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Der halbe Mensch

Albin Zollinger: Der halbe Mensch - Kapitel 12
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typefiction
authorAlbin Zollinger
titleDer halbe Mensch
publisherGrethlein & Co.
year1929
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Straßen entlang

Elisabeth verbrannte diese Blätter, unter gutem, feierlichem Gedenken. Der Blonde blieb ohnehin unsichtbar. Soviel sie wußte, betrieb er neuerdings Mathematik, um eine alte Absicht zu verwirklichen, hatte sich für einen chemischen Lehrkurs eingeschrieben und flanierte ein wenig in jederlei erreichbarer Wissenschaft herum aus Verzweiflung darüber, so wenig von den tröstlichen lern- und beweisbaren, auf ihre Weise geheimnisvollen Wahrheiten der Empirie errungen zu haben. So lange Musik gemacht worden war, hatte er die Konzertsäle nur so abgegrast; an den jämmerlichen Abenden, wo nichts dergleichen zu bekommen war, fing er sogar wieder zu dichten an. Es kam wieder vor, daß er im Speisehaus, in einer Parkanlage bläuliches Versgerank aus der Brusttasche hervorzog; in seiner Betrachtung erschien ihm die ganze Welt als eine unendlich liebenswürdige Sache, er glaubte wunder welchen ewigen Besitz in den Wortgebilden zu haben, in denen er angefangen hatte, seine Lieblingsvorstellungen, entlegene Träumereien der Seele einzukleiden.

Ich bin nicht meiner Eltern Kind:
Ihr habt mich erschaffen, Wald,
Regen, Sturmwind und Dunkel der Nächte!
Wie deine Hügel, dämmernde Erde, sind
Meine Augen, mein Haar und mein Angesicht alt,
Voll der Bewegung tief in uns webender Mächte.

Keiner Liebe Ruf, keine Lockung sang
Süßer und wilder mir in das Herz
Als der moosige Klang
Liebe Nächte lang,
Pan, deiner einsamen tölpelfingrigen Terz!

Elisabeth sah sich daher gezwungen, ihn förmlich aufzubieten, wenn sie die Rechte ihrer mütterlichen Freundschaft geltend machte. Sie bat sich von ihm aus, daß er sie einmal wieder über Land führe; sie kamen hoch hinauf in Korn und Heuwiesen, baumbestandene Höhen. Als sie müde wurden, schliefen sie in der Sonne; wieder aufwachend, erschraken sie fürs erste höchlich über die fremde Umgebung.

Er sah Elisabeth vor einem gelbleuchtenden Wolkengewächs stehen. Er munkelte etwas ins Gras vor sich hin.

»Was sagst du, du da?« sprach sie, indem sie die Schuhsohle auf seine Brust setzte.

»Ich sage, daß ich mir jetzt klar darüber geworden bin: Imago ist ein Phantom.«

»Natürlich ist sie ein Phantom; das hätte ich dir schon immer sagen können, Junker zur Aue, Reinhard von Deinhardstein, Ritter auf Phantasuskron. Längst schon hätte ich dir das sagen können!«

»Hier ist auf den Halm genau die Landschaft, in der ich mich stets mit ihr sah. Wenn sie auch da nun ausbleibt, die Dämmervolle, die Girlandenfrau, dann ist es für mich erwiesen, daß sie überhaupt nie erscheinen wird – Gott sei gelobt! Was hat sie mir für Qualen bereitet! Drüben an jenem Gebüsch wirst du auf einen See hinabblicken, dessen sei ganz gewiß; der Abgrund spiegelt sich ja ans Gewölk hinauf, die Hagebutten schimmern ganz Veilchenfarben. Geh, du siehst Städte, Brücken, Pappeln, Herrschaftssitze und eine dunkel verblauende Wasserfläche.«

»Bist du dir dessen gewiß, oder löst es sich dann auch wieder in so eine Imago, so einen Seufzer auf, Herre Traumdal? Worum geht die Wette? Um die Königin?«

Sitzend erfaßte er ihre Hand, weshalb sie natürlich fragte, ob er zu einem Heiratsantrag aushole. »Bitte heirate mich unverstandenes altes Mädchen,« sagte sie, »Besitzerin einer idealen Lebensauffassung sowohl als einer kompletten geschmackvollen Aussteuer. Reflektantin verfügt über treues, ehrbares Gemüt, das imstande wäre, solidem, nur ernstgemeintem Mann ein molliges Heim zu bieten.«

»Danke.«

»Nichts zu machen?«

»Danke, nein. Bin Weiberfeind. Heißt das: Verehrer des weiblichen Ideals. Und Sie haben ja nicht einmal Haare. Gehn Sie mir aus der Sonne, please«

»Dann vielleicht ein andermal. Aber wie haben wir es nun mit dem Seelensee da unten? Weißt du zufällig, wer das pazifische Meer entdeckte?«

»Balboa, 1513.«

»Ich denke mir auf einmal, daß ja auch diese beträchtliche Sache einst einen Finder überraschte.«

»Die Entdeckungen jener Spanier waren nur materieller Art, aber sie fanden gleich Kontinente und Meere. Wenn sie in den Ozean wateten und die Fahne dareinsteckten, so ergriffen sie damit Besitz von Zimmetinseln, Bambus, Perlen, Mohrenkönigen, Völkern, Galeassen und von den papierenen japanesischen Städten. Um was diese Cabral, Kolumbus, Cortez, Pigafetta, Pizarro vor allem zu beneiden sind: Sie hatten noch keine Probleme; der Antrieb ihres Draufgängertums waren Abenteuerlust und Habgier; sie stiegen der Mutter Erde erstaunt und jauchzend zu Leibe und ernteten alles, wonach wir vergeblich ausblicken – irgendeinen neuen Wind, der die Fahnen herumreißt, festliche Flottenausfahrt nach ungeahnten, märchenhaft aufgetauchten Welten; es ist mir, ich erinnerte mich eines Jahrhunderts voller Galeonen, Silber, Meersalz, Admiräle; man möchte glauben, eine Heerstraße, mit dem Laub der fremden Erdteile besät, wäre im Ozean sichtbar geworden so, dünkt es mich noch heute, müßte einmal wieder irgend etwas Unvorhergesehenes, Ungeglaubtes sich ermöglichen, etwas, das die Völker mit Reichtümern richtig überschwemmte, so eine fortgesetzte. Schlag auf Schlag folgende Eroberung neuer Wasserfernen. Aber einmal nimmt das eine Ende,« sagte er, wehmütig verblüfft.

Elisabeth ergriff seine Hand.

»Du,« sprach sie, »es war lieb von dir, so respektierlich von jenen Inseln zu reden. Sie schweben nunmehr in meiner Vorstellung als eine Ansammlung schöner Paradiese, mit Paradiesvögeln, Palmen und einer blauglimmenden samtenen Luft, die sie umgibt. Denn ich habe dir zu sagen, daß, so wie ich hier stehe, ich nicht eines Sandkorns Größe dieser Welt noch besitze – ich habe alles verkauft und will also fort.«

Er erhob sich vom Boden.

Erbleicht und staunend wischte er seine Hände ab. »Du willst fort; willst du jetzt nach deinem Amerika?«

»Ja,« erwiderte sie, obgleich seine Miene keiner Antwort gewärtig schien.

»Kalifornien?«

»Nein nach Jamaika.«

»Jamaika? Aber was hast du denn ausgerechnet an diesem blödsinnigen Jamaika gefressen?«

»Bitte schön.«

»Alles verkauft?«

»Es war auch wirklich schade um den Karsumpel.«

»Den Teppich auch?«

»Alles!«

»Das Klavier auch? Natürlich.«

»Tutti quanti, Brüderlein,« sagte sie, wieder nach seinen Händen greifend.

Er zog sie vor ihr zurück, verschränkte sie hinter sich und sprach, indem er schräg zur Erde niederblickte:

»Was hast du denn nicht verkauft?«

»Nicht verkauft habe ich mich selbst und meine Liebe zum Brüderlein.«

»Verbunden.«

Lächelnd forschte sie sein Gesicht aus.

Er fuhr fort:

»Und die Kirschbaumtruhe und dein Porzellan und die Musikalien und meine Lieder –«

»Die nicht!« »– alles verkauft? Dann ade, dann nehme ich auch meinen Finkenstrich – aber nicht nach Jamaika!«

»Sondern nach Persien, ostwärts?« scherzte sie, ihn umarmend. »Schreibe mir dann von deinem Dasein in Lehmhütten, Feigenlauben und Rosen. Teheran soll eine Bergstadt sein. Deine Königin wird sich lieblich ausnehmen. Stelle sie dir nur vor: Aufrecht auf Teppichen, braun und dunkeläugig, oder an den Brunnen der Krugträgerinnen. Nein im Ernst, Wendelin; es ist nicht Amerikas wegen, ich hätte auch sonst hier aufgegeben. Das Gefühl, zuviel zu besitzen, ist in mir reif geworden; ich lasse es alles gern, es ist mir ein solches Wohlgefühl, fallen zu lassen, preiszugeben, abzustreifen und habelos auszukommen. Hier fällt uns das allzu schwer, findest du nicht auch? Es ist alles zu mühsam in Europa, die Produktion, der Austausch, der Verkehr unter den Menschen; es ist auch kalt hier, wenigstens mir sind diese Winter zu kalt. Das erfordert so sehr viel Umhüllung, verführt zu Theatern und zieht immer wieder in die alte, liebe, berechtigte, aber mir nicht mehr angehörende Traulichkeit hinein. Das Erbe einer Kultur ist eine Macht, der wir uns nur dadurch entziehen, daß wir sie von uns werfen. Und ich will hinaus. Wendelin, auf Ehre: Hinaus oder bergab, das ist die Wahl für mich. Kehre du dich nicht daran; für dich ist das alles anders. Du als Künstler darfst es dir nicht erlaubenden so kostbaren Ballast bequemerweise abzuladen, wie ich es muß, um voranzukommen; dir ist er ein Reichtum, der Nährboden deiner Werke. Wer da Kräfte hat, nimmt die braunen Jahrhunderte dazu und besitzt mehr als die, die am Neuen genug zu tragen haben. O wie liebe ich diese Landschaft! Ich liebe sie allzusehr, ich soll sie drangeben, wie ich meine Eltern und ihre mir schädliche Liebe in Gottes Namen opferte. Ich besitze aber noch die Evangelien und ein Badtuch. Und den Erlös meiner Lebensausrüstung natürlich. Ich anerkenne den moralischen Wert von Geldkapital. Es wird erst dann verderblich, wenn es in Immobilien erstarrt. Geld ist der Reserve von Geist zu vergleichen. Geist an sich ist nichts; erst dadurch, daß er Leben in Bewegung setzt und Früchte zeitigt, tritt er überhaupt in Erscheinung. Alles hat unser inneres Leben zu fördern. Gott vergessend, haben wir doch alle unsern Beruf verfehlt. – Ich log ein wenig: Ich habe Debussy, Schubert und alle andern, dazu das Instrument für dich aufbehalten; Maja erhält das Porzellan, den Perser und die Truhe unter der Bedingung, daß sie dich aus Barmherzigkeit einst zum Manne nimmt. Bist du es so zufrieden?«

Sie hatten den Weg wieder fortgesetzt, waren längst über den Hügel hinaus, ohne daß ein See sich gezeigt hätte. Dagegen trat eine Burgruine nun im Gebüsch hervor.

Nachdem sie wohl eine Stunde in Träumen davor gesessen, tastete Bach das Gemäuer ansagend: »Denke nur nicht, daß ich deine Großzügigkeit verkennte, Elisabeth. Du führst alles aus, von dem ich wohl dachte, daß ich es tun müßte. Siehst du, bei mir kommt eben alles nur bis zum Gedanken. Dichter sind Gecken, die sich mit Altartüchern schmücken. Sie sind der Inbegriff der feigen Erkenntnis, die sich zu nichts verpflichtet. Im Anblick der Wahrheit verzagen sie und bleiben stehen, um eitle Klagen anzustimmen.«

»Wir wollen«, entgegnete Elisabeth, »nun doch gerade das nicht tun, was alles wieder Lügen straft: verallgemeinern. Deine Wahrheit ist eine andere als die meine; gerade daß ich gehe, gebietet dir zu bleiben. Von den Dichtern ist meine Meinung, die Kerls sollen heiraten. Sie sollen das ganze Beispiel geben. Ihre Einsicht ist gut, so wie sie ist; aber viele von ihnen müssen die Verwirklichung hinzulernen, darf man vielleicht sagen. Maja ist die Frau, die dich prächtig ergänzen wird; es wird mir das lieblichste und wunderbarste Erlebnis bleiben, euern Weg zueinander verfolgt zu haben. Ein wahres Pfand wird mir das bleiben.« Auf einmal warf sie ihre Arme auf: »Da glänzt ja dein See, Wendelin, da hinter dem Wald!«

Er blickte hinüber.

»Ich muß mich nur immer fragen, wo ich das alles schon gesehen habe,« sprach er, und auf seine Brust deutend: »Es kommt mir gerade so vor, als hätte ich es auch da drinnen.«

»Alle Landschaften liegen in unserer Seele beisammen; dies da vorn ist nur eine Spiegelung.

Alles Vergängliche
Ist nur ein Gleichnis.«

»Wenn ich zurück und vorwärts denke, was suche denn ich so verdrossen? Das Vergnügen meines Herzens, aber nicht Gott.«

»Das Vergnügen deines Herzens ist möglicherweise nichts anderes als dieser Gott; er will ja nicht unser Peiniger sein, sondern unsere Tröstung, die ungeschmälerte Erfüllung seines Versprechens.«

Das sagte sie zu der Zeit, wo sie sogar den Boden unter ihren Füßen hergegeben hatte, um sich der letzten Behinderung in ihrem Streben zu Gott zu entledigen; er wußte, daß sie sich im Grunde vor ihren Inseln fürchtete und den Sprung auf Gedeih und Verderben wagte, ein wenig vielleicht sogar aus Verzweiflung, weil sie es an der Zeit halten mochte, ihn, ihren Schützling, für Maja freizugeben. Sie hatte eine störrische Art, sich selbst zu plagen, sich aller Ruhestätten zu berauben aus Mißtrauen der gewissen selbstsüchtigen Bequemlichkeit ihres Wesens gegenüber; ein nicht sehr starker und etwas linkischer Körper machte sie ehrgeizig darauf, sich selbst in die Hand zu nehmen und so wie sie sich wünschte zu formen. Er fragte sich, ob es nicht über ihre Kräfte ging, was sie sich damit auflud, ihr Leben noch einmal zu beginnen; das Mitleid machte ihm übel, er jammerte um alles Unwiederbringliche, der Gedanke an Elisabeths Schicksal da in den feindlichen Tropen schnürte ihm das Herz zusammen. Er schob sich auf einmal an ihre Brust, bettelnd, sie möchte doch alles rückgängig machen.

Auch ihr wollten Tränen kommen. »Rückgängig? Gibt es das? Das Leben ist doch kein Krebs!«

Sie saßen bis der Abend kam; aus dem alten Gemäuer stiegen Vergangenheitsgeister, Lockungen der Beschaulichkeit. »Komm!« rief Elisabeth, wie von der Zudringlichkeit eines Unholdes aufgeschreckt. Sie kannte in ihren Vorsätzen keinerlei Spaß mehr.

Wendel machte sich Gewissensbisse darüber, die Ärmste so sehr vernachlässigt zu haben, daß sie Entschlüsse von solcher Tragweite einsam und ohne Beistand faßte. Als ob er sich darüber geäußert hätte, tröstete sie freundlich: »Nein höre, es mußte doch endlich etwas kommen, das ich für mich allein ausmachte. Ich fürchtete mich auf einmal in deiner treuen Obhut. Ich sagte mir, du, Brüderlein, würdest auch anfangen müssen, dich selbständig zu entschließen. Wie sollte ich mich wohl getrauen, dir deine Königin in die Hand zu geben? Den letzten Schritt muß jeder allein tun.«

Was sie auch sagte, hatte so eine schwermütige Bedeutung bekommen!

In der Nacht schluchzte er.

Mit Beziehung auf Maja gedachte er sie nicht zu belügen. Eines Tages unternahm er eine vorsichtige, peinlich erwogene Erklärung darüber.

»So oft ich dem Mädchen begegne,« sagte er, »was durch eine auffällige Fügung häufiger geschieht als ich zu hoffen wagte, wundere ich mich über ihre ungewöhnliche Schönheit. Ein Bildhauer wird kommen, der sie entdeckt, so wie ich sie vor Jahren entdeckte –.« Es verschlug ihm nun doch die Stimme. »Tausend- und tausendmal habe ich versucht, sie mir zu retten, weil es doch furchtbar ist, sie einfach herzugeben, sie und alles, was sie umgibt: all die unnennbare Verklärung. Du weißt ja, was darin liegt. Noch immer füllt es mich aus: Das Tal, die Wälder, der Berg, ihr Herbst, ihr Schnee; noch fallen mich zauberische Erinnerungen an, Flockenfall, Glocken, Geruch von Laub und Wasser – in allem die Gebärde der Königin; aber zu denken, ich würde dem Menschen, der von ihr geblieben ist, diesem schönen, reinen Geschöpf mit der Absicht nahen, es in Besitz zu nehmen: Unmöglich, Elisabeth! Mit welcher Berechtigung? Mein Gott, was hätte dieses Mägdlein mit jenem verewigten zu tun, das ich inniger besitze als irgendeine Frau mir gehören kann! Lege mir das nicht als Flucht aus. Ich bin mir sehr klar darüber, daß Mia die letzte ist, die mir zukommt; unsere Vereinigung wäre nichts anderes als ein Schrecknis von Unzucht, wir stürben an unserer Sünde.«

Das war der Abschluß der Sache, die durch so manche Jahre als das ausschließliche und einzigartige Geheimnis der beiden guten Freunde sich fortgesponnen hatte. Wendel begab sich sogleich nach Hause, lag einen Augenblick mit dem Kopf auf den Armen, jedoch eher erleichtert als der Tränen bedürftig. Dann entwarf er ein Gedicht so ohne Besinnen als ob er es abgeschrieben hätte:

 

Das andere Sein

Ach alledies ist nicht gemeint!
Stehen und gehen, ein wenig trauern
Ist nur das Licht auf den Mauern
Das wiederscheint.

Über die Wälder grün
Stapfen goldene Morgen.
Ich bin und bin,
Aber ich denke nur Sorgen.

Was ich bin, liegt tief innen verloren.
Kein Schlummer dringt tief genug bis zu ihm,
Zu den Seraphim
Vor den Toren.

Manchmal berührt mich der Wind
Mit dem Salze der Meere,
Und meine Schwere
Wendet sich finster und blind.

 

Elisabeth verreiste im Spätherbst. Vom Bahnhof kommend, sang der Blonde still vor sich hin.

Ein wenig war ihm zumute wie einem kleinen Lausbuben, der, allein im Hause, allerlei Heimlichkeiten zu unternehmen sich aufgelegt findet.

Wie, wenn er nun doch die Königin herüberholte? Das Blut rauschte ihm in den Ohren.

Jetzt kam ihm alles leicht zu machen vor. In seinem Glücksüberschwang drohten ihm die Sinne zu vergehen.

Mählich erlangte die Wahrheit wieder ihre Herrschaft. Die Sachlage war grausam und nicht zu ändern.

Er beschloß, sich ihr auf die einzige mögliche Art zu entziehen, indem er reiste.

Sollte die bunte Welt ihm nicht Mittel geben, sich so oder anders hindurchzuschlagen? Holla, er gedachte fröhlich von Gelegenheit zu Gelegenheit zu turnen. Der ägyptische Lehm glühte auf. Es roch von Krügen und Grüften. Ewiges Paris, deine Dächer glänzen fernhin im Herzen!

Aber das Leben kam ihm zuvor. Ehe er sich's versah, warf es ihm seine Schlingen ums Herz; eine neue Frau erschien auf dem Schauplatz.

Wie wunderlich fühlte er sich, durch die alten Straßen mit seinem verwandelten Herzen zu streifen, von jungen Beglückungen wild überfließend.

Manchmal warf er sich auf dem Fuße herum aus Verzweiflung darüber, daß sie nicht kam. Alles Vergangene war ein Umweg gewesen. Was er davon gewonnen, die Geschicklichkeit des Herzens, stellte er in den Dienst der Geliebten. Die langen Tage wo sie, ihm irgendwo hier verborgen, die Parke und Fassaden mit ihrem Geheimnis verzauberte, füllten seine Brust für die lichtflimmernde Stunde des Wiedersehens. Das ihm ohnehin teure Haus der Musik hatte eine neue Verklärung erfahren. An seinen Mauern lehnend, mit dem Blick durch Zedern und Sternlauben, kostete er die Erinnerung taufender verrauschter Schönheitsfeste, die Schatten des Wohllauts, die hier lagerten, die unbeschreibliche Malvenluft, voll der Gegenwart seiner Griechin!

»Komm!« flüsterte er ruhelos, und die Augen gingen ihm über. Welcher Tumult von Reichtum, Lächeln, Wohlgeruch, Glanz, wenn die freudige Menge zusammenströmte, die sich hier vereinigte, um Sonaten und Symphonien, das klingende Erbe der Jahrhunderte, zu genießen. Flitterglitzernde Matronen, elegante Greise, silberhaarige und schwerlastende alte Damen hatten sich herausbegeben aus den Pantherteppichen und Spiegeln ihrer verborgenen Schlösser. Der angehäufte Zauber glomm fieberig um ihn her; hundert verschleierte Rätsel grauer, samtener oder sprühender Augen, Mädchen die wie auf Sagentieren hervorkamen, brachten ihn in Verwirrung. Mit der Ahnung kommender Heimsuchungen des Glücks trafen ihn bleiche Schrecken; alle versäumte Erfüllung, alles zurückgedrängte Geschehen würde sich über ihn ergießen. Er stand klein und zaghaft vor ihnen; er würde sich unklug und wie ein Zwerg benehmen, er hörte das langnachhallende Gelächter der Giganten, die an seiner Stelle wieder die umfangreichen, schwer zu handhabenden Geschäfte des Lebens übernahmen. Dessen ungeachtet trabte er vorwitzig mit, auf die Gefahr hin, durch seine Einmischung in diese gloriose Welt eines Tages Unheil und Schande zu erleben. Denn wenn er verstört durch die Menge lief, wußte er, daß auch sie da irgendwo patrouillierte, mit ihrem Abendtäschchen an der Hand; für ihn machte sie sich schön an den Spiegeln, sofern sie nicht auf der Brüstung saß, das Bild von Duft und Unmut, leicht ihr Bein schlenkerte und ihn daherkommen sah.

Nicht daß er zu grüßen wagte, aber er strahlte sie aus seiner Herzensfreude einfach an, und es war ein ganz unbeschreibliches Gefühl, ihre holde Verlegenheit zu sehen, das widerstrebende Erröten, den eiligen zwangsmäßigen Blick über ihn, ihre beglückte Versonnenheit, die darauf folgte. Ging sie vor ihm die Treppe hinunter, und er wußte das einzurichten, dann sah er ihrem Gleichmut ebenso wie den versteckten allerliebsten Koketterien an, daß sie ihm zu Gefallen spielten. Er ließ sich an ihre Seite schieben, obwohl ihm das Herz beinahe barst in der süßen Gefahr der Berührung mit ihren kühlen bloßen Armen. Er sah in dem allgemeinen Gedräng eine gewaltmäßige Kollision mit ihr voraus. Die Wehrlosigkeit ihres leichtgewandeten, gleichsam knochenlosen verlorenen Mädchenkörperchens erregte ihm zarte Begierden, Beschützergelüste, ungeachtet der etwas zur Schau getragenen Selbständigkeit der jungen Dame, der er nicht allzusehr traute; ohne daß sie es ahnen mochte, stand ihr ein helloffenes Staunen, die sich vergewissernde Scheu des Wildes in den laubbraunen Augen, die sie bei jeder Wendung des Treppengeländers kindlich zu dem Jüngling ausschlug.

O sie war schön, sie war zerbrechlich wie eine Kostbarkeit, ihre Gliederchen erregten die Seide wie ein Wasser!

Er hatte den Eindruck, daß er ihr sehr überraschend kam, ihr zu denken gab. Sie war vielleicht noch ein bißchen jung; die Ergebnisse ihrer Nachdenksamkeit warm gefährliche verhaltene Verzückungen. Eine eigentümliche Unnahbarkeit, die sie, ihren Mantelpelz hochschlagend, hervorkehrte, zeugte von Notwehr und Auflehnung, aber auch von Schwermut, Jubel und Bereitschaft.

Dieses berückende Spiel hatte der Blonde aus mehr als einem Grunde hinausgezogen. Vor allem mochte der robuste Entschluß, die Verzauberung zu durchbrechen, ihm an sich wieder schwerfallen; ein wenig fürchtete er überall Enttäuschung, und sei es auch nur den kleinen Schaden, den jede Sache für ihn erlitt, indem sie aus ihrem Geheimnis heraustrat. Gleichzeitig empfand er das Ganze als so gewaltig, daß er vorzog, es sich eine Weile noch vom Leibe zu halten, aus einer Art Bequemlichkeit ebenso wie im Bestreben, sich gebührend darauf vorzubereiten in dem Sinne, daß er die Vergangenheit des Alleinseins, der Kontemplation innerlich zu einem richtigen Abschluß brachte; besonders aber legte er Wert darauf, die Reste anderweitiger Gebundenheit in sich auszurotten, um als ein wahrer Hochzeitsmann, spiegelblank und der Freudigkeit fähig dazustehen. Zu seinem Leidwesen verfolgte ihn noch immer Imago. Er bestand ein bißchen wehleidige Auseinandersetzungen mit ihr als wie mit einer Gemahlin. Sie versteifte sich auf ihr Vorhandensein und diesbezügliche Folgen; er beklagte ihren Eigensinn, bezeichnete sie als das Unglück seines Lebens, aber so wie er mit ihr einstweilen stand, konnte ihm der Genuß seiner Leidenschaft auf die Dauer nicht wohl gelingen. Es blieb sein alter Kummer, daß er durch einen geringfügigen Ausstand an Begeisterung die Geliebte andauernd eigentlich beleidigte, selbst in seinen Trunkenheiten, die er leise verdächtigte, aus Sehnsucht ein wenig übertrieben zu sein.

Dieses sonderbare Benehmen fing an, das Mädchen zu erstaunen. Es war Schrecken in ihren Blick gekommen, vielleicht weinte sie heimlich, und auf einmal blieb sie überhaupt von den Konzerten aus. Er ließ sich dadurch nicht verdrießen, weiterhin ein Heidengeld für Musik auszugeben. Sie fand sich denn auch wieder ein, etwas bleicher, wie es ihm vorkam; sie stellte sich unbeteiligt.

Trotzdem erschrak sie keineswegs, wenn er sie gelegentlich dabei überraschte, ihn still zu betrachten. Es mochte weiter nichts sein, als daß sie sich Gedanken über seine stille Traurigkeit machte. Weder ermunternd noch abweisend, schien sie ihn doch mit ihrer Anwesenheit trösten zu wollen, und die Art, wie sie in den Schnee hinausstapfte, hatte wieder etwas ungemein Kameradschaftliches, Vertrauendes an sich, so als räumte sie ihm alle Rechte ein, ihr zu folgen oder in der flockenden Nacht mit ihr zu beginnen was er für gut hielt.

Das bezahlte Abonnement in der Tasche, machte Bach eines Tages kehrt und blieb von nun an zu Hause.

Tunlichst vermied er alle Beschäftigung, die das Herz gefährdete, das verhüllte, sehr kleinlaute Herz, das er in Hausarrest versetzt hatte. Er berechnete Kegelschnitte.

Mitunter glaubte er es freilich nicht länger auszuhalten. Er hatte sich angewöhnt, die Parke, den See, die Abende und die Schneegewächse des Winters zusammen mit ihrem Bilde zu sehen. Dachte er an den Konzertsaal, so vernahm er das fiebernde Gebrause der Geigen. Das Heimweh nach der festlichen Versammlung, die sich farbig und duftend über das weite Tal des Parketts im Glänze der Kandelaber gelagert hatte, das Heimweh nach ihr, die dort saß und vor Kummer die Musik überhörte, Leid und Verzweiflung strömten ihm heiß vom Herzen. Wenn er sie sich vorstellte, wie sie, voll sehnlicher Betrübnis, das Haus zu verlassen zögerte, in Hut und Mantel, um die Handschuhe beschäftigtem Vestibül noch herumstand, wenn er die Flocken in ihrem Haar schmelzen, wenn er sie ein letztes Mal sich umblicken sah, dann klaffte das Entsetzen schwarz in ihm auf, als hätte er eine Entscheidung herausgefordert, die ihn in ewige Nacht verstieß. Er hatte sich ausgemalt, daß die Kleine vielleicht Pianistin war, sich damit abgab, so ein Flügeltier zu bändigen. In seinem Kopfe war es fertig gewesen, daß sie ihn in ihr Spiel betten würde, wenn er erschöpft aus seiner Schreibstube kam. Der Sommerregen walzte sich in den Kastanien. Gewitter erhellten die Nacht; es war süß, zu wissen, daß seine Gegenwart ihr die Angst nahm. Zärtlichkeit, Mitleid, Herzweh, Trotz und Übermut waren an der Arbeit gewesen, seinen Starrsinn zu unterwühlen; die Konzertkarten warm verbrannt, der Winter ging vorbei – Wendel ließ sich nicht hinreißen, etwas zu wiederholen, worin er sich wahrlich zur Meisterschaft ausgebildet hatte: Zweifel zu leiden. Sollte er nichts gelernt haben aus den kaum vergessenen tausend Qualen, in denen er versuchte, mit dem Gegebenen fertig Zu werden, sein Inneres auf das Äußere anzuwenden: Es ergab sich einmal keine Übereinstimmung; die alten Wölfe tummelten sich in der Gestalt der Verlockungen, denen er nicht umsonst das Aufgebot seiner Erbitterung und seiner Ausschließlichkeit entgegensetzte. Ob er auch gleich so weit war, sie manchmal von Herzen zu hassen, er anerkannte doch einzig Imagos sanftzwingende Führung; noch berechtigte nichts zur Verzweiflung, das Göttliche läßt sich nicht drängen – mit einer Treue und Demut, die an Verbohrtheit grenzte, unter Verzicht auf die Angebote der Halbheit wartete er auf das Höchste, das ihm gerade genügen konnte, den ganzen Frieden, die letzte Zustimmung des Herzens.

Er ließ sich darüber auch in seinen Briefen nach Westindien aus, ohne es freilich so richtig umschreiben zu können. Wie er sich ausdrückte, hätte er sich bei Elisabeth in das Licht hochfahrender Schrullenhaftigkeit gebracht, wäre die Art seines Ungenügens ihr nicht genau bekannt gewesen. Er handelte unter dem Zwang eines unbeirrbaren Gehorsams, welchen sie zwar bedauerte; mit gutem Grunde zweifelte sie daran, daß das Leben seine Vorbehalte in acht nehmen würde. Es war vorauszusehen, daß sie ihn einsam machten; aber Fräulein Fahm konnte der Mensch nicht sein, der diesen Zustand fürchtete; sie schätzte die Ehrlichkeit Mendels, und was des Herzens Verdruß anbelangte, so war ja auch sie, als eine innerlich anspruchsvolle und wohlbeobachtende Frau, nicht umsonst dahin gekommen, einspännig ihre Wege zu fahren; es klang ihr bekannt ans Ohr und sie lächelte, wenn er Dinge wie diese ausrief: »Der Besitz geht nicht in das Herz hinein!«

»Woran das liegt,« schrieb der Blonde, »ob an unserem Mangel an Vitalität, an der Skepsis unseres Geistes oder an der wirklichen Problematik der Erfüllungen, das wird so leicht nicht zu bestimmen sein. So wie wir beschaffen sind, entbehren wir die Gabe der Unmittelbarkeit, um die wir die Einfachen beneiden, auch wenn, was sie daraus machen, uns nicht eben sehr wesentlich vorkommen kann in seiner internen Bedeutung. Der paradiesische Zustand wird der einer steten Verbundenheit des Irdischen und Himmlischen in uns sein. Dann ist es nicht mehr die Ausnahme, daß wir das Alltägliche in jener traumhaften Verklärung sehen, die irgendeine Wolkengegend, der Abend über den Gassen annimmt, wenn unsere innere Konstellation uns den Ausblick ins Ewige ermöglicht. Gralsburgen stehen in der Klarheit dieser unaussprechlich beseligenden Verzauberung. Ich wüßte kein Gefühl, das uns so ganz durchdränge wie die wolkenhaft leuchtende Ekstase während jenes transzendentalen Rausches. Irgend etwas davon müßten alle unsere Augenblicke haben. Alles andere ist verschwendet. Ich kann es mir zur Pflicht machen, jeden Sonnenaufgang zu sehen; aber es wird mir nicht gelingen, ihn immer als das zu empfinden was er ist, als einen Schöpfungsmorgen. Manchmal graut mir im Gedanken an die Eile, mit der das Leben dahinfliegt; es graut mir vollends, wenn ich bedenke, in welcher Weise wir es verschwenden. Ich weiß, diese Sprache mißfällt dir. Sie zeugt nicht von der Freudigkeit, die die Heiligen sich zur Pflicht machen. Ich bin ein wunderlicher Heiliger; abseits in den Gärten werde ich noch am ehesten des Vaters froh – Bünde und Brüderschaften bringen mich um den Atem. Ich weiß es wahrlich zu achten, daß ihr es tapfer angreift, das Reich auf Erden zu verwirklichen; man sagt, euer Meister habe eine ganze Talschaft erstanden, reine jungfräuliche Steppe zur Verfügung des Gottesvolkes, das sie bebauen wird. Wenn er derart das Paradies in Dollar bezahlt, so ist von mir zu vermelden, daß ich wenig von der Industrialisierung des Esoterischen erhoffe: Ich meinerseits fahre gen Osten, ins Land der Seele, nach Österreich; Else Hoffmann hat mir ihre Ritterburg zur Wohnung angetragen. Sie schreibt davon, daß große Tiere – Schauspieler, Musiker – dort eintreffen würden. Es steht mir also bevor, in eine ganz neue Welt geistvoller Kameradschaft einzutreten, ich erwarte weiß welche illustre Begegnungen. Ich bin voller Tapetenstuben und lichter Fensterblicke in Reben und Stromland; meine Gönnerin weist mir ein blaues Verließ an, in welchem ich dichten soll; Föhrenwipfel und Falken, sagt sie, kreisen vor dem Gesimse; ganz fern liegt Wien in den Dunst gezeichnet mit seinen Kaisergärten.

Ich nehme denn Abschied von unserer unvergleichlichen Stadt, die ich so liebe; ich nehme Abschied von ihren Seiden- und Blumenläden, von dem Wasseropal und dem Schönsten, was wir haben, dem so laubig hinwallenden Berggrat. Alte Inseln von Verzauberung kommen hervor, entschwindende Nachsommertage geistern wieder auf, im Sonnenschein bröckeln auf einmal blaßfarbige Bibliotheken auseinander.

Doch ich vergaß zu notieren, daß mein guter braver Ahn, Peter Bach, von der Macht der Liebe noch einmal jung geworden ist; er wird sich demnächst wieder verheiraten. All mein Lebtag habe ich diesen stillen Mann lieb gehabt wie einen lieben Bruder und danke Gott aus Herzensgrund, daß er ihm noch den Gefährten schenkte, dem es nicht wie mir verwehrt ist, sein gutes Gefühl auch zu zeigen.

Ach, mir begegnet jetzt so viel, daß ich Transfusionen vom Leben in mein Werk ausführe; ich setze gestohlene Menschen in der Dichtung aus. Denn die Weiber singen nachts gassenentlang, der heiße Staub riecht, auf den Straßen fahren die Wagen, Müllhaufen und Königskerzen riechen, aus dem Schlot der Fabriken schiebt sich der Rauch vor die Sonne, die Kuckucksnelken verschattend, das Wasser in den Kanälen schleppt Weidengehänge – die Spinnereien brummen – alle Wintertage meiner süßen verlorenen Kindheit umgeben mich flaumig!

Also ich fahre zu Schubert und werde ihn von dir grüßen.«

Das sollte ihm nicht verstattet sein, ohne daß er vorher, zur Strafe für sein Ränkespiel, das Herz noch einmal verwundete. Er sah sein Griechenbild wieder. Ein Denker von Weltruf war an die Hochschule verpflichtet worden; seine Antrittsvorlesung lockte das Publikum hervor, das die ausnahmsweisen edleren Sensationen denn doch auch vorhanden finden, die intellektuelle Jugend, unscheinbare, aber wahrhaft bedeutende Männer, Künstler, die auf Fahrrädern von ihren Schlupfwinkeln her erschienen, sowie ein paar Damen verschiedener Prägung – das Hyazinthchen also saß da, in einem Gewölbe des Treppenhauses, von wo es ernsthaft und sichtbar ohne Hintergedanken die Menschen heranströmen sah. Zu der Zeit, da der Blonde an ihr vorbeistieg, hatte sie sich gerade zurückgelehnt, um in die Skulpturenhalle hinabzublicken; ihre Gliederchen traten aus der Seide hervor, die Brüste verschoben sich niedlich; so meisterlich war all ihr Liebreiz angeordnet, daß der Jüngling, benommen von wogender Empfindung, dicht an ihren Knien stehenblieb, die Dinge in Gottes Namen herauszufordern, obwohl er nicht anders dachte, das Haus würde über ihm zusammenbrechen.

Bevor es geschah, ergriff ihn die Menschenströmung, seine unzeitgemäßen Erklärungen verhindernd. Die Gebärde, mit der er von dannen trieb, mochte ihr einiges von seinen vorgehabten Unternehmungen verraten; zweifellos brachte sie die Sammlung nicht auf, auch nur eine einzige Darlegung der Berühmtheit zu verfolgen, so wenig wie Wendel, der an seinem Platz eine unerhörte, nur schwer zu verbergende Bewegung verarbeitete. Die Weisheit des Philosophen reichte aus, ihn etwelche Ruhe und soviel Schüchternheit zurückgewinnen zu lassen, daß er zuletzt sich abermals drückte, das heißt, im Ernste nichts dazu beitrug, sie in der Menschenflut wiederzufinden.

Dagegen drängte er sich zum letzten Konzert, das die Vorsehung ihm gnädig noch aufgehoben hatte; vor Entschlossenheit fror er, die Ungeduld machte ihn schlottern, Jubel und lähmende Schrecken zogen wie Sonne und Schatten über ihn. Der Augenblick der Entscheidung fand ihn sonderbar wagelustig. Die Geliebte, die ihm zerpflügt und hinfällig vorkam, irrte verzagt in die Nacht hinaus. Er lief an ihre Seite, grüßte; wie man ein junges Pferdchen sich beruhigen läßt, indem man seine Wege mitläuft, wanderte er wortlos in ihrem Geleite, dem Rascheln ihrer Kleider lauschend, mit ihrem Duft in den Nüstern. Vor wonniger wilder Verwirrung verlor auch er seine Fassung, glitt in Schwermut hinein, sah sich plötzlich am Ende der Beherrschung – das Dunkel der Bäume umgab sie wie Felsen; er bat, einzuhalten, legte sich ihre Arme über die Schultern, indem er selber sie um das Körperchen faßte, den Kopf an ihren Hals und die Hüfte gegen sie preßte. Wie ein kleiner Panther hing er an dem zarten Reh, oder als ob er schluchzte. Seine Hand fing an, über ihre Schulterblätter zu fühlen, die Kühle des Rückens abzutasten. Sein Biß nach ihrem Munde glich wieder dem Sprung einer Katze. Sie legten ihre Gesichter aufeinander mit kindlichem Gestammel. Seine Lippen ergingen sich in ihrem Haar. »Du Süße, du leichtes Gebilde!« flüsterte er und fing auf einmal sich zu versprudeln abfragte wer sie wäre, beschrieb sie, wie sie ihm vorkomme, wie eine Ranke – hielt ihre Fingerbüschel, die Gelenke, warf sich die weiche Last in die Arme. Er selber wäre der und der, Poet, Gott sei Dank, so daß er sich zutraue, Geister für ihre Süßheit, Ländereien für ihre Herrlichkeit zu besitzen. Sie betrachtete ihn derweil, die Finsternis hatte sich gelichtet; das zarte Gesprenkel von Rost in seinem Gesichte gefiel ihr wohl, sie legte die Händlein auf seine Stirn, lächelnd mit ihrem wachgeküßten Munde – »Süße, ich werde nicht satt von dir!« jauchzte er. »Du überschüttest mich mit der Fülle aller mir unbekannten Verwirrungen, du, die ich nicht beschreiben kann –«

Sie liefen eine Strecke, umschlangen einander aufs neue. Sie müsse zur Bahn, klagte sie; er wurde sich bewußt, daß er zum erstenmal ihre Stimme hörte. Er stand verdutzt vor ihr, nahm ihr Haupt zwischen die Hände – durch verschlossene Augen rannen beider Tränen hervor aus einer Nacht von Gefühl. Dann wieder schaukelten sie die Arme, an denen sie einander gefangenhielten.

Wendel versäumte nicht, den Rasen, die Himmelshöhe, den See, diese gotterschaffene Szenerie für Liebe, in sein Erlebnis mit einzubeziehen. Noch einmal holte er die Geliebte an seine Brust und erbat sich ernsthaft nun doch ihren Namen.

In dessen Besitz, drückte er ihre Hand, als hätte er ihr bedeuten wollen, daß es ein rechter Name sei, und liebreich begleitete er sie zum Bahnhof, die Hand mit schonender Gebärde an ihrem Rücken; königlich beglückte ihn die Vergünstigung, sie vor aller Welt beschützen zu dürfen.

Er bildete sich einiges darauf ein und wünschte heimlich, gesehen zu werden. Am Bahnsteig wandelte ein junges Paar, von dem er sich beobachtet glaubte. Kaum war der Zug abgefahren, näherte sich der Fremde, und auf einmal war es Homberger, das alte Haus. »Meine Frau,« stellte er vor, indem er sie an ihrem Sweater hielt, »und das ist Herr Wendelin Bach, den du kennst, der Verfasser feinsinniger Lyrik und des stillen Buches vom Wolkenland.«

Wendel war rot geworden, weil er dem Jugendfreund keine andern als ironische Schmeicheleien zutraute. Wenn er verheiratet war, nötigte er ihm Respekt ab wie jeder, der sich darüber auswies, im Grade des Ehemanns zu bestehen. Die Gemeinschaft mit dem Weibe, der Besitz ihrer subtilsten Geheimnisse, glaubte er, setzte eine ganz bestimmte männliche und moralische Eignung voraus, weshalb er sich genötigt sah, seine Meinung von Homberger nachträglich ein wenig zu revidieren. Er hatte es nicht wohl abschlagen dürfen, zu einem Glas Wein mit hineinzugehen; im Restaurant aber zeigte es sich, daß der Filou sogar promoviert hatte; bis hinunter zur Zigarrenmarke schienen die Serviertöchter alle Liebhabereien des weltmännischen Doktors zu kennen. Siehe da, auch ein knospendes Bäuchlein ließ sich an ihm entdecken; so früh schon lockerte sich seine Nase zu dem sensiblen Organ, welches gemeinhin ergebenen Zechern als ein Barometer der Melancholien und gottseliger Fröhlichkeit im Gesicht steht. Angeregt durch die Harmlosigkeit dessen, was der einstige Korpsstudent mit einem Höchstmaß von Artigkeit schwatzte, grub der Blonde aus seiner Erinnerung all die verflossenen Moritaten, auf deren Vortrag der junge Romantiker sich vormals so trefflich verstanden; Briefe, Herzen, Verse und Schußwaffen legte er dem Doktor zu seinem Biere, welches er zur Neutralisierung des Kalterers mit dem Einverständnis der Gattin ausnahmsweise befohlen hatte.

Die gute Frau gab auf alles Antwort, sofern er nur irgendwie darauf drang, was sozusagen immer der Fall war, obschon sie sich eine Zeitung genommen hatte; es war eine müde Art der Beteiligung, die etwas nach heimlichem Ehezwist aussah; die grauen Augen blickten nur dann einmal auf, wenn der Doktor überflüssigerweise die Hand auf den Arm der Kellnerin legte. Halbwegs aus Langerweile, halbwegs um die Partei der Dame zu nehmen, hospitierte der Dichter ein wenig in ihrem Blatte, sofern er des Feuilletons habhaft werden konnte. Auf einmal fuhr ihm das Blut zu Kopfe, fing er an, die Beschäftigung der Unglückseligen wie ein gefahr- oder schandebringendes Spiel zu verfolgen; er hielt es nicht länger aus und empfahl sich so plötzlich wie eben ein närrischer Kauz die Gesellschaft abschüttelt.

Die widerwärtige Beanspruchung hatte sein Erlebnis zu schroff unterbrochen; im Augenblick fiel es ihm schwer, daran zu glauben, daß er vor kaum einer Stunde sein Mädchen liebkost hatte; der Vorfall, tausendmal geträumt, erschien ihm als Wirklichkeit so ungeheuerlich, daß er ihn lieber in seinen Gedanken verleugnete und an seine Stelle die Entdeckung setzte, die ihn soeben aufgescheucht; er haßte die demütigende Verlegenheiten die ihn die Notwendigkeit brachte, mit dabei zu sein, wenn etwas von ihm gelesen wurde; in jener Zeitung aber hatte sein Name gestanden.

Die heiteren Betrachtungen darüber spann er bis in den Traum hinein fort, wogegen es ihm nicht gelingen wollte, sich die ungleich bedeutsameren Vorfälle des Abends noch einmal lebhaft zu machen; sogar die Züge der Geliebten fügte er nur mit Anstrengung zusammen, gar nicht zu reden davon, daß keinerlei Nachwirkungen dessen, was er vor kurzem empfunden hatte, noch sein Gemüt bewegten.

Des Morgens fiel ihm das schwer aufs Gewissen. Die Welt gewahrend, erinnerte er sich, darin eine Frau liebkost zu haben, die ihm von ferne nicht zugehörte. Es regnete, es war kalt, sein Waschwasser plätscherte wunderlich dursterregend; er tauchte das Gesicht hinein, seine Tränen mischten sich widerstrebend in die harte verschlossene Flut.

Als ob er etwas gar nicht wieder Gutzumachendes verschuldet hätte, in verzweifelten Schmerzen wimmerte er. Die Sache war die, daß eine eigensinnige, unbewegliche Gewißheit in ihm wieder den Stand erreicht hatte, ihn die Unhaltbarkeit seines Abenteuers erkennen zu lassen. Alle mühselig zusammengeraffte Erinnerung brachte ihm das Mädchen nicht näher; ihre noch ein wenig in ihm lebenden Zärtlichkeiten veränderten nichts an seiner Gleichgültigkeit. Alles, wonach er verlangte, war, unterm Rasen zu liegen und nichts mehr zu wissen von den beleidigenden Seligkeiten des Lebens. Auch Imago besaß sein Gefühl ja noch nicht, vielleicht nicht einmal seine Sehnsucht, sie stand nur als der aufgehobene Finger in seinem Bewußtsein, de? ihn davon zurückhielt, seine Handlungen zu überstürzen. Die Prüfungen, die sie ihm auferlegte, ihre strenge Erziehung zum Warten hätten ihn schwerlich so ausdauernd gefunden, wäre er nicht eben der ernsthafte Mann und darauf so völlig versessen gewesen, seinen Ahnungen Treue zu halten selbst auf die Möglichkeit hin, daß er diese Ahnungen in ihrer Verbindlichkeit überschätzte. So schnell würde ihn nichts dazu bringen, im Glauben an die Fülle der Ergriffenheit zu erlahmen, die er eigenbrötlerisch und Zugeständnissen abgeneigt für sich zu verlangen entschlossen blieb.

Diese Haltung nötigte ihn, das arme Mädchen noch einmal und grausamer als vordem zu quälen; das Herz entbrannte ihm vor Kummer, alle nur immer möglichen unsinnigsten Überlegungen zog er herbei im Bestreben, sich einen Ausweg zurechtzudenken, dem Gefühl eine Bahn zu schaffen; er schlug sein Herz mit der Faust, er bettelte kindlich um Gewährung, die Anerbietungen des Augenblicks erschienen ihm so nach dem Herzen: Der trennende Abgrund klaffte, die Leere umgab ihn gläsern; nur das stille Gesicht, wie eine Spiegelung, das Neckbild seines Hirns stand in ihm als ein mahnender Vergleich, gegen welchen nichts aufkam und dem er nachfolgte, nicht um seinen Lohn zu haben, wohl aber aus tiefer Gebundenheit, dem Glauben ans Leben heimlicherweise verpflichtet. Zweifel an seiner Planmäßigkeit, das Mißtrauen gegenüber der Unfehlbarkeit des Gefühls bereiteten ihm noch manche Hölle. Wenn die Erkenntnis seiner allgemeinen Verächtlichkeit hinzukam, in den Stunden, wo er beunruhigt alles Große und Ganze nur in der Natur verwirklicht sah, am Lose des Menschen verzweifelnd erwog er die Tröstungen des Todes – nicht eben ernsthaft im Grund, über die Aussichten längst unterrichtet, die der Sprung aus dem zeitlichen Dasein aller Wahrscheinlichkeit nach hatte. Darüber hinaus vermutete er, daß er nicht auskneifen durfte, vielmehr, wie schwer es immer fallen mochte, seinen minderwertigen, von Gott vergessenen, keinerlei Sinn versprechenden Posten zu halten hatte, und so hielt er ihn denn – was blieb ihm daneben? all die Unruhe um Schönheit und Geheimnis dünkte ihn nachgerade so läppisch, und nur die Eifer des Geistes waren es, die unverwüstlich alle Zusammenbrüche überdauerten und mit ihrem blauen Wetterleuchten zauberisch weiterhin lockten.

In der Fremde angekommen, fand er wieder nur das Zurückgelassene noch liebenswert. Die flache Donau, die zierlichen Parke gingen ihm nebelhaft durchs Bewußtsein. Es war ihm nur immer ums Heulen, und diesem Bedürfnis zu genügen verließ er heimlich den Bahnzug. Es war heiß, das Land stieg in gelbliche Wolken, dann wieder fiel es, fiel es, er glaubte nach Ungarn hinunter; er wanderte was seine Beine hergaben, er lief in Gestrüpp und Unkraut, in tiefes Salbeigehänge, und hier, in der Sonne, wünschte er sein Heimweh verborgen hervorzunehmen, er setzte sich in den Hornklee; allein das Hummelgebrumm übermannte ihn, Königskerzen und Rittersporn wuchsen auf, weiße Schlösser gaukelten im Umkreis: gegenüber einer großen umfangenden Bläue, im dunklen Wehen der Steppe schlief er ein und war denn vorerst nun nicht mehr.

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