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Der grüne Strahl

Jules Verne: Der grüne Strahl - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorJules Verne
titleDer grüne Strahl
publisherVerlag von A. Weichert
yearo.J.
translatorWalter Heichen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20141208
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Drittes Kapitel

Der Artikel in der »Morning-Post.«

Wer an physischen Absonderlichkeiten Interesse fand, konnte in der »Morgenpost« dieses Tages lesen:

»Hat der Leser schon einmal die Sonne im Horizont eines Meeres untergehen sehen? Ja! Sicherlich. Ist er ihr bis zu dem Moment gefolgt, wo der obere Teil ihrer Scheibe die Wasserfläche berührt und sie im Verschwinden ist? Wahrscheinlich doch. Aber hat er das Phänomen beobachtet, das sich genau in dem Augenblick vollzieht, wo das leuchtende Gestirn den letzten Strahl sendet, wenn dann der Himmel, vom Nebel befreit, eine völlige Klarheit zeigt? Nun wohl, wenn er das erstemal Gelegenheit finden wird, – sie bietet sich selten – diese Beobachtung zu machen, so wird die Retina seines Auges nicht, wie er wohl glauben wird, von einem roten Strahl getroffen, sondern es wird dies ein grüner Strahl sein, aber von einem wunderbaren Grün, von einem Grün, wie es kein Maler auf feiner Palette erreichen kann, von einem Grün, dessen Ton die Natur weder in der so mannigfachen Färbung der Pflanzen noch in der Farbe der klarsten Meere je getroffen hat! Wenn es Grün im Paradiese gegeben hat, dann kann es nur dieses Grün gewesen sein, das wahre Grün der Hoffnung.«

Dieser Aufsatz stand in der »Morgenpost« der Zeitungsnummer, die Miß Campbell in der Hand hielt, als sie in die Halle trat. Diese Zeilen hatten sie mit Begeisterung erfüllt. Mit schwärmerischer Stimme las sie ihren Oheimen diese hier wiedergegebenen Zeilen vor, welche in lyrischer Form die Schönheiten des Grünen Strahles besangen.

Aber was Miß Campbell ihnen nicht sagte, das war der Umstand, daß eben dieser Grüne Strahl in Zusammenhang stand mit einer alten Legende, deren tieferer Sinn ihr bisher nicht klar gewesen war; einer der vielen, dem Hochland entstammenden unklaren Sagen. Diese Legende besagte: dieser Grüne Strahl habe die Kraft, demjenigen, der ihn gesehen hat, die Fähigkeit zu verleihen, daß er sich in Gefühlssachen nie mehr täusche; seine Erscheinung zerstöre alle Illusionen und Täuschungen, und wer einmal so glücklich gewesen sei, ihn zu erblicken, sehe fürder klar in seinem und andrer Herzen.

Man verzeihe einer jungen Schottin aus den Hochlanden die poetische Leichtgläubigkeit, die beim Lesen dieses Aufsatzes der »Morgenpost« in ihrer Phantasie lebendig wurde.

Als Bruder Sam und Bruder Sib Miß Campbell gehört hatten, sahen sie einander mit einer Art Erstarrung an und machten große Augen. Bisher hatten sie gelebt, ohne den Grünen Strahl zu sehen, und sie glaubten auch, daß man leben könne, ohne ihn überhaupt jemals zu sehen. Dieser Meinung schien nun freilich Helena nicht zu sein, die die wichtigste Handlung ihres Lebens hintansetzen wollte, um erst dieses ganz einzige Phänomen zu sehen.

»Also das ist der sogenannte Grüne Strahl?« rief Bruder Sam, indem er sanft den Kopf schüttelte.

»Ja,« antwortete Miß Campbell.

»Und eben den willst du sehen?« fragte Bruder Sib.

»Den werde ich sehen, mit Eurer Erlaubnis, und so bald wie nur irgend möglich, ich bitte recht sehr.«

»Und wenn du ihn dann gesehen hast?«

»Wenn ich ihn gesehen habe, können wir über Aristobulos Ursiklos reden.«

Bruder Sam und Bruder Sib sahen sich verstohlen an und lächelten dann verständnisinnig.

»Also sehen wir uns den Grünen Strahl an!« sagte der eine.

»Ohne einen Augenblick zu verlieren!« setzte der andre hinzu.

Miss Campbell gebot ihnen durch eine Handbewegung Einhalt, als sie eben das Fenster öffnen wollten.

»Wir müssen auf den Sonnenuntergang warten,« sagte sie da.

»Also heute abend,« entgegnete Bruder Sam.

»Wir müssen warten, bis die Sonne im allerreinsten Horizont versinkt,« setzte Miß Campbell hinzu.

»Gut, nach dem Essen werden wir alle drei auf die Spitze von Rosenheat gehen,« sagte Bruder Sib.

»Oder wir gehen einfach auf den Turm des Hauses hinauf,« setzte Bruder Sam hinzu.

»Auf der Spitze von Rosenheat wie auf dem Turm des Hauses,« antwortete Miß Campbell, »haben wir denselben Horizont wie am Ufer des Clyde. Vielmehr am Rande von Meer und Himmel muß der Sonnenuntergang beobachtet werden. Meine Oheime haben sich's also zu überlegen, wie sie mich auf kürzestem Wege vor einen solchen Horizont führen.«

Miß Campbell sprach so ernsthaft und lächelte dabei so allerliebst, daß die Brüder Melvill sich zu folgendem Vorschlag zur Güte bewogen sahen:

»Das ist am Ende nicht so eilig?« bemerkte Bruder Sam.

»Dazu haben wir ja immer noch Zeit,« setzte Bruder Sib, ihn unterstützend, hinzu.

Miß Campbell schüttelte artig den Kopf.

»Wir haben durchaus nicht immer Zeit dazu,« antwortete sie, »und es ist im Gegenteil sehr eilig.«

»Ist es vielleicht im Interesse des Herrn Aristobulos Ursiklos?« sagte Bruder Sam.

»Dessen Glück, wie es scheint, von der Beobachtung des Grünen Strahles abhängt,« sagte Bruder Sib.

»Weil wir schon im August sind, meine lieben Oheime!« antwortete Miß Campbell, »und weil bald die Nebel unsern schottischen Himmel verdüstern werden. Weil es ratsam ist, die schönen Abende auszunützen, die zwischen dem Ende des Sommers und dem Anfang des Winters uns noch verbleiben. Wann werden wir reisen?«

Wenn Miß Campbell in diesem Jahre noch den Grünen Strahl sehen wollte, dann, war allerdings keine Zeit mehr zu verlieren. Es blieb nichts weiter übrig, als unverzüglich sich an einen Punkt des dem Westwind ausgesetzten schottischen Ufers zu begeben, sich dort so behaglich als möglich einzurichten, jeden Abend den Sonnenuntergang zu beobachten, und den letzten Strahl abzupassen.

Vielleicht, wenn man etwas Glück hatte, wurde der etwas phantastische Wunsch der Miß Campbell erfüllt, wenn der Himmel der Beobachtung günstig war – was allerdings sehr selten eintrifft, wie die »Morgenpost« richtig bemerkt hatte.

Und die so gut unterrichtete Zeitung hatte völlig recht!

Zuvörderst handelte es sich darum, einen Teil der Westküste auszusuchen, von wo das Phänomen zu sehen war. Um eine solche Stelle zu finden, mußten sie aus dem Clyde-Golf heraus.

Diese Bucht am Firth of Clyde ist in der Tat mit Hindernissen bedeckt, die das Gesichtsfeld sehr einengen. Da sind die Kyles von Bute, die Insel Arran, die Halbinsel von Knapdale und Cantyre, Jura, Islay, eine weite Masse von Felsblöcken, die, zur geologischen Epoche zerschmettert, den ganzen Westteil der Grafschaft Argyle zu einer Art Archipel gestalten. Dort war unmöglich ein Teil des Horizonts vom Meere zu finden, an welchem man einen Sonnenuntergang hätte beobachten können.

Um also nicht aus Schottland hinaus zu gehen, mußte man weiter nach Norden oder weiter nach Süden gehen, bis man einen unbegrenzten Blick hatte, und dies mußte geschehen, ehe die nebeligen Dämmerungen des Herbstes hereinbrachen.

Wohin man gehen würde, das war Miß Campbell einerlei. Ob nach her Küste von Irland, von Frankreich, von Norwegen, von Spanien, von Portugal – sie hätte sich gleichgiltig dorthin schaffen lassen, wo das Tagesgestirn beim Untergange sie mit seinen letzten Strahlen begrüßt hätte, und ob dies nun den Gebrüdern Melvill lieb war oder nicht, sie mußten ihr wohl oder übel folgen.

Die beiden Oheime hielten sich daher dazu, sich auszusprechen, nachdem sie sich mit Blicken beraten hatten. Aber wie sehr waren diese Blicke durch diplomatische Feinheit ausgezeichnet!

»Schön, meine liebe Helena,« sagte Bruder Sam, »nichts ist leichter, als dir deinen Willen zu tun! Wir gehen nach Oban!«

»Es ist ganz klar, daß wir es nirgends besser treffen können, als in Oban,« setzte Bruder Sib hinzu.

»Gut, gehen wir nach Oban,« antwortete Miß Campbell, »gibt's dort aber auch einen Meereshorizont?«

»Ob's einen gibt!« rief Bruder Sam.

»Eher zwei als einen!« rief Bruder Sib.

»Gut, laßt uns reisen!«

»In drei Tagen,« sagte der eine der Onkels.

»In drei Tagen,« sagte der andere, der es für angebracht hielt, dieses kleine Zugeständnis zu machen.

»Nein, morgen schon!« antwortete Miß Campbell in demselben Augenblick, als die Tischglocke schlug.

»Morgen – ja – morgen!« setzte Bruder Sam hinzu.

»Am besten wär's, wir wären jetzt schon da!« ergänzte Bruder Sib.

Sie hatten recht. Und warum diese Eile? Weil Aristobulos Ursiklos schon seit zwei Wochen zum Sommeraufenthalt in Oban weilte. Weil Miß Campbell, die davon nichts wußte, dann in der Nähe dieses jungen Mannes sein würde, der zu den größten Gelehrten zählte und, was die Gebrüder Melvill nicht bezweifelten, auch zu den langweiligsten. Weil – so dachten die zwei Galgenstricke – Miß Campbell, wenn sie erst das Auge vergeblich angestrengt hätte, den Untergang der Sonne zu beobachten, auf ihre Grille verzichten und schließlich die Hand in die ihres Bräutigams legen würde. Uebrigens würde Helena selbst dorthin gereist sein, wenn sie es geahnt hätte. Die Anwesenheit des Aristobulos Ursiklos konnte ihr nicht hinderlich sein.

»Elsa!«

»Else!«

»Elsi!«

»Elschen!«

»Elsbeth!«

Die Reihe dieser Rufnamen erklang von neuem in der Halle. Aber diesmal erschien dann Elsbeth und erhielt den Auftrag, am folgenden Tage zu sofortiger Abreise zu rüsten.

In der Tat war Eile nötig. Das Barometer, das über 30 3/10 Zoll (769 mm) stand, verhieß schönes Wetter von einiger Dauer. Wenn man am Morgen des folgenden Tages abreiste, würde man doch rechtzeitig in Oban eintreffen, um den Sonnenuntergang zu sehen.

An diesem Tage waren natürlich Dame Elsbeth und Partridge angesichts der plötzlichen Abreise sehr beschäftigt. Die siebenundvierzig Schlüssel der Haushälterin klapperten in ihrer Tasche wie die Schellen eines spanischen Maultieres. Wie viel Schränke, wie viel Schubladen gab es zu öffnen und vor allem zu verschließen! Vielleicht sollte das Haus Helensburgh auf lange Zeit leer stehen? Mußte man nicht mit der Laune der Miß Campbell rechnen? Und wenn es nun dieser reizenden Person gefiel, hinter ihrem Grünen Strahl herzulaufen? Und wenn dieser Grüne Strahl sich ein Späßchen daraus machte, sich zu verstecken? Und wenn der Horizont von Oban nicht ganz die Klarheit zeigte, die für diese Art Beobachtung nötig war? Und wenn man einen andern astronomischen Posten aufsuchen mußte mehr im Süden des Ufers von Schottland oder England oder Irland, gar nicht zu reden vom Kontinent? Am folgenden Tage sollte die Abreise sein, das war ausgemacht, aber wann würde man wiederkehren? In einem Monat, in sechs Monaten, in einem Jahr, in zehn Jahren?

»Und warum diese Idee, den Grünen Strahl zu sehen?« fragte Dame Elsbeth, der Partridge nach besten Kräften half.

»Ich weiß nicht,« antwortete Partridge, »aber es muß doch seine Richtigkeit haben, und unsre junge Herrin tut nichts ohne Grund, das wissen Sie ja auch, Mavourneen!«

Mavourneen ist ein in Schottland häufig gebrauchter Ausdruck – der soviel besagt wie »mein Liebling«, und es mißfiel der famosen Haushälterin durchaus nicht, von dem braven Schotten so tituliert zu werden.

»Partridge,« antwortete sie, »ich glaube wie Sie, daß diese Grille von Miß Campbell, die so ganz urplötzlich aufkommt, vielleicht einen ernsthaften Gedanken verbirgt!«

»Das wäre?«

»Nun, wer weiß! Vielleicht eine Absage – zum mindesten will sie damit wohl die Pläne ihrer Oheime hinausschieben!«

»Wahrhaftig,« setzte Partridge hinzu, »ich weiß nicht, warum die Herren Melvill sich so sehr auf diesen Herrn Ursiklos versessen haben. Ist denn das ein passender Mann für unser gnädiges Fräulein?«

»Seien Sie versichert, Partridge,« stimmte Dame Elsbeth bei, »wenn er ihr nicht ausgezeichnet zusagt, dann heiratet sie ihn überhaupt nicht. Sie wird ihren Oheimen ein vergnügtes Nein sagen, indem sie sie auf beide Backen küßt, und ihre Oheime werden ganz verwundert sein, daß sie auch nur einen Augenblick an diesen Mann hätten denken können, dessen hochnäsiges Wesen mir auch ganz und gar nicht gefällt!«

»Mir auch nicht, Mavourneen!«

»Sehen Sie, Partridge, das Herz von Miß Campbell ist wie diese Schublade, die sie mit ihrem Sicherheitsschlüssel fest verschlossen hat. Sie allein hat den Schlüssel dazu, und wer sie öffnen will, muß den erst von ihr bekommen –«

»Oder ihn ihr nehmen!« setzte Partridge mit beifälligem Lächeln hinzu.

»Den kann man ihr nicht nehmen, sofern sie ihn sich nicht nehmen lassen will,« antwortete Dame Elsbeth.

»Und der Wind möge meine Haube nach der Spitze des Glockenturms von Sankt-Mungo entführen, wenn unsre junge Herrin jemals diesen Herrn Ursiklos heiratet!«

»Einen Südländer!« rief Partridge.

»Und wenn er auch in Schottland geboren ist, er hat doch stets südlich vom Tweed gelebt!«

Dame Elsbeth schüttelte den Kopf. Diese beiden Hochländer verstanden sich gut. Für sie gehörten kaum die »niederen Lande« zu dem alten Kaledonien, allen Verträgen der Union zum Trotz. Jedesfalls waren sie beide nicht gut zu sprechen auf die geplante Hochzeit.

Sie hofften eine bessere Partie für Miß Campbell. Wenn sie auch ganz günstig sein mochte, so genügte sie ihnen doch noch nicht.

»Ach, Partridge,« sagte Dame Elsbeth, »die alten Bräuche der Hochländer sind noch immer die besten, und ich glaube, bei der Sitte unserer alten Clans sicherte eine Heirat ein größeres Glück als heutzutage!«

»Sie haben nie wahrer gesprochen, Mavourneen!« erwiderte Partridge ernst. »Damals suchte man noch ein wenig mehr nach dem Herzen und sah weniger nach der Börse. Geld ist sicher ganz schön, aber Liebe ist noch besser.«

»Ja, Partridge! Und vor allem wollte man sich damals erst kennen, ehe man sich heiratete! Erinnern Sie sich, was auf der Messe von Saint-Olla in Kirkwall passierte? Während ihrer ganzen Dauer von Anfang August ab taten sich die jungen Leute zu Paaren zusammen und diese Paare nannte man Bruder und Schwester vom ersten August! Bereitete nicht dieses Bruder und Schwester einen ganz sanft vor, Mann und Frau zu werden? Und warten Sie! wir haben heute gerade den Tag, wo ehedem die Messe von Saint-Olla anfing, die der liebe Gott zu neuem Dasein erwecken möge!«

»Wenn er Sie nun erhörte!« antwortete Partridge. »Wenn doch Herr Sam und Herr Sib selber eine hübsche Schottin geheiratet hätten, sie wären dann dem gemeinsamen Schicksal nicht entronnen, und Miß Campbell würde jetzt zwei Tanten mehr in ihrer Familie zählen!«

»Das gebe ich zu, Partridge,« antwortete Dame Elsbeth, »aber versuchen Sie, jetzt Miß Campbell mit Herrn Ursiklos zusammenzubringen, und die Clyde soll von Helensburgh nach Glasgow fließen, wenn in acht Tagen nicht ihr Verhältnis wieder gelöst ist!«

Ohne die Unannehmlichkeiten zu betonen, die diese durch die jetzt verschwundenen Gebräuche von Kirkwall zu Recht erhobene Vertraulichkeit verursachen konnte, mußte man doch zugeben, daß die Tatsachen der Dame Elsbeth recht gegeben hätten. Aber Miß Campbell und Aristobulos Ursiklos waren schließlich nicht Bruder und Schwester vom ersten August, und wenn ihre Hochzeit jemals zustande kam, so hätten sich allerdings die Brautleute nie so genau kennen lernen können, wie wenn sie die Prüfzeit der Messe von Saint-Olla überstanden hätten.

Wie dem auch sei, eine Messe ist für Geschäfte anberaumt, nicht für Hochzeiten. Man mußte also Dame Elsbeth und Partridge ihrem Kummer überlasten, die in einem fort plauderten, ohne indessen eine Minute zu versäumen.

Die Abreise war festgesetzt. Der Ort für den Sommeraufenthalt war ausgewählt. In den Journalen des High-Life würden unter der Rubrik »Wohnungsveränderungen und Sommeraufenthalt« die beiden Brüder Melvill und Campbell verzeichnet stehen und zwar schon am folgenden Tage unter der Station Oban. Aber wie würde diese Wohnungsveränderung vor sich gehen? Darüber mußte man sich noch schlüssig werden.

Auf zwei verschiedenen Wegen konnte man diese kleine Stadt erreichen, die an der Meerenge von Mull liegt, einige 100 Meilen nordwestlich von Glasgow.

Der erste Weg ist ein Landweg. Man fährt nach Bowling, dann kommt man über Dumbarton und das rechte Leven-Ufer an Balloch vorbei am äußersten Ende von Lomond: man fährt über den schönsten See Schottlands, der mit seinen dreißig Inseln, zwischen seinen historischen Ufern, voller Erinnerungen an die Mac-Gregor und Mac-Farlane, mitten im Lande Rob Roys und Robert Bruces liegt, und kommt nach Dalmaly; von dort auf einem Wege, der an der Flanke der Berge herumführte, meistens an der Mitte des Abhangs hin, über Bergströme und Fjorde, durch die ersten Vorläufer der Grampianskette, inmitten von Tälern, die mit Heidekraut bedeckt und hie und da von Tannen, Eichen, Lärchen und Weiden bestanden waren, steigt der erstaunte Reisende nach Oban hinunter, dessen Strand den malerischsten des ganzen Atlantischen Ozeans nicht nachsteht.

Dies ist ein reizender Ausflug, den jeder Reisende in Schottland gemacht hat oder machen sollte. Aber von einem Meereshorizont ist auf diesem Wege nichts zu sehen. Als daher die Brüder Melvill Miß Campbell den Vorschlag machten, diesen Weg einzuschlagen, wurden sie abgewiesen.

Der zweite Weg war Fluß- und Seeweg. Man fuhr die Clyde hinunter bis zum Golf, dem sie den Namen gegeben, fuhr zwischen den Inseln hin, die diesem seltsamen Archipel die Gestalt einer Knochenhand geben, welche sich auf diesen Teil des Ozeans legt, und stieg dann an der rechten Seite dieser Hand bis zum Hafen von Oban hinunter. Das war Miß Campbeils Fall, für die das reizende Land vom Lomond und Loch Kathrine keine Geheimnisse hatte. Uebrigens konnte man durch die Inseln hindurch in der Ferne der Meerenge und Golfe nach Westen blicken. Dort begrenzte eine Wasserlinie den Horizont. Wäre es denn beim Sonnenuntergang während der letzten Stunde dieser Ueberfahrt, wenn kein Nebel den Horizont verschleierte, unmöglich, den Grünen Strahl zu sehen, dessen Schein kaum den fünften Teil einer Sekunde andauert?

»Sie begreifen, Onkel Sam,« sagte Miß Campbell, »es kommt auf einen Augenblick an. Wenn ich also gesehen habe, was ich sehen wollte, ist die Reise beendet, und es ist unnütz, sich in Oban niederzulassen.«

Das war nun den Brüdern Melvill nicht recht. Sie wollten sich auf einige Zeit in Oban häuslich einrichten – der Grund, ist bekannt – und es lag ihnen nichts daran, daß eine zu rasche Erscheinung des Phänomens ihre Pläne zerstörte.

Da nichtsdestoweniger Miß Campbell die erste Geige spielte und für den Seeweg stimmte, so wurde diesem vor dem Landweg der Vorzug gegeben.

»Zum Teufel mit diesem Grünen Strahl!« sagte Bruder Sam, als Helena die Halle verlassen hatte.

»Mitsamt denen, die ihn entdeckt haben!« ergänzte Bruder Sib.

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