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Der Hagestolz

Adalbert Stifter: Der Hagestolz - Kapitel 29
Quellenangabe
typenarrative
booktitleStudien
authorAdalbert Stifter
year1847
publisherVerlag von Gustav Heckenast
addressPesth
titleDer Hagestolz
senderwbergner@aol.com
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An diese Umstände äußerster Hülflosigkeit mußte Victor nun immer denken, und dies um so mehr, als sich gerade jezt gegen ihn mildere Zeichen einstellten. Die eiserne Gitterthür im Gange zu seinem Schlafzimmer wurde nicht mehr gesperrt, das Bohlenthor stand zur Schwimmzeit regelmäßig offen, und zum eisernen Hauptgitter der Mauer hatte Victor statt eines Schlüssels ein Pfeifchen von dem Oheime empfangen, auf dessen Pfiff das Gitter sich öffnete; denn es war nicht wie gewöhnlich zu sperren und zu öffnen, sondern durch eine Vorrichtung von einem Zimmer des Oheims aus, man wußte nur nicht, von welchem.

Die ersten ordentlichen Unterredungen zwischen den zwei Verwandten wurden durch eine seltsame Veranlassung eingeleitet, man könnte sagen: aus Neid. Da nehmlich eines Abends Victor von einem Streifzuge durch die Insel, wie er sie jezt öfters machte, in Begleitung aller vier Hunde zurük kam – auch der des Oheims; denn sie hatten sich schon länger an ihn angeschlossen und waren in seiner und des Spizes Gesellschaft lustiger und rühriger geworden, als sie es früher gewesen waren – sagte der Oheim, der zufälliger Weise noch in dem Garten war, und dieses sah: »Dein Spiz ist auch weit besser, als meine drei Bestien, denen nicht zu trauen ist. Ich weiß nicht, wie sie sich so an dich hängen?«

Dem Jünglinge fuhren auf diese Rede die Worte, weil sie ihm so nahe lagen, aus dem Munde: »Habt sie nur lieb, wie ich den Spiz, und sie werden auch so gut sein.«

Der Mann sah ihn mit sonderbar forschenden Augen an, und sagte gar nichts auf diese Rede. Aber sie wurde der Anker, an den Abends bei Tische andere Gespräche über andere Gegenstände angeknüpft wurden. Und so ging es dann weiter, und Oheim und Neffe sprachen jezt wieder mit einander, wenn sie zusammen kamen, was namentlich bei den drei Mahlzeiten des Tages der Fall war.

Besonders lebhaft wurde Victor einmal, da ihn der Greis zufällig oder absichtlich veranlaßte, von seiner Zukunft und von seinen Plänen zu reden. Er werde jezt in sein Amt eintreten, sagte Victor, werde arbeiten, wie es nur seine Kraft vermag, werde jeden Fehler, den er antreffe, verbessern, werde seinen Obern alles vorlegen, was zu ändern sei, werde kein Schlendern und keinen Unterschleif dulden – in freien Stunden werde er die Wissenschaften und Sprachen Europas vornehmen, um sich auf künftige Schriftstellerarbeiten vorzubereiten, dann wolle er auch das Kriegswesen kennen lernen, um in dem höheren Staatsdienste einmal den ganzen Zusammenhang überschauen zu können, oder in Zeiten der Gefahr selbst zu Feldherrndiensten tauglich zu sein. Wenn er sonst noch Talent habe, so möchte er auch die Musen nicht ganz vernachlässigen, ob ihm vielleicht etwas gelänge, was sein Volk zu begeistern und zu entflammen vermöge.

Der Oheim hatte während dieser Rede Kügelchen aus Brod gedreht, und hatte lächelnd mit den schmalen, zusammen gekniffenen Lippen zugehört.

»Wenn du nur das alles zusammen bringst,« sagte er, »jezt kannst du schon gut schwimmen, das heißt, ziemlich gut; ich habe dir gestern wieder eine Weile zugeschaut – aber der Bogen der rechten Hand ist noch ein wenig zu kurz, es ist, als zögest du die Hand zurük, und die Fußbewegung ist auch noch zu heftig. – Willst du denn nicht auch einmal zu jagen versuchen? Verstehst du ein Gewehr los zu schießen und zu laden? Ich gebe dir ein par aus meiner Gewehrkammer, und du kannst damit durch die ganze Insel herum gehen.«

»Freilich verstehe ich ein Feuergewehr zu behandeln,« antwortete Victor, »aber die Singvögel, die ich hier sehe, mag ich nicht schießen; denn sie erbarmen mir zu viel, und auf der ganzen Insel sehe ich nur veraltete Obstbäume und junges darüber wachsendes Waldlaub, da wird schwerlich ein Fuchs oder ein anderes schießbares Wild sein.«

»Du wirst schon finden, nur muß man das Suchen verstehen.«

Mit diesen Worten trank der Oheim seinen Wein aus, aß sein Zukerwerk und ließ den Gegenstand fallen. Hierauf gingen sie bald schlafen. Victor wurde jezt nicht mehr, wie in den ersten Tagen von seinem Oheime in das Schlafgemach geleitet, sondern, seit das Schlafgitter nicht mehr gesperrt wurde, zündete er sich nach Beendigung des Males ein Licht an, wünschte dem Oheim gute Nacht, und verfügte sich mit dem Spiz, der jezt auch in Eintracht mit den andern Hunden aß, in seine zwei Gemächer.

In diesen Verhältnissen verging endlich alle Zeit, die Victor nach dem eigentlich erzwungenen Vertrage noch auf der Insel zu verleben gehabt hatte. Er war nie in Versuchung gekommen, etwas über diese Sachlage zu sagen, weil er zu stolz dazu war. Aber als der lezte Tag vergangen war, den er noch da sein konnte, um dann zu rechter Zeit in sein Amt einzutreffen, pochte ihm das Herz in dem Leibe. Man war mit dem Abendmale fertig. Der Oheim war aufgestanden und kramte in allerlei Papieren, und schob sie nach Art des Alters mit ungeschikten Händen durcheinander. Dann legte er sie aber sammt und sonders in einen Winkel und ließ sie dort liegen. Victor sah schon aus dem ganzen Benehmen, daß der Greis nichts mehr über den Gegenstand sagen werde, er nahm daher sein Licht und begab sich zu Bette.

Das Frühstük wurde am andern Tage mit derselben Langsamkeit verzehrt, wie bisher immer. Victor hatte auf seiner Stube sein Ränzlein vollständig gepakt, und saß jezt auf seinem Frühmalstuhle und wartete, was der Oheim beginnen werde. Der alte Mann, der mit dem schlotternden grauen Roke angethan war, stand auf und ging ein par Mal durch die Tapetenthür ein und aus. Dann sagte er zu Victor: »Du wirst dieser Tage, heute oder morgen, fort wollen?«

»Heute, Oheim, muß ich fort, wenn ich nicht zu spät kommen soll,« antwortete Victor.

»Du kannst ja draußen in Attmaning Fahrgelegenheit nehmen.«

»Das ist schon eingerechnet, das muß ich ohnehin thun,« sagte Victor; »denn da ihr nichts über die Sache erwähntet, habe ich bis zu dem lezten Augenblike gewartet.«

»Du mußt also heute,« sagte der Greis zögernd, – »du mußt – wenn du also mußt, so soll dich Christoph überführen, wie ich es gesagt habe. Sind deine Habseligkeiten schon in Ordnung.«

»Ich habe bereits gestern alles eingepakt.«

»Gestern hast du schon eingepakt – – und freust dich also sehr – so, so, so! – – Ich wollte doch noch etwas zu dir sagen – – was wollte ich sagen? – – Höre Victor!«

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