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Der grüne Strahl

Jules Verne: Der grüne Strahl - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorJules Verne
titleDer grüne Strahl
publisherVerlag von A. Weichert
yearo.J.
translatorWalter Heichen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20141208
projectiddbf399c3
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Dreiundzwanzigstes Kapitel

Schluß.

Am folgenden Tage, dem 12. September, lichtete bei heitrer See und günstiger Brise die »Clorinda« die Anker und nahm Kurs auf den südwestlichen Teil des Hebriden-Archipels. Bald verschwanden Staffa, Jona und die Spitze von Mull hinter den hohen Außensäulen der großen Insel.

Nach glücklicher Ueberfahrt stiegen die Fahrgäste der Jacht im kleinen Hafen von Oban aus; auf der Oban-Dalmaly-Bahn und weiterhin auf der Dalmaly-Glasgow-Bahn, die sie durch den malerischsten Teil der Hochlande führte, legten sie die Reise nach Helensburgh zurück.

Zehn Tage später wurde mit großer Feierlichkeit in der Sankt-Georgskirche zu Glasgow eine Hochzeit gefeiert; aber man darf freilich nicht denken, daß das Paar Aristobulos Ursiklos und Miß Campbell war. Obgleich Olivier Sinclair der Bräutigam war, zeigten sich doch Bruder Sam und Bruder Sib nicht weniger befriedigt als ihre Nichte beglückt.

Daß diese unter so seltsamen Umständen geschlossene Verbindung die Gewähr des Glückes in sich trug, braucht eigentlich nicht erst bemerkt zu werden. Die Farm von Helensburgh, das Hotel von West-George-Street in Glasgow, ja die ganze Welt hätten nicht genügt, all dies Glück zu fassen, das dennoch in der Fingalshöhle Raum gefunden hatte.

Aber Olivier Sinclair, der zwar das so ersehnte Phänomen nicht gesehen hatte, war dennoch darauf bedacht, die Erinnerung an diesen letzten auf dem Plateau von Staffa verbrachten Abend in dauernder Form zu festigen, und er stellte eines Tages ein Gemälde »Sonnenuntergang« aus, das von hoher Wirkung war und an welchem man vor allem eine Art grünen Strahles bewunderte, der so außerordentlich tiefe und satte Farbe zeigte, als hätte der Künstler ihn mit flüssigem Smaragd gemalt.

Dieses Gemälde erweckte zugleich Bewunderung und Absprache; denn die einen behaupteten, es sei hier eine Naturerscheinung in wunderbarer Weise wiedergegeben, die andern sagten, es sei rein phantastisch, denn die Natur brächte einen solchen Lichteffekt niemals hervor.

Die beiden Oheime waren darüber natürlich in hellem Zorn, denn sie hatten ihn ja gesehen, diesen Strahl, und gaben dem jungen Maler recht!

»Ja,« sagte Bruder Sam, »auf dem Gemälde läßt sich der Grüne Strahl sogar viel besser betrachten ...«

»Als in Natur,« setzte Bruder Sib hinzu, »denn wenn man so oft hintereinander die Sonne untergehen sieht, tun einem zuletzt die Augen weh.«

Und sie hatten recht, die Brüder Melvill.

Zwei Monate später gingen das junge Ehepaar und die Oheime am Ufer des Clyde spazieren vorm Park der Villa, als sie unversehens mit Aristobulos Ursiklos zusammentrafen.

Der junge Gelehrte, der mit Interesse dem Baggern im Flusse zusah, schritt auf den Bahnhof von Helensburgh zu, als er plötzlich seine alten Gefährten aus Oban erblickte.

Wollte man sagen, daß es Aristobulos Ursiklos Schmerz bereitet hätte, von Miß Campbell zu lassen, so würde man ihn verkennen. Er bekundete daher nicht die geringste Verlegenheit, als er Frau Sinclair gegenüberstand.

Man begrüßte sich. Aristobulos Ursiklos machte dem jungen Paare ein höfliches Kompliment.

Als die Brüder Melvill sahen, daß alles so gut ging, konnten sie nicht verhehlen, wie glücklich sie darüber waren, daß Miß Campbell sich einen andern Mann genommen hatte.

»So glücklich,« sagte Bruder Sam, »daß ich mich manchmal, wenn ich allein bin, vergesse und vor mich hinlächle ...«

»Und ich weine leise vor mich hin,« setzte Bruder Sib hinzu.

»Nun, meine Herren.« bemerkte Aristobulos Ursiklos, »man muß freilich zugeben, daß dies das erstemal ist, daß Sie nicht miteinander übereinstimmen: der eine weint, der andere lächelt.«

»Das ist genau das gleiche, Monsieur Ursiklos,« bemerkte Olivier Sinclair.

»Genau das gleiche,« setzte die junge Frau hinzu, ihren Verwandten die Hand reichend.

»Wieso das gleiche?« erwiderte Aristobulos Ursiklos mit jenem Ton der Ueberlegenheit, der ihm so gut stand: »aber nein doch! – durchaus nicht! Was ist denn das Lächeln? ein willkürlicher besonderer Ausdruck der Gesichtsmuskeln, die mit den Atmungsvorgängen fast gar nichts zu tun haben, während das Weinen ...«

»Das Weinen?« fragte Frau Sinclair.

»Nichts weiter ist als eine Feuchtigkeit, die den Ball des Auges schlüpfrig erhält, eine Mischung von Chlornatrium, phosphorsauerm Kalk und chlorsauerm Natron.«

»Als Chemiker haben Sie recht, mein Herr,« sagte Olivier Sinclair, »aber auch nur als Chemiker.«

»Ich verstehe diese Unterscheidung nicht,« antwortete verdrießlich Aristobulos Ursiklos.

Mit der Steifheit eines Geometers grüßend, setzte er gemessenen Schrittes den Weg nach dem Bahnhof fort.

»Mag er gehen, dieser Aristobulos Ursiklos,« sagte Frau Sinclair, »der Herzenssachen erklären will, wie er den Grünen Strahl erklärt hat.«

»Aber in der Tat, liebe Helena,« sagte Olivier Sinclair, »wir haben diesen Grünen Strahl gar nicht einmal gesehen, den wir doch so sehnlichst zu sehen wünschten.«

»Wir haben etwas Besseres gesehen,« sagte ganz leise die junge Frau. »Wir haben das Glück selbst gesehen – das Glück, das die Sage an die Beobachtung des Phänomens knüpft! – Da wir es gefunden haben, mein lieber Olivier, so wollen wir uns daran genügen lassen und es denen, die es nicht kennen und doch kennen wollen, überlassen, den Grünen Strahl zu suchend.«

 

Ende.

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