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Der Hagestolz

Adalbert Stifter: Der Hagestolz - Kapitel 21
Quellenangabe
typenarrative
booktitleStudien
authorAdalbert Stifter
year1847
publisherVerlag von Gustav Heckenast
addressPesth
titleDer Hagestolz
senderwbergner@aol.com
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»Es ist der Hund meiner Ziehmutter, Oheim,« sagte Victor, »ich habe ihn nirgends mit genommen, weder gekauft noch ertauscht; sondern am dritten Tage nach meiner Abreise ist er mir nach gekommen. Er muß stark gerannt sein, was er in seinem früheren Leben nicht gewohnt war; er muß auch große Angst ausgestanden haben, wozu er ebenfalls bei der Ziehmutter nie Ursache gehabt hatte – und deßhalb ist er in den darauf folgenden Tagen so mager geworden, wie er nie gewesen ist, obwohl ich ihm gegeben habe, was er nur immer verlangte. Erlaubt daher, daß ich ihn in eurem Hause bei mir behalte, damit ich ihn der Ziehmutter wieder übergeben kann, sonst müßte ich sogleich zurük reisen und ihn ihr überbringen.«

»Und da hast du ihn immer so Tag und Nacht bei dir gehabt?«

»Freilich.«

»Daß er dir einmal die Kehle abfrißt.«

»Das thut er ja nie. Wie fiele ihm denn das ein? Er ist bei meinen Füssen gelegen, wenn ich rastete oder schlief, er hat sein Haupt auf dieselben gelegt, und er würde eher erhungern, ehe er mich verließe oder mir ein Leid thäte.«

»So gib ihm zu essen, und denke auf das Wasser, daß er nicht wüthend wird.«

Das alte Weib hatte, als das Abendmal aus war, nach und nach die Schüsseln, Teller und andere Reste desselben fort getragen; jezt kam auch Christoph, den Victor, seit er mit ihm hieher gekommen war, nicht mehr gesehen hatte.

Der Oheim sagte zu dem hereintretenden Diener: »Sperre ihnen die Stallthür gut zu, daß keiner heraus komme, lasse sie aber vorher auf dem Sande unten ein wenig herum gehen.«

Auf diese Worte erhoben sich die drei Hunde, wie auf ein bekanntes Zeichen. Zwei folgten Christoph von selber, den dritten nahm er bei dem Balge und schleppte ihn hinaus.

»Ich werde dir deine Schlafkammer selber zeigen,« sagte der Oheim zu Victor.

Er ging bei diesen Worten in die Tiefe des Zimmers, wo es bedeutend dunkel war, weil nur ein Licht auf dem Tische brannte. Dort nahm er von einem Gestelle, oder sonst von etwas, das man nicht erkennen konnte, einen Handleuchter, kam wieder hervor, zündete die Kerze des Handleuchters an, und sagte: »Jezt folge mir.«

Victor nahm sein Ränzlein mit dem einen Riemen in den Arm, faßte seinen Stab, zog den Spiz an der Schnur, und ging hinter dem Oheime her. Dieser führte ihn bei der Thür hinaus in einen Gang, in welchem der Reihe nach uralte Kästen standen, dann rechtwinklig in einen andern, und endlich eben so in einen dritten, der durch ein eisernes Gitter verschlossen war. Der Oheim öffnete das Gitter, führte Victor noch einige Schritte vorwärts, öffnete dann eine Thür und sagte: »Hier sind deine zwei Zimmer.«

Victor trat in zwei Gemächer, wovon das erste größer, das zweite kleiner war.

»Du kannst den Hund in die Nebenkammer einsperren, daß er dir nichts thut,« sagte der Oheim, »und die Fenster verschließe wegen der Nachtluft.«

Mit diesen Worten zündete er die auf dem Tische des ersten Zimmers stehende Kerze an, und ging ohne Weiters fort. Victor hörte, daß er das Gitter des Ganges zusperre, dann verklang der schleifende Tritt der Pantoffeln, und es war die Ruhe der Todten im Hause. Um sich zu überzeugen, daß er hinsichtlich des Gitters recht gehört habe, ging Victor auf den Gang hinaus, um nach zu sehen. Es war in der That so: das eiserne Gitter war mit seinen Schlössern verschlossen.

»Du armer Mann,« dachte Victor, »fürchtest du dich etwa vor mir?«

Dann stellte er die Kerze, die er auf den Gang mit hinaus genommen hatte, wieder auf den Tisch neben das zinnene, verbogene Waschbeken, und schritt gegen das große vergitterte Fenster vor. Es waren zwei hart nebeneinander in steinene Simse gefügte Fenster. Victor sah, da das Glas geöffnet stand, durch das eiserne Gitter in die Nacht hinaus, und der Druk, der gleichsam auf seiner Seele lag, begann sich zu lösen. Es war ein blasser mit wenigen Sternen besezter Nachthimmel, der zu ihm herein blikte. Es mochte ein kleiner Ranft des wachsenden Mondes hinter dem Hause stehen; denn Victor sah das schwache Licht desselben auf den Blättern eines Baumes glänzen, der vor dem Hause war – aber die Berge, die gegenüber standen, zeigten sich völlig lichtlos. Die im Laufe dieses lezten Tages vielfach genannte Grisel erkannte er gleich. Sie stand wie ein flacher, schwarzer Schattenriß auf dem Silber des Himmels, bog sich niedergehend ein wenig aus, und an dem Buge stand ein Stern, wie ein niederhängendes irdisches Ordenssternlein.

Victor schaute lange hinaus.

»Nach welcher Gegend hin,« dachte er, »wird das Thal meiner Mutter sein, und wird das liebe schimmernde Häuschen zwischen den dunkeln Büschen stehen?«

Er hatte nehmlich durch die vielfachen Windungen des Weges an der Afel herein, und durch die Kreuzgänge des Hauses die Richtung der Weltgegenden verloren.

»Jezt werden dort auch die Sterne nieder scheinen, der Hollunder wird stille sein, und die Wasser werden rieseln. Mutter und Hanna werden schlummern, oder sie sizen noch an dem Tische, wo sie das Abendmal verzehrt haben, mit ihrer Arbeit, und denken an mich, oder reden wohl gar von mir.«

Vor seinen jezigen Fenstern war wohl auch ein Wasser, ein viel größeres, als der Bach in seinem Mutterthale, aber er konnte es nicht sehen; denn ein ruhiger weißer Nebel lag darauf, der oben durch eine wagrechte gleichsam feste Linie abgeschnitten war.

»Von der Stube, in welcher ich schlief, schaut jezt niemand nieder, um die Funken in dem regsamen Bache zu sehen, um die Bäume zu sehen, die herum stehen, oder auch die Berge, auf welche sich die Felder empor ziehen.«

Es kam, während er so hinaus schaute, nach und nach eine kalte, sehr feuchte Nachtluft durch die Fenster herein. Victor schloß sie also zu, und besah, ehe er sich nieder legte, auch das zweite Gemach. Es war, wie das erste, nur daß es kein Bett hatte. Ein rußiges Bild sah von einer Nische nieder, darauf ein Mönch abgemalt war. Victor schloß auch hier das schmale Fenster und ging zu seiner Lagerstätte hinaus. Den Spiz hatte er unwillkührlich immer an der Schnur mit sich geführt; nun aber lösete er den Knoten an dem Ringe, nahm ihm das Halsband ab und sagte: »Lege dich hin, wo du willst, Spiz, wir werden uns wechselweise nicht absperren.«

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