verschuldet hatte – das Alter sah sich von seinen farbigen Halsbinden förmlich herausgefordert. Die Fenstervorhänge flogen, wo er vorüberging; er empfing die abseitigste und redlichste Sittenunterweisung auf offener Straße, hinter Hecken und Kreuzstöcken hervor. Seinen geliebten Gängen durchs Land merkte der Haß auf, und wenn eine leise Gefahr nicht vermochte ihn zu schrecken, so träumte er doch in den Nächten, daß die Rüpel ihre Sensen gegen ihn erhoben und ihn in den Wäldern jagten. Es gab furchtbare Stunden, wo alle die Feindschaft zusammen mit dem Ernste des Zeitablaufs den Einsamen überwältigte; die Fragwürdigkeit seines Wesens erfüllte ihn mit Entsetzen, wenn er umsonst darauf wartete, daß ihm die Auswirkungen des Erlebten, Reue und Trauer, gerechterweise beschieden sein möchten, wenn nichts kam und es sich denn bestätigte, daß er herzlos Gefühle nur für die wunderliche Erscheinung aufbrachte, die er selbst darstellte.

Elisabeth hatte ihn einige Male aufgesucht. Er selber war wohl nach der Stadt, aber nie in das Tal gekommen. Die Scheu vor der Wirklichkeit legte sich dämpfend auf das leiseste Verlangen, und davon abgesehen, hatte sich das paradiesische Land unvermerkt über die Erde erhoben; es war ihm nicht anders, die Geliebte wäre längst gestorben und an einem erreichbaren Orte nicht mehr zu finden, auch wenn er sie Sonntage lang, zwischen den Äckern sitzend, in jener Landschaft suchte. Die Burgen im Blauen, der Wind, der Geruch der Heide, alles hatte sich gesättigt mit der unaussprechlichen Art seiner Liebe, in ihnen lebte die Königin, in dem feinen Schein von Frühling, der manchmal über die Felder geisterte. Nichts gab es mehr, das sich nicht eigenartig mit seinem Herzensleben verquickt hätte. Wie fremd verwandelte der Ruf der Tauber den Wald, wie roch das Reisig, die Landschaft kam manchmal wasserblau mit den adeligsten Städten ins Gezweige, märzhelle Straßen schwangen sich in den Fernedunst, und Meere, Boote und südliche Gassen lebten am Horizont. Dabei rüstete das Land sich machtvoll zum Herbst und dem Schnee dahinter; fremde Flocken von Licht berührten das Herz mit geisterlicher Erinnerung.

Der junge Schlosser nebenan hatte die Gewohnheit sich zu betrinken angenommen; er mißhandelte sein Weib in feiger, heuchlerischer Verborgenheit, indem er ihr offenbar spitzbübische kleine Martern erfand, die sie anfangs halbwegs belustigt, dann aber nur mühsam beherrscht erduldete. Er schien diese Späße eifervoll wie Versuche an ihr vorzunehmen; auf dem Höhepunkt ihrer Wirkung pflegte er seinem Opfer spottend oder lachend zuzureden, begann wohl auch zu lamentieren, als stünde die Welt auf dem Spiele. Nachdem es damit zu arg geworden, hatte Bach es für gut gefunden, die Abende in der Stube zu verbringen, zur Freude des hübschen Schlingels, der dann wenig mehr von seiner Verdorbenheit zeigte, sondern die Henkersvergnügungen ebenso wie die Flasche gern an Gespräche tauschte, deren Geistigkeit seinem Bedürfnis nach Abenteuern entgegenkommen mochte. Wendel selber beglückte es königlich, derart den Retter zu machen, in dessen Gegenwart die kleine Frau vor Erleichterung in sich zusammenkroch. Sie gab es freilich nicht zu und bezeigte ihm nie welchen Dank, vor lauter Unglück, das anzuerkennen sie sich sträubte. Er sah es, wenn sie geweint hatte, wußte sie aber nicht zu trösten und machte die Erfahrungen des lächerlichen ratlosen Nächsten, der sich sehnte, sein Christentum anzubringen.

Besser gelang es ihm bei der Lehrerin, mit der er sich mühelos verstand, weil sie ihrerseits als eine stärkende Rechtfertigung in seiner Umgebung lebte. Sie betrieb die mannigfaltigsten Handfertigkeiten, mit denen sie ihm Eindruck machte, flocht Körbchen und Matten, malte auf Porzellan, stickte, nähte und beherrschte die fremdartigsten alten Flitterwerkzeuge, als wären sie ihre tägliche Übung gewesen.

»Darin verrät sich die Wienerin!« sagte er ihr.

»Was wissen denn Sie, Spießbürger und Spitzweg,« erwiderte sie. »Sind Sie denn wohl in Wien gewesen? Was haben Sie diese geschlagene Stunde getrieben, haben Sie geschlafen?«

»Der Altweibersommer blüht an den Himmeln so veilchendunkel zu Ende, daß es Schlaf und Träume auf bemooste Häupter regnet. Ist Ihnen jemand gestorben? Ah, in Wien gibt man die Kränze noch den Lebenden. Was wird aus dem gelben Kissen da?«

»Auch ein Kranz.«

»Auch ein Kranz. Aber den Ring aus Heidekraut haben Sie nicht selber gemacht?«

»Bemühen Sie sich herab, dann soll er Ihnen gehören.«

Nach einer Weile sah sie hinauf. »Wollen Sie nicht?«

»Soll ich kommen?«

»Kommen Sie.«

Eine Katze strich über die Blumenpolster, sammetschwarz und lind. Wendel legte sie sich über den Nacken; ihre kühlen Pfötchen hielt er wie Mädchenhände versonnen und dankbar.

»Darf ich mir das also nehmen?« sagte er und reichte ihr zum Dank seine Rechte, die sie derweil nicht annahm. »Sie dürfen nicht hoffen, daß ich dergleichen ausschlage. Haben Sie gestern abend die Rosenwolke gesehen?«

»Ja, warum?«

Die Katze sprang mit nassen Beinen aus dem Blumenmoos.

»Hier riecht es nach Frühling.« Wendel schnupperte.

Behutsam setzte er sich das Kränzlein aufs Haar. »Was schenke ich Ihnen dagegen?«

»Eines von Ihren Liedern, Frauenlob.«

Er errötete. »Wer sagt Ihnen, daß ich Lieder habe?«

»Sie brauchen nicht rot zu werden. Wenn Sie mir eines verehren, sollen Sie zum Lohne nach Österreich kommen dürfen. Ich zeige Ihnen das Schuberthaus und die Buchweizenheide, Rabenstein und die stille Mur.«

Aufstehend schüttelte sie das Laub von ihrer Schürze und ging einmal um die Krüge herum. Plötzlich fielen ihr die Tränen heraus. Der Blonde schwieg.

Nachdem sie sich ebenso unverhofft wieder gefunden hatte, sprach sie: »Nun, wenn Sie sich bloß nichts Überflüssiges einbilden, mein Herr Dichter. Ich sehe Ihnen an, was Sie denken. Wissen Sie, was Sie denken? Sie denken, ich hätte mich in Sie verliebt. Stimmt das?«

Er schüttelte sich ungehalten. »Ich könnte Ihnen den Beweis dafür liefern, daß ich besser zu raten verstehe als Sie, Fräulein Hoffmann.«

»Schießen Sie los. Ich bekenne soweit, daß es mir tröstlich war, Sie in Sturmnächten nahe zu wissen. Ich bin doch dem Glücke dankbar, das ich empfand, wenn die Regensaat über unsere Krautfelder tropfte. Es dunkelt so schön in diesem Bauernland. Alle die warmen Abende mit Korn oder Heu oder Kastanienblüten bleiben mir eine unbezahlbare Erinnerung. Aber sagen Sie mir, was ich denke.«

»Geht es Ihren Eltern nicht gut, Fräulein Else? Sie sagten mir einmal, daß ihnen die Inflation mitspielte.«

»Sie besitzen ja noch ihre Ritterburg samt dem ganzen Berg darunter. Die Säle zerfallen zu lassen und zu etwas Brot reicht eine Wenigkeit. Ich könnte dort auch verdienen.«

Sie errötete nun doch ein wenig, und ein langes Schweigen verstrich.

Endlich sagte Bach voller Rücksichtnahme: »Sie müssen es wissen, ob Ihnen das Dasein hier, das immerhin ein Dasein in der Enge bleiben wird, genügen kann; Sie müssen wissen, ob Ihre Liebe hinreicht.«

»Ach, es ist alles von nirgends her!«

Nach abermaliger Stille versetzte der Blonde: »Ich glaube ich verstehe Sie. Ich wollte, ich könnte Ihnen mit einem vernünftigen Trost aushelfen –«

»Ach, Dummheiten!« fuhr sie auf. »Das war ja alles nicht so gemeint. Behalten Sie Ihre Troste für sich, Schlaumeier, sie sind Ihnen vermutlich nötiger als mir. In einer Stunde gibt es bei mir Tee; es braucht keine Anmeldung.«

Mit dem Herbst, dessen Geruch überhand nahm, schlichen die alten Melancholien sich ein. Nicht umsonst woben Marienfäden durch die Luft, ein beinah greifbares Gespinst unsagbarer Innigkeiten verdichtete sich bedrängend. Ganz verwandelt, neuer Räume teilhaftig, fing Wendelin um diese Zeit wieder Verse zu machen an. Durch den Regen sah er seinen Berg ganz braun.

Ich weiß nicht, was ich tun mag.
Ich habe Heimweh nach dir, süße Liebe!
Es hat nichts Sinn, es bringe mich näher zu dir,
Es ist keine Heimat als nur deine laubigen Höhen,
Als nur deine Wiesen mit herbstlichem Grün.

Ich weiß nicht was ich tun mag,
Ich habe Heimweh nach dir!

 

Eines Nachts hatte der Schlosser versucht, seine Frau zu erwürgen, Wendels Gepolter fuhr dazwischen. Rasenden Herzens lag er nun da, und vor Empörung brach er endlich in Tränen aus. Es wurde für ihn allgemein eine Nacht des Entsetzens, weil er sie sich mit allen erdenklichen Skrupeln beschwerte. Auf einmal erinnerte er sich eines Briefes, den er jetzt, gegen Morgen, aufriß; Elisabeth schrieb, daß Maja auf den Tod erkrankt im Spital lag.

Bedächtig nahm er seine Kleidung, wusch sich und wartete hierauf den Tag ab. Irgendwo hing ihm noch Schlaf im Hirn. Der Staubgeschmack an seinem Gaumen machte ihm übel. Aber keine Spur von Herzeleid war ihm beschieden, obwohl zu dieser Stunde die Königin vielleicht starb.

Grauenhafte Tage würden kommen, rechnete er aus, wo er an ihrem Grabe stehend nichts zu empfinden vermochte. O er kannte sich, kannte die Boshaftigkeit seines Erlebens, das ihn damit folterte, ihm Schmerzen zu versagen, die als Sühne, Ersatz und Anerkennung einem jeden gegeben waren, außer ihm, dieser Absonderlichkeit von verschütteten Talenten. Er ballte die Fäuste an den Schläfen. Er sah sich um, ob keine Möglichkeit wäre, auf dem Platze zu sterben aus Trotz gegen Gott und aus Ungeduld, sich zu vernichten. In seinem Leben hatte er sich keiner ähnlichen Verstockung aller Sinne gegenüber befunden, die Leere umgab ihn wie eine Verzauberung.

Plötzlich zuckte ihm ein Jubel durchs Herz. Er würde das Mädchen besuchen, er würde sie wiedersehen, ihre Hand halten. Wenn er im Krankenhaus anläutete, verband er sich den Räumen, in denen sie atmete, er vernahm den Wind ihrer Türen.

Sei es, daß solche unvorhergesehenen Erfüllungen ihn erschreckten, sei es wieder die unselige Verlegenheit vor den Verpflichtungen bedeutsamer Geschäfte, er wagte sich nicht an sie heran; grollend lauerte er der Eingebung auf, die ihn mit ganzer Gewißheit hinreißen würde zu tun was er glaubte in Erschütterung und Ekstase unternehmen zu sollen. Er verwartete sich abermals und trieb ohne Rettung in eine Wüstenei von Dumpfheit und Entfremdung hinein. Um nicht zu schlafen während die Liebste litt, verbrachte er die Nächte auf einem Liegestuhl, und wenn er mit kurzem Schluchzer einmal aufstöhnte, so geschah es aus Kummer über seine unbegreifliche, ruchlose Verhärtung, die ihn weder zu Empfindungen noch zu Gedanken kommen ließ. Fröstelnd erhob er sich etwa ans Fenster. War er einmal entschlummert, so sagte er sich hernach, sie wäre inzwischen gestorben. Spät in der Verlorenheit der Finsternis reckte er sich zornmütig auf, um sich mit den Fäusten die Brust zu zerschlagen auf der Verfolgung seines verhaßten nichtsnutzigen Herzens, dieses Spielverderbers, der in solcher Zeit der Heimsuchung nicht mittat und ihm mit Trägheit und Schweigen die unsinnigsten Martern bereitete. Tränen der Erbitterung blitzten ihm unter den Lidern hervor, als er im Morgengrauen zum Entschluß kam, in Bausch und Bogen alles, Erinnerung, Zartheit, Verehrung, Sehnsucht von sich werfen zu wollen, nur um an ihrer Last nicht zu zerbrechen, und aus Gründen der Säuberlichkeit.

Damit war der Boden für etwas wie Freudigkeit bereitet. Die Sache versagte denn doch nicht alle Gnaden, sondern schlug zu des Jünglings Vorteil aus, sobald Maja sich erst erholte und er in beseligten Träumereien sich darauf rüsten durfte, sie gegen alle Erwartung wiederzusehen wie eine Auferstandene. Die Vorfrühlingsschauer des alten unverwüstlichen Gefühls umgaben ihn wie eine Landschaft.

Es roch so erfrischend nach Elysien unter dem blanken herbstlichen Himmel und in den Parken voll Rost. Um die Mitte seines Herzens, das in das Uferlose einer fiebrigen Vernebelung fortschlug, schwankte der Blonde groß und träumerisch aufgelöst. Zähe Blätter, die für seine Füße bereitlagen, senkten sich unterwürfig und wie eine Treppe, die fiel, obgleich er aufwärts in blaue Rhododendren, in Zedern und Birnbäume kam.

Eine Wand aus Glas schied ihn von dem Wesen, das seine Zelle hier in der Gemeinschaft des Todes bewohnte. Aus Majas nächtigen Augen sah es nach ihm, das welke Händlein vor sich auf dem Linnen. Er grüßte nicht und blickte es alles nur an, gleichwie auch Mia das liebe Haupt nicht bewegte. Die Schwester ging mit seinen Blumen hinein zu dem todbehafteten Mägdlein; die Würze der Nelken schien es zu beleben, es wandte die Blicke nicht von ihm, sichtbar schuf es ihm Kurzweil, nur irgendein Ding zu betrachten, das im Rahmen der Tür verweilte. Das machte ihn königlich froh; er hielt sich behutsam stille, wie schwer es ihm auch fiel, sich von ihr aussperren zu lassen als ob er ihre Ansteckung fürchtete. Er lehnte die Stirn ans Glas und scheute sich nicht länger, sich um sie zu betrüben. Er wünschte zu fragen ob sie leide, aber sie verstand ihn ja nicht. Frohmütig unternahm er es, ihr zu bedeuten, sie möchte sich eilen mit der Genesung, sie müsse lieb sein, eine kleine Zeit stille liegen, nicht verzagen im Abendgeläute, auf die Zähne beißen, wenn das Heimweh komme.

Alsdann richtete er sich auf. Ihre Augen dunkelten. Dafür vergoß er sein Herz über sie. »Adieu!« sagte er; sie regte die Lippen. »Geht es dir gut?« Er sah sie nachdenken. Herzlich bekümmert, löste er sich von der Scheibe und lief hinweg. Er dachte, es würde wohl schwerlich gelingen; er kehrte noch einmal zurück und suchte ihr klarzumachen, daß er sie doch schonen mußte.

Ganz beglückt über die ihm vergönnte Herzinnigkeit, flaumig vernebelt lief er den Berg hinab. »Du Unnennbare!« flüsterte er.

In den Bäumen am Ufer welkte Erinnerung. Halbwegs empfand er ihre Schwermut, die Ahnung von alten Herbsten, von Rosen und Kantilenen.

Er warf sich Elisabeth an die Brust.

 

Büsche verblühender Wolken hingen im Dunst, alle Wälder erfüllte ein weinrotes Licht. Manchmal rauschten Gewitter vorüber; golden und moosgrün, mit Schneerauch und Laubgewässern erglänzte die Ferne.

Eilfertig lief Wendelin über Hügel und Straßen, Acker und Schilfried. Die Holunderwildnis um den Brocken nasser Ruinen schwamm im Gewölk, die Hasellauben erschreckten mit wallenden Tropfen. Wenn der Blonde hier auftrat, führte der Gärtner den Arm an die Nase und verließ sein Beet. Das Städtchen lehnte sich in den Himmel, ein überwachsener Pfad fiel in Wiesen und Reben. Über rankende Hecken, in denen noch Brombeeren hingen, quoll die Balsamschwüle eines Feldes von Rosen, das einsam und beinah unzugänglich die unerhörte Fülle seiner Schönheit trug. Aus nassem Gelock stieg sein Blumenzierat faltengelb, purpurn, schneeig und bernsteinbraun, von einem Kupferlicht angehaucht, bläulich beflaumt. Bis an die Brust umspült, erging Wendelin sich in dem süßen See. Wie Vögel starben die Blüten auf dieser Walstatt der Stille. Er nahm sie an seinen Mund, ihre Berührung, ihr modriger Wohlgeruch erfüllte ihm die Brust mit Kühle.

Unterwegs in den Wäldern küßte er sie ergriffen.

Das Dunkel wuchs aus den Tälern. Ach, Maja war lieb und fröhlich; es kam vor, daß sie ihm seine Spenden mit schelmischem Lächeln lohnte, der Liebling, der sich so zart und schmal, beschattet von seinem Braunhaar, in den Tüchern aufstützte. Aber nun war es das Sonderbarste von der Welt, daß mit der Gunst der Entwicklungen sich wieder Ängste bei Wendel einstellten und er eigentlich anfing, sich im Herzen von der Sache zurückzuziehen. Gott wußte um die Tumulte, die ihn erfüllten, wenn er, mit seinem Strauß von Rosen, sich in dem Park einfand, dessen Bäume sich über ihn aufhielten, wenn er das Haus wie ein Fremdling betrat und er sich insgeheim sagte: Was immer hier vorzunehmen ich nicht unterlassen kann, ich bin Gott sei Dank freigeblieben. Ich habe mich durch gar nichts verpflichtet, in diesen Gängen Gefühle aufzubringen, zu denen mich nichts befähigt. O Himmel, ich stehe hier wie ein Verbrecher, die Weiber haben ihr Gespött an mir, mitunter will mich der Blitz erschlagen auf dem Wege zu meinen Geschäften, die einem jeden außer mir bestenfalls kindisch erscheinen.

In seinem Mißtrauen glaubte er auch an Elisabeth eine gewisse Zurückhaltung zu beobachten, und seitdem sie sich aus seinem Vertrauen hinaus zu obskuren Sektenmännern und Pflanzenessern begeben hatte, beförderte er die Trennung von ihr auf seine hitzige ungerechte Art. Zum Überfluß reifte sich die Erbitterung im Dorf alsgemach zur Auflehnung gegen ihn aus. Die Bauern hatten bei der Behörde auf seine Absetzung gedrungen, aber damit kein Gehör gefunden und sich nur einen hellen, begeisterten Haß geholt, den jetzt anzuwenden sie sich zum Vergnügen machten, dankbar für diese Gelegenheit zum Austrag ihres Lieblingsstreites, den allezeit anhängigen Handel um die oberste Botmäßigkeit, die sie für sich beanspruchten oder die zu nasführen sie sich jederlei Mühe schafften.

In seinen stillen Nächten erwog der Blonde redlich jeden einzelnen der ihm gewordenen Vorwürfe, er wendete viel Sorgfalt an ihre peinliche Betrachtung und verliebte sich ein wenig in diese Beschäftigung, über welcher ihm das Blut warm wurde. Die zahlreiche Schar seiner Schüler, für die er kämpfte, versammelte sich in dem Bette, das er als Unterlage für seine Auseinandersetzungen verwendete. Er fühlte sich gern als der Träger dorniger Missionen und nistete sich in die vorausgesetzte Dankbarkeit seiner Lämmlein gefühlvoll ein, nach seiner Gepflogenheit, immer ein bißchen in Übertreibungen zu leben.

Es war nicht vorausgesetzt worden, daß er den Mut aufbringen würde, in der Bürgerversammlung zu erscheinen, die über ihn zu Gericht saß; um so munterer entwickelte sich der Strauß, männiglich brannte darauf, den endlich faßbaren Vogel zu zausen. Sie schimpften ihn hochmütig, lasterhaft und verrückt und ersuchten ihn, seiner Wege zu laufen. Die wunderlichsten Beschwerden kamen ans Tageslicht und erhoben sich gegen den jungen Mann, der umsonst den Rummel zu beurteilen und zu erraten versuchte, welches der wahre Grund solcher Tollwut sein könnte. Es bereitete ihm zuletzt Spaß, er streckte humorvoll seine Beine über die Fliesen; dann auf einmal fuhr er empor. »Schweigen Sie!« rief er. »Sie schwatzen Blech. Von Schuldingen versteht hier niemand etwas außer mir. Ich lasse mich mit Ihnen darüber nicht in Verhandlungen ein.«

Verblüffung und Neugier malte sich auf den Gesichtern. Die Jungen riefen einander zu. »Doria, das hat Schneid, was? Dem stehts nicht an der Nase geschrieben. Kusch dich, Vetter!«

»Sie bewarfen mich mit Lügen, ich will Ihnen die Wahrheit zurückgeben. Vor dem Geldsack macht sogar Ihre Liebe zu den eigenen Kindern halt. Ich verteidige mich ja längst nicht mehr!«

Damit schritt er davon durch die hellauf brüllende Gasse seiner Widersacher.

Im Herbstlicht schwang sich ein Zeisig herum. Die Kinder liefen zu Bach und erfaßten seine Hände. Er sah sie an und wünschte sich ihnen vertrauen zu dürfen. Gedankenvoll und beklommen wandelte er in sein Haus davon. Er vernahm ihr Spiel in den Bäumen, die lieben Gesichtlein lebten in ihren Stimmen. Sein Gefühl überdunkelte ihn. Daß er die Kleinen wieder verlor, nach der Tragik seines Berufes und dem Unglück, das ihn verfolgte, stieß ihn in Groll und Schwermut hinein.

 

Pfiffe und Jauchzen in der Umgebung mahnten ihn an die Gefahr, m der er fürderhin lebte. Es war nicht Furcht, aus der er erblaßte, aber seine Hilflosigkeit vor der Feindschaft der Welt.

Else Hoffmann drängte sich bei ihm ein und sagte zum Abschluß der nicht übel von ihr beurteilten Sache:

»Da haben Sie es jetzt. Ich sagte Ihnen ja immer, Sie würden der Leidtragende sein. Die Wahrheit zeugt nur so lange für uns, als wir sie in uns verschließen. Ausgesprochen oder gar in den Krieg geführt, wird sie zu einem Schwerte, das sich gegen seinen Herrn kehrt, das haben Sie nun erfahren. Was versprechen Sie sich von dem Tanz ums Recht, Sie Ritter Georg? Schmeichelt es Ihrem Heldenmut oder sind Sie ein bißchen ein Spießer? O Sie Jockel, wissen Sie nicht, daß die Menschen uns nie als das was wir sind, daß sie uns immer so sehen, wie sie uns haben wollen? Was nützt es da, sich zu erklären!«

Vor die Oberbehörde geladen, bat er vor allem um seine Versetzung.

»Warum nicht gar!« entgegnete der machthabende Herr. »Lernen Sie, sich zu vertragen. Und wiederholen Sie keine Dummheiten von der Art, in Ihrer Schulstube Griechenbilder aufzuhängen. Donner noch einmal, Bach! Wo hatten Sie nur Ihren Menschenverstand?«

»Ich verweigere Ihnen die Auskunft hierüber nicht, Herr Doktor, vorausgesetzt, daß Sie mit Höflichkeit fragen,« erwiderte der Blonde, indem er sich einen Stuhl nahm. Hierauf lachte er. »Wie hilflos kommt man sich vor, wenn man Selbstverständlichkeiten verteidigen soll!«

»Was bezweckten Sie denn mit der Galerie?«

»Ich pflege in meinem Unterricht selten etwas zu bezwecken.«

»Das kann ich mir beinah denken. Das ist Künstlerart.«

Bach ertrug die strenge Musterung nur mit Verdruß.

Der Gestrenge fuhr fort. »Ich will Ihnen beiläufig sagen, daß wir in Ihnen den Erzieher, nicht den Dichter besolden. Den möchten Sie bitte im Amte beurlauben, und was immer von Ihnen noch bleibt, das stellen Sie in den Dienst des Berufes. Ich habe Sie vor den Bauern in Schutz genommen; Ihnen will ich dazu raten, Ihr unbekümmertes Wesen nicht allzu offen auszulegen, es ärgert das Volk und Sie schaden sich selbst damit. Bemühen Sie sich, Ihrer Aufgabe bestmöglich zu genügen –«

»Ich tue sogar mehr als das.« »Es braucht nicht mehr zu sein, dieses dann aber nicht nur in Ihrem Selbstvertrauen, junger Mann.«

»Ich dachte schon von Amtes wegen dazu verpflichtet zu sein, über Selbstvertrauen zu verfügen,« versetzte der Blonde und erhob sich. »Im Anschluß an Ihre Vermahnungen gestatten Sie vielleicht einige Betrachtungen, die daran zu knüpfen wären. Vor allen Dingen braucht Ihr behördliches Mißfallen mir keineswegs verbindlich zu sein. Ich weiß, ich weiß, seit einigen Jahrhunderten ist es hier nicht ratsam, an der Unübertrefflichkeit demokratischer Grundsätze zu zweifeln. Das verhindert nicht, daß begründete Aussetzungen an ihnen tatsächlich zu machen sind. Unsere scheinbar so fortschrittlichen Einrichtungen sind bei genauem Zusehen weiter nichts als die Maßnahmen des Spießers, der seine Beschränkungen auf den Thron gesetzt hat, um vor jederlei Überlegenheit gesichert zu sein. Es hört sich auflüpfisch an, ist aber nichts als die Wahrheit, wenn ich behaupte, in unserm Lande stehen die Unmündigen am Ruder. Sehen Sie zu, wie Sie Ihren republikanischen Glauben retten angesichts der Maulhelden in unserm Eldorado der Großtuerei. Ich kann vielmehr nicht bemerken, als daß es allerenden an Größe fehlt, und wie wäre es anders möglich in einer Interessengemeinschaft von Kleinbürgern, deren Liebhabereien und Einsichte man kennen muß, um sich eine Vorstellung vom Wert ihres Regimes zu machen. Ich meinesteils habe gar nicht im Sinne, vor ihren Vorurteilen klein beizugeben, noch ihre kindlichen Ansichten beispielsweise von Kunst oder von Lebensformen über die meinen zu setzen. Wenn sie zu bequem sind, aus Gründen der Bescheidenheit gelegentlich ihre Meinungen zu überprüfen, so sollen sie dem Morast ihres Dünkels verfallen. Der Spruch vom heiligen Bauern entzieht uns die Kehrseite nicht, auf der die Chronik seiner Borniertheiten verzeichnet steht. Ich habe die Chronik erlebt, verehrter Herr, habe stillschweigend erfahren, wie es tut, die Verfolgung, Bevormundung und Anmaßlichkeit einer hinterwäldlerischen Rotte unschuldig zu ertragen –«

»Durchaus unschuldig?«

Wendel musterte den Beamten.

»Auch Ihren Verdächtigungen habe ich nur die Lauterkeit meines Wesens entgegenzusetzen,« antwortete er aus mühsam gemeisterter Trauer. Bevor er zu weiteren Verteidigungen kam, ergriff der Doktor wieder das Wort. Ahnend, daß die Hitze des Jünglings ihre Verhandlungen auf die privateren Seitenwege der Dialektik verdrängen würde, hatte er sich eine Zigarre angesteckt; er hob diese mit seiner schönen weißen Hand dem Eiferer jetzt an den Ärmel: »Es lag mir ferne, Sie kränken zu wollen, Herr Bach,« versetzte er mit einem Ausdruck belustigten Wohlwollens. »Aber haben Sie noch nie daran gedacht, daß der Irrtum, sagen wir einmal in der Beurteilung unseres Volkes, auch auf Ihrer Seite liegen könnte? Sie werden mit solchen Philosophien in Schwulitäten hineinkommen, Sie mögen sich nicht wundern. Das Volk hat keinen Sinn für die Spitzfindigkeiten der Künstler; Ihre pädagogischen Neuerungen da, von denen Sie mir sagen, werden die Welt nicht ändern, wohl aber Verwirrung anrichten, wie Sie sehen. Bach, Sie sind ein gefährlicher, ein nicht ganz einwandfreier Mensch mit ihren vertrackten Ideen!«

Dieser starken Sprache, zu der er sich berechtigt glaubte, maß er die Kraft eines Heilmittels zu. Er überließ sie ihrer Auswirkung, indem er, ein wenig verblüfft, seine Zigarre betrachtete.

»Wenn Sie fertig sind und wenn Sie es mir gestatten, füge ich Ihrem Gutachten über meine Arbeit nun ein freiwilliges über Sie bei,« ließ sich der Blondling vernehmen. »Ich beehrte Sie, aus Ihren Händen mein Recht empfangen zu wollen; nun erbittert es mich, Sie hier als einen Beamten zu finden, der seinen Demokratenstuhl dazu benützt, ein kleiner Potentat zu sein. Es ist damit nicht getan, daß Sie die Gebärden des Richters vollführen, die Zeremonien Ihres Kalifates hier; Sie haben sich hindurch zu bemühen durch die Hecke der ersten bequemen Schlüsse, in die Sie sich da verschanzen, weil Ihnen mein Wesen nicht zusagt. Obschon Sie mich nicht danach fragen, will ich Ihnen den tatsächlichen Grund meiner Mißliebigkeit da unten verraten. Was die Bauern erboste, das war meine Natürlichkeit im Verkehr mit den Kindern, das Fehlen einiger Requisiten, die zum Bild ihres Schulmeisters gehören. Sie nehmen ihre Partei, Sie haben es in der Hand, mich zu maßregeln, nach der Fügung des Zufalls, dessen Unbilligkeit mich berechtigt, Ihnen zu sagen, daß es noch Männer gibt, die nicht allzu hoch von dem Weltall der Staatsameisen denken, die so gerecht ihre Stäbchen aufeinander türmen. Wer ist denn Ihr Staat, der sich herausnimmt, mich zu bevormunden? Ist er die Prüfanstalt der Wahrheit? In meinem Bereich gilt meine Freiheit!«

An diesen Worten war er ganz ruhig geworden. Er wandelte wie ein Prophet hinaus. Er ging zu Elisabeth, fand sie aber nicht in der Stimmung zu Disputationen. »Brüderlein!« sagte sie. »Hast du nicht Lust, mich auf irgendeinen Berg zu führen? Es ist doch schlecht, daß wir Frauen in den Mond- oder Sturmnächten zu Hause sitzen sollen, während euch alle Wildnis immer offen steht. Wie es tut, in ein Finsternisland zu streifen, dürfen wir überhaupt nicht erleben. Ich wünschte einmal im Gebirge zu irren, mich mit Wassern herumzuschlagen; die ewige Sittsamkeit – na, sie sei gepriesen!«

Sie betrachtete ihn eine Weile.

»Brüderlein setz dich,« rief sie dann. »Wir brauen uns einen Tee! Wenn wir denn schon gefangen sein sollen, so halten wir uns schadlos am Behagen. Setz dich. Es fehlt nur noch Schnee, es fehlt uns nur noch deine Maja, daß wir auf alle Welt pfeifen wollten.«

Ihr Geträller nicht achtend, fragte er, was sie bedrücke. Sie blieb stehen.

»Auf Ehre, mir fehlt gar nichts,« versicherte sie, mit verlegenen Tränen. »Es gab ja wohl eine Zeit, wo kein vielliebes Brüderlein mir Mangel an Fröhlichkeit vorwarf,« und ihn umarmend: »Das ist doch schon allerlei, du Lieber, du Treuer.« Auf seine Schulter gelehnt, begann sie zu weinen; er stützte sie scheu und erschrocken. Kinder jauchzten im Freien, die Straßenbahn funkte mit grünblauen Lichtern. Elisabeth gewährte ihrer Schwäche keine lange Frist. »Prügle mich doch,« schimpfte sie. »Ich möchte wohl wissen, was es zu heulen gäbe.« Die Schluchzer gingen ihr aber wie Regenschauer noch lange nach.

Derweil sie kochte, lag er auf ihrem Teppich am Boden. Nach Verfluß einer Stunde kniete sie sich neben ihn. »Sag es mir, wenn ich Licht machen soll.«

Er sprang auf die Füße.

Wie immer hatte sie die Tafel nach Möglichkeit farbig herausgeputzt. Sie überblickten das Kunstwerk. Neuerdings wollte sie vor dem Essen gesungen haben. »Soll ich knien, soll ich auf meinem Bauche liegen?« murrte er. »Nur um Gottes willen nichts Frommes!«

»Das brächte dich auch nicht um.«

Sie prüften einander mit einem schnellen Blick. Es war Scherz gewesen und hätte es bleiben sollen; aber im Essen verfielen sie wieder der Nachdenklichkeit. Wendel trauerte um die alten Tage, die aus dem Grunde nicht wiederkamen, als die Freundin sich ihrem Quietismus verschrieben hatte. Elisabeth ihrerseits beklagte sich heimlich über seine Selbstherrlichkeit, aus der er schnellfertige Urteile fällte, ganz seiner wahren Natur entgegen, aus einer Art Eifersucht, wie sie sich einbildete, und ein wenig vielleicht aus Bequemlichkeit.

Es hatten allerlei Devotionalien ihres neuen Bekenntnisses im Zimmer Aufstellung gefunden, eine Kerze, ein Kreuz, Bildnisse, Räucherschalen; auf einem Buche las er den Namen Manthra. Eigentlich hatte er auch Bewunderung für Elisabeth übrig, nebst seinem Mitleid; ihre rituellen Geheimnisse, die er sich schwierig in der Handhabung vorstellte, nötigten ihm Respekt ab, auch wenn er sie belächelte, auch wenn er sie haßte und irgendwo grauenhaft fürchtete. Manchmal war er den Tränen nahe.

»Belehre mich denn! würdige mich der Aufnahme in eure Weisheit!« rief er verzweifelt aus. Aber weil es einen Unterton von Verächtlichkeit hatte, gab sie ohne Besinnen zurück: »Ich rede nicht zur Anmaßung, nur zu der Liebe.«

»Siehst du!«

»Du fragst nur aus Hochmut.«

»Adieu, ich gehe.«

»Adieu.«

Sie schwiegen.

Es war Elisabeth, die sich aufraffte, ihm ihr Kügelchen Brot vor die Brust zu werfen. »Wir zweie wissen doch, daß wir einander nichts Böses wollen. Selbst wenn wir uns gegenseitig die Köpfe zerbleuen, üben wir diese Beschäftigung in aller Liebe. – Kann es dich nicht versöhnen, daß wir uns unsern Glauben wenigstens nicht leicht machen? Daß wir uns plagen im Dienst unserer Überzeugung.«

»Ich achte und bedaure diesen Gehorsam.«

»Auch du bist ein verriegeltes Tor.«

»Ich glaube, hilf meinem Unglauben!«

»Gäbe es nur eine Möglichkeit, sich so zu erklären, daß die uns verstehen, die nicht verstehen wollen.«

Das ging zu Herzen, er deckte die Hand über ihre Finger. Sie lächelte ihm zu, aber er sah nur eine Larve von Lächeln, Entsetzen verschlug ihm den Atem. »Der Begriff der Gottheit richtet in der menschlichen Gesellschaft noch immer dieselben Verheerungen an wie zur Zeit der Hexenverbrennungen,« sagte er. »Sollten wir in der Tat über Glaubensgezänk nicht hinaus sein? Ich werde es schwerlich lernen, in Sandalen und langen Haaren herumzulaufen. Die neuen Gepflogenheiten –«

»Dann übst du die alten Gepflogenheiten, Wendelin. Du befindest dich in großer Gesellschaft.«

»Ich stecke den Tadel ein, meine Beste. Es ist noch keine zwei Stunden her, daß ich ähnliche Belehrungen vergab –« und vor innerlichem Erschrecken ging ihm die Sprache aus.

Abends lag er wie ein Knäuel in seinem Bauernbett, vor Leid und Zerknirschung dampfend, die Rätsel wälzend, die ihm aus seinem eigenen Wesen aufstiegen. Heiße Wellen der Scham überfluteten ihn im Gedanken an sein Gespräch mit dem Vorgesetzten, er sah darin jetzt weiter nichts mehr als Maulfertigkeit und jugendliche Selbstüberhebung. Alle Beweise der Nachsicht von seiten des Doktors, seine Bescheidenheit und Besorgnis, seine wohlmeinenden Vorstellungen richteten sich um ihn auf, ihm zur Demütigung und Qual. Mit Entsetzen bedachte er jede der Verirrungen seines Lebens, hervorgegangen aus dem Überfluß der Phantasie, dieser fluchvollen Gabe: Sie allein war es, die ihn schichtweise mit den geisterhaften, unwirklichen, eines Tages in sich selbst zerfallenden Lasten seiner Liebe überbaut hatte; nichts als die Beweglichkeit seiner Einbildungskraft lag den Dichterkünsten zugrunde, auf deren Voraussetzung er, halbwegs bewußt, die Himmelsstädte seiner Zukunft errichtete. Nun erschien ihm das alles wie Blendwerk und Teufelsspuk, darauf angelegt, ihn der Hölle zu übermitteln, dereinst, wenn die Brücken der Täuschung unter dem Gewicht seiner Verschuldungen einbrachen; vor Reue erglühte er in der Dunkelheit, er balgte sich mit dem Gedanken herum, die Drucklegung seines Buches rückgängig zu machen, Maja sich aus dem Herzen zu reißen und die Genugtuung des Ruhmes an den Frieden des einfachen Menschen zu tauschen, der sich darin genügt, von einem Morgen zum andern zu leben unter dem Rauch seiner Hütte. Allein das ging ihm nicht leicht von der Hand; zum Leben zu arm und zum Sterben zu reich, wie er sich vorkam, glaubte er Anlaß zu besitzen, mit seinem Schöpfer zu hadern. Die Natur seines Kummers gewährte ihm nicht einmal Tränen, er lag einfach da, auf Ellenbogen und Knien, über der zuckenden dunklen, blutigen Beute seines Herzens.

 

Verfemt und gehaßt, aber nachgerade nicht mehr davon berührt, strich Wendelin durch das knietiefe Laub seiner Wälder, in denen er noch immer neue Einsamkeiten, vergessene Straßen, Felsstürze und fremdartige blaue Ausblicke auf Ebenen und Seen entdeckte. Er saß am Strom, der sein Herbstgeschiebe und eine sanft einschläfernde Kühle vorübertrug. Alle Höhen bevölkerte er wider Willen mit Göttern; Einhorn und Faune fraßen ihm aus der Hand; das im Lampenlicht unter seiner Hand sich ausbreitende Blatt Papier bestrahlte ihn mit hellenischer Sonne, und von Gesichten bedrängt, gepeinigt vom Bedürfnis, die wollüstig rankenden Gebilde seiner Sehnsucht gegen die Nacht aufzubauen, begann er beispielsweise zu schreiben:

 

Reisenachricht eines jungen vornehmen Atheners.

»Zuvörderst den Göttern die Ehre die ihnen gebühret, und darnach Liebe und Danksagung Euch, meinen holden Erzeugern, die mich auf Reisen entboten. Ich bin in den krausen Gewässern, bin über Land gefahren und habe Hellas und seine heilige Größe gesehen. Nun sitze ich an erhabener Stätte zu Delphi wohlgeborgen derweil es regnet, über die zahllose Ansammlung so vielen Marmors aus nahen dunkelnden Wolken wehet; der Rauch der Herde dampft in den Nebeln, das Volk ist fröhlich in seinen Schenken, und die Priester gehen durch die Dämmerung, die von Flammen duftet und von den Narden und Hölzern Cypriens, denn ein frommes Geschlecht wohnt auf den Inseln, und seiner Esel Mist füllet diese Straßen.

Nun seht Euer Söhnlein, das im Regenwind seine Arme ausbreitet, Eurer denkend und Athenäs, der süßen Stadt! Ihr fröhlichen Märkte, wo ein vertrautes Gedränge meiner Brüder und Schwestern, meiner Athener, die warmen Pflaster belagert und Griechenlands Früchte auslegt, Wein und Granaten, Melonen, Feigen und Birnen. Mich verlangt von Herzen nach seinen modrigen Gassen, den Höhlen der Trödler, dem Geruch der Tuche, dem Tande, dem Bernsteingehänge, dem Honig, den Fischen und ihrer Verwesung von Meergrund. Wonnige Büsche, ihr Kastanien, Zedern und Akazien an der weißen Straße nach Cairas, schattige Gärten mit Brunnen und Göttern, Haus der Liebe, Haus der Heimat, kühle Hallen meiner Herkunft! Mir liegt der Wohlgeruch deines Peristyls in den Nüstern; Dienerinnen und Sklaven winken herüber, das Gewand der holdseligsten Herrin umfängt mir mein Haupt, und des Vaters Stimme im Hof ist wie ein Bollwerk gegen den Feind überm Berge. Damals erbaute ich Grotten aus dem Überfluß der Splitter, von denen die Stadt der Bildhauer voll ist, ich schnitzte Triremen, schnitzte Türme und Kriegswagen in der seligen Umfriedung meiner Kindheit, in der Geborgenheit eines sonnigen Staates. Tausend Hermen und lächelnde Anmut umstanden das vernunftlose Geschöpf, das da spielte. Griechenlands Straßen sind heilige Wege insgesamt, die Alleen gelassener lichter Bildwerke drängen freundlich zu Heiligtümern, und wo nur der Wanderer hinaussieht, erheben sich Stirnen und Hände aus dem Laub. Geliebte, wenn ich der Sonntage denke, die über den Tempeln verweilten! Der stillen Sommer, vom Silber der Ölbäume flimmernd! An uralten Säulen brechen sich Blitze den Zahn, und Meergewölk und Stürme glätten die Architrave über den Landen. Gewitterlust wühlt in Zypressen, in den Flußbetten marmorner Aufgänge, im Gelock aller Karyatiden! Heiliges Athen, wir sahen dich ferne gebreitet von den Höhen Uginas aus, dahin wir pilgerten, wie weit liegt das zurück! da mir mein Schwesterchen noch lebte und wir mit Hausgesinde, Rüden und unserm Falken Äolus zum Haus der Aphaia strebten, unserer Mutter, die herrlich wohnt. Das Meer lag fremd in den Föhren mit schattigen Schauern und entlegenen Silberwiesen, in denen sich Tritone regten; geisterliche Inseln entschwebten hinab gen Kreta, des Minos ägyptisch Reich, vor dem wir uns fürchteten. Du aber, trauliche Vaterstadt, winktest uns über die Wasser, in welchem untief dein Fuß, die schneeige Blöße der Landschaft lag, die sich zum Parnaß hinanzog im Geheimnis ihrer Faunwälder, im Roste winterlicher Zinnen, den Burgen der Ewigen. Bläue quoll über Sunion, wir suchten Hymettos, suchten Salamis, Eleusis, die zierliche Krone der Akropolis, suchten Megaras Weiden, die Rosse der Argolis, den Ziegenhirt an den arkadischen Bergen. Auf samtblauen Fluren verweilten aber Segel, Schwammfischer und Galeonen. Helios fieberte über den frühen Festen meiner Kindheit, wann das saronische Meer sich mit Flotten schmückte, Geschrei und Geschläge der Helden die Himmel erfüllte. Frohe Bürger führten ihre Knaben an Taxushecken entlang; bestaubte Sandalen, Gesang und Kränze und Kuchen, Götter und Genien allerenden und der bemooste Marmor der Wolken, Ahnung Pans, Neptuns salzige Flöße!

Ich habe seine Reiche befahren, die heiligen Wasser, die Griechenlands laubige Küsten bespülen, und sitze erhoben über der ausgebreiteten Herrlichkeit der Bergzüge und Straßen, der Reben und Heiden, der Bastionen und abertausend Kapitäle bis in die Ägäis, die veilchenhelle, und denke Hermionens, denke Cytheras, Pharäs, denke in Tränen Olympias, der geliebten Heimat. O wie wohlig ruht sie im Balsam ihrer Pinien, im Geklingel des Alpheus, wo die Kämpfer sich baden und einander jagen und Künstler verlangend auf ihr Ebenmaß blicken. Ich lag in sonnigem Harzgeruch und entschlief. Holde Verwirrung, angesichts einer fremden Versammlung von Standbildern und Kranzgesimsen im heiteren Nachsommertag zu erwachen, darin die Vögel flöteten, Schilde von Schwertstreichen klangen, eine Jungfrau aus ihrer Steinerstarrung sich an dem Räuchlein ermunterte, das schmeichelnd um ihre Hüfte stieg.

Lebten wir ohne den Anhauch unseres heiligen Vaterlandes, unserer Religion? Wir lebten so wenig mehr wie die Barbaren, die Perser und Ilier, deren erschlagene Heerscharen durch unsere Sturmwinde klagen! Vom süßen Odem der Heimat erblühen die Gaue mit Krokus und Dichtern; wo wir gehen, empfangen uns Hütten, wo wir gehen, wandern wir unter Brüdern. Hört den Regen von Delphi, er netzt auch Attica. Der Staub der Berge weht nach Korinth hinüber! Sie haben den Pentelikon über Land versät in Tafeln, Stelen, Myriaden Göttern, und fahren fort, in den ausgekarrten Bahnen sein Gebein zu verschleppen. Verloren sie nicht die Ladung ihrer Statuen auf den Grund der Golfe? Allhier sprossen Gentianen und Asphodelen dunkel durch Treppenstufen. Der Abgrund lehnt sich mit Strauchwerk gegen die Höhe auf, der Plistus nagt an ihrem Sockel, damit es zur Tiefe fahre, das Geschiebe von Säulenhäusern, der Wald der Standbilder. Die Phädriaden schieben ihren Bauch vor, uns hinabzudrängen, triefen finster und hauchen Nebel um die Kastalische Quelle; sie aber, die heilige Saite, singt in sich verloren. Die naßbehaarten Kobolde im Schierling, Dryaden und Satyrn wollen uns wohl, und Apollo, der Hehre, schlägt seinen Stab ins Gefelse, denn da will er wohnen.«

Bach hatte eine Eule aus der Schulsammlung herübergetragen. Ihr birkenblondes Gefieder stand wie ein Licht auf dem Tische mitten in Muscheln und pfauenfarbenen Faltern. Schläfrig, schalkhaft verdrossen, blickten die Meerschaumaugen unter ihren Lidern hervor auf die Nachtarbeit des Dichters. In seinen Eifern glaubte er sie wohl über halben Grimassen zu ertappen; sie schien aber nur ihren Hals noch ein wenig einzuziehen, der Geruch des alten Bodens rauchte ihm in die Nase, Bäume, Häuser und Gewölk standen dunkel im Fenster, der Wind stieg herein.

Der Wind roch flaumig nach Mädchenhaaren; Wendel sog ihn in seine Nüstern, unersättlich überließ er sich abermals den Strömen des Herzens – »Ach,« schrieb er, »wie manchmal in allen den Nächten habe ich mit der innigen Vorstellung, dich an meinem Herzen zu haben, meine eigenen Schultern umschlungen, mich an deine Heimatlichkeit verborgen, Schauer des Leides, Schauer der Beglückung empfunden, dankbar für den armen Betrug, aus welchem ich einsam erwachte in der wie mich dünkt frostigen Halle meines Heimwehs nach dir, du unaussprechlich Süße, die es an Schönheit und Bedeutung in keiner Weise mit den umworbenen, so erwachsenen und anerkannten, mir aber fremden Frauen dieser Erde aufnehmen darf. Es ist Nacht, sogar Mitternacht, es ist so ganz stille gewordenes hat sich alles in den Schlaf hinwegbegeben; auch du liegst in den Wassern dieses Dunkels versunken, du Grausame, die nichts von mir weiß und die im Schlummer lächelt, derweil es mir graut vor den spärlich im Lande verstellten Lampen, unter denen Mörder vorüberhuschen und Frösche hinabtauchen, der nächtige Wind wie in der Abwesenheit eines Gewalthabers neugierig dahin und dorthin fällt, die Sterne, tief über den Straßen, so streng und finster blinken – ich aber in meiner Wachheit weiß nicht, was ich anfangen soll vor der lautlosen Kühle, in welcher die alte Schöpfung sich auftut mit tausend verdunkelten Städten, Babylon und Memphis, mit den verstoßenen Schluchzern meines Herzens, das nach dir weint, du Schlummernde. Die Nacht, in welcher du schlummerst, wird wie ein Schrein voll des Geschmeides an vergangenen Jahrtausenden. Über deiner aufgelösten Anmut weben die allerwunderlichsten und wunderbaren Erinnerungen der Weltentstehung: der Ziegel der Pharaonenpaläste wird noch einmal warm, der Weizen singt um die Klöster der Mönche, das indische Meer wiegt Galeassen in seinem Blumengrund, und die Tiere der Urwälder klagen. Mir liegt das Herz auch und klagt: denn die Melancholien der Schöpfung ziehen mit Gefahren gegen dich heran. Zieht nicht die Unendlichkeit aller Zukunft wie ein Heer heran gegen dich, die ich in Mittagsstillen und grauenhafte Abenden der Zeiten verlieren werde? Ich traure darüber, nicht alle Abgründe der Nacht, in der du schlummerst, ausempfinden zu können. Mir ist, als überschüttete man mich mit Kleinodien, denen ich keine Gefäße habe; meine Brust steht angefüllt nur mit dem unansehnlichen Verlangen nach einem Troste von dir, deinen lieben Händen, und ich lege mich mit den Lippen denn wieder über meine armen eigenen Hände, die mir dich ersetzen – alle die Nächte her, alle diese Gassen von Verwunderung und Stille her. Sieh, und es wird mir so gut im Gedanken, daß ich nicht brauche befürchten zu müssen, die Welt bestünde am Ende nicht mehr; es liegt eine solche Wonne in der Gewißheit, daß du wirklich dich hier eingefunden hast, um da zu sein, dein Lächeln und deine Nachdenklichkeiten und deine drolligen kleinen Zorne wie einen Beruf sorgfältig auszuüben. Es werden Malven um deinen Lebenspfad stehen, und es wird einmal ein blauer See kommen, an dem alle Schmetterlinge und Kuckucksnelken, die bemoosten Steine, das Heidekraut, die Fische des Wassers und die silbernen Wolkengletscher in einem eigentümlichen Lichte liegen. Das aber macht mich nun froh; ich glaube auf einmal wieder an alles Gute der Erde, und somit beginne ich, eine Hummel in dunklem Kelche, so spät des Nachts, tief hinter Mitternacht, ein wenig für mich zu summen: der Wald, der Wind, die tiefe Höhe sind alle auf diese Musik gestimmt; sie klingen, die schweren Kronen schwingen und erzeugen eine Flut von Wind, die überhand nimmt über den verdunkelten fernen Schneegebirgen, der Himmel voll schattiger Strömungen führt Kornblumen, es wachsen Hügel mit Linden, schweigende Vögel wachen auf in der Landschaft, ach und ich will mir denken, du Süße ruhst wohlig auf dem unendlichen Lager meines Herzens.«

Nach dieser Arbeit sank er in Schlaf wie nur einer seiner Bauern, und nicht bevor der Morgen ihm in die Lider dämmerte, erhoben sich Traumgebilde aus seiner Brust, sah er sich in den dunkel ansteigenden vornehmen Straßen von Paris, aus der Richtung des Meeres sprudelte Schnee über die Paläste herein, die hoch wie himmlische Quartiere aufgebaut und von Kardinälen und Chorknaben bewohnt erschienen, die Papiere der Bukinisten flogen aus ihren Kästen wie Tauben hinaus, die Maler drückten sich ihre Hüte an die Stirn, es zeigte sich, daß das Marseillanermeer angefangen hatte, sich mit der Seine hereinzuergießen, die Flußkähne schaukelten über den Rathausplatz.

Dann hatte es wirklich geschneit und flockte noch immerzu in die warm ausstrahlende Heu- und Apfelluft dieses Landes. Wendel ging dichtend in seinem Haus zwischen Dachtraufen herum; nachts vernahm er die tiefen, mütterlichen Laute schlaftrunken muhender Kühe. Das Obst auf den Hürden roch in der Tat geradezu scharf gegen die Schneehelle an; auch hätte der Blonde sich manchmal verschworen, das sommerliche Jauchzen der Schwalben durch die Fenster zu hören.

Allein es schneite ja nachgerade wahrhaft braun hernieder. Die stete Bewegung nach unten versetzte die Erde in Taumel, das Gesimse stieg wie ein Bug; von der Jagd und dem Aufruhr, von der immer noch wachsenden Stille, die wie der Schnee sich gleichsam selber verschüttete, wurde dem Einsamen bange. Es machte ihm den Eindruck, alle Welt hätte sich von ihm mit berechtigter Ablehnung in die Stuben zurückgezogen; seine Kindlichkeit ging nach Anlehnung aus, verlangte herzlich den Frieden. Im raschelnden Flockenregen trottete er still und besinnlich. Er blickte in tiefe Schluchten, die hinter Buchenwald verdämmerten. Er vernahm Pferdegetrabe und entferntes Wasser. Holzfäller klopften im Nebelgeschiebe, alles widerhallte rauschend und einsam in der silbrigen, dufterfüllten Höhe.

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