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Der Hagestolz

Adalbert Stifter: Der Hagestolz - Kapitel 36
Quellenangabe
typenarrative
booktitleStudien
authorAdalbert Stifter
year1847
publisherVerlag von Gustav Heckenast
addressPesth
titleDer Hagestolz
senderwbergner@aol.com
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»Mutter,« rief er, »da bringe ich euch den Spiz wieder, er ist gut versorgt und erhalten gewesen – und auch ich komme noch einmal, weil ich manches mit euch zu reden habe.«

»Ach, Victor, du bist es,« rief die alte Frau, »so sei gegrüßt, mein Sohn, sei tausendmal gegrüßt, du liebes Kind.«

Mit diesen Worten ging sie ihm entgegen, schob das Käppchen, das er auf hatte, ein wenig zurük, streichelte mit der Hand über die Stirne und die Loken, nahm ihn mit der andern bei seiner Rechten, und küßte ihn auf die Stirne und auf die Wange.

Der Spiz, welcher von der Gartenpforte an gegen das Haus vorausgeschossen war, tanzte nun um die Mutter herum und bellte furchtbar.

Die Fenster und Thüren des Hauses standen, wie gewöhnlich an schönen Tagen, offen, daher lief auf diese Schalle, die sie hinein gehört hatte, Hanna aus dem Hause heraus, und blieb plözlich stehen, ohne ein Wort hervor bringen zu können.

»So grüßet euch, Kinder, grüßt euch nach der ersten Abwesenheit von einander, die ihr erlebt habt,« sagte die Mutter.

Victor ging näher und sagte verschämt: »Gott grüße dich, liebe Hanna.«

»Gott grüße dich, lieber Victor,« antwortete sie, indem sie die dargereichte Hand annahm.

»Nun geht aber hinein Kinder,« sagte die Mutter, »Victor muß seine Sachen ablegen, und muß sagen, was er bedarf, ob er etwa müde ist, und was wir ihm zu essen geben können.«

Bei diesen Worten machte sie Anstalt hinein zu gehen, und die zwei Kinder, wie sie sie nannte, mit zu nehmen. Victor legte in dem großen Zimmer an dem Tische, den er nicht so bald wieder zu sehen gehofft hatte, sein Ränzlein ab, lehnte den Reisestab in einen Winkel, und sezte sich auf einen Stuhl nieder. Die Mutter sezte sich in dem großen Lehnsessel neben ihn.

Der Spiz, gleichsam weil er so wichtig geworden war und zu den Angekommenen gehörte, ging mit hinein; aber als man zu reden und sich zu erzählen angefangen hatte, ging er wieder hinaus, und weil er recht gut eingesehen hatte, daß nun alle Gefahr, von seinem Freunde Victor getrennt zu werden, verschwunden war, sah man ihn später in seiner Hütte unter dem Apfelbaume liegen, und die Müdigkeit, die er sich auf all diesen durchgemachten Wegen gesammelt hatte, behaglich verschlafen.

Als die Mutter, da sie bei dem Tische saßen, in Victor gedrungen war, daß er sage, ob er Hunger habe, ob er sonst irgend etwas bedürfe, daß er thun solle, was er wolle, um sich zu erholen – als er geantwortet hatte, daß er nichts bedürfe, daß er nicht müde sei, daß er spät das Morgenmal genossen habe, und daher schon bis zu der gewöhnlichen Mittagsstunde warten könne – als sie endlich hinaus gegangen war, um für ein hinlänglicheres und besseres Mal Anstalten zu treffen: kam sie wieder herein, sezte sich zu ihm und begann über seine Angelegenheiten zu reden.

»Victor,« sagte sie, »als du mehrere Tage fort warst, kam ein Brief von dem Oheime, in welchem er verlangte, daß wir die ganze Zeit, die du bei ihm sein wirst, nicht an dich schreiben sollen. Ich dachte, daß er einen Grund zu dieser Forderung haben müsse, daß er vielleicht etwas Nüzliches mit dir vorhabe, und willigte ein. Du wirst dich recht gekränkt haben, da du keine Silbe, keinen Gruß, und kein freundliches Wort von uns vernommen hast.«

»Mutter, der Oheim ist ein herrlicher vortrefflicher Mann,« fiel Victor ein.

»Es ist gestern wieder ein Brief und allerlei Schriften von ihm an den Vormund gekommen,« sagte die Mutter, »der Vormund ist zu uns heraus gefahren, und hat uns den Brief vorgelesen. Der Oheim meinte, daß du schon bei uns sein müssest, und verlangte, daß man dir den Brief mittheile. Nun du wirst schon erfahren, was er enthält. – Ja er ist ein vortrefflicher Mann, niemand kann das besser wissen, als ich; darum habe ich auch immer darauf gedrungen, daß man dich zu ihm gehen lasse, wie er es verlangte, bis der Vormund einwilligte. Aber, mein Victor, er hat auch eine rauhe und harte Seite, darum hat er es nie machen können, daß ihn jemand liebe. Mir fiel manchesmal bei ihm der Spruch der heiligen Bücher ein, wo einmal die göttliche Gestalt erscheinen sollte: sie war nicht in dem Rollen des Donners, sie war nicht in dem Brausen des Sturmes; aber in dem Säuseln des Lüftchens war sie, das längs des Baches hinab durch die fruchtbaren Büsche ging. Ich habe einmal, da wir noch alle jung waren, gar nicht gewußt, daß ich ihn hochachten müsse. Ich werde dir einstens, wenn du älter geworden bist, etwas von uns erzählen.«

»Mutter, er hat es mir selber erzählt,« sagte Victor.

»Er hat es dir erzählt, Kind?« erwiederte die alte Frau, »dann ist er dir geneigter gewesen, als ich dachte.«

»Er hat mir die Thatsache nur in kurzen Worten gesagt.«

»Ich werde sie dir einmal in längeren erzählen, dann wirst du sehen, welche kummervollen traurigen Tage über mich gegangen sind, bis alles so freundlich und herbstlich mit mir geworden ist, wie es ist. Dann wirst du auch einsehen, warum ich dich so sehr liebe, du mein armer lieber Victor!«

Mit diesen Worten that sie nach Art des Alters ihren Arm um sein Haupt, zog es etwas näher und legte ihre Wangen an seine Loken, als wäre sie tief gerührt.

Als sie sich wieder gefaßt und zurük geneigt hatte, sagte sie: »Victor, in dem Briefe ist gestanden, was er in der lezten Zeit mit dir geredet hat, und was er für dich gethan hat.«

Hanna ging, als die Mutter diese Worte sagte, schnell aus dem Zimmer hinaus.

»Er hat die Papiere,« fuhr die Mutter fort, »welche dir das Eigenthum des Gutes übergeben, an den Vormund geschikt, du sollst es mit Freude und Dankbarkeit annehmen.«

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