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Der Hagestolz

Adalbert Stifter: Der Hagestolz - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
booktitleStudien
authorAdalbert Stifter
year1847
publisherVerlag von Gustav Heckenast
addressPesth
titleDer Hagestolz
senderwbergner@aol.com
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Bei diesen Worten griff sie gegen seine Stirne. Er neigte sich ein wenig gegen sie, sie streifte ihm eine Loke, die sich bei der Arbeit nieder gesenkt hatte, weg, und sagte: »du hast dich recht erhizt.«

»Es ist schon der Tag so warm,« antwortete er.

»Nein, nein, es ist auch vom Arbeiten. Und wenn du alles gethan hast, so mußt du heute und morgen schon in deinen Reisekleidern bleiben, und was wirst du denn da immer thun?«

»Ich gehe an dem Bache hinauf, an dem Buchengewände und so herum. Die Kleider behalte ich an. – – Aber ich bin wegen etwas anderem heraus gekommen, Mutter, und möchte gerne etwas sagen, aber es wird euch erzürnen.«

»So erschreke mich nicht, Kind, und rede. Willst du noch etwas? Geht noch irgend ein Ding ab?«

»Nein, es geht keines ab, eher ist um eines zu viel. Ihr habt heute eine Rede gethan, Mutter, die mir gleich damals nicht zu Sinne wollte, und die ich nun doch nicht wieder aus demselben bringe.«

»Welche Rede meinst du denn, Victor?«

»Ihr habt gesagt, daß euch zu meinem Unterhalte ein Geld angewiesen worden sei, das Ihr alle Jahre empfangen solltet. – Ihr habt gesagt, daß Ihr das Geld empfangen habt – und ferner habt Ihr gesagt, daß Ihr das Geld für mich auf Zinsen angelegt, und allemal auch die Zinsen dazu gethan habt.«

»Ja, das habe ich gesagt, und das habe ich gethan.«

»Nun seht, Mutter, da sagt mir mein Gewissen, daß es nicht recht sei, wenn ich das Geld von Euch annehme, weil es mir nicht gebührt – und da bin ich gekommen, um es Euch vorher lieber im Guten zu sagen, als daß ich nachher das Geld ausschlüge und Euch erzürnte. – Seid Ihr böse?«

»Nein, ich bin nicht böse,« sagte sie, indem sie ihn mit freudestrahlenden Augen ansah – – »aber sei kein thörichtes Kind, Victor! Du siehst wohl ein, daß ich dich nicht des Gewinnes wegen in mein Haus aufgenommen habe – um des Gewinnes willen hätte ich nie ein Kind genommen – daher ist ja das, was von dem Gelde jährlich übrig geblieben ist, von rechtswegen dein. Höre mich an, ich werde es dir erklären. Die Kleider hat der Vormund herbei geschafft, für Speisen hast du keine Auslagen verursacht – du aßest ja kaum, wie ein Vogel, und das Gemüse und das Obst und das andere, wovon du genossest, das hatten wir ja alles selbst. Siehst du nun? – Und daß ich dich so lieb gewonnen habe, das hat mir dein Vater nicht aufgetragen, das stand auch in keinem Testamente, und dafür kannst du nichts. Begreifst du nun alles?«

»Nein, ich begreife es nicht, und es ist auch nicht so. Ihr seid nur wieder zu gut, daß Ihr nichts als Scham auf mein Herz ladet. Wenn nach Abzug der Kosten wirklich in jedem Jahre etwas übrig geblieben wäre, und Ihr hättet das für mich aufbewahrt, so wäre es schon nur eine Liebe und Güte gewesen; und nun sagt Ihr, daß alles übrig geblieben ist, – was man fast nur mit Schmerzen anhören kann. – Ihr habt ohnedies gethan, was kaum zu verantworten ist: Ihr habt mir nicht nur eine schöne Stube gegeben, sondern habt auch gerade das hinein gestellt, was mir lieb und werth war; Ihr habt mir Speise und Trank verschafft und Euch nur Arbeit. Das ganze Reisegeräthe habt Ihr jetzt wieder gekauft; von Euren Feldern und Gärten habt Ihr das Nöthige abgekargt, daß schöne Linnen und anderes in meiner Lade liegen – – und wenn ich in früheren Zeiten alles hatte, was ich bedurfte, so ginget Ihr hin, und gabet mir noch etwas – und wenn ich auch das hatte, so stektet Ihr mir jeden Tag noch heimlich zu, was Euch däuchte, daß es mich freuen wird. – Ihr habt mich lieber gehabt als Hanna!«

»Nein, mein Victor, da thust du mir Unrecht. Du verstehst das Gefühl noch nicht. Was nicht vom Herzen geht, geht nicht wieder zu Herzen. Hanna ist meine leibliche Tochter – ich habe sie im Schoße unter dem eigenen Herzen getragen, das ihrer Ankunft entgegen schlug – ich habe sie dann geboren: in spätem Alter ist mir das Glük zu Theil geworden, als ich schon hätte ihre Großmutter sein können – mitten unter dem Schmerze über den Tod ihres Vaters habe ich sie doch mit Freuden geboren – dann habe ich sie erzogen – – und sie ist mir daher auch lieber. Ich habe aber auch dich sehr geliebt, Victor. Seit du in dieses Haus gekommen und aufgewachsen bist, liebte ich dich sehr. Oft war es mir, als hätte ich dich wirklich unter dem Herzen getragen – – und ich hätte dich ja eigentlich unter diesem Herzen tragen sollen; es war Gottes Wille, wenn es auch nachher anders geworden ist – ich werde dir das erzählen, wenn du älter geworden bist. Und zulezt, daß ich es sage, um Gott und der Wahrheit die Ehre zu geben, ihr werdet mir wohl beide gleich lieb sein. – – Mit dem Gelde machen wir es so, Victor: man muß keinem Menschen in seinem Gewissen Gewalt anthun, und ich dringe daher nicht mehr in dich; lassen wir das Geld anliegen bleiben, wo es jezt liegt, ich werde eine Schrift verfertigen, daß es dir und Hanna ausgefolgt werde, wenn ihr großjährig seid; dann könnt ihr es theilen, oder sonst darüber verfügen, wie ihr wollt. Ist es dir so recht, Victor?«

»Ja, dann kann ich ihr alles geben.«

»Lasse das nur jezt ruhen. Wenn die Zeit kömmt, wird sich schon finden, was mit dem Gelde zu machen sei. Ich will dir noch auf das andere antworten, was du gesagt hast, Victor. Wenn ich dir heimlich Gutes that, so that ich es auch Hanna. Die Mütter machen es schon so. Seit du in unser Haus gekommen bist, ist es beinahe, als wäre ein größerer Segen gekommen. Ich konnte für Hanna jährlich mehr ersparen, als sonst. Die Sorge für zwei ist geschiktere und geübtere Sorge, und wo Gott für zwei zu segnen hat, segnet er oft für drei. – – O Victor! die Zeit ist recht schnell vergangen, seit du da bist. Wenn ich so zurük denke in meine einstige Jugend, so ist es mir: wo sind denn die Jahre hingekommen, und wie bin ich denn so alt geworden? Da ist noch alles so schön, wie gestern – die Berge stehen noch, die Sonne strahlt auf sie herunter, und die Jahre sind dahin, als wie ein Tag. – Wenn du nachmittag, wie du sagst, oder etwa morgen noch einmal in den Wald hinauf gehst, so suche eine Stelle auf – man könnte sie von hier beinahe sehen – siehst du, dort oben in der Bergrinne, wo das Licht gleichsam über die grünen Buchen herab rieselt. – Die Stelle ist für dich bedeutsam. Es quillt ein Brünnlein hervor und fließt in der Bergrinne nieder, über das Brünnlein legt sich ein breiter flacher Stein, und eine sehr alte Buche steht dabei, welche unten einen langen Ast ausstrekt, auf den man Tücher legen, oder einen Frauenhut aufhängen kann.«

»Ich kenne die Stelle nicht, Mutter, aber wenn Ihr wollt, werde ich hinauf gehen und sie aufsuchen.«

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