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Der Hagestolz

Adalbert Stifter: Der Hagestolz - Kapitel 16
Quellenangabe
typenarrative
booktitleStudien
authorAdalbert Stifter
year1847
publisherVerlag von Gustav Heckenast
addressPesth
titleDer Hagestolz
senderwbergner@aol.com
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Als Victor zu den Häusern gekommen war, sah er, daß jedes mit einem Schoppen in den See hinaus ging, unter welchem angebundene Kähne lagen. Eine Kirche sah er nicht, aber auf einer der Hütten war ein Thürmchen aus vier roth angestrichenen Pfählen, zwischen denen eine Gloke hing.

»Ist hier nicht ein Ort, der Klause heißt?« fragte er einen Greis, den er gleich an der ersten Hütte unter der Thür sizen fand.

»Ja,« erwiederte der Greis, »auf der Insel ist die Klause.«

»Könnt ihr mir nicht sagen, wer mich dahin überführen möchte?«

»Jeder Mensch in der Hul könnte euch hinüber führen.«

»Also könntet ihr es auch thun?«

»Ja – aber ihr werdet nicht aufgenommen.«

»Ich bin in die Klause bestellt, und werde erwartet.«

»Wenn ihr Geschäfte dort habt, und bestellt seid, da ist es anders. Fahrt ihr gleich wieder zurük?«

»Nein.«

»So wartet hier ein wenig.«

Nach diesen Worten ging der Alte in die Hütte hinein, von der er aber bald wieder in Begleitung eines jungen, starken, rothwangigen Mädchens zurük kam, das sich daran machte, mit ihren entblößten Armen einen Kahn weiter in das Wasser hinaus zu schieben, während der Alte seinen Rok anzog und zwei Ruder herbei trug. Man hatte für Victor einen hölzernen Lehnsiz auf dem Kahne befestigt, auf den er sich niederließ, sein Ränzlein neben sich legend und den Kopf des Spizes haltend, der sich gegen seinen Schoß schmiegte. Der Alte hatte verkehrt sizend am Schiffsschnabel Plaz genommen, und das Mädchen stand im Hintertheile, das Ruder in der Hand haltend. Gleichzeitig von beiden geschah der erste Schlag ins Wasser, der Kahn that einen Stoß, glitt in die weichen Fluthen hinaus, und schnitt bei jedem Ruderschlage rukweise weiter in die dunkler werdende säuselnde Fläche. Victor war nie auf einem so großen Wasser gefahren. Das Dorf zog sich zurük und die Wände um den See begannen sehr langsam zu wandern. Nach einer Weile strekte sich eine buschige Landzunge hervor, und wuchs immer mehr in das Wasser. Endlich riß dieselbe gar von dem Lande ab, und zeigte sich als eine Insel. Gegen diese Insel richteten die zwei Rudernden ihre Fahrt. Je näher man kam, desto deutlicher hob sie sich empor und desto breiter wurde der Raum, der sie von dem Lande trennte. Ein Berg hatte ihn früher gedekt. Man unterschied endlich sehr große Bäume auf ihr, Anfangs so, als wüchsen sie gerade aus dem Wasser empor, dann aber auf bedeutend hohem Felsenufer prangend, das fallrecht mit scharfen Klippen in die Fluth nieder ging. Hinter dem Grün dieser Bäume wanderte ein sanfter Berg, der von dem Abende lieblich geröthet war.

»Das ist die Grisel am jenseitigen Seeufer,« sagte der Alte auf Victors Frage, »ein bedeutender Berg, der aber doch nicht gar so beschwerlich ist. Es geht ein Pfad über ihn hinüber in die Blumau und ins Gescheid, wo die Hammerschmiede sind.«

Victor blikte den schönen Berg an, der so wandelte und in das Grün der Bäume sank, wie sie näher kamen.

Man war endlich in den grünen Widerschein gelangt, den die Baumlasten der Insel in das Wasser des Seees senkten, und fuhr in dem Raume desselben dahin. Da tönte von der Hul herüber das Glöklein, das zwischen den vier Pfählen hing, und forderte zum Abendgebete auf. Die zwei Schiffenden zogen sogleich ihre Ruder ein, und beteten still ihren Abendsegen, während der Kahn im Zuge gleichsam von selbst längs der grauen Felsen hin ging, die von der Insel in den See nieder standen. Auf den Bergen herum war hie und da ein irrendes Licht. Der See hatte sogar Streifen bekommen, deren einige glänzten, und selbst Funken empor warfen, obwohl die Sonne schon seit längerer Zeit untergegangen war. Ueber alles das kamen die fortwährenden emsigen Klänge des Glökleins herüber, gleichsam von unsichtbaren Händen tönend; denn die Hul war nicht zu sehen, und rings um den See war kein Fleklein, das nur entfernt einem menschlichen Aufenthalte ähnlich gesehen hätte.

»Im Kloster der Klause muß auch noch eine Gloke sein. Ich glaube, eine schöne Avegloke,« sagte der Alte, nachdem er seine Müze wieder aufgesezt und das Ruder ergriffen hatte, »aber man läutet sie nie; ich wenigstens habe den Ton derselben nie gehört. Auch nicht einmal eine Uhr hört man schlagen. Mein Großvater hat gesagt, daß es sehr schön war, wenn in den vergangenen Tagen das ganze Geläute auf dem See lag – denn damals waren noch die Mönche – und wenn es in dem lichten Morgennebel daher tönte, ohne daß man wußte, woher es komme; denn ihr werdet gesehen haben, daß wir den Berg umfahren haben, und daß man von der Hul aus die Insel nicht sehen kann. Es ist der hohe Orla, dieser Berg, und zwei Mönche haben ihn einmal bei klafterhohem Schnee überstiegen, da der See gefroren war, aber nicht trug, und da sie keine Lebensmittel mehr hatten. Sie hieben mit den Knechten, die sie in dem Schiffe hatten, eine Straße in das Eis, daß der Kahn gehen konnte, und als sie an dem Berge waren, stiegen sie über den Gipfel in die Hul; denn zwischen dem Berge und dem See ist kein Fußweg möglich. Es sind seitdem wohl über hundert Jahre vergangen, und selten geschieht es, daß der See überall mit einer Deke von Eis überzogen ist.«

»Sind also einmal Mönche auf der Insel gewesen?« fragte Victor.

»Ja,« antwortete der Greis. »In sehr alter, alter Zeit sind fremde Mönche hieher gekommen, da noch gar kein Haus an dem ganzen See stand, und da noch nichts in ihm schwamm, als ein Baum, der von dem Felsen in ihm herab gefallen war. Sie sind auf Flössen von Tannenästen nach der Insel über gefahren und haben zuerst die Klause gebaut, aus der nach und nach das Kloster entstanden ist, und in späteren Jahren auch die Hul, wo christliche Leute fischten und zur Klause in die Messe fuhren; denn damals waren die Landesherren draußen noch ganz und gar Heiden, und sie schlugen mit ihren Knappen, die grausam und wild waren, die Priester todt, welche aus dem Schottenlande mit dem Kreuze herüber kamen, um zu bekehren. Auf der Insel, die sie sich suchten, fanden die Väter Schuz; denn ihr werdet es schon erkennen, daß diese Steine, die da nieder steigen, wie eine Festung sind. Es ist hier ein Schaum, wenn nur ein wenig Wind geht, daß er jedes Schiff in sich begraben kann. Nur an einer einzigen Stelle kann man landen, wo nehmlich die Felsen zurük weichen, und eine Oeffnung lassen, in der das Wasser gegen guten Sand ausläuft. Es sind daher die Väter geschüzt gewesen, so wie der alte Mann geschüzt ist, der sich die Insel zur Wohnung auserkohren hat. Aus dieser Ursache fischt man auch hier nur an ganz schönen und stillen Tagen, wie der heutige einer ist.«

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