Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Adalbert Stifter >

Der Hagestolz

Adalbert Stifter: Der Hagestolz - Kapitel 28
Quellenangabe
typenarrative
booktitleStudien
authorAdalbert Stifter
year1847
publisherVerlag von Gustav Heckenast
addressPesth
titleDer Hagestolz
senderwbergner@aol.com
Schließen

Navigation:

Außer dem Schwimmen brachte er die andere Zeit mit anderen Dingen hin. Er hatte jede und alle Stellen des eingeschlossenen Raumes schon besucht und kennen gelernt. Er wurde nun auf das Gehen und Kommen der Lichter auf den Bergen aufmerksam, und erkannte nach und nach die Schauer der Farben, die über sie gingen, wenn gemach die Tageszeiten wechselten, oder wenn die Wolken schneller an der blanken Deke des Himmels hin liefen. Oder er horchte durch die todten Lüfte, wenn er so saß, wenn die Sonne am Mittage stand, oder eben am Bergrande untergegangen war, ob er denn nicht das Gebetglöklein der Hul hören könne – denn auf der Insel war wirklich weder der Schlag einer Thurmuhr noch der Klang einer Gloke zu vernehmen: – aber er hörte niemal etwas, denn die grüne dichte Baumwand des größeren Theiles der Insel war zwischen seinem Ohre und dem Klange, den er damals Abends so schön an dem Felsenufer gehört hatte. – Es waren nach lange dauernden Sternnächten – denn Victor war zur Zeit des abnehmenden Mondes gekommen – endlich auch sehr schöne Mondnächte erschienen. Victor öffnete da gerne seine Fenster, und sah, da er von Menschen geschieden war, das zauberhafte Flimmern und Glizzern und Dämmern auf See und Felswänden, und sah die schwarzen vom Lichte nicht getroffenen Blöke mitten in dieser Flirrwelt wie Fremdlinge schweben.

Mit Christoph und der alten Magd, wenn sie ihm begegneten, redete er kein Wort, weil er es nicht für würdig hielt, da er schon mit dem Herrn nicht spreche, mit seinen Dienern Reden zu wechseln.

So ging die Zeit nach und nach dahin.

Eines Tages, als er gegen fünf Uhr über den Blumenplaz gegen das Bohlenhaus zu schritt, um zu schwimmen, und wie gewöhnlich den armen Spiz an der Schnur hinter sich herzog, redete ihn der Oheim, der nach seiner Art auf einer Bank in der Sonne saß, an, und sagte: »Du darfst den Hund nicht so an der Schnur führen, du kannst ihn schon frei mit dir gehen lassen, wenn du willst.«

Victor warf seine Augen erstaunt gegen den Mann, und sah wenigstens keine Unehrlichkeit in seinem Angesichte, wenn auch sonst nichts anderes.

Am folgenden Tage ließ er den Spiz des Nachmittags versuchsweise frei. Es geschah ihm nichts, und er ließ ihn von nun an alle Tage frei mit sich gehen.

So verfloß wieder einige Zeit.

Ein anderes Mal, als Victor eben schwamm, und zufällig seine Augen empor richtete, sah er den Oheim in einer Thür, die sich aus dem Dache des Bohlenhauses öffnete, stehen und auf ihn herunter schauen. In den Mienen des alten Mannes schien sich Anerkennung auszusprechen, wie der Jüngling so geschikt die Wasserfläche theilte, und öfter mit freundlichen Augen auf den Hund sah, der neben ihm her schwamm. Auch die hohe Schönheit des Jünglings war eine sanfte Fürbitte für ihn, wie die Wasser so um die jugendlichen Glieder spielten und um den unschuldsvollen Körper floßen, auf den die Gewalt der Jahre wartete, und die unenträthselbare Zukunft des Geschikes. – – Ob sich auch etwas Verwandtschaftsneigung in dem alten Manne gegen das junge einzige Wesen regte, das ihm an Blut näher stand, als alle übrigen auf der Erde – wer kann es wissen? Auch ob er heute das erste Mal, oder schon öfter zugeschaut hatte, war ungewiß; denn Victor hatte früher nie gegen das Bohlenthor empor geblikt; – aber am andern Tage um fünf Uhr Nachmittags, als Victor über den Gartenplaz ging, den Oheim an den Blumen, der einzigen lieblichen Beschäftigung, bei der er ihn je erblikt hatte, herum arbeiten sah, und ohne ihn anzureden vorüber gegangen war, fand er zu seiner größten Ueberraschung, da er in das Schiffhaus gekommen war, eine der Bohlenthüren offen stehen. Er war geneigt, dieses Ereigniß irgend einem ihm unbekannten Umstande zuzuschreiben; allein am nächsten Tage und alle folgenden Tage stand um fünf Uhr das Bohlenhaus offen, während es den ganzen übrigen Theil des Tages immer gesperrt war.

Victor wurde durch diese Sachen aufmerksam, und erkannte leicht, daß er von dem Oheime beobachtet werde.

Als er, weil die Zeit gar so todtlangsam hin ging, wieder einmal, was er seit seiner Gefangenschaft aus Stolz nie gethan hatte, sehnsüchtig an dem eisernen Gitter der Einschlußmauer stand, und sein Angesicht zwischen zwei Stäbe legte, um hinaus zu schauen, hörte er plözlich in dem Eisen ein Rasseln; eine Kette, die er schon öfter an den Stäben bemerkt hatte, wie sie empor ging und sich in die Mauer verlor, bewegte sich, und in dem Augenblike fühlte er an dem sanften Nachgeben der Stäbe nach auswärts, daß das Gitter offen sei und ihn hinaus lasse. Er ging hinaus und ging in einigen Theilen der Insel herum. Er hätte jezt die Gelegenheit zur Flucht benüzen können, aber weil ihn der Oheim freiwillig hinausgelassen hatte, benüzte er sie nicht, und begab sich wieder freiwillig in sein Gefängniß. Bei seiner Annäherung an das Gitter war dasselbe zu, öffnete sich aber, als er heran trat und ließ ihn herein, sich hinter ihm wieder schließend.

Durch alle diese Sachen hätte Victor weicher werden müssen, wenn der Mann nicht schon vorher am sanftesten sein Herz dadurch gerührt hätte, daß er ihm den Spiz frei gemacht hatte.

Der Jüngling fing nun folgerechter Weise auch seinerseits an, den Greis näher zu beobachten, und oftmals zu denken: »Wer weiß, ob er so hart ist, und ob er nicht vielmehr ein unglüklicher alter Mann sei.«

So lebten die zwei Menschen neben einander hin, zwei Sprossen desselben Stammes, die sich hätten näher sein sollen, als alle andern Menschen, und die sich so ferne waren, wie keine andern – zwei Sprossen desselben Stammes, und so sehr verschieden: Victor das freie heitere Beginnen, mit sanften Blizen des Auges, ein offener Plaz für künftige Thaten und Freuden – der Andere das Verkommen, mit dem eingeschüchterten Blike, und mit einer herben Vergangenheit in jedem Zuge, die er sich einmal als einen Genuß, also als einen Gewinn, aufgeladen hatte. In dem ganzen Hause lebten nur vier Personen: der Oheim, der alte Christoph, Rosalie, so hieß die alte Haushälterin und Köchin, und endlich das blödsinnige auch schon alte Mädchen Agnes, welche Rosaliens Handlangerin war. Unter diesen alten Menschen und neben dem alten Gemäuer ging Victor herum, wie ein nicht hieher gehöriges Wesen. Sogar die Hunde waren sämmtlich alt; die Obstbäume, die sich vorfanden, waren alt; die steinernen Zwerge, die Bohlen im Schiffhause waren alt! nur einen Genossen hatte Victor, der blühend war wie er, nehmlich die Laubwelt, die lustig in der Verfallenheit sproßte und keimte.

Victor hatte sich schon früher öfter mit einer Thatsache beschäftigt, die ihn nachdenken machte. Er wußte nehmlich nicht, wo sein Oheim das Schlafzimmer habe, und konnte es troz aller Beobachtungen nicht entdeken. Er dachte daher, vielleicht verberge er es gar aus Mißtrauen. Einmal, da der Jüngling über die Treppe in die Küche hinab gerieth, hörte er eben die Haushälterin sagen: »Er traut ja Niemanden; wie könnte man ihm denn beibringen, daß er aus der Hul einen Menschen in Dienst nehme? das thut er nicht. Er rasirt sich darum selbst, daß ihm niemand den Hals abschneide, und er sperrt Nachts die Hunde ein, daß sie ihn nicht fressen.«

 << Kapitel 27  Kapitel 29 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.