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Der Hagestolz

Adalbert Stifter: Der Hagestolz - Kapitel 14
Quellenangabe
typenarrative
booktitleStudien
authorAdalbert Stifter
year1847
publisherVerlag von Gustav Heckenast
addressPesth
titleDer Hagestolz
senderwbergner@aol.com
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»Du armer lieber Spiz,« sagte Victor, indem er sich zu ihm nieder kauerte; »siehst du nun, du altes thörichtes Haus, was du da für Unsinn unternommen hast?«

Aber der Spiz wedelte auf diese Worte, als hätte er das größte Lob empfangen.

Das erste, was der Jüngling that, war, daß er ihn mit einem Tuche etwas abwischte, damit er doch besser aussähe. Dann nahm er zwei Brode heraus, die er heute früh zu sich gestekt hatte, wenn ihm etwa ein Bettelmann begegnete, sezte sich auf einen Stein und begann sie dem Spize stükweise vorzuwerfen, der sie heißhungrig und eilig verschlang, und zulezt noch immer auf die Hände des Jünglings schaute, als diese schon längstens leer waren.

»Jezt habe ich nichts mehr,« sagte Victor, »aber wenn wir zu dem ersten Bauernhause kommen, kaufen wir eine Schüssel Milch, die du ganz allein ausfressen darfst.«

Der Spiz schien beruhigt, als hätte er die Worte verstanden.

Einige Schritte weiter weg, wo von einem mosigen Felsen ein dünnes Wasserfädlein herab rann, fing Victor in seinem ledernen Reisebecher, den ihm die Mutter gegeben hatte, so viel Wasser auf, bis er voll war, und wollte dem Spiz zu trinken geben. Allein dieser kostete nur ein wenig und schaute dann den Geber erwartend an; denn er war nicht durstig und mochte wohl aus allen den hundert Gräben und Bächen getrunken haben, über die er gekommen war.

Dann gingen sie mit einander weiter, und in dem ersten Wirthshause schrieb Victor einen Brief an die Mutter zurük, daß der Spiz bei ihm sei, und daß sie sich nicht kränken möge.

In Hinsicht der Milch hatte Victor redlich Wort gehalten. Auch sonst bekam der Spiz von nun an so viel, als er nur unterzubringen vermochte; allein, obgleich er auf diesem Wege in einem Tage mehr verzehrte, als zu Hause kaum in dreien, so verfiel er doch durch die Nachwirkung der ungewohnten Anstrengung, die weiß Gott wie furchtbar gewesen sein mag, so sehr, daß er gleichsam nur mehr in seiner eigenen Haut hängend neben dem Jünglinge hertrabte.

»Es wird sich schon bessern, es wird sich schon bessern«, dachte dieser, und sie schritten weiter.

Grübelig blieb es Victor immer, warum ihm denn das Thier gerade dieses eine Mal nachgekommen sei, da es doch sonst, wenn er auch Tage lang fort war, auf einen einfachen Befehl zu Hause geblieben sei und auf ihn gewartet habe. Aber dann schloß er nicht unrecht, daß der Spiz, dessen ganze Lebensaufgabe es war, das Thun und Lassen seines höheren Freundes, des Knaben, zu beobachten, ganz wohl gewußt habe, daß dieser nun auf immer fort gehe, und daß er darum das Aeußerste unternommen habe, um ihm zu folgen.

Und so schritten sie nun mit einander fort; über Hügel zu Hügeln, über Felder zu Feldern – und oft konnte man den Jüngling sehen, wie er an einem Wiesenbache den Hund wusch und ihn mit Gräsern und Laubwerk troknete – oft, wie sie ruhig neben einander gingen – und oft, wie der Hund neben seinem Herrn stand und die Augen zu ihm empor richtete, wenn dieser auf einer Anhöhe stille hielt und weit und breit über die Auen schaute, über die langen Streifen der Felder, über die dunkeln Fleken der Wäldchen und über die weißen Kirchthürme der Dörfer.

An dem Wege des Wanderers wallten oft die Wellen des Kornes, das jemanden gehören mußte, Zäune umgaben es, die jemand gezogen haben mußte, und Vögel flogen nach diesen und jenen Richtungen, wie nach verschiedenen Heimathen. Victor hatte seit Tagen mit keinem Menschen gesprochen, als wenn ihn etwa ein Fuhrmann oder ein Wanderer grüßte, oder der Wirth zum Abschiede das Käppchen lüftete und sagte: »Glükliche Reise – auf Wiedersehen.«

Am achten Tage, nachdem er die Mutter und sein Thal verlassen hatte, kam er in eine Gegend, die ungleich mancher unwirthlichen, über die er bisher gewandert war, reinlich und wohlthätig über sanften Hügeln dahin lag, wieder den Wechsel der Obstwälder zeigte, wie zu Hause in seinem Thale, mit wohlhabenden Häusern geziert war, und kein handgroßes Stüklein aufwies, das nicht benüzt war, und auf dem nicht etwas wuchs. In dem weiten Grün dahin war der Silberblik eines Stromes, und ferne war ein gar so sanftes, fast sehnsuchtreiches Blau der Berge. Diese Berge hatte er schon lange an seiner Linken hinziehend gehabt, nun aber schwangen sie sich in einem Bogen näher gegen die Straße, und zeigten schon die mattfärbigen Lichter und Spalten in ihren Wänden.

»Wie weit ist es denn noch bis Attmaning?« frug er einen Mann, der in der Gartenlaube eines Dorfwirthshauses saß, und einen kühlen Trunk that.

»Wenn ihr heute noch ein gutes Stük geht, so könnt ihr es morgen bei rechter Zeit erreichen,« erwiederte dieser, »aber da müßt ihr den Steig nehmen und euch schon ob der Afel gegen das Gebirge schlagen.«

»Ich will eigentlich in die Hul.«

»In die Hul? – Da werdet ihr schlechte Aufnahme finden. Aber wenn ihr noch über die Grisel steigen wollt, rechts am See, da kommt ihr zu einem lustigen Hammerschmiede, den ich euch empfehlen kann, wo es schon ein anderes Geschike hat.«

»Ich muß aber in die Hul.«

»Nun da habt ihr von Attmaning noch drei schwache Stunden hinein.«

Victor hatte sich während des Gespräches zu dem Manne nieder gesezt, und sich und den Hund gelabt. Nachdem er mit seinem Nachbar noch einiges hin und her geredet hatte, machte er sich wieder auf, und ging an diesem Tage nach dem Rathe seines neuen Gönners noch ein gutes Stük, bis er zu der Afel kam, die ein blaues klar fließendes Wasser war. Am andern Tage, als kaum die erste Dämmerung leuchtete, sah man ihn schon auf dem von seinem Rathgeber angezeigten und von ihm näher erfragten Fußwege von der Straße ab gegen das Gebirge wandeln. Die riesigen hohen Lasten schritten immer näher gegen ihn, und zeigten im Laufe des Vormittages mannigfaltige, freundliche, schönfärbige Zeichnungen. Rauschende Wässer begegneten ihm, Kohlbauern fuhren; manchmal ging schon ein Mann mit spizem Hute und Gemsbarte – und ehe es zwölf Uhr war, saß Victor bereits unter dem Ueberdache des Gasthauses zu Attmaning, wo er wieder zu der Straße gekommen war, und sah gegen die Gebirgsöffnung hinein, wo alles in blauen Lichtern flimmerte, und ein schmaler Wasserstreifen, wie ein Sensenbliz leuchtete.

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