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Der Hagestolz

Adalbert Stifter: Der Hagestolz - Kapitel 33
Quellenangabe
typenarrative
booktitleStudien
authorAdalbert Stifter
year1847
publisherVerlag von Gustav Heckenast
addressPesth
titleDer Hagestolz
senderwbergner@aol.com
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Nach diesen Worten hatte der alte Mann zu reden aufgehört. Er legte sein Tellertuch, wie er es gewöhnlich that, zusammen, rollte es zu einer Walze, und schob es so in den silbernen Reif, den er zu diesem Zweke hatte. Dann stellte er die verschiedenen Flaschen in eine gewisse Ordnung zusammen, legte die Käse und Zukerbäkereien auf ihre Teller, und stürzte die gehörigen Glasgloken darauf. Von all den Sachen trug er aber nichts von dem Tische weg, wie er es sonst immer pflegte, sondern ließ sie stehen, und blieb davor sizen. Das Gewitter war indessen vorüber gegangen, es zog mit sanfteren Blizen und schwächerem Rollen jenseits der östlichen Gebirgszaken hinunter, die Sonne kämpfte sich wieder hervor, und füllte das Gemach allmählich mit lieblichem Feuer. Victor saß dem Oheime gegenüber, er war erschüttert und konnte kein Wort sagen.

Nach einer bedeutenden Weile fing der Greis, der immer so vor seinen Dingen da gesessen war, wieder zu reden an, und sagte: »Wenn du schon eine Vorneigung zu einer Frauenperson hast, so thut das bei dem Heirathen gar nichts, es ist nicht hinderlich, und fördert oft nicht, nimm sie nur: hast du aber keine solche Vorneigung, so ist es auch gleichgültig; denn derlei Dinge sind nicht beständig, sie kommen und vergehen, wie es eben ist, ohne daß man sie lokt, und ohne daß man sie vertreibt. Ich habe einmal eine solche Empfindung gehabt, du wirst es ohnehin wissen – und weil ich gerade davon rede, so werde ich dir das Bild zeigen, wie sie damals ausgesehen hat – ich habe sie selber malen lassen – – warte, vielleicht finde ich noch das Bild.«

Bei diesen Worten stand der Greis auf, und suchte lange in seinen Laden herum, bald in diesem Zimmer, bald in einem andern, aber er konnte das Bild nicht finden. Endlich zog er es mit einer staubigen goldenen Kette aus einem Fache hervor. Er wischte das Glas des Bildes mit dem grauen Rokärmel ab, reichte es Victor, und sagte: »Siehst du!«

Dieser aber wurde eine Purpurflamme und rief: »Das ist Hanna, meine Schwester.«

»Nein,« sagte der Oheim, »das ist Ludmilla, ihre Mutter. Wie kannst du denn auf Hanna kommen? diese war noch lange nicht geboren, als das Bild gemalt wurde. Hat dir denn deine Ziehmutter nichts von mir erzählt?«

»Ja, sie hat von euch erzählt, daß ihr mein Oheim seid, und in großer Abgeschiedenheit auf der Insel eines entfernten Gebirgsseees lebet.«

»Sie hält mich für den ärgsten Bösewicht.«

»Nein, Oheim, das thut sie nicht. Sie hat noch von gar niemanden Böses gesagt, und wenn sie von euch redete, so sprach sie immer so, daß wir meinten, ihr seid sehr weit in der Welt herum gereist, seid alt geworden, und lebet nun sehr einsam und von der Welt getrennt, die ihr sonst gerne in allen ihren Theilen besucht habt.«

»Und sonst sagte sie gar nichts von mir?«

»Nein, Oheim, gar nichts.«

»Hm – – das ist schön von ihr. Ich hätte mir das schon wohl denken können. Wenn sie nur um ein Weniges stärker gewesen wäre, und den klaren Verstand, der ihr Antheil war, nur über ein größer Stük Welt hätte ausdehnen können – alles wäre anders geworden. Und daß ich dir dein Gütchen rauben wolle, davon sagte sie auch nichts?«

»Rauben sagte sie nie, sondern daß ihr das Recht darauf habt.«

»Das habe ich auch, aber ich bin schon in der Jugend sehr thätig gewesen, habe Handelschaft begonnen, habe meine Geschäfte ausgedehnt und mehr erworben, als mir je noth thut, so daß ich des kleinen Besizthumes schon gar nicht bedürftig bin.«

»Die Ziehmutter hat auch schon immer in der Zeit her darauf gedrungen, daß ich zu euch komme, als ihr es begehrtet, aber der Vormund hat es gehindert.«

»Siehst du!? – – Dein Vormund hat überall einen guten Willen, aber der Tisch, auf dem er schreibt, dekt ihm die Welt und das Meer, und alles zu. Er hat etwa gedacht, du vergessest, wenn du bei mir bist, einige Dinge, die du lerntest, und die dir für das ganze Leben hindurch unnüz sind. – Deine Ziehmutter habe ich einmal zu meiner Gattin machen wollen, wie du siehst; das wird sie dir also auch nicht gesagt haben?«

»Nein, sie nicht und der Vormund nicht.«

»Wir sind sehr jung gewesen, sie war eitel, und ich sagte einmal, daß ich ihr Bild wolle malen lassen. Sie willigte ein, und der Künstler, der mit mir von der Stadt kam, hat sie auf dieser länglichen Elfenbeinplatte gemalt. Ich behielt das Bild und ließ später den goldenen Reif darum und die goldene Kette daran machen. Ich war ihr darnach sehr zugeneigt, und erwies ihr viele Aufmerksamkeiten. Wenn ich von den Reisen, die ich machte, um meine Handelsfreunde kennen zu lernen, und um allerlei neue Geschäfte und Verbindungen anzuknüpfen, nach Hause kam, war ich sehr freundlich, und brachte ihr auch das eine und andere sehr schöne Geschenk mit. Sie aber gab mir meine Aufmerksamkeiten nicht zurük, sie war freundlich, aber nicht zugeneigt, ohne daß sie mir einen Grund sagte, und sie nahm meine Geschenke nicht an, ohne daß sie mir ebenfalls einen Grund sagte. Als ich ihr endlich geradezu erklärte, ich würde sie ohne weiters zu meiner Gattin machen, wenn sie es nur jezt oder etwa späterhin so wolle, antwortete sie, das sei allerdings sehr ehrenvoll, aber sie könne die Neigung nicht empfinden, die ihr für eine lebenslängliche Verbindung nothwendig erscheine. Als ich nach einiger Zeit einmal zu dem Buchenbrünnlein im Hirschkar hinauf ging, sah ich sie auf dem breiten Steine sizen, der neben dem Brünnlein liegt. Ihr Tuch, das sie gerne an kühleren Tagen um die Schultern trug, hing an dem flachen Aste einer Buche, die etwas weiter zurük steht, und nicht hoch vom Boden diesen Ast gerade wie eine Stange zum Aufhängen ausstrekt. Ihr Hut war gleichfalls neben dem Tuche. Auf dem Steine aber saß bei ihr mein Bruder Hippolith, und sie hielten sich umschlungen. Es war dieser Ort schon lange der ihrer Zusammenkünfte gewesen, ich habe dies erst viel später erfahren. Anfangs wollte ich ihn ermorden, dann aber riß ich das Tuch, das mich wie ein Vorhang verbarg, herunter und schrie: »So wäre es ja am Ende besser, ihr thätet alles öffentlich, und heirathetet einander.« – Von diesem Tage fing ich an, seine Liegenschaften zu ordnen, und sein Amt zu befördern, daß sie sich nehmen könnten. Als aber dein Vater auf einige Zeit fort mußte, um noch etwas höher zu steigen, als er dort einen väterlichen Freund, der in einer augenbliklichen Verlegenheit Amtsgelder verwendete, von Pflicht wegen anzeigen sollte, als man in der Stadt schon davon flüsterte, als der Alte sich tödten wollte, dein Vater noch in der Nacht hin lief, das Geld erlegte, zur Entkräftung jedes Gerüchtes die Tochter des Mannes, deine nachherige Mutter, zur Frau begehrte, und als die Verbindung wirklich vollzogen war: trat ich mit Hohn vor Ludmilla hin, und zeigte ihr, wie sie ihren Verstand und ihr Herz nicht verwenden konnte. – Sie zog mit ihrem späteren Gatten auf das Gütchen hinaus, wo sie nun lebt. – Aber das sind alte Geschichten, Victor, die sind schon lange, lange geschehen, und sind in Vergessenheit gerathen. «

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