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Der Hagestolz

Adalbert Stifter: Der Hagestolz - Kapitel 19
Quellenangabe
typenarrative
booktitleStudien
authorAdalbert Stifter
year1847
publisherVerlag von Gustav Heckenast
addressPesth
titleDer Hagestolz
senderwbergner@aol.com
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»Des Herrn der Klause, meines Oheims?«

»Des nehmlichen. Er hat die Anzeige eurer Herreise erhalten.«

»Nun so sagt ihm,« sprach Victor, »daß ich hier die ganze Nacht sizen will, und daß ich mir eher einen Stein um den Hals hängen und mich in den See werfen lasse, als daß ich den Hund ertränke, der mit mir ist.«

»Ich werde es ihm sagen.«

Mit diesen Worten kehrte sich der Mann um, und wollte fortgehen.

Victor rief ihm noch ein Mal nach: »Christoph, Christoph.«

»Was wollt ihr, junger Herr?«

»Ist kein anderes Haus, oder eine Hütte, oder sonst ein Ding auf der Insel, in welchem man übernachten könnte?«

»Nein, es ist nichts da,« antwortete der Diener, »das alte Kloster ist zugesperrt, die Kirche auch, die Speicher sind mit altem Geräthe vollgepfropft, ebenfalls verschlossen, und sonst ist nichts da.«

»Es ist auch gut,« sprach Victor, »das Haus meines Oheims besuche ich durchaus nicht – von diesem Hause verlange ich keinen Schuz. – – Mir däucht, der alte Schiffmann, der mich herüber geführt hat, hat euren Namen genannt, und hat gesagt, daß ihr manchmal in die Hul hinaus kämet.«

»Ich hole unsere Lebensmittel und andere Dinge herüber.«

»So hört mich an, ich will euch euren Fährlohn reichlich zahlen, wenn ihr mich heute noch in die Hul hinüber schifft.«

»Und wenn ihr noch mehr zahltet, als ich verlangen wollte, so wäre es dreimal unmöglich. Erstens stehen alle Kähne in dem Bohlenverschluße, das Thor ist gesperrt, und jeder Kahn liegt noch mit einem Schlosse an seinem Balken angeschlossen, wovon ich keinen Schlüssel habe. Zweitens, wenn auch ein Kahn wäre, so wäre kein Fährmann. Ich werde es euch erklären. Seht ihr dort gegen den Orla zu die weißen Fleke, die auf dem See sind. Das sind Nebelfleken, die gleichsam auf den Steinen des Orlaufers sizen. Wir heißen sie die Gänse. Und wenn die Gänse einmal in einer Reihe da sizen, dann kömmt Nebel. Wenn die Abendwehe, das ist der Wind, der nach jedem Sonnenuntergange aus den Schluchten auf den See heraus geht, aufhört, dann ist in einer halben Stunde der See mit Nebel angefüllt, und da kann man nicht wissen, wohin ein Kahn zu leiten ist. Unter dem Wasser laufen die Gebirgsgrate hin, die oft nur ein wenig bedekt sind. Wenn man zu einem solchen Grate geriethe, und ein Lek in das Schiff stieße, da müßte man aussteigen und in dem Wasser stehen bleiben, bis man am Tage von jemanden gesehen

würde. Aber man würde von niemanden gesehen, weil die Fischer niemals zu den Gebirgsgraten hinzufahren. Begreifet ihr das, junger Herr?«

»Ja, ich begreife es,« antwortete Victor.

»Und zum Dritten kann ich euch nicht überführen, weil ich sonst ein ungetreuer Diener wäre. Der Herr hat mir keinen Auftrag gegeben, euch in die Hul zu führen, und wenn er dies nicht thut, so führe ich euch nicht über.«

»Gut,« antwortete Victor, »so bleibe ich hier so lange sizen, bis morgen ein Fahrzeug so nahe kömmt, daß ich es herzu zu winken vermag.«

»Es kömmt aber kein Fahrzeug so nahe,« erwiederte der Diener; »es ist über unseren See kein Warenzug, weil der einzige Weg, der vom andern Ufer weiter führt, nur ein Fußweg über die Grisel ist, und die Wanderer zu diesem Fußwege an dem unserer Insel entgegengesezten Seeufer hinfahren. Dann ist die Brandung an den Gestaden der Insel so groß, daß sich wenige Fische da aufhalten, und selten Fischerbote so nahe kommen. Es könnten acht oder mehr Tage vergehen, ehe ihr eines seht.«

»So muß mich morgen mein Oheim in die Hul zurük führen lassen, weil ich auf sein Verlangen hieher gekommen bin, und weil ich nicht mehr länger da bleiben will,« sagte Victor.

»Es kann sein, daß er es thut,« antwortete der Diener, »ich weiß das nicht; aber jezt wartet er mit dem Abendessen auf euch.«

»Wie kann er warten,« sagte Victor, »da er gemeint hat, ich solle meinen Spiz ertränken, da er gesagt hat, daß er nicht öffnen wolle, wenn ich es nicht thue, und da er mich hierauf fort gehen sah, und mich nicht zurük gerufen hat.«

»Das weiß ich alles nicht,« erwiederte Christoph, »aber eure Ankunft ist in der Klause bekannt, und es war auf dem Tische für euch gedekt. Der Herr hat mir aufgetragen, euch zu rufen, weil ihr die Eßstunde nicht wißt, sonst hat er nichts gesagt. Weil ich es aber gesehen habe, wie ihr von dem Eisengitter fortgelaufen seid, so dachte ich gleich, als er mir den Auftrag gab, euch zum Essen zu rufen, ich müsse an diesen Ort gehen, ich würde euch hier finden. Anfangs, da ich euch nicht sah, meinte ich gar, ihr seid gleich wieder über das Wasser davongefahren, aber es war ja nicht möglich, der Mann, der euch gebracht hat, muß ja schon um die Orlaspize zurük gewesen sein, als ihr hieher wieder zurük kamet.«

Als Victor hierauf nichts erwiederte, stand der Mann noch ein Weilchen, dann sagte er wieder: »Der Herr wird gewiß bereits zu essen begonnen haben; denn er hat seine festgesezten Stunden und geht davon nicht ab.«

»Das ist mir eine gleichgültige Sache,« antwortete Victor, »er mag essen und sich sättigen, von seinem Male verlange ich nichts; denn ich und mein Spiz haben unsere Brode, die ich mir aufgehoben habe, schon verzehrt.«

»Nun so muß ich also gehen, und ihm das melden,« sprach der Diener weiter, – »aber das müßt ihr bedenken, daß ihr, wie ihr vorher selber sagtet, gekommen seid, weil es der Oheim begehrt hat, daß er also mit euch zu sprechen wünscht, und daß ihr das selber unmöglich macht, wenn ihr in dem Gebiethe seines Hauses unter freiem Himmel sizen bleibt.«

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