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Der grüne Strahl

Jules Verne: Der grüne Strahl - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorJules Verne
titleDer grüne Strahl
publisherVerlag von A. Weichert
yearo.J.
translatorWalter Heichen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20141208
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Einundzwanzigstes Kapitel

Eine echte Bö in einer Grotte.

Olivier Sinclair war heil und gesund und augenblicklich in Sicherheit. Es war nur so finster geworden, daß sich im Innern nichts mehr sehen ließ. Bloß in den Pausen, die eine Woge zwischen der andern ließ, wenn sich das Wasser von dem Eingang hinweg drängte, stahl sich Dämmerlicht herein.

Olivier Sinclair suchte unterdes zu erkennen, an welcher Stelle Miß Campbell eine Zuflucht hatte finden können. Es war umsonst.

Er rief nach ihr:

»Miß Campbell! Miß Campbell!«

Wie soll man schildern, was in ihm vorging, als er eine Stimme antworten hörte:

»Herr Olivier! Herr Olivier!«

Miß Campbell war noch am Leben.

Aber an welcher Stelle hatte sie sich vor dem Ansturm der Wogen in Sicherheit bringen können?

Olivier Sinclair kroch an dem Bankett hin, um den Hintergrund der Fingalsgrotte herum.

In der linksseitigen Wand hatte eine Rückflucht der Basaltwand einen Winkel offen gelassen, der durch auseinanderweichende Pfeiler ganz wie eine Nische gebildet war. Der an der Oeffnung ziemlich breite Zugang verschmälerte sich, so daß im Hintergrund bloß Platz für eine Person blieb. Die Sage hatte diesem Loche den Namen »Fingals Stuhl« gegeben.

In dieses Loch hatte sich Miß Campbell, als sie von dem hereinflutenden Meer überrascht wurde, geflüchtet.

Ein paar Stunden vorher, bei sinkender Flut, war der Eingang zur Grotte leicht gewesen; das unvorsichtige Mädchen hatte seinen Spaziergang, wie gewöhnlich, auch an diesem Tage dorthin gelenkt. In ihr Träumen und Sinnen versunken, ahnte sie die Gefahr nicht, mit der sie die steigende Flut bedrohte, hatte sie nichts wahrgenommen von den Vorgängen draußen. Wie furchtbar war ihr Schreck, als sie durch die Wasserflut jeden Ausweg abgeschnitten fand.

Miß Campbell aber verlor den Kopf nicht. Sie suchte nach einem geschützten Winkel; und nach ein paar vergeblichen Versuchen, zum äußersten Bankett hinaus zu gelangen, vermochte sie bis zum Fingalsstuhle hin zu dringen, allerdings auch erst, nachdem sie an die zwanzig mal Gefahr gelaufen war, von den Fluten hinweg gerissen zu werden.

Dort sah Olivier Sinclair sie, dort saß sie zusammengekauert, außerhalb des Wogenbereichs.

»Ach! Miß Campbell!« rief er: »wie unvorsichtig sind Sie gewesen, sich in solche Gefahr zu bringen! als ein solches Unwetter drohte! ... wir haben alle Sie für verloren gehalten!«

»Und Sie sind ausgezogen, mich zu retten, Herr Olivier?« erwiderte Miß Campbell, von dem Mute des jungen Mannes tief gerührt, so tief gerührt, daß ihr das Bewußtsein der Gefahren abhanden kam, die ihrer noch warteten. »Ich bin hierher geeilt. Miß Campbell, um Sie aus einer schlimmen Lage zu befreien,« versetzte Olivier Sinclair, »und mit Gottes Hilfe wird mir das auch gelingen! Sie fühlen keine Furcht?«

»Furcht? ... Nein! ... seitdem, ich Sie hier weiß, fühle ich mich frei von Furcht ... Außerdem kann man denn mit einer andern Empfindung als heiliger Bewunderung vor solchem Schauspiel stehen? .. Sehen Sie doch nur! sehen Sie doch nur!«

Miß Campbell war bis in den hintersten Winkel des schmalen Ganges zurückgewichen. Olivier Sinclair stand vor ihr, bemüht, ihr allen Schutz zu schaffen, der sich schaffen ließ, als eine wild erregte Woge sie zu erfassen drohte.

Beide verharrten in Schweigen. Brauchte Olivier Sinclair, um sich verständlich zu machen, des mündlichen Ausdrucks? Wie sollte sich durch Worte all das ausdrücken lassen, was Miß Campbell in ihrem Herzen trug?

Unterdes sah der junge Mann mit unsagbarer Angst, nicht um seinetwillen, sondern um des jungen Mädchens willen, wie sich die Dinge immer bedrohlicher gestalteten. Spürte er nicht an dem Geheul des Sturmes, an dem Tosen des Meeres, daß das Unwetter mit wachsendem Ingrimm sich mehrte? Sah er nicht, wie der Meeresspiegel sich mit der Flut hob, die noch stundenlang wachsen sollte?

Wo würde die Meeresflut zu stehen kommen? das ließ sich nicht voraussehen; was aber nur allzu sichtbar war, war, daß die Grotte sich allmählich füllte: Herrschte in der Grotte noch nicht völlige Dunkelheit, so lag die Ursache daran, daß der Wogenkamm von dem Außenlicht Spuren von Schimmer hereintrug. Zudem warfen große phosphoreszierende Flächen hin und wieder eine Art elektrischen Glanzes, der sich an die Ecken und Kanten der Basalte heftete, auf den Rändern der Würfel in Flammen spielte und einen unbestimmten fahlen Schimmer hinter sich zurückließ.

Während des jähen Aufblitzens dieser Funken drehte sich Olivier Sinclair nach Miß Campbell um. Er betrachtete sie mit einer Erregung, die durch die Gefahr allein nicht hervorgerufen wurde.

Miß Campbell strahlte vor Glück und war Auge und Ohr für die Erhabenheit dieses Schauspiels eines Sturmes in einer Grotte. Da türmte sich eine stärkere Woge bis zum Fingalsstuhle hinauf. Olivier glaubte, es würde um ihre Zuflucht geschehen sein. Er nahm das Mädchen in die Arme, wie eine Beute, die er dem Meere entreißen wollte.

»Olivier! Olivier!« rief Miß Campbell, von einem Entsetzen ergriffen, dessen sie nicht Herr werden konnte.

»Keine Furcht, Helena!« erwiderte Olivier. »Ich werde Sie schützen ... ich ...«

Ja, so sprach er. Schützen wollte er sie. Aber wie? Wie sollte er sie der Gewalt der Wogen entreißen, wenn die Wasser noch höher stiegen? Wenn der schmale Fleck, der ihnen Zuflucht bot, verloren ging? Wo anders sollte er Zuflucht finden vor diesem rasenden Meer? All diese Möglichkeiten zeigten sich ihm in ihrer furchtbaren Wirklichkeit.

Vor allem kaltes Blut! Die Herrschaft über sich zu behalten, das war Oliviers felsenfester Entschluß, und das war um so nötiger, als dem jungen Mädchen, wenn nicht die seelische, doch die körperliche Stärke verloren zu gehen drohte. Von zu großem Ringen erschöpft, vollzog sich der Rückschlag in ihr.

Olivier sah und fühlte, daß sie schwächer und schwächer wurde, er wollte ihr Mut zusprechen, obgleich er merkte, daß ihn selber aller Mut zu verlassen begann.

»Helena! ... teuerste Helena!« flüsterte er ... »Als ich nach Oban zurückkam, erfuhr ich ... daß Sie mich ... daß ich Ihnen, bloß Ihnen ... meine Rettung aus dem Schlunde von Corryvrekan zu verdanken hätte.«

»Olivier! ... Sie wußten ...« antwortete Helena mit fast erloschener Stimme.

»Ja, und heute will ich meine Schuld abzahlen .. Heute will ich Sie aus der Fingalshöhle erretten!«

Wie konnte Olivier Sinclair es wagen, in solchem Moment, wo die Wassermenge sich gerade am Fuße des kleinen Zufluchtsortes brach, von Rettung zu sprechen? Seine Gefährtin vor dem Andringen der Flut zu schützen, gelang ihm nur unvollkommen. Ein paar mal war er selber in Gefahr, in den Schlund hinunter gerissen zu werden ... und wenn er widerstand, so war es ihm bloß möglich durch eine übermenschliche Anstrengung, weil ihn die Arme des Mädchen umschlangen und weil er begriff, daß das Meer sie mit ihm hinweggerissen hätte.

Es konnte halb zehn Uhr abends sein. Der Sturm mußte nun seinen Höhepunkt erreicht haben ... und wirklich! Die steigende Flut stürzte sich mit Lawinengewalt in die Fingalshöhle. Als sie auf den Grund und an die Seitenmauern schlugen, dröhnte ein betäubendes Getöse durch die Höhle und die Wut der Fluten wurde so intensiv, daß sich Basaltstücke von den Wänden lösten und im Sturz in den phosphoreszierenden Schaum schwarze Löcher rissen.

Drohten unter diesem Ansturm, dessen Gewalt nichts zu beschreiben vermag, die Pfeiler Stein um Stein in den Abgrund zu stürzen? Lief das Gewölbe Gefahr, in Trümmer zu stürzen? Olivier Sinclair konnte alles befürchten. Auch er fühlte sich von einer Ermattung befallen, gegen die er umsonst anzukämpfen suchte. Manchmal fehlte es schon an Luft, und wenn sie dann mit den Wogen in Menge hereinschob, schienen die Wogen sie auszusaugen, sobald sie die Rückflut hinaustrug.

Am Ende ihrer Kraft angelangt, sank Miß Campbell in Ohnmacht.

»Olivier! ... Olivier!« flüsterte sie, dieweil sie sich in seine Arme stürzte.

Olivier hatte sich mit dem Mädchen in den finstersten Teil des Winkels verkrochen. Er fühlte, wie sie kalt wurde, wie das Leben aus ihr wich. Er wollte sie wärmen, wollte ihr abgeben, was er selber noch an Wärme hatte.

Aber schon erreichte die Flut ihn ... stieg ihm bis zum halben Leibe ... ach! und wenn nun auch er sein Bewußtsein verlor ... dann war es ... war es um sie beide geschehen!

Aber der unerschrockene Jüngling fand noch die Kraft stundenlang zu widerstehen. Er stützte Miß Campbell, er hielt sie, er gab ihr Deckung vor den Wogenschlägen; er kämpfte gegen die Wogen, mit dem Rücken gegen die basaltnen Wände gestützt, Halt an den Vorsprüngen derselben suchend – und alles, alles inmitten einer Finsternis, die um so dichter wurde, je mehr der Phosphorglanz von den Wogenkämmen wich – alles inmitten des anhaltenden Brausens und Tobens und Zischens! Nicht mehr die Stimme Selmas war es, die in Fingals Palaste widerhallte! Wie jenes grause Gebell der Hunde aus Kamtschatka hörte es sich an, die, wie Michelet sagt, »in großen Rudeln, zu tausenden, in den langen Nächten wider die heulende Woge heulen und mit dem nordischen Ozean um die Wette wüten!« Endlich fing die Flut an zu sinken. Olivier Sinclair erkannte, daß mit dem Sinken der Fluten Beruhigung über die wilde See kam. Nun wurde die Finsternis in der Höhle so dicht, daß es draußen, obgleich es auch dort finster war, im Verhältnis dazu tagshell war. In diesem Halbschatten trat der Eingang zur Grotte, den die aufgewühlte See nicht mehr versperrte, wirr und undeutlich heraus.

Bald drang bloß noch Sprühnebel zum Fuße des Fingalsstuhls. Jetzt war der würgende Lasso verschwunden, der ihre Glieder umschnürte und zerriß. In Oliviers Herz kehrte die Hoffnung wieder.

Wenn man die Zeit nach dem Meere schätzte, ließ sich annehmen, daß Mitternacht vorbei war. Noch zwei Stunden, und man konnte rechnen, daß der brandende Wogenschwall nicht mehr über das Bankett hinweg schießen – daß das Bankett also wieder passierbar werden würde ... Das Bankett also war es, das man in der Finsternis suchen mußte – und das gelang schließlich!

Nun kam der Moment, die Grotte zu verlassen.

Aber Miß Campbell hatte ihr Bewußtsein nicht wieder erlangt. Leblos hielt Olivier sie in den Armen. Vom Fingalsstuhle niedergleitend, begann er dem schmalen Vorsprung zu folgen, dessen eisernes Geländer von der Meeresflut krumm gedreht, aus den Lagern gerissen, zertrümmert worden war.

Wenn eine Woge über ihn hereinschlug, blieb er eine Weile stehen oder wich einen Schritt zurück.

Endlich ... in dem Augenblicke, als er dem äußern Winkel ganz nahe war, traf ihn eine letzte Woge und hüllte ihn sozusagen in ihre Wassermassen ein ... daß er meinte, er würde mit der Last, die er trug, gegen die Wand geschmettert oder in den tosenden Schlund zu seinen Füßen gestürzt werden ...

Eine letzte Anstrengung gab ihm die Kraft, Widerstand zu leisten, und den Moment wahrnehmend, da die Woge zurückschlug, stürzte er zur Grotte heraus.

Im Nu hatte er die Stelle am Uferrande erreicht, wo die Brüder Melvill mit Partridge und Dame Elsbeth, die sich zu ihnen gesellt hatte – die ganze Nacht verweilt hatten.

Olivier und Helena waren gerettet.

Jetzt verließ den Jüngling jener Paroxysmus seelischer und körperlicher Stärke, der ihn bisher aufrecht erhalten hatte – wie ein Stück Holz schlug er am Fuße der Felsen hin, sobald er das junge Mädchen in die Arme der Dame Elsbeth gelegt hatte ...

Ohne seine Aufopferung und seinen Mut wäre Helena lebendig nicht aus der Fingalsgrotte gelangt.

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