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Der Hagestolz

Adalbert Stifter: Der Hagestolz - Kapitel 12
Quellenangabe
typenarrative
booktitleStudien
authorAdalbert Stifter
year1847
publisherVerlag von Gustav Heckenast
addressPesth
titleDer Hagestolz
senderwbergner@aol.com
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Sie brachen in bitterliche Thränen aus.

Victor zog sie sanft gegen sich her, und sie folgte. Sie lehnte das Haupt und das Angesicht an das Tuch seines Rokes, und gleichsam als wären jezt bei ihr alle Schleußen recht geöffnet worden, weinte und schluchzte sie so sehr, als drükte es ihr das Herz ab, weil sie ihn verlieren müsse. Er legte den Arm um sie, wie beschüzend und beschwichtigend, und drükte sie an sein Herz. Er drükte sie immer fester, wie ein hilfloses Wesen. Sie schmiegte sich an ihn, wie an einen Bruder, der jezt gar so, gar so gut ist. Er streichelte mit der einen Hand über ihre Loken, die sie gescheitelt auf dem Haupte trug, dann beugte er sich nieder und küßte ihre Haare – aber sie hob ihr Angesicht zu ihm empor und küßte ihn so heiß auf seine Lippen, so heiß, wie sie nie gedacht hatte, daß sie etwas küssen könne.

Dann standen sie noch eine Weile und sprachen nichts.

Da kam der Gärtnerknabe und sagte, daß ihn die Mutter schike und ihnen sagen lasse, daß sie zu dem Abendessen kommen möchten.

Die seidenen Fleke, welche das Gespräch eingeleitet hatten, hielten sie noch immer in den Händen, aber sie waren verknittert, und manche waren von den Thränen Hannas naß. Sie nahmen daher dieselben zusammen, wie es sich eben fügen wollte und gingen Hand in Hand auf dem Gartenwege gegen das Haus. Als sie die Mutter kommen sah, und die rothgeweinten Augen ihrer Kinder erblikte, lächelte sie und ließ dieselben in die Stube treten.

Hier wurden die Gerichte aufgetragen, die Mutter legte jedem von den beiden vor, wie sie glaubte, daß es ihnen am liebsten sei, sie fragte nicht, was sie gesprochen haben, und so aßen die drei, wie sie an jedem Abende in aller bisher vergangenen Zeit gegessen hatten.

Hanna hatte sehr große braune Augen, die sich während dem Essen jeden Augenblik ohne Anlaß mit Thränen füllen wollten.

Als man fertig war, und ehe man sich zum Schlafengehen anschikte, mußte noch Hannas Geschenk herbei gebracht werden. Es war eine Brieftasche, die mit schneeweißer Seide gefüttert war und schon das Reisegeld enthielt, das die Mutter hinein gelegt hatte.

»Das Geld thue ich heraus,« sagte Victor, »und hebe mir die Brieftasche auf.«

»Nein, nein,« sagte die Mutter, »das Geld lasse drinnen; siehst du, wie schön die gedrukten feinen Papiere in der weißen Seide ruhen. Nebst andern Dingen muß dich Hanna auch immer mit Brieftaschen versehen.«

»Ich werde sehr darauf Acht haben,« antwortete Victor.

Die Mutter schloß nun mit dem winzig kleinen Schlüsselchen das Fach der Brieftasche zu, in welchem das Geld war, und zeigte ihm, wie man das Schlüsselchen berge.

Hierauf trieb sie zum Schlafengehen.

»Lasse das, lasse das,« sagte sie, als sie Victor anmerkte, daß er für das Reisegeld danken wolle, »gehet nun zu Bette. Um fünf Uhr des Morgens mußt du schon auf den Bergen sein, Victor. Ich habe gesorgt, daß uns der Knecht bei rechter Zeit weke, wenn ich mich etwa selber verschlafen sollte. Du mußt noch ein recht gutes Frühmal einnehmen, ehe du fort gehst. – So, Kinder, gute Nacht, schlafet wohl.«

Sie hatte während dieser Worte, wie sie es jeden Abend that, zwei Kerzen für die Kinder angezündet, jedes nahm die seine von dem Tische, wünschte der Mutter eine ehrerbietige gute Nacht, und begab sich auf seine Stube.

Victor konnte noch nicht sein Lager suchen. Die vielen unordentlichen Schatten, die die herumstehenden Dinge warfen, machten das Zimmer unwirthlich. Er ging an ein Fenster und sah hinaus. Der Hollunderstrauch war ein schwarzer Klumpen geworden, und das Wasser war gar nicht mehr sichtbar: eine lichtlose Tafel war an der Stelle, wo es fließen sollte – nur ein von Zeit zu Zeit aufzukender Funke zeigte, daß es da war und sich bewege. Als alle Stimmen des Hauses und des Dorfes verstummt waren, zeugte auch ein leises, leises Rieseln, das bei dem offenen Fenster hereinkam, von dem Freunde, der so viele Jahre an dem Lager des Jünglings vorbei geronnen war. Viele tausend Sterne brannten an dem Himmel, aber es erglomm nicht ein einziger, nicht der schmalste Sichelstreifen des Mondes.

Victor legte sich endlich auf das Bett, um die lezte Nacht hier zu verschlafen, und den Morgen zu erwarten, der ihn vielleicht auf immer fortführen sollte, wo er, seit er denken konnte, sein Leben zugebracht hatte.

Dieser Morgen kam sehr bald! Als Victor noch kaum geglaubt hatte, die ersten erquikenden Athemzüge des Schlafes gethan zu haben, klopfte es leise an seine Thüre, und die Stimme der Mutter, die keinen Knecht zum Aufweken bedurft hatte, ließ sich vernehmen: »Vier Uhr ist es, Victor, kleide dich an, vergiß nichts, und komme dann hinunter. Hörst du es?«

»Ich höre es, Mutter.«

Sie ging wieder die Treppe hinab; er aber sprang von seinem Lager empor. In der doppelten Beklemmung, der des Schmerzes und der der Reiseerwartung kleidete er sich an, und ging in das Speisezimmer hinunter. Im Morgengrauen stand schon ein Frühmal auf dem Tische – man hatte nie ein so frühes verzehrt. Schweigend aß man davon. Die Mutter sah fast unverwandt Victor an; Hanna getraute sich nicht ihre Augen auf irgend etwas empor zu heben. Victor hörte bald zu essen auf. Er erhob sich von seinem Stuhle, und nahm sich zusammen. Er ging ein par Male in dem Zimmer herum, und dann sagte er: »Mutter, es wird gerade Zeit sein; ich gehe.«

Er nahm das Ränzchen über die Schultern, und zog die Riemen fest, daß es gut saß. Dann nahm er den Hut, griff an die Brust, ob er die Brieftasche habe, und untersuchte, ob er überhaupt nichts vergesse. Da dieses vorüber war, ging er gegen die Mutter, die mit Hanna aufgestanden war, und sagte: »Ich danke euch für alles, liebe Mutter – –«

Mehr konnte er kaum über die Lippen bringen, und sie ließ ihn auch nicht reden. Sie führte ihn zu dem Weihwasser an die Thür, besprizte ihn mit ein paar Tropfen, machte ihm das Zeichen des Kreuzes auf Stirne, Mund und Brust, und sagte: »So, mein Kind, gehe jezt ruhig fort. Sei gut, wie du bisher gut gewesen bist, und behalte das weiche, sanfte Herz. Schreibe oft, und verschweige nicht, wenn du etwas brauchst. Gott wird deine Wege schon segnen, die du gehst, weil du stets so folgsam gewesen bist.«

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