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Der Hagestolz

Adalbert Stifter: Der Hagestolz - Kapitel 34
Quellenangabe
typenarrative
booktitleStudien
authorAdalbert Stifter
year1847
publisherVerlag von Gustav Heckenast
addressPesth
titleDer Hagestolz
senderwbergner@aol.com
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Nach diesen Worten nahm er das Bild von dem Tische, wo er es, während er wieder in seinem Sessel gesessen war, liegen gelassen hatte, stand auf, umwikelte es mit der Kette, und stekte es in ein kleines Fach neben der Pfeifensammlung.

Das Gewitter war indessen völlig aus geworden, nur sammelten sich, wie es in dergleichen Fällen vorkommt, noch immer gelegentliche Nebel und Wolkentheile in dem Gebirgskessel, welche die Sonne, die ihre heißen Blike schon länger hervorgeschossen hatte, bald durchscheinen ließen, bald verhüllten.

Wenn der Oheim nach dem Essen einmal aufgestanden war, so sezte er sich nicht leicht wieder nieder. So geschah es auch jezt. Er nahm seine Flaschen von dem Tische, that sie in ihre Wandkästchen und sperrte zu. Eben so verfuhr er mit dem Käse und mit den Zukersachen, und goß zur Vorsicht den Hunden noch einmal frisches Wasser in ihren Trog.

Als er mit allem dem fertig war, trat er an das Fenster und schaute auf den Gartenplaz hinunter.

»Siehst du,« sprach er zu Victor, »es ist genau so, wie ich dir neulich sagte. Der Sand ist beinahe troken und in einer Stunde wird man sehr bequem auf ihm herum gehen können. Es ist eine Eigenschaft des hiesigen Quarzbodens, der nur loker auf dem Felsengrunde aufliegt, daß er den Plazregen einschlukt, wie ein Sieb. Darum muß ich bei den Blumen immer so viel Humus nachführen lassen, und darum vergehen die Obstbäume der Mönche so gerne, während die Rüstern, die Eichen, die Buchen und die andern unserer Bergbäume so gedeihen, weil sie den Felsen suchen, dort Spalten treiben und in sie eindringen.«

Victor ging ebenfalls zu dem Fenster hin, und schaute hinunter.

Als später die Haushälterin kam, und den Tisch abräumte,

und als Christoph, der von der Hul schon zurük war, die Hunde

hinaus führte, ging der Oheim durch die Tapetenthür in sein Gewehrzimmer.

Der Jüngling aber, der eigentlich nach dem Gewitter gerne im Freien in Weite und Breite herum geschweift wäre, ging jezt in seine Zimmer und starrte bei dem Fenster hinaus. – –

Nach einer Weile sah er den Oheim, wie er unten auf dem Gartenplaze Blumen an die Stäbe band.

Da er dann noch längere Zeit in dem einen Zimmer hin und her gegangen war, schritt er doch wieder bei der Thür hinaus, und ging in das Freie. Er ging über den Sandplaz, den der Oheim verlassen hatte, gegen das Seeufer zu, wo ein erhöhter Plaz des Felsensaumes war, der eine bedeutende Umsicht gewährte. Dort blieb er stehen und schaute in die Gegend hinaus. Es war unterdessen schon der Abend gekommen. Einige Berge lagen mit dunkeln Wolkenstüken in Umarmung, andere ragten wie glühende Kohlen aus den Trümmern, und Inseln blassen Himmels schillerten ungesehen über dem Haupte des Jünglings. Dieser schaute in das Bild so hinaus, bis nach und nach alles verglomm und erlosch, und nichts mehr als die dichte Finsterniß da war.

In derselben ging er an den schwarzen Geistern der Bäume vorbei, langsam und nachdenkend in das Haus.

Er hatte beschlossen, morgen doch die Insel zu verlassen.

Als die Zeit des Abendessens gekommen war, begab er sich aus seinem Gemache über den Gang ins Speisezimmer. Der Oheim saß schon an dem Tische und sofort wurde aufgetragen. Der Greis eröffnete dem Jünglinge, daß der alte Christoph von der Hul die Nachricht gebracht habe, daß der Fischer morgen mit Tagesanbruch an dem Landungsplaze harren werde, wo er Victor bei seiner Ankunft ausgesezt habe.

»Du kannst also,« schloß der Oheim, »morgen nach dem Frühstüke fort fahren, wenn du es dir so vorgenommen hast; denn du bist vollkommen dein Herr, und kannst thun, wie es dir gefällt.«

»Ich habe mir wohl in den Sinn genommen morgen fort zu reisen,« entgegnete Victor, »aber ich lege es doch in eure Hand, Oheim, und werde thun, was ihr für gut haltet.«

»Wenn es so ist,« sagte der Oheim, »so halte ich, wie ich schon am Mittage sagte, für gut, daß du morgen gehest. Was die Zukunft bringen kann, das bringt sie, und wie du meinen Rath befolgen willst, so befolgst du ihn. Du bist in allen Stüken ohne Bande.«

»Ich werde also morgen den Fischer auf dem Landungsplaze aufsuchen,« entgegnete Victor.

Diese Worte waren die einzigen, welche die zwei Verwandten über ihre Verhältnisse während des Abendessens gesprochen haben. Ueber fremde Gegenstände redeten sie noch mehreres. Namentlich erzählte der Oheim, daß der alte Christoph schon vor dem Gewitter in die Hul hinaus gefahren sei, daß das Gewitter dort und besonders gegen den Ausfluß der Afel hin fürchterlich gewirthschaftet habe, es seien bei dem Bergsturze neue und zwar ungeheure Trümmer herabgefallen, und es habe das Wasser die Ufer in erschrekender Weise ausgestoßen.

»Und bei uns, da es über die Grisel ging,« fuhr er fort, »war es so sanft und zahm, daß es mir die Blumen gut befeuchtete, und kaum einige von ihren Stäben herabgeschlagen hat. Christoph, der nach dem Gewitter herüber gefahren war, wunderte sich, daß er bei uns so wenig Verwüstungen antraf.«

Als das Abendmal vorüber war, wünschten sich die beiden Verwandten zum letzten Male gute Nacht und begaben sich zu Bette. Nur Victor pakte noch, und wie er dachte, dieses Mal gewiß mit Erfolg, sein Ränzchen, und richtete sich die Reisekleider auf einen Sessel.

Als der andere Morgen anbrach, kleidete er sich in diese Kleider, nahm seinen Reisestab in die Hand und hing das Ränzlein mit einem der Tragriemen an seinen Arm. Der Spiz, der das alles verstand, tanzte vor Freuden.

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