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Der Hagestolz

Adalbert Stifter: Der Hagestolz - Kapitel 18
Quellenangabe
typenarrative
booktitleStudien
authorAdalbert Stifter
year1847
publisherVerlag von Gustav Heckenast
addressPesth
titleDer Hagestolz
senderwbergner@aol.com
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Mit diesen Worten zog der Jüngling das reinlich erhaltene Schreiben, wie es ihm seine Ziehmutter anbefohlen hatte, hervor, und reichte es zwischen den Eisenstäben hinein.

Der alte Mann nahm das Schreiben und stekte es ungelesen ein.

»Dein Vormund ist ein Narr, und ein beschränkter Mensch,« sagte er, »ich sehe, daß du deinem Vater ganz und gar gleich siehst, da er anhob, die Streiche zu machen. Ich habe dich schon über den See fahren gesehen.«

Victor, der in seinem Leben keine rüksichtslosen Worte gehört hatte, war stumm, und wartete nur, daß der andere das Gitter öffnen werde.

Dieser aber sagte: »Nimm eine Schnur mit einem Steine, und ertränke diesen Hund in dem See, dann komme wieder hieher, ich werde derweilen öffnen.«

»Wen soll ich ertränken?« fragte Victor.

»Nun den Hund, den du da mitgezogen.«

»Und wenn ich es nicht thue?«

»So öffne ich dir diese Pforte nicht.«

»So komme, Spiz,« sagte Victor.

Er kehrte sich bei diesen Worten um, lief über die Treppe in den Graben, stieg jenseits empor, lief durch den Zwerggarten, durch die Ahornanlage, durch das folgende Gestrippe, und langte an der Seebucht an, mit allen Kräften, deren sein Körper fähig war, hinaus rufend: »Schiffer! – alter Schiffer!«

Aber es war unmöglich, daß ihn dieser hören konnte. Den Knall eines Scheibengewehres hätte man in dieser Entfernung nicht mehr vernommen. Wie eine schwarze Fliege stand das Schiffchen neben der dunkeln Fußspize des Orlaberges, die weit in den Abendglanz des Seees hinaus stach. Victor nahm sein Saktuch hervor, knüpfte es an seinen Stab, und that allerlei Schwenkungen in die Luft, damit er gesehen würde. Allein man sah ihn nicht, und zulezt, wie er noch immer schwenkte, war auch die schwarze Fliege um die Bergspize verschwunden. Der See war ganz leer und nur die leise schäumende Brandung sah Victor im Abendwinde, der sich indessen gehoben hatte, längs den Felsen der Insel spielen.

»Es thut nichts – es thut auch nichts,« sagte er, »komme, Spiz, wir werden uns da am Ufer ins Gebüsche sezen, und die Nacht über sizen bleiben. Morgen zeigt sich wohl ein Kahn, den wir herzu winken werden.«

Was er sagte, that er auch. Er suchte eine Stelle, wo das Gras des Rasens kurz und troken war, und wo die Büsche dicht überhingen, ohne ihm die Aussicht auf den See zu benehmen.

»Siehst du,« sagte er, »wie es gut ist, wenn man täglich früh Morgens etwas zu sich stekt. Du erprobest es auf dieser Reise schon zum zweiten Male.«

Bei diesen Worten zog er die zwei Brode heraus, die er heute früh in dem Afelwirthshause mitgenommen hatte, und begann theils selber davon zu essen, theils den Hund damit zu füttern. Da dieses Geschäft vollendet war, saß der Wanderer, der das Ziel seiner Reise erreicht zu haben glaubte, heute zum ersten Male in der einfachen Herberge des freien Himmels, und schaute die Gegenstände um sich herum an. Die Berge, die schönen Berge, die ihm, da er gegen sie heran kam, gar so sehr gefallen hatten, wurden immer schwärzer, und legten drohende dunkle und zersplitterte Fleke auf den See, auf welchem noch das Blaßgold des Abendhimmels lag, das selbst in den dunklen Bergspieglungen zuweilen aufzukte. Und immer sonderbarer, in die Schatten der Nacht sich hüllend, wurden die Gegenstände um ihn herum. Die Schlaken und das schwache Gold des Seees rührten sich und floßen öfters durcheinander, zum Zeichen, daß ein sanfter Luftzug dort herrschen müsse. Victors Auge, freilich nur an die schönen heiteren Eindrüke des Tages gewöhnt, konnte sich doch auch nicht wegwenden von diesem allmäligen Verfärben der Dinge und von dem Einhüllen zur Ruhe der Nacht. Die große Ermüdung seiner Glieder ließ ihm das Sizen auf dem weichen Grase und geschüzt von den dekenden Gesträuchen recht angenehm erscheinen. Er saß mit dem Spize an seiner Seite so lange, bis endlich das Dunkel mit immer größerer Schnelligkeit sich über See, Gebirge und Himmel webte. Dann beschloß er, sich nieder zu legen. Er machte alle Knöpfe seines Rokes zu, wie es ihn die Ziehmutter gelehrt hatte, daß er sich nicht verkühle – er band das Halstuch, das er unter Tags abgethan hatte, wieder um – er that sein Regenmäntelchen aus Wachstaffet heraus, und nahm es über – dann richtete er sich das Ränzchen als Kissen, und legte das Haupt darauf, da die Finsterniß schon wie eine Mauer um ihn stand. Das Begehren nach Schlummer zog sich, da er lag, bald durch alle seine ermüdeten Glieder. Die Gesträuche flüsterten, da sich das Lüftchen von dem See bis hieher gezogen hatte, und die Brandung murmelte deutlich von Wand zu Wand.

In diese Eindrüke, deren Wirkungen immer schwächer wurden, versanken seine Sinne, und das Bewußtsein wollte eben verschwinden, als er durch ein leises Knurren seines Hundes gewekt wurde. Er schlug die Augen auf – da stand einige Schritte vor ihm dicht am Landungsplaze eine menschliche Gestalt sich dunkel gegen das schillernde Wasser des Seees werfend. Victor strengte seine Augen an, mehr von der Gestalt zu erkennen, aber die Umrisse zeigten nur, daß sie ein Mann sei, und es ließ sich nicht ermitteln, ob jung oder alt. Die Gestalt stand ganz ruhig, und schien unverwandt auf das Wasser hinaus zu schauen. Victor richtete sich zu sizender Stellung empor, und blieb ebenfalls ruhig. Auf ein neues stärkeres Knurren des Hundes drehte sich die Gestalt plözlich um und rief: »Seid ihr da, junger Herr?«

»Ein junger Wandersmann mit seinem Hunde ist da,« sagte Victor, »was wollt ihr?«

»Daß ihr zum Abendessen kommt, denn die Stunde ist fast schon vorüber.«

»Zum Abendessen? – zu wessen Abendessen? – und wer ist es, den ihr suchet?«

»Ich suche unsern Neffen; denn der Oheim wartet schon eine Viertelstunde.«

»Seid ihr sein Gesellschafter, oder sein Freund?«

»Ich bin sein Diener, Namens Christoph.«

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