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Der Hagestolz

Adalbert Stifter: Der Hagestolz - Kapitel 23
Quellenangabe
typenarrative
booktitleStudien
authorAdalbert Stifter
year1847
publisherVerlag von Gustav Heckenast
addressPesth
titleDer Hagestolz
senderwbergner@aol.com
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»Ich werde dir heute die Stundeneintheilung meines Hauses geben, die durch Christoph aufgeschrieben ist, daß du dich darnach richten kannst; denn ich habe mein Frühstük schon nehmen müssen, weil die Zeit da war,« sagte er zu dem hereingekommenen Victor ohne weiteren Morgengruß oder sonstiger Bewillkommung.

»Ich wünsche euch einen sehr guten Morgen, Oheim,« sagte Victor, »und bitte um Verzeihung, daß ich die Frühmalstunde versäumt habe, ich wußte sie nicht.«

»Freilich konntest du sie nicht wissen, Narr, und es verlangte niemand, daß du sie einhaltest. Gieße dem Hunde in jenen hölzernen Trog ein Wasser.«

Mit diesen Worten stieg er von dem Schemel herunter, ging zu einer Leiter, bestieg sie, und sezte den Vogel in das obere Fach eines Glasschreines. Für den hineingestellten nahm er einen andern heraus, und fing dasselbe Bürsten mit ihm an.

Victor konnte jezt bei Tage erst sehen, wie ungemein hager und verfallen der Mann sei. Die Züge drükten kein Wohlwollen und keinen Antheil aus, sondern waren in sich geschlossen, wie von einem, der sich wahrt, und der sich selber unzählige Jahre geliebt hat. Der Rok schlotterte an den Armen, und von dem Kragen desselben ging der röthliche, runzlige Hals empor. Die Schläfe waren eingesunken und das zwar noch nicht völlig ergraute aber aus vielen mißhelligen Farben gemischte Haar war struppig um dieselben herum, niemals, seit es wuchs, von einer liebenden Hand gestreichelt. Die Augen, die unter den herabgesunkenen Brauen hervor gingen, hafteten auf dem kleinen Umkreise des todten Vogels. Der Rokkragen war an seinem oberen Rande sehr schmuzig, und an dem Aermel sah ein gebauschtes Stük Hemd hervor, das ebenfalls schmuziger war, als es Victor je bei seiner Ziehmutter gesehen hatte. Und überall waren leblose oder verdorbene Dinge um den Mann herum. Es befanden sich in dem Zimmer eine Menge Gestelle, Fächer, Nägel, Hirschgeweihe und dergleichen, an welchen allen etwas hing und auf welchen allen etwas stand. Es wurde aber mit solcher Beharrung gehütet, daß überall der Staub darauf lag, und daß sich vieles schon Jahre lang nicht von dem Plaze gerührt hatte. In den Halsbändern der Hunde, wovon ein ganzer Bündel da hing, war innerlich der Staub; die Falten der Tabaksbeutel waren erstarrt und undenklich lange schon nicht geändert worden; die Röhre der Pfeifensammlung klaften, und die Papiere unter den unzähligen Schwersteinen waren gelb. Das Zimmer, welches statt der Deke ein bedeutend spizes Gewölbe hatte, war ursprünglich bemalt gewesen, aber die Farbe in ihren Lichtern und Schatten war in ein gleichmäßiges uraltes Dunkel übergegangen. Auf dem Fußboden lag ein ausgebleichter Teppich, und nur dort, wo der Mann während des Speisens zu sizen pflegte, war ein neuerer kleinerer mit blühenden Farben gelegt. Jezt wälzten sich eben die drei Hunde auf ihm. – Es war ein sehr starker Gegensaz, wie Victor in dem Zimmer dieses alten Mannes stand. Sein schönes Angesicht blühte in fast mädchenhafter Unschuld, es war voll Lebenslust und Kraft, die einfärbigen dunkeln Haare lagen gut geordnet um dasselbe, und in seinem Anzuge war er so rein, als wäre derselbe in diesem Augenblike von liebreichen Mutterhänden besorgt worden.

Er blieb, wie er in das Zimmer getreten war, stehen, und sah dem Oheime zu. Dieser aber fuhr in seinem Geschäfte fort, als wenn gar niemand zugegen wäre. Er mußte es schon sehr lange nicht verrichtet haben, und heute bei Anbruch des Tages daran gegangen sein; denn es war bereits eine ziemliche Zahl Vögel gepuzt, und die andern standen noch ganz grau vom Staube hinter ihren Gläsern. Die alte Frau, welche vorhin an Victor vorüber gegangen war ohne ihn anzureden, brachte jezt auf einem Brette ein Frühstük herein und sezte es ebenfalls schweigend auf den Tisch. Victor schloß, daß es für ihn sei, da es eben bei seinem Erscheinen gebracht worden war. Er sezte sich daher dazu, und verzehrte davon so viel, als er Morgens zu essen gewohnt war; denn es stand auf dem Brette weit mehr, als er bedurfte. Es war ein Frühmal, wie es in England gebräuchlich ist, von Thee und Kaffeh angefangen bis zu Eiern, Käse, Schinken und kaltem Rindsbraten. Der Spiz hatte es hiebei am besten; denn Victor gab ihm so viel, als er vielleicht niemals zu seinem Morgenmale bekommen hatte.

»Hast du schon Wasser in den Trog gegossen?« fragte der Oheim.

»Nein,« entgegnete Victor, »ich vergaß es in dem Augenblike,

aber ich thue es gleich.«

Wirklich hatte der Jüngling im Anschauen seines Oheims auf den Wunsch desselben vergessen. Er nahm daher den großen gläsernen Krug, der mit demselben herrlichen Quellwasser wie gestern auf dem Tische stand, und goß davon einen Theil in einen kleinen hölzernen wohlgebohnten Trog, der an der Wand neben der Thür stand. Nachdem der Spiz getrunken hatte, ging der Oheim von seinem Geschäfte weg und rief seine Hunde zu dem Wasser; da aber keiner Lust bezeigte, weil sie wahrscheinlich ohnehin schon getränkt waren, so drükte der Oheim an einem Stabe, der von der Wand des Troges empor stand, nieder, worauf sich im Boden des Gefäßes eine metallene Platte öffnete und die Flüssigkeit abrinnen ließ. Victor lächelte fast über diese Einrichtung; denn zu Hause bei ihm war das alles einfacher und freundlicher: der Spiz war in freier Luft, er trank am Bache und verzehrte sein Essen unter dem Apfelbaume.

»Ich zeige dir vielleicht einmal das Bildniß deines Vaters,« sagte der Oheim, »daß du siehst, wie ich dich gleich erkannte.«

Nach diesen Worten stieg der alte Mann wieder auf die Leiter, und nahm einen neuen Vogel heraus. Victor stand immer in dem Zimmer und wartete, daß der Oheim mit ihm über die Angelegenheit seiner Herreise zu sprechen beginnen werde. Aber dieser that es nicht, und puzte stets an seinen Vögeln fort. Nach einer Weile sagte er: »das Mittagmal ist genau um zwei Uhr. Stelle deine Uhr nach dieser dort, und komme darnach.«

Victor erstaunte und fragte: »Ihr werdet mich also vor dieser Zeit gar nicht mehr zu sprechen verlangen?«

»Nein,« antwortete der Oheim.

»So will ich hinaus gehen, um euch in eurer Zeitverwendung nicht zu stören, und will den See, die Berge und die Insel betrachten.«

»Thue, was dir immer gefällt,« sagte der Oheim.

Victor ging eilig hinaus, allein er fand die Thür der hölzernen Treppe verschlossen. Daher ging er wieder zu dem Oheime zurük, und bath, daß er möchte öffnen lassen.

»Ich werde dir selber aufmachen,« sagte dieser.

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