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Der Hagestolz

Adalbert Stifter: Der Hagestolz - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
booktitleStudien
authorAdalbert Stifter
year1847
publisherVerlag von Gustav Heckenast
addressPesth
titleDer Hagestolz
senderwbergner@aol.com
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»Nein, Mutter; wir sind spät Abends zurück gekommen, haben in dem Zimmer Ferdinands gespeiset, und heute bin ich mit Tagesanbruch fort gegangen, weil so viel zu thun ist. Der Vormund hat gesagt, daß ich meine Fußreise über die Stadt antreten und bei dieser Gelegenheit von ihnen allen Abschied nehmen soll.«

»Siehst du, Victor, Rosina könntest du einmal zu deiner Frau bekommen, wenn du in deinem Berufe recht thätig bist. Sie ist sehr schön, und denke, wie ihr Vater mächtig ist. Er hat die lästige Vormundschaft über dich sehr redlich und fleißig verwaltet, und ist dir nicht abgeneigt; denn er hatte immer viele Freude, wenn du deine Prüfungen gut gemacht hattest. Aber lassen wir das, zu dieser Heirath ist es noch weit hin. – – Dein Vater könnte jezt auch so hoch sein, oder noch höher; denn er hat einen gewaltigen Geist gehabt, den sie nur nicht kannten. Deine eigene leibliche Mutter hat ihn nicht einmal gekannt. Und gut ist er gewesen, so sehr gut, daß ich jezt noch manchmal daran denke, wie er gar so gut gewesen ist. Deine Mutter ist auch recht lieb und fromm gewesen, nur ist sie viel zu frühe für dich gestorben. – – Sei nicht traurig, Victor – gehe nun hinauf in deine Stube, und bringe alles in Ordnung. Die Kleider mußt du nicht auseinander reißen, sie liegen schon so, wie sie in den Koffer passen. Sei bei dem Hineinlegen sorgsam, daß nichts zu sehr verknittert wird. – So. – – Ehe du hinauf gehst, Victor, höre noch eine Bitte von deiner Ziehmutter: wenn du heute oder morgen noch mit Hanna zusammen triffst, so sage ihr ein gutes Wort; es ist nicht recht gewesen, daß ihr euch nicht immer gut vertragen habt! – So, Victor, gehe nun; denn ein Tag ist gar nicht so lange.«

Der Jüngling sagte gar nichts auf diese Rede, sondern er stand auf, und ging hinaus, wie einer, dem das Herz in Wehmuth schwimmt. Und wie man oft bei innerer Bewegung in der äußern ungeschikt ist geschah es ihm auch, daß er die Schulter an die Fassung der Thür anstieß. Der Spiz ging mit ihm hinauf.

Oben in seiner Stube, in der er nun so viele Jahre gewohnt hatte, war es erst recht traurig; denn nichts stand so, wie es in den Tagen der ruhig dauernden Gewohnheit gestanden war. Nur eines war noch so: der große Hollunderbusch, auf den seine Fenster hinaus sahen, und das rieselnde Wasser unten, das einen feinen zitternden Lichtschein auf die Deke seines Zimmers herauf sandte; die Berge waren noch, die sonnenhell schweigend und hüthend das Thal umstehen; und der Obstwald war noch, der im Grunde des Thales in Fülle und Dichte das Dorf umhüllt, und recht fruchtbar und segenbringend in der warmen Luft ruht, die zwischen die Berge geklemmt ist. Alles andere war anders. Die Laden und Fächer der Kästen waren heraus gerissen und leer, und ihr Inhalt lag außen auf ihnen herum: die blüthenweiße Linnenwäsche, nach Stüken geordnet – dann die Kleider, rein zusammen gelegt und in gehörige Stöße abgetheilt – andere Dinge, die theils in den Koffer gepakt werden sollten, theils in das Wanderränzchen gehörten, das schon geöffnet auf einem Sessel lag und wartete – auf dem Bette waren fremde Sachen, auf dem Boden stand der Koffer mit gelöstem Riemzeug und lagen zerrissene Papiere: nur die Taschenuhr, auf ihrem gewöhnlichen Plaze hängend, pikte, wie sonst, und nur die Bücher standen in den Schreinen, wie sonst, und harrten auf ihren Gebrauch.

Victor sah das alles an, aber er that nichts. Statt einzupaken, sezte er sich auf einen Stuhl, der in der Eke des Zimmers stand, und drükte den Spiz an sein Herz. Dann blieb er sizen.

Die Klänge der Thurmuhr kamen durch die offenen Fenster herein, wie sie die Stunde ausschlug, aber Victor wußte nicht, die wie vielte es sei – die Magd, welche zurük gekommen war, hörte man aus dem Garten herauf singen – auf den fernen Bergen glizzerte es zuweilen, als wenn ein blankes Silberstük oder ein Glastäfelchen dort läge – das Lichtzittern auf der Stubendeke hatte aufgehört, weil die Sonne schon zu hoch hinüber gegangen war – das Horn des Hirten war zu vernehmen, der auf den Bergen seine Thiere trieb – die Uhr schlug wieder: aber der Jüngling saß immer auf dem Stuhle und der Hund saß vor ihm und schaute ihn unbeweglich an.

Endlich als er die Tritte seiner Mutter über die Treppe herauf hörte, sprang er plözlich auf und stürzte an sein Geschäft. Er riß die Flügel des Bücherkastens auseinander und begann schnell die Bücher stoßweise auf den Boden heraus zu legen. Die Frau aber stekte blos ein wenig den Kopf bei der gelüfteten Thür herein, und da sie ihn so beschäftigt sah, zog sie sich wieder zurük und ging auf den Zehen davon. Er aber, da er sich einmal in Thätigkeit gesezt hatte, blieb auch dabei und arbeitete feuereifrig fort.

Alle Bücher wurden aus den zwei Bücherkästen heraus gethan, bis sie leer waren und die ledigen Fächer in das Zimmer starrten. Dann band er die Bücher in Stöße und legte sie in eine bereit stehende Kiste, deren Dekel er, als die Bücher untergebracht waren, fest schraubte und mit einer Aufschrift versah. Hierauf ging er an seine Papiere. Alle Fächer des Schreibtisches und der zwei andern Tische wurden heraus gezogen, und alle Schriften, die darin waren, Stük für Stük untersucht. Einiges wurde blos angeschaut und an bestimmten Stellen zum sofortigen Einpaken zusammen gelegt, anderes wurde gelesen, manches zerrissen und auf die Erde geworfen, und manches in die Rok- oder Brieftasche gelegt. Endlich, da auch alle Tischfächer leer waren und auf ihren Boden nichts zeigten, als den traurigen Staub, der die langen Jahre her hinein gerieselt war, und die Spalten, die sich unterdessen in dem Holze gebildet hatten, band er auch die hingelegten Schriften in Bündel, und legte sie in den Koffer. Nun ging er an die Kleider und an das Kofferpaken. Manches Gedenkstük früherer Tage, als ein kleines silbernes Handleuchterchen, ein Futteral mit einer Goldkette, ein Fernrohr, zwei kleine Pistolen und endlich seine geliebte Flöte wurden unter die weiche, schonende Wäsche untergebracht. Als alles beendet war, wurde der Dekel geschlossen, das Riemzeug verschnallt, das Schloß gesperrt, und oben eine Aufschrift aufgeklebt. Der Koffer und die Kiste mußten fort gesendet werden, das Ränzchen aber, welches noch auf dem Stuhle lag, sollte die Dinge enthalten, welche er auf seine Fußwanderung mitnehmen würde. Er pakte es schnell voll und schnallte es dann mit seinem Riemzeug zusammen.

Als er nun mit allem fertig war, schaute er noch einmal in dem Zimmer und an den Wänden herum, ob nichts liege oder hänge, was noch eingepakt werden müsse: aber es war nichts mehr da, und die Stube blikte ihn verwüstet an. Unter dem Gewirre der fremden Dinge und der ebenfalls gleichsam fremdgewordenen Geräthe stand das einzige Bett noch, wie bisher; aber auch auf ihm lag verunreinigender Staub, oder lagen Stüke zerrißenen Papieres. So stand er eine Weile. Der Spiz, der bisher dem Treiben mit Verdacht schöpfenden Augen zugeschaut hatte, und keinen einzigen Handgriff außer Acht lassend bald rechts bald links ausgewichen war, je nachdem er den Jüngling hinderte, stand nun auch ruhig vor ihm, und blikte empor, gleichsam fragend: »Was nun?«

Victor aber wischte sich mit der flachen Hand und mit dem Tuche den Schweis von der Stirne, nahm eine Bürste, die da lag, fegte damit den Staub von seinen Kleidern und stieg dann die Treppe hinab.

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