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Der Hagestolz

Adalbert Stifter: Der Hagestolz - Kapitel 27
Quellenangabe
typenarrative
booktitleStudien
authorAdalbert Stifter
year1847
publisherVerlag von Gustav Heckenast
addressPesth
titleDer Hagestolz
senderwbergner@aol.com
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»Wenn du es so nennst, und meine Anstalten es so fügen, so bist du einer,« engegnete der Oheim.

Victors Lippen bebten nun, er konnte vor Erregung kein Wort sagen – dann aber rief er doch zu dem Oheime: »Nein, Oheim! das können eure Anstalten nicht fügen, was ihr beliebig wollt; denn ich gehe an das Felsenufer hinvor, und stürze mich gegen den See hinunter, daß sich mein Körper zerschmettert.«

»Thue das, wenn du die Schwäche besizest,« sagte der Oheim.

Nun konnte Victor in der That keine Silbe mehr hervor bringen – er schwieg eine Weile und es stiegen in ihm Gedanken auf, daß er sich an der Härte dieses abscheulichen Mannes rächen werde. Auf der andern Seite schämte er sich auch seiner kindischen Drohung, und erkannte, daß sich selber zu verlezen kein wesentlicher Widerstand gegen den Mann wäre. Er beschloß daher, ihn durch Duldung auszutrozen. Darum sagte er endlich: »Und wenn der Tag gekommen ist, den ihr genannt habt, lasset ihr mich dann in die Hul hinüber führen?«

»Ich lasse dich dann in die Hul hinüber führen,« antwortete der Oheim.

»Gut, so bleibe ich bis dahin,« entgegnete Victor; »aber das sage ich euch, Oheim, daß von nun an alle Bande zwischen uns zerschnitten sind, und daß wir nicht mehr in einem verwandtschaftlichen Verhältnisse stehen können.«

»Gut,« antwortete der Oheim.

Victor sezte noch im Zimmer sein Barett auf das Haupt, zerrte den Spiz, den er bei sich hatte, an der Schnur hinter sich her, und ging zur Thür hinaus.

Der Jüngling betrachtete sich nun von jeder Rüksicht, die er sonst gegen den O heim beobachten zu müssen geglaubt hatte, frei, und beschloß fortan jede Handlungsweise sich zu erlauben, die ihm nicht von seinem Sittlichkeitsgefühle verbothen, oder von den Grenzen der offenbaren Gewalt unmöglich gemacht worden wäre.

Er ging von dem Oheime in sein Zimmer und schrieb dort über zwei Stunden. Dann ging er ins Freie. An der Treppenthür war von innen und von außen ein Ring, der als Klöppel diente. Wollte Victor von nun an entweder hinein oder hinaus, so ging er nicht mehr, wie bisher, zu dem Oheime, daß er ihm öffne, sondern er stellte sich an die Thür, und schlug mit dem Klöppel gegen dieselbe. Auf dieses Zeichen kam der Oheim allemal, wenn er in seinem Zimmer war, heraus und öffnete. War er selber im Freien, so stand die Thür ohnehin offen. Bei dem Mittagmale des ersten Tages redete Victor nichts, der Oheim fragte ihn auch nichts, und als das Essen vorüber war, standen beide auf, und Victor ging sogleich fort. Auf dieselbe Weise war das Abendmal.

Victor ging nun daran, alle Theile des eingeschlossenen Raumes zu durchforschen. Er drang in die Gebüsche, welche hinter dem Hause standen, er ging von Baum zu Baum, und sah jeden an, und untersuchte ihn um seine Eigenschaften und um seine Gestalt. Einmal drang er durch alle Gebüsche und Schlinggewächse, welche an der Innenseite der Einschlußmauer des Besizthumes waren, längs der ganzen Mauer dahin. Sie war, wie dumpfig und morsch sie auch an vielen Stellen von den unsäglichen Gewächsen, die an ihr wuchsen, war, dennoch überall ganz genug und fest genug. In dem Hause, in welchem er mit dem Oheime wohnte, durchsuchte er alles Treppe auf Treppe ab, Gang aus Gang ein; aber es war bei diesen Untersuchungen nicht viel zu finden. Ueberall, wo sich eine Thür oder ein Thor zeigte, waren die Schlösser gut versperrt, zum Theile standen große schwere Kästen davor, in denen einst Getreide oder dergleichen gewesen sein mochte, und hinderten auf ewig das Oeffnen, wie ja auch die meisten Fenster der Gänge, wie Victor gleich am ersten Tage bemerkt hatte, bis auf einen kleinen Theil, durch den das Licht kam, mit Brettern verschlagen waren. Außer den Gängen, die zwischen dem Speisezimmer und seinen zwei Wohnzimmern liefen, und außer der Treppe, über welche er in die Küche hinab gelangen konnte – welche zwei Dinge er ohnehin schon lange kannte – entdekte er im Hause seines Oheims nichts, als etwa die Treppe, welche einst abwärts zu dem Ausgange geführt hatte, nun aber an einem Thor endete, das niedrig, verschlossen und mit Rost bedekt war.

Was Victor am meisten reizte, war das alte Kloster. Er ging an allen Seiten des grauen einsamen Vierekes herum, und eines Tages, da er in dem verfallenen Klostergarten war, von dem man die Thürme sehen konnte, gelang es ihm, über eine niedere Quermauer, aus welcher er mehrere Ziegel heraus brechen konnte, in einen Zwinger zu steigen, und aus demselben in innere nicht verschlossene Räume zu kommen. Er wanderte durch einen Gang, wo die alten Aebte aus und ein gegangen waren, abgebildet waren, aus schwarzen Bildern nieder sahen, und blutrothe Namen und Jahreszahlen zu ihren Füssen hatten. In die Kirche gelangte er und stand an den von Gold und Silber entblößten Altären – dann war er über manche von ewigem Treten zerschleifte Steinschwelle in zufällig offen stehende Zellen gekommen, in denen es nun hallte und wo dumpfe Luft stand. Zulezt war er in die Thürme gestiegen, und hatte die ruhigen verstaubten Gloken hängen gesehen. Als er wieder über die Quermauer in den Obstgarten hinaus geklettert war, lösete er den Spiz, den er an einem Strunke angebunden hatte, und der indessen stille da gesessen war, wieder los und ging mit ihm fort.

Mehrere Tage darnach, als er mit dem Oheime den seltsamen Auftritt gehabt hatte, ging er einmal in das Bohlenhaus hinab, um sich, wie er es öfters gethan hatte, mehrere Theile seines Körpers in dem erquikenden Wasser zu waschen. Als er auf den lezten Stufen so saß, und, um sich abzukühlen, vor sich hin schaute, bemerkte er in der Tiefe des Wassers, weil ein ganz besonders schöner Tag war, oder weil er jezt überhaupt alles schärfer beobachtete, daß einer der Bohlenzähne des Thores, die in das Wasser hinab ragten, kürzer sei, als die andern, und so eine Lüke bilde, durch die man vielleicht mittelst Tauchen in den See hinaus gelangen könne. Er beschloß auf der Stelle den Versuch zu machen. Zu diesem Zweke ging er in seine Stube und holte sich sein Schwimmkleid. Da er mit demselben zurük gekommen war, sich ausgekühlt und entkleidet hatte, ging er der größeren Tiefe des Wassers zu, legte den Körper längs der Fläche, tauchte vorsichtig, schwamm vorwärts, hob das Haupt und war außer den Bohlen. Selbst den Spiz, welchem er die Schnur abgenommen hatte, konnte er, weil er schlank war, zwischen den Bohlen zu sich hinaus bringen. Nun schwamm er freudig in großen Kreisen aufwärts und abwärts des Bohlenthores in dem tiefen See herum. Der Spiz neben ihm. Als seine Kraft gesättigt war, näherte er sich wieder der Bohlenlüke, tauchte, und kam unter die Kahnpflöke und unter das Bohlenhaus hinein. Er kleidete sich nach diesem Bade an, und ging fort. Das that er nun alle Tage. Wenn die größte Hize sich milderte, ging er in das Schiffhaus, machte sich schwimmgerecht, und schwamm, so lange es ihm gefiel, außer dem Bohlenthore herum.

Es fiel ihm wohl in dieser Zeit ein, daß er seine Kleider nebst einem Vorrathe von Brod durch die Bohlen hinaus schaffen, und sie an eine Schnur gebunden schwimmend hinter sich her ziehen könnte, bis er das nächste herein gehende Ende der Anschlußmauer umschwommen hätte. Dort könnte er aussteigen, in einem Versteke die Kleider troknen und sie dann anziehen. Es würde doch möglich sein, wenn das Brod nur aushielte, eine Zeit zu erwarten, in der man ein auf dem See fischendes Schiffchen herzu rufen könnte. Ja selbst das fiel ihm in Zeitpunkten der erregtesten Einbildungskraft ein, daß er mit einiger Anstrengung seiner Körperkräfte und mit Aufrufung seines Geistes von der Insel etwa bis an den Orlaberg hinüber schwimmen könnte, wo er dann durch Klettern und Wandern in die Hul hinüber finden müßte. Es kam ihm die Ungeheuerlichkeit dieses Wagestükes nicht so ungeheuer vor, weil ja auch die Mönche einmal über den Orla in die Hul gestiegen sind, und noch dazu im Winter; aber das bedachte er nicht, daß die Mönche Männer waren, die das Gebirge kannten, er aber ein Jüngling sei, der in diesen Dingen gar keine Erfahrung besize. Aber wie lokend auch alle diese Vorspiegelungen sein mochten, so konnte er doch keiner derselben eine Folge geben, weil er dem Oheime versprochen hatte, bis zu dem nothwendigen Tage da zu bleiben – und dieses Versprechen wollte er halten. Darum kam er von dem Schwimmen immer wieder unter dem Bohlenthore herein.

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