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Der halbe Mensch

Albin Zollinger: Der halbe Mensch - Kapitel 5
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typefiction
authorAlbin Zollinger
titleDer halbe Mensch
publisherGrethlein & Co.
year1929
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Bauernjahr

Der blaue Berg

Es regnete wieder, als er in die neue Landschaft einzog; ein Getreide von Wasser strich über die Felder, die grünen Saaten verdämmerten in Nebel, über die Bäche sprudelte es von den Borden, Riedland ging wie ein Meer auf, silbrig belebt von dem Tropfenfall. Der Wanderer seufzte, denn es nahm ein Gesicht an, als ob die Welt nie wieder mit einer Bläue aufgehen wollte – weiterhin kamen Riegelhäuser und Pappeln, Nußbäume und Pfluge in den Ackerfurchen, Weiber humpelten durch die Flure, aus den Tennen blickten Kinder und Bauern dem Fremdling nach.

Dieser gab es nicht auf, sich nach dem Märchenberg umzuwenden, hoffend, daß er durch ein Wunder am Himmel erschiene. Im Angesicht der verwunschenen Höhen gedachte er friedlich ein Dasein voll fremder Verklärung zu führen; die Luft stand ihm voller Schneegebirge, frühe Erinnerungen hörten nicht auf, ihn zu umspielen; manchmal übermannte ihn die Beglückung, daß er im Regen stehenblieb und das Gesicht mit den Händen bedeckte. Danach hielt er wieder Ausschau nach dem Alabaster der Ferne. Die Rosen des Liebeslandes schienen hervor, er erhob seine Arme ins Gesprüh, die Augen gingen ihm über.

Hierauf lief er wieder fleißig voran. Seine Schuhe schleppten den Straßenmorast, er fürchtete noch zu versinken in diesem tückischen Grund. In einer Mappe trug er sein Manuskript, welchem er ebenfalls seine Gedanken schenkte. Dann überblühte ihn die Beseligung, die ihm von herbstlichen Gärten, von den Rittern und Fürstinnen seiner Träumewelt kam. Das Herz ging ihm auf, indem er der Welt gedachte, in die sein Werk über ein Kleines hineinzog. Wollte Gott, so lag es eines Tages zwischen Weser und Elbe im Waldlaub: ein junger Mensch, der es da fand, las erstaunend von allem Brokat und Krieg darin; durch die Bäume blickend, grübelte er um dessen Dichter, wo er wohl eben weilte zwischen allen Meeren, was er dachte, fühlte, ob er schlief oder im Bahnzug fuhr oder einer Dame zu Füßen kniete oder zu Mittag speiste in einem Saale der Stadt. Nun, dieser Dichter genas zur Stunde von schlimmer Schwermut und fühlte es nur um so lichter über sich dämmern, je trüber die Fluten herniedergossen. Plötzlich stieg die Straße in ein Tor von Apfelbäumen, Dächer tauchten ins blaue Dunkel, aus nassen Blüten verschwamm ein entzückender Lenzgeruch.

Einsamkeit und Stille gingen im Dorfe auf; nur Hühner, die behaglich im Trockenen sich ein wenig unterhielten, eine Katze, die mit kopflosen Sprüngen über den Weg setzte, deuteten auf ein hier anwesendes Leben. Die Bauern hatten sich in das tiefste Dunkel ihrer Scheunen zurückgezogen, wo sie auf Gabeln gestützt und gedankenverloren in die Rinnsale der Traufen starrten, oder sie trugen Streubündel im Arme, Tannreis duftete durch alle Gassen.

Bach war an dem Schulhaus vorüber ins Oberdorf gekommen, wo er Ziergärten und einen Springbrunnen vorfand. Er wandelte den Weg wieder hinunter und hörte eine Klasse sprechen. Die Melancholie dieses Chores sowie die Einsicht, verspätet zu kommen, jagten ihm einen Schrecken ein. Es erschien ihm furchtbar, vor die Kinder treten zu sollen, um sie hinfort zu leiten und die rechten Dinge zu lehren – er, der so schüchtern und verwundbar in die Welt zurückkehrte, daß ihm die Hände zitterten.

Er klopfte im Erdgeschoß an, mit seiner Mappe und Geige und mit dem Schirm in den Armen. Eine kleine Kollegin trat heraus; sie stellten sich einander vor auf die eilige Weise, in der junge Menschen sich ihren Überschlag über Hoffnungen und gegenseitige Möglichkeiten machen. Fräulein Hoffmann fragte ihn darüber aus, wo er herkomme; aus Leid und Hochmut weigerte er sich, von seinem Tale zu verraten. Die Lehrerin fürchtete, keine leichte Gesellschaft erhalten zu haben. Sie anerbot sich, den Mann seiner Klasse vorzustellen.

Ihm war auf einmal wieder die Stadt eingefallen. Er dachte an ihre Asphaltstraßen, in denen sich zu der Zeit sonntägliche Menschen und dunkel alle Büsche und Balkone spiegelten. Er sah den Regen ins Seewasser sinken, das geliebte Laub des Tales duftete ihm auf, der Fluß, Anemonen.

Er neigte das Haupt, um sich zu empfehlen. Vielleicht daß es gelang, sich hier irgendwo auszuweinen oder doch in Stille Majas so recht zu gedenken.

Da ging eine Tür neben ihm. Seine Hauswirtin wurde ihm vorgestellt. »Wenn Sie ablegen mögen,« sagte die stille Frau, »Ihr Zimmer liegt nebenan.«

Er folgte durch eine blaugemalte Stube, bei deren Geranien drei Kinder standen. In zager Hoffnungsfreude hatte er daran gedacht, vielleicht eine Giebelkammer abseits in Bäumen zu bewohnen, mit dem Blick auf den Berg. Durch die Küche schritt er in ein dunkles Verließ zwischen Ziegeldächern und Mauern. Das Regenrauschen, das noch immer wuchs, ertränkte die Welt. Über die Simse lief das Wasser herein auf den Bretterboden. Alle Kälte hatte sich angesammelt zwischen den fahlen Wänden. Der Junge schauerte vor Leid und Grauen. Hinter den Regenfluten ging ihm wieder der Wald auf. Maja schritt durch das Rinnsal von Silber im Geruch des Grases. Wendel legte alles von sich und stützte sich gegen die Wand. Allein er bedachte, daß es nun galt vor die Schüler zu treten; er kniete vor seine Habe, an der er sich zu schaffen machte, um seine Ergriffenheit zu meistern.

Unaussprechlich gutes Wesen, dachte er, kam aber nicht weiter, weil wieder das kindischste Heimweh über ihn hereinbrach. Im Spiegel trat ihm sein Bild entgegen wie einst in den Schmerzensnächten. Alles, selbst das Ende seiner Martern, erschien ihm als ein Verlust, den er nur ertrug, weil er sich entschlossen glaubte, dieses Dasein bald zu verlassen. Er litt an der neuen Umgebung, er haßte ihre Menschen; alles Gefühl und alle Treue verschwendete er ans Vergangene. Nachdem er sich gewaschen, schritt er zur Schule hinüber. Die Kinder blickten ihn an mit der Verwunderung von Kälbchen. Es roch alles nach Stall und Moder und trieb ihn zur Verzweiflung; er verachtete die Staffeleien, an denen er schreiben sollte. Die Demut der Kinder vermochte er gar nicht zu achten. Euch will ich hübsch zur Unbotmäßigkeit verführen, murrte er. Sie fanden fürs erste nur einige Kurzweil von seinem vergnügten Gehaben; dann ergründeten sie auch dieses mit ihren alten Gesichtern, indem sie sich auf die Arme stützten.

Müdigkeit, Schwermut und das Grauen vor allem Kommenden wollten ihn erdrücken. So hatte die Zeit begonnen, sich zwischen ihm und der Geliebten anzuhäufen. Alles nahm seinen Gang weiter, ohne Aufmerksamkeit für den lautlosen, unaufhaltsam fortschreitenden Verlust, der für ihn angehoben hatte. Aber das Furchtbarste war seine Ahnung, daß auch er nicht zugrunde gehen, vielmehr Wandlung um Wandlung hinnehmen und sich daran verändern, von Maja hinweg verändern würde.

Er hatte sich grübelnd verkrochen, als ihn die Lehrerin zum Essen abholte. Sie schritten über eine Wiese tanzenden Wassers.

»Wie heißen die Leute?«

»Schulverwalters.«

»Kann man das Essen nicht zu Hause bekommen?«

»Sie werden es nicht bedauern. Grüßgott Bleuler!«

»Ach so, da stand ein Klabautermann.«

»Ja Sie müssen grüßen, Herr Bach.«

»Er verzog ja selber keine Lippe.«

»Das kann für Sie nicht maßgebend sein.«

»Was ist das denn hier für ein Volk?« tadelte Bach. »Es ist ja grauenerregend. Der reinste Meergrund.«

»Da hindurch. Warten Sie die Sonne ab und schimpfen Sie nicht über alles, was Sie noch nicht kennen, Schwerenöter.«

»Der Teufel hat mich hierhergeführt!«

Sie speisten in der Geraniendämmerung einer niederen Stube ziemlich schweigend. Wendel kam sich an der Tafelrunde nicht wohlgelitten vor und stand bisweilen auf dem Punkte Reißaus zu nehmen. »Sie sollen mich ruhig hassen!« sagte er verzweifelt, worauf ihn das Fräulein wieder erforschte: – »Sind Sie eigentlich der Dichter namens Bach? Da wäre ich aber riesig stolz.«

Es war das erstemal, daß er derart sich selbst begegnete; aber Fräulein Hoffmann beeilte sich, ihm zu sagen, daß man ihn nicht etwa verehre. »Immerhin atmete ich auf als Sie kamen, Sie frischer Wind. Ich bin übrigens verlobt.«

»Sind Sie verlobt? Hier? Ich gratuliere!«

»Heucheln Sie mir das vor. Sie denken natürlich –«

»Nicht daß ich wüßte.«

Ein Frohsinn erwärmte ihn den ganzen Nachmittag. Zum Feierabend zog er sein Buch aus der Mappe. Am Fenster sprühte ihm der Regen in die Blätter. Er ließ das Bündel durch seine Hände rinnen; die Bilder von Herbst und Schnee und Nacht und Palästen wehten an ihm vorüber. Du geliebter Reichtum, lächelte er seine Schöpfung an; du mein Ziselierwerk und Wohllaut, du Wolkenweiß und Wipfelgelock, Tummelfeld meiner Seele, Büsche meiner Verschwiegenheiten! Er vergrub das Gesicht darin.

Bei der Lampe ließ er sich abermals mit der Handschrift ein. Schlechten Gewissens – er hätte ja arbeiten sollen – ergriff er die Feder. Das große Rauschen der Nacht schloß ihn ein, er schrieb und schrieb, kaum daß er einmal seine Augen erhob, unwissend über die Klänge, die vorübergingen, Menschenrufe und Stundenschlag.

Endlich lähmte ihn die Finsternis. Er trat vor die Scheiben und sah das Wasser durch den Lichtschein ins Moos der Ziegel sinken. Das Herz ging ihm über, indem er da fern im fremden Regen noch wachte, während Maja schlief. Das Naß aller Straßen duftete ihn an. Seufzend legte er sich zu Bett. Aber noch einmal stieg er ins Dunkel hinaus, beugte sich über seine Hände und versuchte die Schauer seiner Lage zu empfinden, indem er sich zugleich in einem verwirrten Gebet an die Geliebte wandte, sie bittend, ihn zu beschützen vor den Anfechtungen, mit denen die Welt alles Zarte verfolge. Er bettelte Gott um des Herzens Bestand an, erbat sich die Kraft der Treue – sich ganz zerknirschend, streckte er sich auf das Holz aus, um seine Ergebenheit zu bezeigen.

Morgen für Morgen weckte ihn Regengeräusch. Aus Nacht und Götterlandschaft trieb er an graue Küsten, fremder Schrecken voll. Klagend erhob er sich in die Morgenverlorenheit und bereitete sich auf die Tagesmühen vor. Er blickte in den Regenhimmel; todeslüstern tauchte er sein Gesicht in die Wasserschale.

Der Sonntag ging mit tollen Amseln auf. Das Gold des Himmels wob in der Kühle, mit einem Geruch von Maikäfern öffnete sich das Blust.

Zaghaft beglückt, stand der Junge noch eine Zeit herum, dann griff er sein Kleid aus dem Schrank, ereiferte sich, die Wangen liefen ihm rosig an – »Du lieber, lieber Herr,« rief er leise aus, »nun liegt aber draußen der Berg. Der blaue Berg, der Libanon!«

Halt, das geht ja nicht so, sagte er sich und senkte das Gesicht in seine Hände, denen der Duft des Wassers anhing.

Die Innigkeiten des Tages fingen im Licht zu kreisen an; das Tal lag mit Büschen und Straßen vor Wendel. Er sah Maja noch ungekämmt und lieblich verwirrt. Die süßeste Bewegung mischte sich in seinem Herzen mit Schrecken und Ohnmacht. Er grub seine Lieder aus dem Korbe hervor und verweilte sich an ihnen bis in die Vormittagsstunden. Hierauf begab er sich ins Freie und zum erstenmal vor das Dorf hinaus. Säle von Baumgeäst nahmen ihn auf. Die Felder blendeten gelb und taunaß. Eine Hügelwelle stand vor der Ferne, Wendel schweifte hinaus in den Ackerweg. Jenseits erhob sich das Land auf eine bedrückende Weise, dämmerte mit Eschen und Hügeln fern hinan, die schönsten Locken von Gewölk fuhren mit steigenden Schatten darüber. Eine Erinnerung von Mohn lag in den Lüften, Rapsfelder dufteten herunter. Die Wellen des Korns verströmten noch grün und kühl. Eilande von Kirschblust schwammen in den wasserblauen Schatten des Laubgebirges. Wehmut kam den Wanderer an, der sich auf allen Straßen dieser Landschaft durch Buchenhallen und Meilensteine, über Brücken und Bäche erging. Seine Schuhe bestaubten sich, ein benebelndes Licht umrauschte ihn.

So kam er fern abseits von dem Dorfe, dessen Glocken ihn derweil begleiteten. Eine kleine Wildnis aus Schottersteinen, von den Bauern hier angehäuft, reizte ihn wieder wie in der Kindheit, Kronen und Elfenbeinrosen hervorzugraben. Mit einem Schirmstock, den er auflas, stocherte er in dem Schutte herum. Er stieß ihn auch ins Gedörn und fuhr mit einem Schrei zurück, als eine kleine Echse daraus hervorlief. Er schob dem Drachen sein Stäbchen vor die Nase, was er nicht übel nahm; er lag wie ein bunter Prinz vor dem Himmel, so fremdher und ägyptisch, daß Wendel seinen Hut an die Brust nahm und sich den Augen näherte, die da so würdig sannen.

Über seine Schulter blitzte ein Schatten; safrangelb schaukelte sich ein Hähnchen vor der Bläue. Der Blonde folgte ihm auf den Feldweg, über welchen es in der Gesellschaft eines pfeifenden Schwarmes wirbelte. Er lief die längste Zeit, bis er auf einmal vor sich niederblickte, errötete und anhielt. Wie einen See empfand er die Ferne vor sich; Gott mochte wissen, welchen Märchengründen er gegenüberstand. Er ahnte die Brandung des Schneegebirges. Er kniete sich in das Gras hin, um sich für den Augenblick zu sammeln, wo er von dem Land seiner Liebe Besitz ergriff. Es wunderte ihn nicht eben sehr, daß er wieder gar nichts empfand; wer wäre den Anforderungen eines derartigen Augenblicks gewachsen gewesen! Er seufzte ein wenig und nahm denn seine Hände vom Gesicht. In dem Blütengeäst und Mattengrün sah er die Höhe blauen, an deren Seite das Tal sich anmutvoll in den Schnee verlor, zu ferne mit Fluß und Straßen, aber lächelnd geöffnet, wenn Maja vor seinen Augen wandelte. Die Sonne weidete in den geliebten Gründen, nur der Berg schauerte dunkel empor. Wendelin führte die Blicke von Busch zu Busch, von Hügel zu Hügel; er vermeinte die Lämmer zu hören, er lauschte nach dem Wassergebrause und ließ sich nun doch übernehmen von einem flüchtigen Schluchzer. Hierauf schleppte er sich wieder weiter, durch Schlehenbüsche, über die Ackerwogen. Er setzte sich an den Feldrain vor das Zauberlicht. Die Wolken fuhren mit Schattenschiffen vorüber; Wendel gewahrte nun erst das Geschlinge von Lerchenliedern, von denen der Luftraum voll hing. Die herzliche Wehmut, die ihn betrübte, die Stille schläferte ihn ein, und er erwachte nicht bevor die Sonntagsglocken ihn da fanden und dunkel und hoch umstellten. Bedrückt auf den Tod, sah er die fahl erblaßte Welt, aus welcher ferne noch immer die Hecke von Schnee und die Täler befremdlich dämmerten.

Wunderlich ausgehöhlt und entgeistert strebte Wendel dem Dorfe zu. Rauch stand auf allen Dächern; der Geruch der Küchen verlieh der Welt wieder Sinn. Von Besorgnis grollend empfangen, ergab sich der Schwerenöter voll Rührung den Tröstungen dieses Lebens. Die Fülle der Sonntäglichkeit, das wohlbegründete, jahrhundertalte Behagen der Bauernsiedlung umgaben ihn mit ihrer Macht und mit der beträchtlichen Melancholie, die in ihren Erinnerungen lag. Überschwengliches Mitleid mit den finsteren, unerbittlichen Erben dieser fortlebenden Geschicke löste Bach völlig auf; er wußte sich nicht zu lassen vor törichter Verehrung ihrer brachliegenden, verleugneten und gerade darum so ergreifenden Trauer. Den ganzen Nachmittag saß er lesend in großer gedankenvoller Zerfahrenheit; gegen Abend überwältigte ihn wieder die Schwermut der Gegenwart Majas, die in ihrem Sonntagskleid duftend und jung und ein wenig neckisch ihr braunes Haar um ihn bewegte, mit ihren lebendigen Augen allüberall weilte und dann durch Lampen, Straßenbäume und dunkelnde Himmel ferne davonging. Die Unruhe um das Geheimnis des unbeschreiblichen Geschöpfes rieb ihn beinahe auf; er schlug sich mit der Faust gegen das Herz, um Erleichterung zu finden. Es graute ihm entsetzlich davor, zu den Menschen zurückzugehen. Als aber Else Hoffmann mit ihrem Verlobten bei ihm einbrach, um ihn argwöhnisch und besorgt in die Welt zu entführen, dankte er es ihr mit ungemessenem, stürmischem Gefühl, ohne es gerade zu äußern; er sah nur Teilnahme, Verständnis und Klugheit um sich bemüht, und diesen übergab er sich ohne Verstellung. Die Bursche jagten sich mit den Mädchen durchs Haus, Wendel trieb nachlässig mit, indem er sich häufig von Truhen oder sonderbaren Winkelgefügen der Gänge ablenken ließ. Im Estrich nahm ihn die Wildnis von Geräten, Möbeln, Seegras und Festschmuck gefangen. Als er auf einmal die Gitter um sich verschlossen fand, setzte er sich in ein Kinderstühlchen. Das Warten verdroß ihn, er rief ins Gebälk und horchte. Der hohe Dachstuhl umgab ihn wie ein Jahrhundert, voll alter Gerüche und Schatten. Er hob ein wenig einen Ziegel und wunderte sich dumm, daß es geschneit hatte. Die Luft von Kirschblust, die in die Lücke blies, verhalf ihm derweil zur Wahrheit; er sah einen Mond im Blütenwipfel.

Inzwischen war ihm geöffnet worden; Betty, die Jüngste des Hauses, näherte sich jammernd: »O Gott, wie konnte ich es vergessen! Haben Sie gefroren? Alle dachten, Sie wären nach Hause gegangen. Haben Sie gefroren?« Sie stand ihm entgegen wie Baumblust. Wenn er grollend versuchte, sich Bahn zu machen, griff er in ein lindes Gewell von Armen. Am Ende der Selbstüberwindung, schlang er das Mädchen an sich, um sie freilich, finster versonnen, sogleich wieder freizugeben. Linkisch stapfte sie davon. Noch einmal haschte sein Blick nach dem zierlichen Schatten. Sie stieg in den Lichtschein hinab, ein Lämpchen erhellte die Diele.

Vor der Haustür ging ihm der Hund diesmal ein wenig nach.

 

Er schrieb an Guido, er möchte doch kommen; hier wären Felder voll Kraut und Gewölke, er möchte kommen und das Land mit seinem Pinsel erobern; alle veilchenblauen Tümpel, alle Kuckuckshöhen sollten ihm gehören.

Hierauf grübelte er wieder seinem Elend nach, welches er dadurch über sich gebracht, daß er Maja verraten und sieh aller Berechtigung zu Träumen leichtfertig beraubt hatte. Wenn er im Schatten der Vogelbeerbäume nach Hause zog, dann litt er an aller Schönheit, die ihn umwarb und die er nicht annehmen wollte. Er dachte an den Abend des Tales, die Glocken spülten ihm Schwermut ins Herz.

Das Blust war vorübergegangen, der Sommer setzte mit Glut und Stille ein. Fieberbenommen stand ein jeder Tag überm Land, die Mauern blendeten mit weißem Mehl, Brodem der Nelken taumelte im Staube. Nur aus den Kastanien sank ein Regen von Kühle, moosig schimmelten die Nußbaumgärten, in denen die Bauern ihre Sensen dengelten.

Wendelin war in die Straßen gegangen, die mit Pappeln verheißungsvoll auseinanderliefen; aber Ströme, Klöster und bäuerliche Städte dämmerten allzu entlegen; aus Hollundergebüsch und Föhren blickte er sehnsüchtig hinüber. Das Heu lag auf den Matten; kein Mensch sah noch den Träumer, der sich da einsam herumschlug. Ein Jungwald lichter Hagebuchen dehnte sich über die Hügel, grasbestanden und sonnig; da rief noch manchmal der Kuckuck hervor. Unter dem Laubdach, das ihn wie ein Gewässer bedeckte, verlief sich der Blondling in alle Fernen. Es war ihm, Maja müßte plötzlich irgendwo stehen, im Überschwang fing er zu laufen an, indem er die Arme erhob; aber er fand nur die Einsamkeit, sommertägliche Stille, davor graute ihm: Fernhin blühte der Klee, Salbei und Wolkensilber rauchten; die Liebe weilte nicht hier, verdrossen trat Wendel zurück, stieg in ein Beet von Sonne, watete durch Anemonen und zog im Sauerklee seine Pfade, ruhelos, mit den Tränen im Herzen, der Träume voll, die ihm goldene Türme und Gärten im Blauen erbauten.

Es ist ja unmöglich, daß sie nicht kommen soll! trauerte er friedlos. Der Geruch von Rinde, wie einst im Tal, verband ihn den Bächen und Wolken. Sein Blut schlug in drängenden Wogen. Tauchte der Berg aus dem Laubgerank, und der ferne Sommer hing von den Himmeln, dann sah er die Königin im Hermelin ihrer jungen Schultern, erschrocken hielt er inne, um sich das auszudenken. Die Bläue fiel wie ein Regen, durch ihr Dunkel näherte sich langsam das Bergland.

Er schrieb eines Nachts sein Buch zu Ende und harrte nunmehr der Freudigkeit, die es ihm lohnen sollte; aber wiederum brachte die Wirklichkeit nichts von der Art. Obwohl er sich damit abgehetzt hatte, sein Werk noch stets zu veredeln, kam er mit ihm nicht auf jene Höhe, von welcher aus er beruhigt, mit Feierabendgefühlen, das Errungene überblickte. Es war eine Arbeit des Grauens, die ins Uferlose zerfloß, weil er sie abermals angriff, um sie in dem Maße zu zerstören, als er sie zwang und hämmerte. Er entledigte sich ihrer ergrimmt und leichtfertig, indem er sie endlich kurzerhand einem Verlag auf den Hals schickte, ohnehin voraussetzend, daß sie ihm wieder zurückkäme.

Diesmal fand er ein verwundert höfliches Echo, das ihm eine bessere Meinung von seiner Person einbrachte. Eine Nebelmasse zu vollbringender Taten erstand ihm vor dem Blicke; an seiner Inbrunst nächtens erwachend begegnete er sich in der Eigenschaft eines Mannes, um welchen gewichtige Dinge sich vorbereiteten: Wohlwollen und Ruhm, vielleicht erstaunliche Schicksale, Teilnahme der Frauen, die Freundschaft erlauchter Geister. Er biß sich in die Faust vor Entzücken.

In diesem Vollbesitz des Glückes bewegte er sich aufrecht, aber demütig und sogar von einer allgemeinen Dankbarkeit durchdrungen, in welcher er manchmal Gefahr lief, vor den Menschen der Rührung zu erliegen. Betty entging das nicht; er seinerseits beobachtete wohl die Verwandlung, die sein guter Mut an dem Mädchen bewirkte, eine gewisse Scheu und Neugier und die Ernsthaftigkeit, von der er befürchtete, daß sie eines Tages in Herzeleid und Ergebung umschlagen würde. Er fühlte sich schuldig, aber willens gutzumachen; er nahm Gelegenheit, der Kleinen zu vertrauen, daß er sich unterwegs befinde, ein berühmter Mann zu werden, er sagte ihr auch inwiefern. Hierauf ergriff er sie bei den Händen, erforschte sie voller Ernst und sprach: »Das bekenne ich dir, weil ich in deiner Schuld stehe, Betty. Verzeih mir, ich habe dich ein wenig bestohlen an jenem Abend, als ich mich übernehmen ließ, obwohl ich natürlich wußte, daß kein unbedingtes Gefühl mich dazu berechtigte. Wer von uns lebte rein und ehrlich und aus unbeirrten Instinkten, ohne sich selbst zu verraten. Durch jene Fahrlässigkeit habe ich mich in die Lage gebracht, dir erklären zu müssen, daß ich anderswo verpflichtet bin und nicht daran denken kann, wie es mir wohl behagte, mich dem mühelosen, süßen Idyll der Liebe zu dir zu übergeben,« sagte er, dunkel errötend.

Sie begriff ihn offenbar nicht.

 

Ein Schleier verhüllte den Himmel silbergrau, als Wendelin durch die Landschaft der Stadt entgegenwanderte. Er erhob die Hand, nach Tropfen spürend; ein Schneefall von Dämmerlicht sickerte herab.

Nun lag es ihm sanft und lind um sein Herz. »Noch heute wirst du mit mir im Paradiese sein,« sprach er zu seinem Schatten, wonnevoll angeregt von der Nähe der verklärten Gaue.

Wieder lag Heu auf den Wiesen, Kümmel und wilde Möhre würzten den Dunst der Wärme. Die schönsten Rosen schwammen auf dem Wasser, zwischen Gewölk und verdunkelter Spiegelung, durch welche der Riedgrund, Wald und die kleine Burgstadt heraufsahen.

Aus Lewatfeldern lief der Bahnzug hervor, mit schneeigem Dampf aufleuchtend. Die Namen entlegener Städte erschienen in diesen Fluren wie Feen, die Bläue von Seegestaden und der Widerschein stiller Gewölke verklärte die Fenster, in denen der Jüngling dahinfuhr. Wendel lobte sich die Ruhe, die ihm das Herz verhüllte. In ihrem Schutze wandelte er in die Straßen hinaus, vor das Haus des Verlegers und weiter zum See. Die Bäume welkten in der Sommerglut, spärliche Menschen belebten die Plätze, im drolligen Griesgram ihrer Erschlaffung, tiefsinnig standen sie vor Bücherläden und Feinbäckereien.

Wendel betrübte eine leise Enttäuschung, und dennoch empfand er friedlich das Genügen, sich hier verträumen zu dürfen. Die Sonne ging wie ein Mond im Geäst, von den Fluten gespiegelt. Über die Kronen erhob sich der Berghang duftig belaubt, mit Föhren, Gefelse und fernen Wiesen. Ihre verblühten Herbste dufteten ins Heu; Bach widerstand der Erinnerung, sie bedrohte ihn mit Herzeleid. In allen Büschen welkte Musik, die adelige Lustbarkeit der Winterabende, und er, der da seine Nase hindurchtrug, fühlte sich als Träger erlauchten Geschickes.

Er betrachtete seine Hände – Künstlerhände, Gott sei Dank. Ganz ohne Hochmut befand er sich wohl in der Haut eines öffentlichen Menschen; unterwegs zu den Wohnungen des Ruhmes fühlte er sich äußerst behaglich, empfand er die Genugtuungen einer erhabenen Geborgenheit.

Fröhlich und sogar etwas übermütig saß er inmitten der Bücher, die im Verlagshaus wie eine Ware allüberall lagerten. Der Inhaber ließ auf sich warten; allein der Betrieb unterhielt den Dichter vollauf. Er hatte daran nicht gedacht, daß ein Söldnerheer von Rechnern, Setzern, Buchbindern, Eilboten und Zeitungsbeflissenen auf den Beinen stand im Dienste der Träumer und Denker, deren Wort sie erlauschten, um es einzufangen, zu befestigen und vor die Welt zu bringen wie eine himmlische Beute. Ihr dienstbarer Eifer vermochte Bach zu rühren, er wurde sich nun erst der Hoheit bewußt, die die Musen kleidete; er erschrak ein wenig und gelobte sich eilig, seine Arbeit inskünftig noch ernsthafter zu tun.

Dem vornehmen Geiste, welcher der Schönheit und Herzenskultur diese Schutzburg erhielt, näherte er sich ehrerbietig und brüderlich. Er fand ihn nicht so leicht in einem Tabaknebel, aus welchem sich seine Augengläser verwundert erhoben und wieder senkten; der Blonde stand eine gute Weile, bevor er noch einmal grüßte.

Er möge belieben, sich zu setzen; der Verleger fuhr derweil fort zu schreiben, indem er den Federhalter an seiner Fahne erfaßte und mit Behendigkeit vor sich herstieß; aber er drehte auf einmal die Mappe und zeichnete in der Weise, daß er einen luftigen Schnörkel über das Blatt hinabzog, den Stempel daraufhieb und es dann von sich warf – »Na, und wie geht es Ihnen?« frug er, kam um den Tisch herum und bot eine schüchterne Hand. »Sind Sie denn mit der Bahn hierher gefahren, oder wie erreichten Sie die Stadt, und kann man Sie allenfalls besuchen? Sie sind doch Herr Bach, hat man mir gesagt? Sind Sie verheiratet, Herr Bach, haben Sie noch Ihre Eltern? Was ist es für eine Landschaft, in der Sie wohnen: flach oder eher gebirgig – wie fühlen Sie sich in Ihrem schönen Beruf als Erzieher der Jugend?«

Dieser Art hatte der Junge sich nicht versehen. Er überschaute die Fragen, um ihrer Herr zu werden. Es dunkelte mittlerweile und grollte mit fernen Donnern. »Oho, wir bekommen ein Wetter!« sagte der Verleger, indem er am Fenster emporsah. In den Birnen- und Quittenbäumen raschelte ein Wind auf.

Dann blieb es ein Weilchen still in dem verträumten Quartier. Wendelin hatte sich überraschen lassen und eine Zigarre genommen; auf diese verwendete er seine Gedankenkraft in der Absicht, sie irgendwie umzubringen. Er redete närrisches Zeug, und der Kaufmann zog seine Brauen herauf, was den Blonden vollends aus der Fassung brachte.

»Sie beehrten uns, ein Manuskript an unsern Verlag zu schicken,« sagte Ginstermann. »Ich denke, es wird Ihnen bekannt sein, daß man zu der Zeit natürlich kein Buch herausbringt. Die Schwierigkeiten im Gewerbe sind derart, daß ich für die Drucklegung Ihres Werkes ein kleines Vermögen investiere. Das tut man für einen Namen von Rang, nicht wahr, der den Erfolg verbürgt, was in Ihrem Falle nicht zutrifft. Erfahrungsgemäß besagt ein talentvoller Erstling gar nichts. Es handelt sich darum, ausdauernd ein drittes und fünftes und vierzigstes Werk zu vollbringen; dann erst bestätigt sich das Können. Ihre liebenswürdigen Poesien, Sie erlauben das, wird mir kein Mensch bezahlen. Das Publikum verlangt einen Gegenwert für sein gutes Geld, und diesen sucht es in lebendiger Handlung, der Leser will ein Gewicht, verstehen Sie; er sieht nach der Seitenzahl, das ist natürlich, wenn auch vielleicht kindlich. Können Sie nicht versuchen, die Geschichte irgend ein wenig noch auszuspinnen, hm? um einige fünfzig Seiten, damit sie ein etwelches Ansehen gewinnt.«

Er hatte die Blätter aus einer Lade gezogen und ließ sie durch seine Finger brausen mit einer Miene erstaunten Verdrusses.

»Sie belieben zu lachen, Herr Autor. Na ja, Sie vertreten den Idealisten, ich bin nur praktischer Vermittler, der geringere Teil, ohne Frage. Allein –«

Der Blonde legte die schöne Zigarre vor sich auf den Schreibtisch hin, reckte die Hand aus und sagte: »Darf ich bitten, Herr Verleger?«

Seine Handschrift erschien ihm fremd und hergenommen. Er sah auf sie nieder wie auf ein Wiegenkind, indem er sagte: »Verleger müßten eben ein Vergnügen von dem Bewußtsein haben, Träger der Kultur zu sein.«

»Ach so!« Ginstermann grinste. »Sie beabsichtigen, mich zu verblüffen. Nun, hören Sie, das ist die Sprache aller Anfänger. Glauben Sie mir, es gibt eine Seite der Angelegenheit, der mit dem Hochsinn nicht beizukommen ist. Drucken Sie Ihr Buch da!« rief er und stieß mit seiner Zigarre danach, um sie dann abzustreichen. Er zog einen Fuß übers Knie herauf, lockerte den Kragen, gähnte, indem er die Finger gegen seine Lippen tätschelte und auf einmal vornüber knickte, um die Kamee seiner Berlocke mit einer Verwunderung zu ergreifen, als machte er eben erst ihre Entdeckung.

Dann schoß er einen Blick zu dem Jüngling hinüber. »Ich kann mich bereiterklären, Ihre Schriften zu übernehmen nach meinem Kollektivvertrag auf sieben Jahre, abgesehen von diesem Probestück, das nicht in Betracht kommt. Nehmen Sie Kenntnis von den Bedingungen, entscheiden Sie sich und lassen Sie wieder vernehmen, sofern Sie darauf bestehen, noch weitere Bücher zu verfassen – nicht wahr?« Er schoß wie ein Militär in die Höhe.

Wendel drückte sich auf seinem Sitze herum zwischen Lachen und Tränen. Langsam erwiderte er.

»Bedaure, Herr, ich bin am Ende meiner Geduld. Täglich erlebe ich, daß andere mich überflügeln, mit Gedanken, die sie mir vorwegnehmen, mit Ehren, auf die ich Anspruch erhebe – man läßt mich verschüttet, man verkennt mich, ahnt mich auch nicht einmal, es ist qualvoll; ich lehne mich endlich auf, ich will gehört sein, und wenn es sich schickte, so bettelte ich zu Ihnen: Drucken Sie aus Großmut diese Geringfügigkeit! Jugendliches Vertrauen zu beirren ist doch wohl das Gegenteil Ihrer Berufung –«

»Na, na, na, na! Ich denke, wir lassen uns nicht darauf ein, die Verbindlichkeiten eines Verlegers zu umschreiben. Sie haben als Unbekannter alle Ursache, froh zu sein, wenn ein Finanzmann sich Ihrer Träume annimmt auf ein Risiko hin, das der Handel mit irgendeiner andern Ware nicht in sich schlösse. Ich wünsche Ihrer Arbeit gutes Gedeihen und werde mich freuen, wenn es zu einem schönen Verhältnis zwischen uns kommt, Herr Bach. Ein solches beruht auf unbedingtem Freimut beider Teile. Autoren gibt es die Fülle, nicht wahr; das ist es nicht! Was uns weniger häufig begegnet, das sind Begabungen. Nun, was schreiben Sie zu der Zeit, sagen Sie mir, oder welches sind Ihre Pläne, hm? – ein Roman, getrauen Sie sich einen rechten Roman zu erfinden? Das sollten wir alle wünschen.«

Es donnerte. Unter den Himmeln fing das Unheil zu sausen an. Laub und Papierzeug raschelten im Winde, nächtige Wasser fuhren herauf.

Wendelin schaute in den Blitzglanz, der öfters den Hof übergoldete. Das nahe Tal ging ihm auf, Maja wandelte dunkel und lebendig vor seinem Herzen.

Ihr schönen Augen, dachte er, mir widerfährt es beglückend, daß ich in fremden Gemächern sitzend eurer gedenke. Über die Wälder des Bauernlandes schneit der Regen. Hier dunkelt der Sandstein von der Nässe, die auch um deine Haare duftet. Deine Büsche wimmeln im Regen, dein Atem befeuchtet mich, Süße, du Süße!

Er betrachtete den Hausherrn, der im Fenster blaue Rauchfetzen dampfte. Im Grau seines Kleides dämmerten die Regenmorgen der Städte, aus denen er herkam.

Von Wendels Herzen verbreitete sich ein Lichtschein. Er liebte den Fremden. Warum tust du nicht deine Hand auf, du Großer! dachte er sehnlich; so nahe ist mir die tollste Beglückung, es liegt bei dir, sie zu ermöglichen. »Meine Vorstellung von den Zaubern der Druckerschwärze,« redete er auf einmal, »ist so märchenhaft als närrisch. Ich überschätze all das vielleicht. Ich überschätze möglicherweise sogar die Bedeutung der Kunst im allgemeinen –«

»Das ist jedenfalls eine große Gefahr.«

Wendelin lächelte. »Aber woran sollen wir uns halten, wenn wir unser eigenes inneres Wissen in Zweifel ziehen? Mein inneres Wissen macht mich glauben, daß eine Menge vortrefflicher, schöner Dinge sich in meinem Herzen vorbereitet, ganz ohne mein Dazutun, daß aber diese Dinge mich erdrücken werden, wenn ihnen der Weg versperrt bleibt.«

Der Buchhändler näherte sich.

»Wir haben nun Juli?« sagte er nach einem Schweigen. »Sie sind ein kindlicher Mensch, Sie!« Er wendete sich ab.

Aus dem singenden Regen kam seine Stimme von fernher zurück. »Was wollen Sie denn mit dem Buche? Wollen Sie darauf schlafen?«

»Es wäre wahrhaftig möglich.«

»Sie sind kein Dichter!«

»Wer einem darüber Auskunft gäbe!«

»Mich aber kommt ihre Grille teuer zu stehen, mein Lieber! Es ist ja Wahnsinn, aber Sie sollen Ihren Willen haben.«

»Ich danke ergebenst, Herr Verleger.«

»Unter der einen Bedingung!«

Ginstermann lief in Wendels Rücken vorüber und tippte ihn mit dem Finger an. »Daß Sie dann fleißig sind!«

Der Blonde lächelte.

»Daß Sie mit Ihren Romanen kommen!«

»Gott helfe mir.«

»Auf daß wir Freude voneinander haben, na?«

Dunkel strahlend erhob sich der Jüngling. »Augenblick,« sagte der Verleger, indem er sich in die Gänge entfernte.

Bach zog das Bündel seiner Lieder aus der Tasche hervor, betrachtete es und dachte an Maja. Wonnesam rauschten die Lüfte.

Ginstermann trug eine Schale mit Obst herein. »Nehmen Sie davon, wenn Sie das Rauchen verschmähen,« sprach er und wendete sich herum: »Hallo, noch einmal ein Manuskript?«

»Und was für eines, Herr Ginstermann.«

»Donnerwetter.«

»Auch wenn mein Verdienst daran gleich null ist.«

»Bedienen Sie sich doch! – Wieso gleich null? Sie haben es doch gemacht, es ist doch ein Werk von Ihnen?«

»Es fiel mir so in den Schoß.«

»Ei ja. Es sind Verse, wie ich sehe? Wie nennen Sie das Opus?«

»Lied aus der Nacht.«

»Holla, das klingt gut. Ist es schon fertig?«

Bach war erschrocken. Der Gedanke, daß seine Lieder sich einmal erschöpfen würden, brachte ihn in Verwirrung. Er äußerte etwas in dem Sinne, daß er dergleichen nicht hoffe.

»Nicht? Du lieber Himmel, wie stelle ich mir das vor?« rief der Verleger entgeistert und von Hohn wetterleuchtend.

Ein Junge erschien mit Papieren. Drachenhaft und abscheulich, mit aufgestoßenen Schultern, führte Ginstermann seinen Kopf darüber. Dazu sagte er: »Rechnen wir mit dem halben Genie Ihres Meisterwerkes. Wissen Sie, was ein Schriftsteller von Rang mir einmal äußerte? Das ekelhafteste wären nicht Zweifel, aber die Überschätzung am Anfang. Das sagt ein Prominenter. Vielleicht entnehmen Sie für Ihre Person eine gewisse Vorsicht daraus, sowie den Ansporn zum Fortschritt. Wenn sich ein Bruchteil Ihrer Begeisterung in der Käuferschaft bestätigt, alsdann wollen wir uns loben. Einstweilen gewärtigen Sie klüger die Verkennung. Die Welt wie sie ist, kommt Ihrem Jugendfeuer nicht von der gleichen Voraussetzung entgegen. Aus einer hundertfachen Erfahrung soll ich Ihnen leider sagen, daß mit verschwindenden Ausnahmen derlei Begabungen zuletzt entsagen, froh der Verschollenheit, die ihren Irrtum auslöscht. Nehmen Sie diesen Vertrag zuhanden, unterfertigen Sie sein Doppel und lassen Sie uns dieses wieder zugehen. Gedichte verlegen wir grundsätzlich keine. Es bezahlt sich nicht, diese Rückstände irgendeiner Liebe, durchaus persönliche, wenn auch achtbare Manifestationen, der Öffentlichkeit zu vermitteln. Na, Sie brauchen deshalb nicht zu verzagen, zum Donner. Mäßigen Sie Ihre Zuversicht, aber trachten Sie immerhin nach der Herrlichkeit, die sich Ihnen möglicherweise gnädiger erzeigt als andern; man kann das so sicher nicht wissen.«

Damit war Bach entlassen. Als er in strömenden Regen hinaustrat, liefen ihm die Augen über. »Bube, Schurke, Schuft,« murmelte er ergriffen vor sich hin und verlief sich in die Wasserflut voller Trübsal, ernüchtert und entsetzt. Er geriet vor den See, der mit grauen Wellen heraufschlug. Welche verhaßte Rücksicht hinderte ihn noch immer, hinabzuspringen und es gut zu haben? Er stand in der Welt auf die furchtbarste Weise heimgeschickt. Was war mit ihm vorgegangen? Gab es ähnliche Mißhandlungen, die irgendein Spitzbube ungestraft verübte? Das bitterste an der Sache war, daß er sich selber verlassen hatte; zum Spott des Kaufmanns legte er den eigenen Sarkasmus, einen Ekel, der ungleich heißer schmerzte. Mit welchem Ziele fuhr er Eisenbahn? Warum lebte er? Bei den Eltern fand er nur Zwietracht vor. Darum versuchte ihn nichts, aus der Vergrabenheit seiner Kammer hervorzukommen; die Welt lag wie Blei um ihn. Wer hat die Teufelei ersonnen, dachte er, uns das Leben zu geben? In Abgründe zu springen enthebt uns dem Dasein keineswegs. Als der Vater heraufstieg, um ihn wehmütig zu beschwören, raffte er seine ganze Strenge zusammen. »Wofür?« sagte er. »Wofür, wofür soll ich mich erkenntlich zeigen? Dafür, daß ihr, die ihr mich eigenmächtig erzeugtet, mir ein so schlechtes Beispiel der Verträglichkeit vorgelebt habt? Was habe ich zu schaffen mit eurem alten Hader? Ich weigere mich, meine Kräfte daran zu verschwenden; ihr seid wie vernunftlose Kinder.«

Sobald ihm die Mutter über den Weg lief, versäumte er nicht, seinen Abscheu vor ihr auszuschütten.

»Weiß Gott, was hast du denn mir zu grollen!« schrie er lachend und außer sich. »Deine Verachtung widert mich an, ich verbitte sie mir, du machst dich unsagbar lächerlich!«

Aus trüben Augen blickte sie ihn an, wischte ihre Hände und entfernte sich.

Es berührte ihn wenig, daß sie das Haus verließ. Er bereitete dem Vater das Essen zu, machte die Betten und sah über Tag in den Regen hinaus. Flüchtige Ängste nur lähmten ihm manchmal die Hände. Am vierten Tag, gegen Abend, schrie er auf einmal auf. Er lief in den Estrich, hinab in den Keller und rund um das Haus. Der Vater fand ihn auf dem Sofa liegend, kreideweiß und verwandelt. Einige Nachbarn ließen sich dazu bewegen, auf die Suche mitzugehen, indem sie aber stets wiederholten: »Man soll nicht gleich das Schlimmste befürchten.«

Und in der Tat, nach allem Aufsehen, das sich ergab; erschien die Frau wieder im Hause, leise lachend aus einiger Scham und aus Behagen, das es ihr schuf, derart die Herzen für sich erregt zu haben. Wendel, der wie ein Besessener hereinfuhr, sah sie nicht sobald stehen, als eine Tobsucht von Zorn und Schluchzen ihn anfiel. Erstarrend vernahm die Frau ihren blonden Sohn; sie ergriff ein Kopftuch und ging in den Regen hinaus.

Auf allen Straßen rauchte das Wasser. Sie weinte ein wenig, wie ein verdrossenes Kind, indem das Gelüste zum Tod sie nun eigentlich enttäuschte. In vielen Stunden hatte sie sich ausgemalt, wie listig sie dereinst ihre Flucht aus der Erde nehmen würde. Zur Stunde blieb alles grau, ohne Tiefe lagen die Wellen, alle Ausgänge verriegelt. So kam sie denn an das Ried, welches sie furchtsam überblickte. Sie weinte auf und verklagte die Menschen, indem sie die Faust an die Stirne hob. Danach fand sie eine Betrübnis, die sie erquickte. Das Leid, alle Städte der Welt hiermit zu verlassen, ergriff sie begeisternd. Kaum daß sie aber in die Fluten vorging, wehrten ihr Gräser und Tropfen; sie wich voll Schrecken zurück und floh über Acker und Wiesen.

In einer schmerzenden Verzückung wurde sie willens, im Schneegebirge zu sterben. Allein wie ein Bruder begegnete ihr der See; aufjauchzend warf sie sich dem in die Arme, und es enttäuschte nicht: Das versäumte Glück eines Lebens glühte ihr in dem Sturze auf, der sie in purpurne Tiefen entführte.

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