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Der Hagestolz

Adalbert Stifter: Der Hagestolz - Kapitel 17
Quellenangabe
typenarrative
booktitleStudien
authorAdalbert Stifter
year1847
publisherVerlag von Gustav Heckenast
addressPesth
titleDer Hagestolz
senderwbergner@aol.com
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Navigation:

Während dieser Rede war man nach und nach eine geraume Streke an dem Ufer der Insel hin gefahren, und hatte sich dem Orte genähert, wo die Felsen niederer sind, und eine sanfte sandige Bucht bilden, die in abdachendes Waldland hinauf steigt. So wie die Ruderer diese Stelle gewannen, lenkten sie sogleich die Spize des Kahnes hinein, und ließen dieselbe gegen den Sand laufen. Der Alte stieg aus, zog das Schiffchen an der Kette des Schnabels noch weiter gegen das Land, damit Victor trokenen Fußes aussteigen konnte. Dieser schritt über den Schiffschnabel hinaus, und der Spiz sprang ihm nach.

»Wenn ihr nun diesen Pfad, der sich da gleich zeigen wird, fort geht,« sagte der Greis, »so werdet ihr in die Klause kommen. Es ist zwar auch ein sehr starkes Bohlenhaus auf der Griselseite, das die Mönche einmal in den absteigenden Felsen zur Aufnahme ihrer Schiffe gebaut haben, aber man kann dort nicht einfahren, weil die Bohlen immer geschlossen sind. Gott behüte euch nun, junger Herr – und wenn ihr euch nicht zu lange aufhaltet, und wenn der Eigenthümer der Klause euch zur Ueberfahrt keinen Kahn gibt, so laßt mir nur durch den alten Christoph Nachricht zukommen, und ich werde euch an diesem Plaze wieder abholen. In der Klause haben sie nicht allemal Zeit, ein Schiff abzusenden.«

Victor hatte indessen das bedungene Ueberfahrtsgeld aus seiner kleinen Börse hervor gesucht, und es dem Manne gereicht. Hierauf sagte er zu ihm: »Lebt wohl, alter Freund, und wenn ihr es erlaubt, so werde ich bei der Rükfahrt ein wenig in eurem Hause einsprechen, und ihr werdet mir vielleicht noch etwas von euren alten Geschichten erzählen.«

Zu dem Mädchen, das unbeweglich in dem Hintertheile stehen geblieben war, getraute er sich nicht etwas zu sagen.

Der Greis aber antwortete: »Ei, wie werden denn meine Geschichten einem so jungen und gelehrten Herrn gefallen können?«

»Vielleicht mehr, als ihr euch denkt, und mehr, als die, die aus den Büchern heraus zu lesen sind,« sagte Victor.

Der alte Mann lächelte, weil ihm die Antwort gefiel, aber er sagte nichts darauf, sondern bükte sich nieder, rollte die kurze Kette in den Schiffschnabel zurük und machte Anstalt zum Abfahren.

»Nun in Gottes Namen, junger Herr,« sagte er noch, gab dem Schiffe mit dem Fuße einen Stoß, sprang schnell in dasselbe ein, und das getroffene Fahrzeug schwankte in das Wasser zurük. Nach wenigen Augenbliken sah Victor schon die beiden Ruder taktmäßig steigen und fallen, und das Schiff schob sich in den Wasserspiegel hinaus.

Er stieg mit einigen Schritten das Ufer vollends hinan, bis er von dem oberen Rande weit über den See schauen konnte. Er blikte den Abfahrenden nach, und sagte zu seinem Begleiter, gleichsam als wäre er vernünftig und könnte die Worte verstehen: »Gott sei gedankt, da wären wir an dem Ziele unserer Wanderung. Der Herr hat uns gut und wohlbehalten geführt, das andere mag sich fügen, wie es will.«

Er that noch einen Blik in die weite, schöne, von dem Abende andunkelnde Fläche des Seees hinaus, dann wendete er sich um und ging dem Pfade nach, der vor ihm lag, in die Büsche hinein.

Der Weg ging Anfangs noch immer bergan zwischen Gebüsch und Laubbäumen hindurch – dann aber führte er eben hin. Das Gestrippe hatte aufgehört, und nur mehr ungemein starke Ahorne standen auf einer dunkeln Wiese fast nach einer gewissen Ordnung und Regel umher. Es war unverkennbar, daß hier einmal eine gute Fahrstraße gegangen war, aber sie war verkümmert, und überall von wucherndem Krüppelgesträuche eingeengt. Victor ging durch den seltsamen Ahorngarten hindurch. Hierauf gelangte er durch neuerdings beginnendes Buschwerk an einen sonderbaren Ort. Er war wie eine Wiese, auf der kleine und zum Theile verkommene Obstbäume standen. Aber mitten unter diesen Bäumen war in dem Grase eine runde steinerne Brunneneinfassung, und allenthalben zwischen den Baumstämmen standen graue steinerne Zwerge, welche Dudelsäke, Leiern, Klarinetten und überhaupt musikalische Geräthschaften in den Händen hielten. Manche davon waren verstümmelt, und es ging auch kein Weg oder gebahnter Plaz von einem zum andern, sondern sie standen lediglich in dem hohen emporstrebenden Grase. Victor schaute diese seltsame Welt eine Weile an, dann strebte er weiter. Sein Weg ging von diesem Garten über eine alte Steintreppe in einen Graben hinab, und jenseits wieder hinauf. Wie überall Gebüsche war, so war es auch hier, aber hinter dem Gebüsche sah Victor eine hohe fensterlose Mauer, in welcher ein Eisengitter stand, an dem der Weg endete.

Victor schloß nicht mit Unrecht, daß hier der Eingang in die Klause sein müsse, und er näherte sich deßhalb dem Gitter. Als er angekommen war, fand er es verschlossen, und es war keine Gloke und kein Klöppel daran. Daß hier der Eingang in das Haus sei, zeigte sich nun deutlich. Hinter dem Eisengitter war ein geebneter, sandiger Plaz, auf welchem Blumen standen. An dem Plaze war ein Haus, von dem aber nur der Vordertheil sichtbar war, während der Hintertheil sich hinter Gebüsche verlief. Unmittelbar von dem Sandplaze ging eine hölzerne Treppe in das erste Geschoß des Hauses hinauf. Jenseits des Plazes, der abermals mit Gebüschen gesäumt war, mußte wieder der See beginnen; denn es war hinter dem Grün der feine sanfte Dunst, der gerne über Bergwässern ist, und es stiegen die röthlich schimmernden Wände der Grisel hinan.

Während Victor so durch die Eisenstäbe hinein schaute, und an ihnen allerlei Versuche machte, ob er nicht eine Vorrichtung fände, durch die das Gitter aufgehe, trat ein alter Mann aus dem Gebüsche, und sah nach Victor hin.

»Habt die Freundschaft,« sagte dieser, »öffnet mir das Thor und führt mich zu dem Herrn des Hauses, wenn nehmlich dieses Gebäude die Klause heißt.«

Der Mann sagte auf die Worte nichts, sondern ging näher, schaute Victor eine Weile an, und fragte dann: »Bist du zu Fusse gekommen?«

»Bis zu der Hul bin ich zu Fusse gegangen,« antwortete Victor.

»Ist es aber auch wahr?«

Victor wurde glühend roth im Angesichte; denn er hatte nie gelogen.

»Wenn es nicht so wäre,« antwortete er, »so würde ich es nicht sagen. Wenn ihr mein Oheim seid, wie es fast scheint, so habe ich hier einen Brief von meinem Vormunde, der euch darthun wird, wer ich bin, und daß ich nur auf euer ausdrükliches Verlangen die Fußreise hieher angetreten habe.«

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