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Der grüne Strahl

Jules Verne: Der grüne Strahl - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorJules Verne
titleDer grüne Strahl
publisherVerlag von A. Weichert
yearo.J.
translatorWalter Heichen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20141208
projectiddbf399c3
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Fünftes Kapitel

Aus einem Schiff ins andre.

Nach dem halb kalten, halb warmen Essen – einem vortrefflichen Frühstück nach englischer Weise, das im Speisesaal der »Columbia« aufgetragen war – stiegen Miß Campbell und die Gebrüder Melvill wieder auf das Deck.

Helena konnte, als sie ihren Platz wieder auf dem Deck eingenommen hatte, einen Ausruf der Enttäuschung nicht zurückhalten.

»Aber wo ist denn mein Horizont hin?« rief sie.

Ihr Horizont war freilich, wie zugestanden werden muß, nicht mehr da, sondern seit einigen Minuten verschwunden. Der Dampfer fuhr gerade, mit der Nase gen Norden gerichtet, die lange Enge der Cyles of Bute hinauf.

»Ist das aber garstig, Onkel Sam!« sagte mit leichter Schmollmiene Miß Campbell.

»Aber, mein liebes Töchterlein ...«

»Das will ich mir aber merken, Onkel Sib.«

Das Brüderpaar wußte nicht, was es antworten solle, und doch konnte man es wahrlich nicht ihm in die Schuhe schieben, wenn die »Columbia« ihren Kurs geändert hatte und nun in nordwestlicher Richtung fuhr.

Um von Glasgow auf dem Seewege nach Oban zu gelangen, gibt es nämlich zwei höchst verschiedene Routen.

Die eine, – die, welche von der »Columbia« nicht eingeschlagen wurde, – ist die längere. Wenn der Dampfer in Rothesay angelegt hat – bekanntlich dem Hauptflecken der durch ihr altes Schloß aus dem 11. Jahrhundert beherrschten, im Westen von hochgelegenen Talschluchten umschlossen, die der Insel Schutz vor den schlimmen Winden von hoher See her gewähren – dann kann er weiter den Clydebusen hinunter fahren, am östlichen Gestade der Insel entlang steuern, in Sicht der großen und kleinen Cumbray-Insel bleiben und unter gleichem Kurse bis zum südlichen Teile der Arran-Insel vordringen, die fast vollständig dem Herzog von Hamilton gehört, von der Grundfläche ihrer Felsen bis zum Gipfel des Goatfell hinauf, zu einer Höhe von beinahe 800 Meter über dem Meeresspiegel. Nun gibt der Rudersmann dem Steuer eine Drehung, die Visierlinie der Magnetnadel wird nach dem westlichen Striche gedreht, dann wird die Arran-Insel umschifft, um den großen Finger der Halbinsel Cantyre gesteuert, an der westlichen Küste derselben heraufgefahren, in den Gigha-Kanal hinein gelenkt, durch den Sund bugsiert, zwischen den Inseln Islay und Jura sondiert, und endlich gelangt das Boot an jenen weit offnen Einschnitt des Firth of Lorn, dessen verengerter Winkel sich kurz oberhalb von Oban schließen soll.

Alles in allem genommen hätten, wenn Miß Campbell einigen Grund zur Klage darüber hatte, daß die »Columbia« diese Route nicht eingeschlagen, die beiden Oheime wohl auch Anlaß gehabt, es zu bedauern. Während der Vorüberfahrt am Gestade von Islay würde sich nämlich ihren Blicken jener alte Herrensitz der Mac Donald's gezeigt haben, die zu Anfang des 17. Jahrhunderts, überwältigt und verjagt, die Stätte den Campbeils überlassen mußten. Angesichts des Schauplatzes einer geschichtlichen Tatsache, die sie so nahe berührte, hätte das Brüderpaar Melvill, von Dame Elsbeth und von Partridge gar nicht zu reden, ihr Herz unisono klopfen hören.

Miß Campbell andererseits würde den Anblick dieses von ihr so schmerzlich beklagten Horizonts länger haben genießen können. Von der Arranspitze nämlich bis zum Vorgebirge von Cantyre weitet sich nämlich nach Süden hin, vom Mull von Cantyre bis zur Spitze von Islay nach Westen hin, das Meer, und zwar jene unermeßliche Wasserstrecke, die bloß dreitausend Meilen von hier die Grenze der Küste von Amerika bildet.

Aber diese Route ist lang, zuweilen beschwerlich, wenn nicht gefährlich, und es war notwendig, auch mit solchen Touristen zu rechnen, die vor den Eventualitäten einer oftmals ungnädigen Ueberfahrt zurückschrecken, wenn sich in diesen hebridischen Gewässern die Notwendigkeit einstellt, gegen eine etwas kräftige Hohlsee anzukämpfen. Darum sind auch die Ingenieure – Männer à la Lesseps im kleinen – auf den Einfall gekommen, aus dieser Halbinsel Cantyre eine Insel zu machen. Im nördlichen Teile derselben ist ja durch sie der Crinan-Kanal gegraben worden, durch den die Fahrt um wenigstens 200 Meilen abgekürzt wird, ohne daß man mehr als 3-4 Stunden braucht, ihn zu durchfahren.

Auf diesem Wege rüstete sich die »Columbia«, ihre Fahrt von Glasgow nach Oban zu vollenden, zwischen den Lochs und Engen hin, die keinen andern Ausblick als auf granitne Ufer, Wälder und Berge boten. Von allen Passagieren war Miß Campbell zweifelsohne die einzige, der es um die andere Route leid tat; aber es blieb nichts anders übrig, als sich drein zu schicken. Zudem mußte sie ja doch diesen so tief beklagten Meereshorizont kurz oberhalb des Crinan-Kanals, wenige Stunden später, viel früher sogar, als die Sonne ihn mit ihrer Scheibe streifen würde, wieder in Sicht bekommen!

Gerade als die Touristen, die sich im Speisesaal verspätet hatten, wieder auf Deck herauf stiegen, strich die »Columbia« bei der Einfahrt in den Loch Ridden an dem kleinen Eilande Elbangreig vorbei, der letzten Veste, wohin sich der Herzog von Argyle flüchtete, bevor dieser im Kampfe um die politische und kirchliche Befreiung Schottlands zermalmte Held in Edinburg sein Haupt unter das Messer der schottischen Guillotine legte. Dann bog der Dampfer wieder nach Süden, fuhr die Meerenge von Bute hinunter, inmitten von jenem herrlichen Panorama kahler oder bewaldeter Inseln, deren rauhe Profile ein leichter Nebel verwischte. Nachdem er hierauf um das Kap Ardlamont gesteuert war, nahm er den Kurs wieder nach Norden, durch das Loch Fyne, ließ das Dörfchen East-Tarbert links an der Küste von Cantyre liegen, steuerte um das Kap Ardrishaig und erreichte bei dem Flecken von Lochgilp-Head die Einfahrt in den Kanal von Crinan.

An dieser Stelle mußte man aus der »Columbia« ausbooten, weil sie für die Kanalschiffahrt zu groß war. Dieser Durchstich mit seinen 9 Meilen Länge, dessen Terrainsenkungen durch fünfzehn Schleusen abgeglichen werden, gestattet bloß schmal gebauten Fahrzeugen von geringem Tiefgange die Passage.

Ein kleiner Dampfer, der »Linnet«, wartete auf die Passagiere der »Columbia«. Die Aus- und Einbootung war in wenigen Minuten bewerkstelligt. Jeder suchte, so gut und bequem es eben ging, auf dem Deck des »Linnet« Unterkunft, der alsbald mit flinker Fahrt zwischen den Ufern des Kanals einher schoß, während ein Dudelsackpfeifer (»bagpiper«) im schottischen Nationalkostüm seine klagende Musik erschallen ließ. Etwas Melancholischeres als diese seltsamen Melodeien, die von dem eintönigen Baß von drei Schnarrpfeifen getragen werden, die, wie in den alten Weisen vergangener Jahrhunderte, bloß die Anwendung der Intervalle einer oberen Tonart gestatten, während ihnen jeder Grundton fehlt, läßt sich in der Welt wohl nicht wiederfinden.

Eine allerliebste Fahrt übrigens, diese Fahrt durch diesen Kanal, der bald durch hohe Ufer bricht, bald dicht an einer mit Heidegestrüpp bestandenen Hügelwand hinstreift, hier sich in die offene Landschaft hinein erstreckt, dort zwischen den engen Mauern von Mühlgerinnen eingespannt ist. Dort wo die Schleusen einsetzen, findet sich natürlich einiger Aufenthalt. Während die Schiffer das Boot flink durch die Schleuse bringen, bietet das junge Volk der Gegend, Jünglinge sowohl als Dirnen, den Reisenden frisch gemolkene Milch zum Trunk an in jener gälischen Mundart, deren sich ehedem die Kelten bedienten – ein Idiom, das häufig auch den Engländern nicht verständlich ist.

Sechs Stunden nachher hatte es bei einer Schleuse, die schlecht im Gange war, einen zweistündigen Aufenthalt gesetzt, – die Weiler, die Pachthöfe dieser etwas traurigen Gegend, die unermeßlichen Sümpfe des Add, die sich rechts vom Kanal erstrecken, waren passiert worden: der »Linnet« hielt kurz hinter dem Dorfe Ballanoch. Hier wurde zum zweiten male umgebootet. Die Passagiere der »Columbia«, nun zu Passagieren des »Glengarry« geworden, steuerten wieder mit nordwestlichem Kurse, um die Ausfahrt aus der Crinan-Bucht zu gewinnen und um die Spitze herum zu gelangen, auf welcher sich das altertümliche Feudalschloß Duntroon erhebt.

Mit dem kurzen Ausblick, der bei der Biegung um die Bute-Insel gewonnen worden, hatte sich die Meereslinie noch nicht wieder gezeigt.

Die Höhe, auf welche die Ungeduld der jungen Miß steigen mußte, läßt sich leicht erraten. Auf diesen überall eingegrenzten Gewässern hätte sie wohl meinen können, mitten in Schottland zu weilen, mitten in der Gegend der Seeen, mitten im Lande Robins des Roten. Auf allen Seiten malerische Inseln mit ihren weichen Wellenlinien, mit ihren Birken- und Lärchen-Beständen.

Endlich segelte der »Glengarry« um die Nordspitze der Jura-Insel, und zwischen ihr und dem von ihr abgelösten Eilande Scarba zeigte sich bis dorthin, wo sich der Himmel herniedersenkte, die Meeresfläche.

»Da hast du das Meer, meine teure Helena!« sagte der Bruder Sam, mit der Hand nach Westen hin zeigend.

»Unsre Schuld war es ja nicht,« setzte der Bruder Sib hinzu, »wenn es diese vermaledeiten Inseln, die der alte Nick versenken möge, deinen Augen eine Weile lang verborgen haben!«

»Euch sei beiden völlig verziehen, liebe Onkels!« versetzte Miß Campbell – »noch einmal passieren soll mir das aber nicht!«

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