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Der grüne Strahl

Jules Verne: Der grüne Strahl - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorJules Verne
titleDer grüne Strahl
publisherVerlag von A. Weichert
yearo.J.
translatorWalter Heichen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20141208
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Viertes Kapitel

Die Clyde hinunter.

Am andern Tage, dem 2. August, in der ersten Frühstunde, stieg Miß Campbell in Begleitung der Brüder Melvill und gefolgt von Partridge und Dame Elsbeth in den Zug auf der Station Helensburgh. Von Glasgow ab mußte das Dampfschiff benutzt werden, das auf seiner täglichen Fahrt zwischen der schottischen Hauptstadt und Oban bei Helensburgh nicht anlegt.

Um 7 Uhr landete der Bahnzug die fünf Reisenden in der Glasgower Ankunftshalle, von wo aus sie ein Wagen nach der Station Broomielaw-Brücke führte.

Dort wartete der Dampfer »Columbia« auf seine Passagiere. Aus seinen zwei Schornsteinen stieg ein schwarzer Qualm auf, der sich mit dem noch dicht über der Clyde lagernden Nebel vermischte. Aber alle Morgendünste fingen sich zu zerteilen an, und die bleifarbige Sonnenscheibe schattierte sich bereits mit einigen goldnen Tinten. Es bedeutete den Beginn eines schönen Tages.

Miß Campbell schiffte sich mit ihren Reisegefährten, sobald das Gepäck an Bord gebracht worden, unverzüglich ein.

Im selben Augenblicke sandte die Dampferglocke den säumigen Passagieren ihr drittes und letztes Signal. Dann rückte der Maschinist seine Maschine in die Balance, die vor- und rückwärts bewegten Schaufelräder trieben dicke gelbe Schaumwirbel empor, ein langer Pfiff erscholl, die Taue wurden gelöst, und flink wie ein Pfeil schoß die »Columbia« in die Strömung hinein.

Im Vereinigten Königreiche Klage zu führen, würde den Touristen übel angestanden haben. Was die Schiffahrtsgesellschaften dort an Passagierdampfern zur Verfügung stellt, ist durchweg Material erster Güte, und kein Wasserlauf ist zu winzig, kein See zu klein, kein Golf zu unbedeutend, daß er nicht Tag für Tag von eleganten Dampfern befahren würde. Daß die Clyde in dieser Hinsicht mit an erster Stelle rangiert, hat also gar nichts Erstaunliches. An der ganzen Broomielaw-Street entlang, an den Rampen des Dampfschiffskais, liegen in großer Zahl, immer qualmend, immer bereit zur Abfahrt nach allen Himmelsrichtungen, die Boote mit ihren in den grellsten Farben schillernden Radkästen, unter denen das Gold dem Zinnober den Rang streitig macht.

Die »Columbia« bildete keine Ausnahme von der Regel. Von beträchtlicher Länge, im Vorderteil höchst schmal und schlank gehalten, in ihren Wasserlinien äußerst raffiniert, mit einer starken, durch Räder großen Durchmessers arbeitenden Maschine ausgestattet, war die »Columbia« ein Schiff von bedeutender Fahrgeschwindigkeit. Ihr Inneres bot allen erdenklichen Komfort; Salons und Speisezimmer überboten einander an Eleganz; auf Deck war ein großer, weiter Raum für die Passagiere vorgesehen, durch ein Zelt mit flotten Lambrequins überdacht, mit Bänken und molligen Polsterstühlen ausgestattet – eine richtige Terrasse, von einer eleganten Bordplanke umzogen, wo die Passagiere in frischer freier Luft weilten und einer herrlichen Aussicht genossen.

An Reisenden war kein Mängel; sie stammten halb und halb überall her, aus Schottland ebenso wohl wie aus England. Der Monat August ist in der Ausflugs- und Partieen-Monat par excellence. Von allen Partieen als am beliebtesten gelten die Clyde und die Hebriden. Dort traf man Familien jenes Schlages vollzählig an, deren Band vom Himmel aufs herrlichste gesegnet worden: junge, überlustige Dirnen, ruhiger besaitete Jünglinge, Kinder, die an die Ueberraschungen des Touristenlebens bereits gewöhnt sind; sodann Pfarrer, die an Bord der Dampfboote immer höchst zahlreich vertreten zu sein pflegen, mit dem hohen Seidenhut auf dem Kopfe, dem langen schwarzen Gehrock mit steifem Kragen und dem weißen Bäffchen über dem Westeneinschnitt; ferner mehrere Gutspächter mit der schottischen Faltenmütze, die in ihren etwas schwerfälligen Bewegungen an die verwichenen »Bonnet-Lairds« vor sechzig und etlichen Jahren erinnern; endlich ein halbes Dutzend Ausländer, meist solche Germanen oder Teutonen, die auch außerhalb ihrer Sauerkraut-Pfähle an ihrem Körpergewicht keine Einbuße leiden, und ein paar Gallier oder Franzosen, die auch außerhalb Frankreichs niemals Einbuße an ihrer genialen Leutseligkeit und Liebenswürdigkeit leiden.

Wäre Miß Campbell gewesen wie die Mehrzahl ihrer Landsmänninnen, die sich in irgend eine Ecke hocken, sobald sie am Schiffe sind, und sich aus dieser Ecke während der ganzen Fahrt nicht rühren, so hätte sie von den Ufern der Clyde eben bloß gesehen, was sich ihren Augen, ohne daß sie den Kopf zu rühren brauchte, gezeigt hätte. Aber sie liebte es, auf- und abzugehen, sich bald aus Hinter-, bald auf Vorderdeck aufzuhalten, keine Stadt, keinen Flecken, kein Dorf, keinen Weiler ungesehen vorbeiziehen zu lassen, mit denen beide Ufer dicht übersäet sind. Hieraus ergab sich die Folge, daß sich der Bruder Sam und der Bruder Sib, die nicht von ihr wichen, die ihr Rede und Antwort standen, die ihre Beobachtungen gut hießen, ihre Bemerkungen bestätigten, zwischen Glasgow und Oban keine einzige Stunde zum Ausruhen gönnen durften. Indessen kam ihnen kein einziges mal ein Gedanke, sich hierüber zu beklagen oder gar zu beschweren: solche Sache gehörte zu ihrer Funktion als »Garde-du-Corps« oder »Leibgardisten« und instinktiv, indem sie ein paar kräftige Prisen nahmen, die sie bei guter Laune erhielten, verrichteten sie ihr Amt weiter.

Dame Elsbeth und Partridge hatten auf dem vordern Passagierdeck Platz genommen und schwatzten freundschaftlich über die vergangene Zeit, über die abhanden gekommenen Gebräuche, über die in Zerfall geratenen alten Clans. Wohin waren jene früheren Jahrhunderte gewichen, denen so viele Tränen nachgeweint wurden? die beklagt zu werden verdienten in Ewigkeit? Zu jener Zeit verschwanden die reinen klaren Horizonte des Clyde nicht hinter dem kohlehaltigen Auswurfe der Fabriken, seine Ufer hallten nicht wider von dem dumpfen Schlage der Eisenhämmer, seine ruhigen Wasser trübten sich nimmer unter dem Druck tausender von Pferdekräften!

»Die alte Zeit wird wiederkehren, vielleicht sogar eher als man denkt!« meinte Dame Elsbeth im Tone fester Ueberzeugung.

»Hoffentlich, hoffentlich,« erwiderte Partridge ernst und gemessen, »und wenn sie wiederkehrt, werden mir auch die alten Bräuche unserer Altvordern wiederaufleben sehen!«

Unterdessen wichen die Ufer des Clyde rasch vom Vorder- zum Hinterschiff der »Columbia«, gleich den Bildern in einem Wandelpanorama. Rechts kam an der Einmündung des Kelvin das Dorf Patrick in Sicht, dann folgten die für den Bau der eisernen Schiffe bestimmten Docks, die denen von Govan auf dem andern Ufer unmittelbar gegenüberliegen. War das ein Eisengehämmer! waren das Rauchwirbel und Dampfschlangen, eins wie das andere den Ohren und Augen Partridges und seiner Reisegefährtin gleich unangenehm.

Aber all dies industrielle Getöse, all dieser Kohlennebel sollte mit der Zeit sein Ende finden. An die Stelle der Werften, überdachten Anländen, der hohen Fabrikschornsteine, dieser Kolosse von Eisengestellen, die soviel Aehnlichkeit haben mit den Käfigen einer Menagerie von Mammuts und sonstigem antediluvianischen Getier, kamen kokette Wohnhäuser, kamen Villen, die zwischen Bäumen vergraben standen, kamen Landhäuschen anglosaxonischen Typs, über grünende Hügel zerstreut, zum Vorschein. Was sich den Augen nun darbot, war gleichsam eine ununterbrochene Folge von Landhäusern und Schlössern, die sich von einer Stadt zur andern, eine förmliche Kette bildend, aufrollte.

Nach der alten Königsburg von Renfrew, die an der linken Seite des Flusses liegt, zogen sich rechts die waldigen Höhen von Kilpatrick hin über dem Dorfe diesem Namens, an dem kein Irländer vorbei kann, ohne daß er sich mit den Worten zu erkennen gibt: »Dort ist Sankt Patrick geboren, der Schutzherr Irlands!«

Der Clyde, der einst nur ein Fluß gewesen, beginnt hier ein wahrer Meerarm zu werden. Dame Elsbeth und Partridge begrüßten die Ruinen von Dunglas-Castle, die alte Erinnerungen aus der schottischen Geschichte wachriefen. Ihre Augen wandten sich ab von dem Obelisken, der zu Ehren von Harry Bell errichtet war, dem Erfinder des ersten mechanischen Bootes, dessen Räder dieses friedliche Wasser aufwühlten.

Ein paar Meilen weiter betrachteten die Reisenden, ihren »Murray« in der Hand, Schloß Dumbarton, das 500 Fuß hoch auf seinem Basaltfelsen steht. Von den zwei Kegeln seiner Spitze trägt der höchste noch den Namen »Thron des Wallace« nach einem der Helden im Unabhängigkeitskampf.

In diesem Augenblicke meinte ein Herr, – ohne daß ihn jemand darum gebeten hätte, aber auch ohne daß es jemand beikam, es häßlich zu finden – seinen Reisegefährten von der Kommandobrücke herunter einen kleinen geschichtlichen Vortrag halten zu sollen. Eine halbe Stunde nachher durfte sich kein einziger Passagier der »Columbia«, er hätte denn taub sein müssen, in Unkenntnis darüber befinden, daß die Römer höchst wahrscheinlich Dumbarton befestigt hatten, daß sich dieser historische Felsen gegen Anfang des 13. Jahrhunderts zur königlichen Festung umwandelte, daß er unter dem Segen des von den drei Königreichen geschlossenen Unionsvortrags unter die vier festen Plätze des Königreichs Schottland zählt, die nicht geschliffen werden können, daß von diesem Hafen aus Anno 1548 Maria Stuart nach Frankreich aufbrach, um dort durch ihre Vermählung mit Franz II. zur »Eintagskönigin« zu werden, daß dort endlich Napoleon Anno 1815 in Gefangenschaft verweilen mußte so lange, bis das Ministerium Castlereagh zu dem Entschlüsse gelangt war, ihn in Sankt-Helena einzusperren.

»Aeußerst lehrreich,« sagte der Bruder Sam.

»Lehrreich und interessant,« versetzte der Bruder Sib; »dieser Herr verdient all unser Lob!«

Tatsächlich hatten die beiden Oheime gemeint, kein einziges Wort von dem Vortrage verlieren zu sollen. Darum zollten sie auch dem Professor aus dem Stegreif einige anerkennende Worte.

Miß Campbell war in ihre Betrachtungen vertieft gewesen und hatte von dieser zeitgeschichtlichen Lektion kein Wort gehört. Im gegenwärtigen Augenblick war dieselbe zum wenigsten nicht danach beschaffen, ihr irgendwelches Interesse abzugewinnen. Sie schenkte nicht einmal den Ruinen des auf dem rechten Flußufer gelegenen Schlosses Cardroß, wo Robert Bruce den Tod gefunden hat, Beachtung. Umsonst suchten ihre Augen das Meer am Horizont; sie konnten dasselbe aber nicht früher sehen, als bis sich die »Columbia« aus dieser Aufeinanderfolge von Ufern, Vorgebirgen und Hügeln freigemacht hatte, welche den Clyde-Busen begrenzen. Zudem glitt der Dampfer an dem Flecken Helensburgh vorbei. Port-Glasgow, die Ruinen des Schlosses Newark, die Halbinsel Rosenheat, waren Scenerieen, die die junge Schloßherrin tagtäglich von den Fenstern ihres Landsitzes aus sehen konnte. Kein Wunder also, daß sie sich die Frage stellte, ob nicht etwa der Dampfer den neckischen Windungen folge, die die Wasseradern im Schloßparke zögen! und weiter, warum hätte sich ihr Gedanke mitten in die Hunderte von Schiffen hinein verirren sollen, die sich an der Mündung des Flusses, in den Bassins von Greenock, zusammendrängten? Was lag ihr viel daran, daß in dieser Stadt von 40 000 Einwohnern, die gleichsam das industrielle und kommerzielle Antichambre Vorzimmer. von Glasgow ist, der unsterbliche Watt geboren worden? warum hätte sie, drei Meilen darüber hinaus, ihre Blicke links auf dem Dörfchen Gourock, rechts auf dem Dörfchen Dunoon weilen lassen sollen, auf den gezähnelten, verschlungenen Fjords, die so tief in die Küstenränder der Grafschaft Argyle einschneiden, deren Zerrissenheit so scharf an Norwegens Küsten erinnert?

Nein! Miß Campbell suchte mit ihren Augen voller Ungeduld den zerfallenen Turm von Leven. Rechnete sie darauf, dort etwa einen Kobold auftauchen zu sehen? Nicht im geringsten; aber sie wollte zuerst von allen den Leuchtturm von Clock melden, der die Ausfahrt aus dem Firth of Clyde erleuchtet.

Endlich kam an der Biegung, die der Fluß machte, der Leuchtturm in Sicht, gleich einer Riesenlampe.

»Clock, Onkel Sam!« rief sie, »Clock. Clock!«

»Jawohl, Clock!« antwortete der Bruder Sam mit der deutlichen Schärfe eines Hochlands-Echos.

»Das Meer, Onkel Sib!«

»Wahrhaftig, das Meer!« erwiderte der Bruder Sib.

»Welch ein schönes Bild!« riefen die beiden Brüder wie aus einem Munde. Man hätte meinen können, sie sähen das Bild in ihrem Leben zum erstenmale.

Von Irrtum war keine Rede: an der Golfmündung trat wirklich der Meereshorizont in Sicht.

Die Sonne hatte indessen noch nicht die Mitte ihres Tageslaufs überschritten. Da man sich unter dem 56. Parallelkreise befand, mußten zum wenigsten noch sieben Stunden verstreichen, bevor die Sonne unter den Fluten verschwand – sieben harte Ungeduldsstunden für Miß Campbell! Zudem skizzierte sich dieser Horizont im Südwesten, nämlich auf einem Bogenabschnitt, den das Strahlengestirn bloß zur Zeit der Wintersonnenwende streift. Dort also durfte die Erscheinung des Phänomens nicht gesucht werden, vielmehr weiter im Westen und sogar ein Stück in nördlicher Richtung, da die ersten Tage des Monats August den September-Aequinoktien um sechs Wochen voraufgehen.

Aber darauf kam wenig an. Was sich jetzt vor Miß Campbells Blicken entfaltete, war doch eben das Meer! Quer zwischen den Cumbray-Inseln hindurch, drüben über der großen Insel Bute, deren Profil sich, wie leicht mit dem Wischer gezeichnet, in gelinderer Schärfe zeigte, drüben über den leichten Graten von Aisla-Creag und den Arranbergen, traten draußen auf hoher See, mit der Schärfe eines durch die Reißfeder gezogenen Striches, die Himmels- und die Wasserlinien in Sicht.

Miß Campbell hielt sie in Obacht, ohne ein Wort zu sprechen, ganz vertieft in ihre Gedanken. Vom Stege aus warf die Sonne, die dort unbeweglich zu verharren schien, einen scharf verkürzten Schatten zu ihren Füßen. Sie schien die Länge des Bogens zu messen, die denselben noch von dem Punkte schied, wo ihre flammende Scheibe sich in die Fluten des Archipels der Hebriden tauchen sollte ... vorausgesetzt, daß sich nicht der bislang so reine Himmel im selben Augenblicke durch Dunstschleier verfinsterte.

Eine Stimme entzog die junge Träumerin ihrer Träumerei.

»Die Zeit ist da.« sagte der Bruder Sib.

»Die Zeit? welche Zeit, meine lieben Onkels?«

»Die Zeit zum Frühstück,« sagte der Bruder Sam.

»Nun, so lasset uns frühstücken!« entgegnete Miß Campbell.

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