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Der grüne Strahl

Jules Verne: Der grüne Strahl - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorJules Verne
titleDer grüne Strahl
publisherVerlag von A. Weichert
yearo.J.
translatorWalter Heichen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20141208
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Erstes Kapitel

Der Bruder Sam und der Bruder Sib.

»Elsa!«

»Else!«

»Elsi!«

»Elschen!«

»Elsbeth!«

Diese fünf Rufnamen erschallten hintereinander in der prachtvollen Halle von Helensburgh – eine Manie der Brüder Sam und Sib, die Dame zu rufen, der die Hausverwaltung ihres Landsitzes unterstand. Diesmal aber führten diese vertraulichen Verkleinerungsformen des Namens Elisabeth die vortreffliche Dame so wenig zur Stelle, als wenn ihre Brotherren sie mit ihrem vollen Namen gerufen hätten. An ihrer Statt erschien in höchsteigener Person Herr Intendant Partridge zu deutsch: Rebhuhn. an der Tür der Halle, mit der Faltenmütze in der Hand.

Im Rahmen eines Fensters, das mit seinen drei Butzenscheiben über die Fassade des Hauses vorsprang, saßen zwei Persönlichkeiten von stattlichem, gesundem Aussehen.

»Die Herren haben Madame Elsbeth gerufen,« sprach er; »aber Madame Elsbeth befindet sich nicht auf dem Landsitz.«

»Wo steckt sie denn, Partridge?«

»Sie promeniert mit Miß Campbell im Parke.«

Nach diesen Worten zog sich Partridge, einem Winke gehorsam, den ihm die beiden Persönlichkeiten gaben, mit Ernst und Würde zurück.

Die beiden Persönlichkeiten waren die Brüder Sam und Sib – mit ihrem richtigen Taufnamen Samuel und Sebastian – Oheime von Miß Campbell. Schotten von altem Schrot und Korn, Schotten aus einem alten Clan der Hochlande, zählten sie zusammen der Jahre einhundertundzwölf, bei einem Altersunterschiede von bloß fünfzehn Monaten zwischen Sam, dem älteren, und Sib, dem jüngeren Bruder.

Um diese Urbilder der Ehrenhaftigkeit, Herzensgüte und selbstlosen Aufopferung mit einigen Strichen zu skizzieren, genügt es, dem Leser in das Gedächtnis zu rufen, daß ihrer beider ganzes Dasein ihrer Nichte geweiht worden war. Die Mutter derselben, ihrer beider rechte Schwester, hatte nach einjähriger Ehe ihren Mann verloren und war bald nach dessen Tode von einer furchtbaren Krankheit blitzschnell hinweggerafft worden. Sam und Sib Melvill verblieben also als Hüter der kleinen Waise allein hienieden zurück. Vereinigt durch das Band gleicher Liebe und Zärtlichkeit, lebten sie ausschließlich für ihre Nichte, gehörten ihre Gedanken ausschließlich ihrer Nichte, träumten sie ausschließlich von ihrer Nichte.

Um ihrer Nichte willen waren sie beide Junggesellen geblieben, übrigens ohne alles Herzeleid deswegen, denn sie gehörten zu jenen edlen guten Geschöpfen, die hienieden keine andere Rolle als die eines Schutzengels zu spielen haben ... und weiter: läßt sich wohl mehr noch sagen, als daß sich der ältere Bruder zum Vater, der jüngere zur Mutter des Waisenkindes hergegeben oder vielmehr herangebildet hatte? Darum gehörte es im Grunde gar nicht zu den Seltenheiten, daß Miß Campbell ihnen auf die allernatürlichste Weise die Worte: »Guten Tag, Papa Sam!« oder »Wie geht's, Mama Sib!« zum Gruße sagte.

Mit wem könnten sie wohl besser verglichen werden, diese beiden Oheime, von dem geschäftlichen Charakter freilich abgesehen, als mit jenen beiden mildtätigen Großkaufleuten von so beispielloser Herzensgüte, Einigkeit und Nächstenliebe, den Gebrüdern Cheeryble in der City von London, den vollkommensten Charakteren, die der Phantasie eines Dickens entsprungen sind! Einen gerechteren Vergleich, eine zutreffendere Aehnlichkeit zu finden, wäre ein Ding der Unmöglichkeit, und sollte jemand den Verfasser dieser Erzählung eines Plagiats beschuldigen wollen deshalb, weil er dem Meisterwerke »Nicholos Nickleby« diesen Typus entlehnte, so wird es andererseits niemand beklagen können, daß er solches zu tun sich erkühnt hat.

Sam und Sib Melvill, die durch diese Verheiratung ihrer Schwester in Verwandtschaft mit einer Seitenlinie des uralten Geschlechts der Campbell getreten waren, hatten einander niemals verlassen. Ein und dieselbe Erziehung hatte ihnen ein und dieselben Grundsätze in sittlicher Hinsicht eingeimpft. Sie hatten das gleiche Gymnasium besucht, hatten in der gleichen Klasse gesessen, also ein- und denselben Schulunterricht genossen. Gleichwie sie im großen und ganzen die nämlichen Ideen über alle Dinge in ein und denselben Worten zum Ausdruck brachten, so konnte auch immer der eine den Satz des andern mit denselben Ausdrücken, verstärkt durch dieselben Gebärden, zu Ende sagen. Alles in allem genommen, bildeten also diese beiden menschlichen Wesen bloß ein Wesen, wenn auch in ihrer körperlichen Beschaffenheit mancherlei Unterschied zwischen ihnen bestand. Sam war nämlich ein Stück größer als Sib, und Sib ein bißchen dicker als Sam: aber ihre grauen Haare hätten sie gut miteinander tauschen können, ohne daß sich an dem Charakter ihres ehrsamen Gesichts, auf dem sich der ganze Adel der Abkömmlinge des Clans der Melvills ausgeprägt wiederfand, auch nur das geringste geändert hätte.

Brauche ich noch hinzuzufügen, daß sie im Schnitt ihrer schlichten und altmodischen Kleidung, in der Wahl ihrer Stoffe von gutem englischen Tuch einen ähnlichen Geschmack aufwiesen, bis auf den einzigen geringen Unterschied – wer fände wohl übrigens für denselben die Erklärung? – daß Sam vorwiegend die tiefblaue, Sib die dunkelbraune Farbe bevorzugte?

Wer hätte übrigens nicht mit diesen würdigen Gentlemen nähern Umgang pflegen wollen? Gewohnt, im selben Tempo durch das Leben zu wandern, würden sie zweifelsohne, wenn ihnen die letzte Stunde schlüge, in knappem Abstande voneinander zu ihrer letzten Ruhe eingehen. Vorläufig waren aber diese beiden letzten Säulen des Hauses Melvill noch äußerst standfest. Daß sie das alte Gebäude ihrer Rasse, die sich aus dem 14. Jahrhundert herschrieb – aus der Heldenzeit der Robert Bruce und der Wallace. jenem Zeitalter der Heroen, in dessen Verlaufe Schottland den Engländern seine Rechte auf Unabhängigkeit abgewann – noch lange aufrechterhalten würden, ließ sich mit ziemlicher Sicherheit annehmen.

Wenn aber Sam und Sib Melvill keine Gelegenheit mehr gehabt hatten, für das Wohl ihres Vaterlandes in den Kampf zu ziehen, wenn sich ihr friedlicher gestaltetes Leben in der Ruhe und Behaglichkeit abgespielt hatte, welche das Glück verleiht, so dürfte sich ihnen hieraus kein Vorwurf machen lassen, auch dürfte man nicht zu dem Glauben hieraus gelangen, daß sie aus der Art geschlagen wären. Die edelsinnigen Ueberlieferungen ihrer Ahnen hatten sie durch Uebung guter Werke fortgesetzt.

So waren sie, zufolge ihres beiderseitigen Wohlbefindens und weil sie sich keine einzige Unregelmäßigkeit in ihrer ganzen Lebensführung vorzuwerfen hatten, ausersehen, zu einem hohen Alter zu gelangen, ohne jemals, weder geistig noch körperlich, wirklich alt zu werden.

Vielleicht hatten sie einen Fehler – wer kann sich schmeicheln, vollkommen zu sein? – nämlich den, daß sie ihre Unterhaltung mit Bildnissen und Citaten schmückten, die sie dem berühmten Schloßherrn von Abbotsford und mehr noch den Heldengesängen Ossian's entlehnten, für die sie schwärmten. Aber wer vermöchte ihnen im Lande Fingal's und Scott's einen Vorwurf hieraus zu machen?

Um ihr Bild mit einem letzten Pinselstriche zu vollenden, mag noch bemerkt werden, daß sie große Schnupfer vor dem Herrn waren. Nun ist es aber wohl männiglich bekannt, daß das Aushängeschild der Tabakhändler im Vereinigten Königreich zumeist einen tapfern Schotten, der sich in seinem traditionellen Kostüm aufbläht wie ein Pfau, mit der Dose in der Hand, vorstellt. Nun, die Brüder Melvill hätten auf solchem Schild aus bemaltem Zink, wie sie vor den Tabaksverkaufsstellen knarren, eine ganz vorzügliche Figur gespielt. Sie schnupften ganz ebenso viel und vielleicht mehr sogar, als irgendwer sonst diesseits und jenseits vom Tweed Grenzfluß zwischen England und Schottland. A. d. Ü. Was aber als eine charakteristische Besonderheit gelten konnte, sie hatten bloß eine einzige Dose – freilich eine von Riesengröße. Dieses bewegliche Gerätstück wandelte reihum aus der Tasche des einen in die Tasche des andern der beiden Brüder. Es bildete gleichsam ein weiteres Band zwischen ihnen. Selbstverständlich fühlten sie zur selben Zeit, zehnmal vielleicht in jeder Stunde, das Bedürfnis, das vortreffliche nikotinhaltige Pulver in die Nase zu führen, das sie aus Frankreich bezogen. Zog der eine die Dose aus den Tiefen seiner Kleidung, so fühlten sie alle beide das Verlangen nach einer guten Prise, und wenn sie niesten, so wünschte einer dem andern Gesundheit.

In allem, was das wirkliche Leben angeht, waren die Brüder Sam und Sib zwei richtige Kinder; von den praktischen Dingen dieser irdischen Welt hatten sie bloß eine höchst matte Ahnung; in industriellen, finanziellen oder kommerziellen Dingen waren sie geradezu krasse Nullen und erhoben auch durchaus nicht Anspruch auf solche Kenntnisse; in politischer Richtung waren sie von Herzen vielleicht Jakobiten, die gegen die regierende Dynastie des Hauses Hannover mancherlei Vorurteile hatten, des letzten Stuarts gedachten, wie ein Franzose des letzten Valois sich erinnern dürfte; in Herzenssachen waren sie endlich noch weit weniger auf dem Laufenden oder zu Hause.

Und doch hegten die Brüder Melvill bloß eine einzige Vorstellung, nämlich: klar im Herzen von Miß Campbell zu sehen, die geheimsten Gedanken darinnen zu lesen, dieselben zu lenken, wenn es not tat, dieselben zur Entfaltung zu bringen, wenn es anders nicht anging, und last not least, die Nichte mit einem wackern Menschen, wie er ihnen paßte, zu verheiraten: denn daß solche Wahl, wie sie sie trafen, das Mädchen glücklich machen müsse, war eine Sache, die sich ihrer Meinung nach ganz von selbst verstand.

Wenn man ihnen glauben durfte, – oder vielmehr, wenn man sie reden hörte – hatte es ganz den Anschein, als hätten sie den braven Menschen schon gefunden, dem diese liebenswürdige Aufgabe hienieden beschert sein sollte.

»Also Helena ist ausgegangen, Bruder Sib?«

»Jawohl, Bruder Sam, aber es ist jetzt 5 Uhr, und lange kann es nicht mehr dauern, bis sie wieder hier ist ...«

»Und wenn sie wieder hier ist ...«

»Dann wird es wohl angezeigt sein, Bruder Sam, mal ein recht ernstes Wort mit ihr zu reden!«

»In einigen Wochen, Bruder Sib, wird unsere Tochter ihr achtzehntes Lebensjahr vollendet haben.«

»Diana Vernons Alter, Bruder Sam! Ist sie nicht ganz ebenso reizend, wie die bewundernswürdige Heroine Robins des Roten?«

»Jawohl, Bruder Sam, und dank ihrem Wesen ...«

»Ihrer Geistesbildung ...«

»Der Urwüchsigkeit ihrer Ideen ...«

»... erinnert sie mehr an Diana Vernon als Flora Mac Ivor, die erhabene und imposante Figur aus Waverley!«

Die Brüder Melvill zitierten, stolz auf den Schriftsteller ihrer Nation, noch andere Namen von Heroinen aus dem »Altertümler«, »Guy Mannering«, dem »Abt«, dem »Kloster«, dem »Hübschen Mädchen von Perth«, dem »Schloß von Kenilworth« u.s.w.; aber sie alle mußten ihrer Vorstellung nach vor Miß Campbell die Segel streichen.

»Ein junges Rosenbäumchen, das ein bißchen schnell getrieben hat, Bruder Sib, und dem es not tut ...«

»... Einen Beschützer zu geben, Bruder Sam. Nun habe ich mir aber sagen lassen, daß der beste Beschützer von allen ...«

»... Ganz entschieden eine Ehemann sein müsse, Bruder Sib, denn er schlägt seinerseits Wurzel in demselben Boden ...«

»... und treibt ganz eo ipso, Bruder Sam, zusammen mit dem jungen Rosenbäumchen, das er beschützt!«

Diese Metapher hatten die beiden Brüder und Oheime zusammen aus dem Büchlein »Der perfekte Gärtner« geschöpft. Zweifelsohne gefiel sie ihnen ausnehmend, denn sie führte das nämliche befriedigende Lächeln auf beider gutmütiges Angesicht. Die gemeinsame Dose wurde vom Bruder Sib aufgeklappt, der zart und behutsam die beiden Finger hineinversenkte. Dann glitt sie in die Hand des Bruders Sam, der sie in die Tasche schob, nachdem er eine tüchtige Prise in seine Nase geführt hatte.

»Demnach befinden wir uns in Uebereinstimmung, Bruder Sam?«

»Wie immer, Bruder Sib!«

»Auch hinsichtlich der Wahl des Beschützers?«

»Ließe sich denn ein Mensch finden, der sympathischer und für Helena passender wäre als dieser junge Gelehrte, der uns zu wiederholten malen schon Empfindungen von so genehmer Form offenbart hat ...«

»... und von so ernster Aufrichtigkeit, was seine Stellung zur Sache angeht ...«

»Etwas Besseres zu finden, würde wahrlich eine recht schwere Sache sein! Von Universitätsbildung, im Besitze von Universitätsgraden ... von Oxford sowohl als von Edinburg ...«

»Ein Physiker à la Tyndall ...«

»Chemiker à la Faraday ...«

»... der den Grund aller Dinge hienieden aus dem Fundament kennt, Bruder Sam ...«

»... und den man mit keiner Frage, gleichviel welcher Art, aufs trockene setzen könnte, Bruder Sib ...«

»Abkömmling einer ausgezeichneten Familie der Grafschaft Fife – zudem Besitzer eines ausreichenden Vermögens –«

»Von seinem, meiner Ueberzeugung nach, höchst angenehmen Aeußern, selbst einschließlich seiner Aluminium-Brille, ganz zu schweigen!«

Wäre auch die Brille dieses Heros aus Stahl, Nickel oder gar Gold gewesen, so würden die Brüder Melvill hierin keinerlei redhibitorischen Fehler In der französischen Gesetzgebung bezeichnet dieser Terminus (Ausdruck) diejenigen im Gesetz namhaft gemachten Krankheiten oder Fehler, deren Vorhandensein allein die Wandlungsklage rechtfertigt. erblickt haben. Zudem trifft es ja zu, daß dergleichen optische Apparate jungen Gelehrten vortrefflich stehen, denn sie vervollständigen die etwas ernste Physiognomie nach Wunsch.

Aber ob dieser von den genannten Universitäten graduierte Gelehrte, Physiker, Chemiker u. s. w., auch Miß Campbell gefallen würde?! Wenn Miß Campbell eine andere Diana Vernon war, so hatte bekanntlich Diana Vernon für ihren gelehrten Vetter Rashleigh keine andere Empfindung als die einer dauernden Freundschaft und heiratet ihn am Schlusse des Bandes keineswegs.

Recht! das war wirklich und wahrhaftig nicht dazu angetan, Unruhe in die Gemüter der beiden Brüder zu säen. Sie brachten dieser Angelegenheit die ganze Unerfahrenheit aller Junggesellen entgegen, die in solchen Dingen ziemlich unmaßgeblich sein müssen.

»Begegnet sind sie sich schon häufig, Bruder Sib, und unser junger Freund hat nicht so ausgesehen, als sei er für Helenas Schönheit unempfindlich!«

»Das glaube ich schon, Bruder Sam! Der göttliche Ossian hätte sie, wenn er ihre Tugenden, ihre Schönheit und ihre Huld hätte besingen sollen, Moina genannt, nämlich die Herzensdame von jedermann ...«

»Falls er sie nicht Fiona genannt hätte, Bruder Sib, nämlich die Schöne ohne gleichen der gälischen Zeiten!«

»Hatte er nicht unsere Helena mit Seheraugen erraten, Bruder Sam, als er sagte: »Sie verläßt den Zufluchtsort, wo sie im füllen seufzte, und erscheint in, ihrer ganzen Schönheit wie der Mond am Saum einer Wolke des Ostens ...«

»... und der blendende Glanz ihrer Anmut umgibt sie gleich Lichtstrahlen, Bruder Sib, und der Hall ihrer leichten Tritte klingt dem Ohre lieblich gleich einer süßen Musik!«

Zum Glück sanken die beiden Brüder, als sie mit ihren Zitaten hier zum Stillstand kamen, aus dem leichtumwölkten Himmel der Barden in den Bereich der Wirklichkeiten.

»Ganz sicher,« sprach der eine, »kann es unserm jungen Gelehrten, wenn Helena ihm gefällt, nicht fehlen, daß er auch ihr gefällt ...«

»... und wenn sie ihrerseits, Bruder Sam, den großen Vorzügen, mit denen ihn Natur so reichlich beschenkt hat, noch nicht alle ihnen schuldige Aufmerksamkeit erwiesen hat ...«

»... so liegt das einzig und allein daran, Bruder Sib. weil wir ihr noch nicht gesagt haben, daß es nun Zeit sei, an Heiraten zu denken.«

»Aber sobald wir ihren Sinn erst auf dieses Ziel hin gelenkt haben werden, wird sie, selbst angenommen, sie habe einen gewissen Grad von Abneigung, wenn auch nicht gegen den Ehemann, so doch zum wenigsten gegen die Ehe selber ...«

»... nicht säumen, mit einem Ja zu antworten, Bruder Sam ...«

»Gleich jenem trefflichen Benedikt, Bruder Sib, der nach langem Sträuben ...«

»... schließlich, wenn sich der Knoten in »Viel Lärm um nichts« löst, Beatrix heiratet.«

Auf solche Weise brachten die beiden Oheime von Miß Campbell die Dinge ins Lot, und die Lösung dieser Verwickelung bedünkte ihnen ganz ebenso natürlich zu sein wie die Lösung, die Shakespeare seiner Komödie gibt.

Zufolge gemeinsamen Einfalls waren sie aufgestanden. Sie beobachteten einander mit pfiffigem Lächeln. Sie rieben sich demgemäß die Hände. Diese Heirat war also beschlossene Sache! was für eine Schwierigkeit hätte sich aus ihr noch ergeben können? Der junge Mann hatte ihnen seinen Antrag gestellt. Das junge Mädchen würde ihnen die Antwort, wie sie hierüber dächte, nicht schuldig bleiben; über eine solche brauchten sie selber sich den Kopf gar nicht erst zu zerbrechen. Alles, was Anstand und Schicklichkeit heischte, war bei der Angelegenheit gewahrt. Es brauchte bloß noch Tag und Stunde festgesetzt zu werden.

Die Hochzeit versprach tatsächlich eine brillante Feierlichkeit zu werden. Fehlen sollte es dabei an nichts! Vor sich gehen sollte sie in Glasgow ... in der Kathedrale von Sankt-Mungo – der einzigen Kirche, die mit Sankt-Magnus der Orkney-Inseln zur Zeit der Reformation respektiert worden war – aber nicht! Nein! auf keinen Fall! Sankt-Mungo ist zu klobig, zu schwer, mithin auch zu traurig für eine hochzeitliche Feier, bei der, wie sich die Brüder Melvill die Sache dachten, gleichsam alles in jugendlicher Blüte stehen, alles Liebe ausstrahlen, alles, von Liebe strahlen müsse! weit, weit eher gedachten sie die Sankt-Andreas- oder die Sankt-Henoch-Kirche oder auch Sankt-Georgskirche, die sich im fashionabelsten Viertel der Stadt erhebt, zu solchem Zwecke auszusuchen.

Der Bruder Sam und der Bruder Sib fuhren fort, ihre Projekte unter einer Form zu entwickeln, die weit eher an den Monolog als an den Dialog erinnerte, da es immer die nämliche Folge von Gedanken blieb, die auf die nämliche Weise zum Ausdruck gebracht wurden. Während sie sich so unterhielten, betrachteten sie durch die Butzenscheiben des großen Fensters die schönen Bäume des Parks, unter denen im Augenblick Miß Campbell lustwandelte; die mit frischem Grün bedeckten Rabatten, die sich an munter plätschernden Bächlein entlang zogen: den mit flimmerndem Nebel gesättigten Himmel, der eine Besonderheit der Hochlande im mittleren Schottland zu bilden scheint. Sich selber sahen sie nicht an, denn das wäre unnütz gewesen; hin und wieder aber trieb sie eine instinktive Regung ihres liebreichen Herzens, sich unterzufassen, oder sich die Hand zu reichen, gleichsam um mittelst eines hierdurch geschaffenen magnetischen Stromes eine noch bessere Gedankenharmonie zwischen sich herzustellen.

Jawohl! das würde über alle Maßen prächtig werden! man würde alles im großen und vornehmsten Maßstabe herrichten! Die armen Leute in der West-George-Street, wenn es ihrer gäbe, sollten beim Fest keineswegs vergessen werden. Sollte nun, was ja aber gar nicht möglich wäre, Miß Campbell wünschen, daß alles einfacher verliefe, und hierin ihren Oheimen am Ende gar »Vernunft predigen« wollen, so würden ihr diese zum allerersten mal in ihrem Leben mannhaft die Stirn zu bieten wissen. Weder in diesem noch irgend einem anderen Punkte, der mit diesem Plane zusammenhinge, wollten sie sich als nachgiebig zeigen. Im Stile hoher Festlichkeit, ganz nach uraltem Brauche, sollten die Hochzeitsgäste beim Hochzeitsmahle »auf die Erhaltung des Dachgebälks« trinken: und Bruder Sams rechter Arm hob sich gleichzeitig mit Bruder Sibs rechtem Arm zu halber Höhe, gleich als ob sie den berühmten schottischen Trink- und Tafelspruch schon zum voraus zusammen ausgetauscht hätten.

In diesem Augenblicke ging die Tür der Halle auf. Ein junges Mädchen mit vom raschen Lauf geröteten Wangen erschien auf der Schwelle. In der Hand schwenkte sie ein auseinander gefaltetes Zeitungsblatt. Sie kam auf die Brüder Melvill zugelaufen und zollte einem jeden von ihnen die Ehre zweier Küsse.

»Guten Tag, Onkel Sam,« sagte sie.

»Guten Tag, herzliebes Töchterlein!«

»Wie geht's dir denn, Onkel Sib?«

»Ausgezeichnet«

»Helena,« sprach der Bruder Sam, »wir haben eine kleine Abmachung mit dir zu treffen.«

»Eine Abmachung? Was denn für eine Abmachung? Also wohl komplottiert, Onkel Sam und Onkel Sib?« fragte Miß Campbell, deren Blicke, nicht ohne einen gewissen Grad von schelmischer Bosheit, vom einen zum andern wanderten.

»Der junge Mann, Herr Aristobulos Ursiklos, ist dir nicht unbekannt?«

»Nein, ich kenne ihn!«

»Würde er dir nicht mißfallen?«

»Warum sollte er mir mißfallen, Onkel Sam?«

»Also würde er dir gefallen?«

»Warum sollte er mir gefallen, Onkel Sib?«

»Nun, der Bruder und ich denken ihn dir nach reiflicher Ueberlegung als Ehemann vorzuschlagen.«

»Ich soll mich verheiraten! ich!« rief Miß Campbell und brach in das lustigste Lachen aus, das jemals von den Wänden der hohen Halle zurückgeschallt war.

»Du willst dich nicht verheiraten?« fragte der Bruder Sam.

»Wozu soll das taugen?«

»Niemals?« fragte der Bruder Sib.

»Niemals,« antwortete Miß Campbell und gab ihrem Gesichte eine ernste Miene, die ihr schelmisch lächelnder Mund Lügen strafte – »niemals, Onkel Sam und Onkel Sib ... wenigstens nicht eher, als bis meine Augen ...«

»Nun? weiter! was denn?« riefen der Bruder Sam und der Bruder Sib.

»Als bis meine Augen den Grünen Strahl gesehen haben werden.«

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