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Der Hagestolz

Adalbert Stifter: Der Hagestolz - Kapitel 25
Quellenangabe
typenarrative
booktitleStudien
authorAdalbert Stifter
year1847
publisherVerlag von Gustav Heckenast
addressPesth
titleDer Hagestolz
senderwbergner@aol.com
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Zum Theile erfüllte er diese Absicht gleich auf der Stelle. Er legte so viel von seinen Kleidungsstüken ab, als nötig war, einige Körpertheile, namentlich Schultern, Brust, Arme und Füsse zu waschen. Den Spiz badete er ebenfalls. Hierauf legte er seine Kleider wieder an, und stieg die Stufen zurük empor, die er herabgegangen war. Als er sodann an dem Ufer fort ging, traf er an das andere Ende der Einschlußmauer. Es ging wie das erste fallrecht in den See nieder, und war so aus dem Felsen heraus gebaut, daß kaum ein Kaninchen um den Mauerrand hätte herum schlüpfen können. Victor blieb eine Weile lässig an dieser Stelle stehen – dann war, so zu sagen, sein Tagwerk aus. Er ging auf den Sandplaz zurück, und sezte sich dort auf eine Bank, um von dem Bade auszuruhen und den Spiz zu troknen. Das Haus des Oheims, welches er nun gegenüber hatte, war, wie es am Morgen gewesen war. Nur die Fenster des Zimmers, in welchem er geschlafen hatte, standen offen, weil er sie selbst geöffnet hatte, alles andere war zu. Niemand ging heraus, niemand ging hinein. Die Schatten wendeten sich nach und nach, und die Sonne, die Morgens hinter dem Hause gestanden war, beleuchtete nun die vordere Seite desselben. Victor war es, wie er so da saß und auf die dunkeln Mauern schaute, als sei er schon ein Jahr von seiner Heimath entfernt. Endlich wies der Zeiger seiner Uhr auf zwei. Er hob sich daher, ging die Holztreppe empor, der Oheim öffnete ihm auf sein Klopfen mit dem Klöppel die Stiegenthür, ließ ihn hinter sich in das Speisezimmer gehen, und sofort sezten sich beide zu Tische.

Das Mittagmal unterschied sich von dem gestrigen Abendmale nur darin, daß beide, Oheim und Neffe, zusammen aßen. Sonst war es wie gestern. Der Oheim sprach wenig, oder eigentlich so viel, wie nichts; die Speisen aber waren mannigfaltig und gut. Es standen wieder mehrere Weine auf dem Tische, und der Oheim trug Victor sogar davon an, wenn er nehmlich schon Wein trinke; dieser aber schlug das Anerbieten aus, indem er sagte, daß er bisher immer Wasser getrunken habe, und dabei bleiben wolle. Der Oheim sprach auch heute nichts von dem Reisezweke, sondern da das Essen aus war, stand er auf und beschäftigte sich mit allerlei Dingen, die in dem Gemache waren, und kramte in denselben herum. Victor begriff sogleich, daß er entlassen sei, und begab sich seiner Neigung zu Folge ins Freie.

Nachmittags, da die Hize in diesem Thalbeken, so wie Morgens die Kühle, sehr groß war, sah Victor, da er über den Blumenplaz ging, den Oheim auf einer Bank mitten in den Sonnenstrahlen sizen. Derselbe rief ihn aber nicht hinzu und Victor ging auch nicht hinzu.

So war der erste Tag aus. Das Abendessen, wozu Victor um neun Uhr beschieden war, endete für ihn, wie gestern. Der Oheim führte ihn in seine Zimmer und sperrte das Eisengitter des Ganges ab.

Den alten Christoph hatte Victor den ganzen Tag nicht gesehen, nur die alte Frau allein wartete bei Tische auf – wenn man nehmlich das »aufwarten« nennen kann, daß sie die Speisen brachte und forttrug. Alles andere hatte der Oheim selber gethan; auch die Käse und Weine hatte er wieder eingesperrt.

Als man des andern Morgens vom Frühstüke aufgestanden war, sagte er zu Victor: »Komme ein wenig herein da.«

Mit diesen Worten schloß er eine kaum erkennbare Tapetenthür des Speisezimmers auf, und schritt in ein anstoßendes Gemach, wohin ihm Victor folgte. Das Gemach war wüste eingerichtet, und enthielt mehr als hundert Feuergewehre, die nach Gattungen und Zeiten in Glasschreinen waren. Hüfthörner, Weidtaschen, Pulvergefäße, Jagdstöke und noch tausenderlei dieser Dinge lagen herum. Sie gingen durch dieses Zimmer hindurch, dann durch das anstoßende, das wieder leer war, bis sie in ein drittes kamen, in dem einige alte Geräthe standen. An der Wand hing ein einziges Bild. Es war rund, wie die Schilde, worauf man die Wappen zu malen pflegt, und war von einem breiten ausgeflammten und durchbrochenen Goldrahmen hohen Alters umschlossen.

»Das ist das Bild deines Vaters, dem du sehr gleich siehst,« sagte der Oheim.

Ein blühend schöner Jüngling, fast eher noch ein Knabe zu nennen, war in einem bauschigen braunen mit Goldtressen besezten Kleide auf dem runden Schilde abgebildet. Die Malerei, obwohl kein Meisterstük ersten Ranges, war doch mit jener Genauigkeit und Tiefe der Behandlung begabt, wie wir sie noch recht oft auf den Familienbildern des vorigen Jahrhunderts sehen. Jezt nimmt Oberflächlichkeit und Rohheit der Farbe überhand. Besonders rein waren die Goldborden ausgeführt, die noch jezt mit düsterem Lichte funkelten, und von den schneeweiß eingestäubten Loken und dem lieblichen Angesichtchen, dessen Schatten ganz besonders rein und durchsichtig waren, sich gut abhoben.

»Es ist in der adeligen Schule die närrische Sitte gewesen,« sagte der Oheim, »daß alle Zöglinge zum Andenken abgebildet, und in solchen runden Schildern mannigfaltig bald in Gängen, bald in Vorsälen, und gar in Zimmern aufgehängt wurden. Die Rahmen kauften sie sich selber dazu. Dein Vater ist immer eitel gewesen und ließ sich malen. Ich war viel schöner, als er, und saß nicht. Als die Schule einging, kaufte ich das Bild hieher.«

Victor, der sich seines Vaters so wie seiner Mutter gar nicht mehr erinnern konnte, da sie ihm beide, zuerst die Mutter und sehr bald darauf der Vater in frühester Kindheit weggestorben waren, stand nun vor dem Bilde dessen, dem er das Leben verdankte. In das weiche Herz des Jünglings kam nach und nach das Gefühl, das Waisen oft haben mögen, wenn sie, während andere ihre Eltern in Leib und Leben vor sich haben, blos vor den gemalten Bildern derselben stehen. Es ist ein von einer tiefen Wehmuth reiches, und doch einen traurig süssen Trost gebendes Gefühl. Das Bild wies in eine weite längst vergangene Zeit zurük, wo der Abgebildete noch glüklich, jung und hoffnungsreich gewesen war, so wie der Betrachter jezt noch jung und voll der unerschöpflichsten Hoffnungen für diese Welt ist. Victor konnte sich nicht vorstellen, wie vielleicht derselbe Mann später in dunklem einfachen Roke und mit dem eingefallenen sorgenvollen Angesichte vor seiner Wiege gestanden sein mag. Noch weniger konnte er sich vorstellen, wie er dann auf dem Krankenbette gelegen ist, und wie man ihn, da er todt und erblaßt war, in einen schmalen Sarg gethan und in das Grab gesenkt habe. Das alles ist in eine sehr frühe Zeit gefallen, wo Victor die Eindrüke der äußeren Welt noch nicht hatte, oder dieselben nicht für die nächste Stunde zu bewahren vermochte. Er sah jezt in das ungemein liebliche, offene und sorgenlose Angesichtchen des Knaben. Er dachte, wenn er noch lebte, so würde er jezt auch alt sein, wie der Oheim; aber er konnte sich nicht vorstellen, daß der Vater dem Oheime ähnlich sehen würde. Da er noch lange stand, keimte in ihm der Entschluß, wenn er überhaupt mit dem Oheime auf einen bessern Fuß zu stehen käme, als er jezt stand, daß er ihm die Bitte vortragen wolle, ihm das Bild zu schenken, denn dem Oheime könne ja so viel nicht daran gelegen sein, da er es in diesem ungeordneten Zimmer ganz allein auf der Wand hängen und den vielen Staub auf dem Rahmen liegen lasse.

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