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Der Hagestolz

Adalbert Stifter: Der Hagestolz - Kapitel 26
Quellenangabe
typenarrative
booktitleStudien
authorAdalbert Stifter
year1847
publisherVerlag von Gustav Heckenast
addressPesth
titleDer Hagestolz
senderwbergner@aol.com
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Der Oheim stand indessen an der Seite und sah das Bild und den Jüngling an. Er hatte keine sonderliche Theilnahme gezeigt, und wie Victor die erste Bewegung machte, sich von dem Bilde zu entfernen, ging er gleich voran, um ihn aus den Zimmern zu führen, wobei er weder von dem Bilde noch von dem Vater etwas anders sagte, als die Worte: »Es ist eine erstaunliche Aehnlichkeit.«

Als sie wieder in das Tafelzimmer gekommen waren, schloß er sorgfältig die Tapetenthür, und begann auf die gewöhnliche Weise in dem Gemache herum zu gehen, und in den herumliegenden und stehenden Sachen zu greifen, zu stellen und zu ordnen, woraus Victor aus Erfahrung erkannte, daß er jezt vor der Hand nichts mehr mit ihm zu thun haben wolle.

Er beschloß daher, wieder auf die Insel hinunter zu gehen. Die Treppenthür war abermals geschlossen. Victor wollte nicht zu dem Oheime gehen, daß er ihm öffne, sondern er dachte an den Kasten, in welchen gestern das alte Weib mit den Schalen hinein gegangen war, und vermuthete, daß durch denselben ein Ausweg sein müsse. Er fand den Kasten bald, öffnete ihn, und sah wirklich abwärts führende Stufen, die er einschlug. Allein er gelangte auf denselben nicht in das Freie, sondern in die Küche, in welcher er niemanden traf, als das alte Weib, welches mit der Herrichtung der vielen verschiedenen Dinge beschäftigt war, die zu dem Mittagsmale gehörten. Nur noch ein jüngeres beinahe blödsinnig aussehendes Mädchen unterstüzte sie hiebei. Victor fragte das Weib, ob sie ihn nicht in den Garten hinaus lassen könne.

»Freilich,« sagte sie, führte ihn dieselbe Treppe hinauf, die er herunter gekommen war, und holte den Oheim heraus, welcher sofort öffnete und den Jüngling hinaus ließ.

Victor erkannte nun, daß die Holztreppe der einzige Ausgang sei, und daß man den mit solchem Mißtrauen geschlossen halte, obwohl das Ganze ohnehin mit einer undurchdringlichen Mauer umgeben sei.

Der Tag verging, wie der gestrige. Victor kam um zwei Uhr zum Mittagsessen und ging dann wieder fort. Gegen Abend ereignete sich etwas ungewöhnliches. Victor sah ein Schiff gegen die Insel kommen, und gerade gegen das Wasserbohlenwerk zu fahren, das er gestern entdekt hatte. Victor lief eilig die Treppen zum Wasserhause hinab. Das Schiff kam herzu, das Bohlenthor wurde von Außen mit einem Schlüssel geöffnet, und der alte Christoph fuhr ganz allein in einem Kahne herein. Er hatte Lebensmittel und andere Bedürfnisse geholt, und war deßwegen in der Hul und in Attmaning gewesen. Victor begriff nicht, da er die Ladung sah, wie der alte Mann diese Menge Dinge herbei geschafft und über den See gerudert habe. Auch war ihm leid, daß ihm die Abfahrt des alten Dieners nicht bekannt gewesen sei, weil er ihm einen Brief mitgegeben hätte, der an die Mutter laufen sollte. Christoph fing an, die Dinge auszuladen, und die verschiedenen Fleischgattungen mit Hülfe des blödsinnigen Mädchens auf einer Tragbahre in die Eisgrube zu tragen. Victor sah hiebei ein ganz niederes eisernes Thürchen an der Hinterseite des Hauses öffnen. Als er über die Treppen hinter dem Thürchen hinab ging, erblikte er im Scheine der Laterne, die man dort angezündet hatte, eine gewaltige Last Eises, auf der allerlei Vorrathsdinge herum lagen, und die eine fürchterliche Kälte in diesem Raume verbreitete. In später Dämmerung war die Arbeit des Ausladens vollendet.

Der dritte Tag verging, wie die ersten zwei. Und es verging der vierte und es verging der fünfte. Drüben stand immer die Grisel, rechts und links standen die blaulichen Wände, unten dämmerte der See, und mitten leuchtete das Grün der Baumlast der Insel, und in diesem Grün lag wie ein kleiner grauer Stein das Kloster mit dem Hause. Der Orla ließ manches blaue Stük durch die Baumzweige darauf nieder schimmern.

Victor war bereits an allen Stellen der Einfassungsmauer gewesen, auf allen Bänken des Sandplazes oder Gartens war er gesessen, und auf allen Vorgebirgen des Ufersaumes des eingefaßten Plazes war er gestanden.

Am sechsten Tage konnte er es nicht mehr so aushalten, wie es war, und er beschloß der Sache ein Ende zu machen.

Er Weidete sich früh Morgens sorgfältiger an, als er es gewöhnlich that, und erschien so bei dem Frühstüke. Nachdem dasselbe vorüber war, und er schon neben dem Oheime in dem Zimmer stand, sagte er: »Oheim, ich wünschte mit euch etwas zu reden, wenn ihr nehmlich Zeit habt, mich anzuhören.«

»Rede,« sagte der Oheim.

»Ich möchte euch die Bitte vortragen, mir in Gefälligkeit den Grund zu eröffnen, weßhalb ich auf diese Insel kommen mußte, wenn ihr nehmlich einen besonderen Grund hattet; denn ich werde morgen meine Abreise wieder antreten.«

»Die Zeit bis zur Uebernahme deines Amtes dauert ja noch über sechs Wochen,« antwortete der Oheim.

»Nicht mehr so lange, Oheim,« sagte Victor, »nur noch fünf und dreißig Tage. Ich möchte aber noch einige Zeit, bevor ich in das Amt trete, in meinem zukünftigen Aufenthaltsorte zubringen, und möchte deßhalb morgen abreisen.«

»Ich entlasse dich aber nicht.«

»Wenn ich euch darum bitte, und wenn ich euch ersuche, mich morgen oder, wie es euch gefällig ist, übermorgen in die Hul hinüber führen zu lassen, so werdet ihr mich entlassen,« sagte Victor bestimmt.

»Ich entlasse dich erst an dem Tage, an dem du nothwendig abreisen mußt, um zu rechter Zeit bei deinem Amte eintreffen zu können,« erwiederte hierauf der Oheim.

»Das könnt ihr ja nicht,« sagte Victor.

»Ich kann es wohl,« antwortete der Oheim; »denn die ganze Besizung ist mit einer starken Mauer umfangen, die noch von den Mönchen herrührt, die Mauer hat das Eisengitter zum Ausgange, das niemand anderer als ich zu öffnen versteht, und der See, welcher die fernere Grenze macht, hat ein so steiles Felsufer, daß niemand zu dem Wasser hinunter kommen kann.«

Victor, der von Kindheit an nie die kleinste Ungerechtigkeit hatte dulden können, und der offenbar das Wort »können« im sittlichen Sinne genommen hatte, wie es sein Oheim im stofflichen nahm, wurde bei den lezteren Worten im ganzen Angesichte mit der tiefsten Röthe des Unwillens übergossen, und sagte: »So bin ich ja ein Gefangener?«

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