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Der Hagestolz

Adalbert Stifter: Der Hagestolz - Kapitel 20
Quellenangabe
typenarrative
booktitleStudien
authorAdalbert Stifter
year1847
publisherVerlag von Gustav Heckenast
addressPesth
titleDer Hagestolz
senderwbergner@aol.com
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»Ich wollte zu ihm gehen,« erwiederte Victor, »ich wollte mit ihm sprechen, und ihn ehrerbiethig grüßen, die Mutter hat mir auch gesagt, daß es gut sei, und der Vormund hat es auch befohlen – aber ehe ich dem Thiere, das mich mit Lebensgefahr aufgesucht und begleitet hat, etwas zu Leide thun lasse, will ich selber eher Verwundung und Tod ertragen.«

»Es wird dem Thiere nichts geschehen,« sagte Christoph, »der Herr hat euch nur einen guten Rath gegeben; wenn ihr ihn nicht befolgt, so kümmert es ihn nicht. Er denkt gewiß nicht mehr darauf; denn sonst hätte er mich ja nicht geschikt, euch zum Essen zu holen.«

»Wenn ihr mir verbürgen könnt, daß dem Hunde nichts geschieht, so will ich mit euch gehen,« sagte Victor.

»Das kann ich euch verbürgen,« antwortete der Diener, »der Herr vergaß der Geringfügigkeit eines Hundes, und wird ihm nichts anhaben.«

»So komme, lieber Spiz,« sagte Victor, indem er aufstand.

Er suchte gleichsam mit zitternden Händen eine Schnur aus seinem Ränzlein hervor, dergleichen er immer zu verschiedenen Dingen im Vorrathe mit zu führen pflegte, und befestigte dieselbe an dem Ringe des Halsbandes, das der Spiz trug. Hierauf nahm er das Ränzlein auf die Schulter, hob seinen Reisestab vom Boden auf, und folgte dem alten Christoph, der ihn den nehmlichen Weg führte, den er in der Abenddämmerung gegangen, und dann wieder zurük gelaufen war. Er wäre in der Nacht schwer zu finden gewesen, wenn nicht der alte Christoph voran gegangen wäre. Sie gingen durch das Gestrippe, durch die Ahorne, durch den Zwerggarten, durch den breiten Graben, und kamen zu dem eisernen Gitter. Christoph zog hier ein kleines Ding aus seiner Tasche, das Victor für einen Schlüssel hielt; aber es war ein Pfeifchen und der Diener that damit einen gellenden Pfiff. Sogleich öffnete sich das Thor von unsichtbaren Händen – Victor begriff es gar nicht – und schlug sich hinter ihnen wieder krachend zu. Victor blikte von dem Sandplaze, auf dem sie nun waren, sogleich auf das Haus. An der ganzen Vorderseite desselben waren nur drei Fenster erleuchtet, zwei im oberen, und eines im Erdgeschoße, alles andere war in Finsterniß. Christoph führte den Jüngling über die Holztreppe,

welche gut gedekt war, von dem Sandplaze in das erste Geschoß hinauf. Sie kamen in einen Gang und von demselben in das Zimmer, dem die zwei erleuchteten Fenster angehörten. In dem Zimmer ließ Christoph den Jüngling, ohne weiter ein Wort zu sagen, stehen, und ging wieder rükwärts hinaus. An dem Tische dieses Zimmers saß der Oheim Victors ganz allein und aß. Er hatte Abends, da ihn Victor zum ersten Male sah, einen weiten grautuchenen Rok angehabt, jezt hatte er diesen abgelegt und stak in einem weiten großblumigen Schlafroke, und hatte ein rothes, goldgerändertes Käppchen auf.

»Ich bin nun schon an den Krebsen,« sprach er zu dem eintretenden Jünglinge, »du bist zu lange nicht gekommen, ich habe meine festgesetzte Stunde, wie es die Gesundheit fordert, und gehe von derselben nicht ab. Man wird dir gleich etwas auftragen. Seze dich auf den Stuhl, der mir gegenüber steht.«

»Die Mutter und der Vormund lassen euch viele Grüsse sagen,« hob Victor an, indem er mit dem Ränzlein auf dem Rüken stehen blieb, und zuerst die Aufträge seiner Angehörigen, dann seine eigene Ehrerbiethung und Begrüßung darbringen wollte.

Der Oheim aber that mit beiden Händen, in deren jeder er ein Stük eines zerbrochenen Krebsen hielt, einen Zug durch die Luft und sagte: »Ich kenne dich ja schon an dem Angesichte – so fange an hier zu sein, wohin ich dich beschieden habe, und wo ich dich als den Beschiedenen erkenne. Wir sind jezt bei dem Essen, daher seze dich nieder und iß. Was sonst alles zu thun ist, wird schon geschehen.«

Victor legte also sein Ränzlein auf einen Stuhl, den Wanderstab lehnte er in einen Winkel, und dann ging er gegen den angewiesenen Stuhl, den Spiz an der Schnur hinter sich her zerrend. Der alte Mann, dem er gegenüber saß, hielt sein mageres Angesicht gegen den Teller nieder, und das Angesicht röthete sich während dem Essen. Er riß mit den Händen die Krebse sehr geschikt auseinander, lösete das Fleisch aus, und saugte den Saft aus dem Korbe des Oberleibes und dem Geflechte der Füsse. Dem Jünglinge war das wohlwollende Herz, das er hieher hatte bringen wollen, erstikt, und er saß stumm dem Verwandten gegenüber, der ebenfalls stumm in dem Geschäfte seines Essens fort fuhr. Es standen mehrere verschieden gestaltete und verschiedenfärbige lange Flaschen auf dem Tische, in denen verschiedene Weine sein mußten, und aus denen der Oheim wahrscheinlich schon getrunken hatte; denn bei jeder Flasche stand ein eigenthümliches Glas mit einem Restchen Wein am Boden. Nur eine Flasche stand noch neben dem Teller, und aus derselben schenkte der alte Mann von Zeit zu Zeit ein Schlükchen in ein kleines grünbauchiges Stengelglas. Für Victor war indessen eine Suppe gebracht worden, von welcher er mit seiner rechten Hand aß, während er mit der Linken das Haupt des unten sizenden Spizes an sein Knie drükte. In der Zeit, in welcher er seine Suppe aß, waren von einem alten Weibe nach und nach so viele Speisen für ihn herbei getragen worden, daß er in Verwunderung gerieth. Er aß davon, bis er satt war, dann ließ er das Uebrige stehen. Der Oheim hatte ihm von den Weinen nichts angetragen, Victor verabscheute auch noch den Wein, sondern schenkte sich von dem Wasser, das in einer kristallschönen Flasche von derselben alten Frau, die aufwartete, alle Augenblike erneuert wurde, ein, und erkannte, daß er nie ein so vortreffliches, frisches, pralles und starkes Wasser getrunken habe. Während er sich sättigte, aß der Oheim noch ein Stükchen Käse, dann allerlei Früchte und Zukerwerk. Hierauf trug der alte Mann die verschiedenen Teller, auf denen Glasgloken über den Dingen des Nachtisches standen, eigenhändig in Schreine, die in die Mauern gefügt waren, und sperrte sie ein. Dann that er die Restchen Wein jedes in seine Flasche und schloß die Flaschen in ähnliche Schreine ein.

Auf der Stelle des Zimmers, auf welcher der Oheim während dem Essen gesessen war, war ein dichter Teppich gebreitet, und auf dem Teppiche lagen drei alte fette Hunde, denen der Greis von Zeit zu Zeit bald eine Krebsschere, bald eine Mandel, bald ein Stükchen Zukerwerk hinab gereicht hatte. Schon als Victor mit dem Spiz eingetreten war, hatten alle drei geknurrt, und während dem Essen, wenn er dem armen Spiz ein Stükchen hinab reichte, grinsten sie wieder und ließen ein schwaches Murren hören.

So lange der Oheim bei seinem Nachtmale beschäftigt gewesen war, hatte er zu Victor nicht gesprochen, gleichsam, als wäre zu keinem andern Dinge Zeit; jezt aber sagte er: »Hast du das Gerippe doch wieder mit geschleppt. Wer ein Thier hat, muß es auch ernähren können. Ich habe dir den Rath gegeben, daß du es in den See würfest, aber du hast ihn nicht befolgt. Die Hunde der Studenten habe ich nie leiden können; sie sind, wie traurige Gespenster. Und gerade dieses Volk will immer Hunde haben. Wo hast du ihn denn mit genommen, und brachtest ihn zu mir, ohne ihm unter Weges etwas zu fressen zu geben?«

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