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Der halbe Mensch

Albin Zollinger: Der halbe Mensch - Kapitel 11
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typefiction
authorAlbin Zollinger
titleDer halbe Mensch
publisherGrethlein & Co.
year1929
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Das heilige Bemühn

Kind Gottes

Noch einmal setzte es schwermutreiche Sträuße ab; dann fing er aus Neugier an, die Hantierungen der Sektierer zu üben, turnte, fastete, purgierte sich und lernte ihre Kunst zu atmen. Mitunter murrend und wohl auch schluchzend balgte er sich herum mit dem Leibe, der ihm widerstand und den zur Glückseligkeit zu zwingen sein blutiger Ernst geworden war. Einmal des Tages aß er eine Wenigkeit, er fühlte sich leicht wie ein Wind, fremdartige Zephirlüfte trafen seine Seele, und es gab allen Anschein, als hätte das Tausendjährige Friedensreich sich herbeigelassen, in seinem geläuterten Blute zu wohnen. Dankbar dafür, zögerte er nicht länger, sich in die Loge der Heiligen aufnehmen zu lassen, genoß des Umgangs mit einer strebsamen, freudig überheblichen Brüderschaften der es pfiffige Häupter, Seraphengemüter und Schöpse gab, jeder auf seine Weise geeignet, einem derartigen Konsortium nicht eben alltäglicher, Gott wohlgefälliger und zeitgemäßer Jünger anzugehören. Was ihn, Wendel selbst, anbetraf, so brachte er keinerlei sichtbare Gaben mit sich, weder in der Richtung der Redefertigkeit, noch auf okkulten Gebieten, die, ihm neu und noch etwas verdächtig, hier eine bedeutende Rolle spielten. Man feierte die Jahrestage der Steinbockgeborenen, der Wassermänner; namhafte Gelehrte lieferten Horoskope; welche hatten es in der Gewohnheit, zu ihren Unternehmungen oder über ihre Gebresten ein kleines Korkpendel um seine Meinung zu befragen. All das sah der Neuling in einer selbstverständlichen, friedfertigen Weise von Menschen vollführt, die er um ihrer Ernsthaftigkeit willen achten und in ihrem hingebenden Wesen lieben mußte. Von Gott zur Obhut des Leibes bestellt, gewiegt in der Verwendung von Narben und Wassern, zeichneten alle sich aus durch Gepflegtheit, manche durch Anmut, nicht wenige aber durch eine Schönheit, die mitunter vermochte, den Dichter in seiner Versenkung zu stören.

Im Verein mit solchen Geschöpfen, mit Frauen und bekränzten Kindern auf Teppichen herumliegend, dem Wort des Priesters lauschend, erschütternder Offenbarungen teilhaftig, bei Gebet und Gesang glaubte er sich in einer altgriechischen Schule zu befinden. Es kam vor, daß er gänzlich verwirrt sich auf seine zwei Beine stellte und lächelnd, mit verschränkten Händen etwa folgendermaßen zu der Versammlung redete:

»Wie sonderbar. Da sitzen wir nun beisammen und diskutieren die Gottheit; wir haben ein so bestimmtes Gefühl, daß es heute wieder wie vorzeiten ist, wo die elysischen Wunder nicht in den Epen, sondern in Tempeln, in Hainen, am rauchenden Herd, im heißen Staub, über den Quellen wohnten. Wer hätte gedacht, daß, was wir an den Heiden wohl priesen, aber doch auch belächelten, ein so gegenwärtiges Leben wiedergewinnen könnte. Ich bin der Mensch, dies zu schätzen. Meiner Tage habe ich gelitten an der Diskrepanz von Erlebnis und Gefühl; hier fangen wir an, die Einheit wiederzugewinnen. Wir empfinden eine Erleichterung schon allein dadurch, daß wir uns jeglichen Stolzes begeben haben; wir sehen uns bereit, das Letzte über Bord zu werfen, an das die Menschen sich klammern, die armen Narren, die da Bücher schreiben, die Technik erweitern, alle Betriebe der Erde zu einer Höchstleistung steigern, die schon bald nach dem Bruche hin zu singen beginnt. Wer erfindet denn noch anders als in dem Sinne, daß er hofft, den simplen Gott der Natur zu überbieten, und sind unsere Ingenieure vielleicht der Stand von Priestern, der darum weiß, daß der Schöpfer die Hintergründe verlassen hat, um hier, an der Spitze der Zeiten, der Modernste der Modernen, sich in den Wissenschaften zu erweisen? Gott ist doch groß! Wir aber haben seine Gedanken genommen, als wären sie unsere Gedanken. Wir haben uns mit Gott herausgeputzt und gehen in seinen Gewändern drollig genug, wenn wir es nur endlich erkennen wollen. Wir haben nicht versäumt, ihm auch dadurch den Garaus zu machen, daß wir seiner Herrlichkeit Denkmäler aufstellten; es gefiel uns, ihn in unfern Gedichten zu gebrauchen als einen tiefsinnigen Raum, in welchem unsere Stimme auf eine gute Art widerhallte. Wir meinten immer uns selbst. Wer von den verlorenen Söhnen der Aufklärung ahnt noch die Befriedigungen, die in der Selbstpreisgabe liegen? Wir irregeleiteten Sucher!«

Das war ebenso selbstgefällig als voreilig von ihm gesprochen, aber sein schöner Friede, den er jetzt noch überschätzte, war am Ende sauer genug verdient, um es begreiflich zu machen. Elisabeth sang und frohlockte; seine Verbundenheit mit ihr war nie so innig gewesen, wogegen Lydia auf einmal in Rückstand kam, er schämte sich ihrer ein wenig, eigentlich gab es nichts, das ihre Beziehungen rechtfertigte.

In dieser Auffassung verleugnete er ihre Liebe, eine Sache, von der er so leichten Kaufes nicht loskam. Damals in Afrika hatte sie ihn eines Tages einer Raubkatze entrissen; was er auch dagegen anführen mochte, ihr verdankte er buchstäblich sein Leben; sie fühlte sich aufgelegt, es noch manchmal und gegen jeden beliebigen Angriff zu verteidigen. Der süße Schreck der Gefahr, das Aufflammen ihres Entschlusses, aber auch das Gefühl von seinem warmen Gewicht hatte sie wie ein Blitz getroffen, hatte ihr das Herz für ihre atmende Beute entzündet; durch den seltsamsten Umstand war sie ihm Mutter geworden, und was für eine heißblütige, verzückte, lachende und aufschluchzende Mutter. Sie hatte sein blondes Körperchen unter Ebenholzleibern, vor jagenden Gazellen gesehen. Ja, sie hatte sich tausend und abertausend sündige süße Dinge von ihm ausgemalt in den Steppennächten, im tollen Geflimmer der Grillen, im Wollustwind, der aus Wolken herabfiel, im brünstigen Schrei der Bestien, und daß sie es in ihrem Schoße verschloß, ihn ängstlich, zitternd vor sich selber behütete, der Abschied nach allem, die Nacht der Trennung, ja sogar das dämmerige Vergessen hatte dazu gedient, ihn tief in ihr Blut zu prägen. Halbwegs so weit gekommen, ihm, wenn auch schmerzlich, zu entsagen, aus Schonung seiner Reinheit und Bedeutung, sah sie sich jetzt in die Lage versetzt, ihn an die Nebenbuhlerin und deren Gotteswahn zu verlieren; sie raste vor Angst und Erbarmen, ihre lebhafte Vorstellung zeigte ihr Ewigkeitsstädte, grauenvolle Gärten im Sternenraum, in die sich zu verlaufen der Liebling im Begriff stand; die himmlischen Reviere erschienen ihr furchtbarer als alle Hurenstraßen der Erde. Was lag ihr näher, als ihn an sich zu reißen, ihm die eigenen Erschütterungen, das Weltall ihres Leibes anzubieten? Sie bildete sich ein, ihn damit zu erretten; allein er stand wie ein Kind vor ihr, zürnend und ohne Einsicht, auch wenn er, erblaßt, von der Nähe der Versuchungen zitterte.

Sein neues Bekenntnis verpflichtete ihn zu den strengsten Ansichten über die Bedeutung der Geschlechtskräfte und deren Verschleuderung; doch war es das zuletzt, was ihn so unerbittlich vor der furchtbarsten aller Befriedigungen haltmachen ließ. Die Fiebrigkeit seiner Sinne, die ihm kaum jemals Ruhe gewährte, steigerte sich manchmal zur unerträglichen Begierde, in der er allüberall, im Opal des Himmels, im weichen Laube, die weiblichen Verführungen erblickte. Sein Auge suchte verzweifelt nach jeder Fraulichkeit, nach der süßen Form der Hüfte, Lenden und Glieder; er fand sie unsäglich rührend, auf die Beglückung geradezu weise angelegt, aber auch von einer rein ornamentalen Selbständigkeit und Würde, die es ihm ermöglichte, sie mit der Ritterlichkeit des Künstlers wie Statuen, Vasen, Wolken als Dinge des Ebenmaßes ihrer eigenen Herrlichkeit zu belassen. Ihre Käuflichkeit kam gar nicht für ihn in Frage; sie ärgerte nicht seine Moralität, wohl aber seine Meinung von der Tragweite des Entschlusses, das hohe Erlebnis zu wagen: Wie man sich damit begnügen konnte, es flüchtig von der Straße aufzuraffen, das blieb ihm unverständlich. Aus diesen im Grunde anspruchsvollen und leidenschaftlichen, nichts weniger als selbstlosen Veranlassungen kam er zu seiner Sittenstrenge und zu der scheinbaren Sprödigkeit, die so schlecht zu seinem übrigen Wesen paßte; allein, da war außerdem Maja, das Idol seines Eigensinnes, ihr hatte er unausgesprochen und mit einem eigentlichen Raffinement ausschweifender Phantasie diese höchste Gemeinschaft vorbehalten.

Lydia wußte es und war auch bereit, ihn solchen Umständen abzutreten; aber gegen die Umgarnungen der Bigotterie bot sie all ihren Haß auf. Die Fahm, ihre Gegenspielerin, von der sie sich verachtet wußte, sollte die Macht des lebendigen Lebens zum Nachteil ihrer Hirngespinste erfahren.

Sie glaubte sich mit ihrem Kampfe völlig allein in der Welt und entnahm aus diesem Irrtum nicht nur Schwermut und Inbrunst, sondern auch Bestärkung in der Sache; derweil wirkte sich im Verborgenen der Beistand eines nicht minder erbitterten, wenn auch ganz anders interessierten Waffengenossen aus, der des Literaten Monnier. Dieser etwas schwärmerische Privatier hatte sich vorgenommen, den Blonden unauffällig, aber desto planmäßiger zu einem großen Künstler heranzubilden, er hatte es sich angelegen sein lassen, ihm schöne Gärten und Museen zugänglich zu machen, hatte damit begonnen, ihn bedeutenden Männern zuzuführen und behielt sich als Letztes vor, ihn auch reisen zu lassen – da verlor er ihn an die Pfaffen!

Trübselige Nachmittage gaben sich beide ein sinnloses Geleite durch die Stadt. Der Gelehrte, die Hände mit dem Stock am Rücken, wandelte grollend und traurig gaßauf, gaßab, und Wendel hüpfte an seiner Seite mit einem bedauernden Lächeln, oder wohl auch ärgerlich und geladen.

Denn was hatte dieser Mensch ihn väterlich zu ermahnen, und was hielt ihn, den Jungen, in der Gesellschaft der voreingenommenen Meinungen einer erledigten Zeit? Zum Überfluß hatte er sich Mühe gegeben, den alten Herrn zu beschwichtigen und ihm darzulegen, daß es keine erste beste Frömmlervereinigung sei, die ihn eingezogen. Es verleidete ihm, ewig die Vorstellung des bärtigen Großvatergottes von dem Geiste trennen zu sollen, dem er diente. Nachgerade entzog er seine notvolle Herzensgeschichte dem Einblick des Greises und ließ sich in keine Verhandlungen mehr ein, es sei denn, daß die eitlen Geschäfte der Erde, Künste und Wissenschaften, zwischen ihnen zur Sprache kamen.

Imago lebte auch noch, schuf ihm so manchmal Herzeleid, wenn sie lautlos mit seiner Maja rang, den absonderlichen Ringkampf zweier Lieblichkeiten austrug. Wo er stand und ging, erschien die Fremde vor seinen Augen, das stille Haupt, dem er nachsann und das ihn so sanft verfolgte.

Er versuchte sie zusammenzusetzen aus den Gebärden der Frauen, die er, flüchtig oder in schwerem Erleben, bisher geliebt. Dabei überblickte er die Gefilde seines Herkommens und verwunderte sich über die viele Anmut, an die er sein Herz verwendet, ohne daß ihm doch etwas geblieben oder daß er nachweisbar davon gelernt hätte. Nicht einmal die Königin ergriff Besitz von seinem Dasein, schlug sich vielmehr noch immer, und wie es versprach erfolglos, mit Truggebilden herum. Er sah sich nicht eingerichtet, zum Grundstock einer Familie und Sippe zu werden, so daß er aus vielerlei Rücksichten eigentlich seine Verhältnisse lobte und im Ernste nicht wohl begehrte, aus seiner Wolkenbehausung zu steigen.

Das verhinderte nicht, daß er eine Unsumme schönster Schmerzen im Dienst seiner Träume verbrauchte, schon allein aus dem Umstand, daß Maja unversehens in aller Form eine Jungfrau geworden war. Freundliche Fügungen und das Vorrecht der Liebe hatten es ihm ermöglicht, dieses Wachstum in gemessenen Zwischenräumen zu verfolgen, sehr in Unruhe, es möchte sich nicht in den Grenzen bewegen, welche der junge Mann auf das Gewissenhafteste für diese Entwicklung vorgesteckt. Er hatte davon den Lohn, daß er in gräßliche Zweifel verfiel, so oft er, zurückdenkend, des Mädchens sprossende Formen in der Erinnerung übertrieb und entstellte, so daß sie ihm bäurisch vorkam, hingegen Imago in ihrer lindesten Sanftmut durch seine Gesichte schlüpfte.

Seine Nörgeleien wirkten sich nachgerade in einer allgemeinen Mutlosigkeit aus, in welcher er keiner herzhaften Freude, kaum noch überhaupt einer inneren Bewegung fähig wurde, weshalb er dann vor dem Gegenstand seiner Schwärmerei, wenn er ihn wieder erblickte, durchaus dumm und untätig stand, höchstens über die Lächerlichkeit des Lebens verdrossen, welches sich anstrengte, würdig zu verlaufen, aber so schmählich versagte.

Dann bekam Lydia Vorsprung; er schien ihre Tröstungen zu erwägen. Zermürbt von dem Zwang seines Nachdenkens, unschlüssig zwischen wankenden Wahrheiten, überlegte er die Ergebung in ihre Wärme und Stärke.

Aus diesem Grunde wurden die Jahre des Wartens nicht in dem Sinne der Entbehrung, sondern auf eine viel schmerzlichere Art furchtbar; er genoß nicht einmal die Tröstungen des Belletristischen an der Sache und hatte nichts oder wenig von nahrhaften Hochgefühlen, dagegen eine Menge Ekel.

Dazu kamen die Scherereien, die seine religiösen Verpflichtungen ihm verursachten. Im Frühling fastete er sieben Tage, was an sich eben kein Kunststück bedeutete; die Schwierigkeiten stellten sich erst im Gefolge ein, einem Gefolge von Hungergeistern sowie erstaunlicher Wehleidigkeit, in welcher ihm zwar ein Feld neuer Himmelsgegenden, aber zugleich eine Seelenangst aufging, die er nicht tief genug in sein Kinderland, in die Geborgenheiten des Vaterhauses flüchten konnte. Voller Jammer suchte er in seinen Räumen die hinweggegangene Mutter; Heimweh und Selbstanklagen verschütteten ihm die Tage. Er umschlang die Buchen im Walde, biß in ihre Rinde vor Verlangen, sich der balsamduftenden, unergründlichen Landschaft zu vereinen.

Braun und unangefochten standen die Lampen im Abend, die Schwalben fuhren um klingende Türme – aber alles lag weit außerhalb seines Herzens, eine altersdunkle, überwundene Welt der Bauern, wo es nach Fäulnis und Jahrhunderten roch – nach den tiefen, immer noch geliebten, stillen und toten Jahrhunderten. Die Zeit, der er sich verschrieben hatte, umgab ihn kühl wie ein Morgen. Ihre Jungfräulichkeit, ihre spröde Zurückhaltung versetzte ihn noch in Schrecken; ungewiß über die Vorbereitungen, die sich am Himmel vollzogen, fürchtete er das Licht wie ein wachsendes Unheil, der Nachmittag stand gläsern, fremd und hoch, mit traumhaften Schnittern in seiner Seele.

Darum wartete er mit zweifelhafter Begeisterung auf die Ankunft des großen Meisters jener Tage, von dem die Rede ging, daß er in seiner Leiblichkeit den vollkommenen Zustand der Wiedergeburt und somit für seine Person das Himmelreich verwirklicht habe. Wendel empfing ihn mit denkbarer Vorsicht, aber gewärtig, die schlagenden Wetter himmlischer Begegnungen zu erleben. Nun, auch der neue König erschien nicht mit äußeren Zeichen, sondern enttäuschte den Vorwitz, der sich von ihm ein Bildnis gemacht; abermals wurde es für den Blondling eine bittere Bestätigung seines Argwohns, daß die Vorsehung noch nicht beschlossen hatte, mit ihren Offenbarungen in der Welt zu erscheinen.

Von dem Faltenkleid und einem Paar wundervoller Hände abgesehen, besaß der Botschafter nichts mit dem Nazarener gemein; Wendelin aber hatte sich heimlich auf nichts Geringeres als eine Art Wiederkunft Christi gefaßt gemacht; bei aller innerlichen Zurückhaltung war er darauf vorbereitet, religiöse Sensationen, Wunder, Beschwörungen und Geistausgießungen zu erleben. Die Lieblingsbeschäftigung seiner Jugend, sich über den Abgrund der Jahrtausende an die heiligen Gestade zurückzudenken, hatte ihm unverlierbare Erinnerungen an die Fischer und Zöllner, Eseltreiber, Soldaten, Rabbiner und Krugträgerinnen eingebracht; den Geruch des rissigen Uferlehms, die Zisternen, Palmen, Flöhe und Felle kannte der Afrikaner, und was den Heiland persönlich betraf, so hatte er nicht umsonst seinen verliebten, brüderlichen Kult mit ihm getrieben, ihm die Hände gestreichelt, die Paradiese seiner Augen ausgekundschaftet, den kanaanitischen Straßenstaub von seinem Kleide gewischt, himmlischen Weihrauch, Liliengeruch und die Spuren Gottvaters an ihm gesucht. Wenn irgend jemand, so war er in der Lage, sich die Möglichkeit ungeheuerlicher Zeichen und Verzückungen vorstellen zu können; allein es kam nichts dergleichen, weder eine Speisung Zehntausender noch auch nur die Gewalt des Wortes oder irgendein Hauch, irgendeine Windbewegung aus der Nähe des Ungewöhnlichen. Die Vögel zwitscherten wie immer vor den Fenstern, das Heu der Bauern roch herein; der Blonde begann sich wieder dahin zu bescheiden, daß er die Leere der Zeit, seine dem Wunder verschlossene Atemluft wie ein Babel, eine Verdammnis und einen Zorn Gottes auf sich nahm. Aber es barg in sich bittere Demütigung und die nahezu völlige Preisgabe seiner Hoffnung auf das Eintreffen höherer Begegnungen; das Herz war ihm wie ein Stein, die Tränen standen ihm zuvorderst, er hätte die gläserne Gegenwart wie einen Träumenden und Widersacher schütteln, aufwecken, erdrosseln mögen. Welche Erstarrung und Verzauberung lag über den Gegenständen, den Uhren, Felsen, Fernen und Gewässern? Alles Geräusch klang wie gebrochen, wie durch ein dumpfes Ohr. Die Sache mit den Elfen und Blumengeistern hatte ihren schmerzlichen Sinn: Es hätte plötzlich anfangen müssen, mit Engeln aus den Wolken zu schneien; so schön und berechtigt ihm die Dinge vorkamen, sie standen ihm vor ihrer tieferen Wahrheit, vor ihrem Hintergrund, dem Beweglicheren und Feineren, sie standen ihm vor der Wirklichkeit. Denn als Wirklichkeit genügte ihm einzig das Geahnte, das Imago der Erscheinungen. Wirklichkeit war in Christus geradezu furchtbar, sturzbachartig durchbrochen; Christus, der Inbegriff lebendigen Lebens, flimmerte von Wirklichkeit, glühte, bis in das Herz beglückt, eine unmittelbar aus Gott hervorgetretene Flamme Gegenwart. Das war Gegenwart, wie er sie verstand: Brennpunkt aller Strahlungen, heiße und weiße Mitte der Beziehungen!

Der aber, der da redete, gebot auch nicht über Hintergründe. Wendel verkannte nicht seine königliche Haltung; die allgegenwärtigen und doch so ruhigen salbeiblauen Augen standen wie ein Licht am Altar. Er verwendete viel Humor und blitzte von Witz; aber seinem beinah borstigen Schalksnarrenhaupt eignete keinerlei Priesterwürde. Er hätte in seiner Unbekümmertheit und mit seinem Gelehrtenwesen denn schon ein Kuriosum von Religionsstifter abgegeben, wenn man ihn dieses Amtes, unter Anerkennung seiner redlichen Absicht, nicht kurzerhand entsetzte. Indem aber eine freudenbenommene Völkerschaft weißgewandeter Jünger die Hügel überschwemmte, nur des einen voll, die großen Tage preisend, verzweifelte der Blondling an seinem Urteil, suchte die Unzulänglichkeit wiederum nur bei sich selbst, machte sich ein hartes Tagewerk daraus, in Weihrauchdunst und Andacht auszuharren, angestrengt zu lauschen, seinen Kopf ausstreckend, heimlich verzweifelt, wenn die seligen Seufzer der Gläubigen ihn überraschten, wenn er ihre Schauer nicht nachempfand und die Berechtigung all des Staunens in keiner Weise einsah. »Verstocket eure Herzen nicht,« ermahnte der Meister, und Wendel, erschrocken, fühlte sich persönlich angerufen, erlag halbwegs dem hier verbreiteten Aberglauben, daß der Heilige jedes seiner Kinder durchschaue; das Wort vom verstockten Herzen beschäftigte den Jüngling, er sah sich zutiefst erkannt. Sobald diese Verbindung geschaffen war, gewann ihr Verhältnis Wärme. Der Gedanke, erlebnislos zu stehen, während vor dem Altar die Emanation Gottes gegenwärtig weilte, war furchtbar genug, den jungen Menschen innerlichst zu beunruhigen. Der Meister hatte das Symbol eingeführt, sich so mit den Gläubigen zu begegnen, daß er sie von Zeit zu Zeit in einem allgemeinen singenden Umgang an sich vorüberziehen ließ, um ihnen die Hände zu drücken. Auch verteilte und knüpfte er Schnüre, die, um den Hals getragen, das Sinnbild der Bindung an die Gemeinschaft und durch ihre besondere Farbe außerdem die astrale Herkunft jedes Einzelnen bekundeten. Alles das, auch den symbolischen Gang durch die Wasser, die Reinigung im Salze, die Verleihung des Ordens, den Empfang der Segnung unter den aufgetürmten Händen von fünf Geweihten des Ersten Rangs, alles hatte der Dichter bisher mit wahrhafter Ehrfurcht verfolgt, für seine Person aber abgelehnt, weil er in seinem Inneren in Wahrheit noch nicht durch die Wasser gegangen; er hielt sich im Hintergrund, verzweifelt, sozusagen von einem Fuß auf den andern tretend.

Des Nachts lief er murrend den See entlang nach der Stadt hinab, durch Herrschaftsgärten und Schilf. Im Kleide trug er den Geruch der Tempelhalle. Trauliche Stuben, in das Baumgrün gebettet, standen mit Lampenschirmen, Schränken, Bücherregalen und Standbildern weit offen. Die wohnliche Welt des Ererbten. Eingedenk der Notwendigkeit aller Verwandlungen, würgte er das aufquellende Weh hinunter. Im Mondschein lag das Dorf verbreiteten dem er frühe Studentenjahre verbracht hatte. Er ging hindurch ohne Verlangen, seine mütterlichen Kammern wieder zu beziehen; aber verwehte Frühlingsgerüche rührten ihn geisterlich an, die hier umgehenden Manen von Liebe und Liebesleid schlichen sich ihm ins Herz. Die Sterne glänzten noch unverändert über dem Bergwald, das Wasser schlug ans Gestade. Heute wußte er nicht einmal, wo das Menschenkind lebte, dem er damals eine so unsinnige Bedeutung beigemessen. Er lächelte traurig. Heute bewegte er sich in der Geleitschaft einer schweren Verdüsterung voll tibetanischen Klostergemäuers. Sein rohseidener Habitus verriet aller Welt seine Zugehörigkeit zur Familie der Heiligen, dieser versprengten Nachfahren mongolisch arischer Königsgeschlechter, die auf den Zinnen des Himalaya reine Gärten angelegt hatten. Er trug an seiner Haut den Niederschlag von Weihrauch.

Mit all diesem Wesen brachte er sogar Lydia in Verwirrung. Sie besaß neben der Lebenskraft auch die Scheu einer Stute und etwas afrikanische Geisterfurcht. Die liturgischen Zaubereien, von denen ihr Bach erzählte, waren dazu angetan, ihrer Ehrerbietung vor allem Höheren Eindruck zu machen. Statt den Jungen von seiner Heilsbotschaft zurückzuhalten, wie es ihr Vorsatz gewesen, drängte sie ihn durch Neugier vielmehr hinein. Dem Verstandesmäßigen der Lehre nicht gewachsen, ausgeschlossen wie sie sich fühlte, bekam sie es auf einmal mit der Angst; sie brach unversehens in Tränen aus, fing an, überhaupt zu verzagen. Was sie sich von dem Jüngling erhoffte, mochte ihr selber nachgerade als töricht genug erscheinen; sie bat ihn kindlich um Verzeihung für alle wahnwitzigen Ansinnen, mit denen sie ihn je erzürnt hatte. Er sollte ihr raten, was sie mit ihrem minderwertigen verfehlten Dasein am besten anfangen müßte; sie veranlaßte ihn dadurch zur Anwendung seines liebenswürdigen Talentes, zu trösten, sie lauschte den ordentlich kurzweiligen Auseinandersetzungen, zu denen ihn Menschenkenntnis und seine Vertrautheit mit jeglicher Not des Herzens befähigten; stets aufs neue verliebte sie sich in das Zarte, Bewegliche, Ernsthafte, Kluge und in das etwas allzu Gründliche, eitel Umständliche seiner Natur. Sein Verstand und seine Gaben machten ihn ihr geheimnisvoll, sie blickte in seine Geistigkeit sehnsüchtig wie in einen Herrschaftsgarten hinüber; es war vielleicht mehr als der Verlust seiner Person, was sie in Schwermut und Grauen hineintrieb.

Dabei ging es ihm selber nicht besserer taumelte in alle Abgründe der Melancholie, wenn im Tempel fremdartige Zeremonien vollzogen wurden, blaue Feuer flackerten, Schweigen und beinah hektischer Sakralgesang miteinander wechselten. Tausendmal war er daran, mit einem Spottgelächter aus der Narrenversammlung zu entfliehen; der Geruch von Oblate, die Verwesung von Mystik reizte ihn zum Brechen; es war die Spannung eines Geheimpolizisten, mit der er anfangs die Handlungen verfolgte, etwa die Einsegnung von Ehen, die in der Weise vollzogen wurde, daß der Priester, vom Gesang der Gemeinde begleitet, das sitzende Paar mit einem Faden vielfach umwickelte, wobei das Weib sein Symbol, den Apfel, der Mann eine Nuß in der Hand hielt; das verknüpfte Garn wurde mit einer Kerze entzweigebrannt, und dem Teil, auf dessen Seite der Knoten fiel, kam der Entscheid in den Fragen der Ehe zu. Diese Weihe vom Meister zu empfangen, der vielleicht nie wieder herkam – er lebte in Kalifornien bedeutete den Heiligen nichts Geringeres als die Berührung Christi, weshalb sie sich damit beeilten, noch schnell unter die Haube zu kommen; die Segnungen und Feierlichkeiten zogen sich tagelang hin, tagelang vernahmen die erntenden Bauern der Umgebung die hieratischen Sänge, vermischt mit Gerüchen, welche die zephirleichten, vielgebadeten, Gras essenden Engel verbreiteten. Wendel schämte sich ihrer stets noch ein wenig, obschon die Bevölkerung den Sonderlingen nicht unfreundlich gesinnt war – sie brachten Verdienst, zeigten auf ihre Art sogar Sinn für das Alte, für ihre Hausmittel und Wetterregeln, für Lavendel, Majoran und Mäusekraut, in ihren Gärten wucherten Eisenhut, Rittersporn, Brennende Liebe, Aster, Flox und Malven; die Heiligen liefen vor Sonnenaufgang barfuß im Tau, sie rackerten sich in den Pflanzungen ab, leutselig stets und wohlgelaunt. Daneben ließen sie es sich freilich auch einfallen, einmal nackt durch die Bäume zu rennen; sie wurden dabei betroffen, Männlein und Weiblein, vor Ostern in den Quellen zu baden; sie streuten Salz um den Sarg ihrer Toten, Leichenbegängnisse gestalteten sie zu einer strahlenden Prozession aus, die Gräber hingegen schienen sie geflissentlich zu vernachlässigen und zu vergessen. Die Sommernacht empfing freudige Wandlergestalten im Gras, an den Wassern, im Feld, auf sternüberblühten Hügeln.

Was konnte es sein, das einen so mürrischen, eigenwilligen, literarischen Jüngling wie Wendelin Bach veranlaßte, mit diesen Schwärmern Bruderschaft zu pflegen? Denn welche inneren Widerstände er dabei auch zu überwältigen hatte, nach außen machte er sich geradezu groß mit der Sache, er hing sie einem jeden an; daß er nicht in der Straßenbahn und auf dem Markte Bußpredigten unternahm, verwunderte seine Freunde. Monnier war bereit, ihn für überschnappt zu erklären. Sein Grimm auf die Gottesmänner nahm ein gefährliches Aussehen an. Er sah sich um seinen Dichter bedroht. »Es ist gerade wie mit den Feldherren,« sagte er, »sie schonen sich keinen Pfifferling, haben keine Ahnung, wen sie der Gefahr aussetzen.« Wendelin grauste vor solchen überlebten Sentenzen. »Was ist denn mehr,« rief er aus, »ein Dichter oder ein Mensch?« »Das fragen Sie sich!« »Bei der Gemeinschaft –« »Reden Sie mir nicht von der!« »– gibt es Modistinnen und Schuster, denen alle unsere Berühmtheiten nicht die Schuhriemen auflösen, sage ich Ihnen. Ein Tag der Demut ist mehr als eine Unsterblichkeit Ruhm. Sie müßten solche Schusteraugen gesehen haben, um zu wissen, wie die Weisheit blickt. Ich werde immer noch rot vor ihnen. Eine ganz andere Art von Weisheit als die in Schweinsleder gebundene, Herr Monnier. Das leibhaftige Himmelsblau, die strahlende überlegene Ruhe. Jene Gärtnerinnen sagen Ihnen Dinge, von der Erdscholle aufgelesen, in denen der Keim zu allem ist, was Sie nur wollen.« »Und das Tamtam? Ist das auch Weisheit?« Der Blonde sah ihn mit einem großen Blick an: »Der Sternenhimmel ist Tamtam, wenn Sie wollen. Wir selber sind Tamtam genug, um uns einmal überlegen zu dürfen, ob wir es uns mit unserer Ratio nicht ein bißchen zu bequem gemacht haben; daß wir die Mystik beispielsweise der Zahl nicht mehr kennen, beweist nichts gegen ihre Tatsache. Eine Wissenschaft, eine Systematik des Wunders mußte kommen, oder besser wiederkommen; einmal mußten wir doch darüber hinausgelangen, wie die Kuh vor dem Monde zu stehen. Der Mond ist ein Wunder; er wäre es erst recht, wenn er keines wäre. Rationalistischer Gottesdienst ist Gotteslästerung, wenn er überhaupt etwas ist. Die Pest und Cholera der Zeit ist unser Mangel an Mittelalter. So ein gotischer Dom ist unmittelbar aus Gott konzipiert; wir haben nur noch den Stein, aber nicht seine Verbundenheit mit dem Weltgrund. Wir fühlen unsere Entwurzelung, wir finden Tag und Nacht keine Ruhe, wir gehen wie auf heißen Steinen, aber wir versuchen immer noch, mit uns geläufiger Romantik davonzukommen. Sehen Sie, es genügt heute nicht mehr, ein begabter Mensch zu sein, man muß auch Größe haben. Das tiefste Genie ist das religiöse Genie. Wir haben jetzt eine kaum noch zu überblickende künstlerische Produktion, es kann also darauf nicht ankommen, daß auch wir noch unsern Becher in dieses Meer tragen. Woran es dagegen mangelt, das sind selbstlos Sehnsüchtige, welche sich Gott angelegen sein lassen. Dem Gott ist mit greifbaren Mitteln entgegenzukommen, vielleicht nicht so sehr mit Versen als mit der simpelsten Handreichung, Herr Monnier. Es scheint mir nicht so unsinnig, zu vermuten, daß es an unserer Leiblichkeit fehlt; spüren wir doch förmlich die Trübung unseres Blutes! Ich gäbe wohl etwas darum, die Welt schnell aus den Augen dieses modernen Propheten ansehen zu dürfen. Ich sähe vielleicht Kanaan! Ich überzeugte mich, daß es das gäbe, dieses Grün nach so viel Wüste. Es erscheint Ihnen am Ende sonderbar, daß ich so verdrossen rede; allein es sieht in mir blondem, sanftem unscheinbaren Menschen leider wüst genug aus, auch wenn es mir äußerlich wohl ergeht. Genügt Ihnen denn all das, Herr Monnier, sagen Sie es mir, der Sie ein langes Leben, ein abwechslungsreiches, beneidenswertes Leben gelebt haben: Könnte Ihnen irgendein noch so volles irdisches Leben um seiner selbst willen genügen? Mich dünkt, wenn nicht die gewisse Bläue, um nicht zu sagen der Abstand vor allem steht, ist es nur Trug und Verwundung.«

Und Lydia belehrte er darüber, daß der Meister nichts mehr und nichts weniger als den Menschen entdeckt, eine eigentliche Wissenschaft des menschlichen Leibes, seiner physischen und kosmischen Bindungen begründet habe. Auf ihre Frage, ob Medizin und Psychologie oder gar die Dichtung hierin denn gar nichts geleistet hätten, antwortete er: »Was die Medizin anbelangt, so wirst du mir darin beipflichten, daß es immer eine fragwürdige Sache sein wird, den Organismus mit chemischen Präparaten zu bearbeiten. Seine Handhabung muß auf allgemeingültigen, jedermann verständlichen Gesetzen möglich sein. Wir werden noch einsehen lernen, daß es eine Verletzung der Menschenwürde bedeutet, fremde Hilfe zur Instandhaltung unseres Körpers beizuziehen. Diese Gewohnheit ist nicht nur ungeheuerlich, indem sie unsere gänzliche Kapitulation vor der Natur beweist, es zeigt sich in ihr auch unser Unglauben. Heute rechnet sogar die Wissenschaft mit dem Faktum der Astrologie; aber die Ärzte laborieren an ihrem Objekte noch immer aus eigener Vollmacht. Die Psychologie als eine Beobachtung von Folgeerscheinungen kommt für das Herz nicht in Betracht. Die Dichtung hinwiederum ist mir praktisch zu unverbindlich. Die Möglichkeiten des bisher Gültigen haben sich erschöpft, wir sind am Ende einer Kultur angelangt, die Künste laufen im Kreis; eine andere Lösung als den herzhaften Durchbruch in eine neue Lebenslandschaft gibt es nicht. Wohl dem, der seinen Stolz, seine Vorurteile und seine Bequemlichkeit überwindet.«

Ihm fiel es schwer genug, aber sein Wille zur Vervollkommnung überwog die Behinderungen. Zwar hielt ihn noch manches davon zurück, sich den letzten Verpflichtungen zu verschreiben; aber er hatte sich geradezu verliebt in den Meister, in seine kleinen Hände und Füße, in sein Schelmenwesen, in die Melancholien seiner östlichen Abstammung und in die Frömmigkeit, mit der er von Nazareth, Zarathustra, Ainyahita und Mazda redete. Wenn es vom Regen dunkel wurde, die Altarkerzen glänzten und alle Dinge so traulich zusammenrückten, empfand Bach wie in der Kindheit die Nähe des Göttlichen, eine wonnige Verbundenheit mit seiner Umgebung; der Geruch der Gewitter schlug ihm wie eine Welle ins Herz. Hand in Hand mit dem Meister stehend, brachte er es fertig, in Begeisterung jäh zu erglühen, erschüttert von der Möglichkeit, den atmenden Beweis dessen vor sich zu haben, was er sein Leben lang als eine nebelhafte Beunruhigung in sich getragen: Das Bild des vollkommenen Menschen. Der heilige Mann mochte spüren, daß er in dem Blondling einen ganz besonders vorbereiteten und bei aller an ihm beobachteten Zurückhaltung glühend begierigen Jünger vor sich hatte; er ließ ihn nicht vorübergehen, ohne ihn näher an sich in seine Aufmerksamkeit gezogen zu haben. »Freudigkeit, Freudigkeit!« sagte er, mit seinem beschwörenden Blick: »Entflammung!« Wendelin aber hatte sich zusammenzunehmen, daß er sich ihm nicht an die Brust warf; denn wenn er so weit gegangen war, seine Vorbehalte aufzugeben, so stand er unmittelbar vor dem Abgrund seiner Hingabe an dieses Wunder von Menschenform, diese vielleicht erste makellos auskristallisierte Göttlichkeit; ihr einfaches Aussehen und ihre ruhige Gegenwart in der Zeit verstärkten den Eindruck ihres Geheimnisses; die ganze Erscheinung des königlichen Mannes besagte: Das Entfernteste sieht wie das Nächste aus, sucht es nicht anderswo, es kann nicht anderer als menschlicher Art sein, da ihr das nämliche erreichen sollt.

»Die Möglichkeit des transzendentalen Menschen in unserer Zeit anzuzweifeln, ist genau so anmaßlich wie der Sarkasmus, der dem Lebenden die Aussicht auf Genie abspricht,« sagte Wendel, aber er sagte es ein wenig auch gegen sich selbst, weil er in seinem Glauben nicht festblieb. Bei seiner Nahrung von Oblate und Wein hatte er den Boden von den Füßen verloren, zuweilen trug er sich mit dem Gedanken, nicht wieder zu seinem Berufe zurückzukehren, sondern mit dem Meister in die kalifornischen Paradiese auszuziehen; bis die Auflehnung seines von Fasten geschwächten Körpers ihn wiederum stürzte: Er sah kein Weib, ohne es in Gedanken zu entkleiden – wäre nicht Lydia eines Tages fluchtartig in die Welt aufgebrochen, um für alle Zeit zu verschwinden, wer weiß, ob er sich ihrer Anerbieten jetzt nicht bedient hätte; bald konnte ihm alles genügen, wenn es nur Kühlung seiner Gluten war.

Zwischen die Sehnsüchte seiner Natur und die Gebote Gottes gestellt, glaubte er wieder einmal alles verloren; plötzlich erfaßte ihn eine wahnwitzige, alle Maße übersteigende Leidenschaft für Maja; der verleugnete, übertölpelte irdische Teil seiner Liebe brach jetzt verheerend hervor. Anfänglich erschrocken und untröstlich, begeisterte er sich immer inniger für seine heilige Ausschweifung; aber er konnte sich nicht denken, wie er die Jahre fürderhin zubringen sollte, auch ergriff ihn auf einmal Angst, die Geliebte zu verlieren; sie kam ihm vor wie ein Kleinod, wie ein anmutiges Wild, der Jagd durch jedermann freigegeben – bald würden sie auftreten, die frohen, nichtsnutzigen Weidgesellen, und sie, die über seine langjährige, nachgerade zu einer Ungeheuerlichkeit von Inbrunst und Schwermut ausgeartete Treue nicht unterrichtet sein konnte, sie würde sich nicht für zu kostbar halten, ihr Schicksal ergeben entgegenzunehmen.

Wenig erfreut, sondern voller Bedenken, aber der Notwendigkeit schließlich gehorchend, fand sich Elisabeth dazu bereit, dem inzwischen aufgeschossenen kleinen Fräulein die gesellschaftlichen Segnungen des Klavierspiels zu vermitteln, unter der Bedingung, daß er sich strengstens, bis auf die ihm gewährten, peinlich zu respektierenden gelegentlichen Vergünstigungen, von diesen musikalischen Exerzitien fernzuhalten verspreche, um den Beistand der Freundin nicht in das Licht der Kuppelei zu bringen. Glücklich und arglos betrieb denn Mia die Studien, die, wie es sich herausstellte, ein heimlicher Traum von ihr gewesen waren; die Sache entwickelte sich zu einer erfolgreichen und daher in sich selbst berechtigten Institution, die ihre eigentliche Bestimmung, die Verbindung mit Maja zu unterhalten, sehr nebenbei erfüllte. Dem Blondling brachte sie eine neue Art der Anfechtung, nämlich das Hangen und Bangen zwischen den Vorspiegelungen seines Geistes und den Eindrücken, welche die Wirklichkeit ihm jetzt brachte, nachdem er sich näher an den Gegenstand seiner Schwärmerei herangepirscht, die Natur des Mädchens sich entfaltet, so daß er ihre Gebärden, gegenüber früher irgendwie vergrößert, die endgültigen Formen annehmen sah, auf deren Grundlage er das Königreich seines Zusammenlebens mit ihr zu erbauen hatte. Maja erreichte knapp seine eigene Körpergröße, und es bestand Aussicht, daß sie es dabei bewendet sein ließ; sie war das Bild eines wohlgewachsenen dunklen Jungfräuleins, aber keineswegs elfenhaft, keineswegs träumerisch und in der Welt keine Märchenfigur geworden; ihre Bewegungen zeichneten sich durch Bestimmtheit und gelassene Kraft aus, ihr Wuchs war der einer Athene; nach wie vor stand er im Bann ihres Wesens, ihrer lebendig rankenden Anmut; gewisse ihrer Eigentümlichkeiten brachte er überhaupt nicht aus seiner Vorstellung heraus, ja seine Denkweise schien ihre Art angenommen zu haben; ihr dunkler Blick, der Zugriff ihrer vielgeliebten wunderniedlichen Hände steckte irgendwo in den Regungen seines Hirns – allein, es erging ihm sonderbar, eine eigentümliche Zerstreutheit bemächtigte sich seiner, so oft er in Majas Gesellschaft saß, etwas wie Ernüchterung, Abwehr, ja Feindschaft und daher auch Traurigkeit, eine schnell überhandnehmende, kaum noch zu verbergende, schwer auf ihm lastende Traurigkeit. Nicht genug daran, daß er wieder keinerlei Organe besaß, die Gegenwart der Unnennbaren gebührend zu empfinden – er umkreiste sie vielmehr übellaunig wie ein eifersüchtiger Köter mit Argwohn und Wachsamkeit – nicht genug an den scheußlichen, sein Gefühl blockierenden Barrikaden, mischte sich auch Imagos geisterleise Erscheinung noch in den Streit seiner Empfindungen; ein Tanz von Gesichten umschwirrte sein armes Haupt, schaukelte sich ihm vors Herz, verdunkelte ihm den Ausblick, erregte seine Wut und Verzweiflung. »Wäre es wenigstens eine faßbare Gestalt, nicht solch infamer Schattenspuk!« klagte er, mit Elisabeth wieder allein. »Hätte die Hölle mir eine perfidere Marter aussinnen können als diese Schemenverfolgung, die mich an meinem Besitztum irremachen, mich auf die Spur von Irrlichtern weglocken soll?«

»Bist du denn geistergläubig? schenkst du den Vorstellungswelten die Bedeutung der Wirklichkeit? Ja, das tust du wohl, Brüderlein, du setzest sie am Ende gar darüber.«

»Wo kommt mir Imago her? Wenn sie schon da ist, unveränderlich, sichtbar, an Wesenhaftigkeit jedem beliebigen Gegenstand ebenbürtig, was berechtigte mich dann wohl dazu, sie weniger ernst als das sogenannte Reale, diese Kleinbürgerlichkeit, zu nehmen?«

»Nichts. Trotzdem kann ich mir nicht eigentlich vorstellen, in welcher Form dir Imago an den Traualtar folgen soll.«

Ein wenig verdrossen entgegnete er: »Ich glaube durchaus an die Möglichkeit, daß eine Art Hellsicht mir, zur Mahnung, das Bild meiner mir zugedachten, irgendwo lebenden Frau vorhält.«

»Könnte es nicht ebensogut ein Wunschgebilde sein?«

»Um so mehr Anlaß für mich, ihm Treue zu halten.«

Seine Unrast trieb ihn, eine förmliche Suche nach der Verborgenen zu unternehmen; seine Witterung sollte sie aufstöbern. Tausend rehbraune Frauen versetzten ihn in Aufregung durch das leicht Gebückte ihrer Haltung, durch ihren Haarflaum, ihren Gang, einen Fetzen Stimme; aber dann waren sie es doch wieder nicht.

Eines Tages im Theater zwang ihn ein kleines Unwohlsein, ins Freie zu gehen, um den warmschleiernden Regen auf sich wirken zu lassen. Mit einem Male sah er sie im Schatten des Tramhäuschens stehen. Ein Mantel verhüllte sie weich und leicht, wie sie in drolliger Versunkenheit so stand, vor sich hin in den Wasserabgrund starrend.

Jählings erwachend, lief sie zur Elektrischen.

In der Eile schien dem Jüngling seine Garderobe Verhinderung zu sein; der Wagen fuhr, und noch immer hielt sich in dem blonden Hirn nur der eine Gedanke: Welche ausgemachte Tücke! nun geht sie natürlich.

Hernach schlug er sich an den Kopf.

Er holte seine Habseligkeiten aus dem wieder lauschenden Hause und fuhr, nachdem er erst ruhelos in den Straßen geirrt, zu Elisabeth. »Sie ist da!« rief er ihr entgegen. »Sie besteht, sie wohnt hier, ich bin ihr begegnet.« Er ließ sich auf einen Sitz fallen.

Im Lauf des Abends sagte sie einmal: »Bist du dir denn auch gewiß, daß es Imago war?«

»In der frohmütigen Versonnenheit, die gewissermaßen ihre ganze Gestalt an sich hatte, entsprach sie vollkommen meiner Vision von ihr, ebenso in ihrem Gang; aber ich müßte noch, und das ist ja die Ursache meiner Verzweiflung, ihre Augen, den genauen Schnitt des Antlitzes sehen, ihre Stimme hören und wissen, ob sie Musik liebt, was alles, ich kann es mir denken, ihr Bild nach meinen Träumen und zu meinem Unglück vervollständigen wird, oder würde, sofern das Grauenhafte eintreten sollte, daß meine mir hinfort bleibende Unrast um sie mich ihr noch einmal näherte.«

Im Grunde sah er dieses Wiedersehen mit ebenso großer Bestimmtheit als Ungeduld voraus; einige Wochen zog es sich hin, bis er im Kunstmuseum wieder auf sie stieß.

Er sah gleich, daß es nicht Imago war. Aber er hatte einen Begriff davon bekommen, welche Veränderungen ihr Auftreten zur Folge haben mußte. Jeder Tag konnte sie ihm bringen, und wenn sie nicht kam, würde sie erst recht seinen Glauben und seine Ergebenheit besitzen; um seinen Frieden war es geschehen; die liebliche Gefahr Imago stand ihm fürderhin vor dem Herzen.

 

Fräulein Fahm erhielt einen aufregenden Brief:

»Die Sterbenden nehmen sich irgendein königliches Recht: Das meine ist, in dieser Stunde – es regnet, es regnet! – aus dem Wohlanstand hinauszugehen, welchem gemeinhin die Menschen als ihrem Fluch und Tyrannen dumm genug dienen. Aber das große Herz, sehe ich, tritt mir mit seinen Fluten vor die Befreiung; ich kann nicht reden, ich verzweifle an dem Vorhaben, ein Herz, eine Liebe, eine so schaurige Verdunkelung zu Papier zu bringen. Denn Sie müssen wissen, ich befinde mich hier in Rom, in einer Umgebung uralten Gemäuers, das sich gewaltig in den Himmel stuft und das naß ist und über welchem ein Nebelrauch wallt wie in den unterirdischen Städten, diesen Städten, von denen ich hierorts nun allzuviel, inmitten des warmen Weihrauchs, gehört habe. Gott wird meiner armen Seele gnädig sein! Ich glaube an seine urewigen Städte, ich glaube an seine Dreieinigkeit, ich glaube an Maria und den Sohn, aber ich werde sie ja nicht zu sehen bekommen, Gott wird meiner Seele nicht gnädig sein, den Seelen der Selbstmörder ist er nicht gnädig.

O Sie, Sie sind eine Frau, und als eine Frau sind Sie mir recht von Grund auf verhaßt: Aber kommen Sie mir zu Hilfe mit den Sonnigkeiten, die ich in Ihren Händen gewahre! Ihre Stadt liegt ganz flach in der Sonne, mit Büschen, hinter denen Menschenköpfe vorübergehen – passen Sie auf, wenn er kommt, der Lockenkopf, der Liebling: so packen Sie ihn, lassen Sie ihn nicht wieder los in meinem Namen, den Liebling, den Buben – o er ist schöner als alle Vorstellung! Ist er so schön? Der Geist hat seine Züge verdorben. Aber wenn Sie wüßten, Sie, die ihn zwar behält, die ihn aber nicht, wie ich, von Anfang an besaß, wenn Sie wüßten, wie putzig er war, wenn Sie wie ich den Lindenduft seiner Haut in den Nüstern besäßen, o Sie lebten nicht so geruhig an seiner Seite, Sie Wohlanständige, Unwürdige, Sie Liebe, wenn Sie ihm Gutes erweisen.

Ich begehre ihn wie tausend Wüsten einen Strom begehren. So sehen Sie doch, er geht wie ein Jünger durch die Wüste, mit schrägem Köpfchen, betrübter Gedanken voll! Alle Weiber sollen ihn beschützen vor den Löwen und vor dem Sandwind, vor den Männern und vor dem Geist!

Ich gehe, mich ein wenig unter den Tümpeln und Abgründen umzusehen, auf die meine Wahl fallen soll. Mir ist schon ganz leicht geworden. Es steht mir ja frei, einen braunen Abend, oder einen prallen Sonnentag abzuwarten – es dünkt mich, so in der stillsten Hitze, wenn die Hunde und Lämmer und alle Bäume schlafen, dann muß es sich listig aus der Welt schlüpfen. Am Ende übersehen mich meine Teufel und ich falle für ewig in eine Felsschlucht von Blindheit hinunter. Das wäre mein Paradies, weil es nicht das sein kann, bis in alle Ewigkeit fort mich damit zu beschäftigenden Liebling in bunte Gewänder zu kleiden. Mir ist wie einer Mutter, und einer Mutter ist gut.

Ich will an die Kirche wie an eine steile Stadt zurückdenken; sie benimmt mir noch immer die Sinne, es ist alles ganz voll von Kuppeln, in den Kuppeln ist Kerzenrauch, im Kerzenrauch ist Gesang, in dem Gesang sind Engel und die Engel haben tausend geschwisterliche Arme, in denen sie den Rechtgläubigen eine Heimat bereitet haben.

In die Hände des heiligen Vaters habe ich mich verliebt! Es sind die Hände eines jungen Mädchens; aber welche Heimat haben sie zu vergeben! Sie hoben mich von den Fliesen auf.

Weiß Gott, alle die Säulen dieser Stadt, die Morgenhimmel voll Glocken, die Gerüche, die Gerüche haben mich in Verwirrung gebracht. Manchmal kam es mir vor, als ob am Mittagshimmel leise Gärten hervorblühten und wieder verwelkten. Ich sage das nur, weil Er, sofern er hierher kommt, es auch erfahren soll. Er soll kommen und hier herumgehen, dann will ich schleunigst, schleunigst in meine Grube schlüpfen, ach und lachen, heimlich lachen, denn es wird mitten am Tag auf einmal Sonntag werden, die Glocken fangen an durch die Gärten zu gehen, und ich werde für mich weinen, es wird ein trippelnder Regen über die Landschaft kommen – und was wird denn Er tun? Er wird das alles so verstehen. Er ist ja ein solcher König. Ach wie manchmal war ich dumm vor ihm; ich mußte vorher den Tod erleben; nun aber bin ich voll Verständnis für alles, was ihn nachdenklich macht.

Ich will unverzüglich sterben, solang ich mich darauf verstehe. Es war süß, in seinem Rücken ihn zu lobpreisen. Was soll ich als letztes Wort mir noch schenken? Ich nehme alles mit mir!«

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