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Der halbe Mensch

Albin Zollinger: Der halbe Mensch - Kapitel 4
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typefiction
authorAlbin Zollinger
titleDer halbe Mensch
publisherGrethlein & Co.
year1929
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Das Tal

Jeden Abend saß er da, auf seine Arme gestützt; das Dunkel sammelte sich um ihn, die Mitternacht wartete in seinem Rücken, plötzlich rauschte der Fluß durchs Zimmer.

Er ließ allem seinen Lauf und ging in einer gewissen festlichen, todesbereiten Erwartung herum. In den Baumgärten traf der Herbst seine Anordnungen, eine empfindliche Kühle floß von den Wäldern herunter, der Geruch von Reif lag darin, unsichtbar dunkelte Schneegewölk, in dessen Schatten der Fluß seine Wellen dahintrieb, eilig und klar. Es wurde mitunter so still, daß vergangene Geräusche wieder hervortraten: Lämmerklagen, verhülltes Feuergeprassel. Regnende Nebel standen wie ein Wasser vor den Höhen, die Äpfel fielen ins Gras, in den Fluß, der sie hinwegtrug.

Wenn die Kleine da vor der Waldferne saß, lag ihr ein Flaumlicht im Haar. Ihre Art, beide Hände nach Spieldingen über das Pult zu schieben, die Wachsamkeit ihrer Augen und manchmal nun ein Lächeln, das den Mund umgaukelte, ihr ganzes Wesen rührte ihn so, daß er sich im Augenblick ermunterte, alles in eine geschicktere Hand nahm und unversehens als ein Hexenmeister der Kurzweil das fröhlichste Leben erzeugte. Mia, die es verursachte, gab sich ihren Sondergeschäften hin, bettete ihre Lappen um, ordnete das Gerät, hatte aber wohl einen gelegentlichen Blick für den Lehrer, daß es ihm das Blut im Herzen wendete. Müde verträumt sah er ins Tal hinaus. Die Stille gewahrend, raffte er sich auf und rief:

»Kinder, es wird ganz dunkel!«

»Eine Geschichte!«

»Man wird dann stets nur Geschichten erzählen. Ich weiß keine.«

Da rückten sie jubelnd zusammen. Nur Mia sah verwundert auf, weshalb er sie traurig betrachtete. Das Herz schlug ihm, in der Versuchung, sie zum Gegenstand eines kleinen Vorwurfs zu machen; allein er getraute sich nicht und hatte sie bereits auch viel zu lieb dazu. Wenn sie sich aus der Bank erhob, lehnte sie eine Weile lässig, auf schmalen Hüften, deren junge Hoheit er erschüttert mit einem Blick überflog.

Täglich sah er die kleine Königin in die Bäume davongehen, noch immer wußte er keineswegs wohin, aber er hatte sich eine umfassende Vorstellung von der Stätte ihrer heiligen Verborgenheit gebildet, er glaubte an seine Gesichte, die Landschaften seines Herzens schlossen ihn gänzlich ein mit Malven und Sonnenblumen am Wasser; Kiesgruben, gewürfeltes Bettzeug, Primeln, Erlen und Getreide dämmerten in der Umgebung seines Bewußtseins. Die Not der Einsamkeit hatte ihn eines Tages getrieben, sehnliche Verse zu erfinden; seither verging kein Abend, den er nicht mit dieser verführerischen, aber zumeist mühseligen, hangenden und bangenden Arbeit wenigstens beschloß, fern hinter Mitternacht, in Wüsteneien der Erschöpfung und heimlicher Angst, eine unabsehbare Sache begonnen zu haben; denn er fühlte wohl, wie seine Träume, indem er sie überhandnehmen ließ, von ihm Besitz ergriffen, Wurzel schlugen und die Wirklichkeit überwucherten. Er sah das ungefähr ein, doch ohne etwas dagegen zu vermögen oder es auch nur zu wollen; der Argwohn, daß er Gefühle verwechselte, trieb ihn vollends dem Überschwang in die Arme: die Tiefe der Ahnungen, die Wollust seiner Bangnis, alles versammelte sich wie eine dunkle Luft um die Königin.

Endlich ging er hinaus in die Nacht, den Fluß entlang und an den Wald hinauf, wieder abwärts zu einem Stoppelfeld, an dessen Rand ihr Haus lag.

Er hörte drinnen ihre Stimme und flüchtete voll Schwermut. Der Mond hing gelb in der Dämmerung.

Es graute ihm so sehr, daß er ans Ufer hinabging, um ohne Besinnen in den Tod hineinzustapfen.

Am Ende blieb die Verzückung, alles ertragen zu wollen, wenn er dafür mit ansah, was aus der Königin wurde. Unter demselben Himmel mit ihr zu leben, schien ihm auf einmal Glücks genug. Strudel der Wonne fochten sein Herz an. Es kam ihm so vor, als ob es seine Bedeutung habe, wenn sie hier auftrat. Ein halbes Bewußtsein um die Ordnung der Vorgänge und das Gewicht des Geschehens ging ihm benebelnd durchs Blut. Die Königin stand wie ein Ziergewächs allüberall vor seinen Augen; ihre Gebärde verfolgte ihn wo er stand und ging, der unaussprechliche Liebreiz, belebt wie ein Busch, von Lichtern und Dämmerungen überspielt. Nun fror es ihn an den Schläfen, wenn von ferne her der Jammer der Schafe blökte, ihrer Schafe, in deren Mitte er sie mit einer Laubrute sah, eine kindliche Johanna. Von den Gebüschen strich die Würze daher, und er blieb stehen, um sie erschauernd zu schlürfen. Die Abendglocke vergoß Schwermut. Entrückte Bergübergänge schwelten im Licht.

Vor seinem Fenster glitten Radfahrer vorüber, die Eisenbahn erfüllte das Tal mit ihrem Kohlenstaub, mit widerhallenden Pfiffen.

Nachts erwachend, setzte er sich aufrecht und lauschte.

Er trieb gegen ihr Haus hinunter und jagte doch voller Schrecken wieder hinweg in die Wälder. Da blickte er auf ihr Dach, verwundert und listig und alsbald erschöpft von der Heftigkeit, mit der er sich mühte, zu begreifen.

Um Mitternacht heimkehrend, suchte er seinem Zustand Worte zu finden.

O du, nun schläfst du
Hinter deinen Fenstern,
Und der Mond
Scheint auf dein weißes Gesicht,
Auf deine Locken,
Auf deine Augen, die geschlossen,
Auf die Lippen,
Auf deine Lippen, die feucht sind und glänzen.

Wie soll ich Ruhe finden
In dieser Nacht!
Im Schatten der Linde steh ich,
Sehe die Sterne zittern,
Sehe den Mond fahren
Und die Schatten wandern,
Sehe den Schein glänzen

Er erhob sich, drängte sie zu sitzen, und indem er sich niederbeugte in ihren Schoß, legte sie ihm die Hände aufs Haar.

Die Ungewißheit darüber, ob es sie selber anging, blieb ihr nicht erspart. Eine Weile saß sie bleich und beleidigt in der Grausamkeit dieses Zustandes; dann kam ihr ein besseres Wissen; ein wenig lächelnd, drückte sie inniger sein Haupt an sich und betrachtete dabei die schwärmenden Stare.

Nach Verfluß einer Stunde, in welcher sie so verharrten, regte er sich plötzlich. Sie begrüßte ihn wie einen Erwachenden; es roch nach Abend, nach der Kapuzinerkresse, die auf dem Tische stand. Durch Wendels Augen ging ein linder Schmelz.

Die Frau nahm den Blondkopf zwischen ihre Hände, sagend: »Darf ich das, Junkerlein? Ja, das muß ich wohl dürfen. Und wie geht es? Wo wohnt sie, wer ist es; kenne ich sie auch?«

Noch sah er sie weiter nur an, aus seinen blauen, dunkelheiteren Augen, die ihr vorkamen wie ein bewegter Himmel. Dann ging er auf einmal nach Hause.

Spät, nachdem sie sich schön gemacht, schrieb sie einen Brief an ihn.

«Hallo, ich teile Ihnen mit, daß Sie ein blitzgescheites Brüderlein sind; nur zu, nur zugefahren. So gibt es denn in der Welt noch Dinge, so schön, daß einem davor die Tränen kommen. Segen über Ihre Liebe, Segen über den Gegenstand Ihrer Liebe; mir wird ganz wunderlich, daß Sie nun lieben.« Hier ergriff es sie mächtig; sie ergab sich auf eine Weile den Tränenschauern, die sie umspielten; dann nahm sie wieder eilig die Feder auf.

»Hingegen erkenne ich, daß man rein nichts dazu sagen kann, weil alles noch ungeschehen ist; nicht einmal trösten, denn soll man Sie nun trösten? Seien Sie lieb und seien Sie gerecht gegen sich selbst, und wenn immer es Ihnen wohltun mag, so bringen Sie Jubel und Schmerzen daher zu mir. Gelt? Zu Ihrer ganz ergebenen

Elisabeth Fahm.«

Sie dachte den Abend nur an ihn, überlegte erschrocken, ob es ihr auch zukomme, ihn so brüderlich zu betreuen; vor Freude errötend, trat sie diese Rechte an seine Unbekannte ab. Sie wußte gar nicht, wie schön und freundlich sie sich diese vorstellen sollte.

Es gelang ihr leicht, sich zu bescheiden. Etliche Wochen stand sie ihm bei, ohne in ihn zu dringen. Endlich sagte er gequält:

»Ich mißbrauche ja Ihre Güte!«

»Da machen Sie sich keine Sorgen. Die Gesunden bedürfen des Arztes nicht. Aber können Sie sich denn dem Mädchen nicht vertrauen, geht das nicht? Müssen Sie all das leiden?«

Er ging nach Hause, vergoß eine Flut von Tränen und beschrieb ihr dann seine wunderlichen, unmöglichen Umstände. Gerade vor seiner Abreise in die Ferien.

Aber nichts von dem befürchteten Leid kam auf; sein Herz nahm es nicht in acht, daß er anderswo lebte. Er entbehrte die Kleine scheinbar nicht. Gott sei Dank trat wieder Homberger auf.

Tragisch erregt von Geschehnissen, denen er eben entkam. Er hatte wieder eine Liebe hinter sich gebracht und sah mitgenommen aus. Er zeigte Bach einen Browning und das Bild der Geliebten, einer jungen Frau von kindlichem Liebreiz. Wendel fiel es schwer, an ihre verheerenden Gewalten zu glauben.

»Aber sie sieht doch so mädchenhaft aus?« fragte er und blickte auf Maxens blutrote Lippen. Sie sogen begierig an einer Zigarre.

»Ja warum soll sie das nicht, in aller Welt! Was ist sie denn anderes als ein Mädchen, auch wenn sie Mutter ist?«

»Ich finde es schade, daß ihr euch so verfehltet. Nimm es mir nicht übel, es war doch schade um die liebliche Frau. Entweder überwindet sie nicht das Heimweh nach dir, oder sie kann mit ihrer Ehe nun weiter nichts mehr anfangen; am Ende wird sie ihr Kindchen hassen, gerade weil es euch gegenüber so klug und rücksichtsvoll war, wie du sagst. Der Teufel macht sich in Verkleidungen an uns heran, und für den ist alles zu schade. Was hast du nun vor? Ist dir jene Pistole wieder feil, oder gedenkst du sie noch erst zu brauchen? Wem galt denn eigentlich die Kanone, dem Ehemann?«

Homberger wandte das Gesicht mit einem Ausdruck von Verdruß und Bitterkeit hinweg. »Du wirst noch lernen müssen, das Leben zu ergreifen und es nicht wie einen heißen Brei zu umgehen,« spottete er seinerseits. »Du lebst ja überhaupt nicht.«

»Das ist möglicherweise eine Täuschung von dir,« entgegnete Bach, den Vorwurf erwägend. »Es ist die Frage, wo das Leben sich abspielt, ob innen oder außen, und es ist noch einmal die Frage, ob wir es ergreifen sollen, ob es sich ergreifen läßt, oder ob es uns ergreift.«

Homberger besaß die Fähigkeit zu grollen offenbar nicht. Er gab dem Gespräch eine Wendung. Bach sah ihn heimlich an, den schönen Menschen, der einem Knaben gleich seines Weges stürmte und doch die gewitterhaften, zauberischen Erfahrungen des Mannes machte.

Es kam vor, daß ihm die Liebe zur Königin wie ein Messer ins Herz fuhr. Aber weiter verspürte er nichts, während Homberger stets davon sprach, daß er sich noch umbringen würde, nur um seinen Schmerzen ein Ende zu bereiten. Der Blonde neidete ihm dieses Unglück, das er einer wahrhaftigen Liebe für angemessen erachtete. Schlechten Gewissens setzte er sich zum Schreiben und dichtete kummer- und vorwurfsvoll bis die Zeit erfüllt war und er wieder auszog, um das Leben weiterzuführen, weiter zu erfahren, was es an Dunkel, Verzückung, Ohnmacht und was es etwa an Erfüllungen für ihn bereit hielt. Die Gedanken daran zu wenden vermied er aus Angst vor der Hilflosigkeit des Gefühls; im Grunde lobte er sich den Zustand, in welchem es ihm gegeben war, sich zurechtzufinden, sich vorzubereiten auf eine Zeit hin, wo er gelernt haben würde, der Dinge auch mit dem Herzen mächtig zu werden.

Denn wieder empfand er gar nichts, als er in das Tal einzog; die Schweifung des Flusses, die Pappeln und der schöne bewaldete Berg machten nur seinem Kopfe Eindruck, das Herz war ihm gleichsam hinweggenommen und eine Leere geblieben, in welcher nichts widerhallte. Wer, dachte er traurig, würde sich aber auch in ein Kind verlieben und sich noch wundern, wenn die Tröstungen solch einer Sache versagten. Also nahm er sich vor, hiemit neu zu beginnen und sich als ein Mann zu bewahren gegenüber Erscheinungen, die ihn nur narrten; es zog ein linder Friede in seine Brust ein.

Früh erwachte er an Beglückungen, die ihn flaumig und warm überfielen. Der ziegelhelle Morgen glänzte von irgendwo her und lag mit herbstlichen Küsten im Dunkel.

Der Geruch des Herbstes und die Königskerzen, von denen er glaubte, daß sie irgendwo blühten, verwandelten ihm das Tal so wunderlich, daß es ihm vorkam, er bewegte sich auf dem Grund eines Wassers; aus diesem rann der Fluß hinaus in die ferne jenseitige Welt, mitunter begann es zu regnen, die Lämmer klagten im Nebel, und Schauer und Schatten strichen durchs Blut. Hinter dem Berg wußte er das Hochland, dem Maja entstammte; er sah es mit Vogelbeerbäumen, die hoch im Gewölk hingen, die Bauern der Jahrhunderte standen auf, die Glocken bemooster Dörfer hallten aus der Erde, und neue Schwermutgründe öffneten sich in der Seele.

Seine innere Landschaft hatte ihn völlig überwuchert, verdrängte die Welt und füllte die Räume mit ihren Gärten. Erschrocken hielt Elisabeth sein Haupt in ihrem Schoße, wenn er kam und nichts suchte als sich irgendwo zu verbergen. Er fürchtete alles, das Herbstrot, den Fluß, die erbleichenden Weiden. Elisabeth wußte manchmal nichts mehr zu sagen. Treulich prüfte sie immer wieder ihre Erinnerung, um alles zu finden, was sie ihm von der Kleinen erzählen möchte. »Sage, ich kann doch nicht hingehen und sie dir einfach daherbringen? Was soll ich, was soll ich nur tun, um zu helfen! Aber woran verzweifelst du eigentlich? Fürchtest du die Jahre, fürchtest du hier vertrieben zu werden? Ich kann es alles verstehen, aber versuche, dich einmal an die Hoffnung zu halten, sie ist doch nicht weniger gerechtfertigt als der Zweifel, findest du nicht?«

»Ich kann von hier nicht fortgehen und kann aber auch nicht bleiben. Ich will nicht sehen, wie die andern sie wieder zum Kinde machen, ich will nicht erleben, wie man sie entwürdigt. Nichts, nichts bringt sie herüber über die Ländereien der Trennung, die zwischen uns liegen. Was will ich, wer bin ich, wie darf ich es nur wagen, einem rechtschaffenen Menschen mit solchen Torheiten zu kommen!«

»Ein bißchen Teilnahme ist ja auch alles, was ich dir anbieten kann, ich dumme, armselige Kreatur. Zusehen wie einer ertrinken soll ... Dabei wünsche ich dir noch immer, daß es nur bald vorüber sein möchte. Zu wohlbekannt ist mir die Ungeduld, die hinausverlangt aus der Roheit der Dinge, und was fange ich mit einer augenblicklichen Zuversicht an, wenn man gegenüber dem Nächsten wie vor der Unendlichkeit steht, gerade so nah und fern, gerade so ohnmächtig. Daß es weh tut, kann dir noch weniger nützen.«

Zahllose Nächte vertrotzte er, indem er mit unterschlagenen Beinen auf seinem Bette saß oder, den Tag, seinen Feind erwartend, am Fenster lehnte. Um vom Herbste Abschied zu nehmen, führte er die Kleinen ins Land hinaus. Durch eine Flut von Laub ergingen sie sich auf dem Berggrat; sie sangen, ihre besinnlichen Weisen hielten sich schwebend im Abgrund. Häher und Haselkätzchen belebten die rostroten Wege. Das Schneegebirge stieg mit schimmernden Städten voller Dome, Klöster, Brücken, Türme aus der Ferne herauf. Züge von Landsknechten schoben sich über die Pässe, Trommeln und Pfeifen geisterten durch die Täler. Im Laube flackerten Kerzen auf, die Fliesen von Rittergräbern klapperten ihm unter den Sohlen. Darum wußte er manchmal nicht mehr, welcher Art er sich die Beziehungen denken sollte, die zwischen seiner Traumgestalt und dem Kinde da vorn bestanden. Es begegnete ihm, daß er beide vor sich in den Büschen erblickte, die eine luftig und still, die andere eifrig beschäftigt, rote Beerenzweige zusammenzutragen. Dunkel flatterten Mias Blicke von Busch zu Busch und zu dem Jüngling, als versicherte sie sich heimlich seiner Freundschaft. Es fügte sich, daß sie in ihrer hingegebenen Tätigkeit sich an seine Seite verirrte und nach einem kleinen Erschrecken sogar verweilte. Mit Lobgesängen im Herzen lauschte er herab auf sie, die mit jungen Schritten, aber königlich seinen Gang begleitete; nachdenksam kostete er die Vergünstigung, in ihrer Gesellschaft zu wandern. In der Mitte aller Wälder und Baumgärten, im Schneelicht der Wolken erforschten sie einander in schweigender zarter Scheu. Das Gefühl davon erfüllte ihn beinah schmerzend mit fremden, süßen Melancholien. Abends saß er wieder bei Elisabeth; angesichts seiner frohen inneren Erleuchtung wagte sie nicht an die Dinge zu rühren, die ihn bewegten. Aus lauter Feinsinn plauderte sie von sich selbst. Es zeigte sich, daß sie sogar einmal verlobt gewesen war, so wunderlich ihm das vorkam.

»Wann war denn das?« fragte er gespannt.

»Das war vor nunmehr sieben Jahren.«

»Und Er, wer war Er? Lebt er noch?«

»Aber wie sollte er das nicht, du Filou! Bin ich ein Altertum?«

»Sehr verheiratet? Was war er denn?«

»Er war Bauunternehmer.«

Die Frage in seinen Augen nahm verständnisvollen Ernst an, und darauf ging die Frau eilig ein. »Ich dachte, schon von Alters wegen dazu verpflichtet zu sein, in einem so vernünftigen und einleuchtenden Falle zu lieben; ich tappte plump genug in den Bereich einer Sache, aus der man sich nicht ohne die schändlichsten Verwundungen zieht.«

Sie sahen einander an.

»Du liebtest ihn nicht.«

»Der Wunsch, ihn zu lieben, brachte in mir ein Gefühl zustande, dem manche Anzeichen der Liebe eignen mochten, was der Grund meiner unbeschreiblichen, schauderhaften Verwirrungen wurde.«

»O ja, ich verstehe. Vielen ist es so leicht gemacht, sie lieben, was ihnen vors Herz gerät; für andere ist die Liebe ein Schicksal, das mit einmaligen unerbittlichen Bestimmungen ihnen irgendwo bereitliegt, sie finden es oder finden es nicht oder zu spät.«

»Du aber gehst wie ein schönes stilles Feuer vorüber, das Lieder klingt und Weisheit leuchtet. Das kommt uns nicht alle Tage vor und ich bin eitel darauf wie ein Haus, daß du, mit Verlaub, mich zu dem Märchen ein wenig benötigst. Dir habe ich einigermaßen ein neues tagendes Leben zu verdanken, weil du, reich wie ein Wunderprinz, mit Glauben und Vertrauen nur so um dich warfst. Darum wirst du noch lange zehren dürfen, bis der Vorrat meiner Schuldigkeit alle ist. Somit brauche mich, Lieber, laß mich deiner Verwendungen teilhaftig werden; wir werden ja reich in dem Grade, in dem ein Mensch uns plündert.«

»Was ich sagen wollte!« fiel es hier Wendel ein. Aber er zögerte. »Dieser Tage erhielt ich den Besuch einer Dame –«

»O? Bei dir zu Hause? Wo kommt dir das her?«

»Von Kamerun.«

»Dann war es gar eine schwarze Dame.«

»Ich saß wie so oft und wünschte mir, irgend etwas Außergewöhnliches möchte sich jetzt begeben: Ein Mensch mit Ledermappe würde aus der großen Welt hervortreten und mir mitteilen, daß ich auf Grund meiner unübertrefflichen Werke in die Akademie gewählt wurde; oder noch lieber: Maja käme und machte mir Tee! Eine Weile blieb mir deshalb das Herz stehen, als tatsächlich vor der Tür, wie mir schien, gewaltige Vorbereitungen sich ankündigten. Die afrikanische Dame brach lawinenhaft, lachend, mir zublinzelnd in meine Klause herein. Sie begann, mir meine eigene Lebensgeschichte zu erzählen, so lange bis ich mich erinnerte, tatsächlich vormals von einer gewissen Lydia verwöhnt, gekämmt, getragen, wohl auch geherzt worden zu sein. Sie behauptete, diese Lydia zu sein und leitete sich von dem Umstand die Berechtigung ab, über meine Lippen herzufallen und, da der Anschlag mißlang, sich auf dem Bette zu dehnen.«

Elisabeth funkelte ihn an. Allein er lachte.

»Es ließ mich alles ganz kalt, was ich nachträglich im Grunde ein wenig bereue. Vielleicht verscherzte ich tatsächlich eine Gelegenheit der Erschütterung, verstehst du. Im entscheidenden Augenblick glaubte ich diese gröbliche Art der Erfüllung ablehnen zu sollen, als wäre sie auch nicht das Gemeinte; die landläufige Wirklichkeit kommt mir ein wenig ärmlich, auf jeden Fall harmlos vor. Inzwischen habe ich mich in Lydia richtig verliebt. Seit sie weg ist, liebe ich sie verehrungsvoll und mitleidig aus lauter Dankbarkeit für die Romantik, die sie mir ins Haus trug. Ich will ihr das schreiben, ich will ihr schreiben, daß sie nicht, wie sie nach allem denken muß, auf Hochmut und Verschlossenheit stieß – mein Gott, ich habe Verständnis für ihre Lage; ich bemerkte wohl, daß das ganze Gefühl ihr wieder aufloderte, der Unglückseligen, der ich meinerseits ja nun auch nicht helfen kann, nach der verrückten Verstrickung aller Umstände. Aber sie soll wenigstens die Erleichterung haben, die ich entbehre, sie soll klagen dürfen.«

»Dichtest du ihr auch Lieder?«

»Ich will nicht hoffen, daß du auf das bedauernswerte Geschöpf eifersüchtig bist.«

»Eifersüchtig. Man wird sie verachten dürfen, oder nicht? Bitte sprich mir nicht mehr davon, es macht mir übel. Ich erwarte, daß du mit diesem Weihrauch, den ich dir schenke, deine vier Wände ausräucherst.«

»Kommt das vom Libanon, oder woher? Ihr Zedern des Libanon! Ach, mir wird ganz israelitisch, ganz templig. Ich werde fabelhaft dichten.«

Sie sahen einander an und er ging nach Hause.

Es gab Schnee, er sah Maja mit schmelzenden Flocken im Haar; ihr Händchen legte sich niedlich naß in seine Finger; er dachte dann immer daran, wie es einmal wäre, wenn sie zusammen an ihrem Kamin saßen ... Er schrieb Lieder, die das Schneelicht erhellte. Hernach begann es zu regnen, es wurde noch einmal herbstlich, die Sonne beschien ein bräunliches Moos, im Wasser malte der Himmel sich veilchenfarben.

Daneben war diese unverbindliche Zeit dazu ersehen, das ebenso stille als peinliche und schwere Gericht zu umgeben, in welchem Wendelins Geschick sollte ausgemacht werden. Eine Behörde anscheinend wohlwollender Bürger stellte sich in der Schule auf, um seine Fähigkeiten zu prüfen. Er gab sich alle Mühe, sich so zu benehmen, daß sie ein ehrliches Bild davon gewännen, übertrieb aus lauter Ängstlichkeit vielleicht ein bißchen das unbekümmerte Wesen, in welchem er beispielsweise einen Jungen zum Spaß mit seiner Kreide bewarf. Im ganzen hoffte er nicht übel bestanden zu haben – er überdachte das Examen in der Nacht unablässig – selige Schauer rührten ihn um und um in der Aussicht, verbleiben und der Zukunft Majas teilhaftig werden zu dürfen. Er sah schon alle Herbste und Winter voraus, die ihm die Königin in einer neuen jungfräulichen Gestalt zeigen würden; die sonderbarsten Eisenbahnen fuhren durch Schnee und Sonnenblumen, silberne Wolkengewässer erglänzten vor seiner Seele; die Glut seines Wunsches schien ihm Bürgschaft genug dafür, daß er Glück haben würde. Einstweilen verdroß ihn das lange Schweigen, das folgte. Er begann, langsam die Zinnen seiner Schlösser abzubauen, die Versuchung zum Tode begleitete ihn wieder, und in der Tat, er hatte seine Schöffen zu leicht genommen; sei es daß sie ernsthafte Aussetzungen an seiner Arbeit zu machen verstanden, sei es daß sein freundliches, sorgloses Gehaben sie in ihrer Würde gekränkt hatte, was anzunehmen er sich für berechtigt hielt; in einer nicht eben tapferen und gerechten Verborgenheit beschlossen sie kraft ihrer Vollmachten das ungeheuerliche, nicht ausdenkbare Verhängnis über den Blondling, daß er wandern und ein nicht mehr vorstellbares Dasein anderswo auf sich nehmen sollte.

Auch jetzt gelang es ihm nicht, zu weinen. Das allgemein hereinbrechende Elend überschwemmte ihn nur mit Dunkelheit. Sein Gefühl für die Königin glühte ihm auf. Er stand in den schneetropfenden roten Wäldern herum, allüberall auf Spuren ihrer Herkunft. Ihr flaumiger früher Anfang dämmerte aus den Winterglocken.

Zu Weihnachten trat ein Bruder von ihm auf, ein hinfälliger Mann, der aus der Welt hervorkam, offenbar um hier zu sterben. Mit der Zeit gelang es dem Kleinen, sich darein zu finden, daß neben ihm noch ein anderer die Ehren des Geschlechtes trug, und als dieser, bezwungen von Schwäche, friedfertig und schamhaft sich an das Krankenlager bequemte, ergriff ihn eine Besorgnis, in welcher er alles versuchte, den Ärmsten seinem Zustand zu entreißen. Eines Tages ergriff das Fieber auch ihn.

Nicht eben mächtig. Er dünkte sich erkältet, hustete; die Luft glomm vor seinen Augen. Die Mutter behielt ihn zu Hause, und er kam sich fürstlich vor, am hellen Tage krank zu liegen; wenn nur nicht die Unrast um Maja gewesen wäre. Er lauschte auf seine Lungen, von denen man ihm sagte daß sie knisterten. Er spürte wenig.

Die Fieber wuchsen indessen. Ihm war das schöne Feuer beschieden, das Schnee und Himmel durchglühte. Er döste, meist aufrecht sitzend, in einem sanften Rausche von Sommerdunst. Die Sorge um Maja verzog sich, er wurde ein seliger Träumer, dem alles kostbar in die Augen dämmerte, die Bläue des Zimmers, die Ferne. Er wußte nicht, ob es schneite oder ob das Sonne war; man ließ ihn so viel allein und er hatte Muße, mit empfindsamem Herzen Majas in ihrem fernen Laube zu gedenken.

Später fand er den Abend im Gemach, einen grünlichen, einsamen Abend, in welchem er zu weinen begann.

Er trat eines Morgens vor sein Bett, sank aber hin und verhielt sich nun reglos stille.

Langsam schloß er wieder Bekanntschaft mit dem Bruder nebenan; die Mutter hütete das stille Paar in müder Verzweiflung, beleidigt und ungeschickt.

Zusammengerollt wie eine Katze, versuchte Wendel die furchtbare Zeit zu überstehen, die sich zwischen ihm und dem Tal anhäufte. Er versuchte ihren Umfang abzuschätzen und das Unheil zu beurteilen, das ebenso hämisch als bedeutungsvoll in den Ausgang seines Erlebens getreten war, um ihn darin zu verkürzen, seine Verzweiflung zu steigern und tausend neue eigenartige Verquickungen des Gefühls hervorzubringen.

Soweit hergestellt, daß sie sich vorsichtig aus dem Schutze des Hauses hinausbegeben durften, wandelten die Brüder ergriffen in eine elysische Landschaft, in welche sie mit neuen Empfindungen wie aus Urgründen der Schöpfung zurückkehrten. Benommen saßen sie an den Frühlingsrainen im Anblick von Wolken und Bläuegewächsen. Sie kamen bis vor ihr Großvaterhaus, in welchem sie das Dasein begonnen. Fremde Menschen bewohnten diese Trümmer einer sagenhaften Herrlichkeit, deren sie sich wehmütig erinnerten. Der Geruch des Phloxes im Nebel, Regentage und Windnächte, ferne Feuersbrünste, Glocken, Hahnenruf, der frühe Schein der Laternen, die Luft der Schubladen, das Moos, Lavendel, Nelken, Menschen und ihre Schicksale fielen ihnen wieder ein. Die Weinbergtreppe, der alte Steg in den Himmel, verbarg ihren kümmerlichen Rest in die Leere eines Kleeabhanges. Der Schein der Nüchternheit, die Verarmung des Tages geisterte auch um diese traurige Küste gelobten Landes.

Träumerisch sagte der Blonde:

»Es gibt nur drei Zustände, in denen wir wahrhaft erleben: Kindheit, Fieber und Traum.«

 

Es fing zu regnen an, und das Tal lag traulich verdunkelt, als Wendelin es wieder betrat. Es erging ihm doch besser als er vorausgesetzt hatte; der Geruch der Nässe umfing ihn sehr wohlig, die Höhen neigten sich nahe hernieder, als ob sie grüßten, und die Unmenge Schlüsselblumen bewirkte mit ihrem Dufte, daß eine märchenselige Rührung ihn um und um bewegte.

Dies zu erleben kam ihm ganz ungewohnt vor, weshalb er auf seinem Gange dankbar heimlich frohlockte; mit warmbetauten Augen grüßte er Vögel, Gebüsche, Höfe und den Fluß, welcher klar über Graspolster glitt und Fische in seinen Fluten führte. Die Wälder rauchten, irgendwo blökten die Lämmer.

Ein wenig kühl und stiller als er sich's vorgestellt, umgab ihn die liebe Einsamkeit, in welcher er Maja wußte. Es dunkelte zeitig, die Nacht kam, weiter geschah nichts von Bedeutung. Er gab sich mit seinen Liedern ab, deren er ein stattliches Buch hervorgebracht hatte; er legte sich früh zu Bett und vernahm das Strömen der Wasser, ohne daß er es fertig brachte, seine Gedanken zu sammeln.

Er glaubte nie fort gewesen zu sein, was der Grund sein mochte, daß ihn der Anblick der Königin wieder nicht aus der Fassung brachte. Er verglich sie wohl heimlich dem Traumbild, das sie ihm hatte ersetzen müssen; sie erschien irdischer, auch kindhafter, aber nicht weniger königlich. Die Gründe des alten Gefühls umgaben sie wie ein Reich; was verwundbar und schwankend im Ungewissen gelegen, stand wieder braun vor dem Herzen.

Ihrer Nähe bedürftig, ging er dann über die Wiesen. Sterne schwammen im Wind. Eine Rufweite vor dem Schäferhaus blieb er stehen und blickte ins Dunkel der Fenster. Wieder begegnete dem Herzen nichts. Nur Schlaf überkam ihn, Leere und Dunkel lagerten sich vor der Brust. Er schleppte sich heimwärts, erbittert über die Ohnmacht, die er nicht begriff. Ein Groll auf Gott stieg ihm würgend in die Kehle. Warum hast du mich erschaffen, trauerte er, wenn du gedachtest, mich in dieser Kümmerlichkeit liegen zu lassen?

»Ich hatte nun einmal eine andere Vorstellung davon, wie uns das Leben ergreifen müßte,« sagte er zu Elisabeth. »Dies Spiel con fordino, auf die Dauer verdrießt es mich und erregt meinen Verdacht. Das war vorzeiten doch anders. Aber seit man die Dinge durchschaut – und jedermann kommt dazu sie zu durchschauen; mit dem Augenblick, wo man die geistige Mündigkeit antritt, zieht sich das Herz gleichsam in uns zurück. Fortan ist es wie ein Fluch, daß wir durch Filter empfinden; alles widerhallt so entfernt und nachträglich, erst in der Erinnerung kommt das Erlebnis zu seiner Herrschaft. Dagegen lehne ich mich auf, Elisabeth; ganz will ich die Verzückungen haben, Heiß und Kalt wie ein Schwert in mir fühlen; du hast keine Vorstellung davon, welche Bedeutung ich alledem zuschreibe, welche Leiden es mir schafft; eine Weile sehe ich dem noch zu, ich werde mich mit keinerlei Halbheit begnügen –«

»Sondern?«

Er verstand nicht gleich. Alsdann setzte er ihrem Kleinmut das Feuer seines Stolzes entgegen, und sie gab sich selber seine Antwort. »Sondern kurz abbrechen.«

Sie benötigte einiger Tage, um etwelchen Widerspruch aufzurichten. Sie sagte. »Ist es nicht vielleicht ein Erfordernis für den Künstler, zugunsten seines Werkes auf das Leben zu verzichten in dem Sinne, daß er es, wie man sich ausdrücken könnte, in die Erinnerung schießen läßt, statt es genießend selber zu verbrauchen? Er ist nur das Mittel, nicht Selbstzweck.«

»Die Sache ist einfach die, daß wir die Fähigkeit der Ekstase eingebüßt haben. Sie machte die Griechen stark, wir aber sind gottlos geworden.«

Sie schien sich dem nicht zu beugen. »Die Früchte der Erkenntnis kosten das Paradies,« erwiderte sie und hatte die Streitkräfte des Sinnbildes auf ihrer Seite.

Mittlerweile war die Zeit abgelaufen; Wendel hatte sich zu entschließen, seine angesammelten Heiligtümer: Blumen, Papiere, ein Schattenbild der Geliebten und alle erdichteten Briefe an sie zu vernichten. Er trug sie zuerst in den Wald hinaus, der Absicht, sie hier zu vergraben. Die Unsicherheit des Verstecks beunruhigte ihn aber; der jähe Entschluß, seine Schätze im reinen und stürmischen Mittel des Feuers zu zerstören, überschüttete ihn mit Beglückungen. Hocherrötet lief er wieder nach Hause und begann hier, den Ofen mit seinen Papieren noch einmal aufzuwecken; mit einer etwas irren Flammenspiegelung auf den Augen reichte er Blatt um Blatt in den fressenden Rachen hinein. Die verkohlten Verse wanden sich geisterlich in scheinbaren Qualen, bläuliche Rankengewächse strahlten in Nebeln auf und erhielten sich unverwüstlich in ihrem Jenseits von Verdämmerung, Purpur, braunem Rauch und Glast. Das schöne Bild Majas lebte auf in den Gluten, umsäumte sich golden und blau, seine Schwärze brodelte samten, von Schauern überhaucht. Schrecken und Mitleid fuhren dem Jüngling ins Herz, er griff in den flaumigen Schaum; eine Weile bedrohten ihn Reue und Herzeleid, aber die Ernüchterungen der Vernunft waren nicht minder eilig zur Stelle.

Und somit besaß er, außer den Liedern, nun nichts mehr, das ihn dem Mädchen verband; er wäre froh gewesen, wenn er sich ungesäumt den Verpflichtungen hätte entziehen können, bevor das zurückkehrende Gefühl es ihm wieder erschwerte. Im Augenblick umgab ihn der Raum einer sanften Stille, ja das Frohlocken der freigewordenen Seele regte sich wie eine Amsel, worüber er hinwiederum erschrak – überschwenglicher Zärtlichkeit voll, lief er hinaus in den Regen, seinem Herzen nach, gefährlich begeistert. Derweil mäßigte er seine Eile, je näher er der Schafweide kam; die alte Angst ging wie eine Lähmung durch seine Glieder. Er zog vor, sich hinweg zu begeben, aufrecht und ernsthaft strebte er der Landstraße zu, auch wenn ihn die Verzweiflung zu Boden zog.

Da begab es sich wirklich, daß Mia aus einem Busche hervortrat, in dessen Obhut sie die Herde bewachte. Der nasse Wind trieb sie ihm entgegen, so daß es ihn wild versuchte, sie an sich zu schlingen. Sie bemühte ihr Händlein aus dem Mantel; mit ruhiger Männlichkeit hielt er sie daran fest.

»Ist das ein Wind!« sagte er, und sie lachte.

»Du wirst ja ganz naß! Mußt du denn da draußen stehen, und darfst du nicht heimtreiben, wenn der Regen sich doch einläßt?«

»Es macht nichts,« erwiderte sie.

Die Kapuze drückte das braune Haar um ihr Antlitz.

Mit eiligen Blicken überflog er die warme Anmut. Im flatternden Regen sah er wohl ein, daß ihr Haselstrauch sie besser als seine wehen Gefühle bedeckte; verwirrt, auch etwas ängstlich, entfernte er sich alsbald, nachdem er die Kleine ermahnt, nicht allzu lange mehr hier zu stehen. Auch ihn schob der Wind, aber ungestümer zerrte das Herzeleid, stopfte sich ihm sein eigener Widerstand in die Lunge.

Dennoch sah er sich nicht nach ihr um. Maßleidig murrend trieb er den Fluß entlang, dem er gelegentlich einen Blick gab, wenn der Sturm ihn aufmunternd puffte. Auf der Höhe des Dammes fühlte er sich von einer strömenden Woge getragen. In die Lüfte entführt, mit schwindenden Sinnen flüchtete er fern in die Wiesen. Was sollte er tun? Es gab für seine Ängste und sein Gefühl keine Zuflucht.

Im Regen klebte der süßliche Dunst von Wolle. Wendel stieg in die Wälder hinauf. Das Wasser lief aus den Ästen, ein großes Rauschen umgab ihn. Maja trieb ihre Herde nach Hause, lief durch den Garten ins Haus. Lichter gingen an im Grund; es graute Bach vor dem Geläute, das aus dem Nachtabgrund kam. In seinem Laubfenster zogen die Nebel schwarz und nahe vorüber. Wie ein Läuten im Ohre brauste das ferne Wehr, das Wild bewegte sich im Hochwald. Wieder kamen die Wintertage durchs Dunkel mit Harz- und Feuergeruch. Da stand Maja, weich und braun und warm, die Kirche läutete wie ein Dom in die Nacht.

Sein Herz trieb schmerzende Wellen; melodische dunkle Worte versammelten sich darüber:

Abgründe ihr des Unaussprechlichen,
Abgründe der Nacht, der Melancholie!
Doch über allem der Jubel um dich
Wie ein Glanz
Und aus allem Schiffbruch in Dunkel
Flötender Lobgesang
Daß du bist!

Die Aufgabe der Verabschiedung machte ihn schlottern, allein auch das Ende kam anders als er es sich in tausend herzklopfenden Grübeleien wohl ausgemalt hatte. Eine überhandnehmende Seuche schritt mit ihrer gelassenen Gewalt ein und beschloß, barmherzig oder hämisch, wie er es eben nehmen wollte, die sonderbare Gefangenschaft, in welcher der Blonde sich im Verlauf zweier Jahreszeiten aufgehalten; er sah seine Königin nicht mehr. Mit dem Troste, sie wohlauf zu wissen, entfernte er sich neugierig zögernd aus dem Tale seiner Heimsuchungen, gar nicht erschüttert und reichlich vernebelt.

Nur eine kaum zu ertragende Langeweile gähnte im Umkreis auf.

Zu Hause begann er eilig zu schreiben, um die hohle Stille zu vergessen. Tag um Tag ging vorbei, ohne daß plötzlich der Himmel einbrach. Dessen gewärtig und gänzlich benommen, hielt Wendel dem Strome stand, der mit Leere und Wahnsinn über sein Haupt fuhr.

Dunkle Wasser standen dicht nebenan, hinter seinem Hirn, unter den Adern, deren Lauf eine Nadelspitze aus ihrer Bahn verschob. Hier grenzte er an die Ewigkeit, hier lockte der Ausgang, und es wurde zu seiner Beschäftigung, nur darauf zu warten, daß ihm gewissermaßen die letzte freudige Inspiration zum Tode noch erglühte.

Vorher kam Elisabeth. Während sie Hut und Handschuhe beiseite legte und die Klause seiner Schmerzen überschaute, fand er sich langsam zum Verständnis durch. Aufschluchzend warf er sich ihr an die Brust; Jubel und närrische Ergriffenheit brachten ihn ganz aus der Fassung. Auf seinem Stuhle sitzend blickte er sie an und lachte, bis ihn wieder das Leid überwand, er legte sich über den Tisch hin und weinte.

Seine Mutter hatte sich grollend zurückgezogen. Das Schweigen der beiden verwunderte sie aber, denn eine Stunde ging vorbei ohne daß sie sich regten. Um zu überraschen, wie sie hoffte, brach sie rauh in die Stube ein. Fräulein Fahm saß am Fenster und nähte, der Junge sah ihr von ferne zu. Darüber lachte die Frau ein wenig auf.

Elisabeth ging auf sie zu, ungeachtet des ebenso würdigen als müde verschlossenen Ausdrucks, der sie erwartete.

Sie tauschten leise und freundschaftlich ein paar Worte. Hierauf verbarg sich die Frau wieder in sich selbst, hüstelte, und in einer sichtbaren schmerzlichen Eifersucht auf die Jungen entfernte sie sich aus dem Hause.

»Wo geht sie nun hin?« fragte Elisabeth. »Und du, weißt du noch nicht, wo du hinkommst?«

»In ein Bauerndorf.«

»Und darüber sagst du mir nicht ein Wort, was soll denn das heißen? In ein Bauerndorf? Ist dir das furchtbar? Welches?«

»Ach irgend ein Bauerndorf, sie sind sich ja alle gleich. Wollte Gott –«

»Wollte Gott?«

Gedankenvoll nahm sie ihren Faden zwischen die Lippen. »Wenn du es fertig brächtest, Wendelin, ihr einmal eine Wenigkeit zu sagen, auch wo es dir nicht darum ist? Ich fände das wie ein freiwilliges Opfer und eine Art Mannestat, welche deine Eltern übrigens von dir erwarten dürfen. Wie wenig genügt unter Umständen, so einen Bann zu brechen, statt daß sich alles nur immer unglückseliger verstockt. Ein Teufel oder ein Seraph eilt dem andern zu Hilfe.«

Vater Bach frug, wer drinnen sei. Hereintretend machte er Licht und äußerte seine Freude darüber, Besuch vorzufinden. Mit einem Ausdruck frohlockender Sorgfalt reichte er auch Wendelin seine warme Hand und setzte sich klein und freundlich in einen Winkel, von welchem aus er die Unterhaltung, inmitten von Glockengeläute, voll Aufmerksamkeit steuerte.

Er war sich nicht eben klar über das Verhältnis, das seinen Sohn mit dem Fräulein verband. Ihr herzliches Einvernehmen und die sichtbare Kraft, die es dem Jüngling spendete, vielleicht ein wenig auch die Scheu vor ihrem geahnten Geheimnis waren ihm Anlaß genug, die Lehrerin dankbar zu lieben. Deren Witz und Verstand, nicht zu reden von ihrer Bildung, machten ihm großen Eindruck. Nach seiner Natur ereiferte er sich bei der Gelegenheit, das Gespräch über alltägliche Dinge hinauszuführen und auf eine ebenso vergnügliche als nutzbringende Weise ins Ewige der Gedanken vorzustoßen. Auch die Mutter, die spärlich und beiläufig aß, neigte den Verhandlungen ein fast begieriges Ohr, wenn sie auch wenig mehr außer einigen Bedenken beisteuerte, und so schlug die Verblüffung denn wie ein Blitz ein, als die Uhr, welche einsam wanderte, die Stunde des Abschieds erreichte.

Im Lauf zur Bahn steckte die Lehrerin ihrem Jungen eine Menge Nachrichten zu, um deretwillen er sich artig an ihrer Seite hielt, weshalb sie mit Neckereien begann, ihn vollends um die Ruhe zu bringen. Er versprach, indem sie so trabten, sich bescheiden zu wollen, umgänglich zu sein und zu schreiben. Hierauf erhielt er plötzlich einen Kuß von ihr; da der Zug einfuhr, lief sie ihm wie ein Wiesel davon, während er lamentierte.

Unter ihrem Wagenfenster kamen ihm langsam die Herzensgrüße, die er an das Tal mitzugeben hatte. Das Leid übernahm ihn nun doch; die Erinnerung an die Fluren, die nicht mehr ihm gehörten, ging ihm blau in der Seele auf, und wie ein Kind, das die Mutter zur Heimat zurückfahren sieht, blieb er erschrocken und untröstlich stehen.

Seine Erstarrung war überwunden. Nur eine zaghafte Trauer leistete ihm Gesellschaft, während er schrieb und gelegentlich nach der Ferne aussah, in halber Hoffnung, der schmerzvolle Überschwang, die Verzweiflung möchte von dorther kommen; denn er quälte sich mit dem Argwohn, eine Pflicht zu versäumen und die Königin zu beleidigen; er fürchtete, das Vergessen hätte so seinen Anfang genommen. Aus diesen Gründen erschien er sich als ein oberflächlicher, untalentierter Bursche; er gelobte sich inständig, es niemals wieder zu einer derartigen Liebe kommen lassen zu wollen, um nicht leiden zu müssen, leiden an der Unzulänglichkeit seiner Gefühle. Es hatte sich ihm erwiesen, daß er, entgegen seiner Vermutung, weit davon entfernt war, ein Meister des Herzens zu sein, gerade so wie er schreibend nur immer deutlicher einsah, daß die Sprache ihm keineswegs leicht fiel; sie legte ihm Schlingen und Fallen, sie äffte und plagte ihn, ja sie versteckte sich unversehens, verwandelte sich ihm unter den Händen, so daß er den Kopf verlor und sich nicht mehr zu helfen wußte, vor Erbitterung weinte, ihr den Dienst aufsagte und einen Groll auf Gott warf, dafür daß er ihn dieser launischen Herrin verpflichtet hatte. Aber sie streichelte ihn wieder mit ihren lindesten Händen, gleichwie an sonnigen Abenden die ganze Gewalt der Schwermut ihm mit der Vergangenheit nachging.

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