Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Adalbert Stifter >

Der Hagestolz

Adalbert Stifter: Der Hagestolz - Kapitel 13
Quellenangabe
typenarrative
booktitleStudien
authorAdalbert Stifter
year1847
publisherVerlag von Gustav Heckenast
addressPesth
titleDer Hagestolz
senderwbergner@aol.com
Schließen

Navigation:

Bei diesen Worten träufelten ihr die Thränen hervor, und sie rührte nur mehr die Lippen und konnte nichts sagen.

Nach einem Weilchen ermannte sie sich wieder und sprach: »Die Kisten, welche noch oben sind, und den Koffer wirst du schon gut an dem Bestimmungsorte deines Amtes vorfinden, wenn du dort eintriffst. Halte Vorsicht auf das Geld und auf die Empfehlungsbriefe, welche dir der Vormund gab, erhize dich nicht und trinke nicht kalt. Es wird alles gut werden. Das Fortgehen ist auch nicht so böse, und du findest überall gute Leute, die dir geneigt sein werden. Wenn ich nicht so lange an unsere Berge und an den Apfelbaum gewohnt wäre, so ginge ich mit Freuden in die Fremde. Und so lebe wohl, mein Victor, lebe wohl.«

Sie hatte ihn bei diesen Worten auf die Wangen geküßt. Ganz stumm reichte er die Hand an die vor Thränen vergehende Hanna, und ging hinaus. Vor der Thür standen noch die Dienstleute und der Gärtner. Ohne zu sprechen gab er rechts und links die Hand – sie gingen aus einander, und er schlug den schmalen Gartenweg gegen das Pförtchen ein.

»Wie er schön ist,« brach die Mutter fast laut weinend aus, da sie ihm mit Hanna nach sah, »wie er schön ist, die braunen Haare, der schöne Gang, die liebliche, die unbeschüzte Jugend. Ach mein Gott!«

Und die Thränen rannen ihr an den nassen Händen herunter, die sie vor das Angesicht und vor die Augen hielt.

»Du hast einmal zu mir und Victor gesagt,« sprach Hanna, »daß dich niemand mehr aus Schmerz weinen sehen wird – und nun weinst du doch aus Schmerz, Mutter.«

»Nein, mein Kind,« antwortete die Mutter, »das sind Freudenthränen, daß er so geworden ist, wie er ist. Es ist doch sonderbar: er hat seinen Vater gar nicht gekannt, und wie er da hinaus ging, hatte er das Haupt, den Gang und die Haltung seines Vaters. Er wird schon gut werden, und meine Thränen, mein Kind, sind Freudenthränen.«

»Ach die meinen nicht, die meinen nicht,« sagte Hanna, indem sie ihr Tuch neuerdings vor die unersättlich schmerzlichen Augen hielt.

Victor war unterdessen durch das Pförtchen hinaus gegangen. Er ging an dem großen Fliederbusch vorbei, er ging über die beiden Stege, an den vielen durch so lange Jahre bekannten Obstbäumen vorüber, und stieg gegen die Wiesen und gegen die Felder hinan. Auf dieser Höhe blieb er ein wenig stehen, und da er unter den schwachen undeutlichen Tönen des Dorfes auch das wüthende Heulen des Spizes vernahm, den man hatte fangen und anbinden müssen, damit er nicht mit gehe: so brachen auf einmal die siedenden Thränen hervor, und er rief fast laut in die Lüfte: »Wo werde ich denn wieder eine solche Mutter finden und solche Geschöpfe, die mich so lieben? – – Vorgestern eilte ich so sehr aus der Stadt heraus, um noch einige Stunden in dem Thale zuzubringen, und heute gehe ich fort, um alle, alle Zeit anders wo zu sein.«

Da er endlich an eine Stelle gekommen war, die nicht mehr weit von der höchsten Schneide des Berges entfernt war, schaute er noch einmal, das leztemal, zurük. Das Haus konnte er noch erkennen, eben so den Garten und die Planke. Im Grünen sah er etwas, das so roth war, wie Hannas Tuch. Aber es war nur das Dächelchen eines Schornsteins.

Dann ging er noch die Streke bis zu der Bergschneide empor – er blikte doch wieder um – ein glänzend schöner Tag lag über dem ganzen Thale. – – Hierauf ging er die wenigen Schritte um die Kuppe herum, und alles war hinter ihm verschwunden, und ein neues Thal und eine neue Luft war vor seinen Augen. Die Sonne war indessen schon ziemlich weit herauf gekommen, troknete die Gräser und seine Thränen, und senkte ihre wärmeren Strahlen auf die Länder. Er ging schief an dem Berghange fort, und da er nach einer Weile seine Uhr hervorgezogen hatte, zeigte sie halb acht.

»Jezt wird das Bettgestelle schon leer da stehen,« dachte er, »das lezte Geräthe, das mir blieb. Die Linnen werden heraus genommen sein, und das ungastliche Holz wird hervor bliken. Oder vielleicht arbeiten die Mägde schon in meinem Gemache, um ihm eine ganz andere Gestalt zu geben.«

Und dann wandelte er weiter.

Er kam immer höher empor, der Raum legte sich zwischen ihn und das Haus, das er verlassen hatte, und die Zeit legte sich zwischen seine jezigen Gedanken und die lezten Worte, die er in dem Hause geredet hatte. Sein Weg führte ihn stets an Berghängen hin, über die er nie gegangen war – bald kam er aufwärts, bald abwärts, im Ganzen aber immer höher. Es war ihm lieb, daß er nicht mehr in die Stadt hatte gehen müssen, um sich zu beurlauben, weil er die Bekannten heute nicht gerne gesehen hätte. Die Meierhöfe und Wohnungen, die ihm aufstießen, lagen bald rechts, bald links von seinem Wege – hie und da ging ein Mensch und achtete seiner nicht.

Der Mittag zog herauf und er wandelte fort und fort.

Die Welt wurde immer größer, wurde glänzender und wurde ringsum weiter, da er vorwärts schritt – und überall, wo er ging, waren tausend und tausend jubelnde Wesen.

4. Wanderung

Und noch größer und noch glänzender wurde die Welt, die tausend jubelnden Wesen waren überall, und Victor schritt von Berg zu Berg, von Thal zu Thal, den großen kindischen Schmerz im Herzen und die frischen staunenden Augen im Haupte tragend. Jeder Tag, den er ferne von der Heimath zubrachte, machte ihn fester und tüchtiger. Die unermeßliche Oede der Luft strich durch seine braunen Loken; die weißen wie Schnee glänzenden Wolken bauten sich hier auf, wie sie sich in seinem mütterlichen Thale aufgebaut hatten; seine schönen Wangen waren bereits dunkler gefärbt, das Ränzlein trug er auf seinem Rüken und den Reisestab in der Hand. Das einzige Wesen, das ihn an die Heimath band, war der alte Spiz, der furchtbar abgemagert neben ihm her lief. Am dritten Tage nach der Abreise war er ihm nehmlich unvermuthet und unbegreiflich nachgekommen. Victor ging eben in sehr früher Morgenstunde auf einem kühlen, breiten, feuchten Landwege durch einen Wald empor, als er umschauend, wie er es öfter zu thun pflegte, um sich an den Blizen der nassen Tannen zu ergözen, ein Ding gewahrte, das sich eilfertig gegen ihn heran bewegte. Aber wie staunte er, als die dunkle Kugel näher gekommen an ihm empor sprang und sich als den alten ehrlichen Spiz seiner Ziehmutter auswies. Aber in welchem Zustande war er: die schönen Haare hatten sich durch Koth verklebt und waren bis zur Haut hinein mit weißem Straßenstaube angefüllt, die Augen waren roth und entzündet; da er rasche Freudentöne ausstoßen wollte, konnte er nicht; denn seine Stimme war heiser geworden, und da er auch Freudensprünge versuchte, fiel er mit dem Hintergestelle in den Graben.

 << Kapitel 12  Kapitel 14 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.